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Corinna oder Italien

Anne Louise Germaine, von Staël: Corinna oder Italien - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFrau von Staël
titleCorinna oder Italien
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorM. Bock
correctorreuters@abc.de
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Achtes Buch.

Statuen und Gemälde.

Erstes Kapitel.

Nach einem so verflossenen Tage vermochte Oswald Nachts kein Auge zu schließen. Er war nahe daran, Corinna Alles zu opfern. Selbst ihr Geheimniß wollte er nicht fordern, wenigstens nicht, bevor er in aller Form um sie geworben. Seine Unentschlossenheit schien auf ein paar Stunden ganz von ihm gewichen, und mit Wohlgefallen überlegte er in Gedanken den Brief an Corinna, welcher am folgenden Tage sein Schicksal entscheiden sollte. Allein dieses Vertrauen in das Glück, diese Ruhe des Entschlossenseins währten nicht lange. Bald trat wieder die Vergangenheit vor ihn hin: er hatte schon einmal geliebt, viel weniger leidenschaftlich freilich, als er Corinna liebte, und ihr durfte nimmermehr der Gegenstand seiner ersten Neigung verglichen werden; doch war es immerhin dies Gefühl, das ihn zu unüberlegten Handlungen fortgerissen, zu Handlungen, die seines Vaters Herz schwer gekränkt hatten. – »Wer weiß es«, seufzte er, »wer weiß es denn, ob er nicht heute noch ebenso fürchten würde, sein Sohn könne Pflicht und Vaterland über dieser Liebe vergessen! O du, du mein edelster Freund, den ich auf Erden besessen«, flüsterte er in sich hinein, »zwar kann ich deine Stimme nicht mehr vernehmen, aber lehre mich durch deinen stummen Blick, der noch heute mein Inneres mächtig durchschauert, lehre mich, was ich thun soll, damit du wenigstens vom Himmel herab noch mit einiger Befriedigung auf mich niederblicken kannst. Und verurtheile auch diese Glückessehnsucht nicht, die uns Sterbliche verzehrt; sei nachsichtig dort oben, wie du es auf Erden warst. Ich kann nur besser dadurch werden, daß ich auch einmal glücklich war. Wenn ich mit diesem engelgleichen Weibe lebe, wenn ich würdig befunden werde, sie zu schützen, sie zu retten. Sie zu erretten?« fragte er sich plötzlich; »und woraus? Aus einer ihr zusagenden Lebensweise? Aus einer Existenz voller Huldigungen, voller Erfolg und Unabhängigkeit?« Und diese in ihm selbst aufgestiegene Frage erschreckte ihn, als wäre sie des Vaters Antwort.

Wer hat im Streit der Gefühle nicht oft von einem geheimen Aberglauben gelitten, mit dem wir unsere Gedanken für Vorbedeutung, unser Leiden für eine Warnung des Himmels halten? O! welches Ringen, welche Noth geht in Menschenherzen vor, die ebenso großer Leidenschaft, als strengen Pflichtgefühls fähig sind!

Oswald ging in heftiger Bewegung im Zimmer auf und nieder; nur zuweilen hielt er an, um zu dem sanften, italienischen Mond hinaufzuschauen. Der Anblick der Natur lehrt vielleicht Entsagung, doch über die Qualen der Ungewißheit vermag er nichts.

Der anbrechende Tag fand Oswald noch in diesem Zustande, und Graf d'Erfeuil wie auch Herr Edgermond beunruhigten sich wegen seines höchst angegriffenen Aussehens, als sie ihn zu besuchen kamen. Graf d'Erfeuil brach zuerst das zwischen ihnen eingetretene Schweigen: »Es ist nicht zu läugnen«, sagte er, »die gestrige Aufführung war charmant. Corinna ist wirklich bezaubernd; zwar entging mir die Hälfte ihrer Worte, aber dies beredte Spiel sagt ja Alles! Wie schade, daß eine so vermögende Frau dieses Talent besitzt! Denn, frei wie sie ist, könnte sie, wenn sie mittellos wäre, zur Bühne gehn, und eine solche Schauspielerin wäre der Ruhm Italiens.«

Oswald machten diese Worte einen widerlichen Eindruck; doch wußte er nicht sogleich eine schickliche Weise, dies zu erkennen zu geben; denn Graf d'Erfeuils Bemerkungen hatten die Eigenthümlichkeit, daß man sich nicht rechtmäßig darüber entrüsten konnte, selbst wenn sie sehr unangenehm berührten. Nur feinfühlige Seelen wissen einander zu schonen; die, für sich selbst so empfindliche Eigenliebe erräth fast niemals die wunden Stellen Anderer.

Herr Edgermond pries Corinna's seltene Eigenschaften in geziemender, verehrender Form. Oswald antwortete ihm englisch, um auf diese Weise die Freundin vor den mißlichen Schmeicheleien des Grafen zu schützen. »Ich bin hier überflüssig, scheint mir«, sagte dieser darauf; »da gehe ich lieber zu Corinna; es wird ihr angenehm sein, mein Urtheil über ihr gestriges Spiel zu erfahren. Ich habe ihr ein paar Rathschläge zu geben, die sich zwar nur auf Einzelnes beziehen; indeß machen die Einzelheiten schließlich das Ganze, und sie ist wirklich eine so außerordentliche Frau, daß man nichts unterlassen darf, was zu ihrer höchsten Vollendung beitragen kann. Und dann«, fuhr er, sich zu Lord Nelvils Ohr neigend, leiser fort, »will ich ihr auch zureden, häufiger in der Tragödie aufzutreten: das wäre der sicherste Weg, um irgend einen hier durchreisenden, vornehmen Fremden als Gatten zu gewinnen. Sie und ich, mein lieber Nelvil, wir gehen nicht in solche Netze; wir sind der reizenden Frauen zu gewohnt, als daß sie uns noch zu Thorheiten bewegen könnten, aber so ein deutscher Fürst oder ein Grande von Spanien, die laufen wohl noch hinein.« – Oswald fuhr auf, wie außer sich, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn d'Erfeuil seinen Zorn bemerkt hätte. Doch dieser war schon leichtfüßig, und von seiner letzten Bemerkung sehr befriedigt, davongegangen. Gewiß fiel es ihm nicht ein, daß er Lord Nelvil beleidigt zurückließ, sonst wäre er, obwohl er Jenen liebte, wie er lieben konnte, geblieben.

Des Grafen glänzender Muth trug mehr noch, als selbst seine Eigenliebe, dazu bei, ihn über seine Fehler zu täuschen. Denn da er in Allem, was die Ehre anging, große Delikatesse besaß, fiel es ihm nicht ein, daß ihm dieselbe in den Gefühlsfragen mangeln könne, und weil er sich zweifellos für liebenswürdig und ritterlich halten durfte, genügte ihm das, und er ahnte nichts von des Lebens tieferem Sinn.

Keines von Oswalds peinlichen Gefühlen war Herrn Edgermond entgangen, und als Graf d'Erfeuil sich entfernt hatte, sagte er: »Mein lieber Oswald, ich reise nun ab; nach Neapel.« – »Weshalb so bald?« fragte Oswald. – »Weil ein längeres Bleiben nicht gut für mich wäre«, fuhr Herr Edgermond fort. »Ich bin fünfzig Jahre alt, und könnte nicht dafürstehen, daß Corinna mir nicht den Kopf verdrehte.« »Und wenn dies geschähe«, unterbrach Oswald, »was folgerte sich für Sie daraus?« – »Eine solche Frau ist für das Leben in unserem Wales nicht gemacht«, erwiderte Herr Edgermond; »glauben Sie mir, mein theurer Nelvil, für England taugen nur die Engländerinnen. Es ist nicht meine Sache, Ihnen Rathschläge zu geben, und ich brauche nicht zu sagen, daß ich nicht ein Wort über das hier Gesehene erzählen werde. Aber so liebenswerth Corinna ist, denke ich, wie Thomas Walpole: Was fängt man damit zu Hause an?« Und das »zu Hause« ist Alles bei uns, wie Sie wissen, – Alles wenigstens für die Fraue. Können Sie sich's vorstellen, wie Ihre schöne Italienerin, wenn Sie auf der Jagd, oder gar im Parlamente sind, allein zurückbleibt, wie sie beim Dessert sich entfernt, um den Thee bereit zu halten, bis Sie die Tafel aufheben? Bester Oswald, unsere Frauen besitzen häusliche Tugenden, die Sie nirgend sonst finden werden. In Italien haben die Männer nichts weiter zu thun, als den Frauen zu gefallen; je liebenswürdiger diese also sind, desto besser. Doch bei uns, wo der Mann eine thätige Laufbahn verfolgt, muß die Frau im Schatten bleiben, und Corinna in den Schatten zu stellen wäre schade. Ich sähe sie gern auf dem Thron von England, nicht aber unter meinem bescheidenen Dach. Mylord, ich habe Ihre Mutter gekannt, die von Ihrem verehrten Vater so tief betrauert worden ist; sie war ganz wie meine junge Cousine, und so würde ich mir eine Frau wünschen, wenn ich mich noch in dem Alter befände, wo man wählt und geliebt wird. Adieu, mein lieber Freund, zürnen Sie mir nicht über meine Offenheit. Niemand kann Corinna mehr bewundern, als ich, und vielleicht würde ich in Ihrem Alter dem Wunsche, sie zu besitzen, nicht zu entsagen vermögen.« – Mit diesen Worten reichte er Lord Nelvil treuherzig die Hand und entfernte sich, ohne daß Jener ihm geantwortet hätte. Aber Herr Edgermond verstand dieses Schweigen, und selber ungeduldig, ein Gespräch abzubrechen, das ihm so schwer geworden, begnügte er sich mit Oswalds erwiderndem Händedruck.

