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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Buch.

Die Charwoche.

Erstes Kapitel.

Oswald verbrachte den folgenden Tag in den Gärten einiger Mönchsklöster. Er ging zuerst zu den Karthäusern und hielt sich vor der Klosterpforte einige Zeit mit der Bewunderung zweier egyptischer Löwen auf, die durch einen gewissen, weder dem Thier, noch dem Menschen gehörenden Ausdruck in ihrer Physiognomie es begreiflich machen, wie das Heidenthum auch durch solch ein Sinnbild seine Götter darzustellen liebte.

Das Karthäuserkloster ist auf den Trümmern der Bäder des Diocletian erbaut, und die zu demselben gehörige Kirche ist mit Granitsäulen geschmückt, welche man dort noch aufrecht stehend gefunden hat. Die Mönche des Klosters zeigen sie bereitwillig; nur durch ihr Interesse an diesen Ruinen stehen sie noch mit der Welt in Verbindung. Die Lebensweise der Karthäuser läßt in den Menschen, welche sie zu führen im Stande sind, entweder einen sehr beschränkten Geist, oder die edelste und dauerndste religiöse Erhebung voraussetzen. Diese Folge von öden, ereignißarmen Tagen erinnert an den berühmten Vers:

»Auf den zerstörten Welten schläft regungslos die Zeit.«

Es scheint, als diene hier das Leben nur dazu, den Tod zu betrachten. Ein regsamer Geist wäre bei einer solchen Einförmigkeit des Daseins die grausamste aller Qualen. In der Mitte des Klosterhofes erheben sich vier Cypressen. Der dunkle und schweigsame, vom Winde schwer zu bewegende Baum bringt eben auch keine Abwechselung in diese Zurückgezogenheit. Zwischen den Cypressen liegt ein Brunnen, der sein spärliches Wasser matt und langsam ausströmt; es ist, als ob dieses Stundenglas für eine so geräuschlos dahinschleichende Zeit ganz besonders geeignet wäre. Zuweilen dringt der Mond mit seinem blassen Licht hier hinein, und sein Gehen und Kommen bildet in diesem gleichförmigen Leben ein Ereigniß.

Und auf solche Weise existirende Menschen sind doch dieselben, denen ein Krieg etwa mit seiner ganzen Thätigkeit kaum genügen würde, wenn sie daran gewöhnt wären. Die verschiedenen Fügungen des menschlichen Geschickes auf Erden geben zum Nachdenken unerschöpflichen Stoff. Tausend innere Erlebnisse gehen in der Seele vor, es bilden sich tausend Gewohnheiten, und machen aus jedem Einzelmenschen eine Welt und eine Weltgeschichte. Einen Anderen vollkommen zu erkennen, wäre das Studium eines ganzen Lebens. Was heißt denn Menschenkenntnis? Beherrschen kann man die Menschen, sie verstehen kann nur Gott allein.

Von den Karthäusern begab sich Oswald nach dem, auf den Ruinen von Nero's Palast erbauten Kloster des heiligen Bonaventura; da, wo einst gewissenlos so viele Verbrechen begangen wurden, legen sich jetzt arme, von Gewissensskrupeln geplagte Mönche für leichte Vergehen die grausamsten Strafen auf. »Wir hoffen einzig«, sagte einer von ihnen, »daß im Augenblicke des Todes unsere Sünden nicht unsere Bußübungen übersteigen werden.« – Lord Nelvil stieß bei seinem Eintritt in das Kloster an eine Fallthür, er fragte nach deren Zweck: »Hier werden wir begraben«, sagte einer der Jüngsten unter den Mönchen, der schon von tödtlicher Krankheit ergriffen schien. Da die Bewohner des Südens den Tod sehr fürchten, muß man sich wundern, Einrichtungen zu finden, welche ohne Unterlaß daran erinnern; doch liegt es in der menschlichen Natur, sich gern das am meisten Gefürchtete vorzustellen. Es giebt ein Sichberauschen in Traurigkeit, das der Seele wenigstens die Wohlthat erzeigt, sie ganz auszufüllen.

Der antike Sarkophag eines Kindes dient in diesem Kloster als Brunnen. Die schöne Palme, deren Rom sich rühmt, ist der einzige Baum im Garten dieser Brüderschaft. Sie haben durchaus nicht auf äußere Dinge Acht. Ihre Ordensregeln sind zu streng, um dem Geiste irgend welche Freiheit zu lassen. Ihre Blicke sind niedergeschlagen, ihr Gang ist langsam; sie machen keinen Gebrauch mehr von ihrem Willen, und haben der Herrschaft über ihr Selbst entsagt: »so sehr ermüdet dieses Reich seinen traurigen Besitzer«. – Indessen wirkte dieser Aufenthalt nicht sehr auf Oswald ein; die Fantasie empört sich gegen eine so stark ausgesprochene Absicht, ihr das Gedenken an den Tod unter jeder Gestalt zu erneuern. Wenn solche Mahnung uns unerwartet kommt, wenn die Natur, und nicht der Mensch uns davon spricht, empfangen wir einen viel tieferen Eindruck.

Sanfte und weiche Empfindungen erfüllten Oswalds Seele, als er beim Sonnenuntergang in den Garten San Giovanni e Paolo trat. Die Brüder dieses Ordens sind weniger strengen Regeln unterworfen; ihr Garten beherrscht die ganzen Ruinen des alten Roms. Man sieht von da das Coliseum, das Forum, alle noch aufrecht stehenden Siegesbogen, Obelisken und Säulen. Welch eine schöne Lage für solche abgeschiedene Freistätte! In der Betrachtung dieser von längst Dahingegangenen errichteten Denkmale mögen die Einsiedler hier Trost dafür finden, daß sie eben nichts sind in der Welt. Oswald wandelte lange unter dem in Italien so seltenen Schatten dieses Gartens einher, dessen schöne Bäume dann und wann die Aussicht auf Rom unterbrechen, so daß man immer wieder mit neuem Vergnügen zu ihr zurückkehrt. Es war um die Abendstunde, wenn alle Glocken Roms das Ave Maria läuten:

Squilla de lositano,
Che paja il giorno pianger che si muore.
Dante

... »Und aus der Ferne beweinet Glockenklang des Tages Sterben.« Das Abendgebet dient als Stundenzähler. In Italien heißt es: »Ich werde Sie eine Stunde vor, eine Stunde nach dem Ave Maria besuchen; und so sind des Tages Stunden, wie die der Nacht, damit fromm bezeichnet. Andachtsvoll genoß Oswald das wundervolle Sonnenschauspiel; Abends sinkt die Sonne langsam zwischen den Ruinen unter, und es scheint einen Augenblick, als wolle sie sich, wie Menschenwerk, dem allgemeinen Verfalle unterwerfen. Oswalds grübelnde Gedanken stiegen wieder in ihm auf. Corinna selbst konnte ihn eben jetzt nicht beschäftigen, sie war zu zaubervoll, zu glückverheißend. Unstät suchte sein Blick in dem dunkelnden Gewölk des Himmels nach dem Schatten seines Vaters; er wähnte, es möchte irgend ein reiner, wohlthuender Hauch ihm ein väterliches Segenswort zuflüstern.

Zweites Kapitel.

Das Verlangen, die Religionsübungen der Italiener kennen zu lernen, bestimmte Lord Nelvil, einige der eifrigsten Redner der Fastenzeit zu hören. Er zählte die Tage bis zum Wiedersehen Corinnens; und während ihrer Abwesenheit wollte er nichts aus dem Bereich der Kunst sehen, nichts, dessen Zauber erst durch ihren anrufenden Geist recht für ihn ins Leben trat. Wenn Corinna nicht bei ihm war, glaubte er sich dem Genusse des Schönen nicht hingeben zu dürfen; er gestattete, er verzieh sich nur ein Glück, das von ihr kam. Poesie, Malerei, Musik, kurz Alles, was das Leben durch reiche, unbestimmte Fernsichten verschönt, es that ihm Alles wehe, wenn er nicht an ihrer Seite war.

