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Consuelo. I. Band

George Sand: Consuelo. I. Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleConsuelo. I. Band
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843
translatorGustav Julius
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Dritter Theil.

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1.

Als die Familie sich gegen Abend wieder versammelt hatte, fühlte Consuelo, daß es ihr schon wohler ward im Kreise dieser Personen, die sie zu kennen anfing, und auf die Fragen, die ihr Jene, nun auch muthiger geworden, über ihr Vaterland, ihre Kunst und ihre Reisen thaten, antwortete sie weniger kurz und zurückhaltend. Sie nahm sich aber sorgfältig in Acht, nicht von sich zu reden, und erzählte von den Dingen, in deren Mitte sie gelebt hatte, ohne je der Rolle zu gedenken, welche sie selbst dabei gespielt. Es war umsonst, daß die neugierige Amalie allerlei Versuche machte, sie im Gespräche zur Enthüllung ihrer persönlichen Verhältnisse zu drängen. Consuelo ging in keine ihrer Fallen und vergaß nicht einen Augenblick das Incognito, das beizubehalten ihr fester Vorsatz war.

Es läßt sich nicht gerade sagen, warum dieses Geheimthun einen besonderen Reiz für sie hatte. Sie ließ sich durch verschiedene Gründe dazu bestimmen.

Erstlich hatte sie dem Porpora versprechen, schwören müssen, sich auf alle Weise so verborgen zu halten, so gleichsam verschollen, daß es dem Anzoleto, falls er es sich einfallen ließe, ihr nachzugehen, unmöglich werden mußte, ihre Spur zu finden: unnöthige Vorsicht, denn Anzoleto, der zuerst ein paar Mal an dergleichen halb gedacht, bald aber den Gedanken wieder verscheucht hatte, war jetzt eben mit nichts Anderem beschäftigt als mit seinen Debüts und seinen Erfolgen in Venedig.

Zweitens wollte Consuelo sich die Liebe und die Achtung der Familie gewinnen, bei der sie in ihrer Vereinsamung und ihrem Schmerz für den Augenblick eine Zuflucht fand, und sie schloß ganz richtig, daß man sie als bloße Musikerin, als Schülerin Porporas und Gesanglehrerin lieber aufnehmen würde, denn als Prima Donna, Theaterdame und berühmte Sängerin. Sie sah ein, daß sie, wenn ihre wirkliche Lage einmal verrathen wäre, eine schwierige Rolle haben würde unter diesen schlichten und frommen Leuten, die wahrscheinlich, trotz der Empfehlungen Porporas, die Ankunft Consuelo's, der Debütantin, des Wunders von San Samuel, nicht wenig verlegen und scheu gemacht hätte.

Wären aber auch diese beiden mächtigen Beweggründe nicht gewesen, so würde Consuelo dennoch das Bedürfniß gefühlt haben nichts zu sagen und Niemanden den Glanz und das Elend ihrer Bestimmung merken zu lassen. Alles hing in ihrem Leben an einander, ihre Stärke und ihre Schwachheit, ihr Ruhm und ihre Liebe. Sie konnte nicht die kleinste Ecke des Schleiers lüften, ohne der Wunden ihrer Seele eine aufzudecken, und diese Wunden waren zu frisch, zu tief, als daß menschliche Hülfe ihr Linderung geben konnte. Sie fand im Gegentheil nur Erleichterung in dieser Art von Damm, den sie zwischen ihren schmerzlichen Erinnerungen und ihrer neuen Lebensweise aufgeführt hatte. Der Wechsel des Landes, der Umgebung, des Namens sollte sie mit einemmale in eine unbekannte Region versetzen, wo sie eine völlig andere Rolle spielend versuchen wollte, ein neues Wesen anzuziehen.

In dieser Verbannung aller Eitelkeiten, welche andern Frauen Trost gegeben hätten, fand diese muthige Seele ihre Rettung. Allem Mitleid, allem Ruhm bei Menschen entsagend, fühlte sie sich von einer himmlischen Kraft getragen.

– Ich muß einen Theil meines Glückes wiederfinden, sprach sie zu sich; das Glück, das ich so lange genoß, das Glück die Andern zu lieben und von ihnen geliebt zu werden. Von dem Tage an, daß ich ihre Bewunderung suchte, haben sie mir ihre Liebe versagt, und die Ehren, die sie mir statt ihres Wohlwollens zollten, habe ich zu theuer erkauft. Nein! lieber wieder unbekannt und klein werden, um keinen Neider, keinen Undankbaren, keinen Feind auf der Welt zu haben! Süß ist das kleinste Zeichen von Mitgefühl und der größte Zoll von Bewunderung ist mit Bitterkeit gemischt. Wenn es stolze und starke Seelen giebt, denen Lob genügt, und denen Triumphe Trost gewähren, die meinige gehört zu diesen nicht, ich habe es nur zu grausam fühlen müssen. Ach! der Ruhm hat mir das Herz meines Geliebten entrissen; möge mir die Niedrigkeit zum wenigsten einige Freunde wiedergeben!

So hatte es Porpora nicht gemeint. Als er Consuelo von Venedig entfernte, als er sie den Gefahren und den Schmerzen ihrer Leidenschaft entführte, hatte er nichts gewollt, als ihr ein paar Rasttage schaffen, um sie dann wieder auf den Schauplatz der ehrgeizigen Kämpfe zurückzurufen und sie von Neuem in die Stürme des Künstlerlebens zu schleudern. Er kannte seinen Zögling schlecht. Er glaubte, daß sie mehr Weib, d. h. beweglicher wäre als sie war. Wenn der an sie in diesem Augenblicke dachte, so stellte er sie sich nicht ruhig vor, nicht liebevoll und nur mit den Andern beschäftigt, wie sie es zu sein schon wieder Kraft genug besaß. Er stellte sie sich vor in Thränen gebadet und von Gram verzehrt. Aber er dachte, daß doch bald eine große Verwandlung in ihr vor sich gehen und daß er sie wiederfinden würde geheilt von ihrer Liebe und brennend vor Verlangen, sich von Neuem in den Genuß ihrer Kraft und der Vorrechte ihres Genies zu setzen.

Das innere Gefühl, so rein und fromm, das Consuelo sich von ihrer Rolle in der Rudolstädtschen Familie geschaffen hatte, verbreitete von Stund an eine selige Ruhe über ihre Worte, ihre Handlungen und ihre Mienen. Wer sie zuvor gesehen hatte leuchtend von Liebe und Freude im Sonnenglanz Venedigs, würde sich nicht leicht denken können, wie sie nun auf einmal ruhig, liebevoll sein konnte mitten unter Unbekannten und im Schooße finsterer Wälder, mit dem Gefühl der hingewelkten Liebe ohne Hoffnung neuer Blüte. Ein gutes Herz aber findet da Kraft, wo ein hochmüthiger Sinn nichts als Verzweiflung finden würde.

Consuelo war an diesem Abend schön, von einer Schönheit, welche sich noch nicht an ihr offenbart hatte. Es war jetzt nicht die Unaufgeschlossenheit einer bedeutenden Natur, welche noch ihrer selbst sich unbewußt ist und auf ihr Erwachen harrt; es war jetzt aber auch nicht das Hervorbrechen einer Kraft, die überraschend und entzückend sich entfesselt. Es war weder die verhüllte, unfaßbare Schönheit der Scolare zingarella, noch die strahlende und siegreiche Schönheit der gekrönten Siegerin: es war der eindringende Liebreiz einer reinen und in sich geschlossenen Weiblichkeit, die sich fühlt und einzig sich bestimmen läßt durch ihren inneren heiligen Trieb.

Ihre alten Wirthe, schlichte, liebreiche Menschen, bedurften keiner anderen Hülfe als ihres eigenen edelen Gefühls, um, daß ich so sage, den geheimnißvollen Duft zu athmen, den in ihre geistige Atmosphäre Consuelo's englische Seele ergoß. Es that ihnen wohl, sie anzusehen, vielleicht ohne daß sie sich Rechenschaft davon zu geben wußten, so innig wohl, daß sie sich wie neubelebt fühlten.

Auch Albert schien zum ersten Male seiner selbst ganz und in Freiheit froh zu werden. Er war zuvorkommend und liebevoll gegen alle Welt: gegen Consuelo war er es in den Grenzen der Schicklichkeit und er sprach mit ihr verschiedene Male so, daß man wohl sah, er habe nicht, wie man bisher geglaubt, den hohen Geist und klaren Verstand, den er von Natur besaß, von sich geworfen.

Der Freiherr schlief nicht ein, das Stiftsfräulein seufzte nicht ein einziges Mal, und Graf Christian, der gewohnt war, Abends traurig unter der Last des Alters und des Kummers in seinen Sorgenstuhl zu sinken, blieb, den Rücken am Kamme, recht wie im Mittelpunkte seiner Familie, aufrecht stehen und nahm behaglich und fast launig an der Unterhaltung Theil, die bis um neun Uhr ohne zu stocken anhielt.

– Gott scheint unsere heißen Gebete erhört zu haben, sagte der Kaplan zu dem Grafen Christian und dem Stiftsfräulein, welche zuletzt im Saale blieben, nachdem der Freiherr und die jungen Leute sich zurückgezogen hatten. Graf Albert ist heut in sein dreißigstes Jahr getreten, und dieser festliche Tag, dem er und wir mit so ahnungsvoller Erwartung entgegengesehen, ist unbegreiflich ruhig und glücklich verflossen.

– Ja, danken wir Gott! sagte der alte Graf. Ich weiß nicht, ob das nur ein wohlthätiger Traum ist, welchen er uns zuschickt, um uns einen Augenblick zu erquicken, aber ich habe heute den ganzen Tag und besonders heute Abend die Ueberzeugung gewonnen, daß mein Sohn für immer geheilt ist.

– Lieber Bruder, sagte das Stiftsfräulein, mit deiner Verzeihung, und auch mit der Ihrigen, Herr Kaplan, der Sie Albert immer von dem Feind des menschlichen Geschlechts gemartert glaubten. Ich meines Theils habe ihn mir immer von zwei feindlichen Mächten belagert gedacht, die sich um seine arme Seele rissen, denn sehr häufig, wenn es schien als ob der böse Geist aus ihm spräche, ließ sich Augenblicks darauf der Himmel durch seinen Mund vernehmen. Denkt jetzt einmal an alles das, was er gestern Abend während des Unwetters sagte, und an seine letzten Worte, als er uns gute Nacht wünschte: »der Friede des Herrn ist auf dieses Haus herniedergekommen!« Albert fühlte, daß in ihm ein Wunder der göttlichen Gnade gewirkt wurde, und ich glaube an seine Herstellung wie an die göttliche Verheißung.

Der Kaplan war zu ängstlicher Natur, um sich einer so verwegenen Behauptung unbedenklich anzuschließen. Er zog sich wie gewöhnlich aus der Sache, indem er sagte:, »Stellen wir es der göttlichen Weisheit anheim! Gott sieht in das Verborgene, der Geist muß sich gänzlich in Gott versenken,« und andere Sprüche, die mehr tröstlich als neu waren.

Graf Christian war getheilt zwischen dem Wunsche, die etwas ins Wundersüchtige streifende Auffassung seiner Schwester anzunehmen, und der Achtung, welche ihm die ängstlich bedächtige Orthodoxie seines Beichtigers aufnöthigte. Er meinte die Unterhaltung abzulenken, als er, auf die Porporina gerathend, das allerliebste Wesen dieser jungen Person zu rühmen anhob. Das Stiftsfräulein, das sie schon liebgewonnen hatte, ging gern auf seine Lobsprüche ein und der Kaplan gab seinen Segen dazu. Es kam ihnen nicht in den Sinn, das Wunder, welches in ihrem Innern gewirkt worden war, der Anwesenheit Consuelo's beizumessen. Sie ernteten die Wohlthat, ohne die Quelle zu erkennen; und das war gerade, was Consuelo von Gott erbeten haben würde, wenn man sie hätte darum fragen wollen.

Amalie hatte ein wenig schärfere Beobachtungen gemacht. Es stand ihr fest, daß ihr Vetter vorkommenden Falles Herrschaft genug über sich besäße, um die Unordnung seiner Gedanken ebensowohl Solchen, denen er mißtraute, als Solchen, die er besonders werthschätzte, zu verbergen. Vor manchen Verwandten oder Freunden seiner Familie, welche ihm entweder Zuneigung oder Abneigung einflößten, hatte er die Ausschweifungen seiner Sinnesart nie durch irgend ein äußeres Merkmal verrathen. Als ihr daher Consuelo ihr Erstaunen ausdrückte über das, was sie Abends zuvor von ihr über Albert erfahren hatte, bemühte sich Amalie, von einem geheimen Verdruße geplagt, das Grauen vor ihm, welches jene Erzählung in ihrer Freundin erweckt hatte, zurückzurufen.

– Ach! meine arme Freundin! sagte sie; trauen Sie dieser trügerischen Ruhe nicht; das ist die Pause, welche stets bei ihm die eine Krise von der andern trennt. Sie haben ihn heute so gesehen, wie ich ihn sah, als ich am Anfange des vorigen Jahres hier ankam. O Gott! Wenn es Ihnen durch fremden Willen auferlegt wäre, die Frau eines solchen Visionärs zu werden, wenn man, um Ihren stillschweigenden Widerstand zu brechen, stillschweigend das Complott geschmiedet hätte, Sie auf unbestimmte Zeit in diesem schrecklichen Schloß gefangen zu halten, unter einer immerwährenden Diät von jähen Schrecken, Aengsten und Erschütterungen, unter nichts als Thränen, Exorcismen, Ausschweifungen aller Art, um eine Genesung abzuwarten, an welche man stets glaubt und die nie kommen wird, so würden Sie ebenso wie ich sich keine Täuschung machen über Albert's schöne Manieren und die süßen Reden der Familie.

– Es ist aber doch unglaublich, sagte Consuelo, daß man Sie sollte zwingen wollen, sich wider Ihren Willen mit einem Manne zu verbinden, welchen Sie nicht lieben. Sie scheinen mir der Abgott der Ihrigen zu sein.

– Zwingen werden sie mich nicht; sie wissen recht gut, daß das die Unmöglichkeit wollen hieße. Aber sie werden vergessen, daß Albert nicht der einzige Mann ist, der für mich passen könnte, und Gott weiß wann sie die tolle Hoffnung aufgeben werden, ich möchte immer noch einmal die Zuneigung, die ich Anfangs für ihn fühlte, wiedergewinnen. Und mein armer Vater, der so ein leidenschaftlicher Jäger ist und hier so schöne Gelegenheit hat, seiner Liebhaberei nachzuhängen, befindet sich auch gar zu gut in diesem verwünschten Schlosse und findet immer wieder einen neuen Vorwand, um unsere Abreise hinauszuschieben, die schon zwanzig Mal beschlossen und immer wieder aufgegeben ward. Ach, wenn Sie ein Mittel wüßten, liebe Nina, wonach in einer Nacht alles Wild der Gegend verenden müßte, so würden Sie mir den größten Dienst leisten, den eine Menschenseele mir leisten kann.

– Ich kann leider nichts thun, als daß ich Ihnen Zerstreuung zu machen suche, indem ich Sie singen lasse und daß ich Abends, wenn Sie nicht Lust haben zu schlafen, mit Ihnen plaudere. Ich werde mir Mühe geben, ein calmirendes und schlafbringendes Mittel für Sie zu sein.

– Sie erinnern mich, daß ich Ihnen den Rest einer Geschichte schuldig bin. Ich will nur gleich anfangen, damit Sie nicht zu spät zu Bette kommen:

Einige Tage nach seiner geheimnißvollen Abwesenheit (und er stand immer in der Ueberzeugung, daß die Woche, während welcher er weg war, nur sieben Stunden gedauert hatte) fing Albert an zu merken, daß der Abbé nicht mehr im Schlosse wäre und fragte, wohin man den hätte gehen lassen.

– Da du seiner nicht mehr bedurft hast, antwortete man ihm, so ist er zu seinen Geschäften zurückgekehrt. Hattest du es denn nicht eher bemerkt?

– Ich habe es bemerkt, sagte Albert: meinem Leiden fehlte etwas, aber ich gab mir keine Rechenschaft, was es wäre.

– Du hast wohl sehr zu leiden, Albert? fragte das Stiftsfräulein.

– Sehr! antwortete er mit dem Tone eines Menschen, den man fragt, ob er gut geschlafen habe.

– Und der Abbé war dir wohl sehr unangenehm? fragte Graf Christian.

– Sehr! antwortete Albert in demselben Tone.

– Warum hast du das aber nicht eher gesagt, lieber Sohn? Warum hast du die Gegenwart eines Mannes, der dir zuwider war, so lange ertragen, ohne mir etwas von deinem Mißbehagen auszusprechen? Glaubtest du denn nicht, mein Kind, daß ich deinem Leiden so schnell als möglich ein Ende machen würde?

– Es war nur eine geringe Zugabe zu meiner Pein, entgegnete Albert mit fürchterlicher Ruhe, und Ihre Güte, Vater! an der ich nicht zweifle, hätte mir nur eine schwache Erleichterung verschafft, wenn Sie mir einen andern Wächter gaben.

– Einen andern Reisegefährten, mein Sohn! Du bedienst dich eines Ausdrucks, der meiner Zärtlichkeit wehe thut.

– Ihre Zärtlichkeit, lieber Vater! war Schuld, daß Sie Besorgnisse hegten. Sie konnten es nicht wissen, wie übel Sie mir thaten, daß Sie mich von sich und von diesem Hause entfernten, wo mir die Vorsehung meinen Platz angewiesen hat bis zu der Zeit, da ihre Absichten mit mir in Erfüllung gehen sollen. Sie haben an meiner Wiederherstellung und an meiner Ruhe zu arbeiten geglaubt; ich, der ich besser als Sie wußte, was jedem von uns zukommt, wußte wohl, daß es mir zukam, Ihren Willen zu unterstützen und Ihnen zu gehorchen. Ich kannte meine Pflicht und habe sie erfüllt.

– Ich kenne deine Tugend und deine Liebe zu uns, Albert! aber könntest du uns nicht deutlicher sagen, was in dir vorgeht?

– Sehr leicht, entgegnete er, und der Augenblick ist da, es zu thun.

Er sprach so ruhig, daß wir glaubten, der glückliche Augenblick sei gekommen, wo Albert's Seele aufhören würde, für uns ein schmerzliches Räthsel zu sein. Wir drängten uns um ihn und munterten ihn durch unsere Liebkosungen auf, sich zum erstenmale in seinem Leben ganz aufzuschließen. Er schien Willens, uns sein Vertrauen zu schenken, und sprach so:

– Ihr hieltet mich immer, und haltet mich noch für krank, für toll. Wenn ich nicht für euch alle eine unbegrenzte Verehrung und Zärtlichkeit hätte, so würde ich vielleicht so kühn sein, den Abgrund auszufüllen, der uns trennt, und ich würde euch zeigen, daß ihr in einer Welt von Irrthum und Vorurtheilen lebt, während mir der Himmel Zugang verstattet hat zu einer Sphäre von Licht und Wahrheit. Aber ihr könntet mich nicht fassen, ohne alles aufzuopfern, was jetzt eure Ruhe, eure Religion und eure Sicherheit ausmacht. Wenn unwillkürlich mir in einem Augenblicke der Begeisterung einige unvorsichtige Worte entfahren, so sehe ich bald darauf, daß ich euch furchtbar weh gethan, indem ich eueren Wahn entwurzeln und vor euern schwachen Augen die leuchtende Fackel, die in meiner Hand ist, schwingen wollte. Alles, jedes, alle Gewohnheiten eures Lebens, alle Fibern eures Herzens, alle Federn eures Geistes, alles ist so gebunden, verstrickt und geschmiedet an das Joch der Lüge, an das Gesetz der Finsterniß, daß mir däucht, ich gebe euch den Tod, indem ich euch den Glauben geben will. Und doch ist eine Stimme, die zu mir ruft im Wachen und im Schlafe, im Stillen und im Sturme, euch zu erleuchten und euch zu bekehren. Aber ich bin ein zu weicher, ein zu schwacher Mensch, als daß ich es unternehmen könnte. Wenn ich euere Augen voll Thränen, eure Brust geschwellt, eure Stirn niedergeschlagen sehe, wenn ich fühle, daß ich euch in Traurigkeit und Schrecken versetze, dann fliehe ich, dann verberge ich mich, um dem lauten Rufe meines Gewissens, um dem Auftrag, der mir geworden ist, zu widerstehen. Das ist mein Leiden, das mein Kreuz und meine Marter; begreifet ihr mich jetzt?

Mein Onkel, meine Tante und der Kaplan begriffen einigermaßen, daß Albert sich eine Moral, eine Religion, die von der ihrigen gänzlich abwich, gemacht hätte; aber ängstlich, wie fromme Leute sind, fürchteten sie zu weit zu gehen, und wagten es nicht, seine Offenherzigkeit noch mehr aufzumuntern. Ich, die ich von den näheren Umständen seiner Kindheit und seiner frühesten Jugend bis dahin nur ganz dunkel etwas vernommen hatte, verstand kein Wort. Außerdem ging es mir damals beinahe ganz wie Ihnen neulich, Nina! ich wußte kaum, was es mit diesen Hussiten und diesem Lutherthum auf sich hätte, wovon ich später so oft habe reden hören, und worüber ich die jämmerlichste Langeweile hatte, wenn Albert und der Kaplan die streitigen Lehren durchfochten. Ich wartete also voll Ungeduld auf eine ausführlichere Erklärung, aber sie erfolgte nicht.

– Ich sehe, sagte Albert, von dem Schweigen um ihn her betroffen, daß ihr mich nicht verstehen wollt, aus Furcht, mich zu gut zu verstehen. So geschehe es denn nach euerem Willen! Euere Verblendung hat seit Langem mir das herbe Loos bereitet, welches mich betroffen hat. Ewig unglücklich, ewig allein, ewig ein Fremdling unter denen, die ich liebe, habe ich keine Zuflucht, keine Stütze als an dem Troste, welcher mir verheißen ist.

– Was für ein Trost ist das, mein Sohn? fragte Graf Christian, tödtlich betrübt. Können wir ihn dir nicht bieten, können wir nie dahin gelangen, uns zu verstehen? – Nie, mein Vater! Lieben wir uns, da uns das allein vergönnt ist! Der Himmel ist mein Zeuge, daß die ungeheuere, unausfüllbare Kluft zwischen uns die Liebe, die ich zu euch trage, nie in mir hat wandeln können.

– Und ist das nicht genug? sagte das Stiftsfräulein, ihn bei einer Hand ergreifend, während ihr Bruder Albert's andere Hand in den seinigen drückte; kannst du dich deiner seltsamen Ideen, deiner wunderlichen Glaubensmeinungen nicht entschlagen, um in unserer Mitte ganz der Liebe zu leben?

– Der Liebe lebe ich, versetzte Albert. Die Liebe ist ein Gut, das sich entweder in Wonne oder unter Schmerzen giebt und nimmt, je nachdem der religiöse Glaube übereinstimmend oder entgegengesetzt ist. Unsere Herzen stimmen überein, o meine Tante Wenceslawa! aber unsere Geister bekriegen sich, und das ist ein großes Unglück für uns alle. Ich weiß, daß es nicht enden wird vor mehreren Jahrhunderten, und deshalb will ich in dem gegenwärtigen nur des Gutes harren, welches mir verheißen ist, und welches mir Kraft schenken wird, zu hoffen.

– Was für ein Gut, Albert? Kannst du es nicht sagen?

– Nein! ich kann es nicht sagen, weil ich es nicht weiß; aber kommen wird es. Meine Mutter ließ eine Woche vergehen, ohne es mir im Traume anzuzeigen, und alle Stimmen des Waldes haben es mir wiederholt, so oft ich sie befragte. Ein Engel schwebt oft hernieder, und zeigt mir ihr blasses, leuchtendes Antlitz über dem Schreckenstein; über jenem düsteren Ort, im Schatten jener Eiche, wo ich, als mich die Menschen, meine Zeitgenossen, Ziska nannten, hingerissen ward vom Zorne des Herrn, zum ersten Male ein Werkzeug seiner Rache ward; am Fuße jenes Felses, wo ich, als ich Wratislaw hieß, unter einem Schwertstreich rollen sah das verstümmelte, entstellte Haupt meines Vaters Withold, – furchtbare Buße, die mich lehrte, was Schmerz und was Erbarmen ist, schicksalsschwerer Tag der Vergeltung, wo lutherisches Blut das katholische abwusch, und wo ich ein schwacher, zartempfindender Mensch wurde aus einem fanatischen Würger, was ich hundert Jahre zuvor gewesen war ...

– Allgütiger Gott! rief meine Tante, sich bekreuzigend, ein Wahnsinn ergreift ihn wieder.

– Widersprich ihm nicht, Schwester! sagte Graf Christian, indem er sich selbst mit großer Anstrengung Gewalt anthat; laß ihn sich aussprechen! Sprich, mein Sohn! was sagte dir der Engel auf dem Schreckensteine?

– Er sagte mir, mein Trost sei nahe, antwortete Albert mit einem von Entzücken strahlenden Gesicht, er werde sich senken in mein Herz, sobald ich mein neun und zwanzigstes Jahr vollendet hätte.

Mein Onkel ließ seinen Kopf auf seine Brust sinken. Albert schien auf seinen Tod anzuspielen, indem er das Alter bezeichnete, in welchem seine Mutter gestorben war, und es scheint, daß sie während ihrer Krankheit öfters vorausgesagt hat, weder sie noch ihre Söhne würden dreißig Jahre alt werden. Es scheint, daß meine Tante Wanda auch ein wenig – um nicht mehr zu sagen – erleuchtet war, aber ich habe nie über diesen Punkt etwas Genaueres erfahren können. Es ist für meinen Onkel eine zu schmerzliche Erinnerung und Niemand von seiner Umgebung wagt es, sie in ihm zu wecken.

Der Kaplan versuchte den trüben Gedanken, den diese Vorhersage erregt hatte, zu entfernen, indem er Albert aufforderte, sich über den Abbé auszusprechen. Damit hatte ja die ganze Unterhaltung begonnen.

Albert machte nun auch eine Anstrengung, ihm Antwort zu geben.

– Ich rede euch von himmlischen und ewigen Dingen, entgegnete er nach einem kurzen Zaudern, und ihr haltet mich bei den, kurzen, flüchtigen Momenten fest, bei den kindischen, vorüberschwindenden Sorgen, deren Erinnerung schon aus meiner Seele weicht.

– Sprich nur, mein Sohn! sprich weiter, antwortete Graf Christian, wir müssen heut dich kennen lernen.

– Sie haben mich nicht gekannt, mein Vater! und werden mich nicht kennen in – diesem Leben, wie Ihr's nennt. Jedoch wenn Sie wissen wollen, warum ich reiste, warum ich ihn ertrug, diesen ungetreuen, unachtsamen Hüter, den Sie an meine Schritte gefesselt hatten wie einen gefräßigen, faulen Hund an den Arm eines Blinden, so will ich es Ihnen in wenig Worten sagen. Ich hatte Ihnen schon Leiden genug gemacht. Es war nöthig, Ihnen den Anblick eines gegen Ihre Lehren widerspenstigen und gegen Ihre Vorstellungen tauben Sohnes zu entziehen. Ich wußte wohl, daß ich von dem, was Sie meinen Wahnsinn nennen, nicht genesen würde, aber es war nöthig, Ihnen Ruhe und die Hoffnung zu lassen: ich habe in meine Entfernung gewilligt. Sie hatten mir das Versprechen abgenommen, mich von diesem Führer, den Sie mir gaben, nicht ohne Ihre Einwilligung zu trennen, und mich von ihm durch die Welt führen zu lassen. Ich habe mein Versprechen halten wollen, ich habe auch gewollt, daß er Ihre Hoffnung und Ihre Zuversicht unterhielte durch Berichte über mein sanftes und geduldiges Wesen. Ich habe ihm mein Herz und meine Ohren verschlossen; es war ihm auch gar nicht darum zu thun, mich zu bewegen, daß ich sie ihm öffnete. Er führte mich spaziren, versorgte mich mit Kleidung, Essen, wie ein Kind. Ich verzichtete darauf, nach meiner Weise zu leben; ich gewöhnte mich daran, Unglück, Ungerechtigkeit und Unsinn auf der Erde herrschen zu sehen. Ich sah die Menschen und ihre Einrichtungen, der Unwille hat in meinem Herzen dem Mitleid Platz gemacht, denn ich gewahrte, daß das Unglück der Unterdrückten kleiner ist als das der Unterdrücker. In meiner Kindheit hatte ich nur für die Schlachtopfer ein Herz; mich ergriff nun Mitleid mit den Henkern, den bejammernswerthen Büßern, die in ihrem gegenwärtigen Dasein die Strafe der Verbrechen tragen, welche sie in ihren früheren Zuständen begangen haben, und welche Gott dazu verdammt hat, böse zu sein, ein tausendmal härteres Loos als das ist, ihr unschuldiges Opfer zu werden. Seht, deshalb gebe ich nur noch Almosen, um mir selbst die Last des Reichthums leichter zu machen, ohne euch mit meinen Predigten zu quälen, denn ich weiß jetzt, daß die Zeit, glücklich zu sein, noch nicht gekommen ist, weil, um menschlicherweise zu reden, die Zeit, gut zu sein, noch fern ist.

– Und jetzt, wo du diesen Wächter, wie du ihn nanntest, los bist, jetzt, wo du in Ruhe leben kannst, ohne das Schauspiel von Noth und Elend vor Augen zu haben, die du um dich her, Schritt für Schritt, vertilgst, ohne daß sich Jemand deinem edeln Hange widersetzt, sage, kannst du jetzt nicht eine Anstrengung gegen dich selbst machen, um deine inneren Aufregungen zu unterdrücken?

– Fraget mich nichts mehr, meine Lieben! antwortete Albert; ich werde heute nichts weiter sagen.

Er hielt, Wort und mehr; denn er that eine ganze Woche lang die Lippen nicht auf.

—————

2.

Albert's Geschichte wird sich mit wenigen Worten beenden lassen, liebe Porporina, denn wenn ich nicht immer dasselbe wiedererzählen will, so habe ich beinah nichts mehr mitzutheilen. Das Betragen meines Vetters während der achtzehn Monate, die ich hier zugebracht habe, ist nur eine beständige Wiederholung der Wunderlichkeiten gewesen, welche Sie nun kennen. Nur daß seine vorgebliche Erinnerung dessen, was er in früheren Jahrhunderten gewesen und erlebt, einen Anstrich von erschreckender Wirklichkeit erhielt, als Albert eine sonderbare und wahrhaft unerhörte Fähigkeit zu entwickeln anfing, von der Sie vielleicht schon haben reden hören, an die ich aber nicht glaubte, bevor ich den Beweis an ihm vor Augen sah. Eine Fähigkeit, die, wie man sagt, in andern Ländern, »das zweite Gesicht« genannt wird, wo diejenigen, die in Besitz derselben sind, einer großen Verehrung unter dem abergläubischen Volke genießen. Ich für mein Theil weiß nicht, was ich davon denken soll und werde mich hüten, Ihnen so etwas wie eine vernünftige Erklärung der Sache anzubieten; aber ich finde einen Grund mehr darin, niemals die Frau eines Mannes zu werden, der, auf hundert Meilen weit, alle meine Handlungen sehen, der fast in meinen Gedanken lesen könnte. Eine solche Frau müßte zum mindesten eine Heilige sein, und – denken Sie! das mit einem Manne, der dem Teufel ergeben zu sein scheint!

– Sie haben die Gabe, über alles zu scherzen, sagte Consuelo, und ich bewundere die Heiterkeit, mit welcher Sie von Dingen reden, die mir die Haare zu Berge treiben. Worin besteht denn dieses »zweite Gesicht?«

– Albert sieht und hört, was kein Anderer sehen und hören kann. Wenn Jemand, den er liebt, kommen soll, den in der That kein Mensch erwartet, so weiß er es, und geht ihm eine Stunde weit entgegen. Ebenso zieht er sich zurück und schließt sich in seinem Zimmer ein, wenn er Jemanden, der ihm unangenehm ist, in weiter Ferne spürt.

Eines Tages, als er mit meinem Vater spaziren ging, hielt er auf einem Bergpfad plötzlich an und machte einen großen Umweg durch Gestein und Dorn, um eine gewisse Stelle nicht zu betreten, die indessen nichts Besonderes hatte. Einige Augenblicke später kamen sie an denselben Ort zurück und Albert machte dasselbe Manöver. Mein Vater, der dies sah, that als ob er etwas verloren hätte und versuchte ihn an eine alte Tanne zurückzuführen, welche der Gegenstand seines Widerwillens zu sein schien. Nicht nur vermied es Albert, sich dem Baum zu nahen, sondern er umging sogar den Schatten, welchen derselbe über den Weg warf, und verrieth, als mein Vater über diesen Schatten hin und her schritt, ein Unbehagen und eine Angst zum Erstaunen. Da mein Vater zuletzt hart am Stamme des Baumes stehen blieb, stieß Albert einen Schrei aus und rief ihn hastig von dort hinweg. Er weigerte sich lange, sich über diesen Einfall zu erklären, und erst, nachdem ihn die ganze Familie mit Bitten bestürmt hatte, sagte er, der Baum bezeichne ein Grab, und ein großes Verbrechen sei an dieser Stelle verübt worden.

Der Kaplan hielt es für seine Pflicht, wenn Albert Kunde von einer ehedem an dieser Stelle begangenen Mordthat hätte, nähere Auskunft zu verlangen, um vielleicht verlassene Gebeine der Grabesruhe zu übergeben.

– Hüten Sie sich! sagte Albert mit dem spottenden und zugleich wehmüthigen Ton, den er oft anzunehmen weiß. Der Mann, das Weib und das Kind, die Sie da finden werden, waren Hussiten; der trunkene Wenceslas hat sie von seinen Soldaten umbringen lassen, als er sich in einer Nacht in unsern Wäldern versteckte und von ihnen bemerkt und verrathen zu werden fürchtete.

Man sprach mit meinem Vetter nicht weiter über diese Sache. Aber mein Oheim wollte wissen, ob es auf Seiten Albert's eine Eingebung oder eine Grille gewesen und ließ über Nacht an dem Orte, den mein Vater bezeichnete, nachgraben. Wirklich fand man die Skelette eines Mannes, Weibes und Kindes, und der Mann war mit einem jener ungeheuern hölzernen Schilde bedeckt, welche die Hussiten trugen, kenntlich an dem Kelch und der Umschrift: O mors, quam est amara memoria tua hominibus injustis etc. Verstümmelte Stelle aus dem Jes. Sirach (XLI, 1 x), wo es heißt: Der Tod sei dem bitter, der im Ueberflusse sitzt. Statt dessen heißt es in obiger Inschrift: bitter den Ungerechten. – A. d. Uebers.

Man trug diese Gebeine tiefer in den Wald und mein Vater bemerkte später mehrmals, daß Albert an der Tanne, wo man die aufgegrabene Stelle vorsichtig wieder mit Erde und Steinen bedeckt hatte, ohne Widerstreben vorüberging. Er dachte nicht einmal mehr an die Aufregung, in welcher er sich bei jener Gelegenheit befunden hatte, und konnte sich nur mit Mühe darauf besinnen, als man ihn daran erinnerte.

– Ihr täuscht euch wohl, sagte er zu seinem Vater, es muß eine andere Stelle gewesen sein, wo sich's mir anzeigte. Hier ist ganz gewiß nichts, denn ich spüre keinen Frost, keinen Schmerz, kein Zittern in meinem Körper.

Meine Tante hatte eine große Neigung, dieses Ahnungsvermögen einer besondern Gunst des Himmels beizumessen. Aber Albert ist so finster, so gepeinigt und so unglücklich, daß man nicht begreift, warum der Himmel ihm ein so schädliches Geschenk verliehen haben sollte. Wenn ich an den Teufel glaubte, so würde ich die Meinung des Kaplans, der Diesem Albert's Hellsehen aufpackt, allerdings weit annehmbarer finden.

Mein Onkel Christian, der ein guter Mann ist, von viel mehr Vernunft und viel mehr Festigkeit in seiner Religion als wir alle, hat für viele dieser Erscheinungen eine recht wahrscheinliche Erklärung aufgefunden. Er glaubt nämlich, daß ungeachtet des Eifers, mit welchem die Jesuiten während des dreißigjährigen Krieges und nachher alle ketzerischen Schriften in Böhmen, und insbesondere auch auf dem Schlosse Riesenburg verbrannt haben, ungeachtet der sorgfältigen Nachforschungen, welche unser Kaplan nach dem Tode meiner Tante Wanda in allen Winkeln angestellt hat, sich wohl in irgend einem aller Welt unbekannten Versteck eine Anzahl historischer Documente aus der Zeit der Hussiten dennoch erhalten haben möchte, die Albert vielleicht aufgefunden habe. Er glaubt, daß das Lesen dieser gefährlichen Schriften Albert's kranke Einbildungskraft so heftig aufgeregt haben könnte, daß er sich nun in allem Ernste einbilde, dem Andenken an ein früheres Dasein auf Erden die Erinnerungen mancher jetzt unbekannten Einzelheiten zu verdanken, welche er in jenen Handschriften aufgezeichnet und umständlich berichtet gefunden.

Daraus würden sich die Geschichten, welche er uns erzählt hat, eben so wie sein unbegreifliches Verschwinden während ganzer Tage, ja selbst Wochen, sehr natürlich erklären; denn ich muß nur gleich sagen, daß dieser letztere Umstand sich noch verschiedene Male wiederholt hat, während unmöglich anzunehmen ist, daß es außerhalb des Schlosses geschehen sei. So oft er nämlich so verschwand, ist sein Aufenthalt nicht zu entdecken gewesen, und wir wissen gewiß, daß ihm kein Bauer Zuflucht gewährt oder Speise mitgetheilt hat. Wir haben schon bemerkt, daß er Anfälle von Schlafsucht hat, während welcher er Tage lang eingeschlossen in seinem Zimmer bleibt. Wenn man die Thür erbricht oder sich um ihn her bewegt, so fällt er in Krämpfe. Seit wir dies wissen, haben wir uns in Acht genommen, und man überläßt ihn der Entfremdung seines Geistes.