Unter Allem, was er gesagt, hatte nur Eines Oswalds Herz getroffen; dies war die Erwähnung seiner Mutter, und der tiefen Zuneigung seines Vaters für dieselbe. Erst vierzehn Jahre war er alt gewesen, da er sie verlor, doch erinnerte er sich mit Ehrfurcht ihrer seltenen Vortrefflichkeit und des schüchternen und zurückhaltenden Charakters ihrer Tugenden. »Ich Unsinniger!« rief er, als er allein war; »ich frage noch, welche Gattin mein Vater für mich wünschte? und weiß ich's denn nicht, da das Bild meiner, von ihm so heißgeliebten Mutter mir noch vorschwebt? Was will ich denn noch mehr? Was betrüge ich mich selbst?«

Dennoch schien es ihm, nach den Ereignissen des vorhergehenden Tages, furchtbar schwer, Corinna wiederzusehn, ohne ihr die gestern ausgedrückten Empfindungen zu wiederholen und zu bestätigen. Das Uebermaß seiner schmerzvollen Erregung brachte ihm einen Rückfall des Leidens, von dem er sich geheilt glaubte; ein kaum vernarbtes Blutgefäß sprang von Neuem in seiner Brust. Während die erschreckten Diener nach Hülfe liefen, wünschte er im Stillen, daß er mit dem Leben auch diese Schmerzen los werden möge. »Wenn ich sterben könnte, nachdem ich Corinna gesehen! nachdem sie mich ihren Romeo genannt!« – Und er weinte heftig; es waren seit seines Vaters Tode die ersten Thränen, die er um einen andern Schmerz vergoß.

Er theilte Corinna sein plötzliches Erkranken schriftlich mit, und endete die Zeilen mit einigen schwermüthigen Worten. Corinna ihrerseits hatte diesen Tag in seligen, täuschenden Vorgefühlen begonnen. Sie freute sich des Eindrucks, den sie auf Oswald gemacht, sie glaubte sich geliebt, war darüber glücklich, und war sich ihrer weiteren Wünsche wohl nicht klar bewußt. Tausend verschiedene Umstände drängten in ihr den Gedanken zurück, Lord Nelvil zu heirathen; und da sie viel leidenschaftlicher, als vorsichtig war, da sie ganz von der Gegenwart beherrscht wurde, und sich um die Zukunft nur wenig kümmerte, schien dieser Tag, der ihr so viel Schmerzen bringen sollte, wie der hellste und heiterste ihres Lebens anzubrechen.

Als sie Oswalds Billet erhielt, ward sie von der quälendsten Unruhe erfaßt: sie glaubte ihn in Lebensgefahr, eilte, um ihn nur gleich zu sehen, während der Stunde der großen Promenade zu Fuß über den Corso, und erreichte, im Angesichte fast der ganzen Gesellschaft Roms, Oswalds Hotel. Zur Ueberlegung hatte sie sich keine Zeit gelassen, und war so schnell gelaufen, daß ihr Athem und Sprache fehlten, als sie das Zimmer des Freundes betrat. Lord Nelvil verstand vollkommen, welchen Deutungen sie sich um seinetwillen ausgesetzt; und sich die Folgen einer Handlungsweise übertreibend, die in England allerdings den Ruf einer Frau, vollends einer unverheiratheten, gänzlich untergraben hätte, zog er sie voller Liebe und Dankbarkeit an sein Herz: »Geliebte Freundin«, rief er, »nein! ich kann Dich nicht verlassen, wenn Deine Liebe für mich Dich preis giebt, wenn ich herstellen muß...« Corinna errieth, was er sagen wollte, und sich sanft aus seinen Armen losmachend, unterbrach sie ihn: »Sie irren, Mylord; mit diesem Besuche thue ich nichts, was die meisten Frauen Roms nicht auch gethan hätten. Ich wußte Sie krank, Sie sind hier fremd, kennen Niemand als mich, also kommt es mir zu, für Sie zu sorgen. Die Regeln der Schicklichkeit soll man achten, so lange man ihnen nur sich selbst zu opfern hat; aber müssen sie nicht der tiefen Besorgniß weichen, die uns eines Freundes Schmerzen und Gefahr verursachen? Wie schwer wäre das Loos der Frauen, wenn dieselben gesellschaftlichen Rücksichten, welche doch das Lieben gestatten, den unwiderstehlichen Drang, der uns treibt, dem Geliebten zu helfen, verbieten dürften? Und ich wiederhole es Ihnen, Mylord, fürchten Sie nicht, daß ich mich durch diesen Schritt Preis gegeben habe. Mein Alter und meine Talente verstatten mir in Rom die Freiheiten einer verheiratheten Frau. Ich denke meinen Freunden durchaus nicht zu verbergen, daß ich bei Ihnen gewesen; ob sie meine Liebe tadeln, weiß ich nicht; aber sicherlich tadeln sie mich nicht dafür, Ihnen ergeben zu sein, wenn ich Sie liebe!« –

Von dieser natürlichen und aufrichtigen Erklärung empfing Oswald die gemischtesten Eindrücke; er war durch die stolze Zartheit ihrer Antwort gerührt, zugleich aber war es ihm leid, daß sie seine Befürchtungen unnöthig fand. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn sie, nach weltlichem Urtheil, um seinetwillen einen Fehler begangen hatte, damit eben dieser ihm die Pflicht auferlegte, sie zu heirathen, und so seiner Unentschlossenheit ein Ende zu machen. Recht verdrossen gedachte er dieser freien, italienischen Sitten, welche nur seine Zweifel verlängerten, indem sie ihm viel Glück gewährten, ohne ihm des Glückes Fesseln anzulegen. Er hätte gewollt, das Gebot der Ehre möchte ihm heißen, den Schritt als eine Notwendigkeit zu thun, den zu thun er so heiß ersehnte. Dieses quälende Sinnen verschlimmerte von Neuem seinen Zustand. Corinna, obwohl selbst in furchtbarer Sorge um ihn, wußte sich zu beherrschen und umgab ihn mit holdseliger, wachsamer Aufmerksamkeit. Gegen Abend schien es, als werde er noch unruhiger. An seinem Bette knieend, stützte sie seinen Kopf mit ihren Armen und litt wohl mehr, als er; aber mitten in allen Schmerzen hing sein Blick mit dem vollen Ausdrucke des Glücks an ihr.

Die Aerzte kamen, und sprachen sich im Ganzen nicht ungünstig aus, doch untersagten sie dem Kranken vorläufig jede Anstrengung, besonders das Sprechen, bis das geöffnete Blutgefäß wieder verheilt sei. Sechs Tage verflossen, während welcher Corinna ihn nicht verließ. Sie wußte ihm die Stunden durch Lektüre und Musik abzukürzen, zuweilen auch durch ein Gespräch, dessen Kosten sie allein bestritt, und das sie bald ernst, bald heiter, und immer interessant zu gestalten verstand. Aber mit so viel Anmuth und Zauber suchte sie nur ihre große innere Besorgniß zu verhüllen, die Lord Nelvil unbekannt bleiben mußte, und welche sie daher auch nicht einen Augenblick merken ließ. Sie errieth schnell, wenn er Schmerzen duldete, wenn er etwas verlangte, und ließ sich von seiner Selbstbeherrschung nicht täuschen. Geräuschlos that sie was ihm nützlich sein, ihm Linderung schaffen konnte, um seine Aufmerksamkeit so wenig als möglich auf ihre Dienste zu lenken. Wenn Oswald noch bleicher als gewöhnlich schien, floh auch von ihren Lippen die Farbe, und ihre Hände leisteten nur zitternd Hülfe; doch zwang sie sich auch dann zur Fassung, und lächelte mit thränenden Augen. Zuweilen preßte sie seine Hand auf ihr Herz, als ob sie ihm das eigene Leben geben wolle; und endlich wurden diese Mühen belohnt: Oswald genas.

»Corinna«, sagte er, als ihm wieder zu sprechen erlaubt war, »ach, daß mein Freund Edgermond ein Zeuge der verflossenen Tage gewesen wäre! Er würde gesehen haben, daß Sie nicht weniger gut, als geistreich sind; würde erkannt haben, daß das häusliche Leben mit Ihnen nur dauerndes Entzücken ist, und daß Sie von den andern Frauen sich nur unterscheiden, um zu all deren Tugenden noch alle Reize zu fügen. Nein, es ist zu viel: der Kampf, der mich verzehrt, der mich eben bis an den Rand des Grabes brachte, er muß aufhören. Du sollst alle meine Geheimnisse wissen, Corinna, Du, die Du mir die Deinigen verbirgst, und dann wirst Du über unser Schicksal Dein Urtheil sprechen.« – »Unser Schicksal ist, uns nie von einander zu trennen, falls Sie fühlen, wie ich; doch werden Sie mir glauben, daß ich, bis jetzt wenigstens, noch nicht den Wunsch hegte, Ihre Gattin zu sein? Was ich empfinde, ist mir so neu! Meine Gedanken über das Leben, meine Pläne für die Zukunft, sie sind alle durch dieses Gefühl umgestürzt; es verwirrt mich, unterjocht mich täglich mehr. Ich weiß nicht, ob wir uns vermählen können, ob wir es sollten.« – »Corinna«, erwiderte Oswald; »verachten Sie mich, weil ich zögerte? Und könnten Sie dies Zögern unedlen Beweggründen zuschreiben? Haben Sie nicht errathen, daß meine Schwankungen allein aus dem tiefen und schmerzlichen Vorwurf hervorgingen, welcher mich seit zwei Jahren verfolgt?«