Es ist Brauch in Rom, daß während der stillen Woche die Predigten Abends und bei sehr gedämpfter Erleuchtung Statt finden. Die Frauen sind dann, zur Erinnerung an den Tod des Heilands, schwarz gekleidet. Es liegt in dieser, durch so viele Jahrhunderte so vielmal erneuerten, jährlichen Trauer etwas das Gemüth tief Bewegendes, und fromm gestimmt tritt man in eine der vielen, schönen Kirchen ein; hier aber schlägt der Redner diese höhere Stimmung meist in wenig Augenblicken nieder.

Seine Kanzel ist eine ziemlich lange Tribüne, auf welcher er mit ebenso viel Regelmäßigkeit als Heftigkeit hin- und herläuft. Er verfehlt nie, beim Beginn einer Phrase abzusegeln, und mit deren Ende wieder anzukommen, gleich dem Pendel einer Uhr; und dabei macht er so viel Geberden, und eine so leidenschaftliche Miene, daß man eigentlich fürchtet, er müsse Alles, was er sagen will, vergessen. Doch ist das, wenn man sich so ausdrücken darf, nur eine systematische Wuth, dergleichen man viel in Italien sieht, wo die Lebhaftigkeit der äußeren Bewegung sich oft nur auf ein sehr oberflächlich Empfundenes gründet. Am Ende der Kanzel hängt ein Crucifix; der Prediger nimmt es herunter, küßt es, drückt es an sein Herz, und wenn der pathetische Abschnitt vorüber ist, hängt er es mit der äußersten Kaltblütigkeit wieder an seinen Platz. Sie haben auch noch ein anderes Mittel, um Effekt zu machen, dessen sich die gewöhnlichen Geistlichen häufig bedienen, nämlich ihr viereckiges Barret; mit unbegreiflicher Schnelligkeit nehmen sie dasselbe ab, und setzen es wieder auf. Einer von ihnen griff Voltaire und besonders Rousseau an, und maß ihnen die Schuld an der Irreligiosität des Jahrhunderts bei. Er warf sein Barret in die Mitte der Kanzel, erklärte, es habe Jean Jacques vorzustellen, redete es als diesen an, und schloß endlich feierlich: »Nun, du genfischer Philosoph, was hast du gegen meine Beweisgründe anzuführen?« Er schwieg einige Augenblicke, wie um die Antwort abzuwarten; als diese indessen ausblieb, setzte er das Barret wieder auf und endete die Unterhaltung mit den Worten: »Da du nun überzeugt bist, sprechen wir nicht mehr davon.«

Solche Seltsamkeiten kommen bei den römischen Predigern oft genug vor; denn nach dieser Richtung hin findet sich das ächte Talent dort sehr selten. Die Religion ist in Italien wie ein allmächtiges Gesetz geachtet; durch ihre Gebräuche und Ceremonien beherrscht sie die Einbildungskraft; allein in die Tiefe des Menschenherzens dringt sie nicht, denn man beschäftigt sich auf der Kanzel viel weniger mit den eigentlich sittlichen Begriffen, als mit strengen Glaubenslehren. Die Kanzelberedsamkeit ist also, wie viele andere Zweige der Literatur, den alltäglichsten, nichts malenden, nichts sagenden Behandlungsweisen verfallen. Ein neuer Gedanke würde eine Art von Aufruhr in diesen Köpfen verursachen, die so feurig und zugleich auch so träge sind, daß sie einer gewissen geistigen Einförmigkeit bedürfen, um zu ermüden, und diese Einförmigkeit auch lieben, weil sie sich an ihr ausruhen. Es herrscht in ihren Predigten eine Art von Rangordnung der Gedanken und Redensarten. Die einen sind meist die hergebrachte Folge der anderen, und diese Ordnung würde gestört werden, wenn der Redner aus seinem eigenen Inneren den Stoff nähme. Die christliche Philosophie, welche die Verwandtschaft der Religion mit der Menschennatur darzulegen sucht, ist dem italienischen Geistlichen grade so unbekannt wie jede andere. Ueber die Religion nachzusinnen würden sie kaum minder empörend finden, als gegen dieselbe gesonnen zu sein; sie sind also in dieser Beziehung an den alltäglichen Schlendrian gewöhnt. Der Cultus der heiligen Jungfrau ist den Italienern, wie allen südlichen Völkern, besonders lieb; gewissermaßen ist er identisch mit der Huldigung für die Frauen, wo, wie es sich von selbst versteht, diese in ihrer reinsten Gestalt auftritt. Doch die Kanzelredner behandeln auch diesen Gegenstand in denselben übertriebenen Phrasen; und es ist zu verwundern, daß sie solchen heiligen Ernst durch ihr Gebahren und ihre Schwätzereien nicht ganz ins Spaßhafte herabziehen. Man begegnet auf den Kanzeln der Italiener fast nie einem wahren, empfundenen Wort.

Durch die peinlichste aller Eintönigkeiten ermüdet, die nämlich einer gekünstelten Redegewalt, ging Oswald nach dem Coliseum, um den Capuziner zu hören, der dort unter freiem Himmel, und am Fuße eines der Altäre predigen sollte, welche, innerhalb der Kreismauer gelegen, den sogenannten Leidensweg bezeichnen. Welch reicher Stoff für die Beredtsamkeit ist dieses Denkmal, das einst eine Arena war, wo die Märtyrer den Gladiatoren folgten! Allein man darf nichts in diesem Sinne von dem armen Capuziner erwarten, der aus der Geschichte der Menschen nur sein eigenes Leben kennt. Wenn man es indessen möglich macht, seine schlechte Predigt gar nicht zu hören, fühlt man sich durch das, was ihn umgiebt, tief bewegt. Die meisten seiner Zuhörer sind von der Brüderschaft der Camaldulenser, die sich während der Bußübungen in eine Art grauer Kutte hüllen, welche den Kopf und den ganzen Körper bedeckt, und nur zwei kleine Oeffnungen für die Augen läßt. So könnte man die Schatten darstellen. Wie vergraben in dieses Gewand, werfen sie sich mit dem Gesicht zur Erde und schlagen betend an ihre Brust. Wenn der Redner in die Kniee sinkt, und um Gnade und Barmherzigkeit zum Himmel fleht, kniet auch das ihn umgebende Volk nieder, den Fleheruf wiederholend, und dieser zieht dann weiter, unter den alten Säulenhallen des Coliseums hinsterbend. Es ist kaum möglich, hierbei unerschüttert zu bleiben; dieser Schmerzensschrei, der sich an die ewige Güte wendet, der so von der Erde zum Himmel aufsteigt, bewegt die Seele bis in ihr Allerheiligstes. Oswald erbebte, als alle Anwesenden um ihn her auf die Kniee fielen; er blieb stehen, um nicht einen Cultus zu bekennen, der nicht der seine war; aber es wurde ihm schwer, sich nicht öffentlich den armen Sterblichen beizugesellen, die hier vor Gott im Staube lagen; und geziemt es denn nicht allen Menschen, das göttliche Erbarmen anzuflehen?

Das Volk war von Lord Nelvils schöner Gestalt und fremdländischem Wesen überrascht, und nicht etwa durch sein Stehenbleiben beleidigt. Man kann nicht toleranter sein, als die Römer. Sie sind es gewöhnt, daß man nur um des Sehens und Beobachtens willen zu ihnen kommt, und, sei es Hochmuth, sei es Gleichgültigkeit, sie suchen Andern ihre Meinung nicht aufzudringen. Noch viel sonderbarer scheint es uns, daß die körperlichen Geißelungen, welche Viele unter ihnen sich besonders während der Charwoche auferlegen, vor den Augen der Fremden, bei offenen Kirchenthüren, unternommen werden. Dieses Volk beschäftigt sich nicht mit andern Leuten; es thut nichts, um bemerkt zu werden, und unterläßt nichts, weil es bemerkt wird; es geht einfach seinen Zwecken, seinen Vergnügungen nach, und scheint von jenem nur nach dem Beifall Anderer jagenden Gefühl, welches man Eitelkeit nennt, keine Ahnung zu haben.

