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Consuelo. I. Band

George Sand: Consuelo. I. Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleConsuelo. I. Band
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843
translatorGustav Julius
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Fünfter Theil.

—————

1.

Albert spielte zuerst einige jener alten Gesänge, deren Verfasser bei uns unbekannt oder auch in Böhmen schon längst vergessen sind, deren kostbare Tradition jedoch Zdenko bewahrt hatte und deren genaue Auszeichnung dem Grafen durch Nachdenken und Fleiß gelungen war. Er hatte seinen Geist so genährt mit diesen für ein erstes Hören barbarischen, allein für den ernsten und gebildeten Geschmack tief rührenden und wahrhaft schönen Compositionen, daß er im Stande war, über die Melodien derselben lange zu phantasiren, eigene Ideen einzumischen, das eigentliche Thema wieder aufzunehmen und zu variiren und sich ganz dem freien Zuge seiner Eingebung zu überlassen, ohne den ursprünglichen, strengen und ergreifenden Charakter der alten Motive durch seine sinnreiche und gelehrte Aufführung zu verwischen.

Consuelo hatte sich vorgenommen, diese kostbaren Proben von dem feurigen Volksgeiste des alten Böhmerlandes aufmerksam zu verfolgen und in ihr Gedächtniß aufzufassen. Aber es war ihr bald völlig unmöglich mit prüfendem Ohre zu hören, theils der träumerischen Stimmung wegen, in welcher sie sich befand, theils wegen des unbestimmten Charakters dieser ihrem Ohre fremden Musik.

Es giebt eine Musik, welche man die natürliche nennen könnte, weil sie kein Erzeugniß der regelrechten Kunst und der Berechnung ist, sondern einer Begeisterung, welche das bindende Gesetz und Herkommen verschmäht. Ich meine die Musik des Volkes, insbesondere auf dem Lande. Wie viel schöne Erfindungen entstehen, leben und sterben unter diesen Leuten, ohne je der Ehre einer sorgfältigen Aufzeichnung theilhaft zu werden und ohne sich in die Schranken der ein für alle Male festgestellten Fassung eines unabänderlichen Themas zu fügen.

Der unbekannte Künstler, welcher beim Hüten seiner Herden oder hinter seinem Pfluge (wo sie übrigens minder poetisch scheinen) ein kunstloses Lied ersinnt, wird sich schwer dazu verstehen, seine flüchtigen Gedanken genau festzustellen und lange aufzubewahren. Er theilt sein Lied den andern Musikern mit, Naturkindern wie er selbst, und diese tragen es weiter von Ort zu Ort, von Hütte zu Hütte, jeder nach seinem besondern Gefallen ändernd. Daher gehen diese Lieder und ländlichen Dichtungen, die so reizend einfach und so tief empfunden sind, größtentheils verloren und überleben in dem Gedächtniß der Landleute niemals ihr Jahrhundert.

Die künstlerisch gebildeten Musiker geben sich nicht Mühe genug, sie zu sammeln. Die meisten verachten sie, weil ihr Kunstverstand nicht rein genug und ihr musikalischer Sinn nicht tief genug ist, um sie würdigen zu können, Andere werden der Sache überdrüssig, wenn sie nicht damit zu Stande kommen, die wahre und ursprüngliche Fassung aufzufinden, welche ihrer Einbildung nach doch irgendwo anzutreffen sein müßte, welche aber in der That vielleicht ihrem Erfinder selbst schon längst nicht mehr bekannt ist und gewiß den Vielen, die sie ihm abgelernt haben, niemals für etwas Festes und Unwandelbares galt. Die Einen haben sie aus Ungeschick verändert, die Andern haben sie nach ihrem Geschmack und ihrer Fähigkeit umgebildet, verziert, verschönert. Sie wissen es selbst nicht einmal, daß sie die ursprüngliche Arbeit neu gestaltet haben und ihre unbefangenen Zuhörer merken ebenfalls nichts davon.

Der Bauer untersucht und vergleicht nicht. Wenn ihm der Himmel die Gabe der Musik geschenkt hat, so singt er wie die Vögel, sonderlich die Nachtigall, die beständig improvisirt, wenn auch die Elemente ihres unendlich variirten Gesanges immer die nämlichen bleiben. Uebrigens besitzt der Geist des Volkes eine unendliche Fruchtbarkeit.

Diese Fußnote wird aus technischen Gründen im Text wiedergegeben. Re Wenn man die Sackpfeifenspieler, welche in Mittel-Frankreich die Dorfmusikanten machen, aufmerksam beobachtet, so bemerkt man bald, daß sie wohl an zwei- oder dreihundert Stücke, alle von demselben Genre, wissen, die aber doch nicht eines das andere bestehlen, und man kann sich überzeugen, daß in weniger als drei Jahren dieses ungeheure Repertoir schon wieder ein ganz neues ist. Ich hatte kürzlich mit einem dieser wandernden Minstrels folgendes Gespräch:

– Ihr versteht etwas Musik?
– O ja, ich kann den Dudelsack mit tiefen Stimmen und die hohe Pfeife spielen.
– Wo habt ihr Unterricht gehabt?
– Im Bourbonnais, im Walde.
– Wer war euer Lehrer?
– Ein Mann aus dem Walde.
– Ihr kennt also wohl die Töne?
– Ich denke doch.
– Aus welcher Tonart habt ihr eben gespielt?
– Tonart? Was ist das?
– Spieltet ihr nicht aus D?
– Ich weiß nicht was D ist.
– Wie heißen eure Töne?
– Töne heißen sie, besondere Namen haben sie nicht.
– Wie macht ihr es, um alle die Stücken zu behalten?
– Man muß hören.
– Wer macht euere Stücke?
– Viele Leute, berühmte Musikanten aus dem Walde.
– Sie machen wohl viele?
– Immerfort, sie hören gar nicht auf.
– So thun sie wohl weiter nichts?
– Sie hauen Holz.
– Holzfäller sind sie?
– Ja, die meisten. Bei uns heißt es, daß im Walde die Musik gedeiht. Da giebt es immer Neues.
– Und da holt ihr euch euere Stücke?
– Alle Jahre. Die kleinen Musikanten gehen nicht hin. Die horchen blos auf den Landstraßen und spielen dann so gut sie können. Aber um den rechten Ausdruck zu lernen, muß man in's Bourbonnais zu den Holzleuten.
– Und wie fällt ihnen das alles ein?
– Unter Weges, wenn sie ins Holz gehen, oder Abends wenn sie heimkommen, und Sonntags, wenn sie spaziren gehen.
– Und ihr, macht ihr auch neue Stücke?
– So, so! nicht viel, und es taugt nicht recht was. Man muß im Wald geboren sein, ich bin vom flachen Lande. 's ist keiner der's mir gleichthut, was den Ausdruck anbetrifft, aber von dem Erfinden verstehn wir nichts, und es ist besser, wenn wir uns nicht damit abgeben.

Ich wollte gern wissen, was er sich unter dem Ausdruck dächte. Aber er konnte es nicht erklären, vielleicht, weil er es nur zu gut wußte, mich aber nicht für fähig hielt, es zu verstehen. Es war ein junger, ernsthafter Mensch, schwarz wie ein calabrischer Pifferaro; er ging von Fest zu Fest und spielte alle Tage; er hatte seit drei Nächten nicht geschlafen, weil er 6-8 Meilen vor Tage zu machen hatte, um von einem Dorfe zum andern zu kommen. Er befand sich dabei nur desto wohler, trank Krüge Weins aus, um einen Bullen zu berauschen, und beklagte sich nicht wie Walter Scotts Trompeter, daß er »seinen Wind verloren hätte«. Je mehr er trank, desto ernster und stolzer wurde er. Er spielte sehr gut und hatte sehr Recht sich auf seinen Ausdruck etwas einzubilden. Wir bemerkten, daß jedes Stück ein Thema mit Variationen war, deren man wohl funfzig hätte aufschreiben müssen, wenn man das Ganze in Noten haben wollte. Dieses Variiren war vermuthlich sein Verdienst und seine Kunst. Aus seinen Antworten glaube ich den Ursprung des Wortes bourrée erkannt zu haben, welches einen nationalen Tanz bezeichnet. Bourrée ist nämlich so viel als Reisbündel, und diesen Namen haben die Holzhauer im Bourbonnais ihren Compositionen gegeben.

Er hat nicht nöthig, seine Erzeugnisse zu verzeichnen, er erzeugt rastlos Neues, wie der Boden, den er bebaut, er bringt in jedem Augenblick hervor, wie die Natur, die ihm seine Erfindungen eingiebt.

Consuelo besaß alle die Reinheit des Gefühls und die ganze poetische Seele, die man haben muß, um den Volksgesang zu fassen und mit Leidenschaft zu lieben. Sie war darin eine wahre Künstlernatur, und durch den theoretischen Unterricht, den sie in aller Gründlichkeit empfangen hatte, war der Frische ihres Geistes und der süßen Empfänglichkeit, welche das Erbtheil wahrer Begeisterung und einer jugendlichen Seele ist, nichts entzogen worden. Sie hatte dem Anzoleto manchmal hinter Porporas Rücken vertraut, daß ihr manche Barcarolen der Fischer vom adriatischen Meere lieber wären als Pater Martinis und Maestro Durantes ganze Kunst. Die Boleros und Balladen ihrer Mutter waren ihr eine Quelle poetischen Lebens, aus welcher sie nicht müde wurde bis auf den Grund ihrer lieben Erinnerungen zu schöpfen.

Welchen Eindruck mußte ihr daher nicht die Musik des böhmischen Nationalgeistes machen, der Gefühlserguß dieses Hirten- und Kriegervolkes in seiner ernsten und wehmüthigen Stimmung unter den gewaltigsten Einflüssen großer Schicksale und Thaten. Diese Musik hatte für sie einen durch und durch ergreifenden und völlig neuen Character.

Albert trug sie im vollen Gefühle des Nationalgeistes und ganz in dem kräftigen und frommen Sinne vor, aus welchem sie geboren waren. Er that phantasirend die tiefe Schwermuth und das bittere Weh hinzu, das ihm persönlich und seinem Volke das Gefühl der Sklaverei eingedrückt hatte: in diesem Gemische von Wehmuth und Heldenmuth, von Aufschwung und Hoffnungslosigkeit, von Dankesjubel und Schmerzensschrei prägte sich auf's tiefste und vollkommenste der Charakter des armen Böhmerlandes und des armen Albert aus.

Man hat mit Recht gesagt, daß die Musik es sich zum Ziele setzt, das Gemüth zu erregen. Keine andere Kunst weckt so mächtig das Gefühl im Busen des Menschen auf, keine andere Kunst malt vor den Augen der Seele so holdselig die Zauber der Natur und die Wonnen der Vertiefung in Gedankenwelten und den Geist der Völker und die Stürme ihrer Leidenschaften und die Tiefe ihrer Qualen. Schmerz, Hoffnung, Angst, Entschluß, Begeisterung, Schrecken, Glaube, Verzweiflung, Herrlichkeit und Stille, das alles und weit mehr giebt und nimmt uns die Musik je nach Gefallen ihres Geistes und Empfänglichkeit des unsrigen. Sie schafft sogar das Bild der Gegenstände, und ohne in die kindische Spielerei von Klangeffecten, oder sklavische Nachahmung der Naturlaute zu verfallen, kann sie uns die äußeren Gegenstände, in deren Reich sie unsere Phantasie entführt, gleichsam durch einen Wolkenschleier sehen lassen, welcher sie vergrößert und verherrlicht.

Consuelo kam nach und nach dahin, daß sie nichts mehr vernahm, selbst Albert's Geige nicht mehr hörte. Ihre ganze Seele war dahingenommen, und ihre Sinne, den directen Einwirkungen der Außenwelt entrückt, thaten sich in einer andern Welt auf, um ihren Geist durch unbekannte und von neuen Wesen bewohnte Sphären zu tragen.

In seltsamem Gewirr, prächtig und schrecklich zugleich, sah sie die Geister der alten böhmischen Helden sich bewegen, hörte der Klosterglocken Todtengeläut, indeß die furchtbaren Schaaren der Taboriten von den Gipfeln ihrer verschanzten Berge herniederstiegen, abgemagert, halbnackt, bluttriefend, wild. Dann sah sie auf den Wolken sich die Todesengel sammeln, in den Händen Schwert und Kelch. Herabschwebend in gedrängtem Schwarme sah sie sie auf die verfluchte Erde die Schale des göttlichen Zorns ausgießen. Sie glaubte das Sausen ihres schweren Fluges zu vernehmen und hinter ihnen Christi Blut in reichen Tropfen fallen zu sehen, um die Brunst ihres Zorneifers zu löschen. Jetzt war es eine Nacht voll Schrecken und voll Finsterniß, in der sie die auf den Schlachtfeldern zurückgelassenen Sterbenden ächzen und wimmern hörte; jetzt war es ein heißer Tag, dessen blendenden Glanz sie aushielt, und an welchem sie gleich einem Blitze auf rasselndem Wagen den furchtbaren Blinden in seinem runden Helm, seinem rostigen Panzer und das blutige Tuch um seine Augen gewunden vorüberfahren sah. Die Tempel thaten sich von selbst bei seinem Nahen auf, die Mönche flohen in den Schoß der Erde, ihre Heiligthümer und Schätze in den Schößen ihrer Kleider mit sich führend und verbergend.

Da schleppten die Sieger ausgedörrte Greise, Bettler mit Schwielen bedeckt wie Lazarus heran; Wahnsinnige rannten herbei und sangen und lachten wie Zdenko; die Henker mit geronnenem Blut besudelt, die kleinen Kinder mit den reinen Händen und mit ihren Engelsangesichtern, kriegerische Weiber, Lanzenbündel und Pechfackeln schwingend, alle diese setzten sich um Eine Tafel, und ein Engel, glänzend und schön gleich jenen, welche Albert Dürer auf seinen apocalyptischen Bildern angebracht hat, bot ihren gierigen Lippen den hölzernen Becher dar, den Kelch der Vergebung, der Wiederaufnahme und der heiligen Gleichheit.

Dieser Engel erschien in allen den Gesichten, welche vor Consuelo vorüberschwebten. Als sie ihn recht ansah, gewahrte sie, daß es Satan war, der schönste der Unsterblichen nächst Gott, der unglücklichste nächst Jesus und der stolzeste unter den Stolzesten. Er schleifte die Ketten nach sich, welche er gesprengt hatte und seine fahlen, zerrissenen, hangenden Flügel trugen die Spuren der Gewalt und der Gefangenschaft. Er lächelte die mit Schuld beladenen Menschen schmerzlich an und preßte die kleinen Kinder an sein Herz.

Plötzlich däuchte es Consuelo, daß die Geige Albert's spräche und zu ihr durch den Mund Satans redete: »Nein, mein Bruder Christus hat euch nicht geliebt wie ich. Es ist Zeit, daß ihr mich kennt und anstatt den Feind der Menschen mich zu nennen, in mir den Freund sehet, welcher euch im Kampfe aufrecht hielt. Ich bin kein böser Geist, ich bin der Erzengel rechtmäßiger Empörung und der Schutzgeist der großen Zeitbewegungen. Wie Christus bin ich der Gott des Armen, des Schwachen und des Unterdrückten. Wenn er euch das Reich Gottes auf Erden verhieß, wenn er euch seine Wiederkunft in eure Mitte verhieß, so wollte er euch sagen, daß ihr, nachdem ihr die Verfolgung littet, Lohn empfangen werdet, die Freiheit und das Glück mit ihm erwerbend und mit mir. Beide sollten wir wiederkommen und beide kommen wir wieder, so mit einander verbunden, daß wir Beide nur Eines sind. Er, der göttliche Anfang, der Gott des Geistes, der niedergefahren ist in die Finsterniß, in welche mich die Unwissenheit gestürzt hatte und wo ich in den Flammen der Sehnsucht und des Zornes dieselben Qualen litt, die ihn am Kreuz die Schriftgelehrten und die Pharisäer aller Zeiten dulden ließen.

Ich bin nun da, bei euern Kindern und auf ewig; denn meine Ketten hat er zerbrochen, meinen Holzstoß hat er gelöscht und mich versöhnt mit Gott und mit euch. Hinfort wird nicht mehr List und Furcht des Schwachen Gesetz und Erbtheil sein, vielmehr Stolz und Thatkraft. Er, Jesus, ist der Erbarmungsreiche, Sanftmüthige, Liebende, Gerechte, der Gerechte bin auch ich, allein ich bin der Starke, Kriegerische, Strenge und Beharrliche.

O Volk, erkennst du nicht den, der zu dir geredet hat in den geheimen Falten deines Herzens, seitdem du bist, und der in allem deinem Jammer dich getröstet hat, dir sagend: Suche das Glück, verzichte nicht darauf! Das Glück wird dir geschuldet, fordere und du wirst erlangen. Siehst du nicht auf meiner Stirne alle deine Leiden und an meinem zerfleischten Leibe die Mahle der Ketten, welche du getragen hast? Trinke den Kelch, den ich dir reiche: du wirst darin gemischt mit Christi Thränen und den deinen meine Thränen finden, und fühlen, daß sie ganz so heiß sind, daß sie ganz so bitter schmecken!«

Dieses Gesicht erfüllte Consuelo's Herz mit Schmerz und Mitleid. Dicht neben sich glaubte sie den gefallenen Engel zu sehen und sein Weinen und Seufzen zu hören. Er erschien ihr groß, bleich und schön, sein langes Haar unordentlich niederhangend von der in Staub getretenen aber immer noch stolzen und gen Himmel erhobenen Stirn. Sie bewunderte ihn, obgleich noch schaudernd aus Gewohnheit sich vor ihm zu fürchten und sie liebte ihn zugleich mit jener frommen Rührung, die der Anblick großer Unglücklichen uns einflößt. Es war ihr als ob er sich inmitten des Brudermahls der Böhmen an sie wendete, ihr sanft ihr Mißtrauen, ihre Furcht verwiese und sie mit einem Blicke an sich zöge, dem sich nicht widerstehen ließ. Bezaubert, ihrer selbst nicht mächtig, sprang sie auf und stürzte sich auf ihn, die Arme geöffnet und sich auf ihre Knie werfend.

Albert ließ seine Geige aus den Händen sinken, welche fallend einen kläglichen Laut von sich gab und nahm das Mädchen in seine Arme auf mit einem Schrei des Staunens und der Freude. Er war es, den Consuelo gehört und gesehen hatte, indem sie an den Engel der Empörung dachte; seine Gestalt, der, die sie sich schuf, in allem ähnlich, hatte sie angezogen und bezwungen; an seine Brust hatte sie sich geworfen, mit erstickten Lauten flüsternd:

– Dein! dein! Engel des Schmerzes! Dein und Gottes auf ewig!

Aber kaum hatten Albert's zitternde Lippen die ihrigen berührt, als sie eine Todeskälte und einen glühenden Schmerz abwechselnd ihre Brust und ihren Kopf durchzucken fühlte. Jäh aus ihrer Täuschung gerissen, erlitt sie einen so heftigen Stoß in ihrem ganzen Wesen, daß sie sterben zu müssen glaubte, und sich aus den Armen des Grafen losreißend, stürzte sie auf die Schädel und Knochen des Altars nieder, von denen ein Theil sich ablöste und prasselnd über sie fiel. Als sie sich mit diesen menschlichen Ueberresten bedeckt sah und Albert anblickte, dem sie in einem Augenblicke verzückter Raserei sich in die Arme geworfen und gewissermaßen Seele und Freiheit überliefert hatte, fühlte sie eine so schreckliche Angst, daß sie ihr Gesicht in den aufgelösten Haaren verbarg, und unter Schluchzen schrie:

– Hinaus! fort! weit hinweg! Um des Himmels Willen! Luft, Licht! Mein Gott, mein Gott! führen Sie mich aus diesem Grabe und bringen Sie mich wieder an das Licht der Sonne!

Da Albert sie todtenbleich und außer sich sah, sprang er hinzu, um sie aufzuheben und in's Freie zu tragen. Aber in ihrer Angst begriff sie nicht, was er wollte, raffte sich mit Gewalt auf und entfloh in die Tiefe der Höhle, ohne auf den Weg zu achten, ohne die Hindernisse zu bemerken, die verschlungenen Wasserarme, welche sich vor ihr her wanden und an manchen Stellen den Weg sehr gefährlich machten.

– Um Gottes willen! rief Albert; nicht dorthin! Halten Sie! Der Tod ist unter Ihren Füßen. Erwarten Sie mich!

Aber sein Rufen vergrößerte Consuelo's Furcht. Zweimal sprang sie mit der Leichtigkeit einer Hirschkuh über das Wasser ohne zu wissen, was sie that. Endlich stieß sie an einer finstern, mit Cypressen bepflanzten Stelle gegen eine Erhöhung und fiel mit den vorgehaltenen Händen auf einen frisch ausgeworfenen, lockern Erdhügel.

Dieser Stoß veränderte die Stimmung ihrer Nerven. Eine Art Erstarrung folgte der Angst. Athemlos, keuchend und nicht mehr wissend was sie erschreckt hatte, ließ sie dem Grafen Zeit, sie einzuholen und sich ihr zu nahen. Er war ihr auf dem Fuße gefolgt und hatte die Geistesgegenwart gehabt, im Vorübereilen eine der Fackeln, welche auf den Felspfeilern aufgesteckt waren, zu ergreifen und mitzunehmen, um ihr wenigstens unter den Windungen der Wassers betten zu leuchten, wenn er sie nicht noch vor einer ihm bekannten tiefen Stelle erreichen könnte, welcher sie zuzulaufen schien.

Von so plötzlichen und widerstreitenden Aufregungen erschüttert und betäubt wagte der junge Mann weder mit ihr zu reden, noch ihr die Hand zu reichen. Sie hatte sich auf den Erdhügel, an welchem sie gestrauchelt war, niedergesetzt, und wagte ebenfalls kein Wort an ihn zu richten. Verwirrt und die Augen niedergeschlagen, sah sie mechanisch das Erdreich an, auf welchem sie saß. Plötzlich fiel es ihr auf, daß der Hügel die Form und den Umfang eines Grabes hatte, und daß sie wirklich auf einem frisch bedeckten Grabe saß, das mit einigen kaum verwelkten Cypressenzweigen und Blumen bestreut war. Schnell sprang sie empor und rief in einem neuen Anfall von Schreck, den sie nicht bemeistern konnte:

– O Albert! wen haben Sie hier bestattet?

– Ich habe da bestattet, was mir, bevor ich Sie kannte, auf Erden mein Liebstes war, antwortete Albert, indem er die schmerzlichste Bewegung blicken ließ. Wenn es ein Sacrilegium ist, so wird es Gott mir verzeihen, da ich es eines Tages im Wahnsinn that und in der Meinung, eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ich werde Ihnen später einmal sagen, was für eine Seele den Körper, der hier ruht, bewohnte. Ihre Aufregung ist jetzt zu groß, und es ist Ihnen sehr nöthig, wieder freie Luft zu athmen. Kommen Sie, Consuelo! lassen Sie uns von diesem Orte scheiden, wo Sie mich in demselben Augenblick zu dem Glücklichsten und Unglücklichsten der Menschen gemacht haben.

– Ja, ja! rief sie, fort! Ich weiß nicht, was für Dünste hier aus dem Schoße der Erde steigen, ich fühle mich ohnmächtig und meine Vernunft verläßt mich.

Sie gingen hinaus, ohne mit einander zu reden. Albert ging voran, blieb stehen und senkte seine Fackel bei jedem Steine, damit ihn seine Gefährtin bemerken und vermeiden könnte. Als er die Thür der Zelle öffnen wollte, drängte sich Consuelo eine Erinnerung auf, welche ihrer Stimmung in diesem Augenblick sehr fremd scheinen muß, die ihr aber doch durch eine Regung ihrer Künstlernatur einkam.

– Albert, sagte sie, Sie haben Ihre Violine bei der Quelle zurückgelassen. Ich kann unmöglich zugeben, daß Sie dieses herrliche Instrument, das mir heute auf eine mir ganz neue Weise die Seele bewegt hat, an diesem feuchten Orte zu Grunde gehen lassen.

Albert machte eine Geberde, welche anzeigte, wie wenig Werth jetzt alles für ihn habe, was nicht Consuelo sei. Jedoch sie ließ nicht ab.

– Sie hat mir sehr weh gethan, sagte sie, und dennoch ...

– Wenn sie Ihnen nur weh gethan hat, versetzte er bitter, so lassen Sie sie untergehen; ich will sie nicht mehr anrühren. O, ich wollte, sie wäre erst vernichtet.

– Ich müßte lügen, wenn ich das sagte, entgegnete Consuelo, indem sich die Hochachtung vor dem musikalischen Geist des Grafen in ihr regte. Ich war mehr ergriffen, als meine Kräfte jetzt erlauben, das ist alles; mein Entzücken hat sich in Angst verwandelt. Holen Sie sie, Freund! ich will sie selbst sorgsam in den Kasten legen, damit sie da ruhe, bis ich wieder den Muth gewinne, sie herauszunehmen, sie Ihnen wieder in die Hand zu geben und sie wieder zu hören.

Consuelo wurde gerührt durch den Blick voll Dank, welchen der Graf auf sie richtete, als sie ihm diese Hoffnung gab. Er ging in die Höhle zurück, und Consuelo machte sich während der wenigen Augenblicke ihres Alleinseins Vorwürfe über ihre Furcht und ihren schrecklichen Verdacht. Sie erinnerte sich zitternd und erröthend der fieberischen Aufwallung, welche sie in Albert's Arme geworfen hatte, und sie konnte nicht umhin, die zarte Scheu und die keusche Bescheidenheit dieses Mannes zu bewundern, der sie glühend liebte und eine solche Gelegenheit nicht benutzt hatte, um ihr auch nur ein Wort von seiner Liebe zu sagen. Die Traurigkeit, die sie in seinen Mienen sah, und die schleppende Schwere seines Ganges zeigten deutlich genug an, daß er keine kühne Hoffnung gefaßt hatte, weder für jetzt noch für die Zukunft. Sie war ihm dankbar für so großes Zartgefühl und nahm sich vor, das Lebewohl, das sie, die unterirdischen Räume verlassend, sich gewissermaßen sagen mußten, durch die lieblichsten Worte zu versüßen.

Aber Zdenko's Andenken sollte sie wie ein rächender Schatten bis an das Ziel begleiten und wider ihren Willen Albert anklagen. Als sie sich der Thür näherte, fiel ihr Blick auf eine böhmische Inschrift, deren Anfangsworte sie leicht verstand, weil sie sie auswendig wußte. Eine Hand, sie konnte keines Anderen gewesen sein als Zdenko's, hatte auf die tiefe, schwarze Thür mit Kreide geschrieben: »Möge der dem Unrecht geschah ...« Das Uebrige verstand Consuelo nicht, aber die Abänderung des letzten Wortes erregte ihr eine lebhafte Unruhe.

Albert kam zurück, schloß seine Violine ein, ohne daß sie den Muth hatte oder auch nur daran dachte, ihm, ihrem Versprechen gemäß, zu helfen. Ihre ganze Ungeduld, in's Freie zu kommen, war in ihr zurückgekehrt. Als er den Schlüssel mit Anstrengung im Schlosse umdrehte, konnte sie sich nicht enthalten, den Finger auf das geheimnißvolle Wort zu legen und dabei ihren Wirth fragend anzublicken.

– Das bedeutet, sagte Albert mit einer gewissen Ruhe, daß der verkannte Engel, der Freund des Unglücklichen, der von welchem wir zuvor sprachen, Consuelo, ...

– Satan, ich weiß; und weiter?

– Satan also dir verzeihe!

– Was denn verzeihe? fragte sie erbleichend.

– Wenn man für Schmerz und Kummer Verzeihung braucht, entgegnete Albert mit wehmüthigem Lächeln, so hätte ich viel zu beten.

Sie traten in den Gang und sprachen bis in den Mönchskeller kein Wort weiter mit einander. Als aber die Tageshelle durch das Laub in bläulichen Reflexen auf das Gesicht des Grafen fiel, sah Consuelo, daß zwei stumme Thränenbäche langsam über seine Backen flossen. Sie war gerührt, und dennoch, als er sich ihr mit schüchterner Miene näherte; um sie durch die Lache zu tragen, wollte sie lieber ihre Füße in dem stockenden Wasser besudeln, als ihm erlauben, daß er sie in seine Arme nähme. Sie gebrauchte die Erschöpfung, welche sie an ihm bemerkte, als Vorwand, und fing schon an, ihre zarte Fußbekleidung dem Schlamme Preis zu geben, als Albert, seine Fackel löschend, sagte:

– So leben Sie denn wohl, Consuelo! An Ihrem Widerwillen gegen mich erkenne ich, daß ich in die ewige Nacht zurückkehren muß, und in mein Grab wie ein Geist, den Sie auf einen Augenblick heraufbeschworen, ohne daß ich etwas Anderes vermocht hätte, als Ihnen Furcht einzuflößen.

– Nein! Ihr Leben gehört mir, rief Consuelo sich umwendend und ihn festhaltend; Sie haben mir gelobt, nicht ohne mich in diese Höhle zurückzukehren und Sie müssen Ihr Gelübde halten.

– Und warum wollen Sie die Bürde des Lebens unter Menschen einem Gespenst von Menschen auferlegen? Der Einsame ist nur der Schatten eines Menschen, und wer nicht geliebt wird, ist überall und mitten unter Allen einsam.

– Albert, Albert! Sie zerreißen mir das Herz. Kommen Sie, tragen Sie mich hinaus. Ich glaube, in dem hellen Lichte des Tages werde ich endlich in meinem eigenen Schicksal klar sehen.

2.

Albert gehorchte; und als sie vom Fuße des Schreckenstein in die tiefer gelegenen Thäler hinabzusteigen begannen, fühlte Consuelo wirklich ihre Aufregung sich mindern.

– Vergeben Sie mir, daß ich Ihnen wehe that, sagte sie, sich sanft im Gehen auf seinen Arm lehnend; es ist mir jetzt ganz klar, daß ich eben in der Grotte einen Anfall von Tollheit hatte.

– Warum denken Sie noch daran, Consuelo? Ich würde Sie nie daran erinnert haben; ich weiß wohl, daß Sie ihn lieber aus Ihrem Gedächtniß tilgen möchten. Und ich, ich werde es auch dahin zu bringen suchen müssen, daß ich ihn vergesse!

– Mein Freund! Ich wünsche nicht, ihn zu vergessen, sondern Sie um Verzeihung zu bitten. Wenn ich Ihnen das seltsame Gesicht schilderte, welches ich im Anhören Ihrer böhmischen Melodien hatte, so würden Sie sehen, daß ich wirklich von Sinnen war, als ich Ihnen eine solche Ueberraschung und einen solchen Schreck verursachte. Sie können unmöglich glauben, daß ich mit Ihrer Vernunft und Ihrer Ruhe ein Spiel treiben wollte ... O Gott! Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich auch jetzt noch mein Leben für Sie lassen würde.

– Ich weiß, daß, Sie das Leben nicht werthachten, Consuelo! Ach und ich, ich fühle, daß ich daran so gierig hangen würde, wenn ...

– Reden Sie aus!

– Wenn ich geliebt würde, wie ich liebe!

– Alberti ich liebe Sie so sehr, als ich darf. Ich würde Sie auch ohne Zweifel lieben, wie Sie geliebt zu werden verdienen, wenn ...

– Reden Sie nun auch aus!

– Wenn es mir unübersteigliche Hindernisse nicht zu einem Verbrechen machten.

– Hindernisse? Ich suche vergebens, welche es sein können; ganz gewiß nur in Ihrem Herzen können sie liegen, in Ihren Erinnerungen!

– Reden Sie nicht von meinen Erinnerungen! Sie sind abscheulich, und ich möchte lieber auf der Stelle sterben, als meine Vergangenheit noch einmal durchleben. Aber Ihr Rang in der Welt, Ihr Reichthum, der Widerstand und der Unwille der Ihrigen, wie sollte ich stark genug sein, das alles auf mich zu nehmen? Ich habe auf der Welt nichts, als meinen Stolz und meine Uneigennützigkeit: was bliebe mir, wenn ich diese opferte?

– Meine Liebe bliebe dir und die deinige, wenn du mich liebtest. Ich fühle aber, daß du mich nicht liebst, und ich verlange nichts von dir, als etwas Mitleid. Wie könnte es für dich demüthigend sein, wenn du mir ein wenig Glück als ein Almosen spendetest? Wer läge denn im Staube vor dem andern? Wie könnte dich mein Reichthum herabwürdigen? Könnten wir ihn nicht in einem Augenblick den Armen hinwerfen, wenn er dich eben so drückte wie mich? Meinst du, daß ich nicht längst entschlossen bin, ihn so anzuwenden, wie es zu meinen Ueberzeugungen und zu meinen Neigungen stimmt, das heißt, mich von ihm zu befreien, wenn der Verlust meines Vaters den Schmerz der Erbschaft zu dem Schmerze der Trennung fügt? Nun! Du fürchtest dich, reich zu werden? Siehe! ich habe das Gelübde der Armuth gethan. Du fürchtest, durch meinen Namen vornehm zu werden? Es ist ein erlogener Name, und der wahre ist proscribirt. Ich werde den rechten nicht wieder annehmen, das hieße dem Andenken meines Vaters zu nahe treten, aber in der Dunkelheit, in die ich mich vergraben will, soll der falsche Niemanden blenden, das schwöre ich dir, und du wirst ihn mir nicht zum Vorwurf machen können. Endlich der Widerstand der Meinigen ... o, wenn dies das einzige Hinderniß wäre! Sage mir nur, daß kein anderes da ist, und du sollst sehen!

– Es ist das größeste von allen, das einzige, welches alle meine Hingebung, alle meine Erkenntlichkeit für Sie nicht aus dem Wege zu schaffen vermöchte.

– Consuelo, du lügst. Schwöre mir, daß du nicht lügst. Nicht wahr, es ist nicht das einzige Hinderniß?