»Ich habe Sie wohl verstanden. Wenn ich Sie unedler Beweggründe hätte verdächtigen können, wären Sie nicht der, den ich liebe. Aber, ich weiß es ja, das Leben gehört nicht ganz der Liebe. Gewohnheiten, Erinnerungen, Verhältnisse legen fesselnde Bande um uns, welche oft selbst die Leidenschaft nicht zerreißen kann. Der, für einen Augenblick zertretene Epheu richtet sich bald wieder auf, und umschlingt nur fester die Eiche. Geben wir jeder Epoche unseres Daseins nicht mehr, als sie grade fordert. Vor Allem bedarf ich jetzt nur Ihrer Gegenwart, Ihres Bleibens. Sie sind hier fremd, keine Bande halten Sie hier zurück, und die Angst vor einer plötzlichen Abreise verfolgt mich unaufhörlich. Wenn Sie mich jetzt verließen, hätten Sie damit Alles gesagt; nichts bliebe mir dann von Ihnen, nichts als mein Schmerz. Diese Natur, diese Kunst, diese ganze Poesie, die ich mit Ihnen, und ach! jetzt einzig nur mit Ihnen fühle, – sie würden alle für mich verstummen! Ich erwache nur mit Zittern; wenn ich den sonnigen Morgen sehe, weiß ich nicht, ob er mich mit seinen goldenen Strahlen betrügt, ob Sie noch da sind, Sie, das Gestirn meines Lebens. Oswald, nehmen Sie mir diese Furcht, dann könnte mir nichts über diese schöne Gegenwart gehen.« – »Sie wissen, Corinna«, antwortete Oswald, »daß niemals ein Engländer seiner Heimat entsagt, daß der Krieg mich zurückrufen kann, daß...« – »O, mein Gott!« rief Corinna, »Sie wollen mich vorbereiten...« Und sie zitterte an allen Gliedern, wie bei dem Nahen der entsetzlichsten Gefahr. »Wohlan, wenn es so ist, führen Sie mich als Gattin, als Sklavin mit...« Dann sich plötzlich fassend, fügte sie: »Oswald, Sie werden nicht abreisen, ohne mich vorher davon benachrichtigt zu haben, nicht wahr? Sehen Sie: nirgend wird ein Verbrecher zur Todesstrafe geführt, ohne daß man ihm einige Stunden gönnte, sich zu sammeln. Nicht schriftlich, nein, nicht durch einen Brief dürfen Sie mir Ihre Abreise melden. Nicht wahr, Oswald, Sie selber werden es mir sagen, mich benachrichtigen, mich anhören, ehe Sie fortgehen?« – »Und würde ich es dann wohl können?« – »Wie? Sie zögern, mir die Bitte zu gewähren?« – »Nein«, erwiderte Oswald, »ich zögere nicht; Du willst es, so schwöre ich es Dir: wenn diese Abreise nothwendig ist, wirst Du es erfahren, und dieser Augenblick entscheidet dann über Dich und mich.« Sie ging hinaus.

Zweites Kapitel.

In den, auf Oswalds Krankheit folgenden Tagen vermied Corinna vorsichtig Alles, was eine Erklärung zwischen ihnen herbeiführen konnte. Sie wünschte des Freundes Leben so viel als möglich zu verschönern, doch wollte sie ihm immer noch nicht ihre Geschichte anvertraun. Aus ihren bisherigen Gesprächen schloß sie mit Ueberzeugung auf den Eindruck, welchen die Kenntniß dessen, was sie gewesen, und was sie geopfert, auf ihn machen werde; und nichts fürchtete sie so sehr, als daß er sich darnach von ihr lossagen möchte.

So nahm sie denn, um Oswalds leidenschaftliche Unruhe zu zerstreuen, zu einer liebenswürdigen, auch sonst schon angewendeten List ihre Zuflucht. Indem sie des Freundes Geist und Gedanken mit den Wundern der ihm noch unbekannten Kunstschätze erfüllte, hoffte sie den Augenblick zu verzögern, in welchem ihr Geschick sich aufklären, sich vollziehen sollte. In jedem anderen Gefühl, als dem der Liebe, schiene solche Unsicherheit kaum erträglich. Der Liebe aber gewährt sie süße Stunden, ihr breitet sie über jede gerettete Minute einen schwermüthigen Zauber. Diese ungewisse Zukunft eben verleiht der Gegenwart den Rausch, und läßt das arme Frauenherz einige Stunden des Glückes oder Schmerzes wie eine Ewigkeit hinnehmen, so von Empfindungen und Gedanken sind sie überfüllt!

O, gewiß! Nur durch die Liebe lernt man die Ewigkeit verstehen. Sie tilgt alle Zeitbegriffe, verwirrt alle Vorstellungen von Anfang und Ende. Man glaubt den Geliebten immer geliebt zu haben, denn es ist ja so schwer zu begreifen, daß man ohne ihn hat leben können. Je entsetzlicher die Trennung, je unwahrscheinlicher dünkt sie uns. Wie der Tod, wird sie eine Furcht, von der wir mehr sprechen, als wir daran glauben. Wie der Tod, wird sie eine Zukunft, die ganz unmöglich scheint, wenngleich man sie unabwendbar weiß.

Als einen der unschuldigen Kunstgriffe, mit welchen Corinna Oswalds Vergnügungen wechselreicher zu machen suchte, hatte sie es sich bisher noch vorbehalten, ihm die Skulpturen und Gemälde zu zeigen. Nun schlug sie eines Tages die Besichtigung des Schönsten aus diesen Sammlungen vor. »Es ist eine Schande«, sagte sie lächelnd, »daß Sie weder unsere Statuen, noch unsere Bilder kennen, und morgen muß mit der Reise durch die Museen begonnen werden.« – »Weil Sie es so wollen, bin ich bereit«, erwiderte Lord Nelvil. »Doch Corinna, Sie bedürfen in Wahrheit dieser fremden Hülfsmittel nicht, um mich an Sie zu fesseln. Vielmehr ist es mir ein Opfer, wenn ich, für was es auch sei, den Blick von Ihnen abwenden muß.«

Sie gingen zuerst nach dem Vatican, diesem Palast der Statuen, wo man die menschliche Gestalt durch das Heidenthum ebenso vergöttlicht sieht, als das Christenthum jetzt die seelische Empfindung verklärt. Corinna zeigte Lord Nelvil diese feierlich-stillen Säle, wo die Bilder der Götter und Heroen versammelt stehen, wo die vollendete Schönheit, in ewiger Ruhe, sich selbst zu genießen scheint. In der Betrachtung dieser wundervollen Züge und Formen offenbart sich uns die große Absicht, in welcher Gott dem Menschen so edle Gestalt verlieh, und das Verstehen dieser Absicht erhebt die Seele zu hohen Vorsätzen von Tugend und Pflicht. Denn Schönheit ist Tugend; es giebt nur Eine Schönheit im Weltall, und unter welcher Form sie sich auch darbiete, sie erregt im Menschenherzen immer religiöse Erhebung. Welche Poesie in diesen Angesichtern, in denen der erhabenste Ausdruck auf ewig festgehalten ist, in denen große Gedanken so würdig zur Anschauung kommen.

Ein Bildhauer des Alterthums machte zuweilen im Leben nur Eine Statue; aber sie war dann seine ganze Geschichte. Täglich vervollkommnete er sie; wenn er liebte, wenn er geliebt wurde, wenn er von der Natur oder der Kunst neue Eindrücke empfing, halfen dieses Lieben, diese Erinnerungen ihm sein Ideal zu verschönern; so ward sein Werk nur eine sichtbare Verkörperung seines eigenen innersten Wesens.

In unseren Tagen, inmitten eines kalten, einschränkenden Gesellschaftszustandes ist der Schmerz die edelste, menschliche Regung, und wer heute nicht gelitten hat, hat auch nichts gedacht, nichts gefühlt, nichts gelebt. Im Alterthum gab es etwas Edleres als den Schmerz, und das war die heroische Ruhe, das Gefühl der Kraft, das sich unter freien und großartigen Institutionen breit entfalten durfte. Die schönsten Statuen der Griechen haben fast immer nur die Ruhe ausgesprochen. Laokoon und Niobe allein sind Bilder des heftigsten Schmerzes; doch zeigen sie Beide nur die Rache des Himmels, nicht die aus der menschlichen Seele geborenen Leidenschaften. Die Organisation des sittlichen Wesens war bei den Alten eine so gesunde, so frei und kühn athmete ihre kräftige Brust, so entsprechend waren die Einrichtungen des Staats ihren Fähigkeiten, daß es da selten, wie heutigen Tages, unbefriedigte, mißgestimmte Geister gab. Zwar wird durch solche Stimmung eine feinere, mehr individuelle Sinnesart sehr gefördert; doch liefert sie den Künsten nicht, und besonders nicht der Bildhauerkunst, die schlichten, primitiven Grundlagen des Gefühls, welche allein der ewige Marmor schön und einfach wiedergeben kann.

Kaum daß sich einige Spuren von Schwermuth in ihren Statuen finden. Ein Kopf des Apollo im Palast Justiniani, und einer des sterbenden Alexander, sind die einzigen, welche eine in Leid und Tiefsinn versenkte Seele ausdrücken; aber sie stammen aller Wahrscheinlichkeit nach beide aus einer Zeit, als Griechenland unterjocht war.