Drittes Kapitel.

Von den Ceremonien der heiligen Woche in Rom ist genug geredet worden, und die Fremden treffen zu diesem Schauspiel besonders zahlreich ein. Die Musik der sixtinischen Kapelle und die Illumination der Peterskirche sind von seltener, in ihrer Art einziger Schönheit, und ziehen mit Recht die Neugierde der Fremden an. Dagegen wird die Erwartung durch die eigentlichen Ceremonien, wie man sie nennt, nicht befriedigt. Das Mahl der zwölf Apostel, die der Papst bedient, die Fußwaschung, welche er ebenfalls verrichtet, wie denn überhaupt die verschiedenen Gebräuche jener fernen biblischen Zeit, rufen wohl ein rührendes Andenken wach; nur daß tausend unvermeidliche Nebenumstände die Würde dieser heiligen Handlungen oft beeinträchtigen. Nicht alle dabei Mitwirkenden scheinen genügend gesammelt, hinreichend von frommer Andacht erfüllt; diese so oft wiederholten Ceremonien sind für die meisten der an ihnen Betheiligten eine Art mechanischer Fertigkeit geworden, und die jungen Geistlichen beschleunigen bei großen Festlichkeiten den Dienst mit wenig schicklicher Behendigkeit und Eile. Das Unbestimmte, das geheimnißvoll Unbekannte, welches so sehr dem Charakter dieses Cultus entspricht, wird durch die Aufmerksamkeit ganz zerstört, die man der Weise, wie Jeder sich seiner Dienstleistungen erledigt, zu zollen sich nicht erwehren kann. Die Gier der Einen nach den ihnen dargereichten Speisen, und die Gleichgültigkeit, mit welcher die Andern ihre vielfachen Kniebeugungen und Gebete ausführen, machen die Sache oft sehr wenig feierlich.

Die noch heute den alten Costümen nachgebildete Kleidung der Geistlichen stimmt sehr schlecht mit dem modernen Kopfputz; die Tracht des griechischen Bischofs mit seinem langen Bart ist noch am ehrwürdigsten. Auch die alten Gebräuche, wie z. B. die Verbeugung, welche nach Frauenart geschieht, machen keinen würdigen Eindruck. Das Ganze hat keine Einheit, und Altes und Neues mischen sich, ohne daß man die Fantasie, und was diese verletzen könnte, berücksichtigt hat. Ein in seinen äußeren Formen glänzender und majestätischer Gottesdienst ist sicherlich sehr geeignet, die Seele mit den erhebendsten Gefühlen zu erfüllen; doch muß man Acht haben, daß die Ceremonien nicht in ein Schaustück ausarten, wo man seine Rolle vor einander spielt, wo man lernt, was man thun muß, in welchem Augenblicke man es thun muß, wann man zu beten, und wann zu knieen hat. Die in einen Tempel verlegte Regelmäßigkeit höfischer Förmlichkeiten beeinträchtigt den freien Aufschwung des Herzens, welcher doch allein im Stande ist, uns der Gottheit zu nähern.

Die Fremden empfinden diese Mangel ziemlich allgemein; indeß die Mehrzahl der Römer wird all dieser Äußerlichkeiten durchaus nicht überdrüssig, und findet in deren jährlicher Wiederholung immer neuen Reiz. Es ist ein eigenthümlicher Zug der Italiener, daß ihre Beweglichkeit sie nicht zur Unbeständigkeit verleitet, ihre Lebhaftigkeit sie der Abwechselung nicht bedürftig macht. Sie sind in allen Dingen geduldig und beharrlich; ihre Einbildungskraft verschönt ihnen auch das bescheidenste Loos; sie füllt ihr Leben aus, statt es unruhig zu machen; Alles finden sie prachtvoller, großartiger, schöner, als es wirklich ist, und während anderswo die Eitelkeit erheischt, sich blasirt zu zeigen, bewegen die Italiener sich vorzugsweise gern in dem Gefühl der Bewunderung.

Lord Nelvil hatte, nach allem davon Gehörten, sich von den Feierlichkeiten der heiligen Woche eine viel größere Wirkung versprochen. Er dachte an den edlen und einfachen Ritus der anglikanischen Kirche, und kehrte mit einem peinlichen Gefühl nach Hause zurück. Denn nichts ist trübseliger, als von etwas, das uns rühren sollte, ungerührt zu bleiben: man hält sich für trocken und gefühllos, man glaubt die Fähigkeit zur Begeisterung verloren zu haben, ohne welche das Denkvermögen nur noch dazu dient, uns das Leben zu verleiden.

Viertes Kapitel.

Der Charfreitag gewährte Lord Nelvil all jene religiöse Erhebung, welche in den vorhergehenden Tagen nicht empfunden zu haben er bedauerte. Corinnens klösterliche Zurückgezogenheit nahte sich ihrem Ende, und er erwartete sehnlich, sie wiederzusehn. Ein süßes, sicheres Hoffnungsgefühl stimmt gut zur Andacht; nur das gekünstelte Weltleben zieht von ihr ab. Oswald begab sich nach der sixtinischen Kapelle, um das berühmte, von ganz Europa gepriesene Miserere zu hören. Er trat noch beim Tageslicht ein, und sah Michel Angelo's wundervolles jüngstes Gericht, in welchem sich die ganze furchtbare Gewalt dieses Gegenstandes mit dem erhabenen Schöpfertalent des Künstlers vereinigt. Michel Angelo hat den Dante dabei als Vorbild genommen, und stellt hier, wie es auch der Dichter thut, dem Heiland mythologische Gestalten gegenüber; doch macht er fast immer aus dem Heidenthum das böse Princip; Dämonen charakterisiren die heidnischen Fabeln. An der Wölbung der Kapelle sieht man die von den Christen als Zeugen herbeigerufenen Propheten und Sibyllen.Anmerkung des Verlages: Teste David cum Sibylla Eine Schaar Engel umgiebt sie, und das ganze so bevölkerte Gewölbe scheint uns den Himmel näher zu bringen. Doch dieser Himmel ist düster und furchtbar; kaum dringt der Tag durch die Scheiben, welche eher Schatten als Licht auf das Gemälde werfen. Die Dunkelheit steigert noch die imposante Größe von Michel Angelo's kühnen Zeichnungen; Weihrauchdüfte erfüllen die Luft, und Alles bereitet auf den tiefsten Eindruck vor, den, welchen man von der Musik empfangen soll.

Während Oswald in die Bewunderung dieser großen Umgebung ganz versunken war, erblickte er plötzlich auf dem Frauenchor und hinter dem Gitter, welches dieses von den Männern schied, Corinna, die Ersehnte! Corinna, bleich, in schwarzen Gewändern und, als sie Oswald gewahrte, so zitternd, daß sie, um nur weiterschreiten zu können, genöthigt war, sich an dem Geländer zu halten. In diesem Augenblicke begann das Miserere.

