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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Eilftes Buch.

Neapel und die Einsiedelei von St. Salvador.

Erstes Kapitel.

Stolz führte Oswald die Freundin hinweg; er, der sich seine Freuden so oft durch Trübsinn und Traurigkeit verkümmerte, er litt dieses Mal von keinerlei Ungewißheit. Nicht daß er nun endlich zu einem Entschlusse gelangt war; nein, doch er strebte auch nicht weiter nach einem solchen und ließ sich durch die Ereignisse tragen in der Hoffnung, sie würden ihn an das gewünschte Ziel bringen. Sie durchschnitten die Gegend von Albano, wo man noch das angebliche Grab der Horatier und Curiatier zeigt.Anmerkung der Autorin: Herr Elliot, englischer Gesandter, hat zu Neapel auf eben die Art, wie Lord Nelvil, einem alten Manne das Leben gerettet. Dann kamen sie an den See von Nemi und den ihn umgebenden heiligen Wäldern vorüber. Man sagt, Diana habe an dieser Stätte den Hippolyt wieder auferstehen lassen; sie erlaubte nicht, daß Pferde sie betraten, und durch dieses Verbot verewigte sie die Sage von dem Unglück ihres jungen Lieblings. So treten uns Poesie und Geschichte in Italien fast bei jedem Schritte entgegen, und die reizenden Gegenden, denen ihre Spuren aufgeprägt sind, mildern das Gefühl der Schwermuth, mit welchem man sonst in die Vergangenheit zurückschaut, und scheinen ihr eine ewige Jugend zu erhalten.

Oswald und Corinna mußten nun durch die pontinischen Sümpfe, ein zugleich ergiebiger und höchst ungesunder Landstrich, in welchem man, obgleich die Natur so fruchtbar erscheint, ringsum nicht Eine menschliche Wohnung erblickt. Einige Leute von krankem Aussehen schirren dem Reisenden die Pferde an, und rathen ihm, während der Fahrt doch ja nicht einzuschlafen; denn der Schlaf ist hier der Vorläufer des Todes. Büffelochsen mit niedriger und wilder Physiognomie schleppen den Pflug, den unvorsichtige Ackerbauer noch zuweilen in diese gemiedene Erde senken, auf welche aber doch die herrlichste Sonne ihre Strahlen hinabsendet. Im Norden sind die sumpfigen und verpesteten Gegenden meist durch ihren abschreckenden Anblick gekennzeichnet, wahrend im Süden, auch in den schädlichsten Landstrichen, die Natur noch eine Heiterkeit zeigt, deren betrügerische Anmuth den Fremden zu täuschen pflegt. Wenn es wahr ist, daß es sehr gefährlich sei, auf der Fahrt durch die pontinischen Sümpfe einzuschlafen, dann ist die kaum zu besiegende Neigung zum Schlaf, welche die Reisenden während der Hitze überkommt, noch eine ihrer tückischen Eigenschaften mehr. Lord Nelvil wachte beständig über Corinna; zuweilen neigte sie das Haupt auf die Schulter Theresinens, die sie begleitete, und schloß, von der drückenden Atmosphäre überwältigt, die Augen. Dann suchte Oswald mit unsäglicher Angst ihr gänzliches Einschlummern zu verhindern, und er, der sonst so Schweigsame, war jetzt unerschöpflich an reichem und geistreichem Gespräch. Ach, man sollte den Frauen die herzzerreißenden Klagen verzeihen, mit denen sie der Tage gedenken, als sie geliebt wurden, während welcher ihr Dasein dem eines Anderen nothwendig war, und sie sich in jedem Augenblick von dem Geliebten geschützt, getragen wußten. In welcher Oede bleiben sie zurück, nach solch einer seligen Zeit; und wie glücklich sind diejenigen, die durch das Band der Ehe sanft von der Liebe zur Freundschaft geleitet wurden, ohne daß ihr Leben über den furchtbaren Riß einer verlorenen Liebe hinwegzukommen hatte!

Nachdem sie den Weg durch die pontinischen Sümpfe gut zurückgelegt, erreichten sie das am Meeresufer gelegene Terracina. Hier an der Grenze des Königreichs Neapel fängt erst der eigentliche Süden an, hier begrüßt er den Fremden mit seiner ganzen Herrlichkeit. Diese neapolitanische Erde, dies beglückte Land ist durch das umgebende Meer und durch Sumpfgegenden von dem übrigen Europa wie abgeschnitten. Man könnte wähnen, die Natur habe dieses entzückende Heiligthum für sich behalten, habe seinen Zugang wenigstens erschweren wollen. Rom ist noch nicht der Süden; dort ahnt man wohl seine Süßigkeit, aber sein ganzer Zauber umfängt uns erst auf neapolitanischer Erde. Unweit Terracina liegt das Vorgebirge, welches die Dichter für den Wohnsitz der Circe hielten, und hinter der Stadt erhebt sich der Berg Auxur, von Theodorich, dem Könige der Gothen, durch eine jener festen Burgen gekrönt, mit welchen er und seine nordischen Krieger das Land bedeckten. In Italien sind sonst nur wenig Spuren von dem Einbruch der Barbaren zurückgeblieben, und da, wo sie sich finden, bedeuten sie weiter nichts mehr, als ein Bild der zerstörenden Zeit; es hat von den abendländischen Völkern nicht jenes kriegerische Gepräge empfangen, wie es Deutschland bis auf den heutigen Tag noch besitzt. Es scheint, als habe der weiche Boden Ausoniens die Burgen und Festungen nicht tragen wollen, die in den nordischen Ländern noch stolz und starr emporsteigen. Selten nur findet man hier ein gothisches Bauwerk oder ein altes Ritterschloß, und allein die Erinnerungen der großen Römer herrschen, den Völkern zum Trotz, von denen sie besiegt wurden, durch die Jahrhunderte auf uns herab.