Wenn der Geist von außen her nicht Nahrung ziehen kann, kehrt er in sich selbst zurück; er arbeitet und wühlt in den innern Empfindungen, er zersetzt sie förmlich, aber er besitzt nicht mehr die schaffende Kraft, nicht mehr jene Fülle von Begabung, wie sie nur das Glück in uns zu entwickeln vermag. Selbst die Sarkophage der Alten sind noch mit kriegerischen oder heiteren Gebilden geschmückt; es finden sich deren viele im Vatican; sie zeigen allerlei Schlachtscenen und Spiele, in Basrelief ausgeführt. Die Erinnerung an die Thaten oder doch an die Thätigkeit des Lebens war die schönste Verehrung, die man den Todten darbringen zu können glaubte. Nichts schwächte, nichts verminderte die Kräfte. Aufmunterung und Nacheifer waren das Princip der Künste sowohl, als der Politik; alle Tugenden, wie alle Talente, fanden ihre Stelle. Der Alltagsmensch setzte seinen Ruhm darein, bewundern zu können, und der Kultus des Genies wurde von denen besorgt, die auf seine Kronen keinen Anspruch machen konnten.

Die Religion der Griechen war nicht, wie das Christenthum, der Trost der Unglücklichen, der Reichthum der Armen, die Zukunft des Sterbenden. Jene wollte Ruhm und Triumph, wollte, so zu sagen, die Apotheose des Menschen. In ihrem vergänglichen Gottesdienst war selbst die Schönheit ein religiöser Lehrsatz. Wenn die Künstler sich genöthigt sahen, niedrige oder wilde Leidenschaften darzustellen, so retteten sie die menschliche Gestalt vor dieser Demüthigung, indem sie ihr, wie bei den Faunen und Centauren, Thierzüge hinzufügten. Und um der Schönheit ihren vollendetsten Charakter zu geben, vereinigten sie zuweilen, sowohl in männlichen, als weiblichen Standbildern, die Vorzüge beider Geschlechter, gaben sie der Kraft die Milde, der Milde die Kraft. Solche glückliche Mischung zweier entgegengesetzter Eigenschaften, ohne welche keine von beiden vollkommen ist, findet sich z. B. an der kriegerischen Minerva und bei dem Apollo Musagetes.

Corinna bat Oswald, etwas länger vor den schlafenden Bildsäulen zu verweilen, welche meist auf Gräbern gefunden wurden. In ihnen zeigt die Skulptur sich stets von ihrer anziehendsten Seite. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß eine Statue, welche in einer Handlung begriffen dargestellt ist, uns durch die gleichsam plötzlich erstarrte Bewegung zuweilen eine Art peinlichen Erschreckens hervorrufe. Wogegen ein im Schlummer, oder doch in tiefster Ruhe daliegendes Marmorbild jenes ewige Stillschweigen ausdrücke, das so gut zu der Stimmung paßt, welche der Süden in dem Menschen hervorruft. Im Süden scheint es, als sei die Kunst nur die friedliche Beschauerin der Natur, als sei das Genie, das im Norden die Seelen so stürmisch aufrührt, dort nur noch eine Harmonie mehr.

Sie betraten jetzt den Hof, wo die Steinbilder der Thiere, der Reptilien stehn; die Statue des Tiberius befindet sich mitten unter ihnen. Das ist ohne Absicht geschehn. Wie von selbst haben sich diese Gebilde um ihren Herrn geschaart. Ein anderer Saal enthält die düstern und strengen Monumente der Egypter. Bei diesem Volke, das durch seine leblosen, schwerfälligen und sklavischen Institutionen so viel als möglich das Leben dem Tode ähnlich zu machen suchte, scheinen auch die Werke der Kunst mehr seinen Mumien, als dem Leben nachgebildet. Ihre Thierbilder sind am vortrefflichsten, während sie in das Reich der Seele nicht einzudringen vermochten.

Hieran schließen sich nun die Säulenhallen des Museums, wo man mit jedem Schritt auf ein neues Meisterwerk trifft. Vasen, Altäre, Zierrathen aller Art umgeben den Apollo, Laokoon und die Musen. Hier lernt man Homer und Sophokles verstehen, hier offenbart sich uns eine Erkenntniß des Alterthums, wie sie sich anderswo nie erreichen ließe. Umsonst verläßt man sich auf das Lesen der Geschichte, um den Geist der Völker zu begreifen. Gesehenes erweckt viel mehr Ideen als Gelesenes, und diese in ihrer Aeußerlichkeit wiedergegebenen Gegenstände wirken mit belebender Kraft, die uns das Studium der Vergangenheit mit dem Interesse und dem Leben erfassen hilft, wie wir es den Menschen und Thatsachen aus der Jetztzeit entgegenbringen.

Inmitten dieser stolzen Arkaden, dieser Freistätte so vieler Herrlichkeit, giebt es ewigströmende Springbrunnen, deren Wasser uns leise rauschend erzählen, daß sie vor zweitausend Jahren den großen Schöpfern dieser Wunderwelt schon ihr träumerisches Lied gesungen. Doch den wehmüthigsten Eindruck empfängt man im Museum des Vaticans, wo die Trümmer einstiger Steinbilder angehäuft sind; ein Torso des Herkules, Köpfe, die von den Leibern getrennt sind, ein Fuß des Jupiter, der ein größeres und vollkommeneres Standbild des Gottes, als alle bisher gekannten, voraussetzen läßt. Man glaubt das Schlachtfeld zusehen, wo die Zeit mit dem Genius gerungen, und diese zerstückten Glieder bezeugen ihren Sieg und unsere Verluste.

Nachdem sie den Vatican verlassen, führte Corinna Oswald vor die Kolosse des Monte Cavallo, die, wie es heißt, Castor und Pollux vorstellen. Jeder der beiden Heroen zügelt, jedoch nur mit einer Hand, ein wildes, sich bäumendes Pferd. Diese Riesenformen, dieser Kampf des Menschen mit dem Thier, giebt, wie alle Werke der Alten, eine bewundernswürdige Vorstellung von der physischen Kraft der menschlichen Natur; und hier hat dieselbe zugleich einen Adel, wie er sich heutzutage, wo alle körperlichen Uebungen meist dem geringeren Volke überlassen werden, nicht mehr vorfindet. Es ist nicht blos die thierische Kraft des menschlichen Organismus, welche in diesen Meisterwerken wiedergegeben ist. Bei den Alten, die unaufhörlich im Kriege, und zwar in einem Kriege von Mann gegen Mann, lebten, war die Verwandtschaft der sinnlichen und sittlichen Eigenschaften eine viel innigere als bei uns; Kraft des Körpers und Adel der Seele, Würde im Angesichte und Stolz im Charakter, die Höhe der Gestalt und der Blick eines Herrscher-Geistes waren unzertrennliche Vorstellungen, ehe eine übersinnliche Religion die Vollkommenheit des Menschen in seiner Seele gipfeln ließ. Corinna und Lord Nelvil beschlossen ihr schönes Tagewerk mit einem Besuch in der Werkstätte Canova's, des größesten modernen Bildhauers. Man zeigte ihnen dieselbe, da es schon zu dunkeln begann, bei Fackelschein, und dadurch gewinnen Bildwerke ungemein. Die Alten wußten dies, da sie ihre Statuen vorzugsweise gern in den Bädern aufstellten, wo das Tageslicht nicht eindrang. Beim Fackelschein dämpft der vermehrte Schatten des Marmors glänzende Einförmigkeit, und zeigt uns blasse Gestalten von milderem, anmuthigerem Leben. Hier bei Canova stand ein wundervolles, für ein Grab bestimmtes Marmorbild: der Genius des Schmerzes, gelehnt an einen Löwen, an das Symbol der Kraft. Corinna glaubte in diesem Genius einige Ähnlichkeit mit Oswald zu finden, und auch der anwesende Meister war davon betroffen. Lord Nelvil trat zurück, um solches Vergleichen zu vermeiden, doch sagte er der Freundin leise: »Ich war, ehe ich Ihnen begegnete, zu diesem ewigen Schmerz verurtheilt. Sie aber haben mein Leben umgestaltet; jetzt füllt zuweilen Hoffnung, und immer süßeste Erregung das Herz, das sich nur noch bestimmt glaubte zu leiden.«

Drittes Kapitel.

Rom vereinigte damals die größten Meisterwerke der Malerei; es waren keine reicheren Sammlungen auf der Welt anzutreffen. In einem Punkte läßt sich über die Wirkung dieser Schätze streiten: sind die, von den großen italischen Künstlern zur Darstellung gewählten Gegenstände geeignet, der Malerei Gelegenheit zu geben zu dem vollen Ausdruck all der Vielseitigkeit der Leidenschaften, all der Eigenthümlichkeit der Charaktere, dessen sie doch fähig ist? Oswald und Corinna waren hierüber abweichender Meinung. Aber dieses, wie alles sonstige Auseinandergehen ihrer Ansichten hing mit der Verschiedenheit der Nationalität, des Klima's und der Religion zusammen. Corinna behauptete, die religiösen Gegenstände seien für die Malerei die günstigsten. Die Bildhauerei, meinte sie, sei die Kunst des Heidenthums, die Malerei die des Christentums; in diesen Künsten, wie in der Poesie, finde man dasselbe Verhältniß wieder, das auch in der klassischen und modernen Literatur bestehe. Die Werke von Michel Angelo, dem Darsteller der biblischen Geschichte, und die von Raphael, dem Maler des Evangeliums, setzen ebenso viel Tiefe und Gefühl voraus, als man in Shakespeare und Racine nur finden kann. Die Bildhauerkunst vermag nur das kraftvolle, einfache, äußere Dasein darzustellen, während die Malerei die Geheimnisse der Innerlichkeit andeutet und so, mit vergänglichen Farben zwar, der unsterblichen Seele Sprache leiht. Corinna meinte auch, daß die, aus der Geschichte oder der Dichtung entnommenen Stoffe selten malerisch seien; zum Verständniß solcher Bilder bedürfte man oft noch des alten Brauches, der die Worte der dargestellten Personen, auf ein Band geschrieben, aus dem Munde flattern läßt; dagegen würden religiöse Stoffe sogleich von aller Welt verstanden, und bei ihnen werde die Aufmerksamkeit nicht durch das Rathen, was sie vorstellen, von der Kunst abgezogen.