Die für diesen alten Kirchengesang vortrefflich geschulten Stimmen kommen von einer am Ansatz der Deckenwölbung befindlichen Gallerie herab. Man sieht die Sänger gar nicht, die Töne scheinen in der Luft zu schweben. Der Tag sinkt mehr und mehr, und es wird dunkler in der Kapelle. Das war nicht mehr die leidenschaftliche, bestrickende Musik, welche Oswald und Corinna acht Tage vorher gehört hatten. Diese Klänge mahnten zu irdischem Entsagen. Corinna sank auf die Kniee und betete in tiefster Andacht; selbst Oswald entschwand ihren Gedanken, die jetzt ganz nach innen gewendet waren. In solcher Stunde edelster Erhebung sterben zu können, wenn die Seele sich gern und schmerzlos vom Körper trennen würde, dünkte ihr süß. Wenn jetzt ein Engel das Gefühl und das Denkvermögen, diese Götterfunken in der Menschenseele, auf seinen Flügeln wieder emportrüge zu ihrem Urquell, wäre dann nicht der Tod nur noch ein freier Entschluß des Herzens, ein heißes und erhörtes Gebet?

Das Miserere, d. h. »Erbarme dich unser«, ist ein Psalm, dessen Verse wechselweise halb gesungen und halb gesprochen werden. Es erklingt zuerst eine himmlische Musik, wonach der folgende Vers mit dumpfer, fast rauher Stimme gemurmelt wird. Es ist wie die Antwort harter Menschen an die guten, – es ist wie des Lebens starre Wirklichkeit, die das ideale Wünschen großherziger Menschen verkommen läßt, es unbarmherzig zurückstößt. Hebt dann dieser sanfte Chor wieder an, athmet man auch wieder hoffend und erleichtert auf, und bei dem nun folgenden Recitativ erfaßt nochmals kalter Schauer das erschrockene, verzagte Menschenherz. Endlich laßt das letzte Stück, das edler noch und erschütternder als die vorhergehenden ist, ein süßes, reines Gefühl zurück. Wolle Gott uns ein solches verleihen, ehe wir sterben!

Man löscht die Kerzen, die Nacht rückt vor, die Gestalten der Propheten und Sibyllen erscheinen nur noch wie dämmernde Phantome. Tiefes Schweigen! Das gesprochene Wort würde dieser innerlichsten Seelenstimmung ein unerträgliches Mißbehagen verursachen, und wenn der letzte Ton erstorben ist, geht Alles leise und langsam hinaus, als scheue man es, sich nun wieder an die niederen Weltinteressen zu verlieren.

Corinna folgte der Procession nach dem Dom von St. Peter, der zu dieser Stunde nur von einem einzigen, leuchtenden Kreuz erhellt ist; dieses einsame, durch die erhabene Dunkelheit des ungeheuren Raumes weithinschimmernde Schmerzenszeichen ist das edelste Symbol des Christenthums inmitten der Finsternisse des Lebens. Die Standbilder der Grabstätten treten in seinem Lichte blaß und schattenhaft hervor; neben ihnen erscheinen die Gestalten der Lebenden wie Pygmäen. Unter dem Kreuz, da, wo sein Licht den Raum am meisten erhellt, kniet der Papst in weißen Gewändern, und mit ihm alle Cardinäle; sie verharren betend und in tiefstem Schweigen wohl eine halbe Stunde lang. Es ist ein erschütternder Anblick: man weiß nicht, was sie erflehen, man hört ihr leises Klagen nicht; doch sie sind alt; sie gehen uns voran in das Grab. Wenn wir einst in den ernsten Reihen jener Vordermänner stehen – wolle Gott unser Alter so adeln, daß des Lebens letzte Tage die ersten unserer Unsterblichkeit seien!

Auch Corinna, die schöne und junge Corinna, kniete in der Nähe dieser Priester; das sanfte Licht verklärte ihre blassen Züge und milderte den Glanz ihrer Augen. Oswald betrachtete sie wie ein hinreißendes Bild, wie ein geliebtes Wesen. Nach beendigtem Gebet erhob sie sich. Lord Nelvil wagte noch nicht, sich ihr zu nahen, da er ihre tiefe, fromme Sammlung achtete. Aber sie kam ihm mit entzückter Freude entgegen, und es war, als breite sich ein Glückesschein über ihr ganzes Wesen aus. Heiter-lebhaft empfing sie die begrüßenden Freunde, und die Peterskirche glich nun plötzlich einer öffentlichen Promenade, wo man sich begegnet, um von seinen Angelegenheiten und Vergnügungen zu sprechen.

Oswald war von dieser Flüchtigkeit, die so schnell die verschiedensten Eindrücke einander folgen läßt, überrascht, und obgleich Corinnens Frohsinn ihn beglückte, war er doch betroffen, daß er von dem Ernst des Tages keine Spur mehr an ihr fand. Wie er sie so inmitten eines Kreises von Bekannten sah, eifrig sprechend, und ihrer großartigen Umgebung scheinbar kaum noch gedenkend, kam ihm über die Wandelbarkeit, deren sie fähig sein möchte, doch ein Gefühl des Mißtrauens. Sie errieth seine Empfindungen sogleich, und sich schnell von jener Gruppe trennend, ergriff sie Oswalds Arm, um den Freund in der Kirche umherzuführen. »Ich habe Ihnen noch nie von meiner Religion gesprochen«, sagte sie, »erlauben Sie mir das heute zu thun; vielleicht kann ich damit die Wolken verscheuchen, die eben in Ihrem Geist aufgestiegen sind.«

Fünftes Kapitel.

»Die Verschiedenheit unserer Religionen, mein theurer Oswald«, fuhr Corinna fort, »ist die Ursache des geheimen Tadels, welchen Sie, ohne Ihren Willen, mich eben fühlen lassen. Ihr Glaube ist streng und ernst, der unsere mild und schwärmerisch. Man nimmt gemeinhin an, daß der Katholicismus mit herberen Forderungen auftrete, als der Protestantismus, und das mag in solchen Ländern der Fall sein, wo einst beide Confessionen mit einander kämpften. In Italien hatten wir keine kirchlichen Zwistigkeiten, während es in England deren sehr viele gegeben; daraus folgt, daß die katholische Religion bei uns einen weichen und nachsichtigen Charakter angenommen hat, wogegen, um sie in England zu unterdrücken, die Reformation sich dort mit Grundsätzen von größester, sittlicher Strenge wappnete. Unsere Religion gleicht dem Cultus der Alten; sie belebt die Künste, begeistert die Poeten, nimmt gewissermaßen an allen Freuden unseres Lebens Theil; während die Eure, als sie sich in einem Lande ausbreitete, wo die Vernunft über die Einbildungskraft herrscht, einen nüchternen, gemessenen Charakter annehmen mußte, von welchem sie niemals abweichen wird. Die unsere spricht im Namen der Liebe, die Eure im Namen der Pflicht. Eure Grundsätze sind freisinnig, unsere Glaubenssätze sind absolut; und dennoch läßt sich unser orthodoxer Despotismus bei seiner Anwendung, in besonderen Verhältnissen, auf Concessionen ein, während Eure religiöse Freiheit ohne alle Ausnahme Ehrfurcht vor ihren Gesetzen verlangt. Es ist wahr, daß unsere Kirche den Vertretern des geistlichen Standes harte Entbehrungen auferlegt; doch wenn sie ihn aus freiem Antriebe wählten, ist er ein geheimnißvolles Band zwischen dem Menschen und der Gottheit, eine reiche Quelle edler Freuden. Liebe, Hoffnung und Glaube sind die Grundzüge unserer Religion, und diese versprechen und gewähren das Glück. So sind also unsere Priester weit davon entfernt, uns zu irgend welcher Zeit die reinen Freuden des Lebens zu verbieten; vielmehr lehren sie uns, daß wir durch den reinen Genuß derselben am besten unsere Dankbarkeit für des Schöpfers Gaben ausdrücken. Sie verlangen die Beobachtung religiöser Uebungen von uns, damit wir so der Ehrfurcht vor unserem Cultus, und dem Wunsche, Gott zu gefallen, Ausdruck geben; sie predigen Mitleid für die Unglücklichen und Reue für unsere Irrthümer. Wenn wir mit Eifer darnach streben, weigern sie uns nicht die Absolution, und mehr als anderswo zollt man hier den Neigungen des Herzens ein nachsichtsvolles Mitgefühl. Sagte Christus nicht von Magdalene: »Ihre Sünden sind ihr vergeben, denn sie hat viel geliebt!« Diese Worte wurden einst unter einem ebenso schönen Himmel gesprochen, als der unsrige es ist, demselben Himmel, der uns, wie damals, das göttliche Erbarmen verheißt.«