Der ganze Berg bei Terracina ist mit Pomeranzen und Citronenbäumen bedeckt, die köstlichen Wohlgeruch verbreiten. Nichts in unserem Himmelsstrich gleicht dem südlichen Duft der im Freien blühenden Citronenbäume; er wirkt auf die Fantasie wie schöne Musik, regt eine poetische Stimmung an und berauscht gewissermaßen mit Natur. Die Aloe und der großblättrige Cactus, denen man hier überall begegnet, haben schon viel von den grotesken Formationen der Erzeugnisse Afrika's. Diese seltsamen Pflanzen verursachen eine Art Schrecken; es ist, als gehörten sie einer gewaltthätigen, herrschsüchtigen Natur an. Das ganze Ansehen des Landes hat etwas Fremdartiges; man glaubt sich in einer anderen Welt, einer nur aus den Schilderungen der Dichter des Alterthums gekannten Welt, in deren Schriften Genauigkeit und Einbildungskraft gleichen Schritt halten. Als sie in die Stadt fuhren, wurde Corinnens Wagen von einer überreichen Blumenfülle empfangen, ja ganz überschüttet. Kinderhände hatten sie vom Wegesrand gepflückt oder vom nahen Gebirge geholt und streuten die Blüthen sorglos aus, so sehr durften sie auf ihre freigebige, beständig schaffende Natur rechnen. Die vom Felde heimkehrenden Erntewagen waren mit Rosenzweigen geschmückt, und Kinder bekränzten ihre Trinkschalen mit Blumen; unter einem schönen Himmel nimmt die Einbildungskraft auch des geringen Volkes ja so leicht poetischen Ausdruck an. Neben diesen lachenden Bildern sah und hörte man das Meer gewaltsam-rauschend seine Wogen brechen. Nicht etwa der Sturm regte es so auf, sondern allein dieser ewige, unerschütterliche Widerstand der Uferfelsen war es, über den es sich, in seiner Größe, so erzürnte.

E non udite ancor come risuona
Il roco et alto fremito marino?

»Und hört Ihr noch nicht, wie's fernhin brauset,
Das zürnende, hoch-aufschauernde Meer?«

Diese Bewegung ohne Ziel, diese Kraft ohne Gegenstand, wie sie sich in Ewigkeit erneuern, ohne daß wir ihren Ursprung begreifen, ihr Ende vorhersehen könnten! Wir fühlen uns an das Ufer gezogen, wo dies grause Schauspiel sich den Blicken darbietet, und es kommt uns eine schreckerfüllte Sehnsucht nach diesen Wogen, in denen Vergessenheit und Ruhe zu finden wäre.

Gegen Abend wurde es still. Corinna und Lord Nelvil wandelten mit Entzücken in den blumigen Gefilden Terracina's umher. Nachtigallen rasteten auf blühenden Rosengebüschen; ihr süßer Gesang verschmolz mit der Blüthen Duft; alle Reize der Natur schienen sich gegenseitig anzuziehen. Das Schönste aber, das Unbeschreiblichste von Allem bleibt immer die Luft, die man hier athmet. Will man sich im Norden an einer reichen Natur erfreuen, stört meist irgend ein rauher Luftzug den Genuß; wie ein falscher Ton in gute Musik, so schneidet solch kalter Wind in unsere Bewunderung. In Neapel dagegen fühlt man völligstes Wohlbehagen; die Natur bietet uns ihre ganze Freundschaft an. Nicht etwa, als hätte der Süden nicht auch seine Schwermuth; nirgend fehlt diese, nirgend, wo es Menschen und menschliche Schicksale giebt! Hier aber verliert sie wenigstens ihre Beimischung von Unzufriedenheit, von Angst und Reue. Anderswo ist es das Leben, welches, so wie es dort ist, den Fähigkeiten der Seele nicht genügt; hier dagegen reichen die seelischen Fähigkeiten nicht aus für des Lebens Mannigfaltigkeit. Der Ueberfluß unserer Gefühle strömt in träumerischem Gleichmuth dahin, den wir empfinden, ohne uns davon Rechenschaft zu geben.

In der Nacht durchirrten zahllose Leuchtkäfer die Dunkelheit; es schien, als sprühe der Berg Funken, als ließe die glühende Erde Flämmchen aufsteigen. Durch das Grün schwirrte es leuchtend hin und her; es rastete mitunter auf den Blättern; oder der Wind schaukelte diese kleinen Sterne und spielte mit ihrem ungewiß schimmernden Licht. Im Sande glänzten nach allen Seiten hin Tausende von erzhaltigen Steinchen, gleichsam als habe diese Erde noch die Spuren ihrer glühenden Sonne festgehalten. Es ist in dieser Natur ebenso viel Ruhe als Leben, und deshalb genügt sie gewissermaßen aus dem Vollen den verschiedenen Wünschen der verschiedensten Existenzen.