Consuelo hielt inne. Sie hatte nie gelogen, aber sie wollte das Uebel wieder gut machen, das sie ihrem Freunde zugefügt, ihm, der ihr das Leben gerettet, der seit drei Monaten über sie gewacht hatte wie eine zärtliche, kluge Mutter. Sie hatte sich damit geschmeichelt, ihrer Weigerung etwas von ihrer Härte zu benehmen, wenn sie Hindernisse anführte, die sie in Wahrheit für unübersteiglich hielt. Aber Albert's Fragen machten sie verwirrt und ihr eigenes Herz war ein Labyrinth, worin sie sich nicht zurecht fand; denn sie konnte nicht mit Gewißheit sagen, ob sie ihn liebte oder haßte, diesen wunderlichen Mann, zu dem eine unerklärliche und mächtige Sympathie sie hinzog, während eine unüberwindliche Furcht und etwas, das an Widerwillen gränzte, sie bei dem Gedanken einer Verpflichtung, die sie mit ihm eingehen sollte, zittern machte.

Es schien ihr in diesem Augenblick, daß sie Anzoleto haßte. Konnte es anders sein, wenn sie ihn mit seiner rohen Selbstsucht, seinem gemeinen Ehrgeiz, seiner niedrigen Gesinnung, seiner Treulosigkeit neben diesen so edeln, menschlichen, reinen, und mit allen hohen und allen ritterlichen Tugenden so reich begabten Albert stellte? Die einzige Wolke, welche ihr die Vollendung dieses Gegenbildes trüben konnte, war der Angriff auf Zdenko's Leben, dessen Wahrscheinlichkeit sie sich nicht aus dem Sinne bringen konnte. Aber war dieser Verdacht nicht eine krankhafte Einbildung, ein böser Traum, den eine Erklärung augenblicklich verscheuchen konnte? Sie beschloß, den Versuch zu machen; sie that, als ob sie in Gedanken verloren wäre und Albert's letzte Frage nicht gehört hätte.

– Mein Gott! sagte sie und blieb stehen, einem Bauer nachsehend, welcher ziemlich entfernt vorüberging, mir war, als käme Zdenko daher!

Albert erbebte, ließ Consuelo's Arm fahren, den er in dem seinigen hielt, und ging ein Paar Schritte vorwärts. Dann blieb er stehen und wendete sich zu ihr zurück mit den Worten:

– Wie Sie sich täuschen können, Consuelo! Dieser Mann da hat auch nicht einen Zug von ...

Er konnte es nicht über sich gewinnen, Zdenko's Namen auszusprechen; seine Züge waren ganz verstört.

– Und doch glaubten Sie es selbst einen Augenblick, sagte Consuelo, ihn scharf ansehend.

– Ich habe ein sehr kurzes Gesicht, und ich dachte im Augenblicke nicht daran, daß es unmöglich ist, ihm zu begegnen.

– Unmöglich! Zdenko ist also wohl sehr weit hinweg?

– Weit genug, daß Sie sich vor seiner Verrücktheit nicht mehr zu fürchten brauchen.

– Können Sie mir nicht sagen, was ihn so plötzlich dazu brachte, mich zu hassen, nachdem er mir so viele Beweise seiner Zuneigung gegeben hatte?

– Ich sagte es Ihnen schon: ein Traum, welchen er, am Tage zuvor hatte, ehe Sie in den Brunnen hinabstiegen. In diesem Traume sah er Sie mit mir zum Altare treten, wo Sie mir ewige Treue geloben wollten; und dort fingen Sie an, unsere alten böhmischen Psalmen mit so heller Stimme zu singen, daß davon die Kirche bebte. Und während Sie sangen, sah er mich erblassen und in den Boden der Kirche einsinken, bis ich ganz verschwunden war und im Grabe meiner Ahnen lag.

Darauf sah er Sie hastig Ihren Brautkranz abreißen, mit dem Fuße einen Stein auf die Gruft stoßen, der mich im Augenblick bedeckte, und auf diesem Steine mit der ausgelassensten und grausamsten Freude tanzen, während Sie in einer fremden Sprache ihm unverständliche Worte sangen. Voller Wuth warf er sich auf Sie, Sie aber waren schon wie ein Rauch verflogen und er erwachte in Schweiß gebadet und außer sich vor Zorn.

Er weckte auch mich, denn die Grotte hallte wieder von seinem Geschrei und seinen Verwünschungen. Es wurde mir schwer, ihn dahin zu bringen, daß er mir seinen Traum erzählte, und noch schwerer, ihn zu überreden, daß es keine Vorbedeutung für mein künftiges Schicksal wäre. Dies wurde mir um so schwerer, da ich mich selbst in einem überspannten und durchaus krankhaften Zustande befand und es ihm früher noch nie auszureden versucht hatte, wenn ich sah, daß er seinen Träumen und Gesichten Glauben schenkte.

Indessen hatte ich an dem Tage nach dieser unruhigen Nacht Ursache anzunehmen, daß er seinen Traum vergessen hätte oder ihm keine Wichtigkeit mehr beilegte, denn er sprach nicht weiter davon, und als ich ihn bat, Sie aufzusuchen und an mich zu erinnern, widersetzte er sich meinem Wunsche nicht offenbar. Er dachte wohl nicht, daß es Ihnen je einfallen würde oder gelingen könnte, mich in meinem Versteck aufzusuchen, und seine Wuth erwachte erst wieder, als er Sie dennoch die Sache unternehmen sah.

Jedenfalls hat er seinen Haß gegen Sie erst in dem Augenblick ausgesprochen, wo wir beide mit ihm in der unterirdischen Galerie zusammentrafen. Er sagte mir damals auf Böhmisch in kurzen Worten, daß er beabsichtigte und entschlossen wäre, mich von Ihnen zu befreien und (dies war sein Ausdruck) Sie zu zerstören, sobald er Sie nur wieder allein träfe, denn Sie wären ein Gift für mein Leben und mein Tod stände in Ihren Augen geschrieben.

Verzeihen Sie es mir, daß ich Ihnen seine wahnsinnigen Reden so genau wiedergebe, und überzeugen Sie sich, wie nöthig es war, ihn von Ihnen und von mir zu entfernen. Lassen Sie uns aber nun nicht mehr davon reden, ich bitte Sie inständigst, denn kein Gegenstand des Gespräches kann mir peinlicher sein.

Ich habe Zdenko wie mein anderes Selbst geliebt. Sein Wahnsinn hatte sich mit dem meinigen so ganz verschlungen und verwebt, daß wir unwillkürlich dieselben Gedanken, dieselben Erscheinungen, dieselben körperlichen Leiden hatten. Er war kindlicher und dabei poetischer als ich, seine Stimmung war gleichmäßiger, und die Trugbilder, die mir schrecklich und drohend vorschwebten, zeigten sich ihm vermöge seiner zarteren und lieblicheren Natur mild und wehmüthig.

Der größte Unterschied zwischen uns beiden bestand darin, daß ich meine Anfälle nur zu Zeiten hatte, während er in beständiger Verzückung war. Indessen ich abwechselnd bald in Wahnsinn verfiel, bald kalt und schaudernd mein eigenes Elend zerlegte, lebte er gleichsam in einem beständigen Traum, der ihm alle äußeren Gegenstände in phantastischer Gestalt zeigte; seine Bilderwelt war aber stets so hold und freundlich, daß ich in meinen hellen Augenblicken (die für mich ohne Zweifel die schrecklichsten waren) Zdenko's bedurfte, um mich durch seinen seligen und sinnreichen Wahnsinn aufheitern und mit dem Leben wieder aussöhnen zu lassen.

– O mein Freund, sagte Consuelo, Sie müssen mich hassen und ich hasse mich selbst, daß ich Sie dieses so werthen und ergebenen Freundes beraubt habe. Aber hat seine Verbannung nicht lange genug gedauert? Jetzt ist er ganz gewiß schon geheilt von diesem vorübergehenden Wuthanfall  ... –

– Geheilt ist er ... hoffe ich! sagte Albert mit einem eigenen, bittern Lächeln.

– Nun denn, fing Consuelo wieder an, welche gegen den Gedanken, daß Zdenko todt sei, kämpfte, warum rufen Sie ihn nicht zurück? Ich würde mich nicht mehr vor ihm fürchten, gewiß nicht! und wir würden unsere Bemühungen beide vereinigen, ihm sein Vorurtheil gegen mich zu benehmen.

– Lassen Sie es gut sein, Consuelo! sprach Albert matt. Es ist nicht mehr möglich, ihn zurückzurufen. Ich habe meinen besten Freund, meinen steten Gefährten, meinen Diener, meine Stütze, meine voraussichtige, ämsige Mutter, mein einfältiges, gutes, folgsames Kind geopfert, ihn, der für mich sorgte, für alle meine Bedürfnisse, für meine unschuldigen trübseligen Freuden, der mich vor mir selbst beschützte, wenn mich die Verzweiflung packte, und List und Gewalt anwenden, um mich in meiner Zelle zurückzuhalten, wenn er mich noch unfähig sah, meine Würde und mein Leben in der Welt der Lebendigen und in der Gesellschaft der Menschen zu behaupten. Ich habe ihn geopfert, ohne rückwärts zu sehen und ohne Reue, weil ich mußte, weil Sie, die Sie mich mit Lebensgefahr aus meiner unterirdischen Klause rissen und mich der Vernunft und der Erkenntniß meiner Pflichten zurückgaben, mir noch kostbarer und heiliger waren, als Zdenko.

– Sie irren, Albert, lästern vielleicht. Ein Augenblick der Kühnheit läßt sich nicht mit einem ganzen Leben der aufopfernden Hingebung vergleichen.

– Glauben Sie nicht, daß eine selbstische und wüste Liebe mich thun hieß, was ich that. Eine solche Liebe hätte ich in meinem Herzen ersticken müssen und ich hätte mich lieber mit Zdenko auf immer in meiner Zelle eingeschlossen, ehe ich dem besten der Menschen das Herz brach. Aber Gottes Stimme hatte deutlich gesprochen. Ich hatte dem Aufbrausen meiner Leidenschaft widerstanden, ich hatte Sie geflohen, ich wollte Sie nicht wieder sehen, so lange sich die Ahnungen nicht erfüllten, die mich in Ihnen meinen Rettungsengel sehen ließen. Bis ein lügenhafter Traum Zdenko's sanftes und frommes Wesen in Verwirrung brachte, hatte er meine Sehnsucht nach Ihnen, meine Furcht, meine Hoffnung, meine frommen Wünsche getheilt.

Der Unglückliche! An dem Tage selbst, an dem Sie sich offenbarten, verkannte er Sie. Das himmlische Licht, das immer die ahnungsreiche Welt seines Innern erleuchtet hatte, erlosch plötzlich und Gott suchte ihn mit einem Geist des Taumels und der Wuth heim. Da mußte auch ich ihn verlassen, denn Sie erschienen mir von Himmelsglanz umstrahlt, aus den Fittigen des Wunders drangen Sie bis zu mir hindurch und es waren Ihnen, um von meinen Augen die Decke zu nehmen, Worte gegeben, die Sie, nach Ihrem stillen Wesen und Ihrer Künstlererziehung zu urtheilen, nicht ausgesonnen und vorbedacht haben konnten. Das himmlische Erbarmen und die göttliche Liebe sprachen durch Ihren Mund und gaben Ihnen das ein, was mir diente, damit ich das Menschenleben erkennen und begreifen lernte.

– Was habe ich Ihnen denn so Kluges und Eindringliches gesagt? Wahrhaftig, Albert! ich weiß kein Wort davon.

– Noch ich. Aber in dem Tone, Ihrer Stimme, in der Lieblichkeit Ihres Blickes sprach Gott selbst. An Ihrer Seite lernte, wußte ich in einem einzigen Augenblick, was ich auf mich allein angewiesen in meinem ganzen Leben nicht gefunden hätte. Ich wußte früher nur, daß mein Leben eine Büßung, ein Martyrthum sei und ich suchte meine Bestimmung durch Vereinsamung, durch Thränen, durch Zorn wider mich selbst, durch Betrachtung, durch Enthaltung und Kasteiung zu erfüllen.

Sie ließen mich ein neues Leben ahnen, ein anderes Martyrthum, ein Leben der Geduld, der Sanftmuth, der Milde, der Ergebung. Die Pflichten; die Sie mir schlicht und einfältig vor Augen hielten, mit den Familienpflichten beginnend, hatte ich versäumt, und meine Familie hatte mich, aus allzugroßer Nachgiebigkeit, mein Unrecht nicht fühlen lassen. Ich habe es, Dank sei es Ihrer Ermahnung, wieder gut gemacht, und habe es an der Ruhe, die in mein Inneres einzog, von Stund an erkannt, daß Gott für jetzt von mir nichts Anderes fordere.

Ich weiß wohl, daß es nicht meine ganze Aufgabe ist, und ich erwarte, daß sich Gott mir weiter kund gebe. Aber ich bin jetzt voll Vertrauen, weil ich das Orakel gefunden habe, das ich künftig befragen kann. Consuelo, Sie. Die Vorsehung hat Ihnen Macht über mich gegeben, und ich will mich gegen ihren Willen nicht ungehorsam auflehnen. Ich durfte also keinen Augenblick Anstand nehmen, ob ich mich für die überlegene Macht, der es gegeben ist, mich zu erneuern, oder für das arme Geschöpf entscheiden sollte, das bisher nur Leid und Unruhe mit mir getragen hatte.

– Sie meinen Zdenko? Woher aber wissen Sie denn, ob Gott mich nicht bestimmt hatte, ihn wie Sie zu heilen? Sie sehen doch, daß ich über ihn schon einige Macht besaß, da es mir gelang, ihn mit einem einzigen Worte zu bändigen, als seine Hand gegen mich erhoben war, um mich zu tödten.

– Mein Gott, ja! Sie haben Recht! Es fehlte mir am Glauben, ich hatte Furcht. Ich kannte Zdenko's Schwüre. Er hatte wider meinen Willen mir den Schwur gethan, nur für mich zu leben, und er hat ihn gehalten, so lange ich denken kann, in meiner Abwesenheit und seit ich zurück bin. Und als er schwor, Sie zu zerstören, dachte ich gar nicht, daß es eine Möglichkeit gäbe, ihn von seinem Entschluß abzubringen, und ich entschloß mich, ihn hinwegzuschaffen, ihn zu zerbrechen, ihn selbst zu zerstören.

– Ihn zu zerstören? Mein Gott! Was will das in Ihrem Munde heißen, Albert! Wo ist Zdenko?

– Sie fragen mich, wie Gott Kain frug: wo ist dein Bruder?

– O Himmel, Himmel! Sie haben ihn doch nicht getödtet, Albert?

Consuelo hatte sich, indem ihr das schreckliche Wort entfuhr, fest an Albert's Arm gedrängt und sah ihn mit einem Blicke an, worin sich Angst und schmerzliches Mitleid mischte. Sie wich aber erschrocken zurück vor dem stolzen, kalten Ausdruck dieses bleichen Gesichtes, in welchem sich der Schmerz versteint zu haben schien.

Getödtet nicht, antwortete er, allein das Leben habe ich ihm sicher doch genommen. Können Sie mir denn daraus ein Verbrechen machen, Sie, für die ich auf dieselbe Weise meinen Vater tödten könnte, Sie, für die ich allen Gewissensbissen zum Trotz die theuersten und heiligsten Bande schonungslos zerreißen würde? Wenn ich lieber den Schmerz und die Reue, die mich nagen, auf mich nehmen, als Sie von einem Verrückten ermordet sehen wollte, können Sie so erbarmungslos und fühllos sein, mir dieses Weh immer wieder aufzuwecken und mir das größte Opfer, das in meiner Macht stand, Ihnen darzubringen, immer wieder vorzuwerfen? Ach! Auch Sie, auch Sie haben Augenblicke, wo Sie grausam sein können! Die Grausamkeit, o wie unvertilgbar ist sie doch aus jedem, jedem Menschenherzen!

Diesen Vorwurf, der erste, den Albert Consuelo zu machen gewagt hatte, sprach er mit einer solchen Feierlichkeit aus, daß es sie entsetzte, und daß sie mehr, als es ihr noch je begegnet war, empfand, wie sehr sie sich vor ihm fürchtete. Ein Gefühl von Demüthigung, das vielleicht kindisch war, aber dem Frauenherzen innewohnt, folgte dem süßen Stolze, dessen sie sich, als ihr Albert seine leidenschaftliche Liebe schilderte, nicht hatte erwehren können. Sie fühlte sich niedergeschlagen, ohne Zweifel verkannt, denn sie hatte seinem Geheimniß nur in der Absicht oder wenigstens in dem Wunsche nachgespürt, seine Liebe zu erwiedern, wenn er sich gerechtfertigt haben würde. Zugleich erkannte sie, daß sie in den Augen dessen, der sie liebte, eine Schuld auf sich geladen hatte, denn hatte er Zdenko wirklich ermordet, so war sie die einzige auf der Welt, die kein Recht hatte, ihn unwiderruflich zu verdammen, sie, deren Leben das Opfer eines anderen, dem armen Albert ja doch auch unendlich theuern Lebens gefordert hatte.

Consuelo wußte ihm nichts zu antworten. Sie wollte von etwas anderem reden, aber ihre Thränen schnitten ihr das Wort ab. Als Albert sie weinen sah, wollte er sich nun seinerseits demüthigen, aber sie bat ihn, nie wieder auf einen für sie so schrecklichen Gegenstand zurückzukommen, und versprach ihm auch ihrerseits, nicht wieder einen Namen auszusprechen, der ihr eben so wie ihm die schmerzlichste Aufregung verursachte.

Der übrige Weg ging ihnen unter Zwang und Aengsten hin. Sie versuchten umsonst, ein Gespräch anzuknüpfen. Consuelo wußte nicht, was sie sprach, noch was sie hörte. Albert jedoch schien ruhig, wie Abraham oder wie Brutus nach dem Opfer, das ein grausames Geschick ihnen auferlegt hatte. Diese unselige und tiefe Ruhe bei einer solchen Last auf dem Herzen konnte sich Consuelo nur aus einem Rest von Wahnsinn erklären, und sie entschuldigte ihren Freund damit, daß sie sich sagte: er ist verwirrt.

Wenn er im offenen Kampfe gegen einen Räuber den Gegner erschlagen hätte, um sie zu retten, so würde sie darin nur einen Grund mehr zur Dankbarkeit und vielleicht zur Bewunderung seiner Tapferkeit und seines Muthes gefunden haben. Aber dieser geheimnißvolle Mord, der ohne Zweifel im Dunkel der unterirdischen Gewölbe vollbracht war, dieses Grab an der Stätte seiner Gebete, dieses fühllose Schweigen nach einer solchen Krise, dieser fanatische Stoicismus, mit dem er sie in die Grotte zu führen und sich daselbst der Wollust der Musik zu überlassen gewagt hatte, das alles war ihr zu schauderhaft; Consuelo fühlte, daß die Liebe dieses Mannes keinen Eingang in ihr Herz finden wollte.

– Wann hat er nur den Mord begehen können? fragte sie sich. Ich habe seit drei Monden keine Falte auf seiner Stirn gesehen, tief genug, um an Gewissensbisse denken zu lassen. Hat er nicht ein Paar Tropfen Blutes an seiner Hand irgendeinmal kleben gehabt, als ich ihm die meinige reichte? Schrecklich! Er muß von Stein oder von Eis sein, oder er liebt mich bis zur wildesten Raserei! Und ich, ich, die ich so sehnlich wünschte, grenzenlos geliebt zu werden, die ich mich so bitter härmte, weil ich nur schwach geliebt wurde! So vergilt mir der Himmel, und zeigt mir, was ich begehrt habe!

Dann fing sie wieder an zu grübeln, wann doch Albert sein furchtbares Opfer vollbracht haben konnte. Sie dachte sich, es müßte während der schweren Krankheit geschehen sein, in welcher sie für alles, was um sie vorging, unempfindlich war; aber sie erinnerte sich der zärtlichen, liebreichen Pflege, die er ihr gewidmet hatte, und es war ihr unmöglich, diese beiden Gesichter in einem und demselben Wesen zusammenzubringen, das sich selbst und allen Menschen gar zu unähnlich gewesen wäre.

In ihr düsteres Sinnen verloren, nahm sie mit zitternder Hand und zerstreuter Miene die Blumen an, die Albert ihr am Wege pflückte, wie er gewohnt war, denn er wußte, daß sie die Blumen sehr liebte. Sie dachte auch nicht daran, sich von ihm zu trennen, um allein in das Schloß zurückzukehren und nicht merken zu lassen, daß sie so lange mit einander gewesen wären. Sei es, daß Albert es ebenfalls vergaß, oder daß er nicht länger vor seiner Familie zurückhalten wollte, genug, auch er erinnerte nicht daran, und am Eingange des Schlosses trafen sie beide auf das Stiftsfräulein. Consuelo (und gewiß auch Albert) sah zum ersten Male die Züge dieser Frau, die sonst, weil sie so zu herzensgut aussah, trotz ihrer Magerkeit und Verwachsenheit nie häßlich schien, von Erbitterung und Zorn entstellt.

– Es ist endlich Zeit, daß Sie zurückkommen, Mademoiselle! sagte sie zur Porporina mit hastiger, bebender Stimme. Wir waren sehr in Sorgen um Graf Albert. Sein Vater hat nicht ohne ihn frühstücken wollen; er hatte eine Unterredung mit ihm gewünscht, die es Ihnen beliebt hat, meinem Neffen aus dem Sinne zu bringen. Und was Sie betrifft, so ist da ein Herrchen im Saale, das sich für Ihren Bruder ausgiebt und Sie mit nicht gerade sehr höflicher Ungeduld erwartet.

Nach dieser wunderlichen Rede kehrte ihnen die arme Wenceslawa, die über ihre eigene Kühnheit erschrak, in Eile den Rücken und lief in ihr Zimmer, wo sie eine Stunde lang hustete und weinte.

3.

– Meine Tante ist in einer seltsamen Gemüthsverfassung sagte Albert zu Consuelo, während er mit ihr die Vortreppe hinaufstieg. Verzeihen Sie es ihr, liebe Freundin! gewiß, noch heute wird sie Benehmen und Sprache ändern.

– Mein Bruders sagte Consuelo, von der Nachricht beunruhigt, welche sie erhalten hatte, und ohne auf Albert's Worte zu achten.

– Ich wußte nicht, daß Sie einen Bruder hätten, versetzte Albert, dem die Heftigkeit seiner Tante mehr ausgefallen war als ihre Mittheilung. Ohne Zweifel fühlen Sie sich glücklich, ihn wiederzusehen, und ich freue mich ...

– Freuen Sie sich nicht, Herr Graf! fiel Consuelo ein, von einer trüben Ahnung ergriffen. Es bereitet sich für mich vielleicht ein großer Verdruß, und ...

Sie brach zitternd ab, denn sie hatte es auf den Lippen, ihn um Rath und Schutz zu bitten, aber sie fürchtete, sich dadurch zu eng mit ihm einzulassen, und da sie den, der sich mit Hülfe einer Lüge bei ihr einführte, weder zu empfangen noch abzuweisen wagte, so fühlte sie ihre Knie wanken und lehnte sich bei der letzten Stufe an die Brüstung der Rampe.

– Fürchten Sie eine traurige Nachricht von Ihrer Familie? fragte sie Albert, dessen Unruhe zu erwachen anfing.

– Ich habe keine Familie, antwortete Consuelo, indem sie mit Anstrengung weiter ging.

Sie hätte fast gesagt: und keinen Bruder, aber eine unbestimmte Furcht hielt sie davon zurück. Als sie durch den Speisesaal ging, hörte sie die Stiefel des Reisenden, der ungeduldig auf und ab rannte, auf dem Estrich knarren. Unwillkürlich drängte sie sich an den jungen Grafen und drückte seinen Arm, in den sie den ihrigen schlang, als hätte, sie in seiner Liebe Zuflucht gesucht vor der Trübsal, die, wie sie ahnte, ihr bevorstand.

Albert, überrascht von dieser Bewegung, fühlte sich von tödtlicher Angst ergriffen.

– Gehen Sie nicht allein, sagte er leise. Meine Ahnung, die mich nie trog, sagt mir, daß dieser Bruder Ihr und mein Feind ist. Es überfährt mich kalt, als ob ich wen zu hassen hätte.

Consuelo machte ihren Arm los, den Albert fest an seine Brust preßte. Sie zitterte bei dem Gedanken, daß er vielleicht in eine dieser seltsamen Phantasien verfallen, einen dieser unerschütterlichen Entschlüsse fassen könnte, wovon ihr Zdenko's muthmaßlicher Tod ein trauriges Beispiel gab.

– Nein! wir wollen uns hier trennen, sagte sie auf Deutsch (denn man konnte sie aus dem anstoßenden Saale schon hören). Ich habe augenblicklich nichts zu fürchten, aber wenn mir späterhin Gefahr drohen sollte, Albert, rechnen Sie darauf, daß ich zu Ihnen meine Zuflucht nehme.

Albert gab mit peinlicher Angst und Widerstreben nach. Aus Furcht, unzart zu erscheinen, getraute er sich nicht, zu widersprechen, aber er konnte sich auch nicht entschließen, aus dem Saale zu weichen. Consuelo, die sein Zögern bemerkte, machte beide Saalthüren im Eintreten hinter sich zu, damit er weder sehen noch hören könnte, was vorginge.

Anzoleto (denn er war es, sie hatte es an seiner Frechheit nur zu gut errathen und an seinem Tritte nur zu gut erkannt) hatte sich darauf gefaßt gemacht, sie keck mit einer brüderlichen Umarmung in Gegenwart von Zeugen zu empfangen. Als er sie allein eintreten sah, bleich, aber kalt und streng, verlor er den Muth und warf sich stotternd ihr zu Füßen. Er brauchte Freude und Zärtlichkeit nicht zu heucheln. Wirklich und heftig fühlte er beides, als er sie wiedersah, die er ungeachtet seines Verrathes nicht zu lieben aufgehört hatte. Er weinte bitterlich, und da sie ihn ihre Hände nicht ergreifen lassen wollte,bedeckte er den Saum ihres Kleides mit Küssen und mit Thränen.

Consuelo war nicht darauf gefaßt, ihn so zu finden. Seit vier Monaten hatte sie ihn sich vorgestellt, wie er sich ihr in der Nacht ihres Bruches gezeigt hatte, bitter, höhnisch, der verächtlichste der Menschen. Und noch diesen Morgen hatte sie ihn frech und mit fast cynischer Nachlässigkeit auftreten sehen. Und nun lag er zu ihren Füßen, demüthig, reuevoll, in Thränen gebadet, wie an den stürmischen Tagen ihrer verliebten Aussöhnungen, schöner als jemals; denn seine Reisekleidung, ein wenig gemein, aber sauber, stand ihm sehr gut, und seine von der Reise gebräunten Züge hatten etwas Männlicheres angenommen.

Zitternd wie die Taube, auf welche der Habicht herabstürzt, mußte sie sich niedersetzen und ihr Gesicht in den Händen verbergen, um sich dem Zauber seines Blickes zu entziehen. Anzoleto hielt dies für eine Handlung der Scham und wurde dreister; seine schlechte Gesinnung tauchte schnell wieder auf und verwischte die unschuldige Regung seines, ersten Entzückens.

Als er von Venedig entfloh und dem Ekel zu entrinnen suchte, mit dem sich sein Lasterleben strafte, hatte er an weiter nichts gedacht, als sein Glück zu suchen; aber er hatte dabei im Stillen doch den Wunsch und die Hoffnung nicht aufgegeben, seine geliebte Consuelo wieder zu finden. Ein so glänzendes Talent konnte seiner Meinung nach nicht lange verborgen bleiben und er hatte sich überall auf Kundschaft gelegt, indem er seine Wirthe, Führer oder die Reisenden, mit denen er zusammentraf, ausfragte.

In Wien hatte er Italiener von Distinction kennen gelernt, denen er seinen Streich und seine Flucht verrieth. Sie hatten ihm den Rath gegeben, sich entfernt von Venedig zuhalten, bis Graf Zustiniani ihm den Possen vergeben oder vergessen haben würde; sie hatten ihm versprochen, sich selbst darum zu verwenden und ihm Empfehlungsbriefe für Prag, Dresden und Berlin gegeben. Als er bei Riesenburg vorüberkam, hatte er nicht daran gedacht, seinen Führer genauer zu befragen; aber als er nach einer Stunde scharfen Rittes anhielt, um die Pferde verschnaufen zu lassen, nahm er das Gespräch wieder auf und erkundigte sich umständlicher nach der Gegend und ihren Bewohnern.

Natürlich erzählte ihm der Führer sogleich von den Herren von Rudolstadt, von ihrer auffallenden Lebensweise, von den Wunderlichkeiten des Grafen Albert, dessen Verrücktheit jetzt kein Geheimniß mehr war, besonders seit ihm der Doctor Wetzelius seinen Groll nachtrug. Auch unterließ der Führer nicht, zur Vervollständigung der Klatsch-Chronik die Geschichte zu überliefern, wie Graf Albert seinen Narrheiten die Krone aufgesetzt habe, indem er seine edle Cousine, das schöne Freifräulein Amalie von Rudolstadt, nicht heirathen wollte, um sich eine Abenteurerin an den Hals zu hängen, die nur ziemlich hübsch wäre, in die sich aber alle Welt verliebte, wenn sie sänge, weil sie eine außerordentliche Stimme hätte.

Diese beiden Umstände paßten zu gut auf Consuelo, als daß unser Reisender nicht hätte nach dem Namen der Abenteurerin fragen sollen, und als er hörte, daß sie Porporina hieße, zweifelte er nicht länger. Spornstreichs kehrte er um, und nachdem er in Eile Vorwand und Titel ausgedacht hatte, unter denen er sich in dieses so wohl verwahrte Schloß einführen könnte, lockte er aus seinem Führer noch ein Paar Klätschereien heraus. Aus dem Geschwätze dieses Menschen entnahm er die Gewißheit, daß Consuelo einstweilen die Maitresse des jungen Grafen wäre, der sie heirathen sollte, denn sie hätte, sagte man, die ganze Familie behext, und anstatt sie wegzujagen, wie sie es verdiente, begegnete man ihr im Hause mit einer Achtung und Zuvorkommenheit, wie nicht einmal dem Fräulein Amalie.

Diese Umstände reizten Anzoleto eben so sehr und vielleicht noch stärker als die Anhänglichkeit, die er Consuelo wirklich bewahrte. Er hatte sich oft zurückgesehnt in das süße Leben, das sie ihm bereitet hatte, er hatte wohl gefühlt, daß ihm mit dem Verlust ihres Rathes und ihrer Anweisung seine musikalische Zukunft verloren oder doch auf lange hin verkümmert war, kurz, es zog ihn eine Liebe zu ihr hin, die eigennützig, aufrichtig und unüberwindlich zugleich war.

Zu dem allen aber gesellte sich die Versuchung seiner Eitelkeit, Consuelo einem reichen und adeligen Liebhaber streitig zu machen, sie einer glänzenden Verbindung zu entreißen und sich den Ruf im Lande und in der Welt zu machen, daß ein so reichbegabtes Mädchen lieber mit ihm auf Abenteuer ausgehen als Gräfin und Burgfrau werden wollte. Er konnte es daher nicht satt kriegen, sich von seinem Führer immer wieder erzählen zu lassen, was für eine stolze Rolle die Porporina auf Riesenburg spiele, und kitzelte sich mit der kindischen Hoffnung, daß dieser selbe Mensch allen Reisenden, die nach ihm des Weges kämen, erzählen würde, wie ein schöner junger Gesell im Galopp in die ungastliche Riesenburg eingeritten wäre, von dem es heißen müßte: er kam, sah und siegte, denn nach einigen Stunden oder nach einigen Tagen wäre es wieder herausgekommen und hätte die Perle der Sängerinnen dem hochgebornen und gnädigen Herrn Grafen von Rudolstadt vor der Nase hinweggeführt.

Bei diesem Gedanken drückte er seinem Pferde die Sporen in die Seiten und lachte so laut, daß sein Führer bei sich dachte, es käme wol noch darauf an, wer von beiden der Verrückte wäre, dieser Reisende oder der Graf Albert.

Das Stiftsfräulein empfing ihn mit Mißtrauen, wollte ihn aber doch nicht abweisen, denn sie hoffte, daß er vielleicht seine vorgebliche Schwester mit hinwegnehmen möchte. Er hörte, daß Consuelo spazieren gegangen war, und wurde verdrießlich. Man schickte ihm Frühstück und er fragte die Bedienten aus. Einer von diesen verstand ein Paar Worte Italienisch und sagte ihm, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, er hätte die Signora mit dem jungen Grafen draußen auf den Bergen gesehen.

Anzoleto fürchtete im ersten Augenblicke, Consuelo stolz und kalt zu finden. Er sagte sich: wenn sie nichts weiter wäre als die ehrbare Braut des Sohnes vom Hause, so würde sie gewiß die stolze Miene einer Person zeigen, die ihre Stellung fühlt; wäre sie aber schon seine Maitresse, so würde sie weniger Sicherheit verrathen und vor einem alten Freunde, der ihr das Spiel verderben könnte, zittern. War sie noch unschuldig, so war der Sieg schwerer, dann aber desto ruhmvoller; war sie gefallen, so stand die Sache umgekehrt. In beiden Fällen lag die Sache so, daß sich etwas unternehmen oder etwas hoffen ließ.

Anzoleto war zu schlau, um nicht zu merken, daß der lange Spaziergang der Porporina mit ihrem Neffen das Stiftsfräulein mißlaunig und unruhig machte. Den alten Grafen hatte er noch nicht gesehen und so konnte er denken, daß der Führer vielleicht übel unterrichtet war, daß die Liebe, des jungen Grafen zu der Abenteurerin von der Familie mit Besorgniß und mit Mißvergnügen angesehen wäre und daß Consuelo vor ihrem ersten Liebhaber die Augen niederschlagen würde.

Nach vier tödtlich langen Stunden, die er warten mußte, und die er zu mancherlei Betrachtungen anwendete, hielt sich Anzoleto, da er nicht die Sittenreinheit besaß, um in solchem Falle das Beste zu denken, für vollkommen überzeugt, daß Consuelo und sein Nebenbuhler nicht so lange allein mit einander sein würden, wenn nicht bereits eine unbeschränkte Vertraulichkeit zwischen ihnen stattfände.

Dies machte ihn dreister, und er war mit sich einig, sie vollkommen furchtlos zu erwarten, und als er nun nach der ersten unwiderstehlichen Rührung, die ihm das Wiedersehen abgewann, sie verwirrt und in Angst auf einen Stuhl sinken sah, glaubte er mit Zuversicht, sich alles herausnehmen zu dürfen. Seine Zunge löste sich daher sehr bald. Er klagte sich alles dessen an, was vorgefallen war, heuchelte Reue, weinte, so viel es ihm gut dünkte, erzählte, wie viel Schmerz und Gram er ausgestanden, und dichtete sich ganz andere Seelenleiden an, als er bei seinen eklen Zerstreuungen empfunden haben konnte, kurz, er flehte um Verzeihung mit aller Beredsamkeit und Gewandtheit eines Venetianers und eines ausgemachten Schauspielers.