»Corinna«, entgegnete Lord Nelvil, »wie soll ich so holde Worte bekämpfen, Worte, die in meinem Herzen frommen Widerhall erwecken? Dennoch muß ich es, denn nicht für einen Tag liebe ich Corinna, eine lange Zukunft voller Glück und Tugend hoffe ich mit ihr. Die reinste Religion ist die, welche dem Höchsten das Opfer unserer Leidenschaften, die Erfüllung unserer Pflichten als unaufhörliche Anbetung darbringt. Die Sittlichkeit des Menschen ist sein Gottesdienst; es hieße, die Vorstellung, welche wir von dem Schöpfer haben, herabwürdigen, wenn wir voraussetzten, er könne von dem Geschöpfe etwas verlangen, das nicht seiner geistigen Vervollkommnung zum Heil wäre. In seiner Vatergüte will er von seinen Kindern nichts, als was sie besser und glücklicher macht; wie sollte er vom Menschen fordern, was nicht des Menschen Wohl zum Zwecke hat? Und Sie sehen, welche Verwirrung in den Köpfen Ihrer Mitbürger aus der Gewohnheit entsteht, den Religions-Gebräuchen mehr Wichtigkeit beizulegen, als den sittlichen Pflichten. Wie Sie wissen, werden nach der Charwoche die meisten Mordthaten in Rom verübt. Das Volk glaubt durch die Fasten, so zu sagen, die Mittel dazu zu haben, und verausgabt in Dolchstichen, was es sich durch Buße an Guthaben erworben. Man hat hier Verbrecher gesehen, die, noch triefend von vergossenem Blut, sich ein Gewissen daraus machten, am Feiertage Fleisch zu essen; und das rohe Gemüth, welchem man hier einredete, daß die Nichtbefolgung der vorgeschriebenen Andachtsübungen das schlimmste aller Verbrechen sei, betrachtet die Gottheit wie eine weltliche Regierung, welche mehr die Unterwerfung unter ihre Macht, als sonst eine Tugend, im Auge hat: dadurch ist höfische Augendienerei an Stelle der Ehrfurcht gegen den Schöpfer getreten, der doch zugleich Quelle und Belohnung eines gewissenhaften, reinen Lebens sein soll. Der in äußerlichen Kundgebungen sich ganz genügende italienische Katholicismus erläßt dem Gemüth alles Nachdenken, alle ernste Sammlung. Wenn das Schauspiel zu Ende ist, hört die Rührung auf, die Pflicht ist erfüllt, und man vertieft sich hier nicht weiter in Gedanken, wie sie bei uns durch die gewissenhafte Prüfung unseres Herzens, unserer Handlungsweise hervorgerufen werden.«

»Sie sind strenge, mein lieber Oswald«, entgegnete Corinna; »ich bemerke das nicht zum ersten Mal. Wenn die Religion lediglich in der gewissenhaften Beobachtung des Sittlichen bestände, was hätte sie dann vor der Philosophie und der Vernunft voraus? Und wie weit könnte sich denn wahre Frömmigkeit in uns entwickeln, wenn unsre erste Sorge immer die wäre, des Herzens Gefühle zu ersticken? Die Stoiker wußten von Pflicht und strenger Lebensführung etwa so viel als wir; allein nur dem Christenthum gehört die sich zu allen seelischen Regungen gesellende Begeisterung, die Kraft zu lieben und zu dulden, der Cultus der Nachsicht und Nächstenliebe! Wovon redet das Gleichniß vom verlorenen Sohn, wenn nicht von der Liebe, der wahren Liebe, welche selbst der treuesten Pflichterfüllung vorgezogen wird? Dieser Sohn hatte das väterliche Haus verlassen, sein Bruder war dort geblieben; er hatte sich in alle Freuden der Welt gestürzt, während der Andere nicht einen Augenblick von der Regelmäßigkeit des häuslichen Lebens gewichen war: doch er kehrte zurück, er weinte, er liebte, und der Vater machte aus seiner Heimkehr ein Freudenfest. Ach gewiß! Es ist unser himmlisches Erbtheil, zu lieben und nur zu lieben! Selbst unsere Tugenden sind meist zu sehr mit dem Leben verflochten, als daß wir immer einsehen könnten, was gut, was besser wäre, und welcher geheime Antrieb uns leitet, uns irren läßt. Ich bete zu Gott, mich das Rechte zu lehren, und meine eigenen Thränen sagen mir, daß er mich erhört. Um sich indeß in solcher Stimmung zu erhalten, sind die frommen Gebräuche nöthiger, als man glaubt, denn sie setzen uns in fortdauernden Verkehr mit der Gottheit. Es sind täglich wiederholte Handlungen, die mit dem Leben nichts zu schaffen haben, einzig nur an die unsichtbare Welt gerichtet. Auch die äußeren Gegenstände können sehr viel zur Andacht beitragen; die Seele sinkt in sich selbst zusammen, wenn nicht edle Kunst, große Monumente, erhabene Gesänge unseren dichterischen Geist beleben, der ja auch zugleich der Geist der Religion ist.

»Der alltäglichste Mensch empfindet, wenn er betet, wenn er leidet und auf den Himmel hofft, etwas, das er in Miltons, in Homers, in Tasso's Sprache ausdrücken würde, wenn er gelernt hätte, seine Gedanken in Worte zu kleiden. Es giebt nur zwei Menschenklassen auf der Erde: die eine versteht und würdigt edle Begeisterung, die andere verachtet sie; all die übrigen Unterschiede sind das Werk der Gesellschaft. Jener hat keine Worte für seine Gefühle; dieser weiß, was man zu sagen hat, um des Herzens Leere zu verbergen. Aber die Quelle, die auf des Himmels Ruf selbst aus dem Felsen springt, diese Quelle ist das wahre Talent, die wahre Religion, die wahrhaftige Liebe!

»Das Gepränge unseres Gottesdienstes, seine Gemälde, seine Standbilder, seine Kirchen mit ihren ungeheuren Wölbungen, stehen in innigster Beziehung zu unseren religiösen Vorstellungen. Ich liebe diese Huldigungen, die von den Menschen für Etwas dargebracht werden, das ihnen weder Glücksgüter, noch Macht verspricht, das sie nur mit einer Wallung ihres Herzens straft oder belohnt. Ich fühle dann stolzer für die Menschen, sie erscheinen mir so selbstlos darin; und da sogar, wo man den religiösen Prachtaufwand vielleicht übertreibt, liebe ich diese Verschwendung irdischer Reichthümer an ein anderes Leben, diese Vergeudung von Zeit an die Ewigkeit! es wird genug für menschlichen Haushalt und menschliches Bedürfen gesorgt. O, wie liebe ich das Nutzlose! Wie liebe ich diese ungenutzten Augenblicke in einem, nur der Arbeit und dem Erwerb gewidmeten Menschenleben! Was können wir inmitten dieses beschränkten, engen Erdendaseins denn Besseres thun, als unsere Seelen dem Unendlichen, Ewigen, Unsichtbaren zuwenden?