Corinna genoß freudig den hinreißenden Zauber dieses Abends; Oswald aber konnte seine heftige Erregung kaum beherrschen. In wiederholten Malen preßte er Corinna an sein Herz; er entfernte sich von ihr, kam wieder, und ging von Neuem, um sie, die seines Lebens Gefährtin sein sollte, heilig zu halten. Corinna fühlte sich vollkommen sicher in seiner Nähe; denn so hoch achtete sie ihn, daß sie sein Verlangen nach der Hingabe ihres ganzen Wesens zugleich für das heiligste Ehegelöbniß genommen haben würde. Aber sie war doch erleichtert, da er über sich zu siegen schien; er ehrte sie durch dieses Opfer am höchsten, und in ihrer Seele war nun eine Fülle des Glücks und der Liebe, die keinem anderen Verlangen Raum gestattete. Von dieser inneren Gelassenheit war Oswald sehr entfernt. Corinnens Reize berauschten ihn. Einmal sank er ihr zu Füßen, umfaßte ihren Leib und schien jede Beherrschung seiner Leidenschaft verloren zu haben; sie aber blickte mit so viel schüchterner Sanftmuth zu ihm nieder, und in ihrer stummen Bitte, sie zu schonen, lag so vollständig das Zugeständnis; seiner Macht, daß diese demüthige Abwehr ihm mehr Ehrfurcht abnöthigte, als jede andere Weise es vermocht hätte. Sie bemerkten jetzt auf dem Wasser den Wiederschein einer von unbekannter Hand ans Ufer getragenen Fackel, die sich von dort nach einem nahegelegenen Haufe fortbewegte. »Er geht zu der Geliebten!« sagte Oswald. – »Ja«, erwiderte Corinna. – »Und für mich«, fuhr er fort, »für mich geht das Glück dieses Tages nun zu Ende.« – Corinnens zum Himmel gewendete Augen füllten sich mit Thränen. Oswald fürchtete sie verletzt zu haben, und sank vor ihr nieder, um Verzeihung stehend. »Nein, Oswald«, sagte sie, als sie nun aufstand, ihm die Hand reichte, und zur Heimkehr mahnte, »nein, ich bin es überzeugt, Sie schonen das Weib, das Sie liebt. Sie wissen es, Ihre einfachste Bitte wäre mir ein allmächtiges Geheiß; daher müssen Sie selbst für mich bürgen. Sie selbst würden mich als Ihre Gattin verschmähen, wenn Sie mich unwürdig machten, es zu sein!« – »Nun wohl, Corinna, wenn Sie so an die grausame Herrschaft Ihres Willens über mein Herz glauben, warum denn sind Sie so traurig?« – »Ach!« entgegnete sie, »ich fühlte es eben, daß diese, jetzt mit Ihnen gelebten Augenblicke die glücklichsten meines Lebens waren: und wie ich eben den dankbaren Blick zum Himmel wendete, lebte durch unerklärlichen Zufall ein Aberglaube aus meiner Kindheit wieder in mir auf. Der Mond bedeckte sich mit einer Wolke, und diese schien mir Unheil verkündend. Immer war es mir so, als ob der Himmel einen bald gütigen, bald erzürnten Ausdruck für mich habe, und, ich weiß es, Oswald, heute Abend verurtheilte er unsere Liebe.« – »Theuerste! es giebt keine anderen Weissagungen für eines Menschen Leben, als seine guten oder schlechten Handlungen; und habe ich nicht eben jetzt meine glühendste Sehnsucht der Tugend untergeordnet?« – »Umso besser, wenn Sie in diese Prophezeiung nicht mit einbegriffen sind«, entgegnete Corinna, »und wirtlich, so kann es auch sein: dieser stürmische Himmel droht vielleicht nur mir!«

Zweites Kapitel.

Sie erreichten Neapel bei Tage, und befanden sich alsogleich inmitten dieser ungeheuren, ebenso regsamen als müßigen Bevölkerung. In der Toledostraße trafen sie die ersten Lazzaroni, entweder auf dem Pflaster lagernd oder in einen Korb zurückgezogen, der ihnen bei Tag und Nacht als Wohnung dient. Diese wilde Ursprünglichkeit, im Gemisch mit der Civilisation, hat etwas sehr Eigenthümliches. Es giebt unter diesen Menschen welche, die ihren eigenen Namen nicht wissen. In einer unterirdischen Grotte finden Tausende der Lazzaroni ihr Unterkommen; sie gehen nur Mittags ins Freie, um die Sonne zu sehen, verschlafen den Rest des Tages und lassen ihre Frauen spinnen. Unter Himmelsstrichen, wo es so leicht ist, sich zu kleiden und zu nähren, bedürfte es eines sehr entschiedenen, thatkräftigen Eingreifens von Seiten der Regierung, um die Nation zu tüchtigem Streben anzuspornen. In Neapel kann das Volk seinen Lebensunterhalt so mühelos beschaffen, daß die meist harte Arbeit, mit der es ihn anderswo verdient, überflüssig wird. Faulheit, Unwissenheit und die vulkanische Luft, welche man in diesem Lande athmet, müssen nothwendig die Leidenschaften entfesseln und eine große Zügellosigkeit erzeugen. Dennoch ist dies Volk nicht bösartiger als jedes andere. Es hat viel Einbildungskraft, die leicht eine Grundlage zu uneigennützigem Handeln ist; und mit dieser reichen Fantasie könnte man es zu guten Zielen führen, wenn seine politischen und religiösen Institutionen nur bessere wären.

Man steht auf dem Lande Schaaren von Calabresen, die sich anschicken, zur Feldarbeit hinauszugehen, doch mit einem Violinspieler an der Spitze ihres Zuges, nach dessen Melodien sie, wenn sie des Gehens müde sind, zur Abwechselung auch einmal tanzen können. Alljährlich feiert man in der Nähe Neapels ein Fest zu Ehren der Madonna der Grotte, bei welchem die jungen Mädchen unter dem Klange des Tambourins und der Castagnetten ihren Reigen führen; und es ist nicht selten, daß sie eine Bedingung in den Ehekontrakt aufnehmen lassen, wonach der Gatte sie einer jeden Wiederkehr dieses Festes beiwohnen lassen muß. Man sieht auf der neapolitanischen Bühne einen achtzigjährigen Schauspieler, der seit sechzig Jahren, in der Rolle eines komischen Nationalhelden, des Polichinello, sein Publikum zum Lachen bringt. Kann man sich einen Begriff von der unsterblichen Seele eines Menschen machen, der ein langes Leben mit solchen Zwecken ausfüllte? Das Volk von Neapel versteht unter Glück einzig nur das Vergnügen; aber Vergnügungssucht ist immer noch besser, als trockene Selbstsucht.