Consuelo war im ersten Augenblicke vom Tone seiner Stimme ergriffen und zugleich erschrocken mehr über ihre eigene Schwäche als über die Macht des Verführerischen, aber auch sie hatte seit vier Monaten mancherlei Betrachtungen angestellt, und sie gewann bald wieder so viel Klarheit des Blickes, daß sie in diesen Betheuerungen und in dieser feurigen Beredsamkeit nichts anderes erkannte, als was er ihr in den letzten Zeiten ihrer unglücklichen Verbindung schon wer weiß wie oft in Venedig geboten hatte. Sie fühlte sich verletzt, zu hören, daß er noch jetzt dieselben Schwüre und dieselben Bitten wiederholte, als ob nichts vorgefallen wäre seit jenen Zwistigkeiten, zu deren Zeit sie noch weit davon entfernt war, Anzoleto's schändliches Betragen zu ahnen.

Entrüstet über solche Frechheit und über solche Rednerei, wo nichts an seiner Stelle war, als schamvolles Schweigen und Thränen der Reue, unterbrach sie seinen Redefluß, indem sie sich erhob und kalt entgegnete:

– Genug, Anzoleto! ich habe Ihnen längst verziehen und ich trage Ihnen nichts nach. Mein Unwille ist dem Mitleid gewichen, und mit meinen Leiden habe ich Ihre Schuld vergessen. Wir haben uns nichts weiter zu sagen. Ich danke Ihnen für die Regung des guten Herzens, die Sie veranlaßt hat, Ihre Reise zu unterbrechen, um sich mit mir auszusöhnen. Meine Verzeihung war Ihnen zum Voraus gewährt, Sie sehen es. Leben Sie denn wohl und setzen Sie Ihre Reise fort.

– Ich reisen! dich verlassen, dich abermals verlieren! rief Anzoleto wirklich erschrocken. Nein, lieber heiße mich mir gleich das Leben nehmen! Nein, nie werde ich mich entschließen, ohne dich zu leben. Ich kann nicht, Consuelo! Ich habe es versucht, und ich habe gesehen, daß es mir unmöglich ist. Wo du nicht bist, ist für mich das Nichts. Mein abscheuwürdiger Ehrgeiz, meine jämmerliche Eitelkeit, denen ich vergebens meine Liebe opfern wollte, sind meine Marter und lassen mir keinen frohen Augenblick mehr. Dein Bild verfolgt mich überall. Die Erinnerung unseres Glückes, das so rein, so keusch, so köstlich war (und auch du, du selbst, wo könntest du ein gleiches finden?) o, es ist stets vor meinen Augen. Alle Trugbilder, nach denen ich haschte, ekeln mich nur an.

Consuelo, Consuelo! erinnere dich unserer lieben Nächte in Venedig, unseres Fahrzeugs, unserer Sterne, unsers unaufhörlichen Singens, deiner guten Lehren, unserer herzlichen Küsse, o! und deines Bettchens,auf dem ich allein schlief, während du deinen Rosenkranz auf der Terrasse betetest. Hab' ich dich da nicht geliebt? Hat der Mann, der dir nie zu nahe trat, auch als du schlummertest und er bei dir allein war, hat er dir nicht bewiesen, daß er dich zu lieben fähig ist?

Wenn ich schändlich war bei den Anderen, sage, war ich nicht gegen dich ein Engel? Und Gott weiß, was es mich kostete! O, vergiß das alles nicht! Du sagtest, daß du mich so liebtest, und nun hast du es vergessen. Und ich, der ich ein schändlicher Mensch, ein Bube, ein Ungeheuer bin, ich habe es keinen Augenblick vergessen können. Und ich will es nicht vergessen, obgleich du es dir so leicht und ohne Kummer aus dem Sinne schlägst. Du hast mich aber auch nie geliebt, wiewohl du eine Heilige bist; ich aber, ich bete dich an, wiewohl ich ein Teufel bin.

– Es kann sein, entgegnete Consuelo, durch den Ton von Wahrheit überrascht, mit dem er diese Worte sprach, daß Sie den Verlust des Glückes welches Sie mit Füßen traten jetzt aufrichtig bedauern. Es ist dies eine Züchtigung die Sie auf sich nehmen müssen, und die zu tragen ich Sie nicht verhindern darf. Ihr Glück hat sie verderbt, Anzoleto! ein wenig Schmerz wird Sie reinigen. Gehen Sie und gedenken Sie meiner, wenn Ihnen diese Zeit der Traurigkeit zum Heile dient. Wo nicht, so vergessen Sie mich, die ich nichts abzubüßen, und nichts gut zu machen habe.

– Ha! du hast ein Herz von Stahl! rief Anzoleto, durch ihre Ruhe überrascht und beleidigt. Aber denke nicht, daß du mich so hinwegjagen kannst. Es kann sein, daß meine Ankunft dich genirt, daß mein Hiersein dir beschwerlich ist. Ich weiß recht gut, daß du das Andenken unserer Liebe dem Ehrgeize nach Rang und Reichthum opfern willst.

Aber das soll nicht geschehen. Ich hänge mich an dich, und wenn du mich zu Boden trittst, so wirst du doch nicht ohne Kampf siegen. Ich werde dich an die Vergangenheit erinnern, ich werde dich erinnern in Gegenwart aller deiner jetzigen Freunde, wenn du mich dazu zwingst. Ich werde dich an das erinnern, was du mir am Kissen deiner sterbenden Mutter schworst und was du mir dann hundertmal wieder geschworen hast, auf ihrem Grabe und in den Kirchen, wann wir mitten unter der Menge dicht neben einander knieten, um die schöne Musik zu hören und leise mit einander zu flüstern. Ich werde dich allein, demüthig, auf den Knieen vor dir, an Dinge erinnern, die du anzuhören dich nicht weigern wirst, und thust du es doch, dann Wehe uns beiden!

Dann will ich in Gegenwart deines jetzigen Geliebten Dinge aufdecken, die er nicht weiß! Denn sie wissen nichts von dir, sie wissen nicht einmal, daß du Komödiantin warst. Nun wohl: sie sollen es von mir hören, und wir wollen doch sehen, ob der hochadlige Graf Albert wieder zur Vernunft kommen wird, wenn er dich einem Komödianten, deinem Freunde, deinesgleichen, deinem Verlobten, deinem Liebhaber streitig zu machen hat. Ha! treibe mich nicht zur Verzweiflung, Consuelo! oder ...

– Drohungen! Zeigen Sie sich doch endlich wieder ganz, Anzoleto! sagte das Mädchen entrüstet. Fürwahr, ich sehe Sie lieber so, und ich weiß es Ihnen Dank, daß Sie die Maske abgelegt haben. Ja, Gott sei Dank! ich werde nun kein Leid mehr um Sie, kein Mitleid mehr mit Ihnen haben. Ich sehe, welche Galle in Ihrem Herzen, welche Niedrigkeit in Ihrer Seele, welcher Haß in Ihrem Lieben wohnt. Gehen Sie hin, kühlen Sie Ihren Grimm! Sie werden mir einen Dienst leisten. Aber wenn Sie nicht ebenso fertig im Verleumden sind als im Beleidigen, so werden Sie nichts zu sagen haben, worüber ich erröthen müßte.

Mit diesem Worte ging sie zur Thür, öffnete sie und wollte sich hinausbegeben, als ihr plötzlich Graf Christian gegenüber stand. Beim Anblick dieses ehrwürdigen Greises, der Consuelo's Hand küßte und dann mit Freundlichkeit und Würde näher trat, wich Anzoleto, der Consuelo nacheilte, um sie in Gutem oder Bösem festzuhalten, bestürzt zurück und ließ die Frechheit seiner Mienen fahren.

4.

Liebe Signora! sagte der alte Graf, entschuldigen Sie, daß ich Ihren Herrn Bruder nicht zuvorkommender empfangen konnte. Ich hatte verboten mich zu stören, weil mich diesen Morgen etwas Ungewöhnliches in Anspruch nahm; man hat indessen mein Geheiß zu gut befolgt, indem man mir von der Ankunft eines Gastes nichts sagte, den ich in meinem und meiner Familie Namen in diesem Hause willkommen heiße. Sein Sie überzeugt, mein Herr i fügte er zu Anzoleto gewendet hinzu, daß ich einen so nahen Verwandten unserer geliebten Porporina mit Freuden bei mir sehe. Ich ersuche Sie daher, hier zu verweilen und so lang es Ihnen angenehm ist, bei uns zu bleiben. Ich kann mir leicht denken, daß Sie nach einer langen Trennung sich viel einander zu sagen haben, und sehr froh sind, miteinander zu sein. Ich hoffe, daß Sie sich unbedenklich und ohne sich Rücksichten aufzulegen, dem Genusse eines Glückes überlassen werden, woran ich den größten Antheil nehme.

Es war ganz gegen seine Gewohnheit, daß der alte Christian einen Fremden mit solcher Leichtigkeit anredete. Aber vor der sanften Consuelo war seine Schüchternheit schon lange gewichen, und auf seinem Gesichte schien an diesem Tage ein hellerer Lebensstrahl als gewöhnlich zu glänzen, ähnlich denen welche die Sonne bei ihrem Scheiden über den Horizont aussendet.

Anzoleto verstummte vor dem Ausdruck von Majestät, womit Geradsinn und Seelenruhe das Antlitz eines ehrwürdigen Greises schmücken. Er verstand es wohl, den Rücken vor großen Herren tief zu krümmen, während er sie innerlich haßte und verhöhnte. Er hatte sie zu verachten nur zu viel Ursach in der schönen Welt gefunden, in welcher er seit einiger Zeit lebte. Aber noch nie hatte er eine solche Würde und eine so herzliche Höflichkeit wie bei dem alten Schloßherrn von Riesenburg gefunden.

Er verwickelte sich in seinem Dank und fühlte sich fast beschämt, einen so väterlichen Empfang durch eine Lüge erschlichen zu haben. Besonders war ihm bange, daß Consuelo ihn entlarven und dem alten Grafen sagen möchte, daß er nicht ihr Bruder wäre. Er fühlte, daß es ihm in diesem Augenblick unmöglich geworden wäre, ihr mit Frechheit zu vergelten und einen Racheversuch zu machen.

– Die Güte des Herrn Grafen rührt mich unendlich, antwortete Consuelo nach einem augenblicklichen Besinnen; allein mein Bruder, der sie ganz zu schätzen weiß, wird nicht so glücklich sein, Gebrauch davon zu machen. Es rufen ihn dringende Geschäfte nach Prag, und er hat eben jetzt Abschied von mir genommen ...

– Nicht möglich! Sie haben sich kaum einen Augenblick gesehen, sagte der Graf.

– Er hat mehre Stunden warten müssen, bis ich kam, versetzte sie, und jetzt sind seine Augenblicke gezählt. Er weiß es wohl, sagte sie, ihren vorgeblichen Bruder mit bedeutungsvollem Blicke ansehend, daß er keine Minute länger hier bleiben darf.

Als Anzoleto ihre beharrliche Kälte sah, fand er die ganze Dreistigkeit, die ihm eigen war, und alle Gewandtheit wieder, seine Rolle fort zu spielen.

– Ei, werde daraus was will, in Teufels – wollt' ich sagen Gottes Namen! entgegnete er, aber ich werde mich von meiner theuren Schwester nicht so geschwind trennen, als ihre Klugheit und Vorsicht es verlangen. Es giebt kein wichtiges Geschäft auf der Welt, das einen Augenblick des Glückes aufwöge, und da es der Herr Graf mir gütigst erlaubt, so nehme ich es dankbar an: ich bleibe. Meine Geschäfte in Prag werden ein wenig später besorgt, das ist alles.

– So redet ein leichtsinniger junger Mensch, antwortete Consuelo gekränkt. Es giebt Geschäfte, bei denen die Ehre lauter redet als der Vortheil ...

– Nein, so redet ein Bruder, versetzte Anzoleto, und du redest immer, wie eine Königin, mein gutes Schwesterchen!

– So redet ein ein braver junger Mensch, setzte der alte Graf hinzu, indem er Anzoleto die Hand reichte. Ich kann mir kein Geschäft denken, das sich nicht auf den andern Tag verschieben ließe. Es ist wahr, man hat mir immer den Vorwurf gemacht, daß ich zu träge sei, aber ich habe doch immer gefunden, daß man mit der Eile nicht so gut fährt als mit der Bedächtigkeit.

Zum Exempel, liebe Porporina! seit Tagen, ich könnte beinah sagen, seit Wochen habe ich eine Bitte an Sie, und bis jetzt habe ich damit gezögert. Und ich glaube, ich habe wohl daran gethan, und es ist gerade jetzt der rechte Augenblick gekommen. Wollen Sie mir ein Stündchen zu einer Unterredung schenken, um die ich Sie eben zu bitten im Begriff war, als ich erfuhr, daß Ihr Herr Bruder angekommen sei? Es ist mir, als ob dieses glückliche Ereigniß recht zur günstigen Zeit eingetroffen wäre, und vielleicht wäre er keine überflüssige Person bei der Unterredung die ich Ihnen antrage.

– Ich bin jederzeit zu Ihrem Befehle, Herr Graf! entgegnete Consuelo. Was meinen Bruder betrifft, so ist er ein Kind und ich lasse ihn nie meine persönlichen Angelegenheiten ohne Unterschied wissen ...

– Das weiß ich wohl, fiel Anzoleto keck ein, allein da der Herr Graf mir ein Recht dazu giebt, so bedarf ich doch keiner andern Erlaubniß als der seinigen, um in sein Vertrauen gezogen zu werden.

– Sie werden mir erlauben zu beurtheilen, was Ihnen und mir zukommt, antwortete Consuelo stolz. Herr Graf! ich bin bereit, Ihnen in Ihr Zimmer zu folgen und ehrfurchtsvoll zu hören was Sie mir zu sagen haben.

– Sie gehen sehr hart mit diesem lieben jungen Mann um, der ein so offenes und heiteres Wesen hat, sagte der Graf lächelnd.

Dann wendete er sich zu Anzoleto.

– Verlieren Sie die Geduld nicht, mein Kind! sagte er. Sie werden schon an die Reihe kommen. Was ich Ihrer Schwester zu sagen habe, kann Ihnen nicht verborgen bleiben, und bald, hoffe ich, wird sie mir gestatten, Sie, wie Sie sich ausdrückten, in das Vertrauen zu ziehen.

Anzoleto hatte die Unverschämtheit, auf die gefällige und vertrauliche Manier des Greises einzugehen, indem er dessen Hand in den seinigen behielt, als ob er sich an ihn hängen und ihm das Geheimniß, von welchem Consuelo ihn ausschloß, ablocken wollte. Er besaß nicht genug Schicklichkeitsgefühl, um einzusehen, daß er wenigstens den Saal hätte verlassen müssen, damit der Graf sich nicht selbst hinweg zu bemühen brauchte.

Als er sich allein sah, stampfte er vor Ingrimm mit dem Fußes er fürchtete, daß dieses Mädchen, das sich so beherrschen gelernt hatte, alle seine Pläne vereiteln und ihn trotz seiner Verschlagenheit aus dem Sattel heben könnte. Er hatte große Lust, durch das Haus zu schleichen und an allen Thüren zu horchen. Er verließ in dieser Absicht wirklich den Saal, lief einige Augenblicke im Garten umher, und stahl sich dann in die Korridore, indem er, wenn ein Diener kam, sich stellte, als ob er die schöne Architektur des Schlosses bewunderte.

Aber zu drei verschiedenen Malen sah er in kleiner Entfernung eine schwarz gekleidete, seltsam ernste Gestalt vorübergehen, deren Aufmerksamkeit er nicht eben gern auf sich lenken wollte: es war Albert, der ihn nicht zu bemerken schien, und der ihn dennoch nicht aus dem Auge ließ. Anzoleto sah, daß dieser Mann um einen Kopf größer war als er, sah die Schönheit seines ernsten Gesichtes und gestand sich, daß er keinen so verächtlichen Nebenbuhler hätte, als er sich den verrückten Grafen von Riesenburg Anfangs vorgestellt hatte.

Er sah sich endlich genöthigt, in den Saal zurückzukehren, setzte sich an das Klavier mit den Fingern zerstreut über die Tasten irrend und seine schöne Stimme in diesem schallenden Raume versuchend.

– Meine Tochter! hob Graf Christian an, nachdem er Consuelo in sein Kabinet geführt und ihr einen großen rothsammtnen Lehnstuhl mit Goldfranzen zurecht gerückt hatte, während er sich auf einen Feldstuhl neben ihr niederließ; ich habe mir etwas von Ihnen auszubitten und doch weiß ich nicht mit welchem Rechte ich es thun kann, ehe Sie nicht die Absicht kennen, die ich dabei habe. Darf ich mir schmeicheln, daß meine weißen Haare, die Liebe und Achtung, die ich für Sie hege, die Freundschaft meines edelmüthigen Porpora, Ihres Adoptivvaters, Ihnen hinlängliches Vertrauen zu mir einflößen, um mir, wenn ich Sie darum bitte, Ihr Herz rückhaltlos zu öffnen?

Gerührt und doch zugleich ein wenig erschreckt von dieser Einleitung führte Consuelo die Hand des Greises an ihre Lippen und antwortete ihm mit Herzlichkeit:

– Ja, Herr Graf! ich achte Sie und liebe Sie ganz so als wenn ich die Ehre hätte, daß Sie mein Vater wären, und ich kann alle Ihre Fragen furchtlos und rückhaltlos beantworten, soweit dieselben mich persönlich betreffen.

– Fragen anderer Art werde ich Ihnen nicht vorlegen, meine liebe Tochter! und ich danke Ihnen für dieses Versprechen. Sie werden mich nicht für fähig halten, es zu mißbrauchen, wie ich Sie nicht für fähig halte, ihm ungetreu zu werden.

– Gewiß nicht, Herr Graf! Belieben Sie nur mich zu fragen.

– Nun denn, mein Kind! sagte der Greis mit einer Art unschuldiger und zuthunlicher Neugier, wie heißen Sie eigentlich?

– Ich habe keinen Namen, antwortete Consuelo ohne Stocken; meine Mutter hieß nur Rosamunde. Ich bin getauft Maria zum Troste; meinen Vater habe ich nicht gekannt.

– Aber Sie wissen seinen Namen?

– Nein, gnädiger Herr! ich habe niemals von ihm reden hören.

– Hat Meister Porpora Sie adoptirt? Hat er auf Sie seinen Namen in gesetzlicher Form übertragen?

– Nein, gnädiger Herr! das ist unter Künstlern nicht der Brauch und auch nicht nöthig. Mein edler Lehrer ist arm und hat mir nichts zu vermachen. Was seinen Namen betrifft, so ist es bei meiner Stellung in der Welt gleichgültig, ob ich ihn in Folge einer Förmlichkeit oder nur durch den Gebrauch führe. Wenn ich ihn durch einiges Talent rechtfertige, so ist er wohl erworben; wo nicht, so wäre mir eine Ehre unverdient zu Theil geworden.

Der Graf schwieg einige Augenblicke, dann ergriff er Consuelo's Hand.

– Die edle Offenheit, mit welcher Sie mir antworten, sagte er, stellt Sie in meinen Augen nur noch höher. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen diese Fragen vorgelegt habe, um Sie nach dem Ausfall Ihrer Antworten mehr oder minder hoch zu schätzen. Ich wollte nur sehen, ob es Ihnen irgend unangenehm wäre, mir die Wahrheit zu sagen, und ich erkenne nun, daß dies nicht der Fall ist. Ich bin Ihnen dafür unendlich verbunden, und ich finde, daß Ihr Character Sie mehr adelt als es bei uns Geburt und Titel thun.

Consuelo mußte lächeln über die Treuherzigkeit mit welcher der alte Edelmann ihr ein Geständniß, das ihr so leicht fiel, so hoch anrechnete. In seinem Erstaunen darüber lag um so mehr ein Ueberrest von hartnäckigem Vorurtheil, je edelmüthiger Christian sich dessen erwehren wollte. Es war augenscheinlich, daß er mit seinem Vorurtheil kämpfte und es bemeistern wollte.

– Nunmehr, hob er wieder an, will ich eine Frage von noch zarterer Natur an Sie richten, mein liebes Kind! und ich bedarf aller Ihrer Nachsicht um deswegen Entschuldigung bei Ihnen zu finden.

– Fürchten Sie nichts, gnädiger Herr! sagte sie, ich werde stets mit der nämlichen Unbefangenheit antworten.

– Wohlan, liebes Kind! Sie sind nicht verheiratet?

– Nein, gnädiger Herr, so viel ich weiß.

– Und ... auch nicht Witwe? Sie haben keine Kinder?

– Ich bin nicht Witwe und habe keine Kinder, antwortete Consuelo, die sich kaum des Lachens enthalten konnte, denn sie begriff nicht wo hinaus der Graf wollte.

– Endlich nun, fuhr er fort, Sie haben Niemanden Ihr Wort verpfändet, Sie sind gänzlich frei?

– Verzeihen Sie, gnädiger Herr! ich hatte allerdings mein Wort mit Genehmigung und sogar auf Geheiß meiner sterbenden Mutter, einem jungen Menschen verpfändet, den ich von Kindheit an liebte, und dessen Verlobte ich bis zu dem Augenblicke war, wo ich Venedig verließ.

– Also Sie sind gebunden? fragte der Graf mit einem seltsamen Gemisch von Bedauern und Zufriedenheit.

– Nein, gnädiger Herr! ich bin vollkommen frei, entgegnete Consuelo. Der, den ich liebte, hat mir auf unwürdige Weise die Treue gebrochen und ich habe ihm auf immer entsagt.

– Also, Sie haben ihn geliebt? fragte der Graf nach einer Pause.

– Von ganzer Seele, ja wohl.

– Und ... Sie lieben ihn vielleicht noch?

– Nein, gnädiger Herr! es ist nicht mehr möglich.

– Sie würden ihn nicht gern wiedersehn?

– Sein Anblick wäre eine Folter für mich.

– Und Sie haben ihm nie erlaubt ... Er hat sich nie unterstanden  ... Aber Sie werden sagen, daß ich beleidigend werde, daß ich zu viel wissen will.

– Ich verstehe Sie, gnädiger Herr! und da ich, wie ich sehe, hieher gerufen bin, um zu beichten, so will ich, weil ich Ihre Achtung nicht erlisten will, Sie in den Stand setzen bis auf ein Jota zu wissen, ob ich sie verdiene oder nicht. Er hat sich mancherlei erlaubt, aber er hat sich nicht des Geringsten unterstanden, was nicht ich ihm erlaubt hatte. Also, wir haben oft aus demselben Becher getrunken, auf derselben Bank geruht. Er hat in meinem Zimmer geschlafen, während ich mein Gebet sagte. Er hat mich gepflegt, während ich krank war. Ich nahm mich nicht ängstlich vor ihm in Acht. Wir waren stets mit einander allein, wir liebten uns, wir sollten uns heiraten, wir wachten über unsere Ehre. Ich hatte meiner Mutter geschworen, ein ehrliches Mädchen zu bleiben, wie man es nennt. Ich habe Wort gehalten, ach, war nur eine zu ehrliche Seele, denn ich habe einem Menschen geglaubt, der mich betrog und habe mein Vertrauen, meine Liebe, meine Achtung Einem geschenkt, der nichts von dem allen verdiente. Als er aufhören wollte, mein Bruder zu sein, ohne zuvor mein Mann zu werden, fing ich an, mich vor ihm zu hüten. Und ich fand Ursach mich deswegen glücklich zu preisen, da ich mich bald von seiner Untreue überzeugen mußte. Es steht diesem ehrlosen Menschen frei, sich des Gegentheils zu rühmen; für ein armes Mädchen wie ich bin, ist das kein großes Unglück. Wenn ich nur rein singe, so ist es gut, mehr fordert man nicht von mir. Wenn ich nur mit reinem Gewissen das Cruzifix küssen kann, worauf ich meiner Mutter geschworen habe, keusch zu bleiben, so kümmere ich mich nicht sehr um das, was man von mir denkt. Ich habe keine Familie, die sich meiner schämen könnte, keine Brüder, keine Vettern, die sich für mich schlagen müßten ...

– Keine Brüder? Aber doch einen.

Consuelo war im Begriff dem alten Grafen unter dem Siegel der Verschwiegenheit die ganze Wahrheit zu vertrauen. Aber es kam ihr wie eine Feigheit vor, gegen den der ihr feig gedroht hatte, Hülfe außer sich zu suchen. Sie glaubte, selbst müßte sie die Festigkeit haben, sich gegen Anzoleto zur Wehre zu setzen und seine Angriffe zurückzuschlagen. Außerdem konnte ihr edles Herz den Gedanken nicht ertragen, daß der den sie so fromm geliebt hatte, auf ihre Veranlassung von ihrem Wirth aus dem Hause gejagt werden sollte. Wie höflich auch Graf Christian es einzurichten gewußt hätte, ihm den Weg zu weisen, wie sehr es Anzoleto auch verdiente, sie konnte es nicht über sich gewinnen, ihm eine so große Demüthigung zu bereiten. Sie antwortete daher dem Greise, daß sie diesen jungen Menschen als einen Tollkopf betrachtete und nicht anders gewohnt wäre, dann ihn als ein bloßes Kind zu behandeln.

– Aber er ist doch wohl kein mauvais sujet? sagte der Graf.

– Vielleicht auch das, entgegnete sie. Ich stehe in gar keinem Verhältniß zu ihm, unsere Denkungsart, unser ganzes Wesen ist durchaus verschieden. Ew. Gnaden konnten bemerken, daß mir nicht viel daran lag, ihn hier zu behalten.

– Es hängt ganz von Ihrem Wunsche ab, liebes Kind! ich glaube, daß Sie sehr einsichtig sind. Und nun, da Sie mir alles und jedes mit so edler Offenheit vertraut haben ...

– Verzeihen Sie, gnädiger Herr! sagte Consuelo, alles was mich persönlich betrifft, habe ich Ihnen nicht gesagt, denn sie fragten nicht nach allem. Ich weiß nicht, was Sie bewegt, heut so großen Antheil an meinen Verhältnissen zu nehmen. Ich vermuthe, daß Jemand hier sich mehr oder weniger ungünstig über mich geäußert hat, und daß Sie zu wissen wünschen, ob meine Gegenwart Ihr Haus nicht verunehrt. Bisher, da Sie mich immer nur oberflächlich über mich selbst befragten, hätte es mir unbescheiden geschienen und mir in meiner Stellung nicht geziemend, wenn ich ohne Ihre Aufforderung Sie von meinen Angelegenheiten unterhalten hätte, aber jetzt da es den Anschein hat, daß Sie mich auf den Grund kennen wollen, muß ich Ihnen einen Umstand mittheilen, der mir vielleicht in Ihren Augen schadet. Es ist nicht blos eine Möglichkeit, wie Sie es öfter geäußert haben (und obwohl es in Wahrheit gegen meine Neigung ist) daß ich mich auf das Theater begäbe, nein! es ist eine Thatsache, daß ich in Venedig in der letzten Saison debütirt habe, unter meinem Namen Consuelo. Man gab mir dort den Beinamen die Zingarella, und ganz Venedig kennt mein Gesicht und meine Stimme ...

– Halt, halt einmal! rief der Graf, ganz betäubt von dieser neuen Entdeckung. Wie? Sie sind jenes Wunder, von dem so viel Wesens voriges Jahr in Venedig gemacht wurde, von dem die Zeitungen mehrmals mit so überschwenglichen Lobeserhebungen redeten? Die schönste Stimme, das schönste Talent, das seit Menschengedenken aufgetaucht ...

– Auf dem Theater San Samuel, gnädiger Herr! Jene Lobeserhebungen waren ohne Zweifel sehr übertrieben. Aber unbestreitbar ist, daß ich die nämliche Consuelo bin, daß ich in verschiedenen Opern gesungen habe, daß ich mit einem Worte Schauspielerin, oder, wie man sich höflicher ausdrückt, Sängerin bin. Sehen Sie nun, ob ich es werth bin, daß Sie mir Ihr Wohlwollen erhalten.

– Das sind ja wunderbare Sachen, das ist doch ein ganz närrisches Geschick! sagte der alte Graf in seine Gedanken vertieft. Weiß denn das alles ... weiß es noch sonst Jemand hier, mein Kind?

– Ich habe ungefähr dasselbe Ihrem Herrn Sohn, gesagt, gnädiger Herr! obgleich nicht mit allen den Einzelheiten, welche Sie so eben vernommen haben.

– Also Albert weiß von Ihrer Herkunft, Ihrer früheren Liebe, Ihrem Stande?

– Ja, gnädiger Herr!

– Es ist gut, liebe Signora! ich kann Ihnen nicht genug danken für die bewundernswürdige Rechtschaffenheit Ihres Benehmens gegen uns, und gewiß, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Nunmehr, Consuelo (ja, ich erinnere mich, daß dies der Name ist, den Ihnen Albert von Anfang an gab, wenn er Spanisch mit Ihnen sprach), erlauben Sie mir, mich ein wenig zu sammeln. Ich bin sehr bewegt. Wir haben uns noch viel zu sagen, mein Kind! und Sie müssen es mir schon zu Gute halten, wenn ich mich Angesichts eines wichtigen Vorhabens ein wenig beklommen fühle. Ich bitte Sie herzlich mich hier einige Minuten zu erwarten.

Er ging hinaus und Consuelo, die ihm mit den Augen folgte, sah durch die Glasscheiben der vergoldeten Thür, daß er in seine Kapelle trat, und andächtig niederkniete.

Lebhaft aufgeregt erschöpfte sie sich in Vermuthungen, was für ein Gespräch es sein könnte, das sich mit solcher Feierlichkeit ankündigte. Anzoleto, hatte sie Anfangs geglaubt, hätte des Wartens überdrüssig, das was er ihr drohte, schon ausgeführt gehabt, hätte etwa gegen Hans oder den Kaplan geplaudert und sich in solcher Weise über sie geäußert, daß ihren Wirthen ernstliche Bedenken ihretwegen aufgestiegen wären.

Allein Graf Christian war keiner Verstellung fähig und aus seinem bisherigen Benehmen so wie aus allem was er gesagt hatte, ließ sich eher eine Verdopplung seines Wohlwollens als eine Hinneigung zum Mißtrauen entnehmen. Ihre freimüthigen Antworten hatten ihn übrigens, so schien es, wie unerwartete Offenbarungen getroffen, und sonderlich die letzte wie ein Donnerschlag. Jetzt betete er, bat Gott um Licht oder Stärke zur Aufführung eines wichtigen Vorhabens.

Will er mich auffodern, mit meinem Bruder abzureisen? Will er mir Geld anbieten? fragte sie sich. O, wollte doch Gott mich nur vor einer solchen Kränkung bewahren! Aber nein! dieser Mann ist zu feinfühlend, zu gut, als daß er nur daran denken könnte, mir eine Demüthigung zu bereiten.

Was wollte er mir denn aber zuvor sagen, und was will er mir jetzt sagen? Gewiß hat mein langer Spaziergang mit seinem Sohne ihm Besorgnisse erregt, und er will mich zur Rede setzen. Ich habe das vielleicht verdient, und ich werde seine Verweise stillschweigend hinnehmen, denn ich dürfte ja nicht mit Aufrichtigkeit die Fragen beantworten, die er mir in Betreff Albert's vorlegen könnte.

O, das ist ein saurer Tag! und muß ich viele solche überstehen, so werde ich die Palme des Gesanges Anzoleto's neidischen Maitressen nicht mehr streitig machen können. Wie mir die Brust brennt und die Kehle trocken ist!

Graf Christian kam bald zu ihr zurück. Er war ruhig und die Blässe seines Gesichtes verrieth einen Sieg, den er im Hinblick auf ein edles Ziel über sich davongetragen hatte.

– Meine Tochter, sagte er zu Consuelo, sich wieder an ihre Seite setzend, nachdem er sie genöthigt hatte, den prächtigen Lehnstuhl, den sie ihm einräumen wollte, zu behalten, und auf welchem sie wider Willen mit furchtsamer Miene thronte, es ist Zeit, daß ich Ihre Offenheit mit gleicher Offenheit erwiedre. Consuelo, mein Sohn liebt Sie.

Consuelo wurde abwechselnd roth und blaß. Sie versuchte, eine Antwort hervorzubringen. Christian unterbrach sie.

– Dies ist nicht eine Frage, die ich Ihnen vorlege, sagte er; ich würde dazu kein Recht haben, und Sie vielleicht keines, darauf zu antworten; denn ich weiß, daß Sie Albert's Hoffnungen auf keine Weise begünstigt haben. Er hat mir alles gesagt, und ich glaube ihm, denn er log nie, ebensowenig als ich.

– Und ich, sagte Consuelo, die Augen mit dem Ausdrucke des reinsten Selbstgefühles gen Himmel hebend. Graf Albert muß Ihnen in diesem Falle gesagt haben, gnädiger Herr! ...

– Daß Sie jeden Gedanken an eine Verbindung mit ihm zurückgewiesen haben.

– Ich konnte nicht anders. Die Sitten, die Ansichten der Welt sind mir nicht fremd; ich wußte, daß ich nicht dazu gemacht bin, des Grafen Albert Frau zu werden, und zwar aus der einfachen Ursache, weil ich mich vor Gott nicht geringer schätze als irgend einen Menschen auf der Welt und dasselbe vor den Menschen nicht der Gunst und Gnade Jemandes, wer es auch sei, verdanken will.

– Ich kenne Ihren gerechten Stolz, Consuelo! Ich würde ihn übertrieben finden, wenn Albert nur von sich allein abhinge, aber in dem Glauben, worin Sie standen, daß ich eine solche Verbindung nicht billigen würde, haben Sie ihm nicht anders antworten können, als Sie thaten.