»Christus erlaubte einem schwachen, und vielleicht reuevollen Weibe, seine Füße mit den köstlichsten Wohlgerüchen zu salben; und denen, die für dieselben eine bessere Verwendung anriethen, verwies er das: »Laßt sie gewähren«, sagte er, »denn Ihr habt mich nicht allezeit bei Euch.« Ach! Alles, was gut und erhaben ist auf dieser Erde, bleibt uns nur kurze Zeit. Alter, Gebrechlichkeit und der Tod werden bald den Tropfen Thau verzehren, der vom Himmel fällt und nur auf Blumen haftet. Theurer Oswald, lassen wir Alles ineinanderströmen: Liebe, Religion und Geist, Sonne und Blüthenduft, Musik und Poesie! Es giebt keinen anderen Atheismus, als die Kälte des Gefühls, als Selbstsucht und Niedrigkeit! Christus sagt: »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Und was, o mein Gott, heißt in Deinem Namen versammelt sein denn anders, als Deine erhabene Güte, Deine Natur genießen, Dich dafür preisen, Dir für das Leben danken, und vor Allem danken, wenn ein von Dir erschaffenes Herz ganz und groß dem unseren entgegenschlägt!«

Strahlende Verklärung lag jetzt auf Corinnens Zügen, Oswald beherrschte sich kaum genug, um nicht hier im Tempel vor ihr nieder zu sinken. Er schwieg lange, als lasse er ihre Worte in seinem Innern ausklingen, als suche er sie noch im Leuchten ihrer Augen. Endlich jedoch bemühte er sich, ihr zu antworten, denn er wollte die ihm theuren Ueberzeugungen nicht gern aufgeben. »Corinna«, sagte er, »gestatten Sie Ihrem Freunde noch einige Worte, und halten Sie ihn um derselben willen nicht für trocken und kalt. Wenn ich strenge Grundsätze fordre, so ist es, weil sie den Gefühlen mehr Tiefe, größere Dauer geben; wenn ich in der Religion die Vernunft liebe, das heißt: wenn ich die sich widersprechenden Glaubenssätze und die äußeren Effektmittel zurückweise, so geschieht es, weil die Gottheit in der Vernunft, wie in der Begeisterung, ihre Macht uns beweist, und wenn ich es nicht dulden mag, daß man dem Menschen irgend eine seiner Fähigkeiten raube, so ist's, weil er sie alle braucht, um durch Nachdenken zur Wahrheit zu gelangen. Die poetische Begeisterung, die Sie so bezaubernd macht, ist nicht eben die heilsamste Andacht. Wie sollte man sich in dieser Stimmung zu den zahllosen Opfern vorbereiten, welche die Pflicht von uns fordert? Wenn sich des Menschen künftige und gegenwärtige Bestimmung nur so fern, in Wolken gehüllt, ihm zeigte, bedürfte es ja stets eines Aufschwunges der Seele, um eine Offenbarung jener Bestimmung zu erlangen. Nein! für uns, die wir durch das Christenthum unsere Bestimmung klar und höchst positiv vor Augen sehen, kann das Gefühl wohl Belohnung, aber es darf nicht Führer sein. Sie beschreiben ein Dasein der Seligen, nicht das der Sterblichen. Das gottgefällige Leben ist ein Kampf und nicht ein Hymnus. Der Mensch ist ein schrofferes und mehr zu fürchtendes Geschöpf, als Sie ihn sich denken. Als Zügel für seine hochstrebenden Verirrungen braucht er in der Religion noch die Vernunft, über der Pflicht noch das Gesetz!

»Wie Sie nun auch den äußeren Pomp und die vielfachen Andachtsübungen Ihrer Religion auffassen mögen, liebste Freundin, glauben Sie mir: die Bewunderung des Weltalls und seines Schöpfers wird immer die edelste Gottesverehrung bleiben, und die zugleich, welche die Einbildungskraft am reichsten ausfüllt, ohne daß der prüfende Geist dabei je auf Nichtiges, auf Abgeschmacktes stoßen kann. Glaubenssätze, welche meine Vernunft beleidigen, erkälten auch meine Begeisterung. Ohne Zweifel ist die Welt, so wie sie ist, ein Geheimniß, das wir weder läugnen, noch begreifen können; und derjenige wäre wohl sehr thöricht, der all das zu glauben sich weigerte, was er nicht zu erklären vermag. Alles in sich Widersprechende ist immer menschliches Machwerk. Das Geheimniß Gottes können wir nicht mit dem Licht unseres Geistes durchdringen, aber es steht mit diesem nicht in Widerspruch. Ein deutscher Philosoph hat gesagt: »Ich kenne nur zwei große Dinge im Weltall: den gestirnten Himmel über unsern Häuptern, und das Gefühl der Pflicht in unsern Herzen.« Und wahrlich, diese Worte schließen alle Herrlichkeit der Schöpfung ein.

»Statt daß eine strenge und einfache Religion das Herz vertrockne, glaubte ich, ehe ich Sie kannte, daß nur eine solche im Stande sei, unsern Gefühlen Halt und Dauer zu geben. Ich habe einen Mann gekannt, aus dessen sittenstrengem und reinem Leben sich die unerschöpflichste Liebe entwickelte; und bis in sein Alter erhielt er sich eine Reinheit der Seele, welche von dem Sturm der Leidenschaften und den aus ihnen erzeugten Irrthümern wohl sicher zerstört worden wäre. Allerdings wirkt die Reue veredelnd auf uns, und ich habe mehr als Jemand Ursache, an ihre Wunderkraft zu glauben. Doch wiederholte Reue erschlafft die Seele, dies Gefühl stellt nur Einmal wieder her. Die Erlösung, die sich in unserer Seele vollzieht, kann sich nicht häufig erneuern. Wenn die menschliche Schwäche sich daran gewöhnt, verlieren wir die Kraft zu lieben. Denn man bedarf der sittlichen Kraft, um zu lieben, wenigstens um mit Beständigkeit zu lieben.

»Auch gegen Ihren pomphaften Cultus, der nach Ihrer Meinung so veredelnd auf die Einbildungskraft wirkt, habe ich ähnliche Einwendungen zu erheben. Ich halte die Einbildungskraft für so bescheiden und einfach als das Herz. Die ihr aufgenöthigten Regungen sind weniger mächtig, als die aus ihr selbst erzeugten. Ich entsinne mich eines protestantischen Geistlichen, welchen ich an einem sternenklaren Sommerabend in der Tiefe der Cevennenberge predigen hörte. Er sprach von den verbannten und geächteten, in der Fremde gestorbenen Franzosen; ihren anwesenden Freunden verhieß er das Wiedersehen in einer bessern Welt, und sagte, daß ein tugendhaftes Leben uns dieses Glückes versichere. »Thuet den Menschen Gutes, auf daß Gott in Eurem Herzen die Wunde des Schmerzes heile.« Er betrübte sich über die Unbeugsamkeit, die Härte, welche der kurzlebende Mensch dem andern, gleich ihm vorübergehenden, beweise, und behandelte schließlich den viel überdachten, nie zu erschöpfenden Gedanken über den Tod. All seine Aussprüche waren tiefergreifend und wahr, und standen in volltönendem Einklang mit der Natur! Der ferne rauschende Bergstrom, der Sterne schimmerndes Licht – sie redeten in anderer Sprache die gleichen Gedanken. Hier lag die Natur in all ihrer Größe ausgebreitet; in jener Herrlichkeit, die allein Feste zu feiern vermag, ohne mit ihnen das Unglück zu beleidigen; und diese stolze, erhabene Einfachheit bewegte die Seele viel tiefer, als Eure überschwänglichsten Ceremonien.«

Am Osterfeste, zwei Tage nach diesem Gespräche, befanden sich Corinna und Lord Nelvil während der feierlichen Segenssprechung auf dem St. Petersplatze. Der Papst erscheint hierzu auf dem höchsten Altan der Kirche und flehet des Himmels Segen auf die Erde hernieder. Bei den Worten: urbi et orbi (der Stadt und der Welt) fällt das ganze versammelte Volk auf die Kniee. Corinna und ihr Freund fühlten in diesem feierlichen Augenblicke, daß es nur eine Gottesverehrung gebe. Das religiöse Gefühl bindet die Menschen innig aneinander, wenn Eigenliebe und Fanatismus nicht Eifersucht, und Haß aufstacheln. Mit einander beten, in welcher Sprache es auch sei, ist die treueste Verbrüderung, welche die Menschen auf dieser Erde eingehen können, eine Verbrüderung im Lieben und im Hoffen!