Wahr ist's, es liebt das Geld mehr, als irgend ein Volk der Erde. Wenn man Jemand aus der geringen Klasse um den Weg befragt, streckt er, nachdem er stumme Weisung gab, (denn mit dem Wort sind sie fauler, als mit der Geste,) auch gleich die Hand verlangend entgegen. Dennoch ist ihre Geldgier ungeordnet, unberechnet; gleich nachdem sie es erhalten, geben sie es auch wieder aus; ungefähr in einer Weise, wie der Wilde es thäte, wenn er Münzen in die Hände bekäme. Was dieser Nation, im Ganzen genommen, am meisten fehlt, ist das Gefühl der Würde. Es geschehen großmüthige, wohlwollende Handlungen, doch mehr aus Gutherzigkeit, als aus Grundsatz; denn, nach jeder Richtung hin, taugen ihre Theorien gar nichts, und die öffentliche Meinung hat in diesem Lande keine Stimme. Wenn indeß die Einzelnen sich vor dieser sittlichen Unordnung zu bewahren wissen, ist ihre Haltung um so anerkennenswerther, und verdient, mehr als sonst wo, bewundert zu werden, weil nichts, in den äußeren Verhältnissen hier, die Tugend begünstigt; diese kann nur ganz in sich selbst, in tiefster Innerlichkeit, ihren Lohn finden. Die Gesetze wie die Sitten belohnen weder, noch strafen sie. Der Tugendhafte ist um so heroischer, als er darum weder angesehener, noch gesuchter ist.

Bis auf einige ehrenvolle Ausnahmen haben die hohen Stände mit den niederen viel Aehnlichkeit. Kaum daß in jenen ein gebildeterer Geist zu finden wäre; sie unterscheiden sich von diesen meist nur in sehr äußerlicher Weise durch bessere Weltformen. Aber unter all dieser Unwissenheit liegt ein Schatz von ursprünglichem Geist, von vielseitigster Begabung, und es ist gar nicht abzusehen, was aus diesen Menschen zu machen wäre, wenn die Regierung für Sittlichkeit und Aufklärung Sorge trüge.

Das neapolitanische Volk ist in mancher Hinsicht völlig unkultivirt; aber es ist nicht gemein, in dem Sinne, wie anderer Pöbel es so häufig ist. Selbst in seiner Rohheit ist noch Fantasie. Es ist, als ob der afrikanische Boden schon seine Einflüsse über das Meer sendete; in dem wilden Klang der Stimmen glaubt man etwas Numidisches zu hören. Welche gebräunten Gesichter! Und dann diese, nur aus einigen Fetzen rothen oder violetten Tuches bestehende Kleidung! Mit denselben Lumpen, die anderswo das Symbol des nacktesten Elends wären, drapiren sich diese Leute höchst malerisch. Es verräth oft eine gewisse Vorliebe für Schmuck und Anordnung, selbst da, wo es ihm an allem Nützlichen und Bequemen mangelt. Die Läden sind gefällig mit Blumen und Früchten geziert; einige derselben haben ein festliches Ansehen, das aber weniger aus großem Ueberfluß, als von einer erfinderischen Fantasie geschaffen wird; man will vor Allem das Auge ergötzen. Die Milde des Klima's gestattet den Handwerkern fast jeden Gewerbes im Freien, vor ihren Häusern, zu arbeiten. Der Schneider macht seine Kleider auf der Straße, der Gastwirth seine Speisen, und natürlich vervielfältigen diese, vor der Thür sich abwickelnden häuslichen Beschäftigungen die Bewegung auf tausendfache Art. Gesang und Tanz und lärmende Spiele begleiten das krause Bild noch obendrein, und es wird schwerlich einen Aufenthalt geben, wo sich der Unterschied zwischen Glück und Zerstreuung schärfer wahrnehmen ließe, als hier. Verläßt man endlich dann das Innere der Stadt, um den Quai zu erreichen, so hat man das Meer und den Vesuv vor sich, und vergessen sind die Menschen und das Menschliche!

Oswald und Corinna trafen während des Ausbruchs des Vesuv in Neapel ein. Bei Tage war nur ein schwarzer Rauch sichtbar, den sie auch für dunkle Wolken hätten halten können; Abends jedoch, als sie auf den Balkon ihrer Wohnung traten, genossen sie eines wundervollen Naturschauspiels. Der Feuerstrom senkt sich zum Meere nieder, und seine Flammenwogen geben, wie die des Wassers, das Bild einer in schneller, reißender Folge sich unaufhörlich wiederholenden Bewegung. Es ist, als ob die Natur, unter der Gestalt der verschiedenen Elemente, doch immer einen einzigen Urgedanken festhielte. Diese Wunder-Erscheinung des Vesuv staunt der Fremde mit Herzklopfen an. Gemeinhin ist man mit den äußeren Gegenständen seiner Umgebung so vertraut, daß man sie kaum noch gewahr wird, und vollends empfängt man von den flachen, nordischen Gegenden wohl selten neue Eindrücke. Hier aber wird das Staunen, welches die Schöpfung uns immer erregen sollte, von dem Anblick dieses ungekannten Wunders neu erweckt. Unser ganzes Wesen wird erschüttert von der Erhabenheit dieser Naturgewalt, und wir ahnen, daß noch viele der größesten Weltgeheimnisse dem Menschen verborgen blieben, und daß eine von ihm unabhängige Macht, deren Gesetze er nicht einzusehen vermag, ihn wechselweise bedroht oder beschützt. Oswald und Corinna beschlossen, den Vesuv zu besteigen; die mögliche Gefahr dieses Unternehmens verlieh demselben, da es gemeinschaftlich ausgeführt werden sollte, nur einen neuen Reiz.

Drittes Kapitel.

Es lag damals in dem Hafen von Neapel ein englisches Kriegsschiff, auf welchem der sonntägliche Gottesdienst regelmäßig abgehalten wurde. Der Kapitän des Schiffes ersuchte Lord Nelvil, dieser Feier am morgenden Tage doch beizuwohnen. Oswald nahm die Einladung an, ohne sogleich zu überlegen, ob Corinna ihn begleiten, und in welcher Eigenschaft er sie seinen Landsleuten vorstellen werde. Dies beunruhigte ihn die ganze Nacht hindurch. Als er am folgenden Morgen mit Corinna am Hafen auf und nieder ging, und er eben im Begriffe war, ihr von dem Besuch des Schiffes abzurathen, sahen sie eine englische, mit zehn Matrosen bemannte Schaluppe herbeirudern; die Leute waren weiß gekleidet, und trugen an ihren schwarzen Sammetmützen den Leoparden in Silber gestickt. Ihr Führer, ein junger Officier, stieg ans Land, und Corinna als Lady Nelvil begrüßend, lud er sie ein, in seiner Barke Platz zu nehmen, damit er sie und Lord Nelvil dem Schiffe zuführen könne. Es verwirrte Corinna, sich Lady Nelvil nennen zu hören; sie erröthete und schlug die Augen nieder. Oswald schien einen Augenblick zu schwanken; dann plötzlich ihre Hand ergreifend, sagte er auf englisch: »Kommen Sie, Liebe!« – Und sie folgte ihm.