In seinem Geiste gehen zu solchen Zeiten außerordentliche Dinge vor, aber kein Geräusch, keine Bewegung seines Körpers verräth sie: wir erfahren sie erst später aus seinen Aeußerungen. Wenn es vorbei ist, so scheint er sich erleichtert und der Vernunft zurückgegeben zu fühlen, aber allmählig kehrt die Aufregung zurück und nimmt zu, bis er wieder in Erschöpfung verfällt. Es scheint als ob er ein Vorgefühl von der Dauer dieser Krisen hätte, denn, wenn sie lang werden sollen, so geht er ins Weite oder flüchtet sich in jenen Versteck, dessen Dasein wir vermuthen, entweder in irgend einer verborgenen Höhle des Gebirgs oder gar in einem Keller des Schlosses, den nur er allein kennt. Bis jetzt hat man seinen Zufluchtsort nicht entdecken können. Es ist dies um so schwieriger, da man ihn nicht beobachten darf; man versetzt ihn in einen gefährlichen Zustand, wenn man ihm folgt, ihm nachsieht oder ihn auch nur befragt.

Daher hat man sich endlich entschlossen, ihm ganz seine Freiheit zu lassen, und wir haben uns gewöhnt, seine Abwesenheiten, welche uns Anfangs so furchtbar waren, als günstige Krisen seiner Krankheit anzusehen. Wenn sie eintreten, so härmt sich meine Tante, mein Onkel betet, aber Niemand rührt sich, und ich, ich gestehe Ihnen, daß ich in dieser Hinsicht schon ganz abgehärtet bin. Der Kummer ist bei mir in Langeweile und endlich in Abneigung übergegangen. Ich möchte lieber sterben als diesen Rasenden heirathen. Ich erkenne seine herrlichen Eigenschaften, aber wenn es Ihnen auch scheint, daß ich ihm seine Verkehrtheiten nicht anrechnen sollte, weil sie von seiner Krankheit herrühren, so gestehe ich Ihnen doch, daß ich darüber wüthend bin, denn ich sehe sie als eine Pest in meinem und der Meinigen Leben an.

– Es scheint mir dies ein wenig ungerecht, liebe Baronin! sagte Consuelo. Daß Sie eine Abneigung fühlen, des Grafen Albert Frau zu werden, begreife ich jetzt vollkommen, allein daß sich Ihre Theilnahme von ihm abwendet, begreife ich nicht.

– Es kommt daher, weil ich mir's nicht aus dem Sinne bringen kann, daß etwas Freiwilliges in der Tollheit dieses armen Menschen liegt. Es ist gewiß, daß er eine außerordentliche Stärke des Charakters besitzt und in tausend Fällen eine große Herrschaft über sich selbst hat. Er kann den Ausbruch seiner Krisen durch seinen Willen zurückhalten. Ich habe sie ihn mit Gewalt bemeistern sehen, wenn man nicht geneigt schien, sie für ernsthaft zu halten. Dagegen wenn er uns leichtgläubig und ängstlich gestimmt sieht, scheint er mit seinen Ausschweifungen Effekt auf uns machen zu wollen und mißbraucht die Schwachheit, die man für ihn hat. Das ist es, weswegen ich ihm gram bin, und oft seinen Patron Belzebub anrufe, er möchte ihn doch eines guten Tages holen und ihn uns vom Halse schaffen.

– Sie scherzen sehr grausam über einen so unglücklichen Mann, sagte Consuelo, dessen Krankheit mir auch eher poetisch und wunderbar als abstoßend vorkommt.

– Wie es Ihnen beliebt, theure Porporina! entgegnete Amalie. Bewundern Sie nach Herzenslust diese Zauberstückchen, wenn Sie daran glauben mögen. Aber ich mache es Angesichts dieser Dinge ähnlich wie unser Kaplan, der seine Seele Gott empfiehlt und sich nicht vermißt, sie zu begreifen; ich flüchte mich in den Schooß der gesunden Vernunft, und erspare es mir, Sachen zu ergrübeln, die einen ganz natürlichen Erklärungsgrund haben müssen, wenn wir ihn auch bis jetzt nicht kennen.

Das einzige, was ganz gewiß ist bei dem unglücklichen Loose meines Cousins, ist dieses, daß seine Vernunft vollständig bei ihm eingepackt, und daß die Imagination in seinem Gehirn so gewaltige Flügel entfaltet hat, daß der Kasten davon springen muß. Und wenn ich es denn gerade heraussagen soll und das Wort gebrauchen, welches mein armer Onkel Christian zu den Füßen der Kaiserin Maria Theresia, die sich mit halben Antworten und halben Erklärungen nicht abspeisen läßt, unter Thränen auszusprechen gezwungen war: Albert von Rudolstadt ist verrückt; geistesabwesend, wenn Ihnen dieser Ausdruck anständiger scheint.

Consuelo antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. Amalie schien ihr in diesem Augenblick eine hassenswürdige Person, ein Herz von Stein. Sie strengte sich an, sie in ihren eigenen Augen zu entschuldigen: sie stellte sich alles vor, was Amalie während dieser achtzehn Monate eines traurigen und an so mannichfaltigen Erschütterungen reichen Lebens gelitten haben mußte. Dann auf ihr eigenes Unglück zurückgerathend, dachte sie: Ach, warum kann ich nicht Anzoleto's Fehltritte auf die Schuld eines Wahnsinns schieben! Wenn er unter den Berauschungen und Täuschungen seines Debüts in Raserei gefallen wäre, ich fühle es wohl, ich würde ihn deshalb nicht weniger geliebt haben, und ich wünschte nichts, als daß ich ihn aus Irrwahn ungetreu und undankbar wüßte, um ihn heiß zu lieben wie zuvor und ihm zu Hülfe zu eilen.

Es verstrichen mehre Tage, ohne daß Albert den Behauptungen seiner Cousine über die Verwirrung seines Geistes die geringste Bestätigung gab. Eines guten Tages aber, als der Kaplan ihm unversehens entgegengesprochen hatte, fing er an, sehr unzusammenhängende Sachen zu sagen, und gleich als hätte er es selbst bemerkt, ging er plötzlich aus dem Saal und verschloß sich in sein Zimmer. Man glaubte, daß er dort lange bleiben würde; aber nach einer Stunde kam er zurück bleich und matt, schleppte sich von Stuhl zu Stuhl, ging um Consuelo herum, der er nicht mehr Aufmerksamkeit als an den vorigen Tagen zu widmen schien und zog sich zuletzt in eine tiefe Fensternische zurück, wo er, den Kopf in seine Hände gestützt, unbeweglich sitzen blieb.

Es war die für Amaliens Musikunterricht bestimmte Stande, und sie wünschte ihn zu nehmen, um, sagte sie leise zu Consuelo, dieses schaurige Gesicht zu verscheuchen, das ihr allen frohen Muth benähme und die Luft mit Leichenduft erfüllte.

– Ich glaube, erwiderte Consuelo, wir thäten besser, in Ihr Zimmer hinaufzugehen; Ihr Spinett ist zur Begleitung hinreichend. Wenn es wahr ist, daß Graf Albert die Musik nicht liebt,warum sollen wir seine Leiden und dadurch auch wieder die Leiden der Seinigen vermehren?

Amalie unterwarf sich dem zuletzt erwähnten Grunde, und sie gingen mit einander in deren Zimmer hinauf; da es ein wenig darin rauchte, so ließen sie die Thür offen. Amalie wollte wie gewöhnlich nach ihrem Kopfe handeln und große Bravourarien singen, aber Consuelo, die sich streng zu zeigen anfing, ließ sie sehr einfache und ernste Motive aus den Kirchensachen Palästrina's versuchen. Die junge Baronin gähnte, wurde ungeduldig und sagte, das wäre eine barbarische Musik und rein zum Einschlafen.

– Sie verstehen sie nur nicht, sagte Consuelo. Lassen Sie mich Ihnen ein paar Abschnitte vorsingen, um Ihnen zu zeigen, daß sie bewundernswürdig für die Stimme gesetzt ist, ganz des erhabenen Gedankens in der Erfindung zu geschweigen. Sie setzte sich an das Spinett und fing zu fingen an. Es war das erste Mal, daß sie den Wiederhall dieses alten Schlosses weckte, und der helle Schall, den die hohen kalten Mauern zurückgaben, verursachte ihr ein Vergnügen, dem sie sich ganz überließ. Ihre Stimme, die seit dem letzten Abend, wo sie in San Samuel sang und vor Ermattung und Schmerz zusammenbrach, geruht hatte, war von so vielen Leiden und Gemüthsbewegungen keineswegs angegriffen, vielmehr schöner, herrlicher, gewaltiger denn je.

Amalie fühlte sich zugleich entzückt und niedergeschlagen. Jetzt sah sie ein, daß sie nichts konnte, und vielleicht auch, daß sie niemals etwas Rechts würde lernen können, als plötzlich vor den beiden jungen Mädchen mitten im Zimmer Albert's bleiches, sinnendes Gesicht erschien und in wunderbarer Rührung unbeweglich aushielt bis das Stück zu Ende war. Erst jetzt bemerkte ihn Consuelo und fuhr ein wenig zusammen. Aber Albert, beide Kniee beugend und zu ihr seine großen schwarzen Augen erhebend, die von Thränen überströmten, rief auf spanisch ohne den geringsten deutschen Accent:

– O Consuelo, Consuelo! endlich bist du gefunden!

– Consuelo? rief das junge Mädchen bestürzt, und bediente sich derselben Sprache; weshalb, Herr! nennen Sie mich so?

– Ich nenne dich Trost, entgegnete Albert immer auf spanisch, weil ein Trost meinem trostlosen Leben verheißen ist, und weil du der Trost bist, den Gott endlich meinen verwaisten und unseligen Tagen schenkt.

– Ich hätte nicht gedacht, sagte Amalie mit zurückgehaltener Wuth, daß die Musik eine so wunderbare Wirkung auf meinen Vetter hervorbringen könnte. Ninas Stimme ist geschaffen, Wunder zu wirken; ich gestehe es; aber ich will doch beiden bemerklich machen, daß es höflicher gegen mich und im Allgemeinen auch schicklicher wäre, sich in einer Sprache auszudrücken, die ich verstehen könnte.

Albert schien kein Wort von dem gehört zu haben, was seine Verlobte sagte. Er blieb auf den Knieen, blickte Consuelo mit unsäglichem Staunen und Entzücken an und wiederholte stets mit bewegter Stimme: Consuelo, Consuelo!

– Aber warum nennt er Sie so? fragte Amalie ein wenig heftig ihre Gefährtin.

– Er bittet mich um ein spanisches Lied; das ich nicht kenne, antwortete Consuelo in großer Verwirrung; aber ich glaube, daß wir gut thun werden, aufzuhören; denn die Musik scheint ihn heute sehr anzugreifen. Hiermit stand sie auf, um fortzugehen.

– Consuelo! wiederholte Albert auf spanisch und fügte hinzu: wenn du von mir gehst, so ist es um mein Leben gethan, und ich will nicht wieder auf die Erde zurückkehren.

Mit diesen Worten stürzte er besinnungslos zu ihren Füßen nieder, und die beiden jungen Mädchen riefen erschreckt nach der Dienerschaft, um ihn hinwegzutragen und ihm Beistand zu leisten.

3.

Graf Albert wurde sanft auf sein Bett niedergelassen; und während von den beiden Bedienten, welche ihn dahin geschafft hatten, der eine nach dem Kaplan lief, der im Nothfall den Hausarzt machte, der andere nach dem Grafen Christian, der befohlen hatte, ihm von der geringsten Unpäßlichkeit, die seinen Sohn befiele, augenblicklich Nachricht zu geben, suchten Amalie und Consuelo das Stiftsfräulein.

Aber noch ehe eine dieser Personen sich zu dem Kranken begeben hatte, was in der That so schleunig als nur möglich geschah, war Albert verschwunden. Man fand die Thür offen, sein Bett kaum eingedrückt durch die Ruhe eines Augenblicks, die er darauf gefunden hatte, und sein Zimmer ganz in der gewohnten Ordnung. Man suchte ihn überall, und er war, wie immer in dergleichen Fällen, nirgend zu finden; hiernach verfiel die Familie in einen jener Zustände von trauriger Resignation, welche Amalie geschildert hatte, und man schien bereit, in dem stummen Grauen, das man gewohnt war, nicht mehr in Worte zu kleiden, die stets gehoffte und stets ungewisse Rückkehr des fantastischen jungen Mannes abzuwarten.

Obgleich es Consuelo lieb gewesen wäre, wenn Albert's Angehörige nichts von dem seltsamen Auftritte erfahren hätten, der in Amaliens Zimmer vorgegangen war, so unterließ die letztere doch nicht, alles zu erzählen und in lebhaften Farben die plötzliche und heftige Wirkung zu schildern, welche der Gesang der Porporina auf ihren Vetter hervorgebracht hatte.

– Es ist also ausgemacht, daß ihm die Musik schlecht bekommt! bemerkte der Kaplan.

– Wenn das ist, sagte Consuelo, so werde ich mich wohl hüten wieder zu singen, und wenn ich mit der jungen Baronin wieder Stunde halte, so wollen wir uns so gut einschließen, daß kein Ton zu dem Ohre des Grafen Albert dringen kann.

– Das wird ein außerordentlicher Zwang für Sie sein, meine liebe Demoiselle! sagte das Stiftsfräulein. Ach! meine Schuld ist's nicht, daß Sie keinen angenehmeren Aufenthalt hier haben.

– Ich will Ihre Leiden und Ihre Freuden mit Ihnen theilen; entgegnete Consuelo, und ich wünsche mir keine andere Genugthuung, als durch Ihr Vertrauen und Ihre Freundschaft dazu berufen zu sein.

– Sie sind ein edeldenkendes Mädchen, sagte das Stiftsfräulein und reichte ihr ihre lange, dürre Hand, die wie gelbes Elfenbein glänzte. Aber hören Sie, setzte sie hinzu, ich bin nicht der Meinung, daß die Musik meinem lieben Albert wirklich nachtheilig sei. Nach dem zu urtheilen, was Amalie von dem Austritte dieses Morgens erzählt, sehe ich im Gegentheil, daß er ein zu lebhaftes Vergnügen empfunden hat, und vielleicht rührte sein Leiden gerade daher, daß Sie Ihren bewundernswürdigen Gesang zu schnell für sein Gefühl abbrachen. Was sagte er Ihnen aus spanisch? Er spricht diese Sprache, habe ich gehört, vollkommen gut, wie er auch noch viele andere Sprachen auf seinen Reisen mit erstaunlicher Leichtigkeit sprechen gelernt hat. Wenn man ihn fragt, wie er es möglich gemacht habe, so viele verschiedenartige Sprachen zu behalten, so antwortet er, er habe sie schon vor seiner Geburt gewußt, und brauche sich ihrer nur wieder zu erinnern, denn die eine habe er vor zwölfhundert Jahren gesprochen, die andere als er auf dem Kreuzzuge war, was weiß ich? Ach Gott! Da man es nun vor Ihnen nicht geheim halten darf, liebe Signora! Sie werden seltsame Geschichten hören von dem, was er seine früheren Existenzen nennt. Aber geben Sie uns doch in unserem Deutsch, das Sie schon so gut sprechen, das wieder, was er Ihnen in Ihrer Sprache, die hier Niemand versteht, gesagt hat.

Consuelo empfand in diesem Augenblick eine Verlegenheit, welche sie sich selbst nicht zu erklären vermochte. Indessen entschloß sie sich, beinah die ganze Wahrheit zu sagen; sie erklärte, daß Graf Albert sie gebeten hätte, fortzufahren, nicht hinwegzugehen, und daß er ihr gesagt hätte, sie gewährte ihm großen Trost.

– Trost? rief die scharfblickende Amalie. Hat er dieses Wort gebraucht? Sie wissen, Tante! welche Bedeutung es im Munde meines Vetters hat.

– In der That, es ist ein Wort, das er sehr häufig auf den Lippen trägt, entgegnete Wenceslawa, und das für ihn einen prophetischen Sinn hat; jedoch im vorliegenden Falle finde ich nur etwas sehr natürliches im Gebrauche eines solchen Wortes.

– Aber was für ein Wort war es, das er Ihnen so oft wiederholt hat, liebe Porporina? fing Amalie wieder an, die nicht los ließ. Es schien mir, als ob er Ihnen ein besonderes Wort immer wieder sagte, welches ich in meiner Verwirrung nicht behalten habe.

– Ich habe es selbst nicht verstanden, antwortete Consuelo, während es sie eine große Ueberwindung kostete, zu lügen.

– Liebe Nina! sagte ihr Amalie ins Ohr, Sie sind fein und schlau; was mich betrifft, die ich nicht geradezu auf den Kopf gefallen bin, so glaube ich sehr wohl verstanden zu haben, daß Sie der mystische Trost sind, dessen Verheißung Albert in seinen Gesichten für sein dreißigstes Jahr empfangen hat. Geben Sie sich keine Mühe, es mir zu verhehlen, daß Sie es noch besser als ich verstanden haben: das ist eine himmlische Mission, auf die ich nicht eifersüchtig bin.

– Hören Sie, liebe Porporina! sagte das Stiftsfräulein nach einigem Besinnen, wir haben immer geglaubt, daß Albert, wenn er wie wirklich durch Zauberei vor uns verschwand, sich nicht fern von uns verborgen halte, vielleicht im Hause selbst, mit Hülfe irgend eines verborgenen Raumes, dessen Geheimniß er allein besitzt. Ich weiß nicht, aber ich bilde mir ein, wenn Sie jetzt zu fingen anfingen, so würde er es hören und zu uns kommen.

– Wenn ich das glauben dürfte! ... sagte Consuelo, bereit, zu gehorchen.

– Aber wenn Albert in unserer Nähe ist, und nun doch vielleicht die Musik seinen Wahnsinn steigert? wandte die eifersüchtige Amalie ein.

– Je nun! sagte Graf Christian, man muß den Versuch jedenfalls machen. Ich habe sagen hören, daß der unvergleichliche Farinelli die Macht besaß, durch seinen Gesang die Schwermuth des Königs von Spanien zu verscheuchen, wie der junge David Macht hatte, Sauls Raserei durch den Klang seiner Harfe zu bezähmen. Versuchen Sie es, edele Porporina! eine so reine Seele, wie die Ihrige, muß durchaus einen heilsamen Einfluß auf alles umher ausüben.

Consuelo, gerührt, setzte sich an das Klavier und sang einen spanischen Hymnus zu Ehren »Unserer lieben Frau zum Troste,« den ihre Mutter ihr in ihrer Kindheit gelehrt hatte und der so anfing: » Consuelo de mi alma« (»Trost meiner Seele«).

Sie sang ihn mit so reiner Stimme und in einem so rührend frommen Tone, daß die Bewohner des alten Schlosses fast den Gegenstand, der sie beschäftigte, vergaßen, um sich ganz den Gefühlen der Hoffnung und des Vertrauens zu überlassen. Ein tiefes Schweigen herrschte innerhalb und außerhalb des Schlosses; man hatte Thüren und Fenster geöffnet, damit Consuelo's Stimme so weit als möglich dringen könnte, und der Mond warf ein grünliches Licht auf die Vertiefungen der ungeheuern Fenster. Alles schwieg, und eine Art seliger Heiterkeit war an die Stelle der Herzensangst getreten, als ein tiefer Seufzer, wie aus einer Menschenbrust gehaucht, dem letzten Ton antwortete, den Consuelo hören ließ.

Dieser Seufzer war so vernehmbar und so lang gezogen, daß alle Anwesenden ihn bemerkten, selbst Baron Friederich, der aus seinem Schlummer halb auffuhr und sich umsah, als ob ihn Jemand gerufen hätte. Alle erbleichten und sahen einander an, als wollten sie sagen: ich war es nicht, wart ihr es? Amalie konnte einen Schrei nicht zurückhalten, und Consuelo, der es vorkam, als ob der Seufzer von dicht neben ihr ausgegangen wäre, obgleich sie ganz abgesondert von der übrigen Familie am Klavier saß, war so erschrocken, daß sie kein Wort hervorbringen konnte.

– Göttliche Güte! sagte das Stiftsfräulein vor Schreck zitternd, habt ihr diesen Seufzer vernommen, der aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien?

– Sagen Sie lieber, Tante! rief Amalie aus, daß er über unsern Häuptern hinging, wie ein Nachthauch.

– Eine Nachteule, vom Lichte angezogen, wird durch das Zimmer geflogen sein, während wir ganz in die Musik vertieft waren, und wir haben den leisen Schlag ihrer Flügel gehört, als sie durch das Fenster entwich, äußerte der Kaplan, dem jedoch die Zähne vor Furcht zusammenschlugen.

– Es war vielleicht Albert's Hund, sagte Graf Christian.

– Ajax ist nicht hier, entgegnete Amalie. Wo Albert ist, da ist Ajax auch immer bei ihm. Es hat hier Jemand seltsam geseufzt. Wenn ich mir nur getraute ans Fenster zu gehen, so würde ich nachsehen, ob nicht wer im Garten zugehört hat, aber wenn es mein Leben gälte, so hätte ich nicht so viel Kraft

– Für ein so vorurtheilsfreie Person, sagte Consuelo leise zu ihr, indem sie sich zu lächeln zwang, für eine kleine, französische Philosophin sind Sie gar nicht tapfer, liebe Baronin; ich will versuchen, ob ich es mehr sein werde als Sie.

– Gehen Sie nicht, Liebe! antwortete Amalie laut. Spielen Sie nicht die Heldin, denn Sie sind bleich wie der Tod, und Sie werden eine Ohnmacht davontragen.

– Was für Kindereien äffen deine Sorge, liebe Amalie! sagte Graf Christian und ging mit gemessenem, schwerem Schritt ans Fenster.

Er sah hinaus und gewahrte Niemanden; ruhig machte er das Fenster zu und sagte:

– Es scheint, daß für die hitzige Einbildungskraft der Frauen die wirklichen Leiden noch nicht heiß genug sind; sie müssen immer noch die Schöpfungen ihres in Selbstqual nur zu erfinderischen Kopfes hinzuthun. Dieser Seufzer hat gewiß nichts Wunderbares. Einer von uns, ergriffen von der herrlichen Stimme und dem unendlichen Talent der Signora, wird, ohne es selbst zu wissen, diese Art Ruf aus der tiefsten Seele ausgestoßen haben. Vielleicht bin ich es gewesen und habe es selbst nicht einmal wahrgenommen. Ach Porporina, wenn es Ihnen nicht gelingt, Albert zu heilen, so müssen Sie wenigstens einen himmlischen Balsam in so tiefe Wunden, wie die seinigen, gießen.

Das Wort dieses heiligen Greises, der unter allem häuslichen Unglück, das ihn drückte, stets weise und ruhig erschien, war selbst ein himmlischer Balsam und Consuelo empfand die Wirkung davon. Sie war versucht, sich vor ihm auf die Kniee zu werfen und ihn um seinen Segen zu bitten, wie sie den des Porpora empfangen hatte, als sie von ihm schied, und den Marcellos an dem schönsten Tage ihres Lebens, der die Reihe ihrer unglücklichen und einsamen Tage angefangen hatte.

4.

Mehre Tage vergingen, ohne daß man irgendetwas von Graf Albert hörte, und Consuelo, der diese Lage tödtlich peinvoll dünkte, war erstaunt zu sehen, daß die Familie Rudolstadt unter der Last einer so nagenden Ungewißheit kein Zeichen von Verzweiflung oder auch nur Ungeduld blicken ließ. Die Gewohnheit schwerer Leiden bringt eine Art scheinbarer Fühllosigkeit oder wirklicher Verhärtung hervor, welche für Seelen, deren Reizbarkeit noch nicht durch langes Dulden abgestumpft ist, fast etwas Verletzendes und Erzürnendes hat. Consuelo, die sich wie von einem Alp gedrückt fühlte inmitten dieser düsteren Erscheinungen und dieser unbegreiflichen Vorgänge, sah mit Erstaunen die Hausordnung kaum gestört, das Stiftsfräulein stets gleich unermüdlich, den Baron stets gleich eifrig mit der Jagd beschäftigt, den Kaplan stets gleich pünktlich, immer die nämlichen Andachtsübungen zu verrichten, und Amalien stets gleich fröhlich und spottlustig. Die heitere Laune der letzteren war ihr ganz besonders ärgerlich. Es war ihr unbegreiflich, wie diese schäkern und lachen konnte, während sie selbst kaum Ruhe fand zu lesen oder zu nähen.

Das Stiftsfräulein stickte mittlerweile an einer Altardecke für die Schloßkapelle. Es war ein Meisterstück von Geduld, von Feinheit und Zierlichkeit. Kaum hatte sie einen Umgang im Hause gehalten, so kam sie zurück und setzte sich an ihren Stickrahm, wenn auch nur um einige wenige Stiche hinzuzufügen, und die Zwischenzeit zu füllen, bis es wieder etwas auf dem Speicher, oder in der Küche, oder im Keller zu schaffen gäbe. Man mußte es sehen, mit welcher Wichtigkeit alle diese kleinen Dinge behandelt wurden, und wie dieses schwächliche Geschöpf mit immer gleichem, immer würdigen und gemessenen, aber niemals zögernden Schritt durch das Haus stapfte und in allen Winkeln ihres kleinen Reiches schaltete, tausendmal des Tages und in allen Richtungen den beschränkten und einförmigen Bezirk ihres häuslichen Gebietes durchmessend.

Was der Consuelo noch merkwürdig schien, war die Hochachtung und Bewunderung, welche dieser unermüdlichen Beflissenheit in einem Magddienst, den die alte Dame mit so vieler Liebe und Eifersucht umfaßt zu haben schien, sowohl in der Familie als außerhalb allgemein gezollt wurden. Wenn man sie mit der größten Sparsamkeit und Bedächtigkeit die geringfügigsten Dinge anordnen sah, so hätte man sie für beschränkt und mißtrauisch halten sollen. Und dennoch besaß sie in allen entscheidenden Lagen wahre Seelengröße und Hochherzigkeit.

Aber diese edeln Eigenschaften, und sonderlich die mütterliche Zärtlichkeit, welche sie in Consuelo's Augen so seelenverwandt und so ehrwürdig machten, hätten nicht hingereicht, sie in den Augen der Andern zur Heldin der Familie zu machen. Da bedurfte es mehr; es bedurfte vor allen Dingen dieser ernsten feierlichen Handhabung all dieses wirthschaftlichen Tands, wenn auch einen Werth haben sollte was sie allem dem zum Trotz besaß, einen hohen weiblichen Sinn und eine starke Seele. Es ging kein Tag hin, ohne daß Graf Christian, oder der Baron oder der Kaplan, so oft sie nur den Rücken wandte, wiederholten: was für eine kluge Frau! was für eine tüchtige Frau! was für eine bedächtige Frau! Selbst Amalie, welche keinen Unterschied kannte zwischen der wahren Höhe des Lebens und den Kindereien, die, wiewohl in anderer Form, auch das ihrige ausfüllten, getraute sich es nicht, ihrer Tante in Bezug auf diesen Punkt etwas anzuhängen, den einzigen, der für Consuelo einen Schatten mitten in das helle Licht warf, das die lautere, liebevolle Seele dieser buckligen Wenceslawa von sich strahlte.

Der Cingarella, auf der Landstraße geboren und verloren in der Welt, ohne anderen Herrn und anderen Hüter als ihren eigenen Genius, dünkten so viele Mühen, so viel Thätigkeit und Aufwand geistiger Kraft um so elende Zwecke als die Erhaltung oder Herstellung von dem und jenem, diesem oder anderem Essen, eine schreckliche Mißhandlung des menschlichen Geistes. Sie, die nichts besaß und nichts begehrte von den Gütern dieser Welt, sie schmerzte es, eine schöne Seele sich so mit Willen verunstalten zu sehen durch die Geschäftigkeit um Korn, Wein, Holz, Flachs, Vieh und Hausbedarf.

Wenn man ihr all dies Gut, wonach die meisten Menschen gieren, angeboten hätte, sie hätte nichts an dessen Statt begehrt als eine Minute zurück von ihrem alten Glück, nichts als ihre Lumpen, ihren schönen Himmel, ihre reine Liebe und ihre Freiheit auf den Lagunen Venedigs: bitteres und köstliches Angedenken, das sich in ihrem Hirn mit immer glänzenderen Farben malte, je weiter sie sich von diesem lachenden Horizont entfernte, um in die eisige Region zu dringen, die man das wirkliche Leben nennt.

Es schnürte ihr furchtbar das Herz zu, wenn sie bei einbrechender Nacht das Stiftsfräulein von Hans begleitet, mit einem großen Schlüsselbunde durch alle Gebäude, alle Höfe gehen sah, um persönlich die Runde zu machen, um jedes Thürchen selber zuzuschließen, um jeden Winkel, wo sich Missethäter versteckt haben konnten, zu durchsuchen, gleich als hätte Niemand hinter diesen furchtbaren Mauern sicher schlafen können, bevor nicht die Flut des von naher Schleuse gefesselten Baches sich brausend in die Schloßgräben gestürzt hatte, während man die Gatter verriegelte und die Brücken aufzog.

Consuelo hatte so oft auf ihren weiten Reisen am Rande einer Heerstraße geschlafen, mit einem Zipfel von dem zerrissenen Mantel ihrer Mutter über sich statt alles Schutzes! Sie hatte so oft die Morgenröthe auf Venedigs weißen, wellengeküßten Fliesen begrüßt, ohne einen Augenblick für ihre jungfräuliche Ehre, ihr einziges Gut, dessen Hütung ihr am Herzen lag, zu fürchten. Ach! sagte sie zu sich, wie sind doch diese Leute zu beklagen, daß sie so viel zu bewachen haben! Ihre Sicherheit ist das Ziel, dem sie Tag und Nacht nachjagen, und vor allem Jagen danach, finden sie keine Zeit, es zu erreichen, noch sich sein zu freuen.

Sie seufzte daher schon ebenso, wie Amalie, in diesem schwarzen Gefängniß, dieser schaurigen Riesenburg, wo die Sonne selbst sich zu fürchten schien, hinein zu scheinen. Aber anstatt daß die junge Baronin Feste, Putz und Huldigungen träumte, träumte Consuelo eine Ackerfurche, ein Gehölz oder eine Barke sich zum Wohnpallaste, und den weiten Horizont zur Mauer und den unendlichen Sternenhimmel zur einzigen Augenweide.

Da das rauhe Klima und der Verschluß des Schlosses sie zwangen, die Gewohnheit aufzugeben, welche sie noch von Venedig mitgebracht hatte, einen Theil der Nacht zu durchwachen und Morgens spät aufzustehen, so machte sie Versuche, und nach mancher schlaflosen, unruhigen Stunde und manchem schaurigen Träumen gelang es ihr endlich, sich in das rauhe Gesetz der Einsperrung zu fügen, und sie entschädigte sich dann dafür, indem sie es wagte, allein auf die benachbarten Berge hinaus einen Morgenspaziergang zu machen. Beim ersten Anbruch des Tages wurden die Thore geöffnet und die Brücken niedergelassen, und während Amalie, die einen Theil der Nacht damit zubrachte, heimlich Romane zu lesen, lag und schlief, bis es zum Frühstück läutete, eilte die Porporina hinaus, die freie Luft zu athmen und die feuchten Pflanzen des Waldes niederzutreten.

Eines Morgens, als sie sehr leise auf den Zehenspitzen hinabstieg, um Niemanden zu wecken, verfehlte sie ihren Weg unter den vielen Treppen und endlosen Corridoren der Burg, in welcher sie sich noch immer nur mit Mühe zurechtfand. In diesem Labyrinthe von Gängen und Quergängen verirrt, gerieth sie in eine Art Vorhalle, die ihr fremd war und hoffte von da einen Ausgang in den Garten zu finden. Aber sie gelangte nur zum Eingang einer kleinen Kapelle von schönem alterthümlichen Styl und kaum beleuchtet durch eine Rosette oben in der Wölbung, die nur auf die Mitte des Fußbodens eine matte Helle warf und alles Uebrige in geheimnißvollem Dunkel ließ.

Die Sonne stand noch unter dem Horizont, der Morgen war grau und trüb. Consuelo glaubte im ersten Augenblick sich in der Schloßkapelle zu befinden, wo sie schon eines Sonntags die Messe gehört hatte. Sie wußte, daß diese Kapelle eine Thür nach den Gärten hatte; aber sie wollte nicht hindurchschreiten, ohne am Altar, ihr Gebet zu verrichten und kniete auf der ersten Stufe nieder.

Wie es aber den Künstlern oft zu gehen pflegt, daß sie, ungeachtet aller Anstrengungen, ihren Geist in der Sphäre der Gedanken festzuhalten, sich durch die äußern Gegenstände davon abziehen lassen, so konnte sie sich in ihr Gebet nicht so vertiefen, daß sie nicht daneben einen neugierigen Blick auf ihre Umgebung geworfen hätte, und sie bemerkte bald, daß sie sich nicht in der Kapelle befand, sondern an einem Orte, den sie zuvor noch nicht betreten hatte. Es war weder das gelbe Schiff, noch waren es dieselben Ornamente.

Obwohl diese unbekannte Kapelle ziemlich klein war, so konnte man doch die Gegenstände darin noch nicht deutlich unterscheiden, und was Consuelo am meisten auffiel, war eine weißliche Bildsäule dem Altar gegenüber in jener steifen, ernsten Haltung kniend, welche ehedem bei Statuen, die zur Verzierung der Gräber dienten, in Gebrauch war. Sie glaubte sich nun an einer, den Ueberresten und dem Andenken verehrter Ahnen geweihten Stätte, und da sie seit ihrem Aufenthalt in Böhmen ein wenig furchtsam und abergläubisch geworden war, so kürzte sie ihr Gebet ab, und stand auf, um hinauszugehen.

Aber in dem Augenblicke, wo sie noch einen letzten, scheuen Blick auf die zehn Schritte von ihr kniende Figur warf, sah sie die Bildsäule deutlich ihre gefalteten steinernen Hände auseinander thun und langsam ein großes Kreuz machen, während sie einen tiefen Seufzer ausstieß.

Consuelo war nahe daran, rücklings niederzustürzen, und dennoch vermochte sie nicht, ihre verstörten Augen von der furchtbaren Bildsäule abzuwenden. Es mußte sie in dem Glauben, eine steinerne Figur zu sehen, bestärken, daß diese nicht den Schreckensschrei zu hören schien, den Consuelo ausstieß, und ihre beiden großen, weißen Hände wieder zusammenlegte, ohne den geringsten Zusammenhang mit der Außenwelt zu verrathen.

5.

Wenn die erfinderische und fruchtbare Anna Radcliffe sich an der Stelle des ehrlichen und unbeholfenen Erzählers dieser sehr wahrhaften Geschichte befunden hätte, so würde sie sich eine so schöne Gelegenheit nicht haben entgehen lassen, verehrte Leserin! Sie ein halbes Dutzend herrlicher und spannender Bände hindurch unter Corridoren, Fallthüren, Wendeltreppen, finstern Gängen und unterirdischen Gewölben umherzuführen, um Ihnen erst im siebenten Bande den Schlüssel zu allen Geheimnissen ihres kunstreichen Werkes zu überliefern.

Aber die Leserin, deren Unterhaltung unsere Aufgabe ist, würde als ein starker Geist vielleicht den unschuldigen Kunstgriff des Romanschreibers in unsern Tagen nicht so gut aufnehmen. Und da es ohnehin sehr schwer sein würde, ihr das Geringste aufzuheften, so wollen wir ihr geschwind, so geschwind als möglich, das Wort unserer ganzen Räthsel entdecken. Und wollen, um gleich zwei mit einem Schlage abzuthun, bekennen, daß Consuelo, nachdem sie einige Augenblicke wieder bei kaltem Blute war, erstlich in der beseelten Statue vor ihren Augen nichts Anderes als den alten Grafen Christian erkannte, der sein Morgengebet in seinem Oratorium in Gedanken hersagte, und zweitens in jenem Seufzer der Zerknirschung, der ihm unbewußt entfuhr, wie alten Leuten oft, das nämliche dämonische Seufzen, welches eines Abends ihr Ohr traf, als sie eben den Bittgesang an »Unsere liebe Frau zum Trost« gesungen hatte.

Consuelo schämte sich ein wenig ihres Schauders und blieb, aus Ehrfurcht und um nicht ein so brünstiges Gebet zu stören, an ihre Stelle gebannt. Nichts konnte erhebender und rührender sein als der Anblick dieses auf den Steinen knienden Greises, der sein Herz am frühen Morgen Gott darbrachte, so ganz hingegossen in eine Art himmlischer Verzückung, daß seine Sinne jedem Eindruck der sichtbaren Welt verschlossen schienen. Seine edlen Züge verriethen keine schmerzliche Spannung. Ein Luftzug, welcher durch die Thür kam, die Consuelo offen gelassen hatte, spielte um seinen Nacken in einem Halbkranz von Silberlocken, und feine hohe, bis zum Scheitel nackte Stirn glänzte wie vom Alter vergilbter Marmor. In einem weißwollenen altmodischen Schlafrock, der fast wie eine Mönchskutte aussah und um seine mageren Glieder große steife und schwere Falten bildete, glich er vollkommen einer Grabstatue, und als er seine unbewegliche Haltung wieder angenommen hatte, mußte Consuelo zweimal hinsehen, um nicht in ihre erste Täuschung zurückzufallen.

Nachdem sie ihn eine Zeit lang aufmerksam betrachtet hatte, indem sie ihre Stellung mehr zur Seite nahm, um ihn besser sehen zu können, fragte sie sich, gleichsam unwillkürlich, mitten in ihrer Bewunderung und Rührung, ob ein Gebet der Art, wie es dieser Greis zu Gott emporschickte, wohl zur Genesung seines unglücklichen Sohnes helfen könnte, ob eine so duldsam den überlieferten Glaubenssätzen und den starren Schlüssen des Schicksals unterworfene Seele wohl je die Glut, den Scharfblick und die Kraft besessen haben mochte, welche Albert in seinem Vater hätte finden müssen, um sich von ihm leiten zu lassen.

Auch Albert hatte einen mystischen Sinn; auch er hatte ein frommes und beschauliches Leben geführt; aber nach allem, was Amalie erzählt, nach allem, was Consuelo seit ihrem kurzen Aufenthalt im Schlosse mit eigenen Augen gesehen hatte, war Albert nie dem Rathgeber, Führer und Freund begegnet, der seine Einbildungskraft hätte leiten, die Heftigkeit seiner Gefühle dämpfen und den ungezähmten Brand seines Tugendeifers besänftigen können.