Sie hielt die Ausdrucksweise der modernen Maler oft für theatralisch, und zu sehr im Gepräge ihres Jahrhunderts, das die Einfalt, die von der Antike entlehnte Ruhe nicht mehr kennt, welche Perugino und Leonardo da Vinci noch beibehalten, und mit dem tiefen Gefühl des Christenthums vereinigt haben. Corinna bewunderte die ungekünstelte Composition Raphaels, besonders die seiner ersten Manier. Hier sind alle Figuren einem Hauptgegenstande zugewendet, ohne daß es scheint, als ob der Künstler sie in Stellungen zu gruppiren und auf den Effekt hinzuarbeiten suchte. In allen Zweigen der Kunst ist diese Redlichkeit das Kennzeichen des wahren Genie's; die Berechnung des Effekts zerstört fast immer die Begeisterung. Wie in der Poesie, fuhr Corinna fort, so gebe es auch in der Malerei eine Rhetorik; alle, die nicht verständen zu charakterisiren, nähmen zu schmückenden Nebendingen ihre Zuflucht, zu dem Blendwerk eines auffälligen Sujets, zu reichen Costümen und prächtigen Stellungen. Eine schlichte Jungfrau mit dem Kinde, ein betender Greis, eine heilige Cäcilie, das seien Gegenstände, an welchen man nicht nur trotz ihrer Einfachheit, sondern wegen derselben täglich neue Schönheiten entdecke, während die Effektstücke keine Steigerung des Eindrucks mehr zulassen, und der erste Blick daher immer der genußbringendste bleibe.Anmerkung der Autorin: In einem Journal, Europa, waren tiefe vortreffliche Bemerkungen über Gegenstände der Malerei zu finden; sie sind von Friedrich Schlegel. Mehrere der hier eingeflochtenen Betrachtungen sind ihm entnommen. Dieser Schriftsteller ist eine Fundgrube des Wissens, wie die deutschen Denker es überhaupt sind.

Corinna fügte diesen Bemerkungen noch eine andere, sie unterstützende hinzu: weil das religiöse Gefühl der Griechen und Römer, wie überhaupt ihre ganze Geistesstimmung uns nicht mehr angemessen sein können, ist es uns unmöglich, in ihrem Sinne zu schaffen, so zu sagen: auf ihrem Grund und Boden zu erfinden. Durch Studium kann man sie nachahmen; doch wie sollte das Genie sich frei bei einer Arbeit aufschwingen können, zu welcher Gedächtniß; und Gelehrsamkeit so nothwendig wären. Mit Gegenständen, die in unsere eigene Geschichte, unsere eigene Religion gehören, verhält es sich anders. An diesen können die Maler sich persönlich begeistern, können fühlen, was sie malen, und malen, was sie gesehen haben. Das Leben dient ihnen, das Leben auszusinnen; während sie, wenn sie sich ins Alterthum versetzen, nach Büchern und Statuen erfinden müssen. Kurz, Corinna schätzte die religiösen Gemälde als eine, mit nichts zu ersetzende Wohlthat für das Gemüth; und auch in dem Künstler, der sie geschaffen, könne man, meinte sie, stets jene heilige, den Genius belebende und kräftigende Begeisterung voraussetzen, die allein vor Lebensüberdruß und den Ungerechtigkeiten der Menschen zu schützen vermöge.

Oswalds Eindrücke wichen in mancher Beziehung von dem Gesagten ab. Vor Allem nahm er Aergerniß daran, daß man die Gestalt der Gottheit in sterblicher Hülle darstelle, wie es Michel Angelo gethan. Er meinte, die Einbildungskraft dürfe es nicht wagen, der Gottheit äußerliche Form zu geben, da man ja kaum in seinem innersten Denken sich von dem höchsten Wesen eine Vorstellung zu machen im Stande sei, die übersinnlich, die überirdisch genug wäre; und was die, aus der heiligen Schrift genommenen Vorlagen betrifft, schien es ihm, als ob in dieser Gattung die Auffassung und der Ausdruck der Bilder noch viel zu wünschen übrig ließen. Er glaubte mit Corinna, daß religiöse Andacht das innigste menschliche Gefühl sei, und in dieser Hinsicht also auch den Malern die schönsten Geheimnisse in Physiognomie und Blick auszusprechen gestatte; da aber die Religion alle nicht aus ihr entspringenden Regungen der Seele verwerfe, könnten die Gestalten der Märtyrer und Heiligen begreiflicherweise nicht sehr mannigfaltig sein. Die Demuth, diese Tugend vor Gott, schwächt die Kraft der irdischen Leidenschaften und giebt nothwendig den meisten heiligen Gegenständen viel Einförmiges. Wenn Michel Angelo mit seinem groß-entsetzlichen Talente diese biblischen Stoffe malen wollte, hat er deren Geist fast verändert, indem er seinen Propheten einen herrschenden, fast schreckenerregenden Ausdruck gab, der eher einem Jupiter, als einem Heiligen ziemte. Oft bediente er sich heidnischer Bilder, wie Dante es gethan, und vermischte die Götterlehre mit der christlichen Religion. Der wundervolle Umstand, daß die Einsetzung des Christenthums von den Aposteln, nämlich von Menschen aus niederstem Stand, einem geknechteten und elenden Volke verkündet ward, daß mithin so geringe Mittel so große Erfolge lieferten, ist an sich, ist für die sittliche Betrachtung gewiß ein sehr schöner Gegensatz. Aber für die Malerei, die eben doch nur diese Mittel zur Anschauung bringen kann, werden die biblischen Gegenstände niemals so wirkungsvoll sein, als die aus sagenhaften, heroischen Zeiten entlehnten. Von allen Künsten kann nur die Musik rein religiös sein. Mit so träumerischem, unbestimmtem Ausdruck, als Töne ihn geben, darf die Malerei sich nicht genügen lassen. Zwar kann eine glückliche Vereinigung von Farbe, von Schatten und Licht gewisse, wenn ich so sagen darf, musikalische Effekte in der Malerei erzielen; da diese indeß das Leben darstellen soll, fordert man auch von ihr die Schilderung der Leidenschaft in all ihrer Macht und Großartigkeit. Dann sollte man auch von geschichtlichen Thatsachen nur solche wählen, die bekannt genug sind, um ohne Studium verstanden werden zu können; denn Gemälde, wie alle schöne Kunst, sollen plötzlich und schnell wirken. Wenn aber ein historischer Stoff ebenso klar verständlich ist, als ein biblischer, so hat er vor diesem den größeren Reichthum an Situationen und Gefühlen voraus.

Auch müßte man, fuhr Lord Nelvil fort, vorzugsweise Scenen aus Tragödien, oder doch aus sehr ergreifenden Gedichten malen, damit sich Alles vereinige, was Fantasie und Gefühl zu erheben vermag. Aber Corinna bestritt auch diese, freilich verführerische Ansicht. Sie war überzeugt, daß mit dem Eingreifen der einen Kunst in die Rechte der anderen Beiden Schaden geschehe. Die Skulptur büßt die, ihr eigenthümlichen Vortheile ein, wenn sie nach den Gruppen der Malerei strebt; die Malerei, wenn sie dramatischen Ausdruck erreichen will. Die Künste sind beschränkt in ihren Mitteln, wiewohl schrankenlos in ihren Wirkungen. Das Genie sucht niemals das ureigene Wesen der Dinge zu bekämpfen; vielmehr besteht grade seine Ueberlegenheit darin, dasselbe zu errathen, zu offenbaren. »Sie, theurer Oswald, Sie lieben die Künste nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen ihrer Beziehung auf Gefühl und Geist. Sie werden nur da, wo sie unsere Schmerzen schildern, von ihnen ergriffen. Musik und Poesie sind solcher Seelenstimmung angemessen; während die bildenden Künste, wie ideal auch ihre Bedeutung sei, uns nur dann erfreuen und interessiren, wenn das Gemüth ruhig, wenn unsere Fantasie unbeschäftigt ist. Um sie zu genießen, bedarf man zwar nicht der Fröhlichkeit, aber doch innerer Heiterkeit; bedarf man eines wohligen Behagens an der allgemeinen Harmonie der Natur. Und wenn wir nun von Grund aus bekümmert sind, dann tragen wir diese Harmonie nicht mehr in uns, dann haben wir sie verloren: das Unglück hat sie zerstört.«

»Ich weiß nicht«, entgegnete Oswald, »ob ich in den schönen Künsten wirklich nur suche, was mir die Qualen innerlichen Leides zurückrufen kann; aber dies weiß ich, daß der, durch sie dargestellte physische Schmerz mir ganz unerträglich ist. Mein stärkster Einwurf gegen die christlichen Gegenstände der Malerei kommt aus der widerlichen Empfindung, welche mir die Abbildung der Wunden, des Blutes, der Todesangst verursacht, wenngleich ich zugebe, daß die Begeisterung jener Opfer eine erhabene ist. Philoctet ist vielleicht das einzige tragische Sujet, wo die Darstellung des körperlichen Schmerzes zulässig erscheint. Aber mit wie vielen poetischen Nebenumständen sind dessen grausame Leiden auch umgeben. Die Pfeile des Herkules verursachten sie, der Sohn Aeskulaps soll sie heilen; diese Wunde ist mit der sittlichen Betrübniß, welche sie dem Getroffenen bereitet, völlig eins geworden und kann durchaus nicht Ekel erregen. Wogegen die Gestalt des Besessenen in Raphaels wundervoller Transfiguration ein unangenehmer Anblick ist, dem alle Würde der Kunst fehlt. An solchem Gegenstand sucht man, und fürchtet man, die genaueste Nachahmung des Wirklichen herauszufinden. Welches Vergnügen kann aber solche ängstliche Nachahmung gewähren? Wir wollen die Süßigkeit des Schmerzes, das Schwermüthige des Glückes, kurz, wir wollen, daß uns das menschliche Geschick von der Kunst im Ideal vorgehalten werde.«