Das Geräusch der Wogen, das Schweigen der Matrosen, die, in bewundernswürdiger Disciplin, ohne unnütze Bewegung oder überflüssige Worte, die Barke schnell über das Meer gleiten ließen, forderten zum Träumen auf; Corinna hätte über das Geschehene auch keine Frage an Lord Nelvil wagen dürfen. Sie suchte seinen Plan zu errathen, und, was in solchem Fall meist das Wahrscheinlichste ist: daß er gar keinen haben möge, und sich eben nur einem neuen Zufall überlasse, das fiel ihr gar nicht ein. Einen Augenblick glaubte sie, er führe sie zu diesem Gottesdienst, um dort den kirchlichen Segen über ihren Bund sprechen zu lassen, und dieser Gedanke verursachte ihr eben jetzt mehr Schrecken, als Freude. Es war ihr, als verlasse sie Italien, als kehre sie nach England zurück, wo sie so viel gelitten hatte. Sie gedachte der Herbigkeit der englischen Sitten und Gewohnheiten, und die Liebe selbst schien nicht völlig über ihre peinlichen Erinnerungen siegen zu können. Wie unbegreiflich sollten ihr einst unter andern Verhältnissen diese vorübergehenden Gedanken erscheinen; wie gänzlich sollte sie sie einst verläugnen!

Man bestieg das Schiff, dessen Inneres mit der ausgesuchtesten Sauberkeit gehalten war. Die Stimme des Kapitäns, die in weithinschallenden, von augenblicklichem Gehorsam gefolgten Wiederholungen sich vernehmen ließ, gab allem hier Gesetze. Subordination, Ernst, Regelmäßigkeit, Schweigen, wie sie sich auf diesem Schiff als das Bild einer freien und strengen bürgerlichen Ordnung darboten, bildeten den lebhaftesten Gegensatz zu dem pulsirenden, leidenschaftlichen, lärmenden Neapel. Oswald war mit Corinna und dem Eindruck, welchen sie empfing, beschäftigt; zuweilen auch zog das Vergnügen, sich in der Heimat zu finden, seine Gedanken von ihr ab; denn wirklich sind die Schiffe und das Meer die zweite Heimat eines Engländers. Oswald ging mit den am Bord befindlichen Landsleuten auf und nieder, um Neues aus dem Vaterlande zu erfahren, um von dessen innerem Treiben, dessen Politik zu reden, während Corinna neben den englischen Frauen saß, die aus Neapel zu dem Gottesdienst herbeigekommen waren. Sie waren von ihren schönen Kindern umgeben, die aber, so schüchtern wie ihre Mütter, nicht ein Wort vor der Fremden zu äußern wagten. Dieser Zwang, dieses Schweigen machten Corinna ganz traurig; sie richtete den Blick auf das leuchtende Neapel, auf seine blühenden Ufer, sein heißes Leben, und seufzte! Zum Glück für sie bemerkte Oswald dies nicht; im Gegentheil: mit frohem Behagen sah er sie in der Mitte der englischen Damen, die schwarzen Wimpern gesenkt, wie Jene ihre blonden senkten, und sich in Allem den Formen der Anderen anschmiegend. Vergeblich wird ein Engländer für einige Zeit von fremden Sitten angezogen; sein Herz wendet sich immer wieder zu den ersten Lebenseindrücken zurück.

Um die Predigt zu hören, begab man sich nach dem Zwischendeck, und Corinna sah bald ein, daß ihre Vermuthung unbegründet gewesen, daß Lord Nelvil nicht den feierlichen Vorsatz hege, sich hier auf immer mit ihr zu verbinden. Nun warf sie sich vor, dies gefürchtet zu haben, und das Bewußtsein von der Peinlichkeit ihrer Lage erwachte mit großer Lebhaftigkeit; denn sämmtliche Anwesende hielten sie zweifellos für Lord Nelvils Gemahlin, und es hatte ihr aller Muth gefehlt, ein Wort zu sagen, welches diese Annahme bestätigt oder widerlegt hätte. Auch Oswald schien davon zu leiden. Allein unter tausend vortrefflichen Eigenschaften lag nun einmal viel Schwachheit und Unentschlossenheit in seinem Charakter. Diese Fehler sind dem, welchem sie eigen, unbekannt, und sie nehmen nach seinem Willen in jedem anderen Verhältnisse andere Gestalt an: bald als Klugheit, bald als Rücksicht und Zartgefühl, suchen sie jeden festen Entschluß hinauszuschieben, und verlängern damit einen unklaren Zustand; und selten nur bemerkt der Scharfsichtige, daß es ein und derselbe Charakter ist, welcher auf diese Weise allen Lebenslagen dieselben Schwierigkeiten unterlegt.