– Jetzt, gnädiger Herr! sprach Consuelo und stand auf, verstehe ich alles Uebrige, und bitte Sie, mir die Demüthigung, die ich schon fürchtete, zu ersparen. Ich will Ihr Haus verlassen, wie ich es denn schon verlassen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, des Grafen Albert Vernunft und Leben in Gefahr zu bringen, da ich mehr Einfluß auf ihn habe als mir lieb ist. Sie wissen nun, was ich Ihnen zu entdecken kein Recht hatte, und können über ihn wachen, können verhüten, daß diese Trennung schlimme Folgen habe, können die Sorge für ihn wieder in Ihre Hände nehmen, die Ihnen mehr zukommt als mir. Wenn ich sie mir unbescheidentlich angemaßt habe, so ist das ein Fehltritt, den mir Gott verzeihen wird, denn Er weiß es, wie rein das Gefühl war, das mich dabei leitete.

– Auch ich weiß es, antwortete der Graf, und zu meinem Gewissen sprach Gott wie Albert zu meinem Herzen gesprochen hatte. Bleiben Sie sitzen, Consuelo! und verdammen Sie meine Absicht nicht so voreilig. Nicht um Sie mein Haus verlassen zu heißen, sondern um Sie flehentlich zu bitten, Ihr Leben lang darin zu bleiben, habe ich diese Unterredung gewünscht.

– Mein Leben lang! wiederholte Consuelo, und sank auf ihren Sitz zurück, getheilt zwischen der Genugthuung welche sie in der Anerkennung die ihr zu Theil ward, fand, und dem Schreck, welchen ihr ein solches Anerbieten verursachte. Mein Leben lang! Ew. Gnaden bedenken nicht, was Sie mir die Ehre erzeigen da zu sagen.

– Ich habe es reiflich bedacht, meine Tochter! antwortete der Graf mit schwermüthigem Lächeln und ich fühle vollkommen, daß es mir nicht leid sein kann. Mein Sohn liebt Sie bis zum Vergehen, Sie haben über seine Seele alle Gewalt. Sie haben ihn mir wiedergegeben, Sie waren es, die ihn suchte an einem verborgenen Orte, den er mir nicht nennen will, aber wohin Niemand, sagte er mir, als eine Mutter oder eine Heilige dringen konnte. Sie haben Ihr Leben daran gewagt, um aus der Einsamkeit und aus dem Wahnsinn, worin er sich verzehrte, ihn zu reißen. Ihnen verdanken wir es, daß er uns nicht mehr durch sein Verschwinden in so schreckliche Unruhe versetzt.

Mit Einem Wort, durch Sie hat er Besinnung, Frieden und Gesundheit wiedergewonnen. Denn man darf es sich nicht verhehlen, mein armes Kind war wirklich verrückt, und es ist gewiß, daß er es nicht mehr ist. Wir haben fast die ganze Nacht ununterbrochen mit einander geplaudert und er hat mich einen Verstand sehen lassen, an den der meinige nicht reicht. Ich wußte, daß Sie heute Morgen mit ihm ausgehen würden. Ich hatte ihm also meine Einwilligung gegeben, Ihnen das vorzustellen was Sie nicht hören wollten ...

Sie hatten Furcht vor mir, liebe Consuelo! Sie glaubten, der alte Rudolstadt wäre so eingerostet in seinem Adelsvorurtheile, daß er sich schämen würde, Ihnen seinen Sohn zu verdanken. Nun, darin irrten Sie. Der alte Rudolstadt besaß ohne Zweifel Stolz und auch Vorurtheile; besitzt sie vielleicht noch, er will sich nicht vor Ihnen schminken, aber er entsagt denselben, und in der Freudigkeit seines unbegrenzten Dankgefühles weiß er sich Der erkenntlich zu beweisen, die sein letztes, einziges Kind ihm wiedergeschenkt hat.

Bei diesen Worten nahm Graf Christian Consuelo's beide Hände in die seinigen und bedeckte sie mit Küssen und benetzte sie mit Thränen.

5.

Consuelo war lebhaft gerührt: die Herzensergießung des alten Grafen rechtfertigte sie in ihren eigenen Augen und beruhigte ihr Gewissen. Sie hatte bis dahin doch oft gefürchtet, daß es nicht klug gehandelt war, ihrer Kühnheit und ihrem Edelmuthe so rücksichtslos zu folgen; jetzt hatte sie eine feierliche Bestätigung ihrer Handlungsweise und ihren Lohn zugleich erlangt. Ihre Freudenthränen mischten sich mit denen des Greises und lange waren sie beide zu bewegt, um die Unterredung fortzusetzen.

Consuelo begriff indessen den Vorschlag noch nicht, den der Graf ihr gemacht hatte, und dieser, der sich hinlänglich erklärt zu haben glaubte, sah ihr Schweigen und ihre Thränen als Zeichen der Einwilligung und der Erkenntlichkeit an.

– Ich gehe, sagte er endlich, meinen Sohn zu Ihren Füßen zu rufen, damit er Sie mit mir segne, wenn er die Größe seines Glückes erfährt.

– Halten Sie, gnädiger Herr! rief Consuelo, erschrocken über diese Eile, ich verstehe nicht, was Sie von mir fordern. Sie billigen die Zuneigung, die Graf Albert mir bezeigt hat, und die Hingebung, welche ich für ihn gehabt habe. Sie schenken mir Ihr Vertrauen, Sie wissen, daß ich es nicht verrathen werde; aber wie kann ich mich anheischig machen, mein ganzes Leben einer Freundschaft von so zarter Natur zu widmen? Ich sehe wohl, daß Sie auf die Zeit und auf meine Besonnenheit rechnen, um die geistige Gesundheit Ihres Sohnes zu stärken und die Lebhaftigkeit seiner Anhänglichkeit für mich zu mäßigen. Allein ich weiß ja nicht, ob ich meinen Einfluß auf sein Gemüth lange behaupten werde. Und selbst wenn diese enge Vertraulichkeit nicht gefährlich wäre für einen so leidenschaftlichen Mann, so steht es mir doch nicht frei, mein Leben der rühmlichen Aufgabe, die Sie mir bestimmen, zu weihen. Denn ich gehöre nicht mir an.

– Mein Himmel! was sagen Sie, Consuelo! Sie haben mich also nicht begriffen? Oder täuschten Sie mich, als Sie mir sagten, daß Sie frei wären, daß Sie keine Herzensneigung und keine Familie hätten?

– Aber, gnädiger Herr, antwortete Consuelo ganz verschüchtert, ich bin Künstlerin, ich habe ein Lebensziel, einen Beruf, einen Stand. Ich gehöre der Kunst an, für welche ich von Kindheit an bestimmt war.

– Was sagen Sie? Großer Gott! Sie wollen wieder auf das Theater gehen?

– Das nun ich weiß ja nicht. Ich sprach die Wahrheit, als ich Ihnen sagte, daß mich meine Neigung nicht dahin zieht. Ich habe auf dieser stürmischen Laufbahn noch nichts gefunden als fürchterliche Leiden, aber ich fühle dennoch, daß es unverantwortlich wäre, wenn ich mich geradezu verpflichten wollte, ihr zu entsagen. Es ist nun einmal meine Bestimmung geworden, und vielleicht ist es nicht möglich, sich der Zukunft zu entziehen, welche man sich vorgezeichnet hat. Sei es nun, daß ich die Bühne wieder betrete, sei es, daß ich Stunden und Concerte gebe, Sängerin bin ich nun schon und muß ich sein. Wozu sonst taugte ich wohl! Wo sonst würde ich mich unabhängig fühlen? Wie sollte ich meinen Geist beschäftigen, der an das Arbeiten gewöhnt ist und dieser Art von Aufregung bedarf?

– O, Consuelo, Consuelo! rief Graf Christian mit schmerzlichem Tone; was Sie da sagen, alles das ist wahr! Ich dachte aber, Sie liebten meinen Sohn, und ich sehe nun, Sie lieben Ihn nicht.

– Und wenn ich ihn liebte, wenn ich ihn mit aller der Leidenschaft liebte, deren es bedürfte, um auf mich selbst zu verzichten, was würden Sie dann sagen, gnädiger Herr? rief Consuelo nun auch ungeduldig. Sie glauben also, daß es für ein Weib unmöglich ist, sich wirklich zu verlieben in einen Mann wie den Grafen Albert, da Sie mir zumuthen, immer an seiner Seite zu leben?

– Wie denn? Was denn? Habe ich mich undeutlich ausgedrückt oder halten Sie mich für toll, liebe Consuelo? Habe ich Sie denn nicht um Ihr Herz und Ihre Hand gebeten für meinen Sohn Albert? Habe ich Ihnen nicht den Antrag einer legitimen und sicherlich ehrenvollen Verbindung zu Füßen gelegt? Wenn Sie Albert liebten, so würden Sie ohne Zweifel in dem Glücke, das Leben mit ihm zu theilen, eine Entschädigung für die Einbuße Ihres Ruhmes und Ihrer glänzenden Erfolge finden! Aber Sie lieben ihn nicht, da es Ihnen unmöglich scheint, dem, was Sie Ihre Bestimmung nennen, zu entsagen.

Mit dieser Erklärung hatte der gute Christian zurückgehalten, ohne es selbst zu wissen. Nicht ohne Angst und tiefen innerlichen Widerwillen hatte der alte Herr die Nothwendigkeit erkannt, alle seine Vorstellungen vom Leben, alle Vorurtheile seines Standes dem Glücke seines Sohnes aufzuopfern, und als er nach langem Kampfe mit Albert und mit sich selbst das große Opfer endlich brachte, wand sich ihm die letzte Entscheidung, die Besieglung des furchtbaren Aktes mit einem klaren Worte nur mühsam und nicht ohne eine Gewaltthat seines Herzens von den Lippen.

Consuelo ahnte oder merkte das; denn in jenem Augenblicke, als es Christian schien, daß er die Hoffnung, sie zu dieser Heirath zu bewegen, aufgeben müßte, war in dem Gesichte des Greises sicherlich ein Zug von unwillkürlicher Freude dem Ausdruck seiner Bestürzung sonderbar beigemischt.

In einem Augenblick begriff Consuelo ihre Lage, und ein vielleicht übertriebener persönlicher Stolz flößte ihr Abneigung gegen das Bündniß ein, welches ihr angetragen wurde.

– Sie wollen, daß ich Graf Albert's Frau werde! sagte sie noch bestürzt über den merkwürdigen Antrag. Sie würden sich dazu verstehen, mich Ihre Tochter zu nennen, mich Ihren Namen führen zu lassen, mich Ihren Verwandten, Ihren Freunden vorzustellen? Ach, gnädiger Herr! wie lieben Sie Ihren Sohn, und wie muß Ihr Sohn Sie lieben!

– Wenn Sie hierin einen auffallenden Edelmuth finden, Consuelo, so muß entweder Ihr Herz keines solchen fähig sein, oder Sie müssen den Gegenstand nicht desselben würdig finden.

– Gnädiger Herr! sagte Consuelo, nachdem sie, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend, sich gesammelt hatte, ich glaube zu träumen. Mein Stolz regt sich wider meinen Willen, bei dem Gedanken an die Kränkungen, denen ich mein Leben preisgäbe, wenn ich das Opfer annehmen wollte, das Ihr Vaterherz Sie bringen heißt.

– Wer würde es wagen Sie zu kränken, Consuelo, wenn der Vater und der Sohn Sie mit dem Schilde der Ehre und der Familie deckten?

– Und die Tante, gnädiger Herr? Die Tante, die hier eine wahre Mutter ist, würde sie es ohne Scham mit ansehen?

– Auch sie wird kommen und ihre Bitten mit den unsrigen vereinen, wenn Sie versprechen, sich erweichen zu lassen. Verlangen Sie aber nicht mehr, als die menschliche Natur zu leisten vermag. Ein Liebender und ein Vater können die Demüthigung und den Schmerz einer abschläglichen Antwort hinnehmen. Meine Schwester würde sich dem nicht aussetzen. Wenn wir aber des Erfolges gewiß sein können, so wollen wir sie in Ihre Arme führen, meine Tochter!

– Gnädiger Herr! sagte Consuelo zitternd, Graf Albert hat Ihnen also wohl gesagt, daß ich ihn liebte?

– Nein! antwortete der Graf, dem es jetzt erst wieder einfiel, betroffen. Albert sagte mir im Gegentheil, er glaube, daß das Hinderniß in Ihrem Herzen liegen würde. Er hat es mir hundertmal wiederholt. In der That aber, ich vermochte es nicht zu glauben. Ihre Zurückhaltung konnte ich mir aus Ihrer Rechtschaffenheit und Ihrem Zartgefühl zur Genüge erklären. Ich dachte aber, wenn ich Ihre Bedenken höbe, so würde ich von Ihnen das Geständniß erhalten, welches Sie ihm verweigert hatten.

– Und was sagte er Ihnen von unserem heutigen Spaziergang?

– Nur ein Wort. Versuchen Sie es Vater, sagte er, es ist das einzige Mittel, um zu erfahren, ob blos Stolz oder ob Abneigung mir ihr Herz verschließt.

– Ach, gnädiger Herr! was werden Sie von mir denken, wenn ich Ihnen sage, daß ich es selbst nicht weiß?

– Dann müßte ich denken, liebe Consuelo, daß es Abneigung ist. O, mein Sohn, du mein armer Sohn! Wie schrecklich ist dein Loos. Nicht geliebt zu werden von der einzigen Frau, die du liebst, vielleicht jemals lieben wirst. Nur dieses Letzte fehlte noch zu unserem Unglück.

– O, mein Gott! Wie müssen Sie mich hassen, gnädiger Herr! Sie können es nicht begreifen, wie mein Stolz noch widerstehen kann, da Sie doch den Ihrigen opfern. Der Stolz eines Mädchens wie ich, scheint Ihnen weniger begründet, und dennoch glauben Sie mir, der Kampf in meinem Herzen ist nicht minder heftig in dieser Stunde, als jener, den Sie selbst bestanden haben.

– Ich begreife es wohl. Glauben Sie nicht, Signora, daß ich zu wenig Achtung vor Scham, Rechtschaffenheit und Uneigennützigkeit habe, um den Stolz, der sich auf solche Schätze gründet, nicht würdigen zu können. Aber was Vaterliebe überwinden konnte (Sie sehen, ich spreche mit unbedingter Offenheit), das, denke ich, wird auch Frauenliebe können. Nun wohl! Gesetzt, Albert's, Ihr und mein Leben würden in einem beständigen Kampfe hingehen gegen die Vorurtheile der Welt, gesetzt, wir müßten alle Dreie viel und lange leiden, und auch meine Schwester mit uns, würden wir nicht an unserer gegenseitigen Zärtlichkeit, an dem Zeugnisse unseres Gewissens und an den lohnenden Früchten unserer Aufopferung genug haben, um stärker zu sein, als die ganze Welt zusammen? Wahrer Liebe erscheinen diese Uebel klein, die Ihnen zu schwer dünken für Sie und für uns. Aber solche wahre Liebe werden Sie schüchtern und ängstlich in der Tiefe Ihrer Seele vergebens suchen; Sie werden sie nicht finden, Consuelo, weil sie nicht da ist.

– Nun ja, ja! da liegt die Frage, da liegt sie ganz, sagte Consuelo, indem sie ihre Hände fest gegen ihr Herz drückte, alles Uebrige ist nichts. Ich hatte auch meine Vorurtheile, ja! Ihr Beispiel zeigt mir, daß es meine Pflicht ist, sie mit Füßen zu treten, und so stark, so heldenmüthig wie Sie zu sein. Sei keine Rede weiter von meinen Einwürfen, von meiner falschen Scham! Keine Rede, setzte sie hinzu mit einem tiefen Seufzer, keine Rede, selbst von meiner Zukunft weiter, selbst von meiner Kunst! Dem allen werde ich entsagen können, wenn ... wenn ich Albert liebe. Das ist es, was ich wissen muß.

Hören Sie mich an, gnädiger Herr! Ich habe mir selbst wohl hundertmal diese Frage vorgelegt, aber nie mit der Sicherheit, welche Ihre Zustimmung allein mir geben konnte. Wie hätte ich mich ernstlich fragen sollen, wenn die Frage selbst in meinen Augen eine Thorheit, ja ein Verbrechen war? Jetzt, scheint mir, wird es mir möglich sein, mich zu prüfen und mich zu entschließen.

Ich bitte, lassen Sie mir einige Tage Zeit, um mich zu sammeln, und um mir klar zu machen, ob die unendliche Hingebung, die ich ihm zollen muß, die unbegrenzte Achtung und Verehrung, die seine Tugenden mir einflößen, der mächtige Seeleneinfluß, die eigene Herrschaft, welche er über mich durch seine Rede übt, ob alles das Bewunderung oder ob es Liebe ist.

Denn ich fühle das alles wirklich, gnädiger Herr! und doch wieder fühle ich im Streite damit eine unbeschreibliche Furcht, eine tiefe Traurigkeit, und ... ich will Ihnen alles gestehen, o mein edler Freund! das Andenken einer früheren Liebe, welche weniger heftig, aber süßer, zarter war, und dieser in der That in keinem Stücke ähnlich.

– Sonderbares, edles Mädchens entgegnete Christian gerührt; wie viel Verstand und wie viel Wunderlichkeit zugleich in Ihren Worten und in Ihren Ansichten! Sie gleichen in vieler Hinsicht meinem armen Albert, und die Ungewißheit über Ihr Gefühl erinnert mich an meine Frau, meine edle, schöne, traurige Wanda!

O Consuelo, das ist gar ein süßes, bitteres Angedenken, das Sie in mir wecken. Ich wollte zu Ihnen sagen: überwinden Sie diese Unschlüssigkeit, besiegen Sie diesen inneren Widerstand; lieben Sie, aus Tugend, aus Seelengröße, aus Mitgefühl, aus Menschlichkeit und frommer Hingebung den armen Mann, der sich um Sie verzehrt und der, wenn er Sie vielleicht unglücklich macht, Ihnen doch seine Rettung verdanken und Ihnen den Lohn des Himmels verdienen wird.

Aber da haben Sie mich an seine Mutter gemahnt, an seine Mutter, die sich auch aus Pflicht, aus Freundschaft mir hingab. Sie konnte für mich schlichten, gutmüthigen, ängstlichen Mann nicht die enthusiastische Liebe hegen, nach der ihre Phantasie lechzte. Sie war aber treu und edelmüthig bis an ihr Ende. Ach! und wie hat sie gelitten! Ach! Ihre Hingebung war meine Wonne und meine Qual; ihre Beständigkeit mein Stolz und mein Jammer. Sie starb vor Herzeleid hin und mir hat es das Herz gebrochen auf alle Zeit. Wundern Sie sich nicht, wenn ich jetzt ein Nichts bin, ein zerknicktes Rohr, ein todter Mann bevor ich ins Grab gestiegen bin, wundern Sie sich nicht darüber, Consuelo! Ich litt, was Niemand weiß, was ich keinem Menschen sagte und was ich Ihnen mit Zittern bekenne.

Nein! ehe ich Sie aufmuntere, ein solches Opfer zu bringen, und Albert es anzunehmen, lieber will ich mit Schmerz in die Grube fahren und meinen Sohn seinem Geschick erliegen lassen. Ich habe nur zu sehr erfahren, was es heißt, die Natur zwingen und den nicht zu stillenden Durst der Seele besiegen zu wollen. Nein! Nehmen Sie sich Zeit, um sich zu bedenken, meine Tochter! fügte der Greis hinzu, indem er Consuelo schluchzend an seine Brust drückte und ihre edle Stirn mit väterlicher Liebe küßte. Es wird immer so besser sein. Müssen Sie Nein sagen, so wird Albert, durch die Ungewißheit darauf vorbereitet, nicht so unerwartet und zerschmetternd von dem Schlage getroffen werden, wie es heut der Fall sein müßte.

Nach dieser Uebereinkunft trennten sie sich. Consuelo schlüpfte durch die Corridore, voller Furcht, Anzoleto zu begegnen, und schloß sich von der Aufregung erschöpft und abgespannt in ihrem Zimmer ein.

Sie versuchte ein wenig körperlich zu ruhen, indem sie hoffte, auch ihr Geist werde dann die nöthige Ruhe wieder finden. Sie fühlte sich zerschlagen, und als sie sich auf ihr Bett geworfen hatte, versank sie in eine Art Betäubung, die mehr peinlich als erquickend war. An Albert denkend wollte sie einschlummern, und den Gedanken reifen lassen unter den geheimnißvollen Bildern des Schlafes, worin wir manchmal eine Vorbedeutung suchen für die Dinge, welche uns in der Wirklichkeit beschäftigen.

Allein die unterbrochenen Träume, welche ihr während einiger Stunden ausstiegen, führten ihr immer nur Anzoleto's und nicht Albert's Bild vor. Immer war es Venedig, immer die Corte-Minelli, immer ihre erste, stille, klare, selige Liebe. Und so oft sie erwachte, verband sich der Gedanke an Albert mit der Vorstellung der schauerlichen Höhle, wo der Ton seiner Geige, von dem Wiederhall verzehnfacht, die Todten erweckte und über Zdenko's kaum geschlossenem Grabe klagte.

Bei diesem letzteren Gedanken verschloß Furcht und Traurigkeit ihr Herz der Liebe. Von kalten Nebeln und blutigen Schreckbildern verhüllt erschien ihr die ihr angebotene Zukunft, während sich die Vergangenheit ihr so golden und so herrlich malte, daß im Anschauen sich ihr Busen hob und ihr Herz vor Freude klopfte.

Indem sie die vergangenen Zeiten träumte, schien es ihr als schallte ihre eigene Stimme weit in das All hinaus, erfüllte die Welt und schwebte in den schrankenlosen Himmelsräumen, während, wann die Zaubertöne und die wilden Melodien der Geige sie umrauschten, diese Stimme dumpf und ächzend wurde und wie Todesröcheln sich in den Abgrund der Erde verlor.

Die schwankenden Träume ängstigten sie so, daß sie aufsprang um sich von ihnen zu befreien, und da ihr der erste Schlag der Glocke verkündigte, daß man in einer halben Stunde das Mittagessen auftragen würde, begann sie ihre Toilette zu machen, noch immerfort von denselben Gedanken verfolgt.

Aber sonderbar! zum ersten Male in ihrem Leben schenkte sie ihrem Spiegel größere Aufmerksamkeit und dachte angelegentlicher an ihren Kopfputz und an ihren Anzug als an die ernsten Fragen, deren Lösung sie suchte. Wider Willen machte sie sich schön und wünschte es zu sein. Kein Gelüst, ihre beiden Liebhaber zur Begierde und zur Eifersucht zu reizen, lag in dieser unwiderstehlichen Regung von Koketterie: sie dachte nur an Einen, konnte nur an Einen denken.

Albert hatte ihr nie ein Wort über ihr Aeußeres gesagt. In der Schwärmerei seiner Leidenschaft hielt er sie vielleicht für schöner als sie war, aber seine Gedanken nahmen stets so hohen Flug und seine Liebe war so groß, daß es ihm wie Entweihung scheinen mußte, hätte er die Geliebte mit den trunkenen Augen eines Anbeters oder dem zufriedenen Kennerblicke eines Künstlers betrachten wollen. Sie schwebte ihm immer wie in einem Wolkenschleier vor, durch den sein Auge nicht zu dringen wagte, den seine Phantasie mit einem leuchtenden Himmelsschein umgab. Mochte sie mehr oder weniger schön sein, sie blieb doch stets für ihn dieselbe. Er hatte sie leichenfarben, abgezehrt, welk, mit dem Tode ringend, einem Gespenst ähnlicher als einem Weib gesehen. Da hatte er aufmerksam und ängstlich nur nach den mehr oder minder drohenden Symptomen der Krankheit in ihren Zügen gesucht, aber er hatte nie gesehen, ob Augenblicke waren, die sie häßlich, die sie zu einem Gegenstande des Schreckens und des Abscheus machten. Und als sie die Frische der Jugend und den Ausdruck des Lebens wieder gewann, hatte er nicht darauf geachtet, ob sie an Schönheit gegen früher verloren oder gewonnen hatte. Sie war für ihn im Leben wie im Tode, das Ideal der höchsten Jugend, der erhabensten Vollkommenheit und aller ewigen, unvergleichlichen Schönheit. Auch hatte Consuelo nie an sich gedacht und vor dem Spiegel ihr Aeußeres geordnet.

Wie anders war es mit Anzoleto! Mit welcher ängstlichen, ins Kleinste gehenden Sorgfalt hatte dieser sie betrachtet, ihre Formen geprüft, ihr Aeußeres stückweis untersucht an jenem Tage, wo er sich gefragt hatte, ob sie nicht etwa häßlich wäre. Wie er ihr Rechenschaft gegeben hatte über alles was an ihr irgend anmuthig war, über jeden Versuch, den sie gemacht hatte, zu gefallen! Wie kannte er ihr Haar, ihren Arm, ihren Fuß, ihren Gang, die Farben die ihr gut standen, jede Falte, welche ihre Kleidung warf. Und mit welcher Wärme hatte er sie gelobt! Mit welchem sehnlichen Verlangen sie betrachtet!

Das keusche Mädchen hatte damals nicht begriffen, warum das eigene Herz heftiger schlug. Sie wollte es auch jetzt nicht begreifen, und doch fühlte sie beinah dieselbe Heftigkeit der Schläge bei dem Gedanken, wieder vor seinen Augen zu erscheinen. Sie wurde ungeduldig über sich selbst, erröthete vor Scham und Zorn, und suchte sich einzubilden, daß sie sich nur Albert's wegen schmücke; und doch wählte sie Haarputz, Band, ja den Blick sogar, alles wie es Anzoleto gern hatte.

Weh! weh! sagte sie bei sich, von ihrem Spiegel aufstehend, da ihre Toilette beendigt war. Also ist es doch so, daß ich nur an ihn denken kann, und daß das vergangene Glück mit hinreißenderer Gewalt auf mich wirkt als die gegenwärtige Verhöhnung und als die Aussichten einer neuen Liebe. Ach, es hilft nicht, daß ich in die Zukunft blicke; ohne ihn sehe ich in ihr nur Angst und Verzweiflung ...

Aber was wäre sie denn mit ihm? Weiß ich denn nicht, daß die schönen Tage von Venedig niemals wiederkehren können, daß die Unschuld nicht bei uns Wohnung machen würde, daß Anzoleto's Seele für immer verderbt ist, daß mich seine Liebkosungen erniedrigen, und daß Scham, Eifersucht, Kummer mir mein Leben fort und fort vergällen würden!

Als sie sich in dieser Hinsicht mit allem Ernste befragte, sah sie deutlich ein, daß sie sich nicht darüber täuschen könnte, und daß sich nicht das Leiseste in ihr zu Anzoleto's Gunsten regte. Sie liebte ihn in der Gegenwart nicht mehr, und dachte sie sich eine Zukunft, die nur seine Verkehrtheiten steigern konnte, so fürchtete sie ihn und haßte ihn beinah; aber in der Vergangenheit liebte sie ihn so, daß sich ihre Seele und ihr Leben nicht davon losreißen konnten.

Er war von nun an ihren Augen wie ein Bildniß, welches ihr ein geliebtes Wesen und Tage der Seligkeit zurückrief; und gleich einer Witwe, welche sich vor ihrem neuen Gatten versteckt um das Bild des ersten zu betrachten, fühlte sie, daß der Todte lebendiger als der lebende in ihrem Herzen sei.

6.

Consuelo hatte zu viel Verstand und zu viel Adel des Geistes, um sich nicht zu sagen, daß Albert's Liebe von den beiden, welche ihr dargebracht wurden, bei weitem, ja ohne alle Vergleichung die wahrste, edelste und schätzenswertheste sei. Und als sie Albert und Anzoleto neben einander sah, glaubte sie schon über ihren Feind gesiegt zu haben. Albert's tiefer Blick, der ihr bis in das Innerste der Seele zu dringen schien, und der lange, kräftige Druck seiner biederen Hand ließen sie erkennen, daß er den Ausgang ihrer Unterredung mit dem alten Christian wußte, und ihrer Entscheidung still ergeben und dankbar harrte.

Wirklich hatte Albert mehr erlangt als er gehofft und Consuelo's Schwanken war ihm süß gegen das gehalten, was er gefürchtet hatte, so niedergeschlagen war er, als er sah wie geckenhaft sich Anzoleto benahm. Dieser hatte sich mit aller seiner Entschlossenheit gewaffnet. Halb errathend, was hinter seinem Rücken geschah, hatte er sich vorgenommen, jeden Fußbreit Boden zu vertheidigen, und sollte man ihn bei den Schultern zum Hause hinausstoßen. Seine freche Haltung, sein spöttischer Blick widerten Consuelo an, und als er dreist auf sie zuging, um ihr die Hand zu reichen, wendete sie sich hinweg und nahm die Hand, die Albert ihr bot, um sie zu Tische zu führen.

Wie gewöhnlich setzte sich der junge Graf Consuelo gegenüber und der alte Christian ließ sie an seiner Linken sitzen, an Amaliens früherem Platze, den sie seitdem immer eingenommen hatte. Aber statt des Kaplans der zur Linken Consuelo's zu sitzen pflegte, nöthigte das Stiftsfräulein den vorgeblichen Bruder sich zwischen sie beide zu setzen, so daß Anzoleto's bittere Witzeleien halblaut gesprochen zu Consuelo's Ohre gelangen und seine gottlosen Schnaken den alten Priester ärgern konnten worauf er es eben abgesehen hatte.

Anzoleto's Plan war sehr einfach. Er wollte sich denen in der Familie, welche, wie er vermuthete, der Heirat abgeneigt wären, verhaßt und unerträglich machen, um ihnen durch seine Ungezogenheit und Gemeinheit den schlechtesten Begriff von Consuelo's Anhang und Verwandtschaft beizubringen.

– Wir wollen einmal sehen, dachte er, ob sie den Bruder, den ich ihnen vorreiten will, verdauen werden.

Anzoleto war zwar ein unreifer Sänger und in tragischen Rollen ein höchst mittelmäßiger Schauspieler, aber er hatte eine gute Anlage zur Komik. Er hatte schon genug von der Welt gesehen, um die feinen Sitten und die Sprache der gebildeten Gesellschaft nachahmen zu können, aber durch die Anwendung dieser Fertigkeit würde er das Stiftsfräulein wahrscheinlich mit der niedrigen Herkunft der Braut eher ausgesöhnt haben; er entschied sich daher für das entgegengesetzte Genre und benahm sich um so geschickter dabei, als es ihm natürlicher war.

Er hatte sich überzeugt, daß Wenceslawa ungeachtet sie hartnäckig dabei blieb, nur Deutsch, die Sprache des Hofes und aller wohldenkenden Unterthanen zu sprechen, doch kein Wort von dem verlor, was er auf Italienisch sagte. Er fing also an, in die Kreuz und Quere zu schwatzen und dem guten Ungarwein fleißig zuzusprechen, vor dem er sich nicht fürchtete, denn er war längst an die berauschendsten Getränke gewöhnt, that aber, als ob er die erhitzende Wirkung des schweren Weines fühlte, um den Berauschten spielen zu können.

Sein Plan glückte ihm ganz nach Wunsch. Der alte Graf der zuerst nachsichtig über seine schlechten Späße gelacht hatte, konnte bald nur noch gezwungen lächeln und mußte alle seine Höflichkeit als Wirth und sein ganzes väterliches Wohlwollen zusammennehmen, um nicht den vorlauten künftigen Schwager seines edeln Sohns in die geziemenden Schranken zu verweisen.

Der Kaplan sprang mehrmals entrüstet halb von seinem Stuhle auf und murmelte deutsche Worte zwischen den Zähnen, die fast wie Exorcismen klangen. Die Mahlzeit wurde ihm häßlich verdorben, und seiner Tage hatte er nicht so schlecht verdaut.

Das Stiftsfräulein hörte die Ungezogenheiten ihres Gastes mit unterdrückter Verachtung und fast mit boshaftem Vergnügen an. Bei jeder neuen Unschicklichkeit warf sie ihrem Bruder einen Blick zu, als ob sie ihn zum Zeugen nehmen wollte, und der gute Christian suchte, ohne aufzusehen, durch irgend eine nicht gerade passend herbeigezogene Bemerkung die Aufmerksamkeit der Zuhörer abzulenken. Dann sah das Stiftsfräulein Albert an, aber Albert war fühllos. Er schien von seinem lästigen und lustigen Tischgenossen nichts zu sehen und nichts zu hören.

Am meisten gefoltert von Allen war unstreitig die arme Consuelo. Zuerst glaubte sie, Anzoleto habe sich bei seinem ausschweifenden Leben diese ungeberdigen Manieren und diesen schmutzigen Geschmack angeeignet, die sie an ihm nicht kannte, denn er hatte sich nie so vor ihr gezeigt. Sie war so empört und so bestürzt darüber, daß sie nahe daran war, vom Tische aufzustehen. Aber als sie merkte, daß es eine Kriegslist war, fand sie die Kaltblütigkeit wieder, die ihrer Unschuld und ihrer Würde geziemte.

Sie hatte sich nicht in die Geheimnisse und in die Gunst dieser Familie eingedrängt, um die Stellung, welche man ihr antrug, zu erschleichen. Diese Stellung hatte nicht einen Augenblick ihrem Ehrgeiz geschmeichelt und in ihrem reinen Gewissen fühlte sie sich stark genug gegen die geheimen Beschuldigungen des Stiftsfräuleins. Sie wußte, sie sah, daß Albert's Liebe und seines Vaters Zutrauen über eine so jämmerliche Probe erhaben waren. Die Verachtung, welche Anzoleto, feig und schlecht auch in seiner Rache, ihr einflößte, machte sie nur noch stärker. Ihre Augen begegneten ein einziges Mal den Augen Albert's und sie verstanden sich. Consuelo sagte Ja, und Albert antwortete Trotz allem!

– Es ist noch nicht so weit, sagte Anzoleto leise zu Consuelo, da er diese Blicke bemerkt und sich ausgelegt hatte.

– Sie thun mir unendlich wohl, antwortete Consuelo, und ich danke Ihnen dafür.

Sie murmelten den raschen venetianischen Dialect zwischen den Zähnen hin, der nur aus Vokalen zusammengesetzt scheint und so viele Laute abwirft und zusammenzieht, daß selbst die anderen Italiener aus Florenz und Rom ihn beim ersten Hören kaum verstehen können.

– Ich merke, daß du mich in diesem Augenblicke verabscheust, sagte Anzoleto, und daß du nun gewiß zu sein glaubst, mich immer zu hassen. Aber du kommst mir so nicht los.

– Sie haben zu früh die Maske abgelegt, entgegnete Consuelo.