Sie sah ein, daß er sich vereinsamt fühlen und wie einen Fremdling sich betrachten mußte, inmitten dieser Familie, die ihm stets nur eigensinnig widerstritt oder schweigend ihn beklagte als einen Ketzer oder Narren; sie fühlte es an sich selbst, an der Art Ungeduld, die ihr dies unempfindliche, endlose, an den Himmel gerichtete Gebet erregte, das ihm allein die Sorge aufzubürden schien; die man selber hätte übernehmen müssen, den Flüchtling zu entdecken, zu ihm zu eilen, ihn zu überreden und zurückzuführen.

Denn welch eine starke Anwandlung von Verzweiflung, welch eine unsägliche Verwirrung der Seele mußte es nicht sein, die einen Jüngling von so liebevollem, gutem Herzen aus der Mitte seiner Angehörigen reißen konnte, um ihn in eine völlige Selbstvergessenheit zu stürzen und ihm sogar die Ahnung der Besorgnisse und Qualen, die er dem theuersten Wesen bereitete, zu rauben.

Daß man es sich zum Gesetz gemacht hatte, ihm nie zu widersprechen und in tödtlicher Unruhe Ruhe zu heucheln, dünkte dem festen und graden Sinne Consuelo's eine strafbare Nachlässigkeit, oder ein grober Irrthum. Es lag darin die Art Dünkel und Selbstsucht, die Leuten von religiöser Beschränktheit eigen ist, Leuten, welche die Binde der Intoleranz sich geduldig um ihre Augen legen lassen und an einen einzigen, genau von Priesterhand vorgezeichneten Weg zum Himmel glauben.

Guter Gott! sagte Consuelo in ihrem Herzen betend; wäre denn diese große Seele Albert's, die so glühend, so voll von Menschenliebe, so rein von irdischer Leidenschaft ist, wäre sie denn weniger köstlich in deinen Augen als die geduldigen, schlaffen Seelen, welche die Unbilde der Welt sich schweigend gefallen lassen und ohne Zorn Gerechtigkeit und Wahrheit auf Erden verkannt und mißachtet sehen? Wäre er vom bösen Geist getrieben, dieser Jüngling, der von Kindheit auf all sein Spielzeug, alle seine hübschen Sachen armen Kindern gab und der vom ersten Erwachen des Nachdenkens an sich all seines Reichthums berauben wollte, um die Noth der Menschen zu erleichtern? Und sie, diese sanftmüthigen, wohlwollenden Herren, welche dem Unglücklichen unfruchtbare Thränen spenden und ihm mit kargen Gaben beispringen, handeln sie klug, zu glauben, daß sie mit Gebeten und mit Unterwürfigkeit gegen Kaiser und Papst den Himmel eher gewinnen werden als mit großen Thaten und gewaltigen Opfern!

Nein, Albert ist nicht toll; eine Stimme sagt es mir in der Tiefe meiner Seele, daß er das schönste Musterbild eines Heiligen und Gerechten ist, das aus den Händen der Natur hervorgegangen. Und wenn schwere Träume, seltsame Täuschungen die Klarheit seiner Vernunft umdunkelt haben, wenn er geistesirr ist, wie sie glauben, so trägt die Schuld davon allein ihr blindes Widerstreben, dieser Mangel an aller inneren Gemeinschaft, die Vereinsamung des Herzens.

Ich habe die Zelle gesehen, wo Tasso als toll eingeschlossen war, und ich habe mir gedacht, vielleicht war er nur durch Ungerechtigkeiten wild gemacht. Ich habe die großen Heiligen der Christenheit, deren rührende Geschichte mich als Kind zu Thränen und Gedanken brachte, in den Salons von Venedig tolle Menschen nennen hören, ihre Wunder Taschenspielerstückchen und ihre Offenbarungen kranke Hirngespinnste.

Aber mit welchem Rechte sprechen diese Leute hier, dieser fromme Greis, dieses furchtsame Fräulein, die an die Wunder der Heiligen und an den Genius der Dichter glauben, über ihr Kind das Urtheil einer Schmach und Strafe, die nur Geistesschwache und Verworfene treffen sollte!

Toll! Aber es ist etwas Furchtbares, etwas Zurückstoßendes, die Tollheit! ein göttliches Gericht über entsetzliche Verbrechen. Und aus Tugend sollte ein Mensch toll werden! Ich dachte immer, es wäre genug, unter der Last eines unverdienten Unglücks zu wanken, um Anspruch auf die Achtung wie auf das Mitleid der Menschen zu haben.

Und wenn ich – wenn ich nun toll geworden wäre, wenn ich den fürchterlichen Tag verflucht hätte, wo ich Anzoleto in den Armen einer Anderen sah, ich würde also auch jeden Anspruch auf treuen Rath, auf Trost und geistige Erquickung von den Christen, meinen Brüdern, eingebüßt haben? Man hätte mich also hinausgestoßen, oder mich auf den Straßen allein umherirren lassen und gesagt: Ihr ist nicht zu helfen, man muß ihr Almosen geben und nicht mit ihr reden, denn sie hat zu viel gelitten und darüber den Verstand verloren?

Ja, so behandeln sie diesen unglücklichen Grafen Albert. Sie geben ihm zu essen, kleiden ihn, warten ihn, reichen ihm, mit einem Worte, das Almosen einer kindischen Pflege.

Aber mit ihm reden? Nein! man schweigt, wenn er fragt, man senkt den Kopf oder wendet sich weg, wenn er zu überzeugen sucht. Man läßt ihn fliehen, wenn das grauenvolle Gefühl der Einsamkeit ihn in noch tiefere Einsamkeiten treibt und wartet auf seine Zurückkunft, Gott bittend, über ihn zu wachen und ihn frisch und gesund wieder heim zu bringen, als ob der Ocean zwischen ihm und denen, die ihn lieben, läge. Und doch denkt man, er sei nicht fern, doch läßt man mich singen, um ihn zu wecken, falls er etwa im hohlen Innern irgend einer Wand oder im Stamme eines alten Baums der Nachbarschaft verborgen von seinem lethargischen Schlafe gefesselt läge. Und man hat nicht alle geheimen Schlupfwinkel dieses alten Baues aufzuspüren gewußt, man hat sich nicht bis in die Eingeweide dieses unterhöhlten Bodens hineingegraben!

Ach! ich sollte Albert's Vater oder Tante sein, ich hätte keinen Stein auf dem andern gelassen, bis er gefunden wäre; kein Baum des Waldes wäre stehen geblieben, bis ich ihn wiedergehabt hätte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, hatte Consuelo geräuschlos das Oratorium des Grafen Christian verlassen, da sie, ohne zu wissen wie, eine Thür gefunden hatte, die ins Freie führte. Sie verlor sich in den Wald, wo sie die wildesten beschwerlichsten Pfade aufsuchte, von einem romantischen und heldenmüthigen Triebe geleitet, der ihr die Hoffnung vorhielt, Albert zu finden. Keine niedrige Sucht, kein Schatten einer unbesonnenen Vorspiegelung drängte sie zu diesem abentheuerlichen Beginnen.

Albert erfüllte ihre Einbildung und beschäftigte ihre Gedanken allerdings ganz, aber in ihren Augen war es nicht ein schöner und von ihr eingenommener junger Mann, den sie an den einsamen Orten suchte, um ihn zu sehen und mit ihm allein zu sein; es war ein edler Unglücklicher, den sie sich einbildete retten oder wenigstens durch die Reinheit ihres Eifers beschwichtigen zu können. Sie würde ebenso einen ehrwürdigen erkrankten Eremiten aufgesucht haben, um ihn zu pflegen, oder ein verloren gegangenes Kind, um es seiner Mutter zurückzubringen.

Sie war selbst ein Kind, und doch war in ihr eine Offenbarung der Mutterliebe, es war in ihr ein kindlicher Glaube, eine brennende Liebe, ein begeisterter Muth. Sie träumte und unternahm diese Pilgerschaft wie Johanna d'Arc die Befreiung ihres Vaterlandes geträumt und unternommen hatte. Es kam ihr gar nicht in Gedanken, daß es möglich wäre, ihren Entschluß zu tadeln oder lächerlich zu finden; sie konnte es nicht begreifen, wie nicht Amalie, durch die Stimme des Bluts oder Anfangs durch die Hoffnungen der Liebe, zu demselben Unternehmen sich habe angetrieben fühlen und es glücklich vollenden müssen.

Sie ging mit schnellen Schritten: kein Hinderniß hielt sie auf. Das Schweigen dieser großen Wälder wirkte nicht mehr Traurigkeit und Furcht in ihrer Seele. Sie sah die Fährte der Wölfe im Sande und es bangte ihr nicht, ihrer hungrigen Rotte zu begegnen. Es war ihr, als ob eine himmlische Hand sie vorwärts triebe, welche sie unverletzlich machte. Sie, die den Tasso auswendig wußte, weil sie ihn alle Nacht auf den Lagunen gesungen hatte, dünkte sich wie der hochherzige Ubald, der den Rinaldo sucht, unter dem Schutze ihres Talismans durch die Schrecken des Zauberwalds hindurch zu schreiten.

Sie schritt leicht und behend über Wurzeln und Gestein, die Stirne leuchtend von innerlichem Stolz und die Wangen von einer leichten Röthe überflogen. Nie war sie auf der Bühne in heroischen Rollen schöner gewesen; ach, und sie dachte eben so wenig jetzt an die Bühne als sie die Bühne betretend damals an sich gedacht hatte.

Von Zeit zu Zeit blieb sie sinnend und in sich versunken stehen.

– Und wenn ich plötzlich auf ihn träfe, sagte sie zu sich, was würde ich ihm sagen, das ihn überzeugen und beruhigen könnte? Ich verstehe nichts von jenen mysteriösen, tiefen Sachen, welche sein Gemüth bewegen. Ich erkenne sie nur durch einen poetischen Schleier, den man kaum gelüftet hat vor meinen, von der Neuheit solcher Erscheinungen noch geblendeten Augen.

Ich müßte mehr als Eifer und Menschenliebe haben, ich müßte Wissenschaft besitzen und Beredtsamkeit, um Worte zu finden, eines mir so überlegenen Mannes würdig, eines Narren, der so weise neben allen den vernünftigen Wesen, die ich kennen gelernt, erscheint. Nun wohl! Gott wird mich sprechen lehren, wenn es Zeit sein wird, denn ich allein, ich könnte immerhin suchen, ich würde mich nur mehr und mehr verirren in dem Dunkel meiner Unwissenheit.

Ach! wenn ich viele religiöse Bücher und Geschichtsbücher gelesen hätte, wie Graf Christian und das Fräulein Wenceslawa! ja, wenn ich alle Vorschriften des gottesfürchtigen Wandels und alle Kirchengebete ordentlich wüßte, dann würde ich wohl damit zu Stande kommen, eines oder anderes passend anzuwenden, aber ich habe kaum ein paar Antworten aus dem Katechismus gelernt und behalten und zu beten versteh ich nur am Chorpult.

Für die Musik ist er zwar sehr empfänglich, aber werde ich denn diesen gelehrten Theologen mit einer Kadenz oder ein paar Takten Singen überzeugen?

Sei es darum! es ist mir doch, als ob in meinem vollen und entschlossenen Herzen mehr überzeugende Kraft wäre, als in allen Lehren, die seine Angehörigen studirt haben, die so mild und gut sind, aber, so unschlüssig und kalt wie der Nebel und der Schnee ihres Landes.

6.

Nach vielen Kreuz- und Quergängen auf den verworrenen Pfaden dieses Waldes, gerieth Consuelo in einer bergigen und zerrissenen Landschaft auf eine Anhöhe voll von Felsblöcken und Mauertrümmern, die kaum von einander zu unterscheiden waren, so hatte die Menschenhand mit dem Zahne der Zeit wetteifernd, dort gewüthet. Es war nichts als ein Haufen von Steinen und Bruchstücken übrig, wo vor Zeiten ein Dorf gestanden, das der furchtbare Blinde, das berühmte Taboritenhaupt, Johann Ziska, niedergebrannt hatte, er, von dem Albert abzustammen glaubte, vielleicht auch wirklich abstammte.

In einer schwarzen, grausigen Nacht, als der wild, unermüdliche Führer seinen Haufen befohlen hatte, Riesenburg anzugreifen, das damals von kaiserlichen Truppen besetzt war, hatte er seine Leute murren und einen unter ihnen sagen hören: »Dieser verdammte Blinde meint auch, daß jedes Menschenkind so gut wie er ohne Licht sehen kann!« Da hatte sich Ziska zu einem der vier treuen Schüler gewandt, die ihn überall begleiteten, sein Pferd oder seinen Wagen führend, und ihm genau die Beschaffenheit des Terrains und die Stellung und Bewegung des Feindes berichtend, und hatte gesagt, seinem starken Gedächtniß oder dem Ahnungsvermögen folgend, die bei ihm die Stelle des Gesichts vertraten:

– Es ist ein Dorf hier bei?

– Vater, ja! hatte der Taborit, der ihn führte, geantwortet; rechts vor dir, auf einer Höhe, der Beste gerade gegenüber.

Und Ziska hatte den mißvergnügten Krieger rufen lassen, dessen Murren seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

– Mein Kind! hatte er zu ihm gesagt, du beschwerst dich über die Dunkelheit; geh eilends und wirf Feuer in das Dorf da auf der Höhe, zu meiner Rechten; beim Schein der Flammen werden wir gehen und streiten.

Der schreckliche Befehl war ausgeführt worden. Das brennende Dorf hatte den stürmenden Taboriten geleuchtet. Riesenburg war in zwei Stunden erobert worden und Ziska hatte davon Besitz genommen. Am andern Morgen hatte man bemerkt und ihm gemeldet, daß mitten unter dem Schutt des niedergebrannten Dorfes, und gerade auf dem Scheitel des Hügels, der den Soldaten zur Warte gedient hatte, um von da die Bewegungen in der Veste zu beobachten, eine junge Eiche, die einzige in dieser Gegend, aufrecht und grün geblieben war, augenscheinlich vor der Hitze des ringsum aufsteigenden Feuers durch das Wasser einer Cisterne, welche ihre Wurzeln tränkte, geschützt.

– Ich kenne die Cisterne wohl, hatte Ziska geantwortet. Zehn von den Unsrigen sind von den verfluchten Bauern aus diesem Dorfe hineingeworfen worden und seitdem ist der Stein, der sie bedeckt, nicht gelüftet worden. Laßt sie nur da, sie soll ihr Grabmal bleiben, sintemal wir nicht, wie Jene, zu denen gehören, die da glauben, daß die Seelen umherirren und an der Himmelsthüre von dem römischen Patron (Petrus, dem Schlüsselbewahrer, daraus sie einen Heiligen gemacht haben) hinweggejagt werden um dessentwillen, daß die Leichname in einer Erde verfaulen, so nicht von der Hand dieser Belialspfaffen geweiht ist. Ruhen die Gebeine unserer Brüder in Frieden in dieser Cisterne! ihre Seelen sind lebendig. Sie haben schon andere Leiber bekleidet und dieselbigen Märtyrer streiten unter uns, wiewohl wir sie nicht wiederkennen Ueber den Glauben der Hussiten an solche Seelenwanderung s. die Anmerk. am Schlusse dieses Bändchens. – D. U.. Was die Bauern aus diesem Ort anbelangt, so haben sie ihre Strafe dahin. Und die Eiche belangend, so hat sie wohlgethan, sich aus dem Feuer nichts zu machen, eine ruhmwürdigere Bestimmung war ihr aufbehalten, als die, Ungläubige zu beschatten. Es hat uns an einem Galgen gefehlt. Gehet, und holet mir her die zwanzig Augustiner, so wir gestern aus ihrem Kloster mitgenommen und die sich bitten lassen, uns zu folgen. Knüpft sie fein hoch und knapp an die Aeste der wackern Eiche, die wird danach erst kerngesund werden.

Gesagt, gethan. Die Eiche hatte seit jener Zeit »der Hussit« geheißen, und der Stein der Cisterne nebst dem zerstörten Dorf und der verlassenen Anhöhe »Schreckenstein«.

Consuelo hatte diese düstere Sage bereits mit allen Nebenumständen von Amalie erfahren. Aber da sie den Schauplatz derselben nur erst von weitem oder bei Nacht, als sie sich zum erstenmal dem alten Schlosse näherte, gesehen hatte, so würde sie ihn nicht wieder erkannt haben, wenn sie nicht auf dem Boden einer Schlucht, über welche der Weg hinführte, die furchtbaren Reste der vom Blitz zertrümmerten Eiche erblickt hätte, denn kein Diener des Schlosses hatte sie klein zu machen oder wegzuschaffen gewagt, da sich für sie noch jetzt, nach mehren Jahrhunderten, eine abergläubische Furcht an dieses Schreckensmal aus Johann Ziska's Zeiten knüpfte.

Die Gesichte und Vorhersagungen Albert's hatten der traurigen Stätte einen noch furchtbareren Charakter gegeben. Auch fühlte Consuelo, als sie sich allein und unversehens auf dem Schreckenstein fand (und sie hatte sich auf den Stein selbst, ermüdet niedergesetzt), ihren Muth entweichen und ihr Herz sich sonderbar zusammenziehn. Nicht nur nach Albert's, sondern nach Aller Aussage, die in der Gegend wohnten, ließen sich grauenvolle Erscheinungen häufig über dem Schreckenstein sehen, und verscheuchten die Jäger, welche verwegen genug waren, bis dorthin Beute zu suchen. Daher diente dieser Hügel, so nahe er dem Schlosse lag, oft Wölfen und anderen reißenden Thieren zum Aufenthalt und Zufluchtsort vor den Verfolgungen des Barons und seiner Hunde.

Der gleichmüthige Friederich glaubte zwar für sein Theil nicht eben an die Gefahr, daselbst vom Teufel angepackt zu werden, mit dem er übrigens sich Mann gegen Mann zu messen auch nicht viel Furcht gehabt haben würde, aber nach seiner Art abergläubisch und im Zusammenhange seines Ideenkreises hatte er das Vorurtheil, daß daselbst ein schädlicher Einfluß seine Hunde bedrohte und ihnen unbekannte und unheilbare Krankheiten an den Leib ziehen würde. Er hatte in der That mehre verloren, die von dem klaren Wasser, das aus den Adern dieser Höhe rann und vielleicht aus der verdammten Cisterne, dem alten Hussitengrabe, entsprang, getrunken hatten, und er war seitdem sehr beeifert, wenn in dieser Richtung einer seiner Schweißhunde schwärmte oder einer seiner Hühnerhunde revirte, ihn geschwind durch Zuspruch und Pfiff abzurufen.

Consuelo schämte sich der Anwandlung von Kleinmuth, den sie zu bekämpfen Willens war und zwang sich, einen Augenblick auf dem traurigen Stein zu bleiben, und dann mit so langsamen Schritten hinwegzugehen, wie es einem ruhigen Gemüthe bei dergleichen Proben geziemt. Aber in dem Augenblicke, wo sie ihre Augen von den Eichentrümmern, die sie zweihundert Fuß tief unter ihren Füßen gewahrte, abwendend auf die Gegenstände ihrer Umgebung richtete, bemerkte sie, daß sie sich auf dem Schreckenstein nicht allein befand und daß eine unerklärliche Gestalt sich neben ihr niedergelassen hatte, ohne ihre Annäherung durch das geringste Geräusch zu verrathen.

Es war ein großer, runder, stierer Kopf auf einem mißgestalteten, hageren und sprengselartig gekrümmten Körper, den ein unbeschreibliches Kostüm bedeckte, keiner Zeit und keinem Lande angehörig und in solchem Verfall, daß es an Unreinlichkeit grenzte. Indessen hatte diese Gestalt nichts Erschreckendes außer ihrer Seltsamkeit und dem Unerwarteten ihres Erscheinens, denn sie geberdete sich nicht feindselig. Ein sanftes, schmeichelndes Lächeln verzog ihren großen Mund, und ein kindischer Ausdruck milderte die Geistesverwirrung, die der unstäte Blick und die zuckenden Bewegungen verriethen.

Als sich Consuelo mit einem Tollen allein sah an einem Orte, wo ihr sicherlich Niemand zu Hülfe gekommen wäre, gerieth sie in wirkliche Furcht, ungeachtet der vielen Verbeugungen und des zuthunlichen Lächelns, womit dieser Wahnsinnige sie begrüßte. Sie glaubte, seine Grüße und sein Nicken erwiedern zu müssen, um ihn nicht böse zu machen, aber sie beeilte sich aufzustehen und sich zu entfernen, bleich und an allen Gliedern zitternd.

Der Tolle verfolgte sie nicht und that nichts, um sie zurückzurufen; er stieg nur auf den Schreckenstein, um ihr mit den Augen zu folgen, und fuhr fort, sie mit seiner Mütze zu grüßen, wobei er hüpfte und seine Arme und Beine schwenkte, ein böhmisches Wort mehrmals wiederholend, das sie nicht verstand.

Als sie eine Strecke von ihm entfernt war, gewann sie wieder so viel Muth, sich nach ihm umzusehen und auf ihn zu hören. Sie machte sich Vorwürfe, daß ihr vor der Nähe eines dieser Unglücklichen graute, die sie einen Augenblick zuvor in ihrem Herzen beklagt und gegen die Verachtung und Verstoßung, die von den Menschen ihnen widerfährt, in Schutz genommen hatte.

Es ist ein gutmüthiger Verrückter, sagte sie zu sich, vielleicht aus Liebe toll geworden. Er hat nirgend Rettung gefunden vor der Unempfindlichkeit und Verachtung der Menschen als auf diesem verdammten Stein, wo kein anderer zu hausen wagt, und wo für ihn die Geister und Gespenster menschlicher gesinnt sind als seines Gleichen, denn sie scheuchen ihn nicht fort und stören ihn nicht in seiner Lustigkeit. Armer Mann! mit deinen grauen Bart und deinem gekrümmten Rücken lachst und tollst du wie ein Kind! Gott behütet dich gewiß und segnet dich in deinem Unglück, da er dir nur lachende Gedanken zuschickt und dich nicht menschenfeindlich und wüthend gemacht hat, wie du es zu sein gewiß ein Recht hättest.

Als der Tolle sah, daß sie ihre Schritte anhielt und seine freundlichen Blicke zu verstehen schien, fing er an, auf böhmisch und mit ungemeiner Geläufigkeit zu ihr zu reden; seine Stimme hatte etwas außerordentlich Sanftes, einen eindringlichen Reiz, der ganz im Widerspruch mit seiner Häßlichkeit stand.

Consuelo, die ihn nicht verstand, glaubte, sie sollte ihm ein Almosen geben, und holte ein Geldstück hervor, das sie auf einen großen Stein legte, nachdem sie es ihm mit erhobener Hand gezeigt und den Ort bezeichnet hatte, wo sie es niederlegen wollte. Aber der Tolle fing noch lauter an zu lachen, rieb sich die Hände und sagte in gebrochenem Deutsch:

– Brauch nicht, brauch nicht. Zdenko nicht brauch. Zdenko glücklich, sehr glücklich. Zdenko hat Trost, Trost, Trost.

Dann plötzlich, als hätte er sich auf ein Wort besonnen, das er lange gesucht, rief er mit einem Freudengeschrei und ganz deutlich, obgleich er es sehr schlecht aussprach: » consuelo, consuelo, consuelo de mi alma!«

Consuelo blieb starr vor Staunen stehen, und rief ihm auf spanisch zu:

– Warum nennst du mich so? wer hat dir diesen Namen gesagt? verstehst du die Sprache, in der ich mit dir rede?

Auf alle diese Fragen, deren Antwort Consuelo vergeblich erwartete, that der Tolle nichts als springen und die Hände reiben wie Einer, der ganz von sich entzückt ist, und so weit ihr seine Stimme vernehmlich war, hörte sie ihn unter Lachen und Freudengeschrei ihren Namen in allerlei Modulationen wiederholen, wie wenn ein schwatzender Vogel sich übt ein Wort herauszubringen, das man ihm gelehrt hat und dazwischen immer wieder mit seiner natürlichen Stimme pfeift.

Auf dem Wege nach dem Schlosse verlor sich Consuelo in Betrachtungen.

– Wer, dachte sie, hat mein Geheimniß so verrathen, daß schon der erste verwilderte Mensch, dem ich in dieser Einsamkeit begegne, mir meinen wahren Namen an den Kopf wirft? Hatte mich dieser Tolle irgendwo gesehen? Leute der Art, ziehen viel umher: war er vielleicht mit mir zugleich in Venedig?

Sie suchte sich vergeblich die Gesichter aller Bettler und Vagabunden zurückzurufen, die sie gewohnt war, auf den Quais und aus dem Marcusplatz zu sehen: das des Tollen vom Schreckenstein bot sich ihrem Gedächtniß nicht dar.

Aber als sie über die Zugbrücke ging, fiel sie auf eine Gedankenverknüpfung, die treffender und spannender war. Sie nahm sich vor, ihre Vermuthungen ins Klare zu bringen, und wünschte sich im Stillen Glück, den Zweck ihrer Wanderung nicht ganz verfehlt zu haben.

7.

Als sie sich wieder im Kreise der niedergeschlagenen und schweigenden Familie befand, sie voll frischen Muths und Hoffnung, machte sie es sich zum Vorwurfe, in ihrem Innern die Lässigkeit dieser tief betrübten Menschen so hart beurtheilt zu haben. Graf Christian und das Stiftsfräulein nahmen beim Frühstück fast keinen Bissen zu sich und der Kaplan getraute sich nicht, seinen Hunger zu stillen; Amalie schien sehr übler Laune.

Als man vom Tische aufstand, trat der alte Graf an das Fenster, blieb einen Augenblick stehen und blickte hinaus auf den sandigen Weg nach dem Weiher, auf welchem Albert wiederkommen konnte, dann schüttelte er traurig den Kopf, als wollte er sagen: Wieder ein Tag, der schlimm angefangen hat und so auch enden wird!

Consuelo gab sich Mühe, sie zu zerstreuen, indem sie ihnen einige der letzten geistlichen Compositionen Porporas, welche sie immer mit Bewunderung und besonderer Theilnahme zu hören pflegten, auf dem Klavier vorspielte. Es that ihr weh, sie so niedergebeugt zu sehen, und ihnen nicht sagen zu können, daß sie Hoffnung hegte.

Aber als sie den Grafen nach seinem Buche und Wenceslawa nach ihrer Nadel greifen sah, als sie von dieser letzteren an den Stickrahmen gerufen wurde, um ihre Meinung abzugeben, ob in einer Rosette ein paar blaue oder ein paar weiße Stiche besser thäten, da konnte sie sich nicht enthalten, mit ihren Gedanken vorzugsweise wieder Albert zu suchen, der vielleicht vor Ermattung und Erschöpfung in einem Winkel des Waldes verging, ohne den Heimweg finden zu können, oder vielleicht auf einem kalten Steine lag, von seiner Starrsucht niedergeschmettert und gefesselt, den Wölfen und Schlangen Preis gegeben, während unter den kunstfertigen, beharrlichen Fingern der zärtlichen Wenceslawa die glänzendsten Blumen auf der Gaze zu Tausenden entstanden, begossen dann und wann mit einer verstohlenen, aber unfruchtbaren Thräne.

Sobald sie mit der schmollenden Amalie ein Gespräch anknüpfen konnte, fragte sie, was für ein mißgestaltiger Toller es wäre, der in seltsamer Kleidung draußen umherliefe und die Leute anlachte, die ihm begegneten.

– Ach, das ist Zdenko! antwortete Amalie. Hatten Sie ihn auf Ihren Spaziergängen noch nicht bemerkt? Man kann sich darauf verlassen, ihm überall zu begegnen, denn er wohnt nirgend.

– Ich habe ihn diesen Morgen zum ersten Male gesehn, sagte Consuelo, und ich bildete mir ein, daß er der beständige Gast des Schreckensteins wäre.

– Dahin also sind Sie mit Tagesanbruch gelaufen? Ich fange an zu glauben, daß Sie auch ein Bischen toll sind, liebe Nina! so allein in aller Frühe nach diesen öden Orten zu gehen, wo Sie schlimmere Begegnungen haben könnten als den des unschuldigen Zdenko.

– Zum Beispiel einen hungrigen Wolf? fragte Consuelo lächelnd. Ich denke, unter Ihres Vaters Büchse wäre doch die ganze Gegend sicher.

– Es ist nicht blos von wilden Thieren die Rede, sagte Amalie; die Gegend ist nicht so sicher als Sie glauben und zwar wegen der reißendsten Thiere, die es giebt, der Landstreicher und Räuber. Die erst zu Ende gegangenen Kriegsläufte haben so viele Familien zu Grunde gerichtet, daß sich eine Masse von Bettlern daran gewöhnt hat, weit umher zu streifen und mit der Pistole in der Hand Almosen zu fordern. Wolken von Zigeunern schwärmen auch umher, die sie uns in Frankreich die Ehre anthun, Böhmen zu nennen, als ob sie auf unsern Bergen, die sie bei ihrem Erscheinen in Europa zuerst überzogen, einheimisch wären. Dies Gesindel, das man überall wegjagt und zurückstößt, das vor einem bewaffneten Manne feig und demüthig ist, könnte wohl leicht bei einem hübschen Mädchen, wie Sie sind, dreist werden; und ich besorge, daß Ihr Geschmack an abentheuerlichen Streifzügen Sie mehr bloßstelle, als einer so vernünftigen Person, als meine liebe Porporina sein will, lieb sein dürfte.

– Liebe Baronesse, entgegnete Consuelo, obgleich Sie den Wolfszahn für sehr wenig gefährlich neben den andern Gefahren, die mir drohen, zu halten scheinen, muß ich Ihnen doch gestehen, daß ich ihn mehr fürchte als den der Zigeuner. Das sind für mich alte Bekannte, und überhaupt ist es mir nicht leicht möglich, mich vor schwachen, armen, verfolgten Geschöpfen zu fürchten. Ich bilde mir ein, ich würde mit diesen Leuten immer so zu reden wissen, daß sie Vertrauen und Zuneigung zu mir gewinnen müßten, denn wie häßlich, zerlumpt und verachtet sie immer seien, ich kann nicht anders, ich habe für sie eine ganz besondere Theilnahme.

– Brava Es ist in Deutschland sehr gewöhnlich, auch Frauen mit » Bravo« anzurufen; es muß aber brava heißen, und in der Mehrzahl bei Männern bravi bei Frauen brave. – D. U., Liebe! rief Amalie mit wachsendem Aerger. Da sind Sie ja schon geradezu bei Albert's schöner Empfindsamkeit für Bettler, Banditen und Geisteskranke angelangt, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn ich auch Sie eines schönen Morgens auf den nicht gar saubern und gewiß gar unsichern Arm des angenehmen Zdenko gestützt umherspaziren sähe.

Diese Worte trafen Consuelo mit einem Lichtstrahl, den sie bei dieser Unterredung von Anfang an gesucht hatte und der ihr über Amaliens Bitterkeit hinweghalf.

– Also lebt Graf Albert in gutem Einverständniß mit Zdenko? fragte sie mit einer zufriedenen Miene, die sie nicht Bedacht nahm zu verstellen.

– Es ist sein intimster, sein theuerster Freund, antwortete Amalie verächtlich lächelnd. Es ist sein Gefährte auf Spazirgängen, sein Vertrauter, und, wie man sagt, sein Bote an den Teufel. Zdenko und Albert sind die einzigen, die es wagen, sich in jeder Stunde auf dem Schreckenstein von den vertracktesten göttlichen Dingen zu unterhalten. Albert und Zdenko sind die einzigen, die sich nicht schämen, mit den Zigeunern, welche unter unsern Föhren ihr Lager aufschlagen, im Grase zu sitzen und mit ihnen das ekelhafte Mahl zu theilen, das diese Menschen in ihren hölzernen Näpfen zurechtmachen. Sie nennen das communiciren und man kann sagen, daß es commun in jedem Sinne des Wortes ist. Puh! ist das ein Gemahl, ist das ein erwünschter Liebhaber, dieser mein Vetter Albert, der die Hand seiner Braut in eine Hand nimmt, mit der er eben die eines verpesteten Zigeuners gedrückt hat, und sie an den Mund führt, der eben den Kelchwein aus einerlei Becher mit Zdenko getrunken hat.

– Das ist vielleicht recht witzig, sagte Consuelo; indessen ich verstehe es nicht.

– Das macht, weil Sie keinen Geschmack an der Geschichte finden, entgegnete Amalie, und nichts von dem begriffen haben, was ich Ihnen von Protestanten und Hussiten erzählte, und ich habe mir doch die Lunge wund geredet, um Ihnen meines Cousins Räthsel und abgeschmackte Praktiken wissenschaftlich zu erläutern. Sagte ich Ihnen nicht, daß der große Streit zwischen den Hussiten und der römischen Kirche über die Communion unter beiderlei Gestalt ausbrach? Das Basler Concil hatte den Ausspruch gethan, daß es eine Entweihung wäre, wenn man den Laien das Blut Christi in Gestalt des Weines reichte, denn, achten Sie auf den herrlichen Beweis! Leib und Blut wären gleichermaßen in beiden Gestalten, und wer den einen genösse, tränke auch damit zugleich das andere. Verstanden?

– Es scheint mir, als ob die Väter vom Concil sich selbst nicht recht verstanden haben könnten. Denn wenn beides in beiden Gestalten ist, so hätten sie nur den Ausspruch thun können, daß das Blut überflüssig wäre. Aber wie kann von Entweihung die Rede sein, wenn doch der, welcher das Brot ißt, auch das Blut mit empfängt?

– Das kam daher, weil die Hussiten von einem fürchterlichen Blutdurst besessen waren, und die Väter des Concils das wohl kommen sahen. Sie waren selbst auch sehr durstig nach dem Blute dieser Leute, wollten aber selbiges gern unter der Gestalt des Goldes trinken. Die römische Kirche ist allezeit überaus hungrig und durstig nach diesem Lebenssaft der Völker, nach dem sauren Schweiß der Armen gewesen. Die Armen empörten sich endlich dawider und nahmen ihren Schweiß und Blut zurück in den aufgehäuften Schätzen der Abteien und auf den Kappen der Bischöfe. Das ist der ganze Grund des Handels, wozu noch, wie ich Ihnen sagte, das Gefühl der Nationalunabhängigkeit und der Fremdenhaß kamen. Der Abendmahlsstreit drückte das symbolisch aus. Rom und seine Priester verwalteten das Abendmahl in goldenen und mit Edelstein besetzten Kelchen; die Hussiten spitzten sich darauf, es in hölzernen Geschirren zu thun, um den Luxus der Kirche zu strafen und die apostolische Armuth vorzustellen. Da ist nun Albert, der sich's in den Kopf gesetzt hat, den Hussiten zu spielen, jetzt, wo alle diese Sachen allen Werth und alle Bedeutung verloren haben, Albert, der sich einbildet, Johann Hussens wahre Lehre besser zu kennen als Johann Huß selbst; und da denkt er sich allerlei Communionen aus und läuft auf die Landstraßen und communicirt mit allen Bettlern, Heiden und Dummköpfen. Es war auch die fixe Idee der Hussiten, überall und alle Augenblicke und mit aller Welt zu communiciren.

– Das ist in der That sehr wunderlich, antwortete Consuelo, und ich kann es mir nicht anders erklären, als aus einem übertriebenen Patriotismus, der beim Grafen Albert, ich gestehe es, bis zum Wahnsinn gehn muß. Es liegt vielleicht ein tiefer Gedanke zum Grunde, aber die Form, die er diesem giebt, scheint mir kindisch für einen so ernsten und so unterrichteten Mann. Sollte nicht die wahre Communion vielmehr die milde Gabe sein? Was haben leere Ceremonien für Werth, die nicht mehr in Brauch sind und gewiß von denen, die er dazuzieht, nicht begriffen werden?

– Was die milden Gaben betrifft, so läßt es Albert daran nicht fehlen, und wenn man ihn gewähren ließe, so würde er sich bald seinen Reichthum vom Halse geschafft haben; mir wär's schon ganz recht, wenn er alles an seine Bettler umherstreute!

– Warum das?

– Weil mein Vater dann von der unglücklichen Idee abstehen würde, mich reich zu machen, indem er mich an diesen Wahnwitzigen verheirathet. Denn meine Familie, müssen Sie wissen, liebe Porporina! setzte Amalie mit hinterlistiger Absicht hinzu, hat diesem liebenswürdigen Plänchen noch nicht entsagt. In den letzten Tagen, als meines Cousins Vernunft wie ein Sonnenstrahl unter Gewölk hervorblitzte, lief mein Vater sogleich wieder Sturm auf mich und mit mehr Nachdruck, als ich ihm jemals zugetraut hätte. Wir hatten einen ziemlich hitzigen Streit, wovon das Resultat zu sein scheint, daß man versuchen will, meinen Widerstand durch das Ennui des Verwahrsams zu erschöpfen, wie man eine Festung aushungert. Also, wenn ich schwach werde, wenn ich erliege, so muß ich Albert doch heirathen, trotz ihm, trotz mir und trotz einer Dritten, die so thut, als ob sie sich nicht die Probe daraus machte.

– Da wären wir! sagte Consuelo lachend, ich war auf diese Spitze gefaßt, und auch nur, um sie mich fühlen zu lassen, haben Sie mir die Ehre, mich mit Ihnen zu unterhalten, vergönnt. Ich lasse mirs gern gefallen, denn ich sehe in dieser kleinen Eifersuchtskomödie einen stärkeren Rest von Liebe zu Graf Albert, als Sie Wort haben wollen.

– Nina! rief die junge Baronin mit entschiedenem Tone, wenn Sie das zu sehen glauben, so haben Sie wenig Scharfblick, und wenn Sie es gern sehen, so haben Sie wenig Liebe für mich. Ich bin heftig, vielleicht hochmüthig, aber nicht verstellt. Ich habe es Ihnen schon gesagt: der Vorzug, den Ihnen Albert giebt, bringt mich gegen ihn, nicht gegen Sie auf. Er verletzt meine Eigenliebe, aber er schmeichelt meiner Hoffnung und meiner Neigung. Er giebt mir den Wunsch ein, daß mein Cousin Ihretwegen einen rechten dummen Streich machen möge, der mich von aller Schonung gegen ihn freispräche und meine Abneigung, die ich lange bekämpft habe und doch zuletzt ohne Beimischung von Mitleid oder Liebe empfinden muß, rechtfertigte.