Corinna empfing indeß, trotz ihrer trüben Gedanken, einen tiefen Eindruck von der Feierlichkeit, welcher sie beiwohnte. Weniges spricht auch so zum Herzen, als ein auf dem Schiffe abgehaltener Gottesdienst; und die edle Einfachheit des reformirten Cultus macht ihn dafür besonders geeignet. Ein junger Geistlicher redete in sanftmahnendem Ton; bei all seiner Jugend lag Reinheit und Strenge in diesem Angesicht. Solche Strenge giebt die Idee der Kraft, wie sie einer Religion wohl ansteht, welche mitten unter den Gefahren des Krieges gepredigt wird. Von Zeit zu Zeit spricht der englische Prediger Gebete, deren letzte Worte die ganze Versammlung wiederholt. Bei den Worten: »Lord have mercy upon us«: Herr, habe Erbarmen mit uns«, knieten Matrosen und Officiere nieder, und zeigten jene edle Vereinigung der Demuth vor Gott und der Kühnheit gegen Welt und Menschen, welche die Andacht des Helden stets so erschütternd macht. Während diese Tapferen also zu dem Herrn der Heerschaaren beteten, schimmerte durch die Stückpforten das Meer und seine nun beruhigten Wogen schienen zu flüstern: »Euer Flehen ist erhört.« – Der Kaplan schloß die Feier durch das, von den englischen Seeleuten stets festgehaltene Gebet: »Gott beschütze unsere segensreiche Konstitution und erhalte uns das häusliche Glück am heimischen Heerde!« Welch ein Reichthum liegt in diesen einfachen Worten! – Die zum Seedienst erforderlichen Vorstudien und stets fortzusetzenden Exercitien, sowie das streng enthaltsame Leben auf dem Schiffe machen aus diesem eine Art von militärischem Kloster, das in den Wellen vereinsamt liegt, und dessen ernste Einförmigkeit nur durch Tod und Gefahren unterbrochen wird. Oft haben die Matrosen, trotz ihrer rauhen Gewohnheiten, eine sehr sanfte Form sich auszudrücken; sie zeigen meist viel Rücksicht für Frauen und Kinder, wenn sie deren an Bord haben. Von diesem Zartgefühl wird man um so inniger gerührt, als man weiß, mit welcher Kaltblütigkeit sie sich den furchtbarsten Gefahren aussetzen; Gefahren, inmitten deren die Gegenwart von Menschen schon ohnehin etwas Unnatürliches an sich hat.

Corinna und Lord Nelvil bestiegen die Barke von Neuem, um sich nach der Stadt zurückführen zu lassen, die amphitheatralisch auf das Meer herniederschaut, als wolle sie das große Festspiel der Natur immer unter Augen behalten; und als Corinna nun wieder das Ufer betrat, konnte sie sich eines Gefühls der Freude, fast der Erleichterung, nicht erwehren. Wenn Lord Nelvil dies hätte ahnen können, wäre er, vielleicht mit Recht, tief davon verletzt worden; und dennoch verdiente Corinna keinen Vorwurf dafür: sie liebte ihn leidenschaftlich, nur daß sie die peinlichen Erinnerungen an drückende Verhältnisse, unter denen sie in seiner Heimat gelitten hatte, nicht los werden konnte. Ihre Fantaste war lebhaft, ihre Fähigkeit zu lieben sehr groß; aber das Talent, und besonders das Talent, welches eine Frau besitzt, verursacht eine Neigung zur Langenweile, ein Bedürfniß nach Zerstreuung, das oft von der tiefsten Leidenschaft nicht völlig verdrängt werden kann. Das Bild eines einförmigen Lebens, selbst wenn es im Schooß des Glückes wäre, hat für einen des Wechsels bedürftigen Geist etwas Abschreckendes. Wer wenig Wind zum Segeln hat, hält allein eine dauernde, seichte Uferfahrt aus; die reiche Einbildungskraft will und muß ins Weite schweifen, wenn auch das Gefühl treu im Herzen zurückbleibt; so wenigstens ist es, bis das Unglück all diese Bestrebungen auslöscht, und nur ein einziger Gedanke auf dem Menschenherzen lastet, nur ein Schmerz es beherrscht und vernichtet!

Oswald glaubte Corinnens träumerische Nachdenklichkeit allein auf die Verwirrung schieben zu müssen, mit welcher sie sich als Lady Nelvil hatte bezeichnen hören; und neben dem Vorwurf, sie diesem ausgesetzt zu haben, fürchtete er nun noch, daß sie ihn auch des Leichtsinns zeihen möge. So erbot er sich denn, um nur endlich die gewünschte Erklärung herbeizuführen, ihr zuerst sein eigenes Leben erzählen zu wollen. »Wenn ich zu reden anfange«, sagte er, »wird Ihr Vertrauen dem meinen folgen?« – »Ja, ohne Zweifel, es muß endlich geschehn«, erwiderte Corinna zitternd; »da Sie es wollen? An welchem Tag? Zu welcher Stunde? Wenn Sie gesprochen haben – werde ich Alles sagen.« – »In welcher schmerzlichen Aufregung Sie sind!« erwiderte Oswald. »Was soll das bedeuten? Werden Sie nie aufhören, Ihrem Freunde diese Angst zu zeigen, dieses Mißtrauen in sein Herz zu setzen?« – »Nein, nein, es muß sein«, fuhr Corinna fort; »ich habe Alles niedergeschrieben; morgen, wenn Sie wollen« – »Morgen«, unterbrach sie Lord Nelvil, »morgen wollen wir ja zusammen auf den Vesuv; ich will mit Ihnen dies große Werk der Schöpfung sehen, will von Ihnen lernen, es zu bewundern, und unterwegs werde ich, wenn ich irgend die Kraft dazu habe, Ihnen aus meinem Leben mittheilen. Es ist vielleicht nothwendig, daß mein Vertrauen das Ihre erschließe; ich bin nun entschieden, es zu thun.« – »So geben Sie mir noch Morgen? ich danke Ihnen für den Tag. Ach, wer weiß denn, ob Sie mir derselbe bleiben, wenn ich Ihnen mein Herz geöffnet habe? Wer weiß es denn? und wie sollte ich bei diesem Zweifel nicht zittern?« –

Viertes Kapitel.