»Sie haben Recht, Mylord, wenn Sie alles Peinliche aus den biblischen Hergängen entfernt wünschen«, sagte Corinna, »es ist auch nicht nothwendig. Aber geben Sie mir dagegen zu, daß das Genie Alles zu besiegen weiß. Sehen Sie Domenichino's Tod des heiligen Hieronymus. Der Körper des ehrwürdigen Sterbenden ist farblos und abgezehrt, der Tod steigt schon auf zu seinem Herzen. Doch aus diesem Blick spricht ewiges Leben, und alles Elend der Welt scheint ihm nur da zu sein, um vor dem reinen Glanz eines frommen Bewußtseins zu verschwinden. Indessen, wenn ich auch nicht in Allem Ihrer Meinung bin, theurer Oswald«, fuhr Corinna fort, »so will ich Ihnen doch zeigen, daß selbst in unserem Auseinandergehen noch Vereinigung ist. In meinem Landhause zu Tivoli besitze ich eine Sammlung von Gemälden mir befreundeter Künstler, die, glaube ich, nach Ihrem Sinne ist. Sie können dort die Mängel und die Vorzüge der von Ihnen befürworteten Richtung gegen einander halten. Das Wetter ist schön! Wollen wir morgen nach der Villa hinaus?« – Und da sie auf seine Zustimmung zu warten schien, sagte er: »Liebe, zweifeln Sie an meiner Antwort? Giebt es für mich auf der Welt ein anderes Glück, einen anderen Gedanken als Sie? Und ist mein Leben, das von Beschäftigung und Interessen vielleicht zu frei geblieben, ist es nicht einzig und allein von der Seligkeit erfüllt, Sie zu hören, und zu sehen?«

Viertes Kapitel.

So fuhren sie denn am folgenden Tage nach Tivoli. Oswald hatte die Zügel von vier feurigen Rossen in Händen, deren flüchtiger Lauf ihn erfreute; solche Schnelligkeit der Bewegung giebt immer ein gesteigertes Lebensgefühl, und dies an der Seite des Geliebtesten zu empfinden, ist reines, ist holdes Glück. Aus Besorgniß für Corinna lenkte Oswald den Wagen mit äußerster Vorsicht, wie er ihr denn in Allem jene schützende Aufmerksamkeit bewies, welche stets das zarteste Band ist zwischen dem Manne und der Frau. Corinna war vor einer möglichen Gefahr nicht ängstlich, wie die meisten Frauen es sind. Doch Oswalds Fürsorge gewährte ihr so seliges Behagen, daß sie fast gewünscht hätte, furchtsam zu sein, nur um sich von ihm beruhigen zu lassen.

Was Lord Nelvil so großen Einfluß über das Herz der Freundin gab, waren, wie man es in der Folge sehen wird, die unerwarteten Widersprüche, welche seinem ganzen Wesen einen eigenen Reiz verliehen. Alle Welt bewunderte seinen Geist und die Anmuth seiner Gestalt; indessen mußte er eine Frau noch besonders anziehen, die, wie Corinna, in schöner Eigenart Beständigkeit und feurige Erregtheit in sich vereinte, deren Herz so reich an Liebe war, und doch so treu! Stets war er nur mit ihr beschäftigt, aber dieses Beschäftigsein nahm unaufhörlich neue Formen an. Bald überwog Zurückhaltung, bald Hingebung; jetzt war er sanft und innig, um darauf in düstre Bitterkeit zu verfallen, welche zwar die Tiefe seines Gefühls bewies, aber dem Vertrauen doch auch die Unruhe beimischte, und zu immer neuen Erschütterungen Anlaß gab. Man könnte sagen, daß grade Oswalds Fehler seine Vorzüge noch mehr zur Geltung brachten. Kein noch so ausgezeichneter Mann würde ohne diese Widersprüche, ohne diesen kampfbereiten Geist so viel Gewalt über sie gewonnen haben. Eine Art Furcht vor Oswald machte sie ihm unterwürfig; er herrschte durch eine gute, und eine böse Macht, durch seine Eigenschaften, und durch die wunderliche Zusammensetzung dieser Eigenschaften über ihr Gemüth: kurz, es war keine Sicherheit in dem Glücke, das Lord Nelvil gewährte, und vielleicht erklärte sich eben dadurch das Hochgespannte der Leidenschaft, mit welcher Corinna ihn liebte. Vielleicht konnte sie bis zu solchem Grade nur den lieben, den sie zu verlieren fürchtete. Ihr überlegener Geist, ihr so glühendes, als zartes Gefühl konnte des Besten müde werden, nur dieses ungewöhnlichen Mannes nicht, dessen stets aufgeregter Sinn dem bald heitern, bald umwölkten Himmel glich. Oswald, immer wahr, immer tief und immer leidenschaftlich, war dennoch oft bereit, dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit zu entsagen, weil eine lange Gewohnheit des Leidens ihn glauben machte, daß eine so heiße Liebe nur Vorwurf und Herzeleid bringe.

Der Weg nach Tivoli führte sie an den Ruinen vom Palaste des Hadrian und an dem unermeßlichen Garten vorüber, der ihn umgab. In diesem Garten vereinigte einst Hadrian die seltensten Erzeugnisse, die wundervollsten Meisterwerke, welche die Römer in fremden Landen erbeutet hatten. Noch heute sieht man dort zerstreute Steine, die »Egypten«, »Asien«, »Indien« genannt werden. Etwas weiter hin war der Ruhesitz, wo Zenobia, Königin von Palmyra, ihre Tage in Zurückgezogenheit beschloß. Sie hatte sich im Unglück nicht auf der Höhe ihres Schicksals erhalten, und verstand weder für den Ruhm zu sterben, wie ein Mann, noch wie ein Weib, lieber zu sterben, als den Freund zu verrathen.

Endlich zeigte sich ihnen Tivoli, das der Aufenthalt so vieler berühmter Männer, des Brutus, Augustus, Mäcenas, Catullus war; vor Allem aber auch der des Horaz, und seine Dichtungen eben haben diesen Ort so verherrlicht. Corinnens Haus lag über dem brausenden Wasserfall des Teverone; auf dem Gipfel des Berges, dem Garten gegenüber stand der Tempel der Sibylle. Es war ein schöner Gedanke der Alten, ihre Tempel auf hochgelegener Stätte zu errichten. So herrschten diese über das Land, wie die religiöse Betrachtung über die andern Gedanken. Von allen Standpunkten aus gestaltet sich die Landschaft zu einem Bilde, dessen Mittelpunkt und edelster Schmuck immer dieser Tempel bleibt. Derartige Ruinen verleihen den italienischen Gegenden einen besonderen Reiz. Sie erinnern nicht, wie moderne Gebäude, an die Arbeit und die Nähe des Menschen, sondern sind eins mit der Natur, mit dem Waldesgrün; in treuem Einverständniß scheinen sie mit dem Bergstrom zu stehen, dem Bilde der Zeit, durch die sie wurden, was sie sind. Die schönsten Gegenden der Welt ermangeln, wenn sie nicht die Vergangenheit zurückrufen, wenn sie nicht das Gepräge merkwürdiger Ereignisse tragen, im Vergleich mit einem historischen Boden allen Interesses. Welch passenderen Aufenthalt konnte es in Italien für Corinna geben, als diese, dem Gedächtnisse einer gottbegeisterten Jungfrau geweihte Stätte? Corinnens Behausung hier war in der That entzückend; das Innere zeigte eine reiche Einrichtung in modernem Geschmack, aus welcher aber doch allenthalben die sinnige Neigung für die Schönheiten der Antike hervorlauschte; es fühlte sich aus Allem ein seltenes, geistvolles Glücksverständniß heraus, ein hoher Sinn für Lebensgenuß, um dieses Wort in seiner edelsten Bedeutung zu gebrauchen. Als Oswald mit Corinna draußen lustwandelte, glaubte er den Windeshauch süß, harmonisch ertönen zu hören; es umgab ihn leiser accordischer Wohlklang, der von den wiegenden Blumen, den sich neigenden Zweigen herabzuschweben schien, gleich einem Gesang der Natur. Es waren Aeolsharfen, welche Corinna in einer Felsengrotte des Gartens hatte anbringen lassen, auf daß die von Wohlgerüchen erfüllte Luft auch noch holder Wohllaut durchklinge. In dieser köstlichen Umgebung ward Oswald von den reinsten Gefühlen bewegt. »Hören Sie mich jetzt an, Corinna«, sagte er; »bis heute quälten mich Vorwürfe über das an Ihrer Seite gefundene Glück. Nun aber glaube ich, mein Vater sandte Sie mir, um meine Qual zu enden. Ihn hatte ich gekränkt, von ihm kommt die Verzeihung. Ja, Corinna«, rief er, indem er vor ihr niedersank, »mir ist verziehen; ich fühle es an der süßen, schuldlosen Ruhe meines Herzens. Du darfst furchtlos Dein Schicksal an das meine knüpfen; es wird Dir nicht unglückbringend sein.« – »So laß uns noch in diesem Seelenfrieden dahinleben. Rühren wir nicht an unser Schicksal; es ist oft fürchterlich, wenn man ihm vorgreifen will; wenn man mehr von ihm zu erhalten strebt, als es uns bestimmte. O, mein Freund, ändern wir nichts, da wir ja glücklich sind.« –