– Gebe Gott, entgegnete Consuelo sanft, daß dies die Sprache der Leidenschaft, nicht die der Wahrheit sei! denn es wäre eine sehr harte Wahrheit in dem Munde einer sehr grausamen Person.

Der Aerger und die Hitze, die Amalie bei dieser Unterredung blicken ließ, machten auf Consuelo's edle Seele wenig Eindruck. Sie dachte einige Augenblicke nachher schon wieder einzig an ihr Unternehmen, und dieser Traum, den sie nährte, Albert seiner Familie zurückzugeben, wob eine Art kindlicher Lust in die Einförmigkeit ihrer Beschäftigungen.

Sie bedurfte dessen sehr, um der langen Weile zu entgehen, mit welcher sie bedroht war und welche für ihren ämsigen und rastlos schaffenden Geist eine völlig neue und höchst feindliche, eine tödtliche Krankheit gewesen wäre. Wenn sie ihrer ungelehrigen und unaufmerksamen Schülerin eine lange und lästige Musikstunde gegeben hatte, so hatte sie zwar weiter nichts zu thun, und konnte ihre Stimme üben und ihre alten Werke studiren.

Aber dieser Trost, der ihr noch nie versagt hatte, wurde ihr jetzt aufs hartnäckigste streitig gemacht. Amalie, in ihrem geschäftigen Müßiggange, kam jeden Augenblick, und störte und unterbrach sie mit kindischen Fragen und unzeitigen Bemerkungen.

Die übrige Familie war schrecklich finster. Schon fünf tödtliche Tage waren verflossen und der junge Graf war nicht wieder gekehrt und jeder neue Tag vergrößerte die Niedergeschlagenheit und Trübsal.

Als Consuelo am Nachmittage mit Amalien im Garten umherging, bemerkten sie Zdenko – jenseits des Grabens, welcher sie vom offnen Felde trennte. Er schien eifrig mit sich selbst zu reden, und in solchem Tone, als ob er sich eine Geschichte erzählte. Consuelo hielt ihre Gefährtin an, und bat sie, ihr zu übersetzen, was der seltsame Mensch spräche.

– Wie soll ich Ihnen Einfälle ohne Sinn und Zusammenhang übersetzen? sagte Amalie, mit den Achseln zuckend. Was er da murmelt, heißt, wenn Sie's durchaus wissen wollen:

»Es war einmal ein großer Berg, ganz weiß, ganz weiß, und war dabei ein großer Berg, ganz schwarz, ganz schwarz, und war dabei ein großer Berg, ganz roth, ganz roth ...«

Wie? Ist das sehr interessant?

– Vielleicht wohl, wenn ich wüßte, was weiter folgt. O, was gäbe ich nicht darum, böhmisch zu verstehn. Ich muß es lernen.

– Es ist gar nicht so leicht wie das Italienische oder Spanische, aber bei Ihrem Fleiß werden Sie es doch lernen, wenn Sie wollen: ich will Ihnen Unterricht geben, wenn es Ihnen recht ist.

– Sie werden ein Engel sein. Unter der Bedingung jedoch, daß Sie geduldiger als Lehrerin sein wollen, als Sie als Schülerin sind. Und was ist das, was Zdenko jetzt sagt?

– Die Berge sprechen jetzt:

»Weshalb, du rother Berg, ganz roth hast du zerschmettert den Berg ganz schwarz?

Weshalb, du weißer Berg, ganz weiß, littst du zerschmettern den schwarzen Berg, ganz schwarz?«

Nun fing Zdenko plötzlich zu fingen an, mit einer schwachen und gebrochenen Stimme, aber so rein und wohlklingend, daß es Consuelo in die tiefste Seele drang. Er sang:

»Schwarze Berge und weiße Berg, viel Wasser braucht ihr vom rothen Berge, euer Kleid zu waschen.

Euer Kleid von Missethat schwarz und von Trägheit weiß, euer Kleid von Lügen beschmutzt, euer Kleid von Hochmuth blank.

Gewaschen sind sie, gewaschen beide, eure beiden Kleider, die keine andre Farbe wollten: abgenutzt sind sie, abgenutzt beide eure beiden Kleider, die nicht auf der Straße schleppen wollten.

Roth sind nun alle Berge, sehr roth. Alles Wasser vom Himmel braucht es, alles Wasser vom Himmel, sie zu waschen.«

– Ist das improvisirt, oder ist's ein altes Volkslied? fragte Consuelo.

– Wer kann's wissen? entgegnete Amalie. Zdenko ist ein unerschöpflicher Improvisator oder ein sehr kundiger Rhapsode. Unsre Bauern hören ihn leidenschaftlich gern und verehren ihn wie einen Heiligen, denn sie halten seinen Wahnsinn mehr für ein Geschenk des Himmels als für ein natürliches Unglück. Sie geben ihm zu essen und halten ihn gut, und wenn er wollte, könnte er die beste Wohnung und die besten Kleider im ganzen Lande haben, denn sie reißen sich alle um das Vergnügen und den Vortheil, ihn bei sich aufzunehmen. Er gilt für einen Glücksbringer und Glücksboten. Wenn sich ein Unwetter zusammenzieht und Zdenko geht gerade vorüber, so sagen sie: Es giebt nichts, hier hagelt's nicht. Wenn die Ernte schlecht ist, so bitten sie Zdenko, er möchte singen; und da er jedes Mal reiche, gesegnete Jahre verspricht, so trösten sie sich über das heutige mit der Hoffnung auf ein glückliches nächstes.

Zdenko will aber nirgend wohnen. Sein unstäter Sinn führt ihn in die Wälder. Man weiß nicht, wo er Nachts Schutz findet, wo er gegen Kälte und Unwetter Zuflucht sucht. Nie hat man ihn seit zehn Jahren unter ein anderes Dach als das unseres Schlosses treten sehen, denn seine Vorfahren, sagt er, wären in allen Häusern des Landes und er dürfte sich nicht vor ihnen zeigen.

Er folgt aber Albert bis in dessen Zimmer, denn er ist Albert eben so ergeben und unterwürfig als sein Hund Ajax. Albert ist der einzige Mensch, der diesen wilden, unbändigen Sinn nach Willkür zügelt, und mit einem einzigen Worte seine unversiegliche Lustigkeit, seine endlosen Lieder und sein unermüdliches Geschwätz zum Schweigen bringt. Er hat, wie es heißt, eine sehr schöne Stimme gehabt, hat sie aber mit Sprechen, Singen und Lachen zu Grunde gerichtet.

Er ist nicht älter als Albert, obgleich er wie ein Mann von funfzig Jahren aussieht. Sie waren Spielgefährten. Damals war Zdenko nur halb verrückt. Er stammt aus alter Familie und einer seiner Vorfahren hat in den Hussitenkriegen eine Rolle gespielt. Er entwickelte ein so gutes Gedächtniß und so viel Fähigkeit, daß seine Eltern ihn, seines schwachen Körpers wegen, für das Kloster bestimmten. Man hat ihn lange im Novizenkleid eines Bettelordens gesehen; aber er ließ sich durchaus nicht an den Zwang der Regel ketten, und wenn er mit einem der Brüder aus seinem Kloster terminiren war und sie einen Esel bei sich führten, welcher die Gaben der Gläubigen trug, so ließ er Sack, Esel und Bruder gehen und machte sich lange Ferien im Walde.

Als Albert auf Reisen ging, verfiel Zdenko in Schwermuth, hing die Kutte an den Nagel und wurde völlig zum Vagabunden. Sein Trübsinn verlor sich nach und nach, aber das Bißchen Vernunft, was immer noch bei ihm durchgeblickt hatte, ging mit verloren. Er sprach nur noch unzusammenhängende Dinge, trieb tausenderlei unbegreifliche Possen und wurde wirklich unsinnig. Da er aber immer nüchtern, enthaltsam und durchaus unschädlich ist, so kann man sagen, er ist mehr gemüthskrank als verrückt. Unsere Bauern nennen ihn kurzweg den «Unschuldigen«.

– Alles, was Sie mir von diesem armen Menschen erzählen, sagte Consuelo, flößt mir Theilnahme für ihn ein; ich möchte wohl mit ihm reden; versteht er etwas Deutsch?

– Er versteht es, und spricht es auch so gut es gehn will, aber er haßt, wie alle böhmischen Bauern, diese Sprache; und wenn er so in seine Träumereien versunken ist, wie jetzt, so ist es sehr zweifelhaft, ob er Ihnen Antwort geben wird, wenn Sie ihn fragen.

– Versuchen Sie doch, ihn in seiner Sprache anzureden, und seine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, sagte Consuelo.

Amalie rief Zdenko zu wiederholten Malen an, und fragte ihn auf Böhmisch, ob es ihm wohlgehe und ob er etwas wünsche; aber sie konnte ihn nicht bewegen, auch nur seinen zur Erde niedergebückten Kopf aufzurichten, oder ein Spielchen zu unterbrechen, das er sich mit drei Steinen machte, einem weißen, einem rothen und einem schwarzen, indem er unter Gelächter mit einem derselben nach einem der andern warf und sich sehr freute, wenn einer fiel.

– Sie sehen, es ist umsonst, sagte Amalie. Wenn er nicht Hunger hat, oder Albert sucht, so spricht er niemals. Ist eines von Beidem der Fall, so kommt er an das Thor, und wenn er nur Hunger hat, bleibt er da. Man giebt ihm, was er fordert, er dankt und geht. Wenn er aber Albert sehen will, tritt er ins Haus, klopft an Albert's Thür, die niemals für ihn verschlossen, ist, und bleibt Stunden lang bei ihm, still und ruhig wie ein furchtsames Kind, wenn Albert arbeitet, redselig und vergnügt, wenn Albert Lust hat, ihm zuzuhören, nie, wie mir scheint; meinem liebenswürdigen Cousin zur Last und hierin glücklicher als irgend ein Mitglied der Familie.

– Und wenn nun Graf Albert unsichtbar wird, wie jetzt zum Beispiel, bleibt dann Zdenko, der ihn so liebt, Zdenko, der seine Fröhlichkeit verlor, als der Graf auf Reisen ging, bleibt sein treuester Gefährte, Zdenko, dann zufrieden? Verräth er keinerlei Unruhe?

– Nein! Er sagt, Albert besuche den großen Gott und werde bald wiederkommen. Das sagte er auch, während Albert's großer Reise, als er sich endlich darein fand.

– Und ist Ihnen noch nicht die Vermuthung gekommen, liebe Amalie, daß Zdenko wohl bessern Grund haben möchte als Sie und die Ihrigen, sich so sicher zu fühlen? Dachten Sie nie daran, ob er nicht vielleicht im Geheimniß sei, und über Albert während seines Wahnsinns oder seiner Schlafsucht wache?

– Wir dachten wohl daran, und man hat Zdenko lange beobachtet, aber wie sein Beschützer Albert duldet er keinen Aufpasser, und schlauer als ein Fuchs, spottet er aller Bemühungen, täuscht alle List und macht alle Beobachtungen zu Schanden. Auch er scheint, wie Albert, sich unsichtbar machen zu können, so oft es ihm gefällt. Er ist manchmal unter den Augen derer, die Acht auf ihn hatten, im Nu verschwunden, als ob er in die Erde gesunken wäre, oder als ob ihn eine Wolke mit undurchdringlichem Schleier umhüllt hätte. Wenigstens behaupten das unsere Leute und Tantchen Wenceslawa ebenfalls, die bei aller ihrer Frömmigkeit, nicht viel freier denkt, was die Gewalt des Satans anbelangt.

– Aber Sie, liebe Baronin! Sie glauben doch wohl diese Abgeschmacktheiten nicht?

– Ich? ich denke darüber wie Onkel Christian. Der Onkel meint, wenn etwa Albert bei seinen geheimnißvollen Leiden Niemanden zur Hülfe und Stütze hat, als diesen Wahnsinnigen, so ist es sehr bedenklich, ihm diese zu rauben, und man läuft Gefahr, wenn man Zdenko durch Beobachten stört und scheu macht, Albert vielleicht Stunden oder Tage lang die Pflege und vielleicht die Nahrung zu entziehen, die er von Zdenko haben mag. Aber, bitte, lassen wir das, liebe Nina! genug und mehr als genug über dieses Kapitel! Der Verrückte flößt mir nicht dasselbe Interesse ein wie Ihnen. Ich bin ganz hin von seinen Romanzen und von seinem Singen, und seine gebrochene Stimme macht mir Uebelkeit.

– Ich wundere mich, sagte Consuelo, indem sie sich von ihrer Gefährtin wegziehen ließ, daß diese Stimme nicht einen großen Reiz für Sie hat. So verzehrt sie ist, macht sie doch einen tieferen Eindruck auf mich als die Stimme der größten Sänger.

– Das macht, weil Sie des Schönen zu viel gehabt haben und sich nur noch vom Neuen reizen lassen.

– Die Sprache, in welcher er singt, hat eine eigenthümliche Weiche, versetzte Consuelo, und seine eintönigen Weisen sind nicht, was Sie glauben: es sind im Gegentheil sehr liebliche und eigenthümliche Ideen.

– Für mich nicht, die ich davon belagert bin, antwortete Amalie; ich habe mich Anfangs für die Worte ein wenig interessirt, denn ich dachte mit den Leuten hier im Lande, daß es alte Nationalgesänge von historischer Merkwürdigkeit wären; aber da er sie nie zweimal auf die nämliche Art singt, so bin ich gewiß, daß er alles improvisirt, und ich habe mich bald überzeugt, daß es nicht der Mühe verlohnte, danach hinzuhören, obgleich unsere Gebirgsbewohner einen symbolischen Sinn darin zu finden suchen.

Sobald Consuelo sich von Amalie losmachen konnte, eilte sie wieder in den Garten und fand Zdenko noch an derselben Stelle, jenseit des Grabens, und noch in sein Spiel vertieft. In der Ueberzeugung, daß dieser Unglückliche mit Albert in geheimer Verbindung stehe, war sie verstohlen in die Küche gegangen und hatte einen vom Stiftsfräulein eigenhändig sehr sorgsam gekneteten Fladen von feinem Mehl und Honig weggenommen. Sie erinnerte sich bemerkt zu haben, daß Albert, der sehr wenig aß, immer mechanisch nach diesem Backwerk griff, welches seine Tante mit besonderem Fleiß für ihn bereitete. Sie wickelte den Fladen in ein weißes Tuch, und da sie ihn dem Zdenko zuwerfen wollte, so versuchte sie es, diesen anzurufen. Aber da er nicht hören zu wollen schien, so fiel ihr ein, mit welcher Lebhaftigkeit er ihren Namen genannt hatte, und sie sprach ihn aus, zuerst in der deutschen Uebersetzung. Zdenko schien zu hören, aber er war in diesem Augenblicke schwermüthig, und ohne aufzublicken wiederholte er seufzend und den Kopf schüttelnd: Trost, Trost! als wollte er sagen: ich hoffe keinen mehr.

Consuelo! rief nun das junge Mädchen, um zu sehen, ob ihr spanischer Name ihn in dieselbe Freude versetzen würde, die er am Morgen beim Aussprechen desselben gezeigt hatte.

Augenblicklich verließ Zdenko seine Steine und fing an auf dem Rande des Grabens zu hüpfen und zu springen, er warf seine Mütze in die Höhe, er streckte die Arme nach Consuelo aus, sprach mit geläufiger Zunge viele böhmische Worte und sein Gesicht strahlte vor Freude und Zuthunlichkeit.

– Albert! rief ihm Consuelo zu und warf den Fladen hinüber.

Zdenko hob ihn lachend auf und wickelte das Tuch nicht von einander, aber er sprach viel, was Consuelo zu ihrem großen Leide nicht verstehen konnte. Sie hörte gespannt hin und gab sich Mühe, einen Satz, den er oft unter Verbeugungen wiederholte, zu behalten; ihr geübtes Ohr half ihr die Aussprache genau fassen, und sobald ihr Zdenko aus dem Gesichte war, der gestreckten Laufes hinwegeilte, schrieb sie ihn mit italienischer Orthographie auf ihr Schreibtäfelchen, um Amalie nach der Bedeutung zu fragen.

Aber ehe noch Zdenko fort war, hatte sie daran gedacht, ihm etwas zu geben, das auf zartere Weise Alberten ihre Theilnahme ausdrücken könnte, und den Tollen zurückrufend, der jetzt folgsam auf ihren Ruf kam, warf sie ihm ein Blumensträußchen zu, das sie im Treibhaus eine Stunde zuvor gepflückt hatte und das an ihrem Busen noch frisch und duftig war. Zdenko hob es auf, erneuerte seinen Gruß, seine Ausrufungen und seine Sprünge und verschwand im dichtesten Gebüsche, wo man höchstens einem Hasen hineinzuschlüpfen hätte zutrauen können.

Consuelo verfolgte seinen hastigen Lauf einige Augenblicke mit den Augen, indem sie die Spitzen des Gezweiges sich in der Richtung nach Südost bewegen sah. Aber ein leichter Wind, der sich erhob, machte die weitere Beobachtung unmöglich, da alle Zweige des Gehölzes zu zittern begannen, und Consuelo ging ins Haus zurück, noch mehr als zuvor entschlossen, ihren Zweck zu verfolgen.

8.

Als Amalie gerufen wurde, um den Spruch zu übersetzen, den Consuelo auf ihr Täfelchen geschrieben und ihrem Gedächtniß eingeprägt hatte, sagte sie, der Sinn wäre ihr nicht verständlich, obgleich sie die Worte verstünde; es lautete wörtlich:

»Grüß' dich der, dem Unrecht geschehen!«

– Vielleicht, fügte sie hinzu, meint er Albert oder sich und will sagen, man thäte ihnen Unrecht, daß man sie für toll hielte, da sie sich selbst in der That für die einzigen vernünftigen Menschen auf Erden halten. Aber wozu auch Sinn in den Reden eines Verrückten suchen? Dieser Zdenko beschäftigt Ihre Phantasie mehr als er verdient.

– Es ist in allen Ländern Volksglaube, entgegnete Consuelo, den Wahnsinnigen eine Art höherer Erleuchtung beizumessen, welche dem besonnenen und ruhigen Geiste versagt ist. Ich habe ein Recht, mich an die Vorurtheile meiner Klasse zu halten, und ich kann mir durchaus nicht einbilden, daß ein Irrer Worte nur so hinspricht, wenn wir auch nicht wissen, was er meint.

– Wir wollen einmal sehen, sagte Amalie, ob der Kaplan, der sich auf alle alten und neuen Formeln, die bei unsern Bauern im Schwange sind, versteht, diese hier kennen wird.

Und zu dem guten Manne laufend, fragte sie ihn, ob er Zdenko's Spruch zu erklären wüßte.

Aber aus den dunkeln Worten schien dem Kaplan ein furchtbares Licht aufzugehen.

– Gott im Himmel! rief er erblassend, wo hat Ew. Gnaden diese Lästerung vernommen?

– Wenn es eine ist, versetzte Amalie lachend, so errathe ich sie wenigstens nicht, und eben deshalb wünsche ich, daß Sie sie mir übersetzen.

– Von Wort zu Wort besagt es allerdings auf gut Deutsch, was Sie schon bemerkten, gnädiges Fräulein! »Der, dem Unrecht geschehen ist, grüße dich!« aber wenn Sie nach der Bedeutung fragen (ich getraue mir's kaum über die Lippen zu bringen), so ist es ein abgöttischer Spruch und will sagen: »Der Teufel sei mit dir!«

– Mit andern Worten, rief Amalie noch stärker lachend: »Hol' dich der Teufel!« Prächtig! prächtig! das ist ein allerliebstes Compliment. Da sehn Sie, Nina! was dabei herauskommt, wenn man sich mit Verrückten zu thun macht. Das haben Sie nicht gedacht, daß Zdenko Ihnen mit einem so süßen Lächeln und mit so vergnügten Grimassen eine solche Grobheit an den Kopf würfe.

– Zdenko? rief der Kaplan. Ach! ist es der unglückliche Irre, der solche Formeln gebraucht? Nun! mir war schon Angst, daß es sonst Jemand gewesen wäre ... und das war dumm, denn dergleichen konnte nur aus diesem, mit den Verruchtheiten aller alten Ketzerei vollgestopften Hirne kommen! Woher hat er nur diese heut zu Tage beinah unbekannten und vergessenen Sachen? Es ist nicht anders denkbar, als daß sie ihm der böse Geist selbst eingiebt.

– Aber das ist ja weiter nichts als eine garstige Verwünschung, die das Volk aller Zungen gebraucht, sagte Amalie; und die Katholiken machen sich kein größeres Gewissen daraus als die Anderen.

– Denken Sie das nicht, mein Fräulein! versetzte der Kaplan. Es ist keine Verwünschung in dem verwirrten Sinne dessen, der sie gebraucht, sondern es ist im Gegentheil ein Liebesbeweis, eine Segensformel, und das ist die Sünde bei der Sache. Diese Verruchtheit rührt von den Lollharden her, einer verabscheuungswerthen Sekte, welche die der Waldenser erzeugt hat, welche wieder die der Hussiten erzeugte ... Einiges über die genannten Secten s. in der Anmerk. am Schlusse des Bändchens. – D. U.

– Welche wieder viele andere erzeugen wird, fuhr Amalie fort, indem sie, um den guten Priester zu verspotten, seinen feierlichen Ton annahm. Aber Scherz bei Seite! Erklären Sie uns doch, Herr Kaplan, wie das ein Compliment sein kann, Jemanden zum Teufel zu wünschen!

– Dem Glauben der Lollharden zu Folge, sagte der Kaplan, war Satan nicht der Feind des menschlichen Geschlechtes, sondern vielmehr sein Beschützer und Patron. Sie nannten ihn ein Opfer der Ungerechtigkeit und der Eifersucht. Nach ihnen war der Erzengel Michael sammt den übrigen himmlischen Mächten, so den Satan in den Abgrund gestürzt haben, das eigentlich böse Princip, dagegen Lucifer, Beelzebub, Astaroth, Astarte und alle anderen Ungeheuer der Hölle die Unschuld und das Licht selbst. Sie glaubten, daß das Reich Michaels und seiner siegreichen Schaar bald zu Ende gehen würde und daß der Teufel mit seiner verdammten Rotte wieder in den Himmel eingesetzt werden würde. Kurz, sie widmeten ihm einen abgöttischen Dienst, und begrüßten sich unter einander mit dem Spruche: Möge der, dem Unrecht gethan worden (d. h. den man verkannt und mit Unrecht verdammt hat), dich grüßen (d. h. dich beschützen und dir beistehn).

– Nun seht mir! sagte Amalie hell auflachend, da steht ja meine liebe Nina unter sehr günstigen Auspizien, und es soll mich nicht wundern, wenn man binnen Kurzem zu Exorcismen schreiten muß, um die Wirkung von Zdenko's Besprechungen zu zerstören.

Dieser Spaß machte Consuelo ein wenig betroffen. Sie war mit sich nicht ganz im Reinen, ob der Teufel ein Hirngespinnst und die Hölle eine poetische Fabel wäre. Sie hätte den Zorn und Abscheu des Kaplans gewiß sehr ernst genommen, wenn nicht sein Aerger über Amaliens Gespött ihn zugleich vollkommen lächerlich gemacht hätte.

Bestürzt und an allem, was von Kindheit auf ihr eingeprägt war, durch den innern Streit geirrt, in welchen sie zwischen dem Aberglauben auf der einen und dem Unglauben auf der andern Seite hier gestürzt ward, konnte Consuelo diesen Abend nur mit Mühe beten. Sie suchte nach dem Sinn der Andachtsformeln, die sie bis dahin ohne Prüfung angewendet hatte und die jetzt ihrem beunruhigten Geiste kein Genüge thaten.

– So viel ich habe merken können, sagte sie zu sich, giebt es zwei Arten von Gottesfurcht in Venedig. Die der Mönche, Nonnen und gemeinen Leute, die vielleicht zu weit geht; denn sie nimmt mit den Geheimnissen der Religion zugleich alle Arten von abergläubischen Zugaben in sich auf, den Orco (Lagunenteufel), die Hexen von Malamocco, die Goldsucherinnen, das Horoscop, die Gelübde, die den Heiligen gethan werden, oft um der weltlichsten, ja, um der unsittlichsten Zwecke willen. Dann die der hohen Geistlichkeit und der schönen Welt, die bloß Schein ist; denn diese Leute gehen in die Kirche wie ins Theater, denken, daß es mit keiner Sache Ernst ist, daß nichts sie im Gewissen bindet, und alles nur Formwesen und Herkommen ist.

Anzoleto hatte keine Spur von Religion: das war mein Kummer, und ich hatte wohl Recht, daß mir seine Ungläubigkeit bange machte. Mein Lehrer Porpora ... was war sein Glaube? ich weiß es nicht. Er sprach sich nie darüber aus und doch hat er mir in dem schmerzlichsten und feierlichsten Augenblicke meines Lebens von Gott und himmlischen Dingen geredet. Seine Worte haben mich zwar erschüttert, aber sie haben mir nichts zurückgelassen als Bangigkeit und Ungewißheit. Er schien an einen eifrigen und eigenwilligen Gott zu glauben, der Genie und Inspiration nur denen gäbe, die sich stolz und fühllos vor den Leiden und den Freuden ihrer Nebenmenschen verschließen. Mein Herz stößt diese menschenfeindliche Religion zurück, ich kann einen Gott nicht lieben, der zu lieben mir verböte.

Welcher ist denn nun der wahre Gott? Wer wird mich's lehren? Meine arme Mutter war gläubig. Aber mit wie vielem kindischen Götzendienst war ihre Gottesverehrung gemischt! Was soll ich glauben, was soll ich denken?

Soll ich wie die sorglose Amalie sagen: die Vernunft allein ist Gott?

Aber sie kennt selbst diesen Gott nicht einmal, und kann ihn mich nicht kennen lehren; denn es giebt keine Person von weniger Vernunft als sie.

Kann man leben ohne Religion? Wofür dann leben? Wofür mühete ich mich dann? Wozu sollte ich Erbarmen, Muth, Aufopferung haben, Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit, ich, die ich allein bin in der Welt, wozu? wozu? wenn nicht im All ein höchstes Wesen ist, voll Weisheit und voll Liebe, das mich kennt, mich sieht, mich richtet, mir Beifall giebt, mir hilft, mich hütet und mich segnet? Wo schöpfen Die im Leben Kraft und Begeisterung, die nichts nach einer Hoffnung, einer Liebe fragen, welche über allen Täuschungen und allem irdischen Wechsel ist?

Höchstes Wesen! rief sie in ihrem Herzen, die gewohnten Formeln ihres Gebets vergessend, lehre mich, was ich thun soll. Höchste Liebe! lehre mich, was ich lieben soll. Höchstes Wissen! lehre mich, was ich glauben soll.

So betend und denkend vergaß sie der verrinnenden Zeit, und Mitternacht war vorbei, als sie, bevor sie sich niederlegte, noch einen Blick auf die vom Monde beschienene Landschaft warf. Die Aussicht, welche sie aus ihrem Fenster hatte, war nicht sehr ausgedehnt, der einschließenden Berge wegen, aber höchst malerisch. Ein Bergstrom floß tief unten durch ein enges, gewundenes Thal; in sanften Wellenlinien breitete dieses seine Triften über den Fuß unregelmäßiger Höhen, welche den Gesichtskreis schlossen, aber hier und da sich öffnete, um einen Blick auf andere Schluchten und andere, schroffere und ganz mit schwarzen Tannen bedeckte Berghöhen freizulassen. Das Licht des sinkenden Mondes stahl sich hinter die Hauptpartien dieser ernsten, kräftigen Landschaft, worin alles düster war, das lebhafte Grün, das eingeschlossene Wasser, das von Moos und Eppich überwucherte Gestein.

Während Consuelo die Landschaft mit denen verglich, durch die sie in ihren Kinderjahren gekommen war, überraschte sie der Gedanke, daß diese Natur, die hier vor ihren Augen lag, ihr nicht fremd und neu wäre, sei es, daß sie schon einmal diese böhmische Gegend durchreist, sei es, daß sie anderswo sehr ähnliche Gegenden gesehen hätte.

– Wir sind so viel umhergezogen, meine Mutter und ich, sagte sie zu sich, daß es mich nicht wundern sollte, wenn ich schon einmal hier gewesen wäre. Von Dresden und von Wien habe ich eine bestimmte Erinnerung. Wir können leicht auf dem Wege von einer dieser Städte zu der andern durch den Böhmerwald gewandert sein. Sonderbar wäre es doch, wenn wir damals gastliche Aufnahme gefunden hätten in einer Scheune dieses Schlosses, in welchem ich jetzt als eine Person von Bedeutung wohne, oder wenn wir mit Singen ein Stück Brot erworben hätten an der Thür einer dieser Hütten, wo jetzt Zdenko die Hand ausstreckt und seine alten Lieder singt – Zdenko, der umherziehende Künstler, meines Gleichen und mein Bruder, obgleich es nicht mehr so den Schein hat!

In diesem Momente fielen ihre Blicke auf den Schreckenstein, dessen Gipfel sich über einem der vorderen Hügel erhob und es kam ihr vor, als ob an dieser schaurigen Stelle ein röthlicher Schein die durchsichtige Klarheit des Himmels leise färbte. Sie spannte ihre ganze Aufmerksamkeit an, und sah den undeutlichen Schein zunehmen, verschwinden und wiederkehren, bis er endlich so bestimmt und hell wurde, daß sie ihn keiner Sinnentäuschung mehr zuschreiben konnte. Mochte es der Rastort einer Zigeunerbande oder die Zufluchtsstätte eines Räubers sein, gewiß schien, daß der Schreckenstein in diesem Augenblicke von lebenden Wesen eingenommen war, und Consuelo hatte, nach ihrem heißen und kindlichen Gebete zu dem Gott der Wahrheit, nicht den geringsten Hang, an das Dasein jener eingebildeten, feindseligen Geister zu glauben, womit die Volkssage den Schreckenstein bevölkerte.

Aber war es nicht vielmehr Zdenko, der dort ein Feuer angezündet hatte, um die Nachtkälte von sich abzuwehren? Und wenn es Zdenko war, brannte dann nicht das dürre Reis des Waldes, um Albert's starre Glieder zu erwärmen? Man hatte diesen Schein oft auf dem Schreckenstein gesehen; man sprach davon mit Grauen, man maß ihn einer übernatürlichen Ursache bei. Man hatte tausendmal gesagt, er ginge aus dem Stamme der verhexten Ziskaeiche hervor. Aber der Hussit war nicht mehr da, wenigstens lag er tief in der Schlucht, aber das röthliche Licht schimmerte noch. Wie kam es, daß diese räthselhafte Erscheinung nicht schon die Forschungen nach Albert auf diesen seinen muthmaßlichen Zufluchtsort hingelenkt hatte?

O über den Stumpfsinn dieser Frommen! dachte Consuelo; ist es eine Wohlthat des Himmels oder ein Elend unfertiger Naturen?

Sie fragte sich zugleich, ob sie den Muth haben würde, allein, zu dieser Stunde, nach dem Schreckensteine zu gehen, und sie sagte sich, sie würde, von Menschlichkeit getrieben, ihn gewißlich haben. Indessen das hatte sie schon umsonst, sich mit dieser Zuversicht zu schmeicheln, denn der ängstliche Verschluß der Burg ließ ihr keine Möglichkeit, ihren Gedanken auszuführen.

Sie erwachte mit dem Tage, voll von Eifer, und lief sogleich nach dem Schreckenstein. Alles war dort still und todt. Das Gras rings um den Stein schien nicht betreten. Keine Reste von einem Feuer, keine Spur von einem nächtlichen Besuche. Sie ging nach allen Richtungen und fand kein Anzeichen. Sie rief Zdenko's Namen nach allen Seiten, sie versuchte zu pfeifen, um zu sehen, ob Ajax nicht bellen würde, sie nannte ihren Namen zu wiederholten Malen, sie rief das Wort Trost in allen Sprachen, die sie wußte, sie sang ein paar Stellen aus ihrer spanischen Hymne, sie sang Stellen aus Zdenko's böhmischem Liede, dessen Weise sie ganz behalten hatte. Keine Antwort. Das Knistern der trocknen Haide unter ihren Füßen, und das Rieseln der verborgenen Quellen, die unter dem Gesteine rannen, waren die einzigen Laute, die sich vernehmen ließen.

Ermüdet von dieser vergeblichen Nachforschung, wollte sie zum Schlosse zurückkehren und nur zuvor noch auf dem Steine einen Augenblick ruhen, als sie zu ihren Füßen ein zerdrücktes, welkes Rosenblättchen sah. Sie hob es auf, strich es glatt und war gewiß, daß es nichts anderes sein konnte, als ein Blättchen aus dem Strauße, den sie Zdenko zugeworfen hatte, denn der Berg trug keine wilden Rosen und es war auch nicht die Jahreszeit dazu. Es gab noch keine außer in dem Treibhause des Schlosses. Dieses schwache Anzeichen gab ihr den Trost, daß sie nicht so ganz einen Fehlgang, wie es zuerst schien, gethan hatte und machte es ihr mehr und mehr zur Gewißheit, daß der Schreckenstein der Ort sei, wo man hoffen durfte, Albert zu finden.

Aber in welcher Höhle dieses undurchdringlichen Berges mochte er versteckt sein? Er war also wohl nicht jederzeit dort, oder er lag eben jetzt in einem Zustand völliger Bewußtlosigkeit, oder auch Consuelo hatte sich betrogen, indem sie ihrer Stimme einige Gewalt über ihn zutraute, und jenes Entzücken, welches er ihr gezeigt hatte, war nur eine Anwandlung von Wahnsinn, und keine Spur davon in seiner Erinnerung zurückgeblieben. Er sah sie vielleicht, er hörte sie vielleicht jetzt und spottete ihrer Anstrengungen und sah ihr fruchtloses Sichantragen mit Verachtung an.

Bei diesem letzten Gedanken fühlte Consuelo eine brennende Röthe auf ihre Wangen steigen und verließ eilig den Schreckenstein, fest entschlossen, nicht wieder dahin zurückzukehren. Jedoch ließ sie ein Körbchen mit Früchten zurück, welches sie mitgebracht hatte.

Am andern Tage fand sie das Körbchen an derselben Stelle, und unberührt. Die Blätter, welche sie über die Früchte gedeckt hatte, waren nicht einmal von neugieriger Hand verschoben. Ihre Gabe war verschmäht, oder es war weder Albert noch Zdenko an den Ort gekommen, und doch hatte wieder der rothe Schein eines Kienfeuers die ganze Nacht auf dem Gipfel des Berges geglänzt.

Consuelo hatte bis an den Morgen gewacht und die Erscheinung beobachtet; sie hatte mehrmals die Helle sinken und sich wieder heben sehen, wie bei einem wohlbesorgten Feuer. Niemand hatte Zigeuner in der Gegend bemerkt. Kein Fremder hatte sich auf den Fußsteigen des Waldes blicken lassen, und alle Bauern, die Consuelo über das Phänomen des Schreckensteins befragte, antworteten ihr, es sei nicht gut, sich auf dergleichen einzulassen, man müsse sich mit den Dingen der jenseitigen Welt nichts zu schaffen machen.

Indessen war es schon der neunte Tag seit Albert's Verschwinden. Er war noch nie so lange ausgeblieben. Und diese Dauer seiner Abwesenheit in Verbindung mit den trüben Prophezeihungen, die sein dreißigstes Jahr betrafen, war nicht geeignet, die Hoffnung der Seinigen zu beleben. Man fing endlich an, unruhig zu werden; Graf Christian stieß jeden Augenblick die kläglichsten Seufzer aus, der Freiherr ging auf die Jagd und dachte nicht ans Schießen, der Kaplan stellte außerordentliche Andachtsübungen an, Amalie getraute sich nicht mehr zu schwatzen, und das Stiftsfräulein, bleich und matt, von ihren häuslichen Geschäften abgezogen, ihrer Stickerei vergessend, drehte von früh bis spät ihren Rosenkranz, unterhielt kleine Wachskerzen vor dem Madonnenbilde und schien um einen Fuß tiefer zusammengekrümmt als sonst.

Consuelo nahm sich den Muth, eine große, sorgsame Durchforschung des Schreckensteins in Vorschlag zu bringen, bekannte die Nachsuchungen, welche sie schon unternommen hatte, und vertraute dem Stiftsfräulein insbesondere den Umstand mit dem Rosenblatte und die Mühe, die sie sich gegeben hatte, den schimmernden Gipfel des Berges die ganze Nacht hindurch zu beobachten.

Die Anstalten aber, welche Wenceslawa zu dieser Nachforschung treffen wollte, machten Consuelo ihre Offenherzigkeit bald leid. Das Stiftsfräulein wollte, daß man sich Zdenko's bemächtigen sollte, man sollte ihn durch Drohungen einschüchtern, zwanzig Leute sollten mit Fackeln und mit Flinten bewaffnet nach dem Berge gehen, und der Kaplan sollte auf dem Gipfel seine furchtbarsten Bannformeln aussprechen, während der Freiherr mit Hans und den Kühnsten seiner Begleiter den Berg die Nacht über förmlich blokirte.

Albert eine Ueberraschung dieser Art zu bereiten, war natürlich das beste Mittel, ihn völlig verrückt und vielleicht rasend zu machen, und mit vielen Vorstellungen und Bitten erlangte Consuelo endlich so viel, daß Wenceslawa ihr versprach, nichts ohne ihren Rath zu unternehmen.

Ihr eigener Vorschlag war dieser: man sollte in der nächsten Nacht das Thor öffnen, dann wollte sie mit dem Stiftsfräulein hinausgehen, von Hans und dem Kaplan in einiger Entfernung begleitet, um das Feuer auf dem Schreckenstein in der Nähe zu untersuchen. Aber ein solcher Plan war auf andere Kräfte berechnet, als die des Fräuleins. Sie hielt sich überzeugt, daß wenigstens der Hexensabbat auf dem Schreckenstein gefeiert würde, und alles, was Consuelo erlangen konnte, war, daß das Thor in der Nacht geöffnet werden sollte, um sie und den Freiherrn nebst einigen anderen unbewaffneten Leuten, die sich dazu willig finden würden, in aller Stille hinauszulassen.