Bekanntlich liegen die Ruinen von Pompeji in der Nähe des Vesuv; von diesen aus brachen Oswald und Corinna am nächsten Tage zu ihrem Unternehmen auf. Sie schwiegen Beide, denn die Entscheidung ihres Geschickes nahte heran, und diese ungewisse Hoffnung, deren sie sich so lange erfreut hatten, und welche so gut zu dem italienischen Klima, dem träumerischen Sichgehenlassen stimmte, sollte endlich durch einen fest ausgesprochenen Lebensplan verdrängt werden. Sie nahmen zuerst Pompeji in Augenschein, die eigenthümlichste aller Ruinen des Alterthums. In Rom findet man kaum andere, als die Trümmer öffentlicher Bauwerke, und diese Denkmale reden meist nur von der politischen Geschichte der verflossenen Jahrhunderte. Doch in Pompeji tritt uns das Privatleben der Alten in seiner ganzen Ursprünglichkeit entgegen. Der Vulkan hat, als er die Stadt mit Asche bedeckte, sie damit auch vor den Verheerungen der Zeit geschützt. Niemals hätten sich der Luft ausgesetzte Gebäude so erhalten können, während nun diese verschüttete Vergangenheit ganz unversehrt blieb. Die Malereien und Bronzen sind noch in erster Frische, und alles was zu häuslichem Gebrauche diente, hat sich in fast erschreckender Weise erhalten. Die Amphoren stehen noch da, bereit gesetzt für die Festlichkeit des folgenden Tages; das Mehl, das man eben kneten wollte, ist noch unverdorben; die Ueberreste einer Frau zeigen noch den Schmuck, welchen sie an jenem, von dem Vulkan so schrecklich unterbrochenen Festtage trug; ihre verdorrten Arme füllen die Armbänder von edlen Steinen nicht mehr aus. Nie sah man ein so wunderbares Bild von plötzlich unterbrochenem Leben. Die Furchen der Räder sind auf den Straßen noch sichtlich erkennbar; die steinernen Brunneneinfassungen zeigen noch die Einschnitte der Seile, die auf ihnen hin und her arbeiteten. An den Mauern eines Wachtgebäudes sieht man noch die schlecht geformten Buchstaben, und sonstige grobe Figurenzeichnungen, welche die Söldlinge dort einkratzten, um sich die Zeit zu vertreiben, – eine Zeit, die zu ihrem Verderben heranrückte.

Wenn man in der Mitte eines Platzes steht, wo verschiedene Straßen sich kreuzen, und von wo aus man nach allen Seiten in die fast noch ganz vorhandene Stadt hineinsehen kann, ist es, als müsse man hier Jemand erwarten, als werde ein Gebieter sogleich auftreten. Und eben dieser Schein von Leben, welcher über der Stätte ruht, macht ihr ewiges Stillschweigen noch trauriger. Aus versteinerter Lava sind diese Häuser gebaut, die wieder durch Lavaströme überfluthet wurden. Ruinen also auf Ruinen, Gruft auf Gruft! Diese Weltgeschichte, deren Zeitabschnitte sich von Vernichtung zu Vernichtung weiterzählen, dieses menschliche Dasein, dessen Spuren wir beim Schein desselben Vulkans verfolgen, der es verzehrte, erfüllen die Seele mit tiefer Schwermuth. Wie lange schon ist der Mensch da! Wie lange schon lebt er, leidet er, um endlich doch nur zu Grunde zu gehen! Wo findet man seine Gefühle, seine Gedanken wieder? Ist die Luft, welche man in diesen Trümmern athmet, noch von ihnen erfüllt? oder sind sie zum Himmel emporgestiegen, um dort, wo die Unsterblichkeit wohnt, ewig bewahrt zu werden? Man versucht jetzt zu Portici einige in Herculanum und Pompeji gefundene verbrannte Blätter von Handschriften zu entziffern, die allein uns von den Empfindungen der unglücklichen Opfer Nachricht bringen könnten. Wenn man sich dieser Asche nähert, welche wiederzubeleben die heutige Geschicklichkeit sich bemüht, fürchtet man zu athmen, in der Besorgniß, daß nicht ein Hauch den Staub entführe, dem noch edle Gedanken abzugewinnen sein können.

Die öffentlichen Gebäude Pompeji's sind, wiewohl es nicht zu den größeren Städten Italiens gehörte, immerhin noch sehr schön. Der Luxus der Alten richtete sich fast stets nur auf Gegenstände von allgemeinem Interesse. Ihre Wohnhäuser waren sehr klein, und ohne ausgesuchte Pracht; indessen ein hoher Kunstsinn spricht sich auch in diesen überall aus. Das ganze Innere fast ist mit gefälligen Malereien geschmückt, die Fußböden mit kunstvoll gearbeiteter Mosaik gepflastert. Auf den Schwellen der Thüren findet man häufig das ebenfalls in Mosaik ausgeführte »Salve« (Sei gegrüßt). Dieser Gruß war sicherlich keine bloße Höflichkeit, sondern eine ernst gebotene Gastfreundschaft. Die Zimmer sind auffallend eng, mit wenig Licht, nach der Straße hin stets ohne Fenster und fast alle in einen Säulengang mündend, der einen, innerhalb des Hauses gelegenen, marmorgetäfelten Hof umschließt, in dessen Mitte sich ein einfach geschmückter Wasserbehälter befindet. Eine derartige Wohnungseinrichtung zeigt klar, daß die Alten meist in freier Luft lebten, und so auch ihre Freunde empfingen. Von dieser Lebensweise macht man sich eine holde, überschwängliche Vorstellung; vollends, wenn man das Klima kennt, welches Natur und Menschen hier so innig verbindet. Es ist anzunehmen, daß bei solchen Gewohnheiten der Charakter der Unterhaltung und der Geselligkeit überhaupt sehr verschieden sein muß von dem, wie er sich in Gegenden gestaltet, wo die Kälte die Menschen zwingt, sich in ihre Wohnungen einzusperren. Man versteht Plato's Dialoge besser, wenn man diese Säulenhallen sieht, unter welchen die Alten halbe Tage lang lustwandelten. Ueber ihnen blaute unaufhörlich ein heiterer Himmel, der sie zu klarem Denken anregte, und nach ihrer Auffassung war die gesellschaftliche Ordnung nicht eine trockene Vereinigung von Berechnung und Gewalt, sondern das glückliche Zusammenwirken von Einrichtungen, welche die individuelle Begabung begünstigen, den Geist entwickeln, und dem Menschen die Vervollkommnung seines Selbst und seiner Nächsten als Ziel setzen.