Lord Nelvil war von dieser Antwort verletzt. Er meinte, sie hätte verstehen müssen, daß er Alles zu bekennen, Alles zu versprechen bereit gewesen wäre, wenn auch sie ihm nun ihre Geschichte mittheilen wolle; und daß sie dies noch jetzt vermied, kränkte und bekümmerte ihn tief. Er erkannte ihr Feingefühl nicht, mit dem sie es verschmähte, seine Aufwallung zu benützen, um ihn durch einen Eid zu binden. Vielleicht auch liegt es in der Natur tiefer und wahrer Liebe, einen, wenn auch noch so ersehnten, feierlichen Augenblick zu fürchten, und nur zitternd das Glück gegen die Hoffnung einzutauschen. Oswald aber, entfernt von solcher Auffassung, glaubte, daß Corinna, bei aller Liebe für ihn, sich ihre Unabhängigkeit zu erhalten wünsche, und sorgfältig Alles meide, was sie mit unauflöslichem Band aneinander knüpfen könnte. Dieser Gedanke entrüstete ihn schmerzlich; er wurde kühl und zurückhaltend, und folgte Corinna ohne ein weiteres Wort in die Gemäldegallerie. Sie errieth sehr bald den Eindruck, den sie mit ihrer Antwort auf Oswald gemacht, allein sie kannte seinen Stolz und wagte daher nicht, etwas darüber zu erwähnen. Mit den Erklärungen der Bilder, mit Gesprächen über Allgemeines, hoffte sie ihn zu besänftigen; der rührende Klang ihrer Stimme bat um Verzeihung, wenn ihre Worte auch nur gleichgültige Gegenstände behandelten. In ihrer Gallerie war die Geschichts- und Landschaftsmalerei ebenso gut vertreten als die Gemälde, welche poetische und religiöse Stoffe behandeln. Keines der Bilder zeigte eine große Zahl von Gestalten. Das figurenreiche Genre bietet der Ausführung viele Schwierigkeiten, ohne die Wirkung zu erhöhen. Die darin enthaltenen Schönheiten sind meist zu verworren oder zu vereinzelt; und die innerliche Einheit, welche für die Kunst, wie für alles Andere, Lebensbedingung ist, wird hierbei nothwendig zerstückt. Das erste der Gemälde geschichtlichen Inhalts stellte Brutus dar, wie er, in tiefes Nachdenken versunken, am Fuße der Statue Roms sitzt. Im Hintergrunde tragen Sklaven die Leichen seiner beiden, von ihm selbst verurtheilten Söhne hinweg; zur Seite deren Mutter und Schwester in jammernder Verzweiflung. Von der Größe, welche des Herzens Empfindungen dergestalt aufzuopfern befiehlt, sind die Frauen wenigstens losgesprochen. Das auf Brutus herniederschauende Standbild Roms ist ein glücklicher Gedanke, der Alles ausspricht. Und dennoch, wie könnte man es ohne eine Erklärung wissen, daß dies der ältere Brutus ist, welcher eben an seinen Söhnen die Todesstrafe vollziehen ließ? Wiewohl es ja gar nicht möglich ist, Thatsachen genauer wiederzugeben, als hier geschehen. Man sieht in der Entfernung das noch einfache, noch schmucklose Rom; es zeigt noch keine Prachtgebäude, aber doch ist's schon ein großes Vaterland, da es zu solchen Opfern begeistern kann. »Sobald ich Ihnen Brutus nenne«, sagte Corinna zu Lord Nelvil, »sind Sie natürlich mit aller Theilnahme bei dem Bilde; aber Sie hätten es auch sehen können, ohne den Gegenstand zu errathen, und diese, den historischen Gemälden fast immer eigene Unbestimmtheit mischt dem reinen Kunstgenuß das Quälende eines Räthsels bei.

»Ich wählte diesen Gegenstand, weil er an die furchtbarste That erinnert, zu welcher je die Vaterlandsliebe getrieben hat. Das Gegenstück zu diesem Bilde ist der große Marius, den zu tödten jener Cimber sich nicht entschließen kann. Des Marius Gestalt ist imponirend, das Gewand des Andern malerisch, sein Gesichtsausdruck sehr beredt. Dies ist aus Roms zweiter Epoche, als die Gesetze zwar nichts mehr galten, das Genie aber noch mit großem Ansehn die öffentlichen Verhältnisse beeinflußte. Dann folgt der Zeitabschnitt, in welchem Talent und Verdienst nur noch mit Unglück, mit Schmach belohnt wurden. Das dritte Bild hier zeigt Belisar, wie er seinen jungen Führer, der um Almosen stehend mit ihm umherzog, todt in den Armen trägt. Von seinem Gebieter mit Undank gelohnt, blind und bettelnd, scheint es, er habe auf dieser Welt, die er sich einst unterworfen, nichts mehr zu thun, als den Leib dieses Kindes, des einzigen Wesens, das ihn nicht verließ, ins Grab zu legen. Die Figur des Helden ist hier wundervoll ausgeführt; seit unsern alten großen Malern ist kaum Schöneres gemacht worden. Des Künstlers reiche, dichterische Einbildungskraft hat hier das Unglück in all seinen Gestaltungen zusammengefaßt, es ist vielleicht zu viel für das Mitgefühl. Doch wer sagt uns, daß dies Belisar ist? Muß man der Geschichte nicht treu bleiben, wenn man sie ins Gedächtniß zurückrufen will? Und wenn man ihr treu bleibt, hat sie dann des Malerischen genug? Diesen Bildern, wo uns im Brutus die dem Verbrechen gleichende Tugend, im Marius der Ruhm als Ursache des Unglücks, im Belisar die mit schwärzestem Undank bezahlten treuen Dienste für's Vaterland, kurz all das Elend des Menschenschicksals ausgedrückt wird, wie es die Ereignisse der Geschichte, jedes in seiner Weise, erzählen, habe ich hier zwei Gemälde der alten Schule folgen lassen, die unser Gefühl heitrer anmuthen; denn sie reden von der Religion, als Trösterin der geknechteten und zerrissenen Welt, als lebenspendende Helferin für das Herz, wenn draußen nur Druck und Schweigen ist. Das erstere ist von Albano: ein auf dem Kreuze eingeschlafenes Jesuskind. Sehen Sie, welche Milde, welche Ruhe in diesem Antlitz! Welche reinen Gedanken es ausspricht! Wie läßt es ahnen, daß die Liebe zu Gott gegen Schmerzen und Tod schützt. Tizian malte das zweite Bild: Christus erliegt unter der Last des Kreuzes. Seine Mutter kommt ihm entgegen, und als sie ihn so erblickt, sinkt sie in die Kniee. Hier ist die Ehrfurcht einer Mutter vor dem Unglück und den himmlischen Tugenden ihres Sohnes sehr schön wiedergegeben. In dem Auge des Heilandes – welch ein Blick, welche Aufopferung, welche göttliche Entsagung und doch, welches Leiden! Und durch dieses Leid – welche Verwandtschaft mit unserm armen Menschenherzen! Dies ist ohne Zweifel das schönste meiner Bilder; das, zu welchem ich immer wieder aufschaue, ohne je der Rührung müde zu werden, die mich dann befällt.

»Nun kommen dramatische Gemälde«, fuhr Corinna fort, »zu welchen man den Inhalt aus vier der größesten Dichter entnommen. Helfen Sie mir über deren Wirkung urtheilen, Mylord. Hier zuerst Aeneas in den elysäischen Gefilden, der sich Dido nahen will; ihr erzürnter Schatten weicht vor ihm zurück, und scheint zufrieden, das Herz nicht mehr in der Brust zu tragen, das beim Erblicken des Strafbaren ihm noch in Liebe entgegenschlagen würde. Das Nebelhafte der Schatten, und der sie umgebenden, verblaßten Natur bildet zu den lebenskräftigen Gestalten des Aeneas und der ihn begleitenden Sibylle einen starken Gegensatz. Doch ist diese Art von Effekt nur eine Spielerei des Künstlers, und nothwendigerweise überragt die dichterische Darstellung die gemalte um Vieles. Dasselbe möchte ich auch von diesem Bilde sagen; es zeigt uns die sterbende Chlorinde und Tancred. Wie könnte es Tasso's Verse übertreffen, in denen Chlorinde dem Feinde verzeiht, der sie anbetet, und der ihr eben das Herz durchbohrte. Es heißt natürlich die Malerei der Poesie unterordnen, wenn sie ihre Vorlagen Stoffen entlehnt, die große Dichter schon behandelt haben; denn von den Worten dieser bleibt doch ein Eindruck, welcher alles Andere auslöscht, und die höchste Stärke der von ihnen gewählten Situationen liegt immer in der Aufwendung erhabener Beredsamkeit, in der Entwickelung großer Leidenschaften. Während die Malerei für ihre Effekte die friedlichste Schönheit, einfach edle Stellungen, und vor Allem solche Momente der Ruhe wählen muß, welche des Festhaltens würdig sind und niemals das Auge des Beschauers ermüden.