– Aber nicht zu spät, versetzte Anzoleto, He, Padre mio benedetto, sagte er zu dem Kaplan gewendet und gab ihm einen Stoß an den Ellenbogen, daß der würdige Priester die Hälfte des Weines, den er zu den Lippen führte, auf sein Krägelchen schüttete, trinken Sie doch flinker solch einen braven Wein hinunter, der Leib und Seele labt, wahrhaftig so gut wie der in der heiligen Messe! Herr Graf, sagte er dann zu dem alten Christian, ihm sein Glas hinreichend, Sie haben da an Ihrer Herzensseite eine goldgelbe Reserveflasche stehen, die wie die Sonne blitzt. Ich denke mir, daß das ein Nektar ist, wovon ein einziger Tropfen mich zu einem Halbgott machen müßte.

– Nehmen Sie sich in Acht, mein Kind! sagte endlich der Graf, indem er seine magere, mit Ringen bedeckte Hand an den brillantirten Hals der Kristallflasche legte: der Greisenwein schließt jungen Leuten manchmal den Mund.

– Du maulst, daß du wie ein Kobold hübsch aussiehst, sagte Anzoleto in gutem klaren Italienisch zu Consuelo, so daß es alle Welt verstehen konnte. Du gemahnst mich recht an die Diavolessa von Galuppi, die du voriges Jahr in Venedig so himmlisch gespielt hast. Apropos, Herr Graf, denken Sie denn meine Schwester hier noch lange in Ihrem vergoldeten, und mit Seide gefütterten Käfigt zu behalten? Sie ist ein Singevogel, muß ich Ihnen sagen, und der Vogel dem man seine Stimme wehrt, verliert bald die Federn. Es geht ihr hier sehr gut, das sehe ich ein, aber das liebe Publikum da unten, das sie rein verrückt gemacht hat, schreit sich heiser nach ihr. Und wenn ich von mir reden soll, so könnten Sie mir Ihren Namen, Ihr Schloß, Ihren ganzen famosen Weinkeller und Ihren ehrwürdigen Kaplan noch obenein schenken, ich würde meine Lampen, meinen Kothurn und meine Triller nicht dafür lassen.

– Sie sind also auch Komödiant? fragte das Stiftsfräulein mit kaltem, verächtlichem Tone.

– Komödiant, Pickelhäring Ihnen zu dienen, Illustrissima! entgegnete Anzoleto, ohne die Fassung zu verlieren.

– Kann er etwas? fragte der alte Christian Consuelo mit einer Ruhe, worin eben so viel Gutmüthigkeit als Wohlwollen lag.

– Nicht das mindeste! entgegnete Consuelo, indem sie einen bemitleidenden Blick auf ihren Gegner warf.

– Wenn das ist, so verklagst du dich selbst, sagte Anzoleto, denn ich bin dein Zögling. Ich hoffe indessen, setzte er im venetianischen Dialect hinzu, daß ich genug kann, um dir das Spiel zu verderben.

– Sie werden nur sich selbst schaden, antwortete Consuelo in demselben Dialekt. Böse Absichten verderben das Herz, und das Ihrige wird bei dem allen mehr verlieren, als Sie mir im Herzen der Anderen rauben können.

– Ich bin sehr erfreut, daß du die Herausfodrung annimmst. Ans Werk denn, schöne Kriegerin! Ziehen Sie nur das Visier nieder, ich lese doch die Furcht und den Aerger in Ihren Augen.

– Oh, Sie können nichts darin lesen, als wie sehr ich Sie bedauere. Ich glaubte es vergessen zu können, daß ich Sie verachten muß, und Sie geben sich alle Mühe, es mir in das Gedächtniß zurück zu rufen.

– Verachtung und Liebe bestehen oft ganz gut miteinander.

– Ja, in gemeinen Seelen.

– Nein, in den stolzesten Seelen; das hat man schon erlebt und wird es immer wieder erleben.

So ging die ganze Mahlzeit hin. Als man sich in den Nebensaal begeben hatte, bat das Stiftsfräulein, das entschlossen schien, sich an Anzoleto's Unverschämtheit zu ergötzen, diesen, daß er etwas singen möchte. Er war sogleich bereit, und nachdem er ein Paar Läufe über das alte Klavier gemacht hatte, welches unter seinen nervigen Fingern ächzte, stimmte er einen jener lockeren Schwänke an, womit er Zustiniani's petits soupers zu würzen pflegte. Die Textworte wurden wirbelnd schnell gesprochen. Das Stiftsfräulein verstand sie nicht und hatte ihre Freude an der Geläufigkeit und Keckheit, womit er sie vortrug. Graf Christian war überrascht von der schönen Stimme und der wunderbaren Leichtigkeit des Sängers. Er überließ sich zwanglos dem Vergnügen, ihm zuzuhören, und als das erste Stück zu Ende war, verlangte er ein zweites. Albert, der neben Consuelo saß, schien taub und sagte kein Wort.

Anzoleto glaubte, Albert ärgere sich, weil er sich endlich in einem Punkte ausgestochen sähe. Er vergaß seinen Vorsatz, die Zuhörer mit seinen musikalischen Zoten in die Flucht zu jagen, und da er zum Ueberfluße sah, daß es vergebliche Mühe war, weil seine Wirthe entweder zu unschuldige Seelen oder des Dialects zu unkundig waren, so ergab er sich seinem Durste nach Bewunderung und sang mit Lust; er wollte aber auch Consuelo zeigen, daß er Fortschritte gemacht hatte. Er hatte in dem Gebiete, welches ihm erreichbar war, in der That an Fertigkeit und Bewußtsein gewonnen. Seine Stimme hatte vielleicht nicht mehr ganz ihre erste Frische, den Sammet der Jugend hatte sein zügelloses Leben hinweggewischt, aber er hatte seine Effekte mehr beherrschen gelernt, und verstand es besser als sonst, Schwierigkeiten zu überwinden, wozu ihn sein Geschmack und seine Neigung immer am meisten hinzog. Er sang gut und erntete viele Lobsprüche vom Grafen Christian, von dem Stiftsfräulein und sogar von dem Kaplan ein, der ein großer Freund von Fiorituren war und dem Consuelo's Manier zu einfach und natürlich schien, um ihm gelehrt zu scheinen.

– Sie sagten, er könnte nichts, bemerkte der Graf gegen Consuelo, Sie sind zu streng oder zu bescheiden mit Ihrem Zögling. Er hat im Gegentheile recht viel Geschick und kurz, ich finde in ihm etwas von Ihnen.

Der gute Christian dachte durch diese Anerkennung Anzoleto's die Beschämung, welche dessen Betragen der vermeintlichen Schwester verursacht haben müßte, ein wenig zu verwischen. Er vertheidigte daher das Verdienst des Sängers mit vielem Eifer, und Anzoleto, der zu gern glänzte, um nicht schon seiner häßlichen Rolle überdrüßig zu sein, setzte sich wieder an das Klavier, nachdem er noch wahrgenommen hatte, daß Graf Albert immer tiefer in sein Träumen versank.

Das Stiftsfräulein, welches bei langen Musikstücken schläfrig wurde, bat ihn um noch ein venetianisches Lied, und Anzoleto wählte diesmal eines, welches von mehr gutem Geschmack zeugte. Er wußte, daß er Volksweisen am besten sang. Consuelo selbst war die characteristische, pikante Behandlung des Dialects nicht so eigen als ihm, der ein Kind der Lagunen und gleichsam von Geburt Charactersänger war.

Bald die derbe und kecke Manier der istrischen Fischer, bald die sinnvolle und behagliche Nachläßigkeit der venetianischen Gondoliere wußte er so anmuthig, so entzückend nachzuahmen, daß es unmöglich war, ihn nicht mit Vergnügen zu sehen und zu hören. Sein schönes, bewegliches, ausdrucksvolles Gesicht nahm bald den stolzen, feierlichen Ernst der Einen, bald die schmeichelnde und spöttische Geschmeidigkeit der Andern an. Sein geschmacklos koketter Anzug, dem man auf eine Meile weit den Venetianer anmerken konnte, trug in diesem Augenblicke dazu bei, die Täuschung zu vermehren und hob die Vorzüge seiner Persönlichkeit statt ihnen zu schaden.

Consuelo, welche Anfangs wirklich kalt gewesen, sah sich bald dahin gebracht, daß sie die Gleichgültige und Zerstreute nur spielte. Die Aufregung nahm sie immer mehr und mehr ein. Sie sah in Anzoleto ganz Venedig leibhaft wieder, und in diesem Venedig den ganzen Anzoleto der früheren Tage, mit seiner Lustigkeit, seiner unschuldigen Liebe, seinem kindischen Stolz. Ihre Augen füllten sich mit Thränen und die munteren Scherze, welche die Anderen lachen machten, drangen ihr, die tiefste Wehmuth weckend in das Herz.

Nach den Liedern verlangte Graf Christian einen geistlichen Gesang.

– Je nu! ich weiß alle, sagte Anzoleto, die man in Venedig singt, aber sie sind zu zwei Stimmen, und wenn meine Schwester, die sie auch weiß, nicht mit singen will, so kann ich Ew. Herrlichkeit nicht dienen.

Sogleich bat man Consuelo zu singen. Sie wehrte sich lange, obgleich die Versuchung groß war. Endlich gab sie den Bitten des guten alten Grafen nach, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, sie mit ihrem Bruder auszusöhnen, indem er sich selbst mit ihm ganz ausgesöhnt zeigte, setzte sich neben Anzoleto und begann zitternd einen dieser langen, zweistimmigen, in Strophen von je drei Versen eingetheilten Gesänge, die man zu Venedig in den Andachtszeiten ganze Nächte hindurch vor den Madonnenbildern an den Straßenecken hört. Ihre Bewegung ist eher lebhaft als schwermüthig, aber in der Eintönigkeit ihres Refrains und in den Gedanken ihres Textes, die eine etwas heidnische Frömmigkeit athmen, liegt etwas sanft Wehmüthiges, welches den Hörer allmählig anzieht und zuletzt hinreißt.

Consuelo sang mit sanfter, verschleierter Stimme, den venetianischen Frauen nachahmend, und Anzoleto in dem etwas rauhen Kehlton der jungen Leute dort zu Lande. Zugleich spielte er auf dem Klavier eine leise, fließende Begleitung in gebrochenen Accorden, welches seine Gefährtin an das Murmeln der Wellen auf den Fliesen und das Flüstern des Windes in den Weinranken erinnerte. Sie glaubte sich in Venedig an einem schönen Sommerabend, einsam, am Fuße einer jener Kapellen, die unter freiem Himmel Weinlaub überschattet und eine flimmernde Lampe beleuchtet, deren Schein die leicht gekräuselte Flut des Kanales zitternd zurückwirft.

O, welch ein Abstand zwischen dem bangen, peinigenden Gefühle von diesem Morgen, als sie Albert's Geige an dem Rande eines andern Wassers, einer schwarzen, stummen, regungslosen und gespenstigen Quelle hörte und dem Entzücken, dies Venedig im Geiste zu schauen, mit seinem schönen Himmel, seinen süßen Melodien, seinen blauen, flatternden Wellen und darin dem Lichterflimmer und dem Wiederschein der Sterne!

Anzoleto brachte ihr dieses herrliche Schauspiel vor die Seele, in welchem sich für sie alles vereinte, was nur Leben und Freiheit war; und auf der andern Seite jene Höhle, die seltsamen, wilden Melodien der alten Böhmen, die Gebeine von düsterrothen Fackeln angeleuchtet, welche sich in einem vielleicht mit denselben traurigen Ueberresten angefüllten Wasser spiegeln, und mitten unter dem allen Albert's bleiche Gestalt, das schwärmerische Bußwerk, der Gedanke einer unbekannten Welt, das Anschauen einer mystischen Symbolik und die schmerzliche Aufregung einer unbegreiflichen Verzückung, zu viel das alles für Consuelo's ruhige, einfache Seele.

Um einzugehen in diese Welt abstracter Gedanken, mußte sie Anstrengungen machen, deren ihre lebhafte Einbildungskraft fähig war, wobei jedoch ihr Wesen, gefoltert von unerklärlichen Leiden und von ermattenden Schauern, erlag. Ihre ganze frühere Entwickelung und noch mehr ihre südliche Natur widerstand dem trüben, bangen Wesen einer mystischen Liebe. Albert erschien ihr wie der Geist des Nordens, tief, gewaltig und erhaben oft, doch immer düster, wie der Sturm der eisigen Nächte und das dumpfe Brausen der unterirdischen Ströme. Es war die grübelnde, träumende Seele, die alles befragt und alles deutet, die Sturmnacht, den Lauf der himmlischen Erscheinungen, die wilden Stimmen des Waldes und die halb verloschene Inschrift eines alten Grabes.

In Anzoleto verkörperte sich ihr dagegen das Leben des Südens, die von der mächtigen Sonne, von dem vollen Licht entzündete und befruchtete Materie, deren Poesie in der gedrängten Fülle des Wachsthums ruht und deren Stolz die reiche Entfaltung des eigenen organischen Triebes ist. Es war hier das Gefühlsleben mit dem scharfen Sinne für Genuß, das Unbekümmertsein um heut und morgen, das dem Künstler eigen ist, eine gewisse Bewußtlosigkeit oder Sorglosigkeit um das, was gut und böse heißt, eine Leichtigkeit, glücklich zu sein, Verachtung oder Versäumniß des Besinnens und Bedenkens, kurz die Kehrseite und das Gegentheil der Idealität.

Zwischen diesen beiden Menschen, deren Wesen die entgegengesetzten Pole des menschlichen Geistes darzustellen schien, war Consuelo so in banger Schwebe gehalten, so unfähig zu handeln und zu wirken, wie es eine von ihrem Leibe geschiedene Seele wäre. Sie liebte das Schöne, sie dürstete nach dem Ideal. Begriff und Bild davon bot ihr Albert dar. Aber gehemmt in seiner geistigen Entwickelung durch einen krankhaften Reiz, hatte Albert dem übersinnlichen Leben zu viel eingeräumt. Er kannte das wirkliche Leben so wenig, daß er oft die Fähigkeit verloren hatte, sein eigenes Dasein zu empfinden. Er dachte gar nicht, daß die düsteren Vorstellungen und Bilder, mit welchen er sich vertraut gemacht hatte, seiner Braut ein anderes Gefühl unter dem Einflusse der Liebe und der Tugend einflößen könnten als gläubige Begeisterung und selige Rührung. Er hatte nicht begriffen, noch geahnt, daß er sie in eine Luft versetzte, die ihr tödtlich werden mußte, wie die Polarkälte einem tropischen Gewächse. Kurz er begriff nicht daß sie in sein Wesen nicht eingehn konnte, ohne dem ihrigen Gewalt anzuthun.

Anzoleto dagegen verwundete zwar Consuelo's Seele und empörte ihr Innerstes in jeder Hinsicht, allein er trug in seiner weiten, dem erquickenden Hauch der freien südlichen Lüfte geöffneten Brust allen Lebensathem, dessen die Blume Spaniens, wie er sie sonst zu nennen pflegte, zu freudigem Blühen bedurfte. Sie fand in ihm wieder ein ganzes Leben unbewußter, köstlicher Anschauungen, eine ganze Welt natürlicher, heller, fröhlicher Klänge, eine ganze Vergangenheit voll Frieden, Sorglosigkeit, körperlicher Regsamkeit, mühloser Unschuld, ungezwungener Sittsamkeit und ungesuchter Frömmigkeit. In der That fast das Dasein eines Vogels im Walde. Aber ist nicht viel vom Vogel in der Künstlerseele, und muß nicht auch der Mensch ein wenig aus dem Lebenskelche welcher allen Wesen gemein ist, nippen, um vollkommen zu sein und den Schatz seines Geistes zu verwerthen?

Consuelo's Gesang ward immer weicher und rührender, während ihre Seele sich unbewußt und unwillkürlich den unterschiedenen Eindrücken hingab, welche ich an ihrer Stelle als Betrachtungen aussprach, zu weitschweifig glaube ich selbst. Man möge es mir verzeihen. Denn wie würde man ohne sie die leidige Beweglichkeit des Gefühls begreifen welche dieses sonst so verständige und so wahre Mädchen, das mit Recht den treulosen Anzoleto noch eben gehaßt hatte, dazu verleiten konnte, daß sie mit einer gewissen Wollust seine Stimme hörte, sein Haar streifte, seinen Athem fühlte?

Der Saal war zu tief, um je ganz erhellt zu sein, wie man schon weiß, und überdies neigte sich der Tag. Das Klavierpult, auf welchem Anzoleto ein großes Notenbuch offen hatte liegen lassen, verbarg ihre Köpfe den Anwesenden, welche alle ziemlich entfernt saßen, und ihre Köpfe näherten sich einander mehr und mehr. Anzoleto, nur noch mit einer Hand begleitend, hatte seinen andern Arm um den schlanken Leib seiner Freundin geschlagen und zog sie unbemerkt an sich.

Sechs Monate des Schmerzes und der Entrüstung waren in diesem Augenblicke wie ein Traum ans der Seele des Mädchens entschwunden. Es war ihr ganz als wäre sie noch in Venedig, und betete zur Madonna, ihre Liebe zu dem schönen Verlobten, den ihr ihre Mutter gegeben hatte, und der Hand in Hand und Herz an Herz mit ihr betete, zu segnen. Albert war hinausgegangen, ohne daß sie es bemerkt hatte und die Luft war leichter, das Zwielicht traulicher um sie her. Plötzlich am Schluße einer Strophe fühlte sie die glühenden Lippen ihres ersten Verlobten auf den ihrigen. Sie unterdrückte einen Schrei, und sich auf das Klavier niederbeugend, zerfloß sie in Thränen.

In diesem Augenblicke trat Albert wieder ein, hörte sie schluchzen und sah Anzoleto's höhnische Freude. Die anderen Zeugen dieses raschen Vorgangs wunderten sich nicht über die Unterbrechung des Gesanges. Niemand hatte den Kuß bemerkt und Jedermann dachte sich, daß die Erinnerung an ihre Kindheit und die Liebe zu ihrer Kunst ihr Thränen entlockten. Graf Christian empfand ein kleines Unbehagen über diese Empfindsamkeit, welche verrieth wie schmerzlich sie noch an Dingen hing, deren Opfer er von ihr verlangte. Das Stiftsfräulein und der Kaplan waren froh darüber, denn sie hielten es für ein Zeichen, daß ihr das Opfer unmöglich wäre.

Albert hatte sich noch gar nicht gefragt, ob die Gräfin von Rudolstadt wieder Künstlerin werden könnte, oder ob sie aufhören könnte es zu sein. Er hätte alles verstattet, ihr alles freigestellt, alles sogar gefordert, was zu ihrem Glück, zu ihrer Freiheit dienen konnte, sei es in der Zurückgezogenheit, sei es in der großen Welt, sei es auf dem Theater. Er war so frei von Vorurtheilen und von Selbstsucht, daß er auf die einfachsten Fälle nicht vorausdachte. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß Consuelo daran denken könnte, sich Opfer seinetwillen aufzuerlegen, weil er eben keine verlangte.

Aber während er dieses Nächste übersah, sah er weiter, wie es immer bei ihm der Fall war: er drang bis ins Herz des Baumes und griff den nagenden Wurm mit Händen. Das wahre Verhältniß Anzoleto's zu Consuelo, das wahre Ziel, welches jener verfolgte, und die wahre Empfindung die er ihr einflößte, wurden ihm in einem Augenblicke offenbar. Er sah diesen Menschen scharf an, der ihm zuwider war und den er bis dahin kaum eines Blickes gewürdigt hatte, weil er den Bruder Consuelo's nicht hassen wollte. Er erkannte in ihm einen verwegenen, hitzigen und gefährlichen Liebhaber.

Der edle Albert dachte nicht an sich: weder Argwohn noch Eifersucht kamen in seine Seele. Er sah nur die Gefahr für Consuelo; denn mit tiefblickendem, hellem Auge schaute dieser Mann, dessen unstäter Blick und empfindliches Gesicht das Sonnenlicht nicht ertrug, und Formen und Farben nicht unterschied, in die Tiefe der Seele und drang durch die räthselhafte Macht seines Ahnungsvermögens in die geheimsten Gedanken der Schächer und der Schelme.

Ich will diese wunderbare Gabe, welche er zu Zeiten besaß, nicht natürlich erklären. Gewisse Fähigkeiten (die auch die Wissenschaft überhaupt noch nicht ergründet und definirt hat) besaß er, welche für jene Umgebung nicht minder unbegreiflich blieben, als sie es für den Geschichtsschreiber sind, der sie euch erzählt, und der in Bezug auf Dinge dieser Art jetzt nach hundert Jahren nicht aufgeklärter ist, als es damals die gleichzeitigen großen Geister waren.

Das selbstsüchtige und eitle Herz seines Nebenbuhlers lag vor Albert nackt da; aber Albert sagte sich nicht: dieser ist mein Feind, sondern er sagte sich: es ist Consuelo's Feind. Und ohne von seiner Entdeckung etwas merken zu lassen, nahm er sich vor, über sie zu wachen und sie zu beschützen.

7.

Sobald Consuelo einen günstigen Augenblick fand, verließ sie den Saal und eilte in den Garten. Die Sonne war untergegangen, und matt blitzten die ersten Sterne freundlich an dem Himmel, der im Westen noch rosenroth aber im Osten schon schwarz war. Die junge Künstlerin suchte in der reinen, frischen Luft der ersten Herbstabende Ruhe zu trinken. Ihre Brust war von süßem Sehnen beklommen, und doch fühlte sie Gewissensbisse, und bot ihrem Willen zu Hülfe alle Kräfte ihrer Seele auf. Sie hätte zu sich sagen können: soll ich denn nie erfahren, ob ich liebe, ob ich hasse?

Sie zitterte als ob sie fühlte, daß ihr Muth in der schwersten Entscheidungsstunde ihres Lebens von ihr wiche, und zum ersten Male vermißte sie in sich jene Sicherheit des ersten Gefühles, jenes heilige Vertrauen auf ihren guten Willen, welches sie bisher in allen Prüfungen aufrecht erhalten hatte. Sie hatte den Saal verlassen, um sich dem Zauber zu entziehen, womit Anzoleto sie umstrickte, und doch hatte sie etwas wie einen Wunsch, daß er ihr folgen möchte, in sich gespürt. Das Laub fing an zu fallen. Wenn es hinter ihr am Saume ihres Kleides rasselte, glaubte sie Schritte hinter sich zu hören, und Willens zu fliehen, und ohne Muth sich umzuschauen, blieb sie wie durch Zauber an ihren Fleck gebannt.

Es folgte ihr wirklich Jemand, der sich aber nicht zu zeigen wagte, noch sich zeigen wollte: es war Albert. Allen jenen kleinen Verstellungen fremd, die man Anstand nennt, und sich in der Größe seiner Liebe über jede falsche Scham erhaben fühlend, hatte er gleich nach ihr den Saal verlassen, um zu ihrem Schutze bereit zu sein und ihren Verführer von ihr fern zu halten.

Anzoleto hatte diesen naiven Eifer wohl bemerkt, aber ohne sich dadurch beunruhigen zu lassen. Consuelo's Verwirrung war ihm nicht entgangen, und er glaubte seines Sieges gewiß zu sein. Er war durch seine Gewohnheit leicht zu siegen, ein vollendeter Fant geworden und wußte, daß man die Sachen nicht brüskiren darf: er nahm sich vor, seine Geliebte nicht mehr wild und die Familie nicht mehr scheu zu machen.

– Es ist nicht mehr nöthig, mich so sehr zu beeilen, sagte er. Der Zorn könnte ihr neue Kräfte geben. Ich stelle mich traurig und niedergeschlagen, so wird der Rest ihres Unwillens gegen mich verschwinden. Sie hat einen stolzen Geist; man muß den Angriff auf ihre Sinne richten. Sie ist gewiß nicht mehr so spröde als in Venedig, sie hat sich hier civilisirt. Was thut es, wenn mein Nebenbuhler noch einen Tag länger der Glückliche ist? Morgen ist sie mein, vielleicht schon heute Nacht. Es wird sich zeigen. Ich darf sie nur nicht durch Furcht zu einem verzweifelten Entschlusse treiben. Sie hat mich ihnen nicht verrathen. Sei es Mitleid, oder Furcht, sie hat mich in meiner Bruderrolle nicht gestört, und die hohen Verwandten scheinen entschlossen, mich trotz aller meiner Dummheiten ihretwegen zu ertragen. Ich will doch den Kriegsplan ändern. Ich bin schneller vorwärts gekommen als ich dachte. Ich kann nun schon einmal Halt machen.

Der Graf Christian, das Stiftsfräulein und der Kaplan sahen ihn nun zu ihrem großen Erstaunen ganz höflich und gesittet, bescheiden und zuvorkommend werden. Er war so geschickt, sich gegen den Kaplan ganz leise über starkes Kopfweh zu beklagen, und dabei zu bemerken, daß er sonst immer sehr mäßig sei und daß daher der Ungarwein, dem er bei Tische nicht so viel zugetraut hätte, ihm zu Kopfe gestiegen wäre. Augenblicklich war dieses Geständniß ins Deutsche übersetzt dem Stiftsfräulein und dem Grafen mitgetheilt, welcher letztere diese Art Entschuldigung mit bereitwilliger Güte annahm.

Wenceslawa war Anfangs weniger nachsichtig, aber die Mühe welche sich der Komödiant gab, sich ihr artig zu beweisen, die Ehrfurcht welche er für die Vorzüge des Adels geschickt an den Tag zu legen wußte, die Bewunderung welche er der im Schlosse herrschenden Ordnung zollte, entwaffneten alsbald diese menschenfreundliche und keines anhaltenden Grolles fähige Seele. Sie hörte ihm zuerst nur zu, weil sie eben nichts anderes zu thun hatte; bald aber vertiefte sie sich in das Gespräch mit ihm und kam zuletzt mit ihrem Bruder überein, daß es doch ein ganz prächtiger, allerliebster junger Mensch wäre.

Als Consuelo von ihrem Spaziergange zurückkam, war eine Stunde verflossen, die sich Anzoleto gut zu Nutze gemacht hatte. Er hatte die Familie so vollständig mit sich ausgesöhnt, daß er überzeugt war, so viele Tage im Schlosse bleiben zu können, als er zur Erreichung seines Zweckes nöthig haben würde. Er verstand nicht was der alte Graf zu Consuelo auf Deutsch sagte, aber er errieth aus dessen Blicken die auf ihn gerichtet waren und aus der überraschten und verlegenen Miene des Mädchens, daß ihm Christian große Lobsprüche gezollt und sie ein wenig gescholten habe, daß sie einem so liebenswürdigen Bruder so wenig Aufmerksamkeit schenke.

– Nun, Signora, sagte das Stiftsfräulein, das bei aller Abneigung gegen die Porporina, doch nicht umhin konnte ihr wohl zu wollen und außerdem eine Christenpflicht zu erfüllen glaubte, Sie waren bei Tische böse auf Ihren Bruder und die Wahrheit zu sagen, er verdiente es da in der That. Aber er ist doch besser als er uns zuerst schien. Er hat Sie zärtlich lieb und sprach von Ihnen immerfort mit aller Liebe und sogar mit großer Achtung. Sie müssen nun nicht strenger sein als wir. Ich bin es überzeugt, er weiß es jetzt, daß er bei Tische zu viel getrunken hatte, er ist jetzt ganz trostlos darüber, besonders Ihretwegen. Reden Sie doch mit ihm und thun Sie nicht so kalt gegen Einen, der Ihnen von Seiten des Blutes so nahe steht. Ich zum Beispiel, sehen Sie, mein Bruder Friedrich der in seiner Jugend ein gewaltiger Trotzkopf war, hat mich oft schwer geärgert, aber ich konnte doch keine Stunde mit ihm böse bleiben.

Consuelo, welche den Irrthum der guten Dame weder befestigen noch zerstören wollte, stand wie angewurzelt bei diesem neuen Angriff Anzoleto's, denn sie begriff sogleich, wie geschickt er angelegt war und wie wirksam er sein mußte.

– Sie verstehen nicht was meine Schwester sagte, belehrte Christian den jungen Mann, ich will es Ihnen in zwei Worten übersetzen. Sie macht der Consuelo Vorwürfe darüber, daß sie mit Ihnen zu sehr die kleine Mama spielt, und ich bin auch überzeugt, daß Consuelo vor Verlangen brennt, Frieden zu schließen: Nun umarmt euch, Kinder! Auf, junger Mann, an Ihnen ist es den ersten Schritt zu thun, und wenn Sie von früher her Manches bei ihr gut zu machen haben, wohlan, ein offenes Geständniß, damit sie es Ihnen verzeihe!

Anzoleto ließ es sich nicht zweimal sagen; er ergriff Consuelo's zitternde Hand, die sie nicht zurückzuziehen wagte, und sprach:

– Ja wohl, ich habe sehr viel gegen sie gut zu machen, und meine Reue ist so groß, daß alle meine Anstrengungen, mich darüber hinaus zu setzen, nichts fruchteten, als mir nur immer mehr das Herz zu brechen. Sie weiß es wohl, und wenn sie nicht von Stahl und Eisen wäre, stolz wie die Stärke selbst und unerbittlich wie die Tugend in Person, so würde sie einsehen, daß ich durch meine Gewissensbisse schon genug bestraft bin. Schwester, o vergieb mir doch, und habe mich wieder lieb; oder ich will auf der Stelle abreisen und meine Verzweiflung, mein Alleinsein, meine Verödung über die ganze Erde schleppen. Ueberall fremd, ohne Stütze, ohne Rath, ohne Liebe, werde ich an keinen Gott mehr glauben und meine Verirrung wird auf dein Haupt zurückfallen.

Diese Homelie rührte den Grafen sehr und preßte dem Stiftsfräulein Thränen aus.

– Sie hören es, Porporina! rief die letztere; was er Ihnen sagt ist sehr schön und sehr wahr. Herr Kaplan, Sie müssen der Signora im Namen der Religion befehlen, sich mit ihrem Bruder auszusöhnen.

Der Kaplan machte Miene zu gehorchen. Anzoleto wartete aber die Predigt nicht ab, sondern umfaßte Consuelo ungeachtet ihres Schreckens und ihres Sträubens und küßte sie mit Leidenschaft und zu großer Erbauung der Versammlung ins Gesicht. Consuelo konnte in ihrer Entrüstung zu dem unverschämten Betruge nicht länger schweigen.

– Halt! rief sie. Hören Sie mich an, Herr Graf! ...

Sie war im Begriff, alles zu entdecken, als Albert erschien. Im Augenblicke stieg ihr der Gedanke an Zdenko auf und ihr zum Ueberströmen volles Herz erstarrte vor Furcht. Ihr unerbittlicher Beschützer konnte den Gedanken fassen, sie geräuschlos, unbedenklich von dem Feinde zu befreien, gegen den sie im Begriff war seine Hülfe anzurufen. Sie erbleichte, sah Anzoleto mit einem schmerzlichen, vorwurfsvollen Blicke an und das Wort erstarb auf ihren Lippen.

Punkt sieben Uhr setzte man sich zum Abendtische. Wenn der Gedanke an diese häufigen Mahlzeiten dazu angethan ist, meinen zarten Leserinnen den Appetit zu verderben, so will ich ihnen nur sagen, daß die Mode nicht zu essen in jener Zeit und in jenem Lande nicht im Schwange war. Ich glaube schon gesagt zu haben, man aß auf Riesenburg langsam, reichlich und oft. Die Hälfte des Tages beinah wurde bei Tische zugebracht, und ich gestehe allerdings, daß Consuelo, die von Jugend auf, und aus Gründen, gewöhnt war, von etwas Reis in Wasser gekocht den ganzen Tag zu leben, diese homerischen Mahlzeiten tödtlich lang fand.

Jetzt zum erstenmale wußte sie nicht, ob das Essen eine Stunde, einen Augenblick oder ein Jahrhundert währte. Sie hatte nicht mehr Leben in sich als Albert, wann er allein im Schoße seiner Grotte war. Sie glaubte trunken zu sein, so hatten Scham über sich selbst, Liebe und Angst ihr ganzes Wesen erschüttert. Sie aß nicht, hörte nicht und sah nicht was um sie her vorging. Entsetzt wie Jemand der in einen Abgrund stürzen will, und die schwachen Halme nach welchen er noch greift, um sich zu retten, einen nach dem anderen zerreißen sieht, sah sie in den Abgrund hinunter und fühlte sausenden Schwindel in ihrem Kopfe.

Anzoleto saß neben ihr, er streifte ihr Kleid, er drückte krampfhaft seinen Elnbogen an den ihren, seinen Fuß gegen ihren Fuß. In seiner Beflissenheit, sie zu bedienen, begegnete er ihren Händen und hielt sie eine Sekunde in den seinigen fest, aber dieser rasche, heiße Druck faßte ein Jahrhundert von Wollust in sich. Er flüsterte ihr Worte zu von jenen, welche den Athem rauben, er schoß Blicke auf sie von jenen, die versengen. Er benutzte einen blitzschnellen Augenblick, um sein Glas mit dem ihrigen zu vertauschen und mit seinen Lippen den Kristallrand zu berühren, den die ihrigen berührt hatten. Und er verstand es ganz Feuer für sie, ganz Eis in den Augen der Uebrigen zu sein.

Er hielt sich trefflich, sprach mit Anstand, war voll aufmerksamer Rücksichten für das Stiftsfräulein, behandelte den Kaplan mit Ehrerbietung, bot ihm die besten Stücke Fleisch an, die er sich befliß mit aller Gewandtheit und Zierlichkeit eines an großen Tafeln heimischen Gastes abzuschneiden. Er hatte bemerkt, daß der heilige Mann ein Schmecker war, daß aber seine Schüchternheit ihm in dieser Hinsicht viel Entbehrung auflegte: derselbe stand sich nun so gut bei Anzoleto's Dienstfertigkeit, daß er im Stillen wünschte, der neue Vorschneider möchte seine Lebenstage auf Riesenburg zubringen.

Man bemerkte, daß Anzoleto nur Wasser trank, und als ihm der Kaplan zur Vergütung seiner Zuvorkommenheiten Wein einschenken wollte, antwortete er laut genug, um gehört zu werden:

– Nein, danke tausendmal! dazu bekommt man mich nicht wieder. Ihr trefflicher Wein, mit dem ich mir einmal die Sorgen vertreiben wollte, ist ein Verräther. Jetzt, da ich keinen Kummer mehr habe, halte ich mich wieder an's Wasser, mein gewöhnliches Getränk und meinen ehrlichen Freund.