Sechstes Kapitel.

Das Osterfest war vorüber, und Corinna erwähnte der Erfüllung ihres Versprechens, Lord Nelvil nun endlich ihre Geschichte zu erzählen, mit keinem Wort. Durch dieses Stillschweigen verletzt, sprach er eines Tages von den vielgerühmten Schönheiten Neapels, das zu besuchen er halb entschlossen sei. Corinna durchschaute sogleich, was in ihm vorging, und machte deshalb den Vorschlag, ihn zu begleiten. Sie schmeichelte sich, die verlangten Geständnisse noch hinausschieben zu können, wenn sie ihm einen Beweis von Liebe gäbe, der ihn doch befriedigen mußte. Und weiter noch glaubte sie, daß, wenn er sie jetzt mit sich nähme, hiemit auch zugleich die Zukunft ausgesprochen sei. Sie erwartete also mit sichtbarer Bangigkeit seine Antwort; ihre liebevollen, fast flehenden Blicke baten um eine günstige. Oswald konnte ihnen nicht widerstehen; das Anerbieten, und die Einfachheit, mit welcher es gemacht wurde, hatten ihn zuerst überrascht; er zögerte, es anzunehmen. Doch als er die Spannung der Freundin, ihre tiefe Bewegung, ihre thränenerfüllten Augen sah, willigte er in die gemeinschaftliche Reise, ohne sich selbst von der Wichtigkeit eines solchen Entschlusses Rechenschaft zu geben. Und Corinna war auf der Höhe des Glücks, denn sie verließ sich nun ganz auf Oswalds Liebe.

Der Tag war festgesetzt, und vor der süßen Aussicht des Zusammen-Reisens verschwand jede andere Ueberlegung. Sie unterhielten sich mit den erforderlichen Vorbereitungen, die ihnen manchen Anlaß zu fröhlicher Geschäftigkeit gaben. O, glückselige Stimmung, wenn alle Unternehmungen des Lebens einen besonderen Reiz haben, weil alle sie sich an eine Hoffnung des Herzens knüpfen! Der Augenblick kommt nur zu bald, wo uns das Dasein als Ganzes, wie in jeder seiner Stunden, nur Druck und Mühe ist; wo jeder Morgen, jedes Erwachen schon begleitet ist von dem Gefühl der Anstrengung, deren es bedarf, um den Tag zu Ende zu bringen.

Als Lord Nelvil Corinna eben verlassen hatte, um Alles für die Abreise noch ferner Nothwendige anzuordnen, kam Graf d'Erfeuil. Mit großer Mißbilligung vernahm er den plötzlichen Entschluß der Beiden. »Woran denken Sie?« rief er. »Wie! Sie wollen sich mit Lord Nelvil auf Reisen begeben, ohne daß er Ihr Gatte ist, ohne daß er verspricht, es zu werden? Und was wird aus Ihnen, wenn er Sie verläßt?« – »Was aus mir wird? Was in jedem Lebensverhältniß aus mir würde, wenn er aufhörte mich zu lieben: das unglückseligste Weib auf Erden.« – »Nun ja; aber wenn Sie dabei nichts Sie Kompromittirendes thaten, bleiben Sie doch wenigstens, was Sie sind.« – »Ich? Was ich bin, – wenn das tiefste Gefühl meines Lebens zertreten, wenn mein Herz gebrochen wäre!« – »Das Publikum würde es nicht erfahren, und Sie würden, wenn Sie vorsichtig sind, sich dann mindestens in der öffentlichen Meinung nicht schaden.« – »Und weshalb die Meinung Anderer berücksichtigen« ,erwiderte Corinna, »wenn es nicht etwa geschieht, um in den Augen des Geliebten einen Reiz mehr zu haben?« – »Man hört auf zu lieben«, sagte Graf d'Erfeuil, »aber man kann nicht aufhören, in der Gesellschaft zu leben, und ihrer zu bedürfen.« – »Ach, wenn ich es nur denken könnte, daß ein Tag kommen werde, wo Oswalds Liebe nicht die Welt für mich ist, wenn ich es nur denken könnte, dann liebte ich ihn ja schon nicht mehr! Was ist denn das für eine Liebe, die vorauszusehen, die den Augenblick ihres Aufhörens vorherzuberechnen vermöchte? Wenn Religion in diesem Gefühle liegt, so ist's, weil es alle andern, alle selbstischen Interessen auslöscht und, wie die Anbetung, in der völligen Hinopferung des eigenen Ich sein Glück findet.« – »O, was Sie mir da erzählen!« rief Graf d'Erfeuil, »kann eine geistreiche Frau, wie Sie, sich derartige Thorheiten in den Kopf setzen? Es gereicht uns Männern zum Vortheil, wenn die Frauen so denken, wir haben dann viel größere Gewalt über sie. Ihre Superiorität aber darf nicht verlorengehen, Corinna; die muß Ihnen doch noch ferner nützen!« – »Mir nützen?« sagte Corinna, »ach, ich danke ihr viel, wenn sie mir hilft den ganzen Adel von Lord Nelvils Charakter zu erkennen.«