Man kam überein, dem Grafen Christian nichts von diesem Versuche zu sagen, denn er würde sich sonst gewiß nicht haben abhalten lassen, persönlich Theil zu nehmen, ungeachtet sein hohes Alter und seine geschwächte Gesundheit ihn zu einer solchen Expedition in der kalten, ungesunden Nacht nicht eigneten

Alles wurde so ausgeführt, wie es Consuelo gewünscht hatte. Der Freiherr, der Kaplan und Hans begleiteten sie. Sie ging allein, ihrer Eskorte hundert Schritte voraus, und erstieg den Schreckenstein mit einem Muthe Bradamantens » ... der erlauchten Dame Bradamante,
Die fast dem Bruder gleicht; so stark und kühn
Ist diese tapfre Schwester von Rinalden.«
(Bojardo's Verl. Roland n. Regis' Uebers.
II, 6, 23.)
würdig. Aber je näher sie kam, desto mehr nahm der Schein ab, der ihr aus den Spalten des Berggipfels hervorzuleuchten schien, und als sie oben war, lag alles in tiefer Finsterniß. Todtenstille und das Grausen der Einsamkeit herrschten überall. Sie rief Zdenko, Ajax und selbst Albert, obwohl mit Zittern. Alles blieb stumm und nur das Echo gab ihr der Schall ihrer unsicheren Stimme zurück.

Entmuthigt kehrte sie zu ihren Begleitern zurück. Diese rühmten ihren Muth und wagten es, nach ihr, nochmals den Ort zu untersuchen, den sie eben verlassen hatte, jedoch ohne Erfolg; schweigend kehrten alle zum Schlosse zurück und fanden Wenceslawa am Thore wartend, der, als sie den Bericht vernommen, ihre letzte Hoffnung schwand.

9.

Nachdem Consuelo die Danksagungen und den Kuß, den die gute Wenceslawa ganz betrübt ihr auf die Stirn gab, empfangen hatte, ging sie behutsam, um Amalie nicht zu wecken, vor der man das Unternehmen geheim gehalten, nach ihrem Zimmer. Sie wohnte im ersten Stock, während das Zimmer des Stiftsfräuleins zu ebener Erde war. Im Hinaufsteigen aber ließ sie ihren Leuchter fallen, und das Licht erlosch, ehe sie es wieder ergreifen konnte.Sie glaubte auch im Dunkeln ihren Weg zu finden, um so mehr, als der Tag zu grauen begann; Allein, war es nun eine sonderbare Zerstreuung; oder war ihr Muth ihr, nach einer für ihr Geschlecht übergroßen Anstrengung, plötzlich entschwunden, sie verwirrte sich dergestalt, daß sie dem Geschoß, in welchem sie wohnte, vorbeiging und in das obere Stockwerk gelangte, wo sie in den Corridor eintrat, der zu Albert's fast genau über dem ihrigen liegenden Zimmer führte. Starr vor Schrecken blieb sie stehen, als sie den Gang betretend – einen schlanken, schwarzen Schatten bemerkte, der vor ihr her glitt, als ob seine Füße den Boden nicht berührten und in das Zimmer schlüpfte, auf welches Consuelo zuging, in der Meinung, daß es das ihrige wäre. Bei ihrem Schrecken hatte sie noch Geistesgegenwart genug, die Gestalt zu betrachten und sie faßte schnell in der Dämmerung einen Umriß auf von Zdenko's Körperform und Tracht.

Aber was hatte er in Consuelo's Zimmer zu thun in einer solchen Stunde, und welche Botschaft brachte er ihr? Sie fühlte sich nicht aufgelegt, diesem Zusammentreffen die Stirn zu bieten und stieg die Treppe wieder hinunter, um das Stiftsfräulein zu rufen. Aber als sie an das untere Stockwerk kam, erkannte sie ihren Corridor, die Thür ihres Zimmers und ward inne, daß es Albert's Zimmer gewesen, wohinein sie Zdenko hatte gehen sehen.

Tausend Vermuthungen boten sich ihrem nun wieder ruhigen und prüfenden Geiste dar. Wie konnte der Irre über Nacht in das so wohl verwahrte, jeden Abend von dem Stiftsfräulein und der Dienerschaft so sorgfältig durchsuchte Schloß dringen? Die Erscheinung Zdenko's bestärkte sie in dem Gedanken, den sie immer schon gehegt hatte, daß das Schloß einen geheimen Ausgang, vielleicht eine unterirdische Verbindung mit dem Schreckenstein haben müsse. Sie lief und klopfte an Wenceslawa's Thür, die sich bereits in ihrer strengen Klause eingeriegelt hatte und einen großen Schrei ausstieß, als sie sie ohne Licht und etwas bleich ankommen sah.

– Beruhigen Sie sich, theure Frau! sagte das junge Mädchen; ich bringe ein neues Ereigniß, das seltsam genug ist, aber nichts Erschreckendes hat: ich habe Zdenko in des Grafen Albert Zimmer gehen sehen.

– Zdenko! aber Sie träumen, liebes Kind! wie sollte er hereingekommen sein? Ich habe alle Thüren mit derselben Sorgfalt wie immer zugeschlossen, und während Sie außen waren nach dem Schreckenstein, habe ich die ganze Zeit über gute Wache gehalten: die Brücke war aufgezogen, und als Sie sie passirt hatten, um ins Haus zu gehen, war ich hinter Ihnen die letzte und ließ selber sie wieder aufziehen.

– Wie dem auch sei, gnädige Frau! Zdenko ist in Albert's Zimmer. Es hängt nur von Ihnen ab, sich persönlich davon zu überzeugen.

– Ich gehe auf der Stelle hin, antwortete das Stiftsfräulein, ihn hinauszujagen, wie es Recht ist. Das elende Geschöpf muß bei Tage hineingegangen sein. Aber was kann er da wollen? Gewiß sucht er Albert oder will ihn erwarten; ein Beweis, liebes Kind, daß er nicht besser als wir weiß, wo Albert ist.

– Nun, gehen wir immer und fragen ihn! sagte Consuelo.

– Einen Augenblick, einen Augenblick! sagte Wenceslawa, die im Begriff zu Bett zu gehn, zwei ihrer Röcke abgelegt hatte und sich in den übrigen dreien zu wenig bekleidet glaubte; ich kann mich so vor keinem Manne zeigen, meine Liebe! Rufen Sie den Kaplan oder meinen Bruder Friederich, den ersten, den Sie erlangen können ... wir können uns nicht beide allein der Gefahr aussetzen, mit diesem wahnsinnigen Menschen zusammenzukommen  ... aber nein! das geht ja nicht. Eine junge Person, wie Sie, kann doch nicht bei den Herren anklopfen ... warten Sie, warten Sie! ich werde geschwind machen, in einem Augenblickchen bin ich fertig.

Sie brachte hierauf ihren Anzug in Ordnung, was um so länger dauerte, je mehr sie es geschwind thun wollte und weil sie, mehr als es seit langer Zeit geschehen war, in ihren regelmäßigen Gewohnheiten gestört, ganz und gar den Kopf verloren hatte. Ungeduldig über diesen Verzug, während dessen Zdenko Albert's Zimmer verlassen und sich im Schlosse so verbergen konnte, daß er nicht zu finden wäre, fand Consuelo alle ihre Entschiedenheit wieder.

– Verehrte Frau! sagte sie, ein Licht anzündend, gehen Sie, diese Herren herbeizurufen, ich will indessen sehen, ob uns Zdenko nicht entwischt.

Sie stieg hastig die beiden Treppen hinauf, und öffnete mit muthiger Hand Albert's Thür, die nicht widerstand; sie fand aber das Zimmer verlassen. Sie trat in ein anstoßendes Kabinet, hob die Vorhänge auf, war so kühn, selbst unter das Bett und hinter alle Möbel zu schauen. Zdenko war nicht mehr da und keine Spur verrieth, daß er da gewesen.

– Er ist fort! sagte sie zu dem Stiftsfräulein, das von Hans und dem Kaplan begleitet heraufgetappt kam. Der Baron hatte sich schon niedergelegt gehabt und schlief; es war unmöglich, ihn zu ermuntern.

– Ich fange an zu fürchten, sagte der Kaplan ein wenig verdrießlich, daß man ihn zum zweiten Male aus seiner Ruhe gejagt hatte, ich fange an zu fürchten, daß die Signora Porporina sich von täuschenden Einbildungen zum Besten haben läßt ...

– Nein, Herr Kaplan! antwortete Consuelo lebhaft, Niemand hier macht sich deren weniger als ich.

– Und Niemand besitzt mehr Seelenstärke und Aufopferung, alles wahr! entgegnete der gute Mann, jedennoch, Signora! mögen Sie wohl, aus zu feuriger Hoffnung, Anzeichen erblicken, wo leider keine vorhanden sind.

– Vater! sagte das Stiftsfräulein, die Porporina ist muthig wie ein Löwe und klug wie ein Doctor. Wenn sie Zdenko gesehen hat, so ist Zdenko da gewesen. Man muß ihn im ganzen Hause suchen, und da alles wohl verschlossen ist, Gott sei Dank, so kann er uns nicht entwischen.

Man weckte die übrige Dienerschaft und suchte in allen Winkeln. Kein Schrank blieb ungeöffnet, kein Möbel unverrückt. Aller Vorrath auf den geräumigen Speichern wurde um und umgekehrt. Hans trieb sogar die Naivität so weit, in die großen Stiefel des Freiherrn hineinzugucken. Zdenko war so wenig darin als sonst wo. Man fing an zu glauben, Consuelo habe geträumt; sie aber wurde nur noch fester in der Ueberzeugung, daß ein geheimer Ausgang zu finden sein müßte, und nahm sich vor, alle ihre Beharrlichkeit an die Entdeckung desselben zu setzen.

Kaum hatte sie einige Stunden geruht, als sie ihre Untersuchung begann. Der Flügel, in welchem sie wohnte, und worin auch Albert's Zimmer sich befand, lehnte sich an die Felswand. Albert hatte selbst sich seine Wohnung so gewählt und einrichten lassen, daß er nach Süden einer malerischen Aussicht genoß und dicht bei seinem Arbeitskabinet eine hübsche kleine Gartenterrasse hatte, auf welche man unmittelbar aus dem Zimmer hinaustrat. Er liebte die Blumen und zog dort in Erde, die man auf die steinige Bergstufe hinaufgeschafft hatte, seltene Gewächse.

Die Terrasse umgab eine Brustwehr von großen Werkstücken, welche auf dem schroffen Felsrande auflagen; man übersah von diesem Blumenparkett den Absturz der anderen Thalwand und einen Theil des weiten zackigen Horizonts des Böhmerwaldes. Consuelo, die hier noch nicht gewesen war, bewunderte die schöne Lage und die malerische Anordnung; dann ließ sie sich vom Kaplan sagen, wozu diese Terrasse gedient hätte, ehe das Schloß aus einer Festung in einen herrschaftlichen Wohnsitz umgewandelt worden.

– Es war dies, sagte er, eine alte Bastion, eine Art befestigter Warte, von wo auf die Besatzung die Bewegungen des Feindes unten im Thal und auf den anliegenden Berghängen beobachten konnte. Es giebt keinen Zugang zum Schlosse, den man hier nicht übersehen könnte. Ehemals war die Plattform mit einer hohen Mauer umgeben, welche Schießscharten nach allen Seiten hatte und diejenigen, welche sie besetzt hielten, vor den feindlichen Bolzen oder Kugeln beschützte.

– Und was ist dies? fragte Consuelo, zu einer Cisterne tretend, die sich in der Mitte des Parketts befand, und in welche ein steiles gewundnes Treppchen hinabführte.

– Eine Cisterne, die den Belagerten alle Zeit und reichlich ein köstliches Quellwasser lieferte, ein unbezahlbarer Schatz für ein festes Schloß.

– Das ist also trinkbar? sagte Consuelo, das grünliche, schäumige Wasser der Cisterne betrachtend. Es scheint mir sehr trübe.

– Es ist gerade jetzt nicht gut, oder wenigstens ist es nicht immer gleich gut; Graf Albert braucht es nur, um seine Blumen zu begießen. Sie müssen nämlich wissen, daß sich an diesem Brunnen seit etwa zwei Jahren ein sehr merkwürdiges Phänomen zeigt. Die Quelle, denn er hat eine, ich weiß nicht wie tief im Schooße des Berges, setzt zu Zeiten aus. Während ganzer Wochen sinkt der Wasserspiegel auffallend und Graf Albert läßt sich von Zdenko aus dem großen Hofbrunnen das Wasser zum Begießen seiner geliebten Blumen holen. Dann plötzlich während einer Nacht und manchmal ehe eine Stunde um ist, füllt sich die Cisterne mit einem schmutzigem trüben Wasser, wie Sie da sehen. Manchmal leert sie sich ungemein schnell; in anderen Fällen bleibt das Wasser ziemlich lange darin stehen, klärt sich dann nach und nach und wird zuletzt kalt und klar wie Bergkristall. Es muß heute Nacht ein Phänomen der erwähnten Art eingetreten sein, denn noch gestern habe ich die Cisterne klar und ganz voll gesehen, und jetzt sehe ich sie trüb, als ob sie sich geleert und wieder gefüllt hätte.

– Diese Phänomene haben also keinen regelmäßigen Verlauf?

– Nein! und ich würde schon genaue Beobachtungen angestellt haben, wenn mir Graf Albert, der nach seiner gewohnten menschenscheuen Art Niemanden in seine Zimmer und auf seine Terrasse läßt, nicht diese Ergötzung untersagt hätte. Ich habe gedacht, und denke noch, daß der Boden der Cisterne mit Wassergewächsen und Schlingkraut bedeckt ist, wodurch bisweilen die Oeffnung, aus welcher sich der Brunnen speist, verstopft und dem unterirdischen Wasser der Zutritt versperrt wird, bis sich das andringende Wasser selbst wieder Luft macht.

– Wie erklären Sie jedoch das plötzliche Verschwinden des Wassers, das in andern Fällen eintritt?

– Daraus, daß der Graf ungewöhnlich viel zum Begießen seiner Blumen verbraucht.

– Es würden viele Arme, scheint mir, nöthig sein, um diesen Brunnen auszuschöpfen. Er ist also wohl nicht tief?

– Nicht tief? Man kann nicht auf den Boden kommen.

– Dann reicht Ihre Erklärung nicht aus, sagte Consuelo, von der Dummheit des Kaplans überrascht.

– Finden Sie eine bessere! sagte er in einiger Verwirrung und verdrießlich, daß ihm sein Scharfsinn nicht aushalf.

– Gewiß! dachte Consuelo, ich werde eine bessere finden, und vertiefte sich ganz in Betrachtungen über den merkwürdigen Eigensinn des Brunnens.

– O, wenn Sie Graf Albert frügen, was das Phänomen bedeutet, hob der Kaplan wieder an, der gern ein wenig den starken Geist machen wollte, um sein Ansehn in den Augen der klarblickenden Fremden wieder zu gewinnen, so würde er Ihnen sagen, daß das die Thränen seiner Mutter sind, die im Schooße des Berges versiegen und von Neuem strömen. Der berühmte Zdenko, dem Sie so viel Verstand zutrauen, würde Ihnen zuschwören, daß da unten eine Sirene sitzt und denen sehr angenehm vorsingt, die Ohren haben zu hören. Sie beide haben diesen Brunnen die Thränenquelle getauft. Es ist das vielleicht sehr poetisch, und wer ein Freund von den heidnischen Fabeln ist, kann sich daran genügen lassen.

– Ich werde mir nicht daran genügen lassen, dachte Consuelo, und ich werde erfahren, auf welche Weise diese Thränen versiegen.

– Uebrigens, fuhr der Kaplan fort, habe ich mir gedacht, daß es einen Abzug in einem andern Winkel der Cisterne geben wird ...

– Es scheint mir, daß ohne einen solchen die Cisterne, wenn sie von einer Quelle gespeist wird, beständig überfließen müßte.

– Natürlich, natürlich! entgegnete der Kaplan, der nicht so aussehen wollte, als ob ihm dieser Gedanke zum ersten Male eingekommen wäre; man braucht nicht weither zu sein, um eine so simple Sache zu entdecken! Es muß aber eine wesentliche Veränderung in den Abflußwegen des Wassers vorgegangen sein, da es nicht mehr so regelmäßig, wie ehedem, seinen Stand behauptet.

– Sind es natürliche Kanäle, fragte die beharrliche Consuelo, oder Leitungen von Menschenhand gemacht? das müßte man wissen.

– Das kann Niemand ergründen, sagte der Kaplan, da Graf Albert nicht leidet, daß man seinen lieben Brunnen anrühre und ausdrücklich verboten hat, mit einer Reinigung einmal einen Versuch zu machen.

– Das dacht' ich, sagte Consuelo, indem sie sich entfernte, und ich denke, man thut wohl daran, seinen Willen zu achten, denn Gott weiß, welches Unglück ihm geschehen könnte, wenn man sich unterfinge, seine Sirene zu beleidigen.

– Es wird mir fast zur Gewißheit, sagte der Kaplan zu sich, als er von Consuelo ging, daß diese junge Person nicht weniger verwirrt im Kopfe ist als der Herr Graf. Sollte Tollheit ansteckend sein? Oder hätte Meister Porpora sie uns geschickt, damit die frische Landluft wohlthätig auf ihre Kopfnerven wirke? Nach der Hartnäckigkeit zu urtheilen, womit sie sich das Räthsel dieses Brunnens erklären ließ, hätte ich fast gewettet, daß sie die Tochter von einem Ingenieur bei den Kanälen in Venedig ist und sich so ein Ansehen geben wollte, als ob sie das Fach verstünde; aber an ihren letzten Reden merke ich wohl, sonderlich, wenn ich ihre Vision von diesem Morgen in Betreff des Zdenko damit zusammenhalte und die Promenade, die sie uns diese Nacht nach dem Schreckenstein machen ließ, daß es alles Phantasien von dem nämlichen Genus sind. Glaubt sie nicht gar, den Grafen Albert auf dem Grunde dieses Brunnens zu finden! Armes junges Volk! daß ihr nicht auf die Vernunft und Wahrheit der Sachen kommen könnt!

Hierauf ging der Kaplan und betete sein Brevier ab in Erwartung der Mittagsmahlzeit.

– Es muß sein, dachte ihrerseits Consuelo, daß Müßiggang und Hinbrüten den Verstand seltsam schwächen, wie sollte sonst nicht dieser heilige Mann, der so viel gelesen und gelernt hat, sogleich auf die Vermuthung fallen, die mir bei diesem Brunnen aufsteigt. O mein Gott, verzeih mir, aber das ist einer deiner Diener, der sehr wenig Gebrauch von seiner gesunden Vernunft macht. Und den Zdenko nennen sie unvernünftig!

Hiermit ging Consuelo und ließ die junge Baronin eine Stunde solfeggiren, in Erwartung der Zeit, ihre Nachforschungen wieder aufzunehmen.

10.

– Haben Sie das Abfließen des Wassers jemals beobachtet, und haben Sie selbst es irgend einmal steigen sehen? fragte sie am Abend leise den Kaplan, der in bester Arbeit der Verdauung war.

– Wie? was ist? rief der Kaplan, auf seinem Stuhl hoch aufhüpfend und seine Augen rund und weit aufreißend.

– Ich spreche von der Cisterne, sagte sie, ohne sich irren zu lassen, kennen Sie den Verlauf des Phänomens aus eigener Anschauung?

– Ja so, ach! die Cisterne! nun verstehe ich, sagte der Kaplan mit einem mitleidigen Lächeln. Sie hat wieder einen Anfall ihrer Tollheit, dachte er bei sich.

– Aber geben Sie mir doch Antwort, bester Kaplan! sagte Consuelo, die ihre Untersuchungen mit der Rastlosigkeit verfolgte, welche sie an alles, was ihren Geist einnahm, zu setzen gewohnt war, und ohne die entfernteste Absicht einer Neckerei gegen den würdigen Mann.

– Ich muß Ihnen gestehen, Mademoiselle, antwortete er sehr kalt, daß ich nie Gelegenheit gehabt habe, mir die Anschauung zu verschaffen, nach welcher Sie mich fragen, so wie ich überhaupt Ihnen sagen muß, daß ich mir um diese Sache noch keine schlaflose Nacht gemacht habe.

– O, das glaube ich, versetzte Consuelo ungeduldig.

Der Kaplan zuckte die Achseln und erhob sich schwerfällig von seinem Sitze, um diesem Forschungseifer zu entrinnen.

– Nun wohl! dachte Consuelo, da Niemand hier eine Stund seines Schlafs opfern will, um eine so wichtige Sache zu ergründen, so will ich meine ganze Nacht, wenn es sein muß, daran setzen. Und da es noch nicht Zeit zum Schlafengehen war, so nahm sie ihren Mantel um und machte einen Gang durch den Garten.

Die Nacht war kalt und sternhell; ihre Nebel hatten sich zerstreut vor dem emporsteigenden Vollmond. Die Sterne erblaßten bei seinem Nahen, die Luft war trocken und klingend. Consuelo, die von der Ermüdung, von der Schlaflosigkeit und von der edelmüthigen, doch vielleicht ein wenig krankhaften Anspannung ihres Geistes aufgeregt, nicht ermattet war, fühlte eine leichte Fieberhitze, die die Frische der Nacht nicht zu dämpfen vermochte. Es war ihr als stünde sie am Ziele ihres Unternehmens. Ein romantisches Vorgefühl, das sie sich als Geheiß und Aufmunterung vom Himmel auslegte, ließ ihr keine Rast und Ruh.

Sie setzte sich auf einen mit Lerchenbäumen umpflanzten Rasenhügel und fing an auf den schwachen, klagenden Ton des Stroms, der unten durch das Thal rann, zu horchen. Da schien es ihr, als ob noch eine lieblichere und klingendere Stimme sich in das Gemurmel des Wassers mischte und sich allmählig bis zu ihr erhob. Sie streckte sich auf den Rasen nieder, um näher dem Boden deutlicher diese Laute, die der Wind jeden Augenblick hinwegtrug, zu vernehmen. Nunmehr unterschied sie Zdenko's Stimme. Er sang deutsch und sie erhaschte folgende Worte, die er, so gut es gehn wollte, einer böhmischen Melodie von jenem, ihr nun schon bekannten einfachen und schwermüthigen Charakter anpaßte:

Unten, da unten in Leid und Müh eine Seele harrt an Erlösung;
Die Erlösung, die verheißne, den verheißnen Trost.
Die Erlösung scheint gebunden, und der Trost scheint unerbittlich
Unten, da unten in Leid und Müh ist eine Seele wartensmüde.

Als der Gesang schwieg, stand Consuelo auf, suchte Zdenko mit den Augen draußen im Freien, durchlief nach ihm den ganzen Park und den ganzen Garten, rief ihn an verschiedenen Orten und kam ins Haus zurück, ohne ihn gefunden zu haben.

Eine Stunde später, nach einem langen, in Gemeinschaft laut gesprochenen Gebete für den Grafen Albert, woran man die ganze Dienerschaft Theil nehmen ließ, war alles zu Bett gegangen und Consuelo hatte ihren Platz bei der Thränenquelle genommen. Sie saß auf der Einfassung des Brunnens unter dem dichten Moose, das da von Natur wuchs, und den Schwertlilien, die Albert gepflanzt hatte, sie blickte unverwandt auf das stille Wasser, in welchem sich der Mond, der seinen höchsten Stand eben erreicht hatte, klar abspiegelte.

Eine Stunde hatte sie schon so gewartet und das muthige Kind fühlte, von der Müdigkeit bezwungen, seine Augenlider schwer werden, als ein leichtes Geräusch auf der Oberfläche des Wassers sie munter machte. Sie öffnete die Augen und sah das Bild des Mondes sich bewegen, sich brechen und sich in flimmernden Zirkeln auf dem Wasserspiegel ausbreiten. Zugleich ließ sich ein Sprudeln und ein dumpfes Geräusch wahrnehmen, erst kaum merklich, bald aber ungestüm; sie sah das Wasser wirbelnd wie in einem Trichter fallen und in weniger als einer Viertelstunde in der Tiefe des Schlundes verschwinden.

Sie war so kühn, mehre Stufen hinabzusteigen. Die Treppe, die nur dazu angebracht schien, daß man bei dem verschiedenen Stand des Wassers jedesmal bis zu seinem Spiegel gelangen könnte, lief schneckenförmig aus dem Granit des Felsens gehauen hinab. Die schlammigen, schlüpfrigen Stufen ließen keinen festen Tritt zu und verloren sich in einer schauerlichen Tiefe. Die Dunkelheit, ein Ueberrest von Wasser, der noch unten in dem unermeßlichen Schlunde klatschte, die Unmöglichkeit, ihre zarten Füße auf dem zähen Schlamme festzuhalten, setzten dem unsinnigen Versuche Consuelo's eine Grenze; sie stieg rückwärts mit vieler Mühe wieder hinauf und setzte sich zitternd und betreten auf die oberste Stufe.

Das Wasser schien inzwischen immer tiefer in das Herz der Erde zu entweichen. Das Geräusch wurde immer dumpfer, bis es gänzlich aufhörte und Consuelo bedachte, ob sie gehen und Licht holen sollte, um so weit, als es von oben möglich war, das Innere der Cisterne zu untersuchen. Aber sie fürchtete alsdann die Ankunft dessen, den sie erwartete, zu verfehlen und harrte in Geduld fast noch eine Stunde unbeweglich an ihrer Stelle

Endlich glaubte sie ein schwaches Licht in der Tiefe des Brunnens zu bemerken und sich in der höchsten Spannung überbeugend sah sie den zitternden Schein allmählig höher steigen. Bald war kein Zweifel mehr, Zdenko kam die Schneckenstiege herauf, sich an einer eisernen Kette forthelfend, die an den Steinwänden befestigt war. Das Geräusch, das seine Hand verursachte, indem sie diese Kette anzog und von Strecke zu Strecke wieder fallen ließ, verrieth das Dasein dieser Art Geländer; es hörte aber in einer gewissen Höhe auf, daher es Consuelo weder hatte bemerken noch vermuthen können.

Zdenko trug eine Laterne, die er an einen dazu bestimmten und ungefähr zwanzig Fuß unterhalb des Bodens in den Felsen eingekitteten Haken hängte; hierauf stieg er behend und schnell den Rest der Treppe hinauf, ohne Kette oder sonst eine wahrnehmbare Unterstützung. Indessen bemerkte Consuelo, die mit der größten Aufmerksamkeit beobachtete, daß er sich an den Spitzen einiger Mauerpflanzen hinaufhalf, die wohl kräftiger als die übrigen sein mochten, oder vielleicht auch an einigen aus der Wand hervorragenden Haken, die er mit der Hand zu treffen wußte.

Als er so hoch kam, um Consuelo sehen zu können, versteckte sie sich hinter der kreisförmigen steinernen Balustrade, welche die Mündung des Brunnens umschloß und sich nur da, wo die Treppe hinabging, öffnete.

Zdenko trat heraus und fing an, langsam auf dem Parterre mit vieler Sorgfalt und, wie es schien, mit Auswahl, einen großen Blumenstrauß zu pflücken. Dann ging er in Albert's Cabinet, und Consuelo sah durch die Glasscheiben der Thür, wie er lange unter den Büchern wühlte und eines suchte, das er endlich gefunden zu haben schien; denn er kam lachend zur Cisterne zurück, und mit sich selbst in dem Tone großer Zufriedenheit, aber mit leiser, kaum erhaschbarer Stimme redend: so getheilt schien er zwischen dem Bedürfniß, für sich hin zu schwatzen, seiner Gewohnheit nach, und der Furcht, die Bewohner des Schlosses zu wecken.

Consuelo hatte sich noch nicht gefragt, ob sie ihn anreden sollte, ob sie ihn bitten sollte, sie zu Albert zu führen; und, um es zu gestehen, in diesem Augenblick, überrascht von dem, was sie sah, in ihr Unternehmen vertieft, froh, die Bestätigung der geahnten Wahrheit erlangt zu haben, aber auch erschüttert von dem Gedanken, tief in den Schooß der Erde und der Wasserschlünde hinabzusteigen, fühlte sie in sich nicht den Muth, stürmend zum Ziele zu dringen, und sie ließ Zdenko hinabsteigen, wie er herausgekommen war, ließ ihn seine Laterne wiedernehmen und allmählig verschwinden, während er mit immer dreisterer Stimme, je weiter er sich in die Tiefe seines sichern Zufluchtsortes verlor, sein Lied sang:

»Die Erlösung ist gebunden und der Trost ist unerbittlich.«

Mit klopfendem Herzen, den Hals ausgereckt, hatte Consuelo seinen Namen zehn Mal auf den Lippen, um ihn zurückzurufen. Sie wollte sich eben durch einen heroischen Entschluß dazu ermannen, als ihr plötzlich einfiel, daß die Ueberraschung dem Unglücklichen auf dieser schwierigen und gefährlichen Stiege ein Straucheln, einen Schwindel, der hier tödtlich wäre, verursachen könnte. Sie unterließ es daher und versprach sich, am nächsten Tage, zur gelegenen Zeit, muthiger zu sein.

Sie erwartete noch die Wiederkehr des Wassers und dieses Mal hatte das Phänomen einen geschwinderen Verlauf. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, seit sie Zdenko nicht mehr hörte und keinen Lichtschein mehr sah, als sich ein dumpfes Geräusch, dem fernen Rollen des Donners ähnlich, vernehmen ließ, und das Wasser mit Heftigkeit emporschoß, brodelnd aufstieg und mit wirbelnder Wuth die Wände seines Kerkers peitschte. Dieses rasche Hervorbrechen des Wassers hatte etwas so Erschreckendes, daß Consuelo für den armen Zdenko zitterte und sich fragte, ob er nicht, mit solchen Gefahren spielend und so mit den Kräften der Natur schaltend, leicht eine Beute des wüthenden Elementes werden könnte und ertränkt und zerschmettert auf der Oberfläche des Wassers mit den schlammigen Pflanzen, die sie heraufgespült sah, wieder erscheinen würde.

Indessen mußte das Mittel sehr einfach sein: es konnte nur darauf ankommen, eine Schleuse niederzulassen und aufzuziehen, vielleicht herkommend einen Stein zu legen, und zurückgehend wieder wegzunehmen. Aber konnte sich dieser Mensch, der immer zerstreut und in seine wunderlichen Phantasien verloren war, nicht einmal irren und den Stein zu früh entfernen? Kam er denn wohl durch den nämlichen Kanal, welcher dem Wasser der Quelle zum Durchgang diente? Wie dem sei, ich muß hindurch, mit ihm oder ohne ihn, sagte sich Consuelo, und das spätestens in der nächsten Nacht, denn es ist da unten eine Seele in Leid und Müh, die meiner harrt und wartensmüde ist. Dies ist nicht zufällig gesungen worden, und es ist nicht ohne Absicht geschehen, daß Zdenko, der das Deutsche haßt und nur mit Mühe spricht, sich heute in dieser Sprache ausgedrückt hat.

Sie ging endlich zu Bett, aber sie verbrachte den Rest der Nacht unter schweren, beängstigenden Träumen. Das Fieber machte Fortschritte. Sie bemerkte es nicht, so sehr fühlte sie sich noch voll Kraft und Entschlossenheit; aber jeden Augenblick fuhr sie aus dem Schlummer auf, dünkte sich noch auf den Stufen der furchtbaren Brunnenstiege, und als könnte sie nicht wieder hinaufgelangen, während das Wasser sich unter ihr mit Gebrüll und Sturmeseile hob.

Sie war am andern Morgen so verwandelt, daß Jedermann die Verstörung ihrer Züge bemerkte. Der Kaplan hatte sich nicht enthalten können, gegen das Stiftsfräulein im Vertrauen zu äußern, daß ihm »diese angenehme und dienstfertige Person« etwas kopfverwirrt schiene, und die gute Wenceslawa, die in ihrem Kreise nicht gewohnt war, so viel Muth und Aufopferung zu sehen, fing zu glauben an, daß die Porporina wenigstens ein sehr exaltirtes junges Frauenzimmer von großer Reizbarkeit der Nerven sei. Sie verließ sich zu sehr auf ihre guten eisenbeschlagenen Thüren und auf ihre treuen, stets an ihrem Gürtel klirrenden Schlüssel, um an Zdenko's Erscheinen und Verschwinden in der vorletzten Nacht lange zu glauben. Sie redete daher der Consuelo freundlich und theilnehmend zu, beschwor sie, sich die Leiden der Familie nicht dergestalt zu Herzen zu nehmen, daß es ihrer Gesundheit schaden könnte, und gab sich Mühe, ihr auf die baldige Rückkehr Albert's Hoffnungen zu machen, welche sie selbst im Stillen schon zu verlieren anfing.

Aber sie wurde von Furcht und Hoffnung zugleich bewegt, als Consuelo ihr mit einem von Zufriedenheit leuchtenden Blicke und mit einem milden stolzen Lächeln zur Antwort gab:

– Sie haben sehr Recht zu vertrauen und mit Zuversicht zu hoffen, theure Frau! Graf Albert lebt und befindet sich, hoffe ich, nicht zu schlecht, denn er kümmert sich noch von dem Schooße seines Zufluchtsortes aus um seine Bücher und um seine Blumen. Ich weiß es gewiß, und könnte Ihnen die Beweise liefern.

– Was meinen Sie damit, liebes Kind? rief das Stiftsfräulein, durch Consuelo's zuversichtliche Miene besiegt; was haben Sie erfahren? was haben Sie entdeckt? Reden Sie, um Gottes willen! geben Sie einer trostlosen Familie das Leben wieder!

– Sagen Sie dem Grafen Christian, sein Sohn lebt und ist nicht fern von hier. Dies ist so wahr, als ich Sie liebe und Sie hochachte.

Das Stiftsfräulein stand auf, um zu ihrem Bruder zu eilen, der noch nicht in den Saal heruntergekommen war. Aber ein Blick und ein Seufzer des Kaplans hielten sie zurück.

– Regen wir in meinem armen Christian nicht leichtsinnigerweise eine solche Freude auf! sagte sie, nun auch seufzend. Wenn vielleicht Ihre süßen Verheißungen bald zu Schanden würden, ach, mein liebes Kind, dann hätten wir diesem unglücklichen Vater den Todesstoß gegeben.

– Sie mißtrauen also meinem Worte? sagte Consuelo erstaunt.

– Gott bewahre mich, edelmüthige Nina! aber Sie können sich selbst täuschen! Mein Gott! wie oft ist das uns begegnet! Sie sagen, daß Sie Beweise haben, meine liebe Tochter; können Sie sie uns nicht namhaft machen?

– Ich kann nicht ... wenigstens scheint mir, daß ich es nicht darf, sagte Consuelo ein wenig verlegen. Ich habe ein Geheimniß entdeckt, worauf Graf Albert gewiß eine große Wichtigkeit legt, und ich glaube, es nicht ohne seine Bewilligung verrathen zu dürfen.

– Ohne seine Bewilligung! rief das Stiftsfräulein, indem sie den Kaplan unschlüssig ansah. Sollte sie ihn gesehen haben?

Der Kaplan zuckte unmerklich mit den Achseln, ohne zu empfinden, welchen Schmerz er durch seine Ungläubigkeit dem armen Stiftsfräulein verursachte.

– Ich habe ihn nicht gesehen, entgegnete Consuelo, aber ich werde ihn bald sehen und Sie auch, hoffe ich. Ich bin daher besorgt, seine Rückkehr vielleicht zu verzögern, wenn ich unbehutsamer Weise gegen seinen Willen handelte.

– Möge die himmlische Wahrheit in deinem Herzen wohnen, herrliches Geschöpf, und durch deinen Mund reden! sagte Wenceslawa, sie mit besorgten und sehnsüchtigen Blicken betrachtend. Behalte dein Geheimniß, wenn du eines hast, und gieb uns Albert wieder, wenn du die Macht besitzest. Ich weiß nur, wenn das geschähe, so würde ich deine Füße küssen, wie jetzt deine arme Stirn ... die so brennt und so feucht ist, fügte sie, nachdem sie die schöne, glühende Stirn des Mädchens mit ihren Lippen berührt hatte, zu dem Kaplan gewendet mit bewegter Miene hinzu.

Wenn sie närrisch ist, sagte sie zu dem letzteren, sobald sie ohne Zeugen waren, ein Engel von Güte ist sie immer, und sie scheint mit unseren Leiden mehr beschäftigt als wir selbst. Ach, Vater! es ruht ein Fluch auf diesem Hause. Was nur eine erhabene Seele hat, wird darin von einem Taumel ergriffen und unser Leben geht damit hin, die zu beklagen, die uns Bewunderung abzwingen.

– Die guten Regungen dieser jungen Fremden stelle ich nicht in Abrede, sagte der Kaplan. Aber es ist ein Delirium daneben vorhanden, meine Gnädige! das ist kein Zweifel. Sie wird heute Nacht vom Grafen Albert geträumt haben und giebt uns unüberlegterweise ihre Gesichte für Gewißheiten. Hüten Sie sich, die fromme und gottergebene Seele Ihres verehrungswürdigen Bruders durch solcherlei leichtfertige Vorspieglungen aufzuregen. Es wäre auch vielleicht gut, der Vermessenheit dieser Signora Porporina nicht allzuviel Vorschub zu leisten ... Selbige könnte sie sonst in noch ganz andere Gefahren stürzen, als denen sie bis jetzt hat trotzen mögen ...

– Ich verstehe Sie nicht, antwortete das Stiftsfräulein Wenceslawa mit der unbefangensten Ernsthaftigkeit.

– Es macht mich in der That sehr verlegen, wie ich mich näher erklären soll, versetzte der würdige Mann ... Indessen es bedünkt mich ... wenn ein heimlicher Umgang, in allen Züchten und Ehren versteht sich, Platz griffe zwischen dieser jungen Künstlerin und dem edeln Grafen ...

– Nun? sagte das Stiftsfräulein und machte große Augen.

– Nun! meine Gnädigste! Meinen Sie nicht, daß Gefühle der Theilnahme und Besorgtheit, sehr unschuldige Gefühle allerdings in ihrem Ursprunge, dennoch wohl in einiger Zeit, mit Hülfe der Umstände und romanenhafter Ideen, für die Ruhe und die Würde der jungen Sängerin gefährlich werden könnten?

– Ich wäre niemals auf so etwas gekommen! rief das Stiftsfräulein, betroffen von der Bemerkung des Kaplans. Glauben Sie denn, ehrwürdiger Vater, die Porporina könnte es jemals außer Acht lassen, was für eine demüthigende und zweifelhafte Stellung sie einnehmen würde in einem Verhältnisse, welcher Art es sei, mit einem Manne, der so hoch über ihr steht, wie mein Neffe, Albert von Rudolstadt!