Der Abend wurde ein wenig länger ausgedehnt als gewöhnlich. Anzoleto sang noch, und er sang diesmal für Consuelo. Er wählte ihre Lieblingsarien von alten Meistern, Sachen, die sie ihm selbst eingeübt hatte, und er sang sie mit allem Fleiße, in aller Reinheit des Geschmacks und mit aller Zartheit der Auffassung, wie sie es von ihm zu fordern gewohnt war. Er wollte ihr die theuersten, die reinsten Erinnerungen ihrer Liebe und ihrer Kunst vor die Seele bringen.

Als man im Begriff war, sich zu trennen, nahm er einen günstigen Augenblick wahr, und sagte leise zu ihr:

– Ich weiß deine Stube, die meinige liegt auf demselben Gange. Um Mitternacht werde ich an deiner Thür knien, und werde da liegen bleiben bis es Tag wird. Versage mir nicht einen Augenblick Gehör. Ich will nicht deine Liebe wieder gewinnen, ich verdiene sie nicht. Ich weiß, daß du mich nicht mehr lieben kannst, daß ein anderer glücklich ist, und daß ich scheiden muß. Ich werde scheiden mit dem Tod im Herzen und mein übriges Leben wird den Furien geweiht sein. Aber jage mich nicht fort ohne ein Wort des Mitleids, ohne ein Abschiedswort. Wenn du nicht einwilligst, so werde ich mit anbrechendem Tage abreisen und es ist aus mit mir auf ewig.

– Sagen Sie das nicht, Anzoleto. Wir müssen uns hier trennen, und uns auf ewig Lebewohl sagen. Ich verzeihe Ihnen und ich wünsche Ihnen  ...

– Glückliche Reise, antwortete er bitter spottend.

Dann fiel er sogleich wieder in seinen heuchlerischen Ton.

– Du bist erbarmungslos, Consuelo! sagte er. Du willst, ich soll verloren sein, es soll kein gutes Gefühl, kein gutes Andenken in mir übrig bleiben. Was fürchtest du? Habe ich dir nicht tausendmal meine rücksichtsvolle, meine reine Liebe bewiesen? Wenn man so in den Tod liebt wie ich, ist man nicht Sklav? Weißt du nicht, daß ein Wort von dir mich zähmt, mich kettet? Um Gottes willen, wenn du nicht die Maitresse dieses Mannes bist, den du heirathen willst, wenn er nicht Herr deines Zimmers und der unvermeidliche Gefährte deiner Nächte ist ...

– Das ist er nicht und war er nie, sagte Consuelo im Stolze ihrer Unschuld.

Sie hätte besser gethan, die Regung eines gerechten, aber in diesem Falle zu offenherzigen Stolzes zu unterdrücken. Anzoleto war nicht furchtsam, aber er hatte das Leben lieb, und hätte er fürchten müssen, in Consuelo's Zimmer einen entschlossenen Hüter zu finden, so wäre er in dem seinigen geblieben. Der Ausdruck von Wahrheit, welcher in der Antwort des jungen Mädchens lag, machte ihn vollkommen kühn.

– In diesem Falle, sagte er, bringe ich dadurch deine Zukunft nicht in Gefahr. Ich werde so behutsam, so geschickt sein, werde so leise gehen, so leise sprechen, daß dein Ruf nicht gefährdet werden soll. Und bin ich übrigens nicht dein Bruder? Was wird daran auffallen, wenn ich dir Lebewohl sage, ehe ich vor Tagesanbruch abreise?

– Nein, nein, kommen Sie nicht, sagte Consuelo erschreckt. Das Zimmer des Grafen Albert ist nicht weit; er hat vielleicht schon alles geahnt ... Anzoleto, wenn Sie sich in Gefahr setzen ... ich stehe Ihnen nicht für Ihr Leben. Ich spreche im vollen Ernste, mein Blut erstarrt in meinen Adern.

– Anzoleto fühlte wirklich, daß ihre Hand, die er in der seinigen hielt, kalt wie Marmor wurde.

– Wenn du Schwierigkeiten machst, wenn du an deiner Thür unterhandelst, so bringst du mein Leben in Gefahr, sagte er lächelnd; aber wenn deine Thür offen ist, wenn wir uns stumm küssen, so ist nichts zu fürchten. Erinnere dich, daß wir Nächte mit einander zugebracht haben, ohne einen Einzigen von den vielen Bewohnern der Corte-Minelli aufzuwecken. Was mich betrifft, so sage ich dir, wenn weiter kein Hinderniß ist als die Eifersucht des Grafen, und sonst keine Gefahr als der Tod ...

Consuelo sah in diesem Augenblick, daß des Grafen sonst so unstätes Auge sich auf Anzoleto heftend klar und tief wurde. Er konnte ihr Gespräch nicht hören, aber er schien mit den Augen zu hören. Sie zog ihre Hand zurück und sagte mit erstickter Stimme:

– Ha! wenn du« mich liebst, so trotze diesem furchtbaren Manne nicht!

– Fürchtest du für dich? fragte Anzoleto hastig.

– Nein, aber für Jeden, der mir naht und mich bedroht.

– Und dich anbetet doch wohl? Immerhin! Es sei! Sterben vor deinen Augen; sterben zu deinen Füßen, o ich wünsche mir nichts als das. Ich werde um Mitternacht da sein. Zögere, und du wirst nur meinen Tod beschleunigen.

– Sie reisen Morgen vor Tage ab, und nehmen von Niemanden Abschied? sagte Consuelo, als sie sah, daß er sich dem Grafen und dem Stiftsfräulein empfahl, ohne seiner Abreise zu erwähnen.

– Nein, antwortete er, sie würden mich zurückhalten wollen, und wenn sich alles verschwört, meine Todesqual zu verlängern, so würde ich wider Willen nachgeben. Du wirst mich bei ihnen entschuldigen und ihnen mein Lebewohl ausrichten. Ich habe meinem Führer aufgetragen, die Pferde um 4 Uhr bereit zu halten.

Die letztere Versicherung war mehr als gegründet. Albert's seltsame Blicke seit einigen Stunden waren dem Anzoleto nicht entgangen. Er war entschlossen alles zu wagen, aber er hielt sich für den Fall der Noth zur Flucht bereit. Seine Pferde standen schon gesattelt im Stalle und sein Führer war angewiesen, sich nicht niederzulegen.

Als Consuelo sich in ihrem Zimmer befand, überfiel sie eine wahre Angst. Sie wollte Anzoleto nicht annehmen und zugleich beschlich sie eine Furcht, daß er abgehalten werden möchte, sie aufzusuchen. Immerfort quälte sie in ihrem Innern dieses doppelte, falsche, unüberwindliche Gefühl und brachte ihr Herz mit ihrem Gewissen in Streit. Sie hatte sich noch nie so unglücklich, so verlassen, so einsam auf Erden gefühlt.

– O, mein Meister Porpora! wo bist du? rief sie aus. Du allein könntest mich retten, du allein kennst mein Uebel und die Gefahren, denen ich ausgesetzt bin. Du allein bist hart, strenge, mißtrauisch, wie es ein Freund, ein Vater sein muß, um mich dem Abgrund zu entreißen, welcher sich vor mir aufthut! Aber bin ich denn nicht von Freunden umgeben? Habe ich nicht an dem Grafen Christian einen Vater? Würde mir nicht das Stiftsfräulein eine Mutter sein, wenn ich den Muth hätte, ihren Vorurtheilen offen entgegenzutreten und ihr mein Herz zu öffnen? Und ist nicht Albert mein Schutz, mein Bruder, mein Gatte, wenn ich ein Wort zu sagen mich entschließen kann? Ach! er sollte mein Retter sein; und ihn fürchte ich, ihn stoße ich zurück!

Ich muß zu ihnen, zu allen dreien, setzte sie hinzu und ging mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und nieder. Ich muß mich ihnen anvertrauen, mich an ihre rettenden Arme hängen, mich unter die Flügel dieser Schutzengel flüchten. Ruhe, Würde, Ehre herrschen bei ihnen; bei Anzoleto erwartet mich Schande und Verzweiflung. Ja, ich muß es ihnen offen bekennen, welch ein abscheulicher Tag dies war, ich muß ihnen sagen was in mir vorgeht, damit sie mich behüten und mich vor mir selbst beschützen. Ich muß mich durch ein Gelöbniß an sie ketten, ich muß dieses furchtbare Ja aussprechen, welches eine unübersteigliche Schranke zwischen mir und meiner Pest aufrichtet. Ja, ich gehe ...

Und anstatt zu gehen sank sie erschöpft auf ihren Stuhl und weinte mit blutendem Herzen über ihre verlorene Ruhe, und ihre zerbrochene Kraft.

– Wie aber! sagte sie, werde ich nicht gehen und sie wieder belügen? ich werde ihnen ein verirrtes Mädchen, eine ehebrecherische Gattin anbieten. Denn im Herzen bin ich das. Und der Mund, welcher dem aufrichtigsten der Menschen unerschütterliche Treue geloben will, brennt noch von dem Kusse eines anderen, und bei dem bloßen Gedanken an ihn, klopft mein Herz von unlauterer Lust.

Ach! auch meine Liebe zu diesem unwürdigen Anzoleto ist so verwandelt wie er selbst. Es ist nicht diese ruhige, heilige Liebe, mit welcher ich glücklich einschlief unter den Fittigen, die meine Mutter vom Himmel herab über mich breitete. Es ist ein ungestümes Verlangen so niedrig und sündhaft wie das Wesen, welches es mir einflößt. In meiner Seele ist nichts Großes, nichts Wahres mehr. Ich lüge mir selbst seit diesem Morgen, wie ich die anderen belüge. Wie sollte ich sie nicht künftig in allen Stunden meines Lebens belügen? Gegenwärtig oder abwesend wird mir Anzoleto stets vor Augen stehen; nur der Gedanke, mich morgen von ihm zu trennen, erfüllt mich mit Schmerz und an der Brust eines andern würde ich immer nur an ihn denken. Was soll ich thun, was soll aus mir werden?

Die Stunden rückten fort, schrecklich schnell, schrecklich langsam.

– Ich will ihn sehen, sagte sie. Ich werde ihm sagen, daß ich ihn hasse, daß ich ihn verachte, daß ich ihn nie wieder sehen will  ... Nein, nein! ich belüge mich wieder; ich werde ihm das nicht sagen, oder wenn ich den Muth dazu hätte, so werde ich es einen Augenblick darauf wieder zurücknehmen. Ich kann mich selbst auf meine Keuschheit nicht mehr verlassen, er glaubt nicht mehr daran, er wird mich nicht mehr schonen.

Und ich, ach, ich glaube selbst nicht mehr an mich, an nichts mehr glaube ich. Ich werde erliegen, noch mehr aus Furcht als aus Schwäche. O! lieber sterben als so in meiner Selbstachtung sinken und der Verschlagenheit, der Frechheit eines anderen diesen Sieg lassen über den heiligen Willen und die edeln Vorsätze, die mir Gott ins Herz gelegt hat.

Sie setzte sich an das Fenster, sie dachte ernstlich daran, sich hinabzustürzen, um durch den Tod der Schande zu entgehen, mit welcher sie sich schon befleckt glaubte. Im Ringen gegen diese schwarze Versuchung, sann sie den Rettungsmitteln nach, die für sie noch übrig sein könnten. Eigentlich fehlte es ihr daran nicht, aber alle schienen andere Gefahren nach sich zu ziehen. Sie hatte vor der Hand die Thür verriegelt, durch welche Anzoleto kommen konnte.

Aber sie kannte diesen kalten, selbstsüchtigen Menschen nur halb, und da sie Proben gehabt hatte von seinem äußeren Muth, so wußte sie nicht, daß es ihm an dem moralischen Muthe, welcher zur Befriedigung der Leidenschaften dem Tode trotzt, durchaus gebrach. Sie dachte sich, er würde gewiß bis an die Thür kommen, würde darauf bestehen gehört zu werden, würde Geräusch machen, und sie wußte wohl, daß es nur eines Hauchs bedürfte, um Albert herbeizuziehen.

Neben ihrem Zimmer war ein Kabinet mit einer heimlichen Treppe, wie fast in allen Gemächern des Schlosses, aber diese Treppe führte in den untern Stock, dicht an das Zimmer des Stiftsfräuleins. Es war die einzige Zuflucht, welche sie gegen Anzoleto's unverschämte Keckheit nehmen konnte, und um sich öffnen zu lassen, hätte sie alles bekennen müssen, sogar schon zum Voraus, um nicht zu einem Skandal Anlaß zu geben, den die gute Wenceslawa in ihrem Schrecken leicht verlängern konnte.

Dann war noch der Garten, aber wenn Anzoleto, der das Schloß sorgfältig ausgekundschaftet zu haben schien, ebenfalls dorthin kam, so rannte sie recht eigentlich in ihr Verderben.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, sah sie aus dem Fenster ihres Kabinets, welches auf einen hinteren Hof ging, Licht bei den Ställen. Sie bemerkte einen Mann, welcher aus und einging ohne die anderen Diener zu wecken und welcher Anstalten zur Abreise zu treffen schien. An seiner Kleidung erkannte sie Anzoleto's Führer, der seiner Weisung gemäß die Pferde in Stand setzte. Sie sah auch Licht bei dem Hüter der Zugbrücke und schloß daraus mit Recht, daß dieser von dem Führer benachrichtigt war, daß zu einer noch unbestimmten Stunde der Nacht abgereist werden sollte.

Während Consuelo diese Beobachtungen machte und sich tausend Muthmaßungen und Entwürfen hingab, faßte sie plötzlich einen seltsamen und höchst verwegenen Entschluß. Allein da dieser ihr einen Mittelweg zeigte zwischen den beiden äußersten, die sie fürchtete, und ihr zugleich die Aussicht auf eine neue Wendung ihres Schicksals eröffnete, so schien er ihr eine wahre Eingebung des Himmels. Sie hatte nicht Zeit, die Mittel der Aufführung und die Folgen reiflich zu bedenken; die ersteren schienen sich ihr durch eine besondere Fügung darzubieten, die anderen, meinte sie, würden sich ja abwenden lassen.

Sie setzte sich nieder und schrieb das folgende, wie man denken kann in großer Hast, denn die Schloßuhr hatte so eben Eilf geschlagen.

»Albert! Ich bin gezwungen abzureisen. Ich habe Sie von ganzem Herzen lieb, das wissen Sie. Aber es giebt in meinem Wesen Widersprüche, innere Qualen, widerstrebende Gefühle, die ich weder Ihnen noch mir selbst erklären kann. Wenn ich Sie in diesem Augenblicke sähe, so würde ich Ihnen sagen, daß ich mich Ihnen anvertraue, daß ich Ihnen die Sorge für meine Zukunft übergebe, daß ich einwillige, Ihre Frau zu werden. Ich würde Ihnen vielleicht sagen, daß es mein Wunsch ist. Und dennoch würde ich Sie betrügen, oder ich würde ein leichtsinniges Gelübde ablegen, denn mein Herz ist von seiner alten Liebe noch nicht genug gereinigt, um Ihnen von Stund an ohne Scheu anzugehören und um Ihre Liebe ohne Vorwurf zu verdienen.

Ich fliehe, ich gehe nach Wien, um dort den Porpora zu finden oder zu erwarten, denn höchstens in einigen Tagen muß er ankommen, wie Sie aus seinem Brief an Ihren Vater wissen. Ich schwöre Ihnen, daß ich bei ihm die Kraft suchen will, meine Vergangenheit zu vergessen und zu hassen, und die Hoffnung einer Zukunft, deren Eckstein Sie mir sind.

Folgen Sie mir nicht, ich verbiete es Ihnen, Namens dieser Zukunft, welche Ihre Ungeduld gefährden, vielleicht zerstören würde. Erwarten Sie mich, und halten Sie Ihr Versprechen, nicht ohne mich in ... zurückzukehren. Sie verstehen mich. Zählen Sie auf mich, ich fordere es von Ihnen, denn ich scheide in der frommen Hoffnung, bald wieder zu kommen oder Sie zu rufen. In diesem Augenblick bin ich wie von einem schrecklichen Traum gefangen. Ich glaube, wenn ich mit mir allein sein werde, so werde ich Ihrer werth erwachen.

Ich will nicht, daß mein Bruder mir folge. Ich werde ihn hintergehen, ihn auf einen dem meinigen entgegengesetzten Weg weisen. Bei allem was Ihnen das liebste auf der Welt ist, arbeiten Sie meinem Plane nicht entgegen und glauben Sie, daß ich aufrichtig bin. Daran will ich erkennen, ob Sie mich wahrhaft lieben, und ob ich ohne Erröthen meine Armuth Ihrem Reichthum, meine Dunkelheit Ihrem Range, meine Unwissenheit Ihrer Geistesbildung opfern kann.

Leben Sie wohl! Doch nein – auf Wiedersehen, Albert! Um Ihnen zu beweisen, daß ich nicht unwiderruflich scheide, trage ich Ihnen auf, Ihre würdige und theure Tante unserer Verbindung günstig zu stimmen und mir die Gewogenheit Ihres Vaters, des besten, ehrwürdigsten der Menschen zu erhalten. Sagen Sie ihm über diese Sache die volle Wahrheit. Von Wien aus werde ich Ihnen schreiben.«

Die Hoffnung, einen so von Liebe glühenden Mann wie Albert durch einen solchen Brief zu überzeugen und zu beruhigen, war ohne Zweifel kühn, aber nicht unvernünftig. Consuelo fühlte, daß ihr im Schreiben die Stärke ihres Willens und die Geradheit ihres Characters wiederkehrte. Alles was sie schrieb, dachte sie wirklich. Alles was sie ankündigte, war sie im Begriffe zu thun. Sie glaubte an Albert's durchdringenden Blick, fast an das zweite Gesicht, das Amalie ihm beigelegt hatte; sie hätte nicht hoffen dürfen, ihn zu täuschen; sie war gewiß, daß er an sie glauben, und, wie nun sein Character war, ihr pünktlich gehorchen würde. Sie beurtheilte in diesem Augenblick die Dinge und Albert selbst von seiner Höhe.

Nachdem sie ihren Brief geschlossen hatte, ohne ihn zu versiegeln, warf sie ihren Reisemantel über, hüllte ihren Kopf in einen sehr dichten schwarzen Schleier, zog starke Schuhe an, steckte das wenige Geld ein, welches sie besaß, machte ein kleines Packet Wäsche und schlich auf den Zehen mit unglaublicher Vorsicht hinunter. Sie ging durch das untere Geschoß, erreichte das Zimmer des alten Grafen, schlüpfte in dessen Kapelle, die er, wie sie wußte, jeden Morgen um sechs Uhr besuchte. Sie ließ ihren Brief auf dem Kissen zurück, auf welchem er sein Gebetbuch abzulegen pflegte, ehe er niederkniete. Hierauf gelangte sie auf den Hof, ohne Jemanden zu erwecken, und ging gerades Weges zu den Ställen.

Der Führer, der sich allein mitten in der Nacht in einem weitläufigen Schlosse, wo alle Welt eisenfest schlief, nicht gar sicher fühlte, fürchtete sich im ersten Augenblick vor dieser schwarzen Frau, welche wie ein Gespenst auf ihn zukam. Er wich bis an die Wand seines Stalles zurück, und getraute sich nicht zu schreien noch sie anzureden: das wollte Consuelo eben. Sobald sie sich außer dem Bereiche der Blicke und der Stimme sah (sie wußte übrigens, daß man weder aus Albert's noch aus Anzoleto's Fenstern in den Hof sehen konnte), sagte sie zu dem Führer:

– Ich bin die Schwester des jungen Mannes, den du heut morgen hergebracht hast. Er entführt mich. Wir haben das eben jetzt abgeredet. Lege geschwind einen Frauensattel auf sein Pferds es sind hier mehrere vorhanden. Begleite mich nach Tauß ohne ein Wort zu reden, ohne einen einzigen Schritt zu thun, der den Bewohnern des Schlosses mein Entweichen verrathen könnte. Du erhältst doppelten Lohn. Nun, du thust erstaunt? Vorwärts, spute dich! Sobald wir die Stadt erreicht haben, sollst du mit den Pferden umkehren und meinen Bruder abholen.

Der Führer schüttelte den Kopf.

– Ich zahle dreifach.

Der Führer nickte bejahend.

– Und sollst mit ihm im gestreckten Laufe nach Tauß nachkommen, wo ich euch erwarten werde.

Der Führer schüttelte wieder.

– Du erhältst für den zweiten Ritt viermal so viel als für den ersten.

Der Führer gehorchte. In einem Augenblicke war das Pferd, welches Consuelo reiten sollte, weiblich gesattelt.

– Und nun, sagte Consuelo, indem sie sich in den Sattel schwang, noch ehe das Pferd völlig aufgezäumt war, gieb mir deinen Hut und wirf mir deinen Mantel über den meinigen. Nur auf einen Augenblick.

– Ich verstehe, sagte der andere, um den Thorwärter zu täuschen; das ist eine Kleinigkeit. O, es ist nicht das erstemal, daß ich eine junge Dame entführe. Ihr Liebhaber, denke ich, wird brav bezahlen, wiewohl Sie seine Schwester sind, setzte er mit pfiffiger Miene hinzu.

– Du wirst vor der Hand von mir brav bezahlt werden. Schweig! Bist du fertig?

– Ich sitze.

– Reite voran und laß die Brücke niederziehen.

Sie ritten im Schritt hinüber, machten einen Umweg, um nicht unter den Mauern des Schlosses vorüber zu kommen, und erreichten in einer Viertelstunde den breiten Kiesweg. Consuelo hatte nie in ihrem Leben zu Pferde gesessen. Zum Glück war dieses, obgleich ein kräftiges Thier, von guter Gemüthsart. Sein Herr schnalzte mit der Zunge und, es setzte sich in einen frischen, anhaltenden Galopp, welcher die Amazone durch Busch und Heide in zwei Stunden an das Ziel trug.

Consuelo hielt den Zügel an und sprang am Eingange der Stadt zur Erde.

– Ich will hier nicht gesehen sein, sagte sie zu dem Führer, indem sie ihm den für sie und Anzoleto bedungenen Preis einhändigte. Ich gehe zu Fuße durch die Stadt und will bei Leuten, die ich kenne, einen Wagen miethen, der mich auf die Prager Straße bringen soll. Ich werde schnell fahren, um noch vor Tage aus der Gegend zu kommen, wo mich die Leute kennen. Später werde ich dann halten lassen und meinen Bruder erwarten.

– Aber wo?

– Ich kann es nicht bestimmt sagen. Bestelle ihm nur, daß er mich auf einer Poststation finden wird. Bis zehn Meilen von hier braucht er sich nicht zu erkundigen. Weiterhin soll er nur nach Madame Wolf fragen, weil mir gerade dieser Name einfällt, vergiß ihn nicht. Es giebt nur die eine Straße nach Prag?

– Bis nach N. ja.

– Gut! In der Vorstadt laß die Pferde verschnaufen. Hüte dich, daß man den Frauensattel nicht bemerke, du kannst den Mantel darüber werfen, antworte auf keine Frage, und mache wieder fort. Warte! noch ein Wort. Sage meinem Bruder, er soll ohne Besinnen, ohne Zögern aufbrechen, und sich vor Niemanden sehen lassen. Er ist in Lebensgefahr auf dem Schlosse.

– Gott behüte Sie, hübsche, junge Dame! sagte der Führer, der unterdessen Zeit gehabt hatte, das erhaltene Geld durch die Finger laufen zu lassen. Wenn meine armen Pferde zusammenbrächen, so freue ich mich doch, Ihnen gedient zu haben. Es thut mir nur leid, sagte er bei sich, als sie in der Dunkelheit verschwunden war, daß ich auch nicht die Nasenspitze von ihr gesehen habe; ich möchte doch wissen, ob sie hübsch genug ist, um sich entführen zu lassen. Sie hat mir zuerst Furcht gemacht mit ihrem schwarzen Schleier und ihrem dreisten Gang, sie hatten mir auch in der Küche so viel vorgeschwatzt, daß ich nicht wußte wo mir der Kopf stand. Ist das abergläubisches, dummes Volk mit seinen Gespenstern und dem schwarzen Manne vom Schreckenstein! Pah! Ich bin wohl hundertmal vorbeigekommen und habe ihn nie gesehen. Ich habe mich aber auch immer gehörig in Acht genommen, den Kopf zur Erde, und die Augen nach der Schlucht hin, wenn ich am Fuße des Berges vorbeikam.

Unter dergleichen sinnreichen Betrachtungen hatte der Führer in einer benachbarten Ausspannung seinen Thieren Hafer aufgeschüttet und sich selbst mit einem tüchtigen Schluck bedacht, um sich munter zumachen. Als er fertig war, machte er sich wieder auf den Weg nach Riesenburg, ohne sich gerade sehr zu sputen, was auch Consuelo gehofft und voraus gesehen hatte, als sie ihm die größte Eile anempfahl. Je weiter er sich von ihr entfernte, desto mehr vertiefte sich der gute Bursch in Vermuthungen über das Romanenstückchen, welches er in Gang gebracht hatte. Umnebelt von den Dünsten der Nacht und vielleicht auch ein wenig benebelt von der Güte die er sich gethan hatte, stellte er sich das Abentheuer immer wunderbarer vor.

– Das wäre ein Spaß, dachte er, wenn diese schwarze Frau ein Mann und dieser Mann der Geist des Schlosses, der schwarze Spuk vom Schreckenstein gewesen wäre. Sie sagen, er spielt den Reisenden Nachts allerhand Schabernak und der alte Hans hat mir zugeschworen, daß er ihn mehr als zehnmal gesehen habe, wann er vor Tage den Pferden des alten Freiherrn zu fressen, gab.

Alle Teufel, das wäre kein Spaß! Mit solchen Kreaturen macht man sich nicht gemein ohne ein Unglück zu erleben. Wenn mein Falbe heut Nacht den Leibhaftigen getragen hat, so krepirt mir der Racker gewiß. Weiß der Teufel, ich glaube, er pustet schon Feuer aus den Nüstern. Hol's der Henker, wenn mir die Bestie nur nicht durchgeht.

Sackerlot! ich bin doch neugierig, wenn ich wieder aufs Schloß komme, ob ich nicht statt Geld Kohlen in der Ficke habe. Und wenn ich dann hörte, I, die Signora Porporina schläft sanft in ihrem Bette, anstatt nach Prag zu kutschieren, Kuckuck! wer war's dann, den ich oder der Teufel holte? Soviel ist gewiß, sie machte einen Galopp wie der Wind, und war fort, als sie mich verließ, als ob sie die Erde verschlungen hätte.

8.

Anzoleto hatte nicht unterlassen, um Mitternacht aufzustehen, sein Stilett einzustecken, sich zu parfümiren und sein Licht auszulöschen. Als er aber die Thür ohne Geräusch öffnen wollte (er hatte sich schon überzeugt, daß das Schloß sehr leicht und leise ging), fand er zu seiner Verwunderung, daß der Schlüssel sich nicht umdrehen ließ. Er brach sich die Finger entzwei, und arbeitete sich müde an dem Schloß, selbst auf Gefahr Jemanden zu wecken, indem er die Thür zu stark erschütterte. Alles umsonst. Sein Zimmer hatte keinen anderen Ausgang; das Fenster ging auf den Garten hinaus und war funfzig Fuß hoch, nirgend ein Stützpunkt, unmöglich hinunter zu gelangen; der bloße Gedanke daran machte schwindeln.

– Das ist kein Werk des Zufalls, sagte sich Anzoleto nachdem er noch einmal versucht hatte, die Thür zum Weichen zu bringen. Habe es nun Consuelo gethan (es wäre ein gutes Zeichen, ihre Furcht verbürgte mir ihre Schwäche) oder Graf Albert, sie sollen es mir beide zugleich bezahlen.

Es blieb ihm nichts übrig, als sich wieder nieder zu legen. Der Verdruß ließ ihn nicht schlafen, und vielleicht auch noch ein anderes Unbehagen, das an Furcht grenzte. Wenn von Albert diese Vorsichtsmaßregel ausging, so war dieser der einzige im Hause der sich durch seine Bruderschaft nicht hatte täuschen lassen. Consuelo hatte wirklich ängstlich geschienen, als sie ihn vor dem furchtbaren Manne warnte.

Anzoleto suchte sich damit zu trösten, daß der junge Graf, wenn er doch verrückt wäre, vielleicht einen Gedanken nicht so fest halten, oder daß er als ein vornehmer Herr den Vorurtheilen der Zeit zufolge sich in keinen Ehrenhandel mit einem Schauspieler einlassen würde, aber diese Vermuthungen beruhigten ihn keineswegs. Albert hatte ihm sehr gesammelt und Herr seiner selbst geschienen, und seine Vorurtheile konnten doch nicht gar zu fest gewurzelt sein, da sie ihm erlaubten, eine Schauspielerin heiraten zu wollen.

Anzoleto begann daher ernstlich zu fürchten, daß er nicht ohne Händel mit ihm zu seinem Ziele gelangen würde und daß er sich ein böses Spiel gemacht haben möchte. Er schämte sich mehr eines solchen Ausganges als daß er ihn gefürchtet hätte. Er hatte den Degen führen gelernt und schmeichelte sich, jedem Manne von Stande die Spitze zu bieten. Aber er fühlte sich bei dem allen nicht ruhig und konnte nicht einschlafen.

Gegen fünf Uhr glaubte er Schritte auf dem Gange zu hören und bald darauf öffnete sich seine Thür ohne Geräusch und ohne Schwierigkeit. Es war noch nicht sehr hell, und als er einen Mann ohne Umstände in sein Zimmer treten sah, dachte er, daß die Stunde der Entscheidung nun gekommen wäre. Er sprang wie ein Stier empor und warf sich auf sein Stilett. Aber sogleich erkannte er bei dem schwachen Lichte der Morgendämmerung seinen Guiden, der ihm winkte, leise zu sprechen und kein Geräusch zu machen.

– Was machst du für Grimassen? was willst du hier, Tölpel? sagte Anzoleto ärgerlich. Wie bist du hereingekommen?

– Hä! wie sonst als durch die Thür, mein guter Herr!

– Die Thür war verschlossen.

– Aber Sie hatten den Schlüssel außen gelassen.

– Unmöglich, er liegt hier auf dem Tische.

– Schöne Geschichte! so wird ein zweiter da sein.

– Und wer hat mir denn den Streich gespielt, mich hier einzuschließen? Gestern Abend war nur Ein Schlüssel da. Bist du es gewesen, als du meinen Mantelsack holtest?

– Ich kann Ihnen zuschwören, daß ich es nicht gewesen bin, und ich habe gar keinen Schlüssel gesehen.

– Nun, so ist es der Teufel gewesen. Aber was willst du mit deiner ängstlichen und geheimnißvollen Miene? Ich habe dich nicht rufen lassen.

– Sie lassen mir nicht Zeit zu reden. Im Uebrigen sehen Sie, daß ich da bin und wissen ohne Zweifel was ich will. Die Signora ist ohne Gefahr in Tauß angelangt, und ich bin ihrem Befehle gemäß mit meinen Pferden da, um Sie nachzuholen.

Anzoleto bedurfte einiger Augenblicke um zu begreifen was es gab, aber er fand sich schnell genug in die Sache, um seinen Führer, dessen abergläubische Besorgnisse übrigens mit den Schatten der Nacht verschwunden waren, nicht wieder auf den Gedanken zu bringen, daß ihm der Teufel einen Streich gespielt habe. Der Schelm hatte unverzüglich Consuelo's Geld untersucht und auf dem Steinpflaster des Stalles klingen lassen und er war mit seinem höllischen Handel zufrieden. Anzoleto verstand mit halbem Worte; und dachte sich, die Entflohene wäre auch ihrerseits so bewacht gewesen, daß sie ihn von ihrem Entschlusse nicht hätte benachrichtigen können; bedroht, vielleicht aufs Aeußerste getrieben von ihrem eifersüchtigen Geliebten hätte sie vermuthlich einen günstigen Augenblick ergriffen, um alle seine Anstrengungen zu Schanden und sich aus dem Staube zu machen.

– Wie dem nun sei, sagte er zu sich, da ist nichts zu besinnen. Die Weisungen, die sie mir durch diesen Mann geben läßt, welcher sie auf die Prager Straße gebracht hat, sind deutlich und bestimmt. Victoria! komm ich doch noch aus dem verwünschten Neste und zu ihr, ohne Stöße zu wechseln.

Er bewaffnete sich aufs Beste, und während er sich eilig in Stand setzte, schickte er seinen Guiden hinunter, um zu spüren, ob der Weg rein wäre. Dieser kam mit der Nachricht zurück, daß Alles noch fest zu schlafen schiene außer dem Thorwächter der ihm geöffnet hatte, und Anzoleto schlich hinunter, saß auf und traf auf dem Hofe nur einen Stallknecht, den er näher rief, um ihm ein Trinkgeld zu geben, denn seine Abreise sollte nicht einer Flucht gleich sehen.

– Beim heiligen Wenzel! sagte der Knecht zu dem Guiden, das ist eine kuriose Sache! die Pferde kommen mit Schweiß bedeckt aus dem Stalle, als ob sie die ganze Nacht gelaufen wären.

– Euer schwarzer Teufel hat sie gewiß über Nacht gewartet, sagte der andere.

– Donnerwetter! versetzte der Stallknecht, ich habe auch ein gräuliches Spektakeln von dem Stalle her gehört. Ich habe mir nicht getraut nachzusehen, aber ich hörte das Gitter gehen und die Brücke fallen, so deutlich wie ich Euch derweilen sehe; so deutlich, sage ich Euch, daß ich mir gedachte, Ihr wäret fort und mir's nicht versehen hab', Euch heut Morgen noch zu finden.

Bei der Zugbrücke hatte der Hüter nun wieder seine Betrachtungen.

– Ist denn der Herr doppelt? fragte er, indem er sich die Augen ausrieb. Hab' ihn doch gegen Mitternacht abreiten sehen, und da sehe ich ihn nun wieder abreiten.

– Ihr habt wohl geträumt, mein guter Mann, sagte Anzoleto, indem er ihm ein Trinkgeld gab. Ich wäre doch nicht abgereist, ohne Euch auf meine Gesundheit eins trinken zu lassen.