»Lord Nelvil ist ein Mann, wie andere Männer«, entgegnete der Graf, »er wird in seine Heimat zurückkehren, dort eine öffentliche Laufbahn verfolgen, kurz, er wird vernünftig sein; während Sie unklug Ihren Ruf auf's Spiel setzen, wenn Sie mit ihm nach Neapel gehen.« – »Ich kenne Lord Nelvils Absichten nicht«, sagte Corinna; »und vielleicht hätte ich besser gethan, darüber nachzudenken, ehe ich ihn liebte; doch jetzt, was kommt es jetzt noch auf ein Opfer mehr an! Hängt denn nicht mein Leben allein von seiner Liebe ab? Ich finde einigen Trost darin, keine Rettung für mich zu sehen: wo das Herz getroffen ist, giebt's auch keine! Die Welt zwar glaubt, es könne sich in solchem Fall noch ein Ausweg finden; ich aber weiß es, und will es auch nicht anders, daß mein Unglück vollkommen wäre, wenn Lord Nelvil sich von mir trennte.« – »Weiß er, bis zu welchem Grade Sie sich für ihn kompromittiren?« fuhr Graf d'Erfeuil fort. »Ich habe ihm das sorgfältig zu verbergen gesucht«, entgegnete Corinna; »da ihm die Sitten unseres Landes noch wenig bekannt sind, konnte ich ihm die Freiheit, welche sie gestatten, wohl ein wenig übertreiben. Ich verlange von Ihnen, daß Sie über diese Angelegenheit auch nicht ein Wort mit ihm reden; ich will, daß er in seinem Verhältniß zu mir frei sei, und immer frei bleibe. Mit keinem Opfer irgend welcher Art soll er mein Glück erkaufen. Das Gefühl, durch das ich so hoch begnadigt bin, ist die Blüthe des Lebens, und weder Güte, noch Zartgefühl vermögen es neu zu erwecken, wenn es verwelken und sterben mußte. Darum beschwöre ich Sie, mein lieber Graf, versuchen Sie nicht, in mein Schicksal einzugreifen. Nichts von Allem, was Sie über die Liebe zu wissen glauben, kann mir genügen. Was Sie sagen, ist verständig, ist ganz richtig, und für alltägliche Menschen und alltägliche Lebensverhältnisse sehr anwendbar. Mir aber würden Sie absichtslos ein großes Leid zufügen, wenn Sie mich mit Ihrem Urtheil in die große Masse einreihen wollten, welche nur fertig zurecht gemachte Grundsätze kennt. Ich dulde, ich genieße, ich fühle auf meine Weise, und mich allein müßte man beobachten, wenn man auf mein Glück Einfluß erlangen wollte.« Die Eigenliebe des Grafen war von der Nutzlosigkeit seiner Rathschläge, und von dem großen Liebesbeweis, welchen Corinna Lord Nelvil zu geben im Begriffe stand, ein wenig verletzt; er wußte wohl, daß er von ihr nicht geliebt sei, er wußte auch, wie Oswald gesiegt hatte, aber es berührte ihn unangenehm, dies Alles so öffentlich bestätigt zu sehen. In dem Erfolg eines Mannes bei einer Frau liegt immer etwas, das selbst seinen besten Freunden mißfällt. »Ich sehe, daß ich hier nichts vermag«, sagte Graf d'Erfeuil; »Sie werden meiner aber gedenken, wenn Sie einst sehr unglücklich sind. Inzwischen verlasse ich ebenfalls Rom; ohne Sie und Lord Nelvil würde ich mich hier tödtlich langweilen. Sicher werde ich Sie Beide in Schottland oder Italien wiedersehen, denn bis mir etwas Besseres zu Theil wird, gefällt mir das Reisen immer noch am besten. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen rathen wollte, schöne Corinna, und rechnen Sie stets auf meine Ergebenheit!« – Corinna dankte ihm, und schied mit einem Gefühl des Bedauerns. Sie hatte ihn zugleich mit Oswald kennen gelernt, und diese Erinnerung war zwischen ihnen ein Band, das sie nicht gern gelöst sah. Im Uebrigen verfuhr sie, wie sie es Graf d'Erfeuil vorhergesagt hatte. Zwar wurde Lord Nelvils Freude, mit welcher er anfangs den Reiseplan aufgenommen hatte, durch einige Besorgniß gedämpft; denn er fürchtete doch, daß dies Unternehmen Corinna in unvortheilhaftem Lichte zeigen möchte, und gern hätte er ihr Geheimniß noch vor der Abreise erfahren, um zu wissen, ob sie nicht durch ein unübersteigliches Hinderniß getrennt seien. Sie jedoch bestand darauf, sich erst in Neapel erklären zu wollen, und täuschte ihn ein wenig über das, was die Welt wohl von diesem Schritte urtheilen könne. Nur allzu gern lieh er ihrer holden Ueberredungskunst sein Ohr; schwache schwankende Charaktere werden nur halb von der Liebe geblendet, nur halb von der Vernunft aufgeklärt, und schließlich entscheidet der Augenblick, welche von beiden den Sieg behalten soll. Lord Nelvil besaß einen umfassenden und durchdringenden Geist; sich selbst beurtheilte er indeß nur in der Vergangenheit richtig. Sein gegenwärtiger Zustand war ihm stets unklar. Zugleich voller Leidenschaft, und Schüchternheit, geneigt sich hinreißen zu lassen, um es nachher zu bereuen, hinderten ihn diese Gegensätze, sich selbst eher zu erkennen, als bis der Ausgang seine inneren Kämpfe entschieden hatte.

Als Corinnens Freunde von dem Reiseplan erfuhren, waren sie, und noch besonders Fürst Castel-Forte, höchst bekümmert. Der Fürst litt so davon, daß er beschloß, ihr in kurzer Zeit zu folgen. Es lag sicherlich wenig Eitelkeit darin, sich so neben einen bevorzugten Geliebten zu stellen, aber er fürchtete, die durch der Freundin, Abwesenheit für ihn entstehende Leere nicht ertragen zu können. Er hatte kaum einen Freund, den er nicht bei Corinna antraf, und niemals besuchte er ein anderes Haus, als das ihre. Fehlte sie, so war auch die Gesellschaft aufgelöst, welche sich bei ihr versammelte, und deren Trümmer anderswo zu vereinigen, schien unmöglich. Mit seiner Familie lebte der Fürst im Ganzen wenig; vieles Studium, obgleich er sehr geistvoll war, ermüdete ihn; sein Tag mußte ihm also unerträglich lang werden, wenn er nicht die Morgen- und Abendstunden bei Corinna zubringen konnte. Ging sie fort, was sollte er anfangen? Es blieb ihm kaum Anderes, als ihr zu folgen; zu folgen als anspruchsloser Freund, der erst im Unglück seine rechte Würdigung findet; und solch ein Freund kann sicher sein, daß seine Stunde kommt!

Corinna brach mit der ihr so theuer gewordenen Lebensweise nicht ohne bange Trauer; sie war der Mittelpunkt aller in Rom lebenden Künstler und erleuchteten Männer. Die vollständige Unabhängigkeit ihrer Gesinnung, ihrer Gewohnheiten verlieh ihrem Leben einen großen Reiz. Was sollte nun mit ihr werden? Bestimmte ihr das Glück Oswald zum Gatten, dann führte er sie nach England. Wie würde man sie dort beurtheilen? Wie würde sie selbst sich in Verhältnisse schicken, welche von denen, die sie seit sechs Jahren umgaben, so abweichend sein mußten? Aber all diese Fragen durcheilten nur flüchtig ihren Geist, und die Liebe zu Oswald verwischte immer wieder ihre leichten Spuren. Ihn nur sah sie, sie hörte nur ihn, nach seiner Gegenwart und Abwesenheit zählte sie die Stunden. Wer möchte mit dem Glücke verhandeln? Wer nimmt es nicht auf, wenn es kommt? Corinna vollends hatte wenig Vorbedacht. Furcht und Hoffnung beunruhigten sie nicht allzu viel; ihr Vertrauen in die Zukunft war verworren, und ihre Einbildungskraft that ihr in dieser Beziehung wenig Gutes und wenig zu leid.

Am Morgen ihrer Abreise kam Fürst Castel-Forte. »Kehren Sie nicht wieder nach Rom zurück?« fragte er mit feuchten Augen. – »O Gott, ja!« erwiderte sie, »in einigen Wochen sind wir wieder hier.« – »Doch wenn Sie sich mit Lord Nelvil vermählen, werden Sie Italien verlassen müssen.« – »Italien verlassen!« sagte Corinna und seufzte. – »Das Land, wo man Ihre Sprache spricht, wo man Sie so gut versteht, so herzlich bewundert! Und Ihre Freunde, Corinna, Ihre Freunde! Wo wird man Sie lieben, wie hier? Wo werden Sie die Kunst finden, die Ihnen genügt? Macht denn dies eine Gefühl das ganze Leben aus? Sind es doch die Sitten und Gewohnheiten, die Sprache vor Allem, aus denen sich die Heimatsliebe bildet, und erzeugt diese nicht wieder das Heimweh, diese schreckliche Qual der Verbannten?« – »Ach, weshalb sagen Sie mir das noch?« entgegnete Corinna, »ist es denn nicht eben dieses Weh, das über mein Schicksal entschied?« – Traurig streifte ihr Blick über das Zimmer und die schmückenden Kunstschätze in demselben, dann über die Fluthen des Tiber unter ihren Fenstern, und dann zum Himmel hinauf, dessen Schönheit sie zum Bleiben einzuladen schien. Doch in diesem Augenblicke sprengte Oswald mit Blitzesschnelle über die Engelsbrücke. »Da ist er!« rief Corinna. Er sprang auch schon vom Pferde. Sie eilte ihm entgegen, und in der Ungeduld, fortzukommen, bestiegen sie bald ihren Wagen. Corinna sagte allerdings dem Fürsten ein herzliches Lebewohl; doch ihre Worte verklangen unter dem Rufen der Postillone, dem Wiehern der Pferde, kurz in all dem Lärm einer Abreise, der zuweilen so traurig, und wieder auch so berauschend sein kann, je nachdem des Schicksals neue Wahrscheinlichkeiten Furcht oder Hoffnung einflößen.

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