– Der Graf Albert von Rudolstadt könnte, ohne es zu wollen, durch seine erkünstelte Verachtung der schätzbaren Vorzüge von Geburt und Rang, die er als bloße Vorurtheile behandelt, wohl selbst dazu beitragen.

– Sie erwecken in mir eine sehr ernstliche Unruhe, sagte Wenceslawa, die sich bei ihrer einzigen schwachen Seite, dem Familienstolz und der Eitelkeit auf ihre Geburt, angegriffen fühlte. Hätte wohl das Uebel schon Wurzel gefaßt in dem Herzen dieses Kindes? Sollte wohl ihrer Aufgeregtheit, ihrem Eifer, Albert wiederzufinden, ein minder reiner Beweggrund als ihr Edelmuth und ihre Theilnahme für uns zum Grunde liegen?

– Ich schmeichle mir noch mit der Hoffnung des Gegentheiles, antwortete der Kaplan, der nur die eine Leidenschaft hatte, unter aller ängstlichen Darlegung einer ehrfurchtsvollen Ergebenheit und Unterwürfigkeit, mit seinen Winken und Rathschlägen eine wichtige Rolle in der Familie zu spielen. Jedennoch wird es dienlich sein, meine liebe Tochter, Ihre Augen für das, was demnächst vorgeht, offen zu haben und Ihre Wachsamkeit bei solcher Fahr nicht einschlummern zu lassen. Für diese delicate Pflicht ist Niemand geeignet, als Sie, und sie erfordert die ganze Klugheit und den ganzen Scharfblick, womit der Himmel Sie begabt hat.

Diese Unterredung versetzte das Stiftsfräulein in die äußerste Beklommenheit, und ihre innere Unruhe hatte einen neuen Gegenstand. Daß Albert so gut wie verloren für sie, vielleicht dem Tode nahe, vielleicht todt war, vergaß sie fast, um nur darauf zu denken, wie den Folgen einer Neigung, die sie bei sich »unproportionirlich« nannte, nach gerade zu begegnen wäre: ganz wie der Indianer in der Fabel, der vor dem Entsetzen, das ihn in Gestalt eines Tigers verfolgt, auf einen Baum geflohen, sich dort oben die Kurzweil macht, mit dem Verdrusse sich herumzuschlagen, der ihn in Gestalt einer Fliege umsummt.

Den ganzen Tag ließ sie kein Auge von der Porporina, belauschte jeden ihrer Schritte und wog mit Aengstlichkeit jedes ihrer Worte. Unserer Heldin, denn das war die tapfere Consuelo jetzt in der vollen Bedeutung des Wortes, entging dies nicht, aber sie war weit entfernt, etwas anderes darin zu suchen als die Furcht, ob sie auch ihr Versprechen halten und Albert zurückführen würde. Sie dachte nicht daran, ihre eigene Aufregung zu verbergen, so gewiß war sie in ihrem ruhigen und starken Bewußtsein, daß sie bei ihrem Unternehmen mehr Ursache hatte stolz zu sein als zu erröthen. Die schamhafte Verwirrung, in welche wenige Tage zuvor des jungen Grafen Enthusiasmus sie versetzt hatte, war Angesichts eines ernsten und von aller persönlichen Eitelkeit freien Entschlusses gewichen.

Die bittern Spöttereien Amaliens, welche wohl ahnte, daß Consuelo, etwas vorhätte, ohne doch zu wissen was, machten dieser keinen Eindruck. Sie hörte sie kaum, beantwortete sie mit Lächeln und überließ es dem Stiftsfräulein, dem sich von Stunde zu Stunde mehr die Ohren öffneten, dieselben zu Protokoll zu nehmen, zu kommentiren und in ihnen ein schreckliches Licht aufgehn zu sehen.

11.

Indessen fürchtete Consuelo, da sie sich von Wenceslawa mehr beobachtet fand, als es je geschehen war, daß ein übelverstandner Eifer ihr hinderlich werden könnte, und sie gab sich eine kalte, ruhige Haltung, mit deren Hülfe es ihr möglich wurde, im Laufe des Tages der Aufmerksamkeit ihrer Wächterin zu entschlüpfen und leichten Fußes dem Schreckenstein zuzueilen. Sie hatte in diesem Augenblicke keinen andern Gedanken als Zdenko aufzusuchen, ihn zu einer Erklärung zu nöthigen und sich Gewißheit zu verschaffen, ob er sie zu Albert würde führen wollen.

Ziemlich nah beim Schlosse, auf dem Fußsteig, der zum Schreckensteine führte, begegnete sie ihm. Er schien zu ihr zu wollen, und redete sie mit großer Geläufigkeit böhmisch an.

– Ach! leider verstehe ich dich nicht, sagte Consuelo, sobald sie ein Wort anbringen konnte; kaum Deutsch verstehe ich, diese harte Sprache, welche du hassest wie die Knechtschaft und welche mir trübselig wie das Exil ist. Aber da wir uns nicht anders verständigen können, so sei so gut und sprich sie mit mir: wir sprechen sie beide gleich schlecht, ich verspreche dir aber, Böhmisch zu lernen, wenn du es mich lehren willst.

Bei diesen Worten, die für ihn sympathetisch waren, wurde Zdenko ernsthaft und Consuelo seine trockne, schwielige Hand reichend, welche sie unbedenklich drückte, sagte er zu ihr auf Deutsch:

– Gute Tochter Gottes, ich will dir meine Sprache lehren und alle meine Lieder. Welches soll ich dir zuerst vorsagen?

Consuelo glaubte auf seine Laune eingehen zu müssen und hoffte ihn auszuforschen, indem sie sich derselben Vorstellungen bediente.

– Singe mir, sagte sie zu ihm, den Gesang vom Grafen Albert.

– Es giebt, entgegnete er, mehr als zweimalhunderttausend Gesänge auf meinen Bruder Albert. Ich kann sie dir nicht lehren; die würdest du nicht verstehen. Ich mache alle Tage neue, und die neuen sind niemals wie die alten. Fordere anderes, was du willst.

– Warum sollte ich sie nicht verstehen? Ich bin der Trost. Ich heiße für dich, hörst du? und für den Grafen, der hier allein mich kennt, Consuelo.

– Du, Consuelo! sagte Zdenko mit spöttischem Gelächter. O, du weißt nicht was du redest. Die Erlösung ist gebunden  ...

– Ich weiß das ... Der Trost ist unerbittlich. Aber du, du weißt nichts, Zdenko! Die Erlösung hat ihre Bande gesprengt, der Trost hat seine Ketten zerrissen.

– Lüge, Lüge! Narrheit! Deutscher Spuk! rief Zdenko, indem er mit seinem Lachen und Springen inne hielt. Du kannst nicht singen.

– Doch! ich kann singen, entgegnete Consuelo. Da, höre!

Und sie sang ihm den ersten Satz seines Liedes von den drei Bergen, welches sie wohl behalten hatte sammt den Worten, die sie von Amalie gelernt hatte.

Zdenko hörte ihr entzückt zu, und sagte seufzend:

– Sehr lieb dich habe, Schwester! sehr, sehr! Willst du ein anderes lernen?

– Ja, das vom Grafen Albert, erst deutsch, nachher sollst du mirs böhmisch sagen.

– Wie fängt es an? fragte Zdenko, sie listig ansehend.

Consuelo begann die Weise des Liedes vom vorigen Abend: »Unten, dort unten, in Müh und Leid ...«

– O, das ist von gestern; weiß ich heut nicht mehr, sagte Zdenko sie unterbrechend.

– Recht, sage mir das von heute.

– Den Anfang, den Anfang mußt du wissen.

– Den Anfang? Gut, es fängt so an: Graf Albert ist unten, da unten, in der Grotte vom Schreckenstein ...

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als Zdenko plötzlich Miene und Stellung veränderte; seine Augen blitzten vor Zorn. Er sprang drei Schritte zurück, erhob seine Hände über seinem Haupte, wie um Consuelo zu verwünschen und fing an böhmisch zu reden in der vollen Kraft des Zornes und der Drohung.

Consuelo erschrak zuerst; da sie ihn aber sich entfernen sah, wollte sie ihn zurückrufen und ihm nachgehen. Er wendete sich wüthend um, und einen ungeheuern Stein aufraffend, den er mit seinen mageren, gebrechlichen Armen ohne alle Anstrengung zu heben schien, rief er auf Deutsch: Zdenko hat nie keinem Wesen Leides gethan, Zdenko nicht einer armen Mücke den Flügel brechen möchte, und wollt' ihn ein Kind todtmachen, ließe sich todtmachen von einem Kind. Aber siehst du noch mich an, sagst du ein Wort, Kind des Unglücks, Lügnerin, Oestreicherin, dich Zdenko wie einen Wurm zertreten will, müßte Zdenko in den Strom sich werfen, Leib und Seele rein zu waschen von dem vergossenen Blut.

Consuelo floh erschrocken, und traf weiter hinab auf einen Bauer, der, da er mit Erstaunen sie so blaß und wie vor einem Verfolger laufen sah, sie fragte, ob ihr ein Wolf begegnet wäre.

Consuelo wollte wissen, ob Zdenko Anfällen von Raserei unterworfen sei und sagte ihm, sie sei dem »Unschuldigen« begegnet und habe sich vor ihm gefürchtet.

– Sie brauchen sich vor dem Unschuldigen nicht zu fürchten, sagte der Bauer, über das, was er für eine jüngferliche Zaghaftigkeit hielt, lachend. Zdenko ist nicht bös: er lacht immer, oder er singt auch, oder er erzählt Geschichten, die man nicht verstehen kann und die sehr wunderschön sind.

– Aber er wird manchmal böse, und droht dann und wirft mit Steinen, wie?

– Niemals, niemals! entgegnete der Bauer; das ist noch nie geschehen und wird nie geschehen. Man braucht vor Zdenko keine Furcht zu haben, Zdenko ist unschuldig wie ein Lamm.

Als sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte, sah Consuelo ein, daß der Bauer wohl Recht haben müßte, und daß sie durch ein unbedachtes Wort zum ersten Male einen Anfall von Wuth hervorgerufen hatte, den einzigen, in welchen Zdenko noch je gerathen war. Sie machte sich darüber bittere Vorwürfe.

– Ich bin zu hastig gewesen, sagte sie zu sich; ich habe in der friedfertigen Seele dieses Menschen, dem das fehlt, was man dreistweg Vernunft nennt, ein Leiden geweckt, das ihm noch fremd war, und das sich jetzt seiner bei der geringsten Veranlassung bemächtigen kann. Er war nur gemüthskrank, und ich habe ihn vielleicht rasend gemacht.

Aber noch trauriger wurde sie, als sie über die Ursachen nachdachte, die Zdenko's Zorn haben konnte. Es war nun gewiß, daß sie recht gerathen hatte, indem sie annahm, daß sich Albert unter dem Schreckenstein verborgen hielt. Aber mit welcher ängstlichen mißtrauischen Sorgfalt suchten Albert und Zdenko dieses Geheimniß zu verstecken, selbst vor ihr!

Sie war also nicht ausgenommen, sie hatte keinen Einfluß auf den Grafen Albert, und jene Eingebung, die er gehabt hatte, sie seinen Trost zu nennen, jener Versuch, sie durch ein symbolisches Lied Zdenko's am vorigen Abend rufen zu lassen, jene Mittheilung des Namens Consuelo an den Wahnsinnigen, alles das war nichts bei ihm, als eine augenblickliche Laune, ohne daß eine wirkliche und anhaltende Sehnsucht ihm eine bestimmte Person vor anderen als seine Retterin und seinen Trost bezeichnete?

Selbst daß er den Namen Consuelo nannte und gleichsam errieth, war nur eine Fügung des Zufalls. Sie hatte es Niemanden verborgen, daß sie eine Spanierin sei und daß ihre Muttersprache ihr immer noch eigener geblieben als die italienische. Albert, begeistert von ihrem Gesange, und keinen besseren Ausdruck wissend als den, dessen Gedanke beständig vor seiner verlangenden Seele schwebte, hatte mit diesem sie genannt in seiner Sprache, die er vollkommen innehatte und die außer ihr Niemand von seiner Umgebung verstehen konnte.

Consuelo hatte sich nie in dieser Hinsicht übertriebene Vorspiegelungen gemacht. Allein in einem so zarten und sinnreichen Spiele des Zufalls hatte sie doch etwas Verhängnißvolles zu finden geglaubt, dessen ihre eigene Einbildungskraft sich ohne zu strenge Prüfung bemächtigt hatte.

Jetzt war alles wieder in Frage gestellt. Hatte Albert in einer neuen Phase seiner Verzückung die Verzückung, in welche sie ihn gesetzt hatte, vergessen? war sie ihm von nun an nicht mehr nöthig, um sich Erleichterung zu schaffen, war sie ohnmächtig, ihn zu retten? Oder war Zdenko, der ihr bis dahin so geschickt und beflissen geschienen, Albert's Absichten zu unterstützen, bedauernswerther und ernstlicher verrückt, als Consuelo es hatte glauben mögen? Handelte er im Willen seines Herrn oder dessen uneingedenk, als er mit solcher Wuth dem jungen Mädchen wehren wollte, sich dem Schreckenstein zu nähern und der Wahrheit auf die Spur zu kommen?

– Nun! flüsterte ihr Amalie zu, als sie ins Haus trat, haben Sie Albert in den Abendwolken vorüberfliegen sehen? Werden Sie ihn diese Nacht durch einen mächtigen Zauberspruch zum Schornstein herein beschwören?

– Vielleicht! antwortete Consuelo ein wenig verstimmt.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie ihren Stolz gekränkt fühlte. Sie hatte sich mit so reinem Eifer, mit so edler Hingebung ihrem Unternehmen gewidmet, daß sie der Gedanke schmerzte, verhöhnt und verachtet zu werden, weil es mißlang.

Sie war den ganzen Abend traurig, und das Stiftsfräulein, das diese Veränderung bemerkte, verfehlte nicht, sie einer Furcht zuzuschreiben, daß sie die in ihrem Herzen aufkeimende schlimme Neigung verrathen haben möchte.

Das Stiftsfräulein war in einem seltsamen Irrthum. Wenn Consuelo die leiseste Anwandlung einer neuen Liebe gefühlt hätte, so wäre ihr dieses lebendige Vertrauen, diese fromme Zuversicht, die bis dahin sie geführt und getragen hatten, ganz unmöglich gewesen. Im Gegentheile, sie hatte die wiederkehrende Gewalt ihrer alten Leidenschaft vielleicht nie stärker empfunden, als in diesen Verhältnissen, wo sie sich durch heldenmüthige Thaten und eine Art Fanatismus der Menschenliebe davon zu heilen suchte.

Als sie am Abend in ihr Zimmer trat, fand sie auf ihrem Spinett ein altes vergoldetes und mit Wappen verziertes Buch, welches sie sogleich für dasjenige zu erkennen glaubte, das sie in der vorigen Nacht Zdenko in Albert's Kabinet hatte hervorsuchen und mitnehmen sehen. Sie öffnete es da, wo das Zeichen eingelegt war: sie fand den Bußpsalm, welcher anfängt: De profundis clamavi ad te »Aus der Tiefe schrie ich zu dir.«. Und diese lateinischen Worte waren mit einer Tinte unterstrichen, die noch frisch schien, denn sie hatte ein wenig an der gegenüberstehenden Seite festgeklebt. Sie durchblätterte den ganzen Band (es war eine berühmte alte Bibel, die sogenannte Kralicer Die Kralicer Bibel ist übrigens eine aus den Ursprachen ins reinste Böhmisch übersetzte Bibel (in 6 Quartbänden 1579-93), welche der Herr von Zrotin auf seiner Burg Kralic in Mähren durch gelehrte Böhmen in einem Zeitraum von etwa 15 Jahren hat ausführen lassen. – D. U.), und fand keine weitere Hindeutung, keine Randbemerkung, keine Zuschrift. Aber dieser einfache Schrei aus der Tiefe, war er nicht bezeichnend, nicht beredt genug? Welcher Widerspruch also zwischen Albert's förmlichem und stätem Wunsche und dem jüngsten Betragen Zdenko's?

Consuelo blieb endlich bei dieser Annahme stehen: krank und kraftlos vielleicht wurde Albert an dem tiefen, verborgenen Ort, dessen Lage sie unter dem Schreckenstein vermuthete, von Zdenko's wahnsinniger Zärtlichkeit zurückgehalten; er war vielleicht in der Gewalt dieses Tollen, der ihm auf seine Weise Liebe erwies, indem er ihn gefangen hielt, manchmal seinem Verlangen, das Licht wiederzusehen, nachgab, seine Botschaften an Consuelo ausrichtete und sich dann plötzlich aus irgend einer unerklärlichen Furcht oder Grille dem Erfolge seiner Schritte entgegenstemmte.

– Wohlan, sagte sie zu sich, ich werde gehen, und müßte ich ernsten Gefahren die Stirn bieten; ich werde gehen, und müßte ich mich in den Augen der Thoren und der Selbstsüchtigen als ein unbesonnenes Geschöpf lächerlich machen; ich werde gehen, und müßte ich die Demüthigung erfahren, von dem, der mich ruft, mit Gleichgültigkeit empfangen zu werden. Demüthigung? wie wäre es eine, wenn er wirklich selbst so toll ist wie der arme Zdenko? Ich würde nur Ursache haben, sie beide zu beklagen, und ich werde meine Pflicht gethan haben. Ich werde der Stimme Gottes gehorcht haben, die mich mahnt, und seiner Hand, die mich mit unwiderstehlicher Gewalt antreibt.

Der fieberhafte Zustand, in welchem sie sich alle diese Tage befunden und der seit ihrem letzten unglücklichen Zusammentreffen mit Zdenko einer peinlichen Abspannung Raum gemacht hatte, stellte sich geistig und körperlich wieder ein. Sie fand ihre ganze Kraft wieder, und Amalien sowohl das Buch, als ihre Begeisterung und ihre Absicht verbergend, wechselte sie mit ihr heitere Worte, ließ sie einschlafen und machte sich dann nach der Thränenquelle auf, versehen mit einer kleinen Blendlaterne, welche sie sich an diesem Morgen verschafft hatte.

Sie wartete ziemlich lange und wurde durch die Kälte gezwungen, mehrmals in Albert's Kabinet einzutreten, um ihre erstarrten Glieder in einer milderen Luft zu beleben. Sie wagte einen Blick auf diese gewaltige Masse Bücher zu werfen, welche nicht auf Brettern gereiht standen wie in einer Bibliothek, sondern mitten im Zimmer auf dem Fußboden wie aus einer Art Verachtung und Widerwillen durcheinander geworfen lagen. Auf gut Glück öffnete sie einige. Sie waren fast alle lateinisch geschrieben, und Consuelo konnte höchstens muthmaßen, daß es theologische Streitschriften waren, welche die römische Kirche ausgehen lassen oder approbirt hatte.

Sie wollte die Titel zu enträthseln versuchen, als sie endlich das Wasser des Brunnens brodeln hörte. Sie lief hin, schloß ihre Laterne, versteckte sich hinter dem Geländer und erwartete Zdenko's Ankunft. Dieses Mal hielt er sich weder auf dem Parkett noch in Albert's Zimmer auf, sondern ging, wie Consuelo später erfuhr, nach des Grafen Christian Schlafzimmer und Kapelle, um an den Thüren zu horchen und zu sehen, ob der Greis in seinem Schmerze betete oder ob er ruhig schliefe. Dies war eine Bemühung, die er sich oft aus eigenem Antriebe machte, ohne daß es Albert in den Sinn gekommen war, sie ihm aufzuerlegen, wie man weiterhin sehen wird.

Consuelo war nicht mehr zweifelhaft, was sie zu thun hätte; ihr Entschluß war gefaßt. Sie mochte sich der Vernunft und dem guten Willen Zdenko's nicht mehr anvertrauen und wollte allein und unbeschützt bis zu Dem dringen, den sie für gefangen hielt.

Es gab ohne Zweifel nur einen einzigen Weg, um aus der Cisterne des Schlosses zu der des Schreckenstein zu gelangen. Wenn dieser Weg schwierig oder gefährlich war, so mußte er wenigstens gangbar sein, da Zdenko ihn jede Nacht zurücklegte. Besonders mußte er es mit Licht sein, und Consuelo hatte sich für den Nothfall mit einer Kerze, einem Stahl, Schwamm und Stein versehen.

Was es ihr zur Gewißheit machte, auf dem unterirdischen Wege zum Schreckenstein gelangen zu können, war eine alte Geschichte, welche sie von dem Stiftsfräulein gehört hatte, eine Belagerung betreffend, die in den Zeiten der Deutschherrn dieses Schloß auszuhalten gehabt hatte. Die Ritter, sagte Wenceslawa, hatten in ihrem Refectorium eine Cisterne, welche stets Wasser von einem benachbarten Berge erhielt; und wenn sie Spione ausschicken wollten, um den Feind zu beobachten, so legten sie die Cisterne trocken, und man ging durch die unterirdische Leitung nach einem Dorfe, welches ihnen unterthänig war.

Consuelo erinnerte sich ferner, daß, der Sage des Landes zu Folge, das Dorf, von dessen Einäscherung der Hügel, worauf es lag, den Namen Schreckenstein hatte, von der Riesenburg abhängig war und mit ihr in Belagerungszeiten in Verbindung stand. Es war also ganz folgerichtig, wenn sie diese Verbindung und den Ausgang auf den Schreckenstein zu suchen gedachte.

Sie benutzte die Entfernung Zdenko's, um in den Brunnen hinabzusteigen. Zuvor warf sie sich auf ihre Knie, empfahl ihre Seele Gott, machte naiv ein großes Kreuz, ganz wie sie auch in der Coulisse des S. Samuel-Theaters gethan hatte, bevor sie zum ersten Male auf die Bühne hinaustrat; hierauf stieg sie kühn die steilgewundene Stiege hinab, die Stützpunkte an der Mauer suchend, nach denen sie Zdenko hatte greifen sehen, und nicht unterwärts blickend, aus Furcht, schwindlig zu werden. Sie gelangte ohne Unfall zu der eisernen Kette, und als sie diese ergriffen hatte, fühlte sie sich ruhiger und hatte genug kaltes Blut, um in die Tiefe hinunter zu schauen. Es war noch Wasser da, und diese Entdeckung erregte ihr einen augenblicklichen Schauder. Aber die Ueberlegung kehrte ihr sogleich zurück. Der Brunnen konnte sehr tief sein, aber die Oeffnung, durch welche Zdenko gekommen war, mußte sich in einer verhältnißmäßig geringen Entfernung unter dem Boden befinden.

Sie war schon funfzig Stufen hinuntergestiegen mit jener Gewandtheit und Behendigkeit, welche in den Salons erzogene junge Mädchen nicht haben, Kinder aus dem Volke jedoch bei ihren Spielen gewinnen und davon für ihr ganzes Leben die zuversichtliche Dreistigkeit behalten. Wirkliche Gefahr war nur, auf den feuchten Stufen auszugleiten. Consuelo hatte aber umhersuchend in einem Winkel einen alten breitkrämpigen Hut gefunden, den Baron Friederich lange auf der Jagd getragen hatte. Diesen hatte sie zerschnitten und sich Sohlen daraus gemacht, welche sie mit Bändern wie Cothurne unter ihren Schuhen befestigte. Sie hatte an Zdenko's Füßen bei seinem letzten nächtlichen Gange eine ähnliche Bekleidung gesehen. Auf seinen Filzsohlen ging Zdenko geräuschlos durch die Corridore des Schlosses, und daher hatte er ihr mehr einem Schatten gleich zu gleiten als wie ein Mensch zu gehen geschienen. Es war auch ehedem die Gewohnheit der Hussiten, ihre Spione so auszurüsten, und selbst ihre Pferde, wenn sie den Feind überrumpeln wollten.

Bei der zweiundfunfzigsten Stufe fand Consuelo eine größere Steinplatte und einen niedrigen Gewölbbogen. Sie nahm keinen Anstand einzutreten und halb gebückt in einem schmalen und niedrigen, von dem hindurchgeflossenen Wasser noch tröpfelnden Kanale, der von Menschenhand sehr dauerhaft gearbeitet und gewölbt war, vorwärts zu schreiten.

Sie war ungehindert und furchtlos seit ungefähr fünf Minuten darin fortgegangen, als sie hinter sich ein leichtes Geräusch zu hören glaubte. Es war vielleicht Zdenko, welcher zurückkam und wieder seinen Weg nach dem Schreckenstein nahm. Aber sie hatte den Vorsprung und verdoppelte ihre Schritte, um nicht von diesem gefährlichen Reisegefährten eingeholt zu werden. Er konnte nicht vermuthen, daß sie vor ihm war. Er hatte keine Ursache sie zu verfolgen, und während er sich die Zeit damit vertriebe, dachte sie, seine Klagelieder und seine endlosen Geschichten vor sich hinzusingen und zu murmeln, würde sie ihr Ziel erreichen und sich unter Albert's Schutz stellen können.

Allein das Geräusch, das sie gehört hatte, nahm zu und klang allmählig wie von brausendem, arbeitendem und fortschießendem Wasser. Was war geschehen? Hatte Zdenko ihr Vorhaben gemerkt? hatte er die Schleuse geöffnet, um sie daran zu verhindern und sie in der Fluth zu begraben? Aber er hätte das doch nicht thun können, ohne selbst hindurch zu sein, und er war ja hinter ihr.

Diese Betrachtung war durchaus nicht beruhigend. Zdenko war fähig, sich dem Tode lieber zu weihen, und sich mit ihr zu ertränken, als daß er sie Albert's Versteck entdecken ließe. Indessen hatte Consuelo kein Wehr, keine Schleuse, nicht einen Stein, der das Wasser aufhalten und dann wieder freilassen konnte, auf ihrem Wege gefunden. Dieses Wasser hätte nur vor ihr sein können und das Geräusch kam von hinter ihr. Es wuchs inzwischen, wurde gewaltig, kam mit Donnertosen näher.

Jetzt erst – schreckliche Entdeckung! – nahm Consuelo wahr, daß der Kanal, anstatt zu steigen, sich senkte, anfangs sanft abschüssig, nun aber immer jäher. Die Unglückliche hatte den Weg verfehlt. In ihrer Eile und bei dem dichten Dampf, welcher aus der Tiefe der Cisterne aufstieg, hatte sie eine zweite, weit größere Wölbung, der, welche sie gewählt hatte, gerade gegenüber, nicht bemerkt.

Sie war in den Kanal gerathen, welcher dem Wasser des Brunnens zum Abzug diente. Zdenko, der aus dem entgegengesetzten Wege zurückging, hatte ruhig die Schleuse geöffnet; das Wasser schoß im Bogen in die Cisterne ein und hatte diese schon bis zu der Höhe des Abflusses angefüllt; es ergoß sich jetzt in den Kanal, wo Consuelo in tödtlichem Entsetzen vorwärts eilte.

Bald mußte dieser Kanal, welcher dazu eingerichtet war, das Wasser abzuleiten, welches dem Brunnen auf der andern Mündung reichlicher zuströmte, als es Abfluß hatte, sich ganz mit Wasser füllen.

In einem Augenblick, in einem Nu, mußte der Gang überschwemmt sein, und er senkte sich immer schneller zu Abgründen hinab, denen das Wasser zustürzte.

Die noch tropfende Decke zeigte genugsam, daß ihn die Flut ganz ausfüllte, daß keine Erlösung möglich war, und daß die Beschleunigung ihrer Schritte die Unglückliche nicht vor dem wild dahertobenden Strome retten würde.

Die Luft wurde schon durch die heransausende Wassermasse zusammengepreßt. Eine erstickende Hitze hemmte den Athem und tödtete nicht minder als die Angst und die Verzweiflung.

Jetzt schlug das Gebrüll der losgelassenen Flut dicht an Consuelo's Ohr, jetzt spritzte jacher Schaum, der traurige Verbote der Woge auf das Pflaster nieder und kam dem unsicheren und häufig aufgehaltenen Tritte des verlorenen Schlachtopfers zuvor.

12.

O meine Mutter! schrie sie, öffne mir deine Arme! O Anzoleto, ich habe dich geliebt! Mein Gott, entschädige mich in einem bessern Leben.

Kaum hatte sie so in Todesangst, zum Himmel geschrien, als sie strauchelt und an ein unerwartetes Hinderniß stößt. O göttliche Barmherzigkeit! Es ist eine schmale steile Treppe, welche an der einen Wand des Ganges in die Höhe führt; von Furcht und Hoffnung beflügelt klimmt sie hinan.

Das Gewölbe hebt sich über ihrem Haupte; der Strom kommt, peitscht die Treppe, welche Consuelo noch gerade Zeit gehabt hat zu ersteigen, verschlingt die untersten zehn Stufen, sprüht empor bis an den Knöchel des behenden Fußes, welcher vor ihm flieht, und nachdem er das Gewölbe, das Consuelo soeben verlassen, bis an den Keil gefüllt hat, stürzt er sich hinab in die Nacht, und schießt mit fürchterlichem Donner in ein tiefes Becken ein, auf welches der kleine Söller hinabschaut, den das heldenmüthige Kind auf den Knien und in der Dunkelheit erreicht hat.

Denn ihr Licht ist erloschen. Ein wüthender Windstoß war dem Einbruche der Wassermasse vorangegangen. Auf der obersten Stufe ist Consuelo zusammengesunken; bis dahin hatte sie der Trieb des Lebens aufrecht erhalten. Sie weiß nicht, ob sie gerettet, oder ob dieses Toben des Wassersturzes ein neues Unheil ist, das sie bedroht, ob dieser kalte Regen, welcher bis zu ihr hinaufsprüht und ihr Haar benetzt, die eisige Hand des Todes ist, die sich nach ihrem Haupte ausstreckt.

Indessen füllt sich der Behälter nach und nach, bis zur Höhe von andern Ableitungswegen, welche noch tiefer in die Eingeweide des Beckens hinab den reichen Erguß der Quelle tragen. Der Lärm erstirbt, der Dampf läßt nach, ein tiefes Murmeln, mehr wohlklingend als schrecklich, verbreitet sich durch die Grotten.

Mit zitternder Hand hat Consuelo ihre Kerze mühsam wieder angezündet. Ihr Herz schlägt noch heftig gegen die Brust, aber ihr Muth belebt sich wieder. Sie fällt auf's Knie, dankt Gott und ihrer Mutter. Nun untersucht sie den Ort, an welchem sie sich befindet und läßt das schwankende Licht ihrer Laterne über die umgebenden Gegenstände gleiten.

Eine weite von der Natur gebildete Grotte überwölbt eine Schlucht, in welche die entfernte Quelle des Schreckenstein ihr Wasser entsendet, das sich endlich im Schoße des Berges verliert. Diese Schlucht ist so tief, daß man das hinabgestürzte Wasser nicht mehr wahrnimmt, und daß ein Stein, den man hineinwirft, zwei Minuten rollt und untertauchend einen Schall giebt, als ob eine Kanone abgeschossen würde. Der Wiederhall der Grotte wiederholt ihn lange und noch länger währt das schaurige Geklatsch des unsichtbaren Wassers, als ob man das Gebell der höllischen Meute hörte.

An einer der Wände dieser Grotte klimmt ein schmaler, schwieriger Fußsteig, aus dem Felsen gehauen, hart am Rande des Abgrunds hin und verliert sich in einem neuen finsteren Gange, der keine Spur der Menschenhand mehr aufweist, sich jedoch von dem Wasserlaufe und seinem Falle abwendet und aufwärts zu höher gelegenen Orten führt.

Das ist der Weg, den Consuelo nehmen muß. Es giebt keinen anderen: das Wasser hat den, auf welchem sie gekommen ist, versperrt und gänzlich ausgefüllt. Es ist unmöglich, Zdenko's Rückkehr in der Grotte abzuwarten. Die Feuchtigkeit dort ist tödlich und schon blaßt die Kerze, knistert, droht zu verlöschen, ohne daß sie sich hier wieder anzünden ließe.

Consuelo ist durch das Schauerliche ihrer Lage nicht der Ueberlegung beraubt. Sie begreift, daß sie sich nicht mehr auf dem Wege nach dem Schreckenstein befindet. Die unterirdischen Gänge, welche sich vor ihr öffnen, sind ein Werk der Natur und führen in's Pfadlose oder in ein Labyrinth, woraus sie nie den Ausgang finden wird. Dennoch muß sie es versuchen, wäre es auch nur, um einen gesünderen Zufluchtsort bis zur nächsten Nacht zu finden. In der nächsten Nacht wird Zdenko wiederkommen, wird das Wasser ablassen, der Kanal wird sich leeren und die Gefangene wird auf dem Wege, der sie hergebracht, zurückkehren und das Licht der Sterne wiedersehen können.

Consuelo vertraute sich demnach mit neuem Muthe den geheimnißvollen Klüften an, diesmal auf die Beschaffenheit des Bodens sorgsam achtend und bedacht stets die aufwärts geneigten Pfade zu wählen, ohne sich durch scheinbar geräumigere und geradere Stollen, welche sich jeden Augenblick darboten, abführen zu lassen. Auf diese Weise war sie sicher, sowohl nicht mehr auf Wasserströmungen zu stoßen als ihren Ausweg wiederzufinden.

Sie ging unter tausend Hindernisse: mächtige Steine versperrten ihr den Weg und zerrissen ihre Füße; riesige Fledermäuse, aus ihren düsteren Schlafstätten durch den Lichtschein aufgestört, stießen haufenweise gegen die Laterne und umschwirrten die Wanderin wie Nachtgespenster. Nachdem sie bei jedem neuen Schrecken die erste Erschütterung überwunden hatte, fühlte sie ihren Muth nur immer wachsen.

Bisweilen mußte sie über ungeheure Blöcke klimmen, welche sich von der Decke des zerklüfteten Gewölbes losgerissen hatten, während oben andere drohende Massen schwebten, kaum noch in den erweiterten Spalten zwanzig Fuß hoch über ihrem Kopfe festgehalten. Bisweilen verengte sich die Wölbung und wurde so niedrig, daß sie in der spärlichen, erstickenden Luft gezwungen war zu kriechen. Sie war so seit einer halben Stunde fortgegangen, als sie, aus einer Spalte hervortretend, durch welche sich ihr schlanker, biegsamer Körper nur mit Mühe drängen konnte, plötzlich aus der Charybdis in die Scylla fiel: sie fand sich Aug' in Auge mit Zdenko – mit Zdenko, der sich zuerst starr vor Staunen und versteint vom Schrecken, aber bald in Zorn, Wuth, drohend zeigte, ganz wie sie ihn schon einmal gesehen hatte.

In diesem Labyrinthe, unter den zahllosen Hindernissen beim unsicheren Lichte einer Kerze, welche der Luftmangel jeden Augenblick zu ersticken drohte, war Flucht unmöglich. Consuelo war bereit sich gegen einen Mordversuch zur Wehre zu setzen. Die irren Augen, der schäumende Mund Zdenko's kündeten deutlich genug an, daß er diesmal nicht bei Drohungen stehen bleiben würde.

Auf einmal hatte er einen seltsam wilden Entschluß gefaßt: er fing an große Steine zusammenzutragen und schichtete sie übereinander zwischen sich und Consuelo, um den engen Stollen, in welchem sie sich befand, zu vermauern. Auf diese Weise konnte er gewiß sein, wenn er mehrere Tage das Wasser nicht abließe, sie durch Hunger zu tödten, wie eine Biene in ihrer Zelle die eingedrungene Horniß einschließt, eine Wand von Wachs vor die Oeffnung klebend.

Es war aber Granit, womit Zdenko baute, und er arbeitete mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die ungeheuere Muskelkraft, die dieser so magere und anscheinend so schwächliche Mensch offenbarte, indem er diese Steinblöcke schwang und auf einander thürmte, belehrte Consuelo nur zu gut, daß Widerstand unmöglich, und daß es besser wäre, Rettung durch einen andern Ausgang, den sie rückwärts vielleicht noch finden könnte, zu hoffen, als Zdenko zu reizen und sich der äußersten Gefahr auszusetzen. Sie versuchte, ihm zuzureden, und ihn mit ihrem Worte zu besänftigen und zu zähmen.

– Zdenko! sagte sie, was thust du da, Unsinniger? Albert wird dir meinen Tod anrechnen. Albert erwartet und ruft mich. Ich bin seine Freundin, sein Trost und sein Heil. Du tödtest deinen Freund und Bruder, wenn du mich tödtest.

Aber Zdenko, der wohl fürchtete, sich gewinnen zu lassen und doch fest entschlossen war sein Werk auszuführen, begann in seiner Sprache nach einer lebhaften, lustigen Melodie zu singen, während er mit ämsiger und leichter Hand an seiner Cyclopenmauer fortbaute.

Nur noch ein Stein fehlte, um den Bau zu schließen. Consuelo folgte mit angstvollen Blicken seinen Bewegungen. Nie, dachte sie, werde ich im Stande sein diese Mauer abzutragen. Ich müßte dazu die Arme eines Riesen haben.

Der letzte Stein war gelegt. Sie bemerkte, daß Zdenko eine zweite Wand zur Unterstützung der ersten zu bauen anfing. Einen ganzen Steinbruch, eine ganze Festung wollte er zwischen ihr und Albert aufschichten. Er sang immer fort und schien ein außerordentliches Vergnügen an seiner Arbeit zu finden.

Siehe, da kam ihr plötzlich eine wunderbare Eingebung. Sie erinnerte sich der verrufenen ketzerischen Formel, nach deren Sinn sie Amalien gefragt, und die dem Kaplan so großes Aergerniß gegeben hatte.

– Zdenko, lieber Zdenko! rief sie durch eine Spalte des schlecht zusammengefügten Bauwerks, und fügte auf Böhmisch hinzu: Grüß dich der, dem Unrecht geschehen!

Kaum war dies Wort von ihren Lippen, als es auf Zdenko wie ein Zauber wirkte; er ließ den gewaltigen Block, den er ergriffen hatte, fallen, stieß einen tiefen Seufzer aus und fing an seine Mauer noch geschwinder abzutragen, als er sie aufgeführt hatte. Dann reichte er Consuelo die Hand, half ihr schweigend über die Trümmer, betrachtete sie von Kopf zu Fuß, stöhnte seltsam, und ihr drei an einem rothen Bande hängende Schlüssel gebend, wies er ihr den Weg, der vor ihr lag und sprach:

– Grüß' dich der, dem Unrecht geschehen ist!