Das Alterthum regt eine unersättliche Wißbegierde an. Den Gelehrten, welche sich damit begnügen, eine Sammlung von Namen anzuhäufen, und dies dann Geschichte nennen, mangelt wohl alle Fantasie. Aber in die Vergangenheit eindringen, den Menschenherzen, die vor Jahrhunderten zu schlagen aufgehört, ihre geheimen Wünsche und Gedanken nachfühlen, eine Thatsache aus einem Wort erklären, durch solche Thatsache Charakter und Sitten eines ganzen Volks begreifen; bis zur grauesten Vorzeit hinaufsteigen, um vielleicht eine Vorstellung zu erlangen, wie den damaligen Menschen die jugendliche Erde erschien, und wie sie das Leben ertrugen, das durch die mannigfaltigen Verzerrungen unserer gegenwärtigen Civilisation ein so zweifelhaftes Gut geworden ist, – das Alles erfordert eine fortgesetzte Anstrengung unseres Denkvermögens, die uns dann aber auch mit reichen Einsichten, mit schöner Erkenntniß lohnt. Diese Art von geistiger Beschäftigung war Oswald sehr anziehend, und er wiederholte es oft gegen Corinna, daß, wenn er in seinem Vaterlande nicht edlen Zwecken zu dienen hätte, er das Leben nur in solchen Gegenden erträglich gefunden haben würde, wo die Denkmale der Geschichte die Nüchternheit eines von der Gegenwart nicht erfüllten Lebens allenfalls zu ersetzen vermöchten. Man muß dem Ruhme wenigstens nachtrauern, wenn ihn zu erwerben uns versagt ist. Nur das Vergessen der Ideale erniedrigt die Seele, sie kann in der großen Vergangenheit irgendwo ein Asyl finden, wenn grausame Verhältnisse es nicht gestatten, daß die Blüthen unserer, vielleicht edlen Thaten zu lohnenden Früchten heranreifen.

Als sie Pompeji verlassen hatten, und Portici noch einmal berührten, wurden sie von dessen Einwohnern lebhaft aufgefordert, das Besteigen »des Berges« nicht zu unterlassen: so nennen sie kurzweg ihren Vesuv. Und brauchte er denn noch einen anderen Namen? Er ist den Neapolitanern Ruhm und Vaterland, ist das Wunder, das Abzeichen ihrer Heimat. Oswald wünschte, daß Corinna sich bis zu der Einsiedelei von St. Salvador, die auf der Hälfte des Weges liegt, tragen lasse; dort pflegen die Reisenden zu ruhen, ehe sie das Ersteigen des Gipfels unternehmen. Oswald bestieg hier ein Pferd und hielt sich zur Bewachung der Träger stets neben Corinna. Sein Herz war voll, und je höher es schlug unter den Gedanken, welche Natur und Geschichte hier in ihm anregten, je demuthsvoller betete er zu Corinna.

Am Fuße des Vesuv liegt der fruchtbarste und am besten kultivirteste Boden des ganzen Königreichs Neapel; der berühmte Rebstock, dessen Saft lacrima Christi genannt wird, hat hier seine Heimat, und findet sich dicht neben den von Lava verheerten Erdstrichen. Es ist, als mache die Natur hier in der nächsten Nähe des Vulkans noch eine letzte Anstrengung, als schmücke sie sich vor ihrem Untergange mit ihren reichsten Gewändern. Beim Höhersteigen breitet sich vor dem zurückgewendeten Blick Neapel und seine wundervolle Umgebung immer herrlicher aus. Unter den Strahlen der Sonne funkelt das Meer wie kostbares Edelgestein; stufenweise aber erlischt diese leuchtende Pracht der Schöpfung, bis sie endlich in dem aschigen, rauchenden Boden, der den Vulkan zunächst umgiebt, völlig erstirbt. Die eisenhaltigen Laven verflossener Jahre haben breite, schwarze Furchen zurückgelassen, und Alles um sie her ist unfruchtbar. Von einer gewissen Höhe ab fliegen keine Vögel mehr; eine Strecke weiter werden die Pflanzen seltener, später finden auch die Insekten in dieser aufgezehrten Natur nichts mehr, das zu ihrer Ernährung dienen könnte. Endlich verschwindet Alles, was Leben hat, man tritt in das Reich des Todes, und allein die Asche dieser verbrannten Erde bewegt sich noch unter dem unsicheren Tritt des Menschen.

Nè greggi nè armenti
Guida bifolco mai, guida pastore.

»Weder Schafe noch Rinder führte je ein Hirt auf diese Stätte.«

Hier auf der Grenze zwischen Leben und Tod wohnt ein Eremit. Ein Baum steht vor seiner Thür wie ein letztes Lebewohl der Vegetation; und die Reisenden haben die Gewohnheit, im Schatten seines matten Blätterschmucks die Dunkelheit zur Fortsetzung ihrer Pilgerschaft abzuwarten. Denn bei Tage haben die aus dem Vesuv aufsteigenden Flammen nur das Ansehen einer Rauchwolke, und seine Nachts so rothglühenden Lavaströme erscheinen im Sonnenlicht fast schwarz. Diese Metamorphose ist an sich schon ein sehr schöner Anblick; sie erneuert allabendlich das Erstaunen des Beschauers, welches eine ununterbrochene Fortdauer des großartigen Bildes ermüden würde. Die Gegend mit ihrer tiefen Einsamkeit wirkte erschütternd auf Oswalds Gemüth; in dieser Stimmung beschloß er, Corinna aus seiner Vergangenheit zu erzählen, und zugleich hoffte er, damit ihr Vertrauen zu wecken. »Sie wollen auf dem Grunde meiner Seele lesen«, fing er bewegt an, »so sei es denn; ich werde Ihnen Alles gestehen, meine Wunden werden sich öffnen, das fühle ich; aber darf man denn im Angesicht dieser erstarrten Natur die Schmerzen fürchten, welche die Zeit mit sich hinwegnimmt?«

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