»Ihr furchtbar-großer Shakespeare, Mylord, hat zu dem dritten dramatischen Bilde den Stoff gegeben. Dies ist Macbeth, der unbezwungene Macbeth, der, als er im Begriffe ist, mit Macduff zu kämpfen, dessen Gattin und Kinder er getödtet hat, erfährt, daß die Prophezeiung der Hexen sich erfülle, daß der Wald von Birnam im Vorrücken, und sein Gegner kein von einem Weibe Geborener sei. Macbeth wird von seinem Schicksal, nicht vom Feinde besiegt. Hier hält er nun das Schwert in der verzweifelnden Hand; er weiß, daß er sterben muß, doch will er versuchen, ob die menschliche Kraft nicht das Schicksal zu bezwingen vermag. Gewiß liegt in diesem Kopfe ein schöner Ausdruck von Verwirrung und Muth, von Wahnsinn und Energie; aber auf wie viele Schönheiten der Dichtung muß man nicht dennoch verzichten! Ist der, durch das Blendwerk des Ehrgeizes ins Verbrechen gelockte Macbeth zu malen? Wie sein Entsetzen ausdrücken, neben welchem er doch den unerschrockensten Muth zeigt? Wie den Aberglauben, der ihn quält? Diesen Glauben ohne Würde, diese auf ihm lastende Fatalität der Hölle, seine Verachtung des Lebens, seine Furcht vor dem Tode? »Wohl ist das menschliche Angesicht das größeste der Geheimnisse; doch kann es, auf einem Bilde festgehalten, kaum mehr als ein einziges Gefühl in seiner ganzen Tiefe ausdrücken; die Gegensätze, die Kämpfe, eine Folge von Ereignissen endlich, gehören der dramatischen Kunst. Nur schwer kann die Malerei Nacheinanderfolgendes geben: Zeit und Bewegung sind für sie nicht da.

»Racine's Phädra gab den Inhalt zum vierten Bilde her«, sagte Corinna, indem sie es Lord Nelvil zeigte, »Hippolyt, der in aller Blüthe der Jugend und Unschuld strahlende, weist die arglistigen Beschuldigungen seiner Stiefmutter von sich. Held Theseus steht noch der Gattin bei, er umschlingt sie mit seinem tapferen Arm. Phädra's Gesicht ist von abschreckender Verwirrung entstellt; ihre gewissenlose Amme redet ihr leise zu, um sie in der Vollbringung des Verbrechens zu bestärken. Der Hippolyt dieses Bildes ist vielleicht schöner, als selbst der des Racine; er gleicht hier mehr dem antiken Meleager, weil keine Liebe für Aricia den Eindruck seiner scheuen, edlen Tugend beeinträchtigt. Aber wie läßt sich's begreifen, daß Phädra in Hippolyts Gegenwart ihre lügenhafte Anklage aufrecht zu erhalten vermochte, daß sie ihn unschuldig und verfolgt sah, und nicht zu seinen Füßen lag? Eine beleidigte Frau kann den Geliebten wohl in seiner Abwesenheit schmähen, doch sobald sie ihn sieht, ist in ihrem Herzen nur Liebe. Der Dichter hat, seit Phädra Hippolyt verläumdete, die Beiden auf der Scene nicht mehr einander gegenüber gestellt. Der Maler mußte dies, um, wie er hier gethan, die Schönheit solchen Gegensatzes zur Geltung zu bringen. Und giebt dieser Fall nicht Zeugniß davon, wie groß der Unterschied zwischen einem dichterischen und malerischen Sujet ist, und wie viel besser es wäre, wenn die Dichter zu Gemälden Verse machten, als daß die Maler zu den Dichtungen Bilder malen. Die Einbildungskraft soll immer dem Gedanken vorauseilen; dies wird uns durch die Geschichte des menschlichen Geistes bewiesen.«

Corinna hatte mehrere Mal in ihren Erklärungen inne gehalten, hoffend, daß Lord Nelvil etwas hinzufügen werde, aber dessen verletztes Gefühl verrieth sich nur durch Schweigen. Hievon äußerst gedrückt, setzte sie sich endlich, und barg das Gesicht in den Händen. Lord Nelvil, sichtlich erregt, ging eine Weile im Zimmer auf und ab, dann näherte er sich ihr, und war schon im Begriff sie anzuklagen, sich dem Ausdrucke seines gekränkten Gefühls zu überlassen; allein eine unüberwindliche Regung des Stolzes hielt ihn davon ab, und er trat von Neuem vor die Bilder, als erwarte er, daß Corinna in ihren Betrachtungen fortfahre. Sie hoffte viel von der Wirkung des letzten Gemäldes, und ihrerseits sich nun zu scheinbarer Ruhe zwingend, erhob sie sich wieder und sagte: »Mylord, es bleiben mir noch drei Landschaften zu zeigen. Zwar liebe ich die ländlichen Scenen eben nicht sehr, da sie, wenn sie sich nicht auf die Sage oder Geschichte beziehen, meist fade, wie Idyllen, sind. Das Beste in dieser Gattung scheint mir die Manier von Salvator Rosa. Wie Sie es in dieser Landschaft sehen, stellt er Felsen, Bäume, Wasser und Berge dar, ohne daß ein lebendes Wesen, und wäre es auch nur ein Vogel in seinem Flug, diese leblose Ruhe störte. Die Abwesenheit des Menschen in der Natur regt tiefes Nachdenken an. Was wäre eine unbevölkerte Erde? Ein Werk ohne Zweck, und doch, welch ein schönes Werk, das geheimnißvoll dann nur noch allein vor Gott ausgebreitet läge.

»Endlich hier zwei Stücke, in denen, nach meiner Meinung, sich Geschichte und Poesie auf's Glücklichste mit der Landschaft verbinden.Anmerkung der Autorin: Die historischen Gemälde in Corinna's Sammlung sind theils Kopien, theils Originale des Brutus von David, des Marius von Drouet und des Belisar von Gerard. Unter den andern hier angeführten ist Dido von Rehberg, einem Deutschen; das der Clorinde ist in der Gallerie zu Florenz; Macbeth ist aus der englischen Sammlung der Gemälde zum Shakespeare und das der Phädra ist von Guerin; die beiden Landschaften von Cincinnatus und von Ossian sind zu Rom; Wallis, ein Engländer, hat sie gemalt. Das eine zeigt den Augenblick, wo Cincinnatus durch die Konsuln aufgefordert wird, seinen Pflug mit dem römischen Feldherrnstab zu vertauschen. In diesem Bilde haben wir die ganze Pracht des Südens, seine Fülle der Vegetation, seinen glühenden Himmel, und jenes Lachen der Natur, das sich selbst der Physiognomie der Pflanzen mitzutheilen scheint. Und dieses andere Bild, das Gegenstück zu dem vorigen, ist der auf dem Grabe seines Vaters eingeschlafene Sohn Cairbars. Seit drei Tagen und drei Nächten erwartet er den Barden, welcher dem Gedächtniß des Vaters die letzte Ehre erweisen soll. Dieser Barde zeigt sich nun in der Entfernung, wie er von einem Berge herniedersteigt; der Geist des Vaters schwebt über den Wolken; das Feld ist mit Reif bedeckt; die entlaubten Bäume werden vom Sturme gerüttelt, mit dem ihre todten Aeste, ihre welken Blätter dahintreiben.«

Bis jetzt hatte Oswald dem, was im Garten geschehen war, noch einigen Groll nachgetragen, doch dieses Bild rief ihm das Grab des Vaters und die geliebten, schottischen Berge zurück; seine Augen füllten sich mit Thränen. Corinna nahm ihre Laute und sang eine jener schottischen Romanzen, deren schlichter Gesang in das Rauschen des Windes einzustimmen scheint. Es war eine sehr rührende Weise: der Abschied eines Kriegers, der das Vaterland und die Geliebte verläßt; das im Englischen so wohllautende, so tiefempfundene »Nimmermehr« (no more) glitt mit schwermüthigem Nachdruck von ihren Lippen. Oswald war überwältigt, und Beide vermochten sie nicht länger ihre Thränen zurückzuhalten. »O!« rief Lord Nelvil, »dies Vaterland, das meine, spricht es denn nicht auch zu Deinem Herzen? Würdest Du mit in jene einsame Zurückgezogenheit folgen, die nur durch meine Erinnerungen bevölkert ist? Könntest Du meines Lebens würdige Gefährtin sein, wie Du dessen Blüthe, dessen Zauber bist?«– »Ich glaube es«, entgegnete Corinna, »ich glaube, daß ich es könnte, weil ich Sie liebe.« – »Im Namen der Liebe und der Barmherzigkeit«, flehte Oswald, »verbergen Sie mir nichts mehr!« – »Sie wollen es durchaus? – Ich unterwerfe mich und verspreche, Alles zu enthüllen; nur die Bedingung habe ich, daß Sie es nicht noch vor dem bevorstehenden Kirchenfeste verlangen. Brauche ich doch für den Augenblick, wo mein Schicksal sich entscheidet, mehr denn je des Himmels Beistand.« – »O, Corinna!« rief Oswald, »falls ich dieses Schicksal zu entscheiden habe, dann ist es nicht mehr zweifelhaft.« – »Sie glauben das?« entgegnete sie, »mir fehlt dieses Vertrauen, und willfahren Sie, ich beschwöre Sie, meiner Bitte.« – Oswald seufzte, ohne den erbetenen Aufschub weder zu gewähren, noch zu verweigern. »Wir wollen jetzt aufbrechen und in die Stadt zurückkehren«, sagte Corinna, »wie kann ich in dieser Einsamkeit vor Ihnen schweigen; und wenn das, was ich Ihnen zu sagen habe, Sie von mir losreißt, warum sollte es so bald – Gehen wir. Was auch geschehe, Oswald, Sie werden einst hieher zurückkehren; denn meine Asche soll hier ruhen.« Oswald folgte ihr verwirrt, erschüttert. Auf dem Rückwege sprachen sie nur wenig; dann und wann sagten sie sich mit einem verständnißvollen Blicke Alles, – Alles, was zu sagen war, und als sie nach Rom kamen, waren Beide ernst und schwermüthig.

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