– Willst du nicht mein Führer sein? sagte sie. Bringe mich zu deinem Herrn.

Zdenko schüttelte den Kopf und sprach:

– Ich habe keinen Herrn. Ich hatte einen Freund. Du nimmst ihn mir. Das Schicksal erfüllt sich. Geh, wohin dich Gott treibt. Ich, ich will hier weinen, bis du wiederkommst.

Und sich auf das Gestein setzend, legte er seinen Kopf in seine Hände und wollte nichts mehr reden

Consuelo hielt sich nicht damit auf, ihn zu trösten. Sie fürchtete einen Rückfall seiner Wuth, und den Augenblick ihres Uebergewichts benutzend, und nun gewiß, daß sie sich auf dem Wege zu Albert befand, flog sie wie ein Pfeil dahin.

Auf dem bisherigen unsicheren und mühevollen Pfade hatte sie keine weite Strecke zurückgelegt, da Zdenko, der einen weit längeren, aber dem Wasser unzugänglichen Weg genommen hatte, mit ihr bei dem Vereinigungspunkte der beiden unterirdischen Gänge zusammentraf, welche, der eine in einem von Menschenhand durch den Felsen gebrochenen und bequem angelegten Bogen, der andere schwerlich, wild und gefährlich, auf entgegengesetzten Seiten um das Schloß, seine Nebengebäude und den Bergsaum liefen.

Consuelo wußte nicht, daß sie sich in diesem Augenblicke unter dem Park befand, aber sie überschritt in der That dessen Gatter und Gräben auf einem Pfade, den alle Schlüssel und alle Vorsichtsmaßregeln des Stiftsfräuleins ihr nicht versperren konnten.

Sie dachte, nachdem sie eine kleine Strecke zurückgelegt hatte, ob sie nicht doch lieber umkehren und auf ein Unternehmen verzichten sollte, welches schon so oft durchkreuzt und fast so verderblich für sie geworden war. Neue Gefahren standen ihr vielleicht noch bevor. Zdenko's feindselige Stimmung konnte wieder erwachen. Und wenn er sie abermals verfolgte, wenn er eine neue Mauer aufbaute, um ihr den Rückweg zu verschließen?

Wenn sie aber ihr Vorhaben aufgab, wenn sie ihn bat, ihr den Weg zur Cisterne zu bahnen und diese trocken zu legen, damit sie an das Licht hinaus könnte, so durfte sie hoffen, ihn fügsam und freundlich zu finden. Aber der Eindruck des überstandenen Augenblicks war noch zu mächtig in ihr, als daß sie sich hätte entschließen können, diesem launischen Geschöpfe wieder zu begegnen.

Die Furcht, welche ihr Zdenko erregt hatte, nahm immer mehr zu, je weiter sie sich von ihm entfernte, und nachdem sie seiner Rachsucht mit einer wunderbaren Geistesgegenwart die Stirn geboten, zitterte sie jetzt vor dem Gedanken daran. Sie floh vor ihm, getraute sich nicht den Muth zu, Angesichts seiner das zu versuchen, was ihn ihr hätte geneigt machen können, und eilte nun, eine der Zauberpforten zu erreichen, deren Schlüssel er ihr ausgeliefert hatte, um zwischen sich und die Rückkehr seines Wahnsinns eine Schranke zu stellen.

Aber konnte sie nicht Albert, diesen anderen Tollen, den sie sich hartnäckig, ohne allen Grund stets nur sanft und lenksam vorgestellt hatte, in einer Stimmung ganz der Zdenko's ähnlich finden? Bedeckte doch noch ein düsterer Schleier dieses ganze Abentheuer.

Und Consuelo, von dem romantischen Reiz, der sie hineingelockt hatte, zur Besinnung zurückgekommen, fragte sich, ob sie nicht von allen dreien die tollste wäre, daß sie sich in diesen Abgrund von Gefahren und Geheimnissen gestürzt hätte, ohne eines glücklichen Ausgangs und eines günstigen Erfolgs gewiß zu sein.

Indessen schritt sie in einem geräumigen und von den starken Händen mittelalterlicher Männer bewunderungswürdig ausgehauenen Gange fort. Spitzbogig, mit vieler Sorgfalt und in einem kräftigen Style gewölbt, durchbrach dieser die Steinmassen und fand sich, wo es losere Schichten gab, durch Constructionen in Bruchsteinen gesichert, deren Wölbung mit Keilen von Granitblöcken geschlossen war.

Consuelo verlor nicht ihre Zeit damit, dieses gewaltige Werk anzustaunen, das dauerhaft genug schien, um noch manchem Jahrhundert zu trotzen. Sie fragte sich auch nicht, wie es möglich war, daß die jetzigen Besitzer des Schlosses von dem Dasein einer so wichtigen Anlage nichts wußten. Sie hätte sich dies wohl erklären können, wenn sie daran dachte, daß das Familienarchiv und alle Urkunden des Schlosses schon vor mehr als hundert Jahren von den Jesuiten vernichtet worden waren; allein sie blickte nicht um sich und sie dachte an nichts als an ihre eigene Sicherheit, zufrieden genug, einen ununterbrochenen Boden, eine athembare Luft und einen freien Raum zu ihrem Laufe zu finden.

Sie hatte noch eine, ziemlich weite Strecke vor sich, ungeachtet dieser gerade Weg zum Schreckenstein kürzer war als der gewundene Bergpfad über der Erde. Sie fand ihn sehr lang, und wußte nicht einmal, da sie ihre Richtung nicht mehr kannte, ob sie nach dem Schreckenstein oder an einen weit entlegneren Ort gelangen würde.

Nachdem sie eine Viertelstunde gegangen war, fand sie, daß sich die Wölbung abermals hob und der kunstmäßige Bau aufhörte. Indessen waren,die weiten Steinbrüche, die majestätischen Grotten, durch welche sie nun kam, noch immer Menschenwerk. Von Vegetation bedeckt und der äußeren Luft durch unzählige Spalten und Klüfte zugänglich, boten sie ein minder düsteres Ansehen als die gewölbten Gänge dar. Hier gab es tausend Gelegenheiten, sich zu verstecken und sich den Verfolgungen eines ergrimmten Feindes zu entziehen. Aber ein Geräusch von rinnendem Wasser machte Consuelo zittern, und wenn sie in ihrer Lage zum Scherzen aufgelegt gewesen wäre, so hätte sie sich sagen können, daß Baron Friederich nie bei seiner Rückkehr von der Jagd mehr Abscheu vor dem Wasser gehabt haben könnte, als sie in diesem Augenblicke.

Sie machte indessen bald von ihrem Nachdenken Gebrauch. Seit sie jenen Abgrund, als sich eben die Fluth hineinwarf, verlassen hatte, war sie immer nur aufwärts gestiegen. Wenn nicht dem Zdenko ein Pumpwerk von unbegreiflicher Kraft und Riesenumfang zu Gebote stand, so konnte er seinen fürchterlichen Bundesgenossen, den Wasserstrom, nicht bis zu ihr hinaufzwingen. Es war übrigens klar, daß sie das Gerinne der Quelle, die Schleuse oder die Quelle selbst irgendwo antreffen mußte, und wenn sie Muße gehabt hätte weiter zu überlegen, so würde sie sich gewundert haben, diesem heimlichen Wasser, der Thränenquelle, welche den Brunnen speiste, auf jenem Wege noch nicht begegnet zu sein.

Die Quelle nahm aber ihren Lauf im Bogen durch unbekannte Adern des Gesteins, und der unterirdische gewölbte Gang bildete eine Sehne, welche diesen Bogen nur an zwei Punkten durchschnitt, einmal ganz in der Nähe der Cisterne und sodann unter dem Schreckenstein, wo ihn auch Consuelo endlich wieder antraf. Die Schleuse also lag weit hinter ihr, auf dem Wege, den Zdenko allein zurückgelegt hatte, und Consuelo näherte sich jetzt dieser Quelle, die seit Jahrhunderten kein Mensch gesehen außer Albert und Zdenko. In kurzem befand sie sich neben dem Wasserlauf, an welchem sie diesmal furchtlos und gefahrlos hinging.

Ein Fußsteig von lockerem, feinem Sande lief an dem klaren, durchsichtigen Wasser entlang, das mit fröhlichem Gemurmel in einem tief genug ausgehöhlten Bette rann. Hier zeigte sich wieder die Arbeit der Menschenhand. Der Fußsteig war auf der Böschung eines Ufers von lockerem, fruchtbarem Boden angelegt, denn schöne Wasserpflanzen, ungeheuere Mauergewächse, wildes Brombeergesträuch in Blüthe bekränzte an diesem geschützten Ort, der strengen Jahreszeit zum Trotz, den Bach mit einem üppigen grünen Saum. Die äußere Luft drang durch eine Menge von Rissen und Spalten ein, welche hinreichend waren, dem Pflanzenwuchs das Leben zu fristen, obwohl zu eng, um dem neugierigen Blick, der von außen sie gesucht hätte, Eingang zu verstatten. Es war wie ein natürliches Treibhaus, durch seine Gewölbe vor Frost und Schnee beschützt und doch mit Luft durch tausend unbemerkbare Züge hinlänglich versehen.

Es schien als ob eine freundlich sorgende Hand diese schönen Gewächse behütet und den Sand; welchen der Bach auf seinem Ufer absetzte, von den Kieseln, die den Fuß verletzten, gereinigt hätte. Und so war es auch. Zdenko hatte Sorge getragen, die Zugänge zu Albert's Versteck bequem und sicher und angenehm zu machen.

Consuelo begann den wohlthätigen Einfluß zu fühlen, den eine minder düstere und schon poetische Gestalt der äußeren Gegenstände auf ihre von grausen Schreckbildern erschütterte Seele übte. Sie sah die blassen Strahlen des Mondes hier und da durch die Felsspalten hereinschlüpfen und sich auf dem zitternden Wasser brechen, sie sah von der oberen Luft von Zeit zu Zeit die regungslosen Pflanzen, die das Wasser nicht erreichte, leise bewegt, sie fühlte sich von Schritt zu Schritt der Oberfläche der Erde näher, sie fühlte sich neugeboren, und der Empfang, der ihrer am Ziele ihres heldenmüthigen Pilgerganges harrte, malte sich in ihrem Geiste nicht so schwarz mehr.

Endlich sah sie den Fußsteig schnell vom Ufer ablenken, in eine kurze frisch gemauerte Strecke einbiegen und vor einer kleinen Thür enden: diese schien von Metall zu sein, so kalt war sie anzufühlen; ein starker Epheustock hatte sie mit zierlichen Ranken umschlungen.

Jetzt als sie sich am Ziele ihrer Anstrengungen und ihrer Unschlüssigkeiten sah, als sie ihre Hand gegen dieses letzte Hinderniß stemmte, das in einem Augenblicke weichen konnte, denn sie hielt in ihrer andern Hand den Schlüssel dieser Thüre, jetzt zauderte Consuelo und fühlte eine Schüchternheit, die schwerer zu bekämpfen war als bisher all ihre Furcht und all ihr Grausen.

Sie stand nun im Begriff allein in einen Ort zu dringen, der in jeder Hinsicht verschlossen, auch dem Gedanken der Menschen verschlossen war, um dort im Starrschlaf oder in träumerischer Versunkenheit einen Mann zu überraschen, den sie kaum kannte, der weder ihr Vater, noch ihr Bruder, noch ihr Gatte war, der vielleicht sie liebte, während sie ihn nicht lieben konnte noch wollte.

Gott, dachte sie, hat mich hierher gezogen und durch schreckliche Gefahren hindurch geleitet. Mehr noch auf sein Geheiß als mit seiner Hülfe bin ich hier. Mit glühender Seele, mit menschenfreundlicher Absicht, mit ruhigem Herzen, mit reinem Gewissen, mit Uneigennützigkeit in jeder Hinsicht bin ich gekommen. Der Tod harrt meiner vielleicht, und doch erschreckt mich dieser Gedanke nicht. Mein Leben ist verwüstet und ich werde es, ohne mich viel zu härmen, dahingeben; das habe ich noch vor wenigen Augenblicken gefühlt und seit einer Stunde habe ich mich einem schrecklichen Untergange geweiht, mit einer Seelenruhe, die ich nicht in mir erwartet hätte. Vielleicht ist dies eine Gnade, die mir Gott in meinem letzten Augenblicke schenkt. Vielleicht werde ich unter den Streichen eines Rasenden fallen und ich gehe diesem Ende mit der Festigkeit eines Märtyrers entgegen. Ich glaube fest und brünstig an ein ewiges Leben, und ich weiß, wenn ich hier umkomme als das Opfer einer vielleicht unnützen, gewiß aber frommen Hingebung, so werde ich den Lohn dafür in einem schöneren Dasein empfangen. Was hält mich denn zurück? Woher diese unsägliche Unruhe, als ginge ich ein Unrecht zu begehen, und vor dem, den ich rette, zu erröthen?

So kämpfte Consuelo mit sich selbst, zu schamhaft, um recht ihre Scham zu begreifen, und machte sich die Zartheit ihres Gefühls beinahe zum Vorwurf. Nur das kam ihr nicht in die Seele, daß sie vielleicht einer schrecklicheren Gefahr als der des Todes entgegenginge. In ihrem keuschen Sinne fand der Gedanke keine Stätte, daß sie der thierischen Leidenschaft eines Wahnsinnigen zur Beute werden könnte. Aber unbewußt fürchtete sie, von etwas anderem beseelt zu scheinen, als von dem erhabenen, göttlichen Gefühl, dem sie gehorchte.

Indessen steckte sie den Schlüssel in das Schloß. Mehr als zehnmal setzte sie an, ihn umzudrehen, und konnte sich nicht dazu entschließen. Eine unglaubliche Ermattung, eine völlige Abspannung ihres ganzen Wesens kam hinzu, um ihr vollends die Entschlossenheit zu rauben, in dem Augenblicke, wo sie im Begriff war den Preis zu erwerben, sei es auf Erden – durch ein großes Liebeswerk, sei es im Himmel – durch einen erhabenen Tod.

13.

Endlich überwand sie sich. Sie hatte drei Schlüssel. Es mußten drei Thüren sein, und zwei Räume zu durchschreiten, ehe sie den erreichte, wo Albert, wie sie glaubte, gefangen war. Sie hätte ja, wenn es ihr an Kraft gebrach, noch immer Zeit gehabt, zurückzubleiben.

Sie betrat einen gewölbten Saal, worin es keinen Hausrath gab als ein Lager von trockenem Farrenkraut, worüber ein Schaffell geworfen war. Ein Paar altmodischer, ganz zerrissener und zerfallener Schuhe diente ihr zum Zeichen, daß es Zdenko's Schlafgemach war. Auch bemerkte sie das Körbchen, das sie auf dem Schreckenstein mit Früchten zurückgelassen hatte, und das nach zwei Tagen endlich verschwunden war. Sie entschied sich, die zweite Thür zu öffnen, nachdem sie die erste wieder vorsichtig verschlossen hatte, denn noch immer dachte sie mit Entsetzen an die Möglichkeit von dem wilden Besitzer dieser Wohnung eingeholt zu werden.

Das zweite Gemach, in welches sie eintrat, war gewölbt wie das erste, aber die Wände waren mit Matten und geflochtenen Moosdecken bekleidet. Ein Kamin verbreitete hinlängliche Wärme, und der durch den Fels geführte Schlot war es ohne Zweifel, welcher auf dem Gipfel des Schreckenstein jenen von Consuelo beobachteten flüchtigen Schein erzeugte. Albert's Lager bestand, wie Zdenko's, aus einem Haufen von trockenem Laube und Kräutern, aber Zdenko hatte ein prächtiges Bärenfell darüber gebreitet, trotz der unbedingten Gleichheit in der Lebensweise, welche Albert forderte und Zdenko auch in allem annahm, was nicht seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit für Albert und seinem Triebe, mehr für ihn als für sich selbst zu sorgen, widerstritt.

Consuelo wurde in diesem Saale von Ajax empfangen, der, da er den Schlüssel drehen hörte, sich mit gespitztem Ohr und lauerndem Auge auf die Schwelle gesetzt hatte. Ajax war von seinem Herrn eigenthümlich erzogen: er war ein Freund, kein Wächter. Es war ihm von Jugend auf so streng verboten worden, zu heulen und zu bellen, daß er diese den Geschöpfen seiner Gattung natürliche Gewohnheit ganz verloren hatte. Hätte man sich Albert in feindseliger Absicht genähert, so würde Ajax wohl seine Stimme wiedergefunden, hätte man Hand an jenen gelegt, so würde er ihn wüthend vertheidigt haben. Aber klug und vorsichtig wie ein Klausner, machte er nie den geringsten Lärm, ohne seiner Sache gewiß zu sein, und ohne zuvor seine Leute aufmerksam betrachtet und berochen zu haben.

Er näherte sich Consuelo mit einem spähenden, Blick, der etwas menschliches hatte, beschnopperte ihr Kleid und besonders ihre Hand, mit welcher sie die von Zdenko berührten Schlüssel lange gehalten, und durch diesen Umstand vollkommen beruhigt, überließ er sich dem freundschaftlichen Andenken, das er ihr bewahrt hatte, indem er ihr lautlos seine beiden großen zottigen Pfoten zuthunlich und freundlich auf die Schultern legte und mit seiner prächtigen Ruthe langsam den Boden fegte. Nach dieser feierlichen und ehrbaren Begrüßung kehrte er um und legte sich wieder auf den Rand des Bärenfelles, das seines Herrn Lager bedeckte, indem er sich mit der Lässigkeit des Alters ausstreckte, aber nicht ohne mit den Augen jeden Schritt und jede Bewegung Consuelo's zu verfolgen.

Ehe sie der dritten Thür zu, nahen wagte, warf Consuelo einen Blick auf die Einrichtung dieser Eremitage, um daraus einen Schluß auf den Gemüthszustand des Mannes zu machen, der sie bewohnte.

Große Reinlichkeit, eine Art Ordnung herrschte darin. Ein Mantel und Kleider zum Wechseln hingen an Auerochshörnern, Seltenheiten, die Albert aus Lithauen mitgebracht hatte. Viele Bücher standen geordnet auf rohen Brettern, die auf starken von grober aber geschickter Hand künstlich gefügten Baumästen ruhten. Der Tisch und zwei Stühle waren aus demselben Stoffe und von derselben Arbeit. Ein Herbarium und alte Notenbücher mit slavischen Titeln und Textworten vollendeten das Bild des friedfertigen, einfachen, arbeitsamen Lebens in dieser Anachoretenwohnung. Eine eiserne Lampe von merkwürdiger Alterthümlichkeit hing in der Mitte vom Gewölbe herab und brannte in der ewigen Nacht dieses schauerlichen Heiligthums.

Consuelo bemerkte noch, daß keinerlei Waffe vorhanden war. Im Widerspruch mit der Liebe jener reichen Waldbewohner zur Jagd und den Luxusgegenständen, welche diesem Vergnügen gesellt zu werden pflegen, besaß Albert keine Flinte, kein Waidmesser, und sein alter Hund war niemals »gearbeitet« worden, daher auch Ajax für den Baron Friederich ein Gegenstand der Verachtung und des Mitleids war.

Albert hatte einen Abscheu vor dem Blut und obgleich er des Lebens weniger als irgend Jemand sich zu freuen schien, hatte er doch für die Idee des Lebens im Allgemeinen eine fromme, unbegrenzte Scheu. Er konnte keines von den niedersten Thieren der Schöpfung tödten oder tödten sehen. Er würde alle Zweige der Naturwissenschaft geliebt haben, allein er ließ sich an der Botanik und der Mineralogie genügen. Die Entomologie schien ihm schon eine zu grausame Wissenschaft, und er würde es nie über sich gebracht haben, das Leben eines einzigen Insects seiner Wißbegier zu opfern.

Consuelo wußte von diesen Eigenheiten. Sie erinnerte sich ihrer, als sie die Geräthe der unschuldigen Beschäftigungen Albert's sah. Nein, ich will mich, sagte sie zu sich, nicht fürchten vor einem so sanften, friedliebenden Wesen. Dies ist die Zelle eines Heiligen, nicht der Kerker eines Verrückten. Je klarer ihr aber die Beschaffenheit seiner Geisteskrankheit wurde, desto mehr fühlte sie sich befangen und verwirrt. Fast bedauerte sie es, nicht lieber einen Geistesabwesenden oder einen Sterbenden zu finden, und die Gewißheit, einem ordentlichen Menschen zu begegnen, hielt sie mehr und mehr zurück.

Sie war schon seit einigen Minuten in ihr Sinnen verloren und wußte nicht, wie sie sich anmelden sollte, als der Klang eines bewundernswürdigen Instrumentes ihr Ohr berührte: es war ein Stradivari, dem eine reine, kundige Hand die Töne einer schwermüthig erhabenen, großartigen Melodie entlockte. Nie hatte Consuelo eine so vollkommene Geige gehört, ein so einfaches und ergreifendes Spiel. Die Melodie war ihr fremd, aber nach ihrer eigenthümlichen, kunstlosen Führung urtheilte sie, daß dieselbe ein höheres Alter haben müßte, als alle ihr bekannte Musik. Sie lauschte mit Entzücken und konnte es sich nun erklären, wie Albert bei den ersten Tönen, die er sie singen hörte, sie sogleich begriffen hatte. Ihm war das Wesen der wahren, der großen Musik aufgegangen. Er war vielleicht kein in jeder Hinsicht gelehrter Musiker, besaß vielleicht nicht alle die Kunstmittel, welche blenden, aber der himmlische Hauch hatte ihn berührt, die Erkenntniß und die Liebe des Schönen.

Als er aufhörte, wollte Consuelo, nunmehr ganz beschwichtigt und von einer lebhafteren Sympathie angezogen, eben an die Thür klopfen, welche ihn noch von ihr trennte, als diese Thür sich langsam öffnete und der junge Graf auf der Schwelle erschien, den Kopf gesenkt, die Augen zu Boden geschlagen, Geige und Bogen in den herabhangenden Händen. Seine Blässe war erschreckend, Kleidung und Haar in einer Unordnung, wie es Consuelo noch nie gesehen hatte. Seine zerstreute Miene, seine gebrochene, schlaffe Haltung, die verzweiflungsvolle Lässigkeit seiner Bewegungen, alles an ihm verrieth, wenn nicht gänzliche Bewußtlosigkeit, doch wenigstens Zerrüttung und Verlorenheit des Willens. Man hätte glauben sollen einen jener stummen, der Erinnerung beraubten Geister zu sehen, welche nach dem Glauben der slavischen Stämme, Nachts mechanisch in die Häuser kommen und, ihren alten Lebensgewohnheiten und Beschäftigungen ohne Folge und ohne Zweck bewußtlos nachgehend, ihre erschrockenen Freunde und Diener nicht erkennen, noch bemerken, die entweder fliehen oder ihnen starr vor Staunen und Furcht zusehen.

So Consuelo, als sie den Grafen Albert erblickte und bemerkte, daß er sie nicht sah, obgleich er nur zwei Schritte von ihr entfernt war. Ajax war aufgesprungen und leckte seinem Herrn die Hand. Albert redete ihm aus Böhmisch freundlich zu; und mit dem Blicke den Bewegungen des Hundes folgend, der sich mit seinen bescheidenen Liebkosungen zu Consuelo wendete, sah er die Füße des jungen Mädchens scharf an, welche fast wie Zdenko's Füße bekleidet waren, und sagte, ohne aufzusehen, ein Paar böhmische Worte, die Consuelo nicht verstand, die aber, eine Frage zu sein schienen und mit ihrem Namen endeten.

Als ihn Consuelo in diesem Zustande sah, fühlte sie ihre Furcht verschwinden. Ganz voll Mitleid sah sie jetzt in ihm nur den schmerzlich leidenden Seelenkranken, der nach ihr rief, ohne sie zu erkennen, und ihre Hand fest und vertrauensvoll auf den Arm des jungen Mannes legend, sagte sie auf spanisch mit ihrer reinen, hellen Stimme:

– Da ist Consuelo!

14.

Kaum hatte sich Consuelo genannt, als Graf Albert die Augen aufschlug und ihr ins Gesicht blickte. Haltung und Mienen verwandelten sich plötzlich. Er ließ seine kostbare Geige auf den Boden fallen, so achtlos, als hätte er niemals ihren Gebrauch gekannt, und mit dem Ausdruck eines ehrfurchtsvollen Schmerzes und der tiefsten Rührung seine Hände faltend, rief er aus mit einem Seufzer, welcher seine Brust zu sprengen schien:

– So seh ich dich endlich wieder an dieser Stätte der Verbannung und des Leidens, du meine arme Wanda! Liebe, liebe unglückselige Schwester! Unglückliches Opfer, das ich zu spät rächte, das ich beschützen nicht gekonnt. Ach, du weißt, du weißt es, der Elende, welcher dich mißhandelte, ist unter allen Martern umgekommen, und meine Hand hat sich erbarmungslos gebadet in dem Blute seiner Mitschuldigen. Ich schlug ihr tief die Ader, der heillosen Kirche. In Strömen Blutes wusch ich den Schimpf ab, deinen Schimpf, den meinen und den Schimpf meines Volkes. Was willst du mehr, friedlose, rachefordernde Seele? Die Zeit des Eifers und des Zornes ist vorbei, der Tag der Reue und der Sühne ist gekommen, Fordere von mir Thränen und Gebete, aber fordere kein Blut. Mir graut seitdem vor dem Blute, und keins will ich mehr vergießen. Nein! nie! keinen Tropfen Blutes! Johann Ziska wird seinen Kelch fortan nur mit nimmer versiegenden Thränen, mit bittern Schmerzenszähren füllen.

Während Albert dies mit irren Blicken, die plötzlich angefachte Glut der Schwärmerei in seinen Zügen, sprach, umkreiste er Consuelo und wich jedesmal mit einer Art Schauder zurück, so oft sie eine Bewegung machte, diese seltsame Beschwörung zu unterbrechen.

Es bedurfte für Consuelo keiner langen Ueberlegung, um zu erkennen, welchem Zuge der Wahnsinn ihres Wirthes folgte. Sie hatte sich oft genug Johann Ziskas Geschichte erzählen lassen, um zu wissen, daß eine Schwester dieses furchtbaren Fanatikers, vor dem Ausbruche des Hussitenkrieges Nonne, vor Schmerz und Scham in ihrem Kloster gestorben war, weil ein schändlicher Mönch ihr Gewalt angethan hatte, und daß Wandas Tod gerächt worden war durch eine langjährige, glänzende Rache. Albert, durch irgend einen Gedankenanklang auf seine Lieblingsvorstellung geleitet, dünkte sich in diesem Augenblicke Ziska und sprach zu ihr als zu dem Schatten Wandas, seiner unglücklichen Schwester.

Sie wollte ihn aus seiner Täuschung nicht zu plötzlich reißen.

– Albert, sagte sie zu ihm, denn du heißest nicht mehr Johann, wie auch ich nicht mehr Wanda, sieh mich recht an, und erkenne, daß ich verwandelt bin, wie du, in Gestalt und Sinnesart. Was du soeben sagtest, daran dich zu mahnen, bin ich hergekommen. Ja, die Zeit des Eifers und der Wuth ist vorüber. Der menschlichen Gerechtigkeit ist mehr denn Genüge geschehen und den Tag der göttlichen Gerechtigkeit verkündige ich dir nun. Gott will, daß wir vergeben und vergessen. Diese unseligen Erinnerungen, diesen Starrsinn, womit du eine Gabe in dir pflegst, die er den andern Menschen nicht verliehen hat, dieses selbstquälerische schaurige Andenken an die Zeiten eines früheren Daseins will Gott nicht und entzieht es dir, weil du es gemißbraucht hast. Hörst du mich, Albert, und verstehst du meine Rede jetzt?

– O, meine Mutter! antwortete Albert bleich und zitternd, indem er auf die Kniee fiel und Consuelo immerfort voll Furcht anblickte, ich höre Sie und ich verstehe Ihre Worte. Ich sehe, daß Sie sich verwandeln, um mich zu überzeugen, um mich zu bestimmen. Nein, Sie sind nicht Ziskas Wanda, nicht die entehrte Jungfrau, die jammernde Nonne. Sie sind Wanda von Prachatitz, die die Menschen Gräfin von Rudolstadt nannten, und die in ihrem Schooße den Unglücklichen trug, den sie jetzt Albert nennen.

– Nicht durch der Menschen Willkür sind Sie so genannt, antwortete Consuelo mit fester Stimme. Gott ist es, der Sie in das Leben gerufen hat unter anderen Verhältnissen und mit neuen Pflichten. Diese Pflichten, Albert! kennen Sie nicht, oder Sie verachten sie. Mit gottlosem Hochmuth steigen Sie in die fernen entschwundenen Zeiten hinauf, die Geheimnisse der Schickung zu durchdringen trachten Sie; Gotte meinen Sie sich gleichzustellen, mit Einem Blick die Gegenwart und die Vergangenheit überschauend. Ich aber sage Ihnen die Wahrheit, wie mich der Glaube treibt: dieses Zurückschauen ist Vermessenheit und Sünde: dieses übernatürliche Gedächtniß, welches Sie sich beilegen, ist Selbsttäuschung. Sie nehmen einen trüglichen, flüchtigen Schein für Gewißheit, und Ihre Einbildungskraft betrügt Sie. Ihr Dünkel siedelt sich in einer Welt von Hirngespinnsten an, da Sie sich selbst in der Geschichte Ihrer Vorfahren die größten Rollen spielen lassen. Zittern Sie davor, das wirklich zu vermögen, was Sie zu vermögen glauben. Fürchten Sie, daß, um Sie zu strafen, die ewige Weisheit Ihnen einen Augenblick die Augen öffne, und Ihnen in Ihrem früheren Dasein Verirrungen zeige, welche minder glänzend, Gegenstände der Gewissensangst, die minder glorreich sind als jene, deren Sie sich zu rühmen wagen.

Albert vernahm diese Rede voll Furcht und in sich gekehrt, das Gesicht in den Händen, die Knie in die Erde gebohrt.

– Rede, rede, himmlische Stimme, die ich höre und die ich nicht mehr kenne, seufzte er mit erstickten Lauten. Wenn du der Engel vom Berge bist, wenn du, wie ich glaube, die himmlische Erscheinung bist, die ich so oft auf dem Schreckensteine sah, rede, gebiete meinem Willen, meinem Bewußtsein, meiner Phantasie. Du weißt wohl, daß ich nach dem Lichte ringe, und wenn ich mich in Finsternissen verliere, daß es von der Anstrengung ist, die ich mache sie zu zerstreuen, um zu dir hindurchzudringen.

– Nur ein wenig Demuth, Vertrauen, Unterwerfung unter die Rathschlüsse der den Menschen unerforschlichen Weisheit, sagte Consuelo, das ist für Sie der Weg der Wahrheit, Albert! Entsagen Sie in Ihrem Herzen, entsagen Sie mit Festigkeit, und ein für alle Male dem Gelüste, sich jenseits dieses vergänglichen Daseins, welches Ihnen auferlegt ist, einzuleben, und Sie werden wieder angenehm vor Gott, den Menschen nützlich und in Ihrem Innern ruhig werden. Stimmen Sie Ihr stolzes Schauen herab, und ohne den Glauben an die Unsterblichkeit zu verlieren, ohne an der göttlichen Güte zu verzweifeln, welche das Vergangene verzeiht und die Zukunft in ihre Hut nimmt, schaffen Sie, daß Ihr Leben fruchtbar und menschlich werde, Ihr gegenwärtiges Leben, welches Sie geringschätzen, während Sie es werthhalten und sich ihm ganz mit aller Ihrer Kraft, Ihrer Entsagung und Ihrer Menschenliebe hingeben sollten. Jetzt, Albert, sehen Sie mich an, schlagen Sie frei die Augen auf. Ich bin nicht mehr Ihre Schwester, nicht mehr Ihre Mutter. Ich bin eine Freundin, die der Himmel Ihnen sendet, die er auf wunderbaren Wegen hergeführt hat, um Sie dem Hochmuth und dem Wahnsinn zu entreißen. Sehen Sie mich an, und sagen Sie mir, auf Ihr Gewissen, wer ich bin und wie ich heiße.

Albert hob zitternd und scheu den Kopf empor und blickte sie noch einmal an, aber nicht so entsetzt und verwirrt als die ersten Male.

– Sie reißen mich über Abgründe, sagte er zu ihr, Sie beschämen mit eindringlichen Worten meine Vernunft, die ich, zu meinem Unglück, der der Andern überlegen wähnte, Sie heißen mich das gegenwärtige Dasein und das Menschenleben anschauen und begreifen. Um das Gedächtniß mancher Phasen meines Lebens zu verlieren, muß ich furchtbare Krisen überstehen, und um das Bewußtsein einer neuen Phase zu gewinnen, muß ich Anstrengungen machen, mich im Innern umzuwandeln, die mir tödtlich sind. Wenn Sie es fordern, Namens einer Macht, die ich der meinen überlegen fühle, daß ich mein Denken in das Ihrige gieße, gehorchen muß ich: aber ich kenne dieses fürchterliche Ringen und an seinem Ziele ist der Tod. Haben Sie Erbarmen, Sie, die Sie einen mächtigen Zauber auf mich üben, helfen Sie mir, oder ich erliege. Sagen Sie mir, wer Sie sind, denn ich erkenne Sie nicht. Ich erinnere mich nicht, Sie je gesehen zu haben: ich weiß nicht, ob Sie Mann oder Weib sind, Sie stehen vor mir wie eine räthselhafte Erscheinung, deren Urbild ich vergebens in meinen Erinnerungen suche. Helfen Sie mir, denn ich fühle mich vergehen.

Bei diesen Worten wurde Albert, dessen Gesicht sich zuvor fieberhaft geröthet hatte, zum Erschrecken bleich. Er streckte die Hände nach Consuelo aus, ließ sie aber sogleich wieder fallen, um sich auf die Erde zu stützen, als ob er in unbezwinglicher Erschöpfung zusammensänke.

Consuelo, welche allmählig in das geheime Weben seiner Geisteskrankheit eindrang, fühlte sich belebt und wie begeistert von einer neuen Kraft und Klarheit. Sie ergriff seine Hände, zwang ihn aufzustehen und führte ihn zu dem Sitze neben dem Tische. Er sank darauf nieder, von unerhörter Mattigkeit befallen und beugte sich nach vorn, wie einer Ohnmacht nahe.

Das Ringen, von welchem er gesagt hatte, war nur zu wirklich. Albert besaß die Fähigkeit, seine Besinnung zusammenzufassen und die Fieberphantasien, welche sein Gehirn durchtobten, zurückzudrängen, aber er erreichte das nicht ohne Anstrengungen und Leiden, welche seinen Organismus aufrieben. Wenn die Gegenwirkung von selbst eintrat, so ging er erfrischt und gleichsam neugeboren daraus hervor, aber wenn er sie durch eine Gewaltthat seines noch mächtigen Willens erzwang, so erlag sein Körper und die Starrsucht bemächtigte sich aller seiner Glieder. Consuelo begriff, was in ihm vorging.

– Albert! sagte sie zu ihm, ihre kalte Hand auf sein brennendes Haupt legend, ich kenne Sie, und das ist genug. Ich nehme Antheil an Ihrem Wohle, und das soll auch Ihnen für jetzt genug sein. Ich verbiete Ihnen, irgend eine Anstrengung zu machen, um mich zu erkennen und mit mir zu reden. Hören Sie nur mir zu, und wenn Ihnen, was ich sage, dunkel scheint, so warten Sie, daß ich mich erkläre und übereilen Sie sich nicht, den Sinn zu fassen. Ich fordre nichts von Ihnen als daß Sie sich leidend und still verhalten und alles Nachdenken gänzlich fahren lassen.

– O, wie wohl Sie mir thun! antwortete Albert. Sprechen Sie weiter, sprechen Sie immer so zu mir. Sie halten meine Seele in Ihrer Hand. Wer Sie auch sind, halten Sie sie fest und lassen Sie sie nicht entrinnen, denn sie würde gegen die Pforten der Ewigkeit rennen und zerschellen. Sagen Sie mir, wer Sie sind, sagen Sie geschwind, und wenn ich es nicht fasse, so erklären Sie es mir, denn wider Willen suche ich danach und rege mich auf.

– Ich bin Consuelo, antwortete das junge Mädchen, und das wissen Sie auch, denn unwillkürlich reden Sie mit mir in einer Sprache, die nur ich allein in Ihrer Umgebung verstehen kann. Ich bin eine Freundin, die Sie lange Zeit erwartet haben, und die Sie einst erkannten, als sie sang. Seit jenem Tage haben Sie Ihre Familie verlassen und haben sich hier verborgen. Seit jenem Tage habe ich Sie gesucht, und Sie haben mich durch Zdenko zu verschiedenen Malen rufen lassen, aber Zdenko, der Ihre Befehle zum Theil ausführte, hat mich nicht zu Ihnen führen wollen. Ich bin aber dennoch hergelangt durch viele Gefahren ...

– Sie konnten nicht hierher gelangen, wenn Zdenko nicht wollte, entgegnete Albert, indem er seinen auf dem Tisch lastenden Körper mühsam erhob. Du bist ein Traumgebild, ich sehe es wohl, und alles, was ich vernehme, geht in meiner Einbildung vor. O mein Gott, du wiegst mich ein mit trügerischen Wonnen, und jetzt auf einmal ist es mir klar, wie unzusammenhängend und verworren alle meine Träume sind; ich bin allein, allein auf der Welt mit meiner Verzweiflung und mit meiner Narrheit. O Consuelo, Consuelo! böser, süßer Traum! Wo ist das Wesen, das deinen Namen trägt, und das bisweilen sich in deiner Gestalt mir zeigt? Nein, nein! du lebst nur in mir; und nur mein Wahnsinn hat dich geschaffen.

Albert fiel auf seine ausgestreckten Arme zurück, welche starr und kalt wie Marmor wurden.

Consuelo sah, daß er der lethargischen Krise nahe war und fühlte sich selbst so erschöpft, der Ohnmacht so nahe, daß sie fürchtete, diese Krise nicht mehr beschwören zu können. Sie versuchte Albert's Hände in den ihrigen zu beleben, die fast nicht weniger erstarrt waren.

– Mein Gott! sagte sie mit schwacher Stimme und mit gebrochenem Herzen, hilf du zwei Unglücklichen, welche für einander fast nichts thun können.

