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Clérambault

Romain Rolland: Clérambault - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRomain Rolland
titleClérambault
publisherKindler Verlag
year1960
translatorStefan Zweig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

Nach acht Tagen begann Clérambault wieder auszugehen. Aus der furchtbaren Krise, durch die er sich gerungen, ging er gebrochen, aber entschlossen hervor. Der Überschwang der Verzweiflung war von ihm gefallen, ihn beseelte einzig mehr ein stoischer Wille, der Wahrheit bis in ihre letzten Schlupfwinkel nachzudringen. Aber das Erinnern an seine geistige Verwirrung, in der er sich so wohl befunden, und die Halblüge, die so lange seine Nahrung gewesen war, machte ihn unsicher und demütig. Er mißtraute der eigenen Kraft, und um Schritt für Schritt weiterzukommen, fühlte er sich bereit, den Rat von Erfahreneren als Führung anzunehmen. Er erinnerte sich, wie Perrotin damals seinen vertraulichen Überschwang mit ironischer Zurückhaltung aufgenommen. Damals hatte sie ihn verwirrt, nun zog sie ihn an. Sein erster Besuch nach der Genesung galt dem klugen Freund.

Obwohl Perrotin sich besser auf Bücher als auf Physiognomien verstand – ziemlich kurzsichtig und ein wenig egoistisch, gab er sich selten Mühe, etwas zu beachten, das er nicht unbedingt brauchte –, so konnte er doch nicht umhin, die Veränderung der Gesichtszüge Clérambaults sofort staunend zu bemerken.

»Was ist, mein guter Freund«, rief er ihm zu, »waren Sie krank?«

»Ja, wirklich sehr krank«, antwortete Clérambault, »aber es geht mir schon viel besser, ich habe mich schon wieder erholt.«

»Ja, das ist für uns der grausamste Schlag«, sagte Perrotin, »in unserem Alter einen Freund zu verlieren, wie es für Sie Ihr armer Sohn war.«

»Das Grausamste ist noch nicht, ihn verloren zu haben«, antwortete Clérambault, »sondern selbst mit schuld an seinem Verlust zu sein.«

»Was sagen Sie da, mein Freund«, fuhr Perrotin erstaunt auf, »was haben Sie sich da erfunden, um Ihre Qual noch zu steigern?«

»Ich hatte ihm die Augen verschlossen«, sagte bitter Clérambault, »und er hat sie mir geöffnet.«

Perrotin ließ seine Arbeit liegen, über die er wie gewöhnlich nachsann, während man zu ihm sprach, und sah Clérambault erstaunt an, der mit gesenktem Kopf und einer dumpfen, schmerzvoll-leidenschaftlichen Stimme zu erzählen begann. Es war, wie wenn ein Christ der ersten Zeiten öffentlich seine Beichte ablegte. Er klagte sich der Lüge an, der Lüge gegen seinen Glauben, der Lüge gegen sein Herz, der Lüge gegen seine eigene Vernunft. Der Apostel hatte in seiner Feigheit den Gott verleugnet, sobald er ihn in Ketten sah, aber soweit hatte er sich doch nicht erniedrigt, den Henkern seines Gottes Hilfe zu leisten. Aber er, Clérambault, hatte nicht nur die Sache der allmenschlichen Brüderlichkeit verlassen, er hatte sie erniedrigt; er hatte nicht abgelassen, von Brüderlichkeit zu sprechen, während er gleichzeitig zum Haß aufrief, er hatte wie jene lügnerischen Priester, die das Evangelium verdrehen, um es in den Dienst ihrer schlechten Absichten zu stellen, geschickt die erhabensten Gedanken verfälscht, um mit ihrer Maske die Leidenschaft zum Mord zu verdecken. Er hatte sich einen Pazifisten genannt, während er den Krieg verherrlichte, und einen Menschenfreund, indes er den Feind von vornherein aus dem Kreis der Menschheit ausstieß ... Oh, um wieviel redlicher wäre es gewesen, sich vor der brutalen Gewalt einfach zu beugen, als mit ihr erniedrigende Kompromisse einzugehen! Gerade dank solchen Sophismen wie den seinen war es gelungen, den Idealismus der jungen Menschen in das Gemetzel zu hetzen. Denn die Denker, die Künstler, sie, die alten Giftmischer, waren es, die mit ihrer Rhetorik den grauenhaften Todestrunk versüßten, den ohne ihre Mitschuld jedes reine Gewissen sofort mit Abscheu zurückgestoßen und ausgespien hätte ...

»Das Blut meines Kindes ist über mir«, sagte Clérambault schmerzlich, »das Blut aller jungen Menschen Europas, in allen Nationen, spritzt der Idee Europas ins Antlitz. Überall hat sich die Idee zum Knecht des Henkers erniedrigt.«

»Mein armer Freund«, sagte Perrotin, indem er sich zu Clérambault neigte und seine Hand nahm, »Sie übertreiben immer ... Gewiß, Sie tun gut, den Gefühlsirrtum zu erkennen, in den Sie die öffentliche Meinung mitgerissen hat, und ich kann Ihnen heute offen sagen, daß