– Der Herr sein zu gütig, sagte der Portier, der auch ein wenig das Italienische radebrechen konnte. 's ist nit anders, sagte er dann zu dem Führer, gesehen hab ich Zweie die Nacht.

– Nimm dich nur in Acht, daß du morgen Nacht nicht Viere siehst, antwortete der Führer und sprengte sein Pferd an, um Anzoleto zu folgen. Der Schwarze macht sich schon mit so einer Schlafmütze, wie du bist, ein Plaisir.

Anzoleto kam nach Tauß. Er entließ seinen Führer, nahm Postpferde, fuhr zehn Meilen weit ohne zu fragen, und hielt dann an, ließ sich ein Frühstück geben (denn er konnte nicht mehr), und erkundigte sich nach einer Madame Wolf die im Wagen angekommen sein müßte. Niemand konnte ihm Auskunft geben und aus guten Gründen.

Es gab zwar eine Madame Wolf im Orte, aber sie war seit funfzig Jahren daselbst ansäßig und hatte einen Kramladen. Anzoleto, abgemüdet und entkräftet, dachte, Consuelo habe nicht für gut befunden, sich hier aufzuhalten. Er verlangte einen Miethswagen, es war keiner zu haben. Er mußte wieder ein Pferd nehmen und, mochte er wollen oder nicht, auf Teufel hol reiten. Es schien ihm unmöglich, daß er nicht jeden Augenblick den ersehnten Wagen einholen sollte, in den er steigen und sich für die ausgestandene Angst und Mühsal entschädigen könnte. Aber er traf nur wenige Reisende und in keinem Wagen Consuelo.

Da er endlich nicht mehr aus der Stelle konnte, und nirgend ein Lohnfuhrwerk fand, entschloß er sich, mit tödtlicher Ungeduld, in einem Marktflecken an der Straße zu verweilen und Consuelo's Ankunft zu erwarten, denn er glaubte sie überholt zu haben. Er hatte Muße, den ganzen Tag und die folgende Nacht, die Weiber, die Wirthshäuser, die Eifersüchtigen und die Landstraßen zu verfluchen. Am nächsten Tage fand er eine Landkutsche und setzte seine Reise nach Prag mit nicht größerem Glücke fort.

Lassen wir ihn in wahrer Wuth und peinlicher Ungeduld, die mit Hoffnung wechselt, gegen Norden reisen, und kehren wir einen Augenblick nach dem Schlosse zurück, um zu sehen, wie auf dessen Bewohner Consuelo's Flucht gewirkt hatte.

Man kann denken, daß Graf Albert nicht mehr als die beiden andern Helden dieses unerwarteten Abentheuers geschlafen hatte. Nachdem er sich einen zweiten Schlüssel zu Anzoleto's Schlafzimmer verschafft, hatte er es von außen verschlossen und sich dann wegen einer Ungebühr des Gastes weiter keine Sorge gemacht, da er wohl wußte, daß, wenn es nicht Consuelo selbst thäte, Niemand ihn herauslassen würde. In Bezug auf diese einzige Möglichkeit, welche Albert nur mit Schaudern denken konnte, war er so überaus zart, keine voreilige Entdeckung machen zu wollen.

– Wenn ihre Liebe zu ihm so weit geht, dachte er, so habe ich nicht mehr zu kämpfen; erfülle sich mein Geschick! ich werde es zeitig genug erfahren, denn sie ist aufrichtig, und sie wird morgen den Antrag, welchen ich ihr heut gemacht habe, offen zurückweisen. Wenn sie von diesem gefährlichen Menschen nur verfolgt und bedroht ist, so ist sie wenigstens diese Nacht vor seinen Verfolgungen sicher.

Nun aber werde ich mich nicht von der Stelle rühren, was für leises Geräusch ich auch höre; ich will mich nicht gehässig machen, ich will der Armen nicht die Marter der Scham anthun, indem ich ungerufen vor ihr erscheine. Nein! ich mag nicht die Rolle eines elenden Spions, eines argwöhnischen Eifersüchtigen spielen, da ihre Unschlüssigkeit mir bisher kein Recht auf sie gegeben hat. Ich weiß nur Eines, und das ist für meine Ehre beruhigend, für meine Liebe freilich ängstigend, dies, daß sie mich nicht betrügen wird.

Seele deren, die ich liebe, Seele die du zugleich im Busen des vollkommensten Weibes und im Herzen des allgütigen Gottes wohnst, o, wenn du jetzt das geheimnißvolle Dunkel der Menschengedanken durchschauen und in mir lesen kannst, so wird dir die innere Stimme sagen, daß ich dich zu sehr liebe, um dir nicht aufs Wort zu glauben.

Der muthige Albert hielt gewissenhaft das Versprechen welches er sich selbst abgelegt hatte, und obgleich er Consuelo's Schritte im Augenblicke ihrer Flucht in dem Stockwerk unter dem seinigen, und noch ein anderes unerklärliches Geräusch vom Fallgatter her zu vernehmen glaubte, bezwang er seine Angst, betete und hielt sein klopfendes Herz in der Brust mit den gefalteten Händen fest.

Als der Tag graute, hörte er auf Anzoleto's Seite gehen und Thüren öffnen.

– Der Niederträchtige verläßt sie ohne Scham und ohne Vorsicht, sagte er sich, es scheint, er will seinen Sieg an die große Glocke hängen. Ha! das Uebel, das er mir zufügt, wäre ja nichts, wenn eine andere Seele, kostbarer und theurer als die meine, nicht durch seine Liebe befleckt würde.

Zu der Zeit, wo Graf Christian aufzustehn gewohnt war, begab sich Albert zu ihm, nicht in der Absicht, um ihm zu entdecken was vorging, sondern um ihn zu bitten, daß er Consuelo zu einer neuen Erklärung veranlassen möge. Er war überzeugt, daß sie nicht lügen würde. Er dachte sich, daß sie selbst diese Erklärung wünschen müsse, und setzte sich vor, ihr über ihre Verwirrung hinweg zu helfen, ihr die Scham sogar abzunehmen und eine Ergebung zu heucheln, welche ihr die Bitterkeit des Abschieds versüßen könnte. Albert fragte sich nicht, was nachher aus ihm werden sollte. Er fühlte, daß entweder seine Vernunft oder sein Leben einem solchen Schlage erliegen würde und er fürchtete keinen Schmerz der über seine Kräfte ginge.

Er fand seinen Vater im Begriff in die Kapelle zu treten. Der Brief auf dem Kissen fiel beiden zugleich in die Augen. Sie griffen danach und lasen ihn gemeinschaftlich. Der Greis war davon zu Boden geschlagen, denn er glaubte, sein Sohn würde das Ereigniß nicht überstehen, aber Albert, der auf ein großes Unglück gefaßt war, blieb ruhig, ergeben und fest in seinem Vertrauen.

– Sie ist rein, sagte er, sie will mich lieben. Sie fühlt, daß meine Liebe wahr, daß meine Treue unwandelbar ist. Gott wird sie beschützen und aus der Gefahr erretten. Nehmen wir das Versprechen an, mein Vater und lassen Sie uns ruhig sein. Fürchten Sie meinetwegen nichts, ich werde stärker sein als mein Schmerz und ich werde die Unruhe bezwingen, wenn sie sich meiner bemächtigen will.

– Mein Sohn, sagte der Greis gerührt, wir stehn hier vor dem Bilde des Gottes deiner Väter. Du hast einen andern Glauben umfaßt, und du weißt, ich habe dir nie deswegen einen bittern Vorwurf gemacht, obgleich es meinem Herzen schmerzlich genug war. Ich bin im Begriff mich niederzuwerfen vor dem Bilde dieses Gottes, bei dem ich dir in der Nacht welche dieser letzten voranging versprochen hatte, alles zu thun was von mir abhinge, daß deine Liebe erhört und durch ein ehrliches Bündniß geheiligt würde. Ich habe mein Versprechen gehalten und ich erneuere es dir. Ich will abermals beten, daß der Allmächtige deine Wünsche erhöre, und die meinigen werden meiner Bitte nicht widerstreiten.

Willst du dich nicht in dieser feierlichen Stunde, welche vielleicht im Himmel dein Loos auf Erden entscheidet, mit mir vereinigen? O du, mein edles Kind, dem der Ewige alle Tugenden aufgespart hat, trotz der Prüfungen, denen er deinen frühesten Glauben unterwarf, du, den ich als Kind neben mir auf dem Grabe deiner Mutter knien und wie einen Engel aus dem Himmel zu dem Herrn, Herrn, an dem du damals noch nicht zweifeltest, beten sah, wirst du es mir heut abschlagen, deine Stimme mit mir zu ihm zu erheben, damit die meinige nicht unerhört bleibe?

– Mein Vater! antwortete Albert, den Greis in seine Arme schließend, wenn unser Glaube in der Form und in den Dogmen abweicht, so bleiben unsere Seelen doch immer einig über eine ewige, göttliche Grundlage. Sie, Vater, dienen einem Gotte der Weisheit und der Güte, einem höchstvollkommenen, allwissenden, gerechten Geiste, den auch ich anzubeten niemals aufgehört habe.

O göttlicher, ans Kreuz geschlagener Heiland, rief er neben seinem Vater vor dem Jesusbilde niederknieend, du, den die Menschen als das Wort anbeten, den ich als die reinste Offenbarung der allgemeinen Liebe unter den Menschen verehre, höre mein Gebet, du, dessen Gedanke ewig in Gott lebt und in uns, segne die guten Absichten und den gerechten Willen, bedaure die Verkehrtheit welche siegt, und schenke Muth der Unschuld welche unterliegt! Ergehe es mit meinem Geschick nach Gottes Willen. Aber deine Einwirkung, du menschlicher Gott, lenke und stärke die Herzen, welche keine Kraft und keinen Trost haben als in deiner Erscheinung und in deinem Vorbild auf Erden.

9.

Anzoleto setzte erfolglos seinen Weg gen Prag fort; denn Consuelo hatte gleich nachdem sie seinem Führer die trüglichen Weisungen gegeben, welche ihr zum Gelingen ihres Unternehmens unerläßlich schienen, einen Weg zur Linken eingeschlagen, der ihr bekannt war, weil sie zweimal die Baronesse Amalie nach einem bei Tauß gelegenen Schlosse begleitet hatte. Dieses Schloß war der äußerste Punkt, zu welchem sie die seltenen Ausflüge geführt hatten, die sie während ihres Aufenthalts auf Riesenburg zu machen Gelegenheit fand. Die Gegend in welcher es lag und die Wege welche sie dort kennen gelernt hatte, waren ihr sogleich eingefallen, als sie den kühnen Plan zu ihrer Flucht entwarf. Sie erinnerte sich, daß die Besitzerin des Schlosses sie eines Tages auf die Terrasse geführt und ihr die weite Aussicht zeigend, gesagt hatte:

– Der schöne bepflanzte Weg, den Sie dort unten sehen, und welcher sich in der Ferne verliert, führt auf die Chaussee, die südwärts geht und uns nach Wien bringt.

Consuelo war gewiß, mit dieser Andeutung und der lebhaften Erinnerung welche sie von der Richtung des Weges hatte, sich nicht zu verirren und bald auf die Landstraße zu gelangen, auf welcher sie hergefahren. Sie erreichte das Schloß Biela, ging an den Höfen und dem Park hin, fand, ungeachtet der Dunkelheit, ohne viel Mühe den bepflanzten Weg, und es war ihr gelungen, ehe es völlig Tag ward, eine Strecke von ungefähr drei Wegstunden zwischen sich und dem Punkte, von welchem sie entfernt sein wollte, im Fluge zurückzulassen.

Jung, kräftig und von Kindheit auf an Märsche gewöhnt, außerdem von einem starken Willen getragen, sah sie die Sonne aufgehn und fühlte sich noch nicht sehr ermüdet. Der Himmel war heiter, der Weg trocken und mit einem Sande bedeckt, auf dem es sich gut ging. Der Galopp des Pferdes, an den sie nicht gewöhnt war, hatte sie ein wenig gliederlahm gemacht, aber es ist bekannt, daß Gehen in solchem Falle die beste Ruhe ist, und daß kräftige Naturen sich von Anstrengung durch andere Anstrengung erholen.

Als aber die Sterne immer mehr verblaßten und die Dämmerung immer lichter wurde, fing sie an sich so allein zu fürchten. Sie hatte sich in der Dunkelheit ganz ruhig gefühlt. Beständig auf ihrer Hut hatte sie geglaubt sich im Falle einer Verfolgung, sicher verstecken zu können, ehe man sie bemerken würde, aber da sie nun bei Tage über weite offene Strecken gehen mußte, wagte sie nicht mehr auf dem betretenen Wege zu bleiben; um so weniger, als sie bald in der Ferne Gruppen von Leuten sah, welche sich wie schwarze Punkte auf dem weißen Striche ausbreiteten, welchen der Weg durch die noch dunkel gefärbten Felder hinzog.

Da sie noch so nahe bei Riesenburg war, konnte sie von dem ersten besten Vorübergehenden erkannt werden, und sie wählte einen Fußsteig, welcher ihr den Weg zu verkürzen schien, indem er den Bogen welchen die Straße um einen Hügel beschrieb, in grader Linie abschnitt. So ging sie fast eine Stunde fort, ohne einem Menschen zu begegnen, und erreichte eine mit Gebüsch besetzte Strecke, wo sie hoffen konnte, sich den Blicken leichter zu entziehen.

– Wenn ich auf diese Weise, dachte sie, einen Vorsprung von acht oder zehn Stunden gewinnen könnte, ohne entdeckt zu werden, so würde ich dann unbesorgt auf der großen Straße fortgehen, und bei erster günstiger Gelegenheit Wagen und Pferde miethen.

Dieser Gedanke erinnerte sie, ihre Börse zu untersuchen, um zu sehen, ob nach ihrer freigebigen Bezahlung des Führers, der sie von Riesenburg nach Tauß geschafft hatte, noch genug für ihre lange, schwierige Reise übrig wäre. Sie hatte sich vorher nicht Zeit genommen, zu rechnen; aber wenn sie alle Ueberlegungen angestellt hätte, welche die Klugheit forderte, würde sie dann überhaupt eine so abentheuerliche Flucht unternommen haben?

Wie groß war nun ihr Erstaunen und ihre Bestürzung, da sie ihre Börse weit leichter fand, als sie vermuthen konnte. Sie hatte in der Eile, wie es schien, höchstens nur die Hälfte der kleinen Summe, welche sie besaß, zu sich gesteckt, oder sie hatte in der Dunkelheit dem Führer Gold für Silber gegeben; oder endlich sie hatte, als sie bezahlte, einen Theil ihrer Baarschaft auf den Sand der Straße fallen lassen. Es war nur noch so viel, daß sie nach wiederholtem Zählen und Ueberschlagen einsah, ohne sich über die Zulänglichkeit ihrer Mittel täuschen zu können, daß sie den Weg nach Wien zu Fuße würde machen müssen.

Diese Entdeckung entmuthigte sie ein wenig, nicht der Anstrengung wegen, welche sie nicht scheute, sondern wegen der Gefahren, denen ein junges Frauenzimmer auf einer so langen Fußreise unvermeidlich ausgesetzt ist. Die Angst, welche sie bis dahin unterdrückt hatte, indem sie sich überredete, daß sie sich doch bald in einem Wagen vor den Abentheuern der Landstraße sicher stellen würde, fing nun an lauter zu sprechen als sie es sich in der Hitze ihrer Entwürfe zum Voraus gedacht hatte, und als ob sie zum erstenmale in ihrem Leben mit Schrecken ihre Armuth und Hülflosigkeit fühlte, fing sie an rasch zu gehen und suchte die dunkelsten Gebüsche auf, um im Nothfalle Zuflucht darin zu finden.

Um ihre Unruhe vollkommen zu machen, mußte sie bald gewahren, daß sie nicht mehr auf ausgetretenen Pfaden ging, sondern in einen Wald gerathen war, der immer dichter und wüster wurde. Wenn diese traurige Einsamkeit sie einerseits zuversichtlich machte, ließ doch andrerseits die Ungewißheit über ihre Richtung sie besorgen, daß sie im Zirkel gehen und sich unvermerkt Riesenburg wieder nähern könnte. Anzoleto war vielleicht noch dort. Ein Argwohn, ein Zufall, ein Rachegedanke gegen Albert konnte ihn zurückgehalten haben.

Und war nicht übrigens Albert selbst im ersten Augenblicke der Bestürzung, der Verzweiflung zu fürchten? Consuelo wußte wohl, daß er sich ihrem Beschlusse unterwerfen würde; allein wenn sie sich in den Umgebungen des Schlosses zeigte, wenn dem jungen Grafen hinterbracht würde, sie wäre wieder da, erreichbar dem Versuche, sie nach Riesenburg zurückzuführen, würde er nicht herbeieilen, um sie mit Bitten und Thränen zu besiegen? Sollte dieser edle Jüngling und seine Familie, ja sein eigener Stolz dem Skandal und der Lächerlichkeit eines Versuches ausgesetzt werden, welcher scheitern mußte so wie er unternommen war?

Und wie leicht konnte dann Anzoleto nach einigen Tagen wiederkommen und die unauflöslichen Verwirrungen und die Gefahren einer Lage, welche sie durch einen kühnen und hochherzigen Entschluß durchschnitten hatte, von neuem in das Haus werfen.

Es galt daher, lieber alles zu ertragen und sich allem auszusetzen, als nach Riesenburg zurückzukehren.

Fest entschlossen die Richtung nach Wien mit Aufmerksamkeit zu suchen und um jeden Preis zu verfolgen, machte sie an einem stillen, verborgenen Plätzchen Halt, wo zwischen Felsen von alten Bäumen beschattet eine kleine Quelle sprudelte. In der Umgebung derselben bemerkte man leichte Spuren von den Füßen kleiner Thiere. Waren es die Heerden der Nachbarschaft oder die Thiere des Waldes, welche um zu trinken bisweilen diese versteckte Quelle besuchten?

Consuelo trat näher, und auf die feuchten Steine niederkniend, täuschte sie ihren Hunger welcher sich zu regen anfing, indem sie von diesem kalten, klaren Wasser trank. Dann fing sie, in ihrer knienden Stellung verharrend, wieder zu überlegen an.

– Ich bin ein ganz thörichtes und eiteles Mädchen, sagte sie sich, wenn ich nicht durchführen kann, was ich mir vorgesetzt habe. Wie? Soll man sagen, daß die Tochter meiner Mutter sich in einem bequemen Leben so verweichlicht habe, daß sie der Sonne, dem Hunger, der Anstrengung, den Gefahren nicht mehr Trotz bieten kann? Ich habe im Schoße dieses Wohlseins, das mich drückte und dem ich immer zu entkommen wünschte, so schön von Armuth und von Freiheit geträumt. Und nun bin ich ängstlich bei dem ersten Schritte, den ich dazu thue? Ist es nicht das Gewerb, für welches ich geboren bin, umherzulaufen, zu ertragen und zu wagen? Was hat sich denn in mir verändert, seit ich mit meiner armen Mutter vor Tage und oft nüchtern auf die Wandrung ausging, und wir uns an den Brünnlein unter Weges Kraft tranken?

O wahrhaftig, eine schöne Zingarella, die zu nichts gut ist, als auf dem Theater zu singen, auf Daunen zu schlafen und in Kutschen zu fahren! Was für Gefahren fürchtete ich, wenn ich mit meiner Mutter umherzog? Sagte sie nicht zu mir, wann wir Leuten begegneten die gefährlich aussahen: Fürcht' dich nicht; wer nichts hat, braucht nichts zu fürchten und die Entblößten thun sich unter einander kein Böses? Sie war damals noch jung und schön! Sah ich denn je, daß ihr Leides geschah von denen die des Weges kamen? Die schlechtesten Menschen verschonen wehrlose Geschöpfe. Und wie thun denn so viele arme Bettelkinder, die auf der Straße leben und nur Gott zum Schutze haben?

Soll ich denn wie jene Dämchen sein, die keinen Schritt hinaus thun können, ohne zu denken, daß die ganze Schöpfung, von ihren Reizen berauscht, sich aufmachen werde, um sie zu verfolgen? Ist es denn gesagt, daß man sich erniedrigt, wenn man allein geht und die Füße auf dem lieben Erdboden hat, daß man ehrlos ist, wenn man sich nicht mit Wächtern umringen kann? Meine Mutter hatte Kräfte wie ein Mann und würde sich wie ein Löwe vertheidigt haben. Kann ich denn nicht muthig und stark sein, die ich doch nur gutes gemeines Blut in den Adern habe? Und kann man sich nicht wenigstens immer das Leben nehmen, wenn man in Gefahr ist, mehr als das Leben zu verlieren?

Außerdem reise ich ja in einem ruhigen Lande, wo die Leute gutmüthig und menschenfreundlich sind. Und wenn ich in unbekannte Striche komme, so müßte es doch sehr unglücklich zugehen, wenn ich nicht in der Stunde der Gefahr einer ehrlichen und großmüthigen Seele begegnete, deren der liebe Gott überall hat, um den Schwachen und Bedrängten zu helfen.

Muth denn und vorwärts! Für jetzt hab' ich's nur mit dem Hunger zu thun. Ich will erst gegen Abend irgendwo einsprechen, um Brot zu kaufen, wann es dunkel wird und ich recht weit, recht weit bin. Hunger ist mir doch nichts Neues und ich will schon noch mit ihm fertig werden, trotz der ewigen Schmausereien, an die sie mich auf Riesenburg gewöhnen wollten.

Ein Tag ist bald hin. Wann es heiß wird und meine Beine müde werden, so will ich mir das weise Sprichwort zu Nutze machen, das ich als Kind gelernt habe: »Ein gut Schlafen ist so gut wie ein gut Essen.« Ich werde mich in irgend einem Felsloch verstecken, und will dir schon zeigen, mein armes Mütterchen, das du über mich wachst und unsichtbar mit mir reisest, daß ich noch ohne Ruhebett und Polster Siesta halten kann.

So mit sich selber plaudernd vergaß das arme Kind ein wenig seine Herzensangst. In dem Gefühle, daß sie einen großen Sieg über sich davongetragen hatte, erschien ihr Anzoleto nicht so furchtbar mehr. Ja es däuchte ihr, als ob sie seit dem Augenblicke, daß sie seinen Verführungsplan vereitelt hatte, ihr Herz erleichtert und von seiner verderblichen Liebe gereinigt fühlte. Sie fand sogar in der Mühsal, welche die Aufführung ihres romanhaften Unternehmens ihr auflegte, eine Art wehmüthigen Behagens, und mußte unwillkürlich immer wieder vor sich hin sagen:

– Ja, mein Leib leidet, aber es rettet meine Seele. Der Vogel der sich nicht vertheidigen kann, hat Flügel, um zu fliehen, und wenn er sich in der freien Luft schaukelt, so verlacht er fröhlich Fallen und Schlingen.

Sie dachte an Albert, sein Schreck, sein Schmerz traten ihr vor die Seele; aber sie bekämpfte mit aller Macht die Rührung, welche sie bei diesem Gedanken ergriff. Sie hatte sich vorgenommen, sein Bild zu verbannen, so lange sie sich nicht sicher fühlte vor baldiger Reue und eine Uebereilung ihrer Zärtlichkeit fürchtete.

– Lieber Albert, große Seele! sagte sie, ich kann nicht anders als tief seufzen, wenn ich mir dein Leiden denke. Aber erst in Wien will ich mich sammeln, um es zu theilen und zu beweinen. In Wien will ich meinem Herzen Freiheit lassen mir zu sagen, wie es dich verehrt und um dich klagt.

Nun, vorwärts! ermunterte sie sich und versuchte aufzustehn. Zwei, dreimal versuchte sie es, diese wilde, anmuthige Quelle zu verlassen, deren sanftes Gemurmel sie zu einer Verlängerung ihrer Ruhe einzuladen schien. Der Schlaf, welchen sie bis zur Mittagszeit hinausschieben wollte, drückte schwer auf ihre Augenlider, und der Hunger, dem sie nicht mehr so leicht widerstehen konnte, als sie es sich einbildete, verursachte ihr eine unüberwindliche Mattigkeit. Sie suchte sich dies vergebens auszureden. Sie hatte den Tag vorher fast nichts gegessen, vor großer Aufregung und Angst hatte sie nicht daran denken können.

Ein Schleier sank auf ihre Augen, ein kalter, unerquicklicher Schweiß bedeckte ihren ganzen Körper. Ohne es zu wollen gab sie der Müdigkeit nach, und mitten in dem Entschlusse, endlich auszustehen und weiterzugehen, streckten sich ihre Glieder auf dem Grase aus, ihr Kopf sank auf ihr kleines Bündel und sie war tief eingeschlafen. Die Sonne stieg roth und heiß, wie oft in den kurzen Sommern Böhmens am Himmel empor. Die Quelle rieselte über das Gestein, als ob sie mit ihrem Gemurmel die Wandrerin in Schlaf wiegen wollte. Und über ihrem Haupte flatterten die Vögel und sangen ihr geschwätziges Lied.

10.

Fast drei Stunden hatte die Schläferin so gelegen, als ein anderes Geräusch als das der Quelle und der zwitschernden Vögel sie aus ihrer Schlafsucht weckte. Sie öffnete die Augen, ohne daß sie schon aufstehn konnte oder wußte, wo sie war, und sah zwei Schritte von ihr entfernt einen Menschen, welcher sich zu dem Gestein niederbückte und, wie sie selbst zuvor gethan, an der Quelle trank, indem er ohne Umstände seinen Mund dem rinnenden Wasser darhielt. Consuelo's erstes Gefühl war Schreck, aber der zweite Blick auf den neuen Gast ihres einsamen Plätzchens beruhigte sie vollkommen. Denn, sei es nun daß er die Reisende während ihres Schlafes schon mit Muße betrachtet hatte, oder daß ihm ein solches Begegnen nicht auffiel, genug, er sah sich kaum nach ihr um. Ueberdies war es eher ein Kind als ein Mann; er schien höchstens funfzehn oder sechzehn Jahr alt, war sehr klein, mager, überaus gelb und sonnverbrannt, und sein Gesicht, das weder schön noch häßlich war, verrieth in diesem Augenblicke nichts als unbefangene Sorglosigkeit.

Mit einer unwillkürlichen Bewegung deckte Consuelo ihren Schleier über ihr Gesicht und regte sich dann nicht weiter, indem sie dachte, wenn der Reisende sich nicht mehr um sie kümmerte, als er zu thun geneigt schien, so wäre es besser, sich schlafend zu stellen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, ausgefragt zu werden. Durch ihren Schleier aber beobachtete sie jede Bewegung des Unbekannten und wartete, daß er seinen Reisesack und Stock, die auf dem Grase lagen, wieder aufnehmen und seinen Weg fortsetzen sollte.

Aber sie sah bald, daß er entschlossen war, hier Rast zu machen und sogar zu frühstücken; denn er öffnete seine Pilgertasche und zog ein großes Stück Schwarzbrot hervor, wovon er mit vielem Eifer abschnitt und mit vollen Backen aß, nicht ohne von Zeit zu Zeit einen ziemlich schüchternen Blick auf seine Nachbarin zu werfen, und sehr beflissen, bei dem Oeffnen und Einlegen seines Schnappmessers kein Geräusch zu machen, um, wie es schien, sie nicht unversehens aufzuschrecken. Dieses Zeichen von freundlicher Rücksicht flößte Consuelo vollkommenes Vertrauen ein, und der Anblick des Brotes, welches ihr Nachbar mit so gutem Appetite aß, machte ihren Heißhunger wieder ganz rege.

Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Knabe, seinem abgenutzten Rocke und seinen bestäubten Schuhen nach, ein armer landesfremder Wanderer wäre, glaubte sie in ihm eine unerwartete Hülfe zu sehen, welche die Vorsehung ihr zuschickte, und welche sie sich zu Nutze machen müßte. Sein Stück Brot war ungeheuer groß, und er konnte ihr ein wenig mittheilen, ohne seinem Hunger etwas abzubrechen.

Sie erhob sich also, rieb sich zum Scheine die Augen, als ob sie eben erst erwacht wäre und sah den jungen Burschen mit Festigkeit an, um ihm Achtung einzuflößen für den Fall, daß er etwa Lust hätte, von seinem bisherigen rücksichtsvollen Betragen zu weichen.

Diese Vorsicht war unnöthig. Als der junge Gesell die Schläferin aufrecht sitzen sah, wurde er ein wenig verwirrt, schlug die Augen nieder, blickte verstohlen ein Paar mal wieder auf, und endlich durch Consuelo's Miene ermuthigt, welche unwiderstehlich sanft und freundlich blieb trotz aller Mühe, welche sie sich gab, strenge auszusehen, redete er sie mit einer so süßen, wohlklingenden Stimme an, daß die junge Musikantin auf der Stelle zu seinen Gunsten eingenommen war.

– Nun, Mamsell, sagte er lächelnd, sind Sie endlich aufgewacht? Sie schliefen hier so süß, daß ich Lust bekommen hab', es ebenso zu machen, aber ich hab' gefürchtet, daß es unhöflich wäre.

– Wenn Sie ebenso dienstfertig als höflich sind, antwortete Consuelo, indem sie einen mütterlichen Ton annahm, so können Sie mir einen kleinen Gefallen thun.

– Alles was Sie wollen, sagte der junge Reisende, dem der Ton von Consuelo's Stimme ebenso sehr zu Herzen ging. Was schaffen's?

– Sie sollen mir ein wenig von Ihrem Frühstück ablassen, entgegnete Consuelo, wenn Sie sich dadurch nicht selbst berauben.

– Ablassen? rief der junge Bursch ganz erstaunt und erröthend. O, wenn ich wirklich Frühstück hätt', so ließ ich Ihnen doch nichts ab; ich bin kein Gastwirth, aber geben will ich Ihnen so viel ich hab'.

– Gut, ich nehme es an, unter der Bedingung, daß Sie auch von mir etwas annehmen, um ein besseres Frühstück zu kaufen.

– Nichts da! nichts da! rief er. Sie machen sich wohl über mich lustig? Sind Sie zu stolz, um ein armseliges Stückel Brot von mir anzunehmen? Leider, Sie sehen doch, ich hab' Ihnen nichts weiter anzubieten.

– Nun wohl, geben Sie, sagte Consuelo und streckte die Hand aus; bei Ihrem guten Herzen würde ich mich schämen stolz zu sein.

– Da, da, schöne Mamsell! rief der junge Mensch ganz vergnügt. Nehmen Sie das Brot und das Messer und schneiden Sie selbst ab. Aber machen Sie nur ja keine Umstände. Ich bin kein großer Esser, und es ist genug da für den ganzen Tag.

– Aber werden Sie heut auch leicht anderes bekommen können?

– Ach, Brot ist überall zu haben. Essen Sie, wenn Sie mir eine Freud' machen wollen.

Consuelo ließ sich nicht länger bitten, und da sie fühlte, daß es die brüderliche Gesinnung ihres Amphitryo Ich habe das Wort beibehalten, obwohl es uns nicht geläufig ist wie den Franzosen, bei dem Namen des alten Königs von Mycenä an den höflichen und freigebigen Wirth zu denken. – D. U. schlecht vergelten hieße, wenn sie nicht in seiner Gesellschaft äße, so setzte sie sich nahe zu ihm und verzehrte ihr Stück Brot, gegen welches ihr die leckerhaftesten Speisen, welche sie je an Tafeln der Reichen genossen hatte, fad und unschmackhaft dünkten.

– Was Sie guten Appetit haben! sagte der junge Mensch, es ist ein Plaisir, Ihnen zuzusehen. Nein! wie gefreut es mich, daß wir uns begegnet sind, ich bin ganz vergnügt darüber. Nehmen Sie noch! wir wollen es nur ganz aufessen; wir werden schon noch ein Haus an der Straße finden, so öde auch die Gegend aussieht.

– Sie kennen sie also nicht? fragte Consuelo mit gleichgültiger Miene.

– Nein! ich komme zum ersten Male in meinem Leben hier durch, obgleich ich schon von Wien nach Pilsen gegangen bin, von wo ich nun wieder hinunter gehe.

– Hinunter? wohin? nach Wien?

– Ja, nach Wien! Wollen Sie auch dahin?

Consuelo wußte nicht recht, ob sie sich den Reisegefährten sollte gefallen lassen, oder ob es besser wäre, ihn zu vermeiden; sie that daher, als ob sie seine Frage überhörte, und antwortete nicht sogleich.

– O verzeihn's, was ich red', fing der junge Mensch wieder an. Eine solche schöne Mamsell wird doch nicht ganz allein nach Wien gehen. Indessen sind Sie doch unter Weges, denn Sie haben ein Bündel so gut wie ich, und zu Fuße sind Sie auch.

Consuelo, die seinen Fragen durchaus so lange ausweichen wollte, bis sie sähe, in wie weit sie sich ihm anvertrauen könnte, wählte den Ausweg, Frage durch Frage zu beantworten.

– Sind Sie aus Pilsen? fragte sie ihn.

– Nein! antwortete er, da er seinerseits keine Neigung und keine Ursach zum Mißtrauen hatte, ich bin aus Rohrau in Ungarn; mein Vater ist dort Wagner seines Gewerbs.

– Und Sie reisen so weit weg? Sie haben also wohl nicht Ihres Vaters Handwerk ergriffen?

– Ja und nein! Mein Vater ist ein Wagner, das bin ich nicht; aber er ist daneben Musikant, und das möchte ich auch werden.

– Musikant? Bravo! Ein schönes Gewerb.

– 's ist vielleicht auch Ihres?

– Sie wollten aber doch nicht in Pilsen die Musik studiren? Das soll ja nur ein Soldatenort sein.

– Nein, ich hatte nur eine Commission dorthin, und nun gehe ich wieder nach Wien zurück, um da mein Brot zu verdienen und zugleich meine Studien in der Musik fortzusetzen.

– Was haben Sie »sich erwählt? Die Vokalmusik oder ein Instrument?

– Bis jetzt beides. Ich habe eine leidliche Stimme, und, sehen Sie da! ein Violinerl, worauf ich mich kann hören lassen. Aber mein Ehrgeiz ist groß, und ich möcht' halt mehr als das.

– Componist werden, wie?

– Mein ja! Ich habe nichts im Kopf als das verwünschte Componiren. Ich will Ihnen noch eine gute Reisegesellschaft weisen, die ich bei mir hab'; 's ist ein Buch, das ich entzwei geschnitten hab', um immer ein Stück davon in die Taschen stecken zu können, und wenn ich nicht mehr Lust hab' zu gehen, setz' ich mich und lese ein Bissel drin; dabei ruhe ich aus.