Sie sah sich allein, mit einem Sterbenden eingeschlossen, selber sterbend und ohne daß für sie und ihn Hülfe zu erwarten war, außer von Zdenko, dessen Rückkehr sie dennoch mehr fürchtete als wünschte.

Ihr Gebet schien auf Albert eine unerwartete Wirkung zu machen.

– Es betet Jemand neben mir, sagte er und versuchte seinen Kopf emporzuheben. Ich bin nicht allein. Nein, nicht allein! wiederholte er, indem er Consuelo's mit der seinigen festverschlungene Hand sah. Hilfreiche Hand, unbegreifliches Erbarmen, menschliches, brüderliches Mitgefühl, wie machst du meinen Kampf leicht und mein Herz voll Dank! Er drückte seine starren Lippen auf Consuelo's Hand und blieb lange so.

Eine Regung des Schamgefühls brachte Consuelo zu sich. Sie getraute sich nicht, ihre Hand dem Unglücklichen zu entziehen, aber zwischen ihrer Verlegenheit und Erschöpfung unfähig sich noch aufrecht zu halten, war sie gezwungen sich auf ihn zu lehnen und ihre andere Hand auf Albert's Schulter zu stützen.

– Ich fühle mich neu erstehen, sagte Albert nach einigen Augenblicken. Es ist mir, als ob ich in den Armen meiner Mutter wäre. Tante Wenceslawa, wenn Sie es sind, vergeben Sie mir, daß ich Sie vergessen habe, Sie und meinen Vater und meine Familie, die mir bis auf den Namen selbst, ganz aus dem Sinne waren. Ich bin wieder bei euch, verlaßt mich nicht; aber gebt mir Consuelo, Consuelo, die so heiß ersehnte, die endlich gefundene ... die ich nun nicht mehr finde, und ohne die ich doch nicht leben kann.

Consuelo wollte reden, aber in demselben Maße als Albert's Besinnung und Kraft zurückzukehren schienen, schien ihr Leben zu entweichen. Von so viel Schrecken, Mühe, Angst und übermenschlicher Anstrengung gebrochen, vermochte sie nichts mehr über sich. Das Wort erstarb auf ihren Lippen, sie fühlte ihre Kniee zusammensinken, ihre Augen sich umdunkeln. Sie sank an Albert's Seite nieder und ihr ohnmächtiges Haupt schlug gegen des Jünglings Brust.

Im Augenblick erwachte Albert wie aus einem Traume, er sah, erkannte sie, stieß einen lauten Schrei aus und preßte sie, sich ermannend, mit Kraft in seine Arme. Durch die Schleier des Todes, die sich, wie sie glaubte, auf ihre Augenlider niedersenkten, sah Consuelo seine Freude und erschrak nicht mehr davor. Es war eine heilige, in Keuschheit strahlende Freude. Sie schloß die Augen und sank in einen Zustand von Entkräftung, welcher weder Schlaf noch Wachen war, sondern eine Bewußtlosigkeit und Unempfindlichkeit für alles, was um sie her geschah.

Ende des dritten Theils.

Anmerkung des Uebersetzers
über die im dritten Theile erwähnten Sekten, nebst einigen anderen, und über den Glauben an Seelenwanderung.

Kein Theil der Kirchengeschichte bietet dem Forscher der Entwicklung menschlicher Cultur größere Schwierigkeiten dar als die Ketzergeschichte. Wie viel auch in Geschichtswerken und einzelnen Abhandlungen über die verschiedenen Sekten und ihre Meinungen und Lehren geschrieben worden, dennoch ist es kaum möglich, aus dem allen eine nur einigermaßen deutliche Anschauung zu gewinnen. Die Ursachen des vorhandenen Wirrwarrs sind nicht schwer zu entdecken. Die meisten Sekten, deren Namen uns überliefert sind, kennen wir nicht aus einer schriftlichen Verlassenschaft ihrer Anhänger, sondern aus den befangenen, oft boshaften und geflissentlich verfälschenden Berichten ihrer zum Theil selbst getäuschten oder übel unterrichteten, zum Theil böswilligen Gegner. Viele dieser Sekten hatten die unter ihnen verbreiteten Ansichten sogar niemals zu einem Lehrbegriffe ausgebildet, sondern bestanden aus gemeinen Leuten, Frauen, Schwärmern, untheoretischen Köpfen, und ihre Anhänger bekannten in den Verhören ohne Zweifel alles was ihre Inquisitoren von ihnen irgend heraustorquiren wollten, sei es der Gewalt nachgebend, sei es durch verfängliche Fragen, denen ihre Einfalt nicht gewachsen war, verleitet. Die neueren Geschichtschreiber aber, welche diese Materien behandelten, haben zum Theil kein anderes Interesse gehabt als Notizen aufzuhäufen, ohne sich um die innere geistige Bedeutung und den Zusammenhang der Erscheinungen zu kümmern; zum Theil haben sie ihren Scharfsinn daran geübt, künstliche Combinationen der vereinzelt überlieferten Thatsachen zu spinnen, spätere Sekten aus früheren abzuleiten, geheime Mittheilungen und Zusammenhänge, Bekanntschaften der jüngeren mit älteren Quellen und dergleichen aufzuspüren, kurz einen äußerlichen Pragmatismus herzustellen, ohne zu ahnen, daß der menschliche Geist unter ähnlichen Bedingungen ähnliche Gestalten des Vorstellens und Denkens mit Nothwendigkeit hervorbringt; bei allen mehr oder minder findet sich endlich der Mangel, daß sie von ihrem beschränkten kirchlichen oder religiösen Standpunkte aus urtheilen und die ungeheuern Kämpfe, Leiden und Anstrengungen des menschlichen Selbstbewußtseins, welches sich zu befreien seufzt und ringt, an ihren fertigen Sätzen und Schulmeinungen messen, ohne Sinn und Gefühl für den gestaltenden Lebenstrieb der Menschennatur und ohne Ehrfurcht vor den ewigen Rechten des freien Menschengeistes. Um das Wesens und die Bedeutung jener außerkirchlichen Parteien zu begreifen und faßlich darzustellen, reicht weder die herkömmliche theologische Betrachtungsweise noch der Schematismus des historischen Vortrags aus, welcher in Kirchengeschichten üblich ist. Eine wahrhafte Geschichte des menschlichen Selbstbewußtseins soll noch erst geschrieben werden.

Hier ist es nur um eine leichte Skizze zu thun, zur Befriedigung derjenigen Leser, welche, unbewandert in der Kirchengeschichte, durch die Nachrichten über einige mittelalterliche Sekten, die sie in diesem dritten Theile unserer Consuelo antrafen, vielleicht ihre Neugierde gereizt gefunden haben. Ein einfacher Faden, welcher durch das Labyrinth führt, läßt sich mit Leichtigkeit finden und ist wohl keinem der Geschichtsforscher entgangen; diesen liefert uns die Feindschaft aller Sektirer gegen die von der Kirche ausgebildete und in bindender und zwingender Weise festgestellten Glaubenssätze und Anordnungen zur Erweckung der Gewissensruhe, des Seelenfriedens und des ewigen Heils. Was aber die dem Kirchthume sich verneinend gegenüberstellenden Sekten als das Glaubwürdige und zu einem guten und fruchtreichen Leben Nothwendige an die Stelle dessen, was sie verwarfen, zu setzen suchten und wirklich setzten, dieses zu erkennen und aus den Gesetzen des Selbstbewußtseins zu erklären, ist die schwierigere und noch nicht genügend gelöste Aufgabe.

Freiheit! war das Losungswort aller Sekten vom 11. Jahrhundert an, wo wir die ersten Ringe einer langen Kette von Ketzereien, die alle einander sehr ähnlich sind, entdecken, bis zur Reformation hin; der Ruf nach Freiheit schallt uns nicht nur aus den sektirerischen Schriften selbst, die uns erhalten sind, entgegen; unter der Decke von verworrenen und feindseligen Schilderungen, die Mönche und Prälaten uns über die Sektirer ihrer Zeit hinterlassen haben, bricht er noch mit Macht hervor. Denjenigen, welche sich in Zeiten der Umwälzung von den eingeführten Sitten frei machen wollen, weil sie deren Verfallenheit und Geistlosigkeit erkannt haben oder fühlen, wird gemeinlich der Vorwurf gemacht, daß sie sich von der Sitte überhaupt emancipiren und jegliches Gesetz und Band von sich werfen wollen; dieser Kunstgriff ist so leicht zu ersinnen und so leicht zu handhaben, daß es fürwahr kein Wunder ist, ihn in den ältesten Zeiten schon ebenso angewendet zu sehen, wie wir ihn noch jetzt alle Tage gegen die, welche sich wider Geltendes erklären, im Brauche finden. Dessenungeachtet wird es in den geschlossenen Kreisen derer, denen es um wahrhafte Befreiung, d. h. um Einsetzung einer dem menschlichen Geiste gemäßen Lebensordnung wirklich zu thun ist, vielleicht immer auch Solche geben, die sich von allem Maße befreien und einzig ihrer Willkür fröhnen wollen. Diese Knechte ihrer Lust spielen in der Geschichte keine Rolle und sind gar nicht der Betrachtung werth; kaum in der Zeit ihres Daseins gelingt es ihnen eine vorübergehende Aufmerksamkeit der Mitlebenden zu erregen, wie wir das noch in unseren Tagen gesehen haben. Man darf daher annehmen, daß die schändlichen Laster und Sittenlosigkeiten, welche einigen Sekten von den kirchlichen Schriftstellern ihrer Zeit aufgebürdet wurden, zum größten Theil geradezu erlogen und erfunden sind, und zwar für das Auge des heutigen Forschers ungeschickt genug erfunden, weil die Erfinder nichts anderes aufzubringen wußten als genau die alten Sünden, welche der Alexandriner Clemens den Sektirern seiner Zeit, d. h. des zweiten Jahrhunderts nach Chr. zur Last legt. Sogar der Name, welchen ein anderer alter Schriftsteller Theodoret, auf jenen Clemens verweisend, den erwähnten Sektirern giebt, der Name Adamiten wird im 14. und 15. Jahrhundert in Böhmen wieder aufgewärmt, um die, welche man damit brandmarkt, des Stranges, des Schwertes, des Scheiterhaufens desto würdiger darzustellen Der Name »Adamiten« scheint zwar dem alten Aufsatze, der von dieser Sekte Kunde giebt, nur von einer späteren Hand beigefügt; allein auch Aeneas Sylvius erzählt, daß der Stifter der sogenannten Picardensekte sich Adam genannt habe u.s.w..

Freiheit, einziges Kleinod unseres Geistes, einziges Licht, das uns die Nacht dieses traurigen, schmerzenvollen Daseins erhellen kann, Stern nach dem wir pilgern, wann wird dein Tag der bangenden Welt aufgehn? So oft du dich in ihr verherrlichtest, so oft du siegtest, haben alsogleich die Menschen deine Waffen, dein glänzendes Rüstzeug selbst zu neuen Ketten umgeschmiedet und die Knechtschaft ärger denn zuvor gemacht oder werden lassen. Komm endlich, komm und wohne unter uns in Wahrheit! »Sehet in das Feld, es ist zur Ernte weiß!« rief Jesus von Nazareth. »Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Ihr wisset nicht was ihr anbetet. Aber es kommt die Zeit, daß ihr weder auf den Bergen, noch in Jerusalem anbetet, es kommt die Zeit, daß die wahrhaftigen Anbeter anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.« Und siehe! es kam die Zeit, daß die sich wahrhaftige Anbeter nannten, in Kirchen und Kapellen, auf Gräbern und vor Kreuzen und Bildern und in Rom anbeteten, und daß Niemand wußte was er anbetete, weder die geführten Blinden noch die Blindenführer selbst. Das pharisäische Wesen, von welchem das Christenthum, insonderheit Paulus Befreiung verkündigt hatte, war in einer neuen und, weil sie geistiger ausgeschmückt und verbreiteter, allgemeiner zum Gesetz gemacht und mehr mit Gewalt aufgenöthigt war, gefährlicheren, heilloseren Weise eingerissen, als es jemals unter den Juden hatte herrschen können. »Gehet hin,« sprach Jesus, »und taufet alle Welt und lehret alle Heiden! Lehret sie, daß kein Unterschied des Volkes und der Person gilt, daß alle Menschen Menschen sind, schuldig als Brüder brüderlich zu leben, und daß sich alle mit mir Eins beweisen werden, wenn sie einander Liebe beweisen, denn daran will ich erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt.« Und sie gingen hin und lehrten alle Völker, daß man alle Liebe haben und üben könne und doch nicht selig sei, wofern man nicht die menschliche Vernunft und den Glauben an das ewig Wahre und seine Macht beuge unter die Satzungen einer privilegirten Klasse und ihres Oberhaupts, des Bischofs zu Rom. Die Schranken, welche die Völker im Alterthume von einander trennten, waren gefallen; aber sie hatten nun neue Schranken aufgerichtet, zwischen denen, die sich Christen sollten nennen dürfen, weil sie sich den Bestimmungen der kirchlichen Obrigkeit unterwarfen, und denen, welche, wenn sie sich auch Christen nennen wollten, doch den Grund ihres Heiles in der inneren Offenbarung des Geistes suchten. Diese letzteren sind die Sektirer, die Häretiker, die Ketzer, die Verdammten, die nicht des Daseins Würdigen, die dem Teufel, dem sie dienen, Auszuliefernden, mit Schande und mit schaudervollem Tod zu Strafenden.

Der Geist im Menschen aber ruht und unterwirft sich nicht. Knechtet, bindet ihn, er wird sich selbst befreien, und seine Ketten triumphirend, Qual und Tod verachtend, mit Gewalt zerreißen. Durch welche äußerlichen Umstände aufgerüttelt er aus dem Schlafe erwache, gleichviel! erwachen muß er, ihn ewig schlafend fest zu bannen ist unmöglich. Ob ihn zuerst das liederliche Leben und der Stumpfsinn derer, die sich Hüter des Heiligthums nennen, entrüste und empöre und er von da aus weiter frage nach ihrem Rechte und dem Grunde und Ursprunge ihrer Tyrannei, ob er durch sein Bedürfniß, alles was ist zu erkennen, seinen Wahrheitsdurst, den Trieb, die ihm einwohnende Kraft zu brauchen, angespornt, die Lehren, die man ihm verkauft, zu prüfen sich gedrungen fühle, und ob er den Frieden, dem er nachjagt, mit den Uebungen die man ihm auferlegt hat, nicht erzwingend, sich aus innerer Nöthigung selber den Rettungsweg zu suchen unterfange, oder ob er nur sich selbst ergreifend, seinen ewigen Ursprung und sein ewiges Recht, seine Macht und Freiheit ahnend, sich gegen den Zwang und die Gewalt, die ihm der fremde Geist anthut, stolz und ungeduldig auflehne: es ist gleichviel; in allen diesen Formen tritt der Trieb einer Neugestaltung des geistigen Lebens schon früh, schon im 11. Jahrhundert, so weit wir bestimmte Kunde haben, und sicherlich noch früher auf. Die langen Aufzählungen der einzelnen ketzerischen Lehren zahlloser Sekten, wie sie uns kirchliche Schriftsteller überliefert haben, und wie wir sie in bischöflichen und päpstlichen Erlassen finden, sind von wenigem Belang, weil sie meist nur das enthalten, was die Sektirer an kirchlichen Gesetzen und Lehren verwarfen, oder was man ihnen an Unsittlichkeiten, um sie dem Volke verhaßt zu machen, entweder einzelne Ungebühr als Schuld der ganzen Richtung anrechnend oder geradezu nach uralten Mustern erdichtend, aufgebürdet hat. Da heißt es immer wieder, daß die Abtrünnigen die Bilderverehrung, die Heiligenanrufung, die Ceremonien, den äußeren Gottesdienst, das Kreuzmachen, die Heiligkeit der Sakramente, die Vorrechte des Priesterstandes verwürfen; tiefer in das Wesen der Lehre, in sittliche Fragen dringt es schon ein, wenn wir erfahren, daß sie die Taufe mißachtet, das Abendmahl für ein bloßes Erinnerungszeichen und die Ehe für kein der Kirche zuzuweisendes Institut erklärt hätten; und wenn uns endlich gesagt wird, daß sie die übernatürliche Geburt Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt, sowie alle Wunder des Alten und Neuen Testaments als unverträglich mit den ewigen Naturgesetzen geläugnet, daß sie das böse Prinzip, den Teufel und sein Heer zu Ehren gebracht, oder daß sie den heiligen Geist als das Wesen aller Menschen und jeden erleuchteten Menschen als den Christus selbst und Gottes Sohn erkannt hätten, so sind wir da ganz auf metaphysischem Boden. Die Darstellung solcher metaphysischen Ansichten ist jedoch in den Quellen, die uns zu Gebote stehen, unendlich verworren: derselben Sekte wird oft der kühlste Rationalismus, die Feindschaft gegen alles Uebernatürliche und zugleich phantastische Ausspinnung dualistischer Lehren und gnostischer Abenteuerlichkeiten zur Last gelegt. Kein Wunder! man kannte diese Sekten schon zu ihrer eigenen Zeit nicht, konnte, wollte sie nicht kennen, ließ es sich genügen, sie als Ketzer und dem Mutterschooße der Kirche entfremdete Geschöpfe bezeichnen zu dürfen; auf das, was sie glaubten, lehrten, ausübten, kam es wenig an; glaubten, lehrten und übten sie doch jedenfalls nicht das was sie sollten. Aber einige ketzerische Schriften jener fernen Zeit sind uns gerettet: diese geben überraschende Aufschlüsse. Welcher Ketzerpartei sie angehörten, d. h. welcher so oder so von ihren Mitgliedern oder Gegnern benannten Gesellschaft, ist unwesentlich; wahrscheinlich keiner von allen, sondern sie sind Werke einsamer Denker und nur von Wichtigkeit insofern sie von dem Geiste der Freiheit, welcher durch die Zeiten wehete zeugen, und den Gedankeninhalt, den er damals sich zu schaffen wußte, uns zu erkennen geben.

Die ersten Spuren, welche noch übrig sind, gehören, wie gesagt, in das 11. Jahrhundert. Sekten, die sich damals von Italien aus, wie es scheint, nach Südfrankreich und auch nach Deutschland verbreiteten, wurden von ihren Gegnern mit dem alten Ketzernamen der Manichäer bezeichnet. Sie sollen den Genuß von Thierfleisch und von Wein vermieden und ein eheloses Leben empfohlen haben; diese Art, dem Geiste seine Ehre durch Beschränkung der fleischlichen Triebe zu erweisen, lag im Zeitgeschmacke. Die Hexenkünste und groben Laster, deren man sie anklagte, können übergangen werden. Aber wichtig ist der Glaube, der ihnen zugeschrieben wird, daß der heilige (der allgemeine) Geist sich nicht in heiligen Schriften, welche eitel Pergament seien, sondern in dem Geiste des lebendigen Menschen offenbare und daß die kirchlichen Institutionen Lug und Trug seien. Ob unter ihnen gnostische Theorien, in denen das böse Prinzip zu Ehren kam, wie uns erzählt wird, wirklich verbreitet waren, oder ob man dies nur vorgab, um sie als Manichäer verdammen zu können, läßt sich nicht ermitteln. In Deutschland kam bald der Name Katharer auf; »unser Deutschland,« sagt der Mönch Eckbert, »nennt sie Katharer«; die Freien jener Zeit nannten sich wohl selbst so, nämlich mit einem griechischen Worte Êáèáñïß, d. i. Reine. Katharer ist einerlei mit Ketzer, und diesen Namen gaben die Päpstlichen in Kurzem allen denen, welche sich von der Kirche lossagten. Sekten, die man so nannte, waren im 12. Jahrhundert in Italien, Frankreich, Deutschland, England verbreitet; bald wird ihnen Teufelsdienst und Manichäismus, bald nur Enthaltung von Fleisch und geistigen Getränken, daneben Ausschweifung in Befriedigung des Fleisches bei heimlichen unterirdischen Zusammenkünften und Verwerfung der kirchlichen Gebräuche zur Last gelegt. Manche Parteien dachten übrigens nicht daran, sich förmlich von der Kirche zu trennen und deren Lehren zu verwerfen, sondern strebten nur ein frommes, keusches, liebevolles Leben an, wie es, ihrer Meinung nach, in der apostolischen Zeit in der christlichen Kirche herrschend gewesen war, so die Waldenser, welche Petrus Waldus (um 1160) in Lyon stiftete, die Albigenser in der Provence, gegen welche um diese Zeit ein ordentlicher Kreuzzug unternommen wurde, die Petrobrusianer und Henriceianer, die von einem Peter von Bruis und einem gewissen Heinrich, Geistlichen, welche gegen die Verderbtheit des Klerus eiferten, den Namen haben, u. a.

Zu den Gesellschaften, welche seit dem 11. Jahrhundert, ohne sich von der Kirche abzutrennen, lediglich zu dem Zwecke zusammentraten, sich in Reinheit und Unschuld der Sitten und in Liebeswerken einander zu stärken und zu üben, gehörten die Frauenvereine der sogenannten Beghinen (Beguinen, Bequinen &c., später in Westdeutschland Begutten oder Reuerinen, Klausnerinen genannt), welche sich an keine Regel nach Ordensart banden, ab er doch zum Theil in Gesellschaftshäusern (Beguinereien) zusammenwohnten, sich von ihrer Hände Arbeit ernährten, meist von Weberei, Geistliche unterhielten für ihre Kirchen, Armen und Bedrängten halfen, Kranke pflegten, Verlassene beschützten. In den Niederlanden leiteten sie ihren Ursprung von der Mutter Pipins von Heristall, der H. Begga ab, in Lüttich von einem Priester Lambert le Bègue (dem Stammler), der daselbst um 1188 gelebt haben soll. Der gelehrte Geschichtschreiber Mosheim Die hier gemeinte Abhandlung, eine Fundgrube für die Ketzergeschichte dieser Zeiten, ist lateinisch geschrieben und hat den Titel: De Beghardis et Beguinabus etc. ed. Martini. Leipz. 1790. stellte die Ansicht auf, daß sie ihren Namen von dem Bitten, Beten oder Betteln ( beggen, bedgan) hätten. Beiläufig gesagt, das Institut der Beguinereien war im 15. Jahrhundert wieder ziemlich verbreitet in Deutschland, und die niederländischen haben sich sogar bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhalten, z. B. in Mecheln, wo die Gesellschaft um 1780 noch tausend Glieder zählte. Nach dem Muster der weiblichen Beghinenvereine bildeten sich im 13. Jahrhundert auch männliche, die gewöhnlich Begharden genannt wurden, ebenfalls aus Personen der niedern Stände zusammengesetzt und denselben Zwecken dienend wie die weiblichen, doch bald nicht so beliebt als diese es lange Zeit waren, sondern als Frömmlinge, Herumtreiber und Lasterbuben anrüchig. Sobald diese frommen Vereine der Kirche, welche sie Anfangs zugelassen hatte, verdächtig wurden, richtete sie ihre Bannstrahlen gegen dieselben, und im 14., oder sogar schon im 13. Jahrhundert war Begharde ein Name, womit die Päpste die verschiedenartigsten Sektirer und Ketzer zu belegen pflegten.

In Deutschland, sonderlich in Oesterreich und in Böhmen, verbreitete sich im 14. Jahrh., wie es scheint von Holland aus, ein Volkswort, um freie Religionsparteien zu bezeichnen, nämlich der Name Lollarden (oder Lolhards). Auch diesen Namen hat man von einem Sektenstifter, Namens Walther Lolhard, einem Oesterreicher um 1315 herleiten wollen. Dieser Mann, der 1322 in Köln verbrannt wurde, nachdem man seine Sekte in dem Städtchen Krems (in der Passauer Diöces) aufgespürt hatte, hieß wahrscheinlich schlechthin Walther, und Lolhard nur deshalb, weil er ein Lollard war. Man leitet nämlich wie Beghard von »Beggen«, so auch Lolhard von »lollen, lullen, summen, summend beten« ab. In Antwerpen, wo der Name Lolhard zuerst bald nach 1300 vorkommt, nannte die Gesellschaft, der er beigelegt wurde, sich selbst Alexianer oder Cellitenbrüder.

Außer diesen Namen begegnet uns bald darauf in der böhmischen Geschichte ein dritter, der Name Picarden (oder Picarditen). Dieser Name leicht dem Namen Beghard so sehr, daß man wohl auf eine bloße Entstellung desselben in Picard muthmaßen kann. Man hat ihn aber auch von der Picardie herleiten wollen, von wo die Sekte nach Böhmen eingewandert sein soll, und endlich ist er auch auf einen Stifter, Namens Birkhard (oder Picardus), der sich zur Hussitenzeit in Böhmen aufhielt, bezogen worden Gieseler in seiner Kirchengeschichte vermengt Begharden und Picarden. Dagegen erklärt sich Schmidt in einem Aufsatze in der Zeitschrift von Illgen (1840. Heft 3. S. 37.). Aus der Picardie läßt die Picarden Aeneas Sylvius (in seiner Böhm. Gesch.) kommen.. Den Picarden, Lollarden, Adamiten, einer Sekte, die sich in der Dauphinée zeigte und die Gregor XI. in einem Schreiben an den König v. Frankreich und gleichzeitige Schriftsteller Turlupins (wegen ihrer angeblichen Schändlichkeiten) nennen, einer Sekte die im 14. Jahrhundert in Angermünde unter dem Namen Luciferianer vorkommt, allen diesen werden ganz dieselben Ketzereien und Verruchtheiten von manchen gleichzeitigen und späteren Schriftstellern Schuld gegeben; es läßt sich hierbei nicht ermitteln, ob gewisse theosophische Ansichten und Systeme, welche die Entstehung des Guten und Bösen und die Bestimmung des Menschen erläutern sollen, wirklich hier und da aufgetaucht und in ganzen Sekten umgegangen sind, entweder aus alten häretischen Büchern geschöpft oder neu erzeugt, oder ob solche Lehren nur von den Gegnern den Sektirern untergeschoben wurden. Die ganze Sache ist sehr im Dunkeln. Ziska soll, nach des Aeneas Sylvius Erzählung, die Picarditen (oder Adamiten, wie sie derselbe Schriftsteller nennt) auf einer Insel des Flusses Luschnitz, wo sie sich niedergelassen hatten, angegriffen, besiegt und sämmtlich umgebracht haben, bis auf zwei, von denen er erkunden wollte, was denn eigentlich ihre Lehre sei; er wußte das also nicht. Und dazu konnte man die Erzählung eines ungenannten protestantischen Schriftstellers Histor. persecut. Bohem. c. 16. ziehen, welcher sagt: verkappte Papisten hätten sich unter die Taboriten gemischt und ihnen die Bekenner einer einfachen Herzensreligion, nach Böhmen übergesiedelte Waldenser, unter dem Namen Picarden (und unter dem Vorgeben, daß diese die ärgsten Unzuchten trieben, nackt gingen, sich öffentlich wie das Vieh paarten u. s. w.) verhaßt zu machen gesucht. Dagegen weiß ein anderer katholischer Schriftsteller Schlechta, der Secretair des Königs Ladislaus von Böhmen, der auch von den Picarden redet, nicht das Mindeste von solchen Greueln, sondern wirft ihnen nur Ungehorsam gegen die Kirche, Verachtung der Ceremonien und der Sakramente, und Lästerung des Klerus vor. Der Vorwurf der Unzucht könnte in der That leicht durch geflissentliche Entstellung und Uebertreibung der ketzerischen Ansicht entstanden sein, daß die von der Kirche verbotenen Grade der Blutsvermischung keiner Beachtung werth wären u. dgl., wozu dann als Ausschmückung die Geschichten von schändlichen Zusammenkünften unter der Erde in einem sogenannten »Paradyse« u. s. w. aus dem Clemens von Alexandrien entnommen sein könnten Schon Beausobre in einer Abhandlung über die Adamiten ist der Meinung, daß diese, die Picarditen und Turlupins wol nur Waldenser wären, denen die Inquisitoren Schandthaten und Gräuellehren angedichtet..

Lassen wir nun die Ketzernamen dahin gestellt und sehen auf die Lehren, welche hier und da sowohl schon im 11. und 12. als im 13. und 14. Jahrhundert vorgekommen sein sollen, so verdient zunächst der angebliche Teufelsdienst Betrachtung. Von den Adamiten erzählt vornehmlich eine besondere anonyme Schrift Mitgetheilt von Petz (Scriptores Rerum Austriacarum)., von den Lollarden Tritheim (in seinem Chronicon), von den Catharern des 12. Jahrh. ein gegen sie gerichtetes Buch (das Grether bekannt gemacht hat): sie hätten gelehrt, die sichtbare Welt sei nicht von Gott, sondern von dem Teufel, von Lucifer geschaffen, diesem hätten sie auch Messen gewidmet; Gott hätte nach ihnen zwei Söhne gehabt, Lucifer und Christus; des Ersteren Reich, der der Weltschöpfer wäre, fände sich im Alten Testamente; des Anderen Reich im Neuen Testamente geschildert. Andere hätten behauptet, daß der Erzengel Michael, der die Weltherrschaft usurpirt habe, im Kampf liege mit dem Lucifer; dieser aber werde endlich triumphiren, in die ewige Freude eingehn und den Michael in das ewige Feuer hinabstoßen. Dem Lucifer hätten die Diener Michaels das Unrecht angethan, ihn für das böse Princip auszugeben; seine Verehrer hätten daher in seinem Namen sich zu segnen, mit dem Spruche: Sei gegrüßt in Dem, welchem Unrecht geschah. Sie hätten auch eine Gesellschaftsverfassung gehabt, und zwar an ihrer Spitze 12 (oder auch 16) Apostel, von denen Zweie jährlich einmal in das Paradies gingen, und dort von Elias und Henoch die Macht zu lösen und binden empfingen, eine Macht, welche diese dann auch Anderen mittheilen könnten u. s. w.

Daß denjenigen, welche die Vorstellung von Gott als dem gütigen Wesen überkommen hatten, die Betrachtung des Uebels und des Bösen in der Welt (welches sich durchaus nicht, man sage und dichte was man wolle, mit jener Vorstellung vereinigen läßt) Veranlassung geben mochte, ein besonderes Princip des Bösen anzunehmen, und dann wieder, da das Böse nicht absolut böse ist, sondern unter Umständen sogar das Gute selbst, die Vorstellung von einem Kampf der beiden einander entgegengesetzten Urwesen in Bildern, welche sie dem A. und N. Testament entlehnten, weiter auszuführen, alles das ist sehr möglich; allein es bleibt dennoch fraglich, was in dieser Hinsicht vom 11. bis zum 14. Jahrhundert wirklich in einzelnen Religionsparteien lebendig geworden sein mag. Denn in denjenigen Ansichten, welche erhaltenen Schriftdenkmälern aus jener Zeit zufolge sicherlich gehegt wurden, finden sich Punkte, deren Mißverständnis die Gegner leicht verleitet haben kann, die alte Ketzerei der Manichäer zu suchen, wo nichts weniger als diese anzutreffen war.

Ketzerische Parteien oder wenigstens Lehrer der frühesten Zeit, wie sich aus ihren eigenen Schriften Auszüge, bei Mosheim in seinen Institut. der K. Gesch. S. 552 ff. ergibt, hatten nämlich eine Lehre ausgebildet, die man heut zu Tage pantheistisch nennen würde. Diese Lehre scheint zu einer wirklich volksthümlichen Verbreitung gekommen zu sein in den Vereinen der Brüder und Schwestern des freien Geistes (auch Beggarden und Schwestrionen genannt). Es ist dieselbe Lehre, welche als Lollardenlehre um 1300 in der Kölner Gegend auftrat, welche der Dominikaner Aikard (oder Eccardus) daselbst vortrug, und welche von dem Pabst Johann XXII. in mehren Bullen verdammt wurde. Gott, sagte sie aus, sei weder gut noch böse, noch der Beste zu nennen; wenn Gott durch das Gute verherrlicht werde, so werde er ebensowohl durch alles Uebel, Schuld und Strafe verherrlicht. Wenn Gott sei, so dürfe man ihn nichts bitten, denn das Gebet, das auf Gott bestimmend einwirke, verneine ja Gott. Es solle aber andererseits der Mensch sich Gotte nicht unterordnen (was im Beten ebenfalls geschieht), denn der Mensch sei berufen mit Gott zu herrschen, und der wahrhafte Mensch gehe so in Gott auf, werde in Gott selbst verwandelt wie das Brot in Christi Leib und sei mit Gott Eines. Was man als Gottgewirktes ansehe, sei das Werk der ganzen Menschheit; jeder gerechte und gute Mensch habe Theil an Allem was wahrhaft geschieht. »Der gute Minsch ist der ingeburne Sune Gates, den der Vatter ewelycken geburen hat. Was eigen ist der gottlicken Naturen, das ist allis eigen einem jiglichen gottlicken Minschen. Der gottlicke Minsch soll also sinen willen einförmig machen mit Gates willen, das er allis das soll wellen, was Gat will.« Hiernach giebt es kein Böses, das man Ursach hätte in Gott zu setzen. Sondern was Gott will, oder, da dies einerlei ist, was der göttliche Mensch will, das ist immer gut, und das Böse ist nur dasjenige, was der ungöttliche Mensch will und thut, was Gott nicht will. Daher, wenn der göttliche Mensch auch begehen sollte was man eine Todsünde nennt, so wäre das doch nichts Böses, insofern es das Gottgewollte ist. D. h. es gibt kein absolut Böses, sondern böse ist was dem göttlichen Willen widerstrebt Gieseler folgerte (in der Kirchengeschichte) aus diesen Sätzen, welche die einfache Consequenz des Grundsatzes von der Einheit des rechten menschlichen mit dem göttlichen Willen, aber polemisch gegen das einseitige Moralgesetz ausgedrückt enthalten, daß die Bekenner des freien Geistes sich von dem Moralgesetze losgesagt hätten. Wie kurzsichtig!. Diesen aber lernt der Mensch nicht aus Schriften und kirchlichen Satzungen, sondern er wird ihm innen offenbar.

In diesen Richtungen zeigt sich deutlich der erste Anlauf, das Recht der Vernunft wiederherzustellen, obgleich noch in der Form der Zeitvorstellungen, welche auch da, wo sie sich gegen das kirchlich Geltende auflehnten, doch noch im Ringe des kirchlichen Ideenkreises gefangen waren. Es ist nur lächerlich diese Anhänger des freien Geistes zu Teufelsanbetern und Dualisten zu stempeln; wohl aber konnte ihre Ansicht von dem Bösen den Mißverstand dazu bewegen, ihnen Hochachtung vor dem Bösen selbst und einem persönlichen Princip des Bösen, dessen Annahme man ihnen unterschob, beizumessen.

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Die Lehre vom freien Geiste kennt nur Einen Schauplatz der göttlichen Thätigkeit: die Welt. Sie schließt demnach ein jenseitiges Reich, den zukünftigen Himmel gänzlich aus. Wer in Einheit lebt mit dem göttlichen Willen, »der gottlicke Mensch« hat den Himmel, und die Gesammtheit der guten Menschen regiert mit Gott ewiglich. Wenn dieser pantheistische Gedanke in die Massen eindrang, um Gemeingute weitverzweigter Religionsgesellschaften wurde, so konnte er aus dem Verlangen des Einzelnen, auf eine besondere Weise und als Person dieses Erdenleben zu überdauern, neue Vorstellungsformen erzeugen, in denen sich die einzelne Persönlichkeit erhalten darstellt, ohne daß man an eine jenseitige Welt zu denken brauchte. Die Vorstellung einer Seelenwanderung war gewissermaßen gefordert. Von einer wirklichen Verbreitung derartiger Vorstellungen zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert wüßte ich aber keine deutlichen Spuren nachzuweisen. George Sand macht die Taboriten zu Trägern des Glaubens, daß die verstorbenen Brüder wieder in neuen Leibern auf Erden erscheinen, aber ich glaube nicht, daß gerade unter dieser Hussitenpartei ein solcher Glaube zu suchen sein dürfte. Es giebt in der Kirche zu Czaßlau am Grabe Ziskas ein Distichon unter Hußens Bilde, welches lautet:

Jam venit e superis Huss, quod si forte redibit,
Ziska suus vindex, impia Roma cave.

D. h. Im Ziska ist Huß wieder auferstanden; hüte dich Rom,
wenn nun auch Ziska wieder auferstehen wird.

Und zur Ergänzung dient ein Vers unter Ziskas Bilde, worin es heißt:

Surget adhuc rursus etc.
D. i. Ziska wird auferstehen, um die Geistlichen zu züchtigen u. s. w.

Allein solche von Gelehrten angefertigte Epitaphia beweisen nichts für einen Volksglauben. Man hat zu allen Zeiten sich auf unbestimmte Weise vorgestellt, daß der Geist, der in großen Menschen sich offenbart hat, in anderen großen Menschen später wiederscheine, um das Werk Jener fortzuführen; so dachte man sich auch Luther als den nach hundert Jahren wieder erstandenen Huß. Aber das ist noch kein Glaube an eine Seelenwanderung. Von den Ansichten der Taboriten ist nur bekannt, daß sie alle Lehren und Vorschriften verwarfen, welche nicht in der Heiligen Schrift ihre Rechtfertigung fänden, und zwar buchstäblich daraus zu erweisen wären. Damit verbanden sich zum Theil Vorstellungen von der Nähe des jüngsten Gerichtes und mit diesen sind diejenigen, welche sich auf eine Seelenwanderung beziehen, ebenso schwer zu vereinigen als mit der unbedingten Anerkennung der Schriftlehre.

Der Gedanke an eine Seelenwanderung ist eigentlich nur dann möglich, wenn man kein Jenseits, keinen jüngsten Tag annimmt. In diesem Falle liegt er aber nah genug, wie Jeder sich selbst sagen kann. Zu mehrerem Beweise möge noch der Schluß einer Schrift aus neuester Zeit hier stehen, nämlich die letzten Sätze aus Lessings Aufsatz »Die Erziehung des Menschengeschlechts.«

»Warum sollte ich nicht,« fragt Lessing, »so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf Einmal so viel weg, daß es der Mühe wiederzukommen etwa nicht lohnt? Oder weil ich es vergesse, daß ich schon da gewesen? Wohl mir, daß ich es vergesse ... Oder weil so zu viel Zeit für mich verloren gehen würde? Verloren? Und was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?«

Ja! und eben deshalb brauchen wir nicht wiederzukommen, sondern können getrost den Genuß der ganzen Ewigkeit auch denen gönnen, welche nach uns kommen werden.

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