– Das ist eine gute Idee. Ich wette, Ihr Buch ist der Gradus ad parnassum von Fuchs.

– Halt freilich! Ei, ich merke, daß Sie was von der Sach' verstehen, und nun weiß ich schon, Sie sind auch vom Handwerk. Erst, als Sie schliefen, sah ich Sie an, und dachte bei mir: 's ist ein Gesicht, was nicht deutsch aussieht, 's ist ein südländisches Gesicht, vielleicht aus Italien, und was noch mehr ist, recht ein Künstlergesicht. Es freute mich auch sehr, daß Sie Brot von mir gewollt haben. Und nun bemerke ich, o Gott, daß Sie einen ausländischen Accent haben, obschon Sie ganz gut deutsch sprechen.

– Sie könnten sich doch irren. Sie sehen auch nicht wie ein Deutscher aus, Ihre Farbe ist italienisch, und doch ...

– O, ich küss' die Hand, Mamsell! Meine Farb' ist afrikanisch, und die Chorbuben vom Stephan nennen mich auch nicht anders als wie den Mohren. Aber um wieder auf das zu kommen, was ich hab' sagen wollen, als ich Sie da ganz allein mitten im Busch hab' liegen und schlafen sehn, ist mir's ein Bissel närrisch gewesen. Und ich hab' mir dann so meine Gedanken gemacht. Vielleicht, hab' ich gedacht, ist's mein guter Stern, der mich hergeführt hat, um mich eine gute Seele antreffen zu lassen, die mir helfen kann. Kurz  ... soll ich es sagen?

– Ohne Furcht!

– Nun, als ich Sie so gesehen hab', zu gut gekleidet und zu weiß von Farbe, um eine arme Landstreicherin zu sein, und doch mit einem Bündel, so hab' ich gedacht, Sie gehörten halt zu einer andern fremden Dame ... einer Künstlerin, ach! und einer großen, sehen Sie, die ich gern sprechen möcht', die mir mit ihrer Protection viel Gefall'n und Nutzen stiften könnt'. Nun, Mamsell, sagen Sie mir die Wahrheit! Sind Sie nicht von einem Schlosse hier herum, und haben oder hatten eine Besorgung in der Gegend? Und Sie kennen gewiß, ja ganz gewiß Riesenburg.

– Riesenburg? Wollen Sie nach Riesenburg?

– Ich möcht' just gerne hin; hab' mich aber halt so verlaufen in diesem Blitzbusch, obschon sie mir in Klattau den Weg gut beschrieben haben, daß ich nicht weiß, wie ich wieder herauskommen soll. 's ist nun ein Glück, daß Sie Riesenburg kennen, und Sie müssen schon so gut sein und mir sagen, ob ich noch weit dahin hab'.

– Was wollen Sie denn in Riesenburg?

– Ich will zu der Porporina.

– In der That?

Consuelo fürchtete, sich vor einem Reisenden zu verrathen, der von ihr auf Riesenburg leicht sprechen könnte, und sich schnell fassend fragte sie mit scheinbarer Gleichgültigkeit:

– Wer ist diese Porporina wenn's beliebt?

– Das wissen Sie nicht? O, ich merk schon, daß Sie ganz fremd hier zu Lande sind. Aber da Sie doch Tonkünstlerin sind und den Fuchs kennen, so kennen Sie gewiß auch den Porpora?

– Nun, und Sie! Sie kennen ihn?

– Hat sich wohl! Drum eben möcht' ich ihn kennen lernen, und drum möcht' ich mir eben die Protection seiner berühmten Schülerin, die er sehr lieb hat, der Signora Porporina verschaffen.

– Erzählen Sie mir doch, wie Sie auf diesen Gedanken gekommen sind. Ich hätte vielleicht Lust, mit Ihnen dieses Schloß und die Porporina aufzusuchen.

– Ich will Ihnen meine ganze Geschicht' erzählen. Ich bin, wie ich Ihnen gesagt hab', der Sohn eines ehrlichen Wagners, und in einem Dorfe an der ungarischen und österreichischen Grenze geboren. Mein Vater hat einmal in Frankfurt am Main ein Bissel auf der Harfen klimpern gelernt, und meine Mutter hat eine schöne Stimme. Da begleitet sie nun mein Vater Abends, wenn er nichts mehr zu thun hat, auf der Harfen. So hab' ich ganz von selbst die Musik lieb gewonnen, und ich erinnere mich noch, daß ich als kleines Kind mir die Freude gemacht hab', mit einem Stückchen Holz auf meinem Arm zu spielen, als ob ich eine Geige hätt', wo ich mir dann eingebildet hab', daß es köstliche Töne gäbe. Ja, und ich möcht' mir halt noch jetzt einbilden, daß meine Hölzer nicht stumm gewesen sind, sondern daß eine himmlische Stimme ganz lieblich vor meinen Ohren klang, die kein Anderer hörte.

Ein Vetter von uns, ein gewisser Franck, der in Haimburg Schulrector war, besuchte uns einmal und sah mich einmal meine eingebildete Violine streichen; es machte ihm Spaß, daß ich dabei den Takt so gut hielt und so verzückt that. Das ist ein Zeichen von guter Anlage, hat er gesagt, ›der Bub soll noch ein geistlicher Herr werden!‹ und mich mit nach Haimburg genommen. Da hab' ich lesen und schreiben gelernt, den Catechismus, allerlei Instrumente, Streich- und Blaseinstrumente, und die Pauke, auch die Anfangsgründe des Singens und etwas lateinische Sprache. Ich muß es diesem Manne danken, daß er mich zu so vielerlei angehalten hat, wenn ich gleich dabei mehr Prügel als zu essen bekommen hab'.

Ich war ungefähr acht Jahre alt, als einmal der Hofkapellmeister Reutter von Wien, der auch die Musik in der Stephanskirche dirigirt, den Dechanten in Haimburg besuchte. Er beklagte sich, daß ihm seine älteren Chorknaben unbrauchbar würden, und der Dechant brachte mich ihm in Vorschlag. Ich sang ein Paar Stücke, die er mir vorlegte, a prima vista, und weil ich keinen Triller konnte, so sagte er mir, wie ich's machen müßte, was mir auch nach einigen Versuchen gelang. So gefiel ich ihm und er nahm mich mit nach Wien.

Wir hatten im Kapellhaus der Stephanskirche blos zwei Arbeitsstunden des Tages; übrigens waren wir uns selbst überlassen und konnten herumlauneln. Aber meine Liebe zur Musik ließ mir keine Ruhe und ich bin nicht so faul geworden und hab' keine solche dummen Streich' wie die andern Jungen gemacht. Wenn ich mit den Kindern auf dem Platze spielte und hörte plötzlich die Orgel, so schlich ich mich von ihnen weg und ging in die Kirchen, um den Gesang und die prächtige Musik anzuhören. Abends auf der Straßen blieb ich stehen, wenn man unter einem Fenster abgerissene Töne von einem Concert oder auch nur von einer schönen Stimme hörte; ich hatte eine unbezwingliche Lust, alles was mein Ohr berührte, zu kennen und zu verstehen. Besonders wollte ich gern selbst componiren. Es wurde aber im Kapellhause kein Unterricht in der Theorie gegeben. Dennoch versuchte ich mich, als ich so ein dreizehn Jahr alt war, ob ich gleich noch nichts von der Setzkunst verstand, an acht- und sechzehnstimmigen Sachen. Ich dachte, es sei schon recht und gut, wenn nur das Papier hübsch voll war. Aber zeigte ich meinem Lehrer Reutter meine Partituren, so lachte er mich aus und sagte, ich sollt' erst zweistimmig schreiben lernen, ehe ich was sechzehnstimmiges machte.

Das war bald gesagt. Ich hatte kein Geld, um mir einen Lehrer zu halten, und meine Eltern waren zu arm, um mir so viel zu schicken, daß ich davon leben und zugleich Stunden bezahlen konnte. Endlich einmal erhielt ich sechs Gulden von Hause, dafür kaufte ich mir das Buch, das ich da hab' und auch noch den Mattheson. Ich studirte fleißig darin und es machte mir närrische Freude. Meine Stimme bildete sich auch aus, und es hieß, daß sie die beste im ganzen Chor wäre. Während ich mir Mühe gab, mir alles klar zu machen, was ich nicht gleich verstand, merkte ich, daß ich nicht nur immer besser begriff, sondern daß mir auch eigene Gedanken kamen. Aber ich wurde auch immer älter, und zu meinem Schrecken rückte die Zeit heran, wo ich meines Alters wegen aus dem Chore treten mußte. Ich hatte keine Mittel, keine Protection, keinen Lehrer, und so war mir bange, es möchte mit diesen acht Jahren bei der Stephanskirche mein ganzes Lernen auf sein und ich würd' zu meinem Vater zu Haus gehen und Wagner werden müssen.

Zu meinem größten Kummer merkte ich, daß Meister Reutter mich nicht mehr recht gern hatte, sondern mich nur noch mit Härte behandelte und mich gern je eher je lieber heimgeschickt hätt'. Ich weiß nicht, was mich ihm halt zuwider gemacht hat, denn ich hab' ihm nichts gethan. Einige von meinen Kameraden plauschten, so leichtfertig wie sie halt schon sind, er wäre eifersüchtig auf mich, weil er in meinen Versuchen Zeichen von Genie fände, und er pflegte alle jungen Leute zu hassen und abzuschrecken, die ihn einmal ausstechen könnten. Ich bin nicht so eitel, daß ich mich entschließen könnt', die Sach' so zu nehmen; aber ich glaub', es war immer nicht gescheut,daß ich ihm meine Versuche gezeigt hab': er hat mich gewiß für einen vorschnellen, eiteln, ehrgeizigen Buben gehalten.

– Uebrigens, sagte Consuelo, den Erzähler unterbrechend, mögen die alten Lehrer solche Schüler nicht leiden, die schneller zu fassen scheinen, als sie selbst lehren. Aber sagen Sie mir doch, wie Sie heißen, mein Kind.

– Joseph heiß' ich.

– Und weiter?

– Joseph Haydn.

– Ich will mir den Namen merken, damit ich mir eines Tages, wenn etwas aus Ihnen werden sollte, sagen kann, was ich von der Abneigung Ihres Lehrers zu denken habe, und warum mir Ihre Geschichte so lebhafte Theilnahme einflößt. Aber ich bitte, erzählen Sie doch weiter.

Der junge Haydn fuhr fort, während Consuelo überrascht von der Aehnlichkeit ihres beiderseitigen Looses als arme Kinder und Künstler, die Gesichtszüge dieses Chorknaben aufmerksam betrachtete. Das magere und gelbsüchtige Gesicht war in der Lebhaftigkeit der Erzählung sehr ausdrucksvoll geworden. Die blauen Augen blitzten schalkisch und gutmüthig zugleich. Alles, sein Aeußeres, sein Benehmen, seine Rede zeigte keinen gewöhnlichen Geist an.

11.

– Was für Ursachen Meister Reutters Abneigung auch immer gehabt haben mag, er ließ sie mich bei einem sehr unbedeutenden Vergehen sehr hart fühlen. Ich hatte eine Scheere und nach Kinderart versuchte ich sie an allem, was mir unter die Hände kam. Einer meiner Kameraden drehte sich einmal um und wischte mir mit seinem langen Zopfe, auf den er sehr eitel war, immer die Noten aus, die ich auf meiner Schiefertafel schrieb; geschwind hatte ich einen Einfall: meine Scheere war, husch! heraus, und der schöne Zopf lag auf der Erde. Der alte Reutter hatte alle meine Bewegungen mit seinen Habichtsaugen verfolgt. Ehe noch mein armer Kamerad sein Unglück gemerkt hatte, ging es hart über mich her, ich hieß ein infamer Mensch und hatte ohne Weiteres meinen Abschied.

So kam ich im November vorigen Jahres aus der Schule, es war Abends sieben Uhr, und ich stand auf dem Platze ohne Geld und ohne Sachen, außer dem schlechten Zeuge, das ich auf dem Leib hatte. Einen Augenblick war ich in Verzweiflung. Ich stellte mir vor, weil ich so herb herunter gemacht und mit so viel Zorn und Aufsehen weggejagt war, daß ich ein ungeheures Verbrechen begangen hätt'. Ich fing über diesen Zopf und das Stückel Band, die unter meiner Scheere gefallen waren, jämmerlich zu weinen an. Mein Kamerad, dessen Haupt ich so um seine Zierde gebracht hatte, ging an mir vorüber und weinte ebenso bitterlich. Nie sind wegen eines Zopfes so viele Thränen vergossen und so viele Gewissensbisse gefühlt worden. Ich hatte große Lust, ihm um den Hals zu fallen, mich ihm zu Füßen zu werfen. Ich hatte nicht den Muth dazu und verbarg meine Schande im Dunkeln. Der arme Bub' weinte vielleicht ebenso sehr über mein Unglück als über seinen Verlust.

Ich brachte die Nacht auf der Straßen zu, und am andern Morgen, als ich eben mit Seufzen bedachte, daß ich Hunger und kein Frühstück hätte, kam der Friseur Keller auf mich zu. Er hatte eben den alten Reutter frisirt und dieser hatte, noch in voller Wuth auf mich, ihm die schreckliche Geschichte von dem abgeschnittenen Zopf erzählt. Als der lustige Keller die jämmerliche Figur sah, welche ich spielte, brach er in ein lautes Gelächter aus, und überhäufte mich mit Gespött.

– Ui! rief er schon von weitem, sobald er mich erblickte, du Ruin für die edle Perruckenmacherkunst, du Generalfeind des menschlichen Geschlechts, das sich vom göttlichen Haarwuchse nährt. Holla, mein gestrenger Herr Zopfabschneider, Herr Frisurenmörder, geh her, ich will dir deine ganze schöne, schwarze Perrucken abschneiden, um Haar zu allen Zöpferln zu haben, die du noch erwürgen wirst!

Ich war in Verzweiflung, ich wüthete, ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen, ich wollte davon laufen, denn ich hielt mich schon für die Zielscheibe des öffentlichen Hohns. Aber der gute Keller hielt mich fest.

– Na! wohin denn, armes Menschenkind? sagte er, mit sanfterem Tone. Was soll mit Euch werden ohne Brot, ohne Freund, ohne Rock und mit so einer Schandthat auf der Seele? Na! es dauert mich, zumal Eurer hübschen Stimme wegen, die ich in der Kirchen immer mit vielem Plaisir gehört hab'. Kommt's mit in meine Wohnung! Ich hab' halt nur eine einzige Stuben im fünften Stock für mich, mein Weib und meine Buben und Madeln. Aber wir haben jetzt gerade mehr als wir brauchen, denn das Dachstübel im sechsten, das ich immer vermiethe, steht jetzund leer. Könnts euch da bequem machen und könnt mit uns schnabliren, bis sich was zu thun für euch findt, vorausgesetzt, daß es nit so geschnappig seid und meiner Kunden Haar mit geziemendem Respect tractirt.

Ich ging mit meinem edeln Keller, meinem Retter, meinem Vater.

Außer Kost und Wohnung hatte er noch die Güte, so arm er war, mir etwas Geld vorzustrecken, damit ich meine Studien fortsetzen könnte. Ich miethete ein altes, wurmstichiges Klavier, und quartierte mich damit und mit meinem Fuchs und meinem Matteson in mein Dachstübel ein, wo es halt freilich im Winter kalt war und Regen und Schnee manchmal hereinkam. Aber wenn ich an meinem alten zerfressenen Klavier saß, beneidete ich keinen König um sein Glück.

Von diesem Augenblick an, kann ich sagen, hat mich die Vorsehung behütet. Die sechs ersten Sonaten von Emanuel Bach sind diesen ganzen Winter meine Freud gewesen, und ich glaub', ich hab' sie fleißig studiert und verstanden. Zugleich hat der Himmel, um meine Ausdauer und meinen Eifer zu belohnen, mir das Glück gegeben, daß ich etwas verdien', wovon ich leben und meinem armen Wirth abzahlen kann, was er mir vorgestreckt hat. Ich spiel alle Sonntage in der Kirche der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt um jährlich 60 Gulden Violin und danach um zehn Uhr beim Grafen Haugwitz in seiner Kapellen Orgel.

Außerdem habe ich zwei Gönner gefunden. Der eine ist ein Abbate, der italienische Verse macht, die sehr schön sein sollen, und der bei Ihrer Majestät der Kaiserin Königin sehr gut angeschrieben ist. Er heißt Herr von Metastasio; und da er in demselben Haus mit Herr Keller und mir wohnt, so gebe ich einer jungen Person, die seine Nichte oder so was ist, Klavier- und Singstunde, und habe freie Kost dafür. Mein anderer Gönner ist der Herr Botschafter von Venedig.

– Herr Corner? fiel Consuelo mit Lebhaftigkeit ein.

– Ach, Sie kennen ihn! sagte Haydn. In dieses Haus hat mich der Herr von Metastasio eingeführt. Mein bißel Talent hat Beifall gefunden und Se. Excellenz haben mir versprochen, mir Stunden bei dem Meister Porpora zu verschaffen, welcher in diesem Augenblicke mit Madame Wilhelmine, der Gemahlin oder Maitresse Sr. Excellenz nach Mannersdorf ins Bad gereist ist.

Dieses Versprechen hat mich überglücklich gemacht. Schüler eines solchen Meister, des ersten Gesanglehrers der Welt! die Composition lernen, die reinen und richtigen Regeln der italienischen Schule! Ich war ganz selig, ich segnete mein Glück, ich sah mich schon im Geiste selbst als einen großen Meister. Aber ach! ungeachtet des guten Willens Sr. Excellenz hat sich die Sach' nicht so leicht ausführen lassen, als ich hab' gedacht, und wenn ich nicht eine mächtigere Fürsprach' bei dem Porpora find', so muß ich fürchten, daß ich ihn vielleicht nicht einmal je zu schauen krieg'.

Dieser berühmte Lehrer ist, wie es heißt, ein wunderlicher Mann, blitzherb und verdrießlich, und so viel Fleiß, Liebe und Aufopfrung er auf einige Schüler wendet, so eigensinnig und hart ist er gegen andere. Da muß der Reutter gar nichts gegen den Porpora sein, und ich zittere bei dem bloßen Gedanken vor ihn zu treten.

Indessen wenn er es schon dem Herrn Botschafter rund abgeschlagen hat, einen Schüler anzunehmen, weil er, wie er sagt, gar keine Schüler mehr bilden will, so weiß ich doch, daß der Herr Corner nicht ablassen wird, und ich habe noch immer einige Hoffnung. Ich bin entschlossen, mir alles von Meister Porpora gefallen zu lassen: mag er brummen, schelten, schimpfen, wenn ich nur dabei etwas von ihm profitir'.

– Das ist ein sehr heilsamer Entschluß, den Sie da gefaßt haben, sagte Consuelo. Was man Ihnen von dem barschen Wesen und dem mürrischen Aussehen des großen Meisters gesagt hat, ist nicht übertrieben. Aber Sie haben Recht, die Hoffnung nicht aufzugeben; denn mit Geduld, blinder Unterwerfung, und wirklichem Talent, das Sie, wie ich voraussetze, haben, werden Sie, wenn Sie nur bei seinem ersten Aufbrausen den Kopf oben behalten, und ihm Fassungskraft und Lernbegierde zeigen, nach den ersten drei oder vier Stunden an ihm den gütigsten und gewissenhaftesten Lehrer finden. Vielleicht wird dann Porpora sogar, wenn Ihr Herz, wie ich glaube, Ihrem Geiste entspricht, Ihnen ein zuverlässiger Freund, ein wahrer Vater und Wohlthäter werden.

– O, welche Freud' machen Sie mir. Ich sehe schon, Sie kennen ihn; Sie kennen gewiß auch seine berühmte Schülerin, die neue Gräfin von Rudolstadt ... die Porporina ...

– Aber wo haben Sie denn von dieser Porporina reden hören, und was wünschen Sie von ihr?

– Ich wünsch' einen Brief von ihr an den Porpora, und ihre persönliche Verwendung bei ihm, wenn sie nach Wien kommt; denn sie kommt doch gewiß nach ihrer Hochzeit mit dem reichen Herrn von Riesenburg hin.

– Woher wissen Sie denn, daß sie den Herrn von Riesenburg heiraten will?

– Ganz zufällig. Ich muß Ihnen sagen, daß mein Freund Keller vorigen Monat Nachricht von dem Tod eines seiner Verwandten in Pilsen erhielt, der ihm etwas hinterlassen hat. Keller hatte weder Zeit noch Geld, um die Reise zu machen, und wollte auch nicht, weil er dachte, die Erbschaft würde die Reisekosten und den Zeitverlust nicht werth sein. Ich hatte gerade etwas Geld eingenommen. Daher erbot ich mich, die Reise zu machen und die Angelegenheit für ihn in Ordnung zu bringen.

Ich bin daher in Pilsen gewesen und hab' während einer Wochen, die ich mich da aufhielt, zu meiner Freude das Geschäft glücklich beendigen können. Es ist freilich wenig, was er geerbt hat, aber für ihn ist doch auch das Wenige etwas werth, und ich bringe ihm den Besitztitel eines kleinen Grundstücks mit, das er nun verkaufen lassen oder nach Gutdünken sich zu Nutz machen kann.

Auf dem Rückwege von Pilsen kam ich gestern Abend an einen Ort, welcher Klattau heißt, und wo ich übernachtet hab'. Es ist da Jahrmarkt gewesen und das Wirthshaus voller Leute. Ich saß an einem Tische, an welchem auch ein dicker Herr saß, der zu Abend aß; sie nannten ihn Doctor Wetzelius; er war ein mörderlicher Esser und der größte Dalk den ich noch gesehen hab'.

– Wißt ihr das Neuste? sagte er zu seinen Nachbarn: der Graf Albert von Rudolstadt, der Narr, der Hauptnarr, ja der Wüthende kann man sagen, heiratet die Musiklehrerin seiner Cousine Amalie, eine hergelaufene Person, eine Bettlerin, die, wie es heißt, in Italien Comödiantin gewesen ist und sich von dem alten Musiklehrer Porpora hat entführen lassen, der sie aber satt gekriegt und sie nach Riesenburg geschickt hat, um da ihre Wochen zu halten. Man hat den Vorfall sehr geheim gehalten, und da man zuerst nicht gewußt hat, was die Krankheit und die Zuckungen der Mamsell, die man für sehr tugendhaft hielt, zu bedeuten gehabt, so hat man mich angeblich wegen eines hitzigen und bösartigen Fiebers rufen lassen. Ich hab' der Kranken aber kaum an den Puls gefühlt, als Graf Albert, der ohne Zweifel gewußt hat was es mit dieser Tugend auf sich hatte, mich hinaustrieb, indem er sich wie ein Wüthender auf mich warf und mich nicht wieder ins Zimmer ließ. Es ist alles ganz in der Stille abgegangen. Ich glaub', das alte Stiftsfräulein hat die Kindsfrau abgegeben, das arme Fräulein ist gewiß noch ihre Lebtage nicht auf einem solchen Tanz gewesen. Das Kind ist verschwunden. Aber das Merkwürdigste bei der Sach' ist, daß der junge Graf, der, wie ihr wißt, keine Zeit kennt und Monate für Jahre hält, sich eingebildet hat, der Vater dieses Kindes zu sein und sich darüber gegen seine Familie so eindringlich ausgesprochen hat, daß sie in diese saubere Heirat gewilligt haben, damit er nur nicht wieder einen Anfall kriegen sollt'.

– O, abscheulich! der Schändliche! rief Consuelo außer sich. Das ist ein wahres Gewebe von nichtswürdigen Verläumdungen und unsinnigen Scheußlichkeiten.

– Denken Sie nur nicht, daß ich ein Wort davon geglaubt hab', sagte Haydn; das Gesicht dieses alten Doctors sah eben so dalket als boshaft aus, und ehe ihn noch Jemand Lügen gestraft hat, hab' ich schon gewußt, daß er nichts als Lügen und Possen vorgebracht hat.

Er hatte aber kaum seine Geschichte beendet, als fünf oder sechs junge Männer, die um ihn herstanden, sich der Porporina annahmen. Sie lobten um die Wette ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Sittsamkeit, ihren Verstand und ihr unvergleichliches Talent. Alle sagten, daß sie die Leidenschaft des jungen Grafen für sie vollkommen begreiflich fänden, sie beneideten sein Glück und rühmten den alten Grafen deswegen, daß er in die Verbindung gewilligt hätte. Den Doctor Wetzelius nannten sie einen albernen Schwätzer und einen verrückten Kerl.

Da sie aber erzählten, wie große Stücke der alte Porpora auf diese Schülerin hielt', der ihr sogar seinen Namen beigelegt hätt', so hab' ich es mir in den Kopf gesetzt nach Riesenburg zu gehen, mich der zukünftigen, oder vielleicht schon der jetzigen Gräfin (denn die Hochzeit soll schon gewesen sein, des Hofes wegen aber noch verheimlicht werden) zu Füßen zu werfen und ihr meine Geschicht' zu erzählen, um sie zu bitten, daß sie mir den Unterricht ihres berühmten Lehrers verschaffe.

Consuelo blieb einige Augenblicke nachdenklich; Joseph's letzte Worte in Betreff des Hofes hatten Eindruck auf sie gemacht. Sie faßte sich aber bald wieder.

– Mein Kind! sagte sie zu ihm, gehen Sie nicht nach Riesenburg, Sie würden die Porporina nicht dort finden, Sie ist nicht mit dem Grafen von Rudolstadt verheiratet und nichts ist weniger gewiß als diese Heirat. Es ist davon allerdings die Rede gewesen und ich glaube, beide Theile waren wohl einer des andern werth, aber die Porporina hat ungeachtet ihrer unwandelbaren Freundschaft und ihrer unbegrenzten Hochachtung für den Grafen Albert, doch Anstand genommen, in einer so ernsten Sache einen schnellen Entschluß zu fassen.

Sie erwog einerseits den Schaden welchen sie dieser hohen Familie zufügen könnte, wenn sie ihr vielleicht die Ungunst und das Mißfallen der Kaiserin, oder Zurücksetzung von Seiten des übrigen Adels und übeln Leumund im ganzen Lande zuzöge, andrerseits das Unrecht welches sie sich selbst zufügen würde wenn sie auf die Ausübung der göttlichen Kunst verzichtete, die sie mit so viel Liebe studirt und muthig ergriffen hatte. Sie sah ein, daß beiderseits das Opfer groß wäre, und um nicht kopfüber hineinzustürzen, nahm sie sich vor den Porpora erst um Rath zu fragen, und dem jungen Grafen die Zeit zu lassen, sich selbst zu überzeugen, ob seine Leidenschaft auch der Abwesenheit Stand halten werde.

Sie ist daher unerwartet nach Wien aufgebrochen, zu Fuße, ohne Führer und fast ohne Geld, aber in der Hoffnung, dem welcher sie liebt zur Ruhe und Vernunft zu verhelfen und statt aller Reichthümer, welche ihr dargeboten wurden, nichts mit hinwegnehmend als ihr gutes Gewissen und ihren Künstlerstolz.

– Weiß Gott, eine Künstlerseele, eine wahre Künstlerseele! ein fester Character und ein edles Gemüth! rief Haydn, seine Reisegefährtin mit leuchtenden Augen ansehend. Und wenn ich mich nicht täusch', so ist sie es, mit der ich red', so ist sie es, der ich mich zu Füßen werf.

– Sie ist es, die Ihnen ihre Freundschaft und ihren Rath und Beistand für Ihr Unternehmen beim Porpora anbietet. Wir werden, wie ich sehe, unsere Reise mit einander machen, und wenn uns Gott behütet wie er uns bisher beide behütet hat, wie er alle behütet, die auf ihn vertrauen, so werden wir bald in Wien sein und bei demselben Lehrer Unterricht nehmen.

– Gott sei gelobt! rief Haydn, Freudenthränen vergießend und voll Begeisterung seine Arme gen Himmel hebend, ich hab' mir gleich gedacht, als ich Sie schlafend gesehen hab', daß etwas Ueberirdisches in Ihnen sein müßt', und daß mein Leben, meine Zukunft in Ihren Händen läg'.

Ende des fünften Theils.

Anmerkung des Uebersetzers
über Haydn's Jugendgeschichte.

Die Lebensumstände Haydn's, welche der Verfasser offenbar in der Absicht, dessen unverfälschte Geschichte zu geben, in den letzten Kapiteln dieses Theils ihm selbst in den Mund legt, sind vermuthlich aus Framery's Notice sur I. Haydn (Paris 1810) entnommen. Ich habe mir, da ich Griesinger's »Biographische Notizen« (Leipzig 1810) zur Hand hatte, welche weit zuverlässiger sind, einige leichte Aenderungen erlaubt.

Das Geschichtchen vom Zopf, welches fast von allen Biographen erzählt wird, habe ich nicht tilgen wollen, obgleich es vielleicht eben so apocryph ist, als wahrscheinlich die bekannte, ebenfalls in Paris aufgetauchte Sage von dem »Ochsenmenuett«. Nach dem Berichte Griesingers, der mit dem alten Haydn lange befreundet war und ihn oft seine Jugendschicksale erzählen hörte, hat Haydn seine Entlassung aus dem Kapellhause nur deshalb erhalten »weil seine Stimme gebrochen war«. Von Reutters Eifersucht und Groll gegen den talentvollen Chorknaben weiß Griesinger nichts; er erzählt vielmehr, daß Reutter ihn ermunterte, die Motetten, die er in der Kirche singen mußte, selbstständig zu variiren und eigene Ideen zu finden, die ihm Reutter dann verbesserte. Auch Giuseppe Carpani, der seine Briefe über Haydn ( Le Haydine. Mailand 1812), nicht minder auf langjährige Bekanntschaft mit Haydn gestützt, noch bei dessen Lebzeiten zu schreiben anfing, erwähnt nichts von einer Feindseligkeit Reutters, den er nur den guten und braven Reutter nennt. Es ist richtig, daß Haydn von dem Friseur Keller unterstützt wurde, aber davon, daß er in dessen Hause gewohnt habe, weiß wenigstens Griesinger wiederum nichts. Keller wohnte auf der Landstraße; Haydn dagegen in demselben Hause mit Metastasio Nr. 1220 am Michaelerplatze. Er bezog daselbst, erzählt Griesinger, ein armseliges Dachstübchen ohne Ofen, worin er kaum gegen den Regen geschützt war. Unbekannt mit den Annehmlichkeiten des Lebens war seine ganze Zeit zwischen Lectiongeben, dem Studium seiner Kunst und praktischer Musik getheilt. Er spielte bei Nachtmusiken und in Orchestern ums Geld mit, und übte sich fleißig in der Composition. Anfangs erhielt er für seine Stunden monatlich zwei Gulden, nach und nach stieg der Preis bis auf fünf, und er konnte schon ein erträglicheres Quartier beziehen.

Während er aus der Seilerstadt wohnte, wurden ihm seine wenigen Habseligkeiten gestohlen. Er schrieb seinen Eltern, sie möchten ihm etwas Leinewand zu Hemden schicken; auch kam in der That der Vater selbst nach Wien, und brachte seinem Söhnlein ein ganzes Siebzehnkreuzerstück und dazu die gute Lehre: »Fürchte Gott und liebe deinen Nächsten.« Haydn pflegte seinen Freunden in spätern Jahren gern dergleichen Geschichten aus seiner Jugend zu erzählen.

Eine arglose Schalkheit, sagt Griesinger, war ein Hauptzug in Haydns Charakter; er entdeckte leicht und vorzugsweise die komische Seite eines Gegenstandes und wer auch nur eine Stunde mit ihm zubrachte, mußte bemerken, daß der Geist der österreichischen Nationalheiterkeit in ihm athme. Auch sprach er stark im österreichischen Dialecte. Ich habe mir erlaubt, die ihm eigene Mundart in meiner Uebersetzung leise durchklingen zu lassen, so viel eben, meinem Gefühle nach, die Haltung des ganzen Werkes gestattete: wem dies nicht gefällt, der möge es verzeihen.

Von seinem Humor kann ich mich nicht enthalten eine kleine Probe anzuführen, die ich aus Carpani's schon angeführtem Schriftchen entnehme. Er neckte gern solche Personen, welche sich mit einem tiefen Kunstverstande brüsteten, ohne ihn zu besitzen, und, wenn sie ihm Besuch abstatteten, ihn mit Lobsprüchen ohne viel Sinn ermüdeten. Wissen Sie, sagte er einmal, wie ich den Effekt in meiner Schöpfung bei den Worten: es werde Licht! der so Ihren Beifall erweckt hat, herausgefunden habe? Nun, hören Sie nur! Ich dachte mir erst die große Finsterniß und drückte sie mit dem tiefen Unisono des Chores malerisch aus, zuletzt aber, wissen Sie, machen die beiden Violinen ein Gefutschel im Pizzicato. Nun rathen Sie, was dieses Gefutschel bedeutet? Ich dachte mir den lieben Gott, der sein Feuerzeug herausholt, in eine Hand den Stein, in die andere den Stahl nimmt und Tik, Tak Licht macht. Da blitzt's, der Zunder fängt und die Flamme schlägt auf. Das ist der große C-Dur-Accord, den alle Instrumente, so laut und hell sie können, herausschreien.

Haydn's Aeußeres beschreibt Griesinger wie folgt: Er war von Statur klein, aber stämmig und von derbem Knochenbau; seine Stirn war breit und schön gewölbt, die Haut braun, die Augen waren lebhaft und feurig, die übrigen Gesichtszüge voll und stark gezeichnet und aus der ganzen Physiognomie und Haltung sprach Bedächtigkeit und ein sanfter Ernst. Lavater schrieb unter Haydn's Schattenriß in seiner Sammlung:

»Etwas mehr als Gemeines erblick' ich im Aug' und in der Nase;
Auch die Stirn ist gut, im Munde was vom Philister.«

Die starke, etwas hängende Unterlippe mag dieses Urtheil veranlaßt haben.

Ich erwähne noch für den Liebhaber der, »historischen Wahrheit«, daß nicht nur alles bisher in unserm Romane über Haydn Erzählte, die erwähnten Kleinigkeiten abgerechnet, sondern auch was in den folgenden Theilen noch erzählt werden wird, die Beziehung zu Consuelo ausgenommen, welche der Dichtung angehört, vollkommen treu und der Geschichte gemäß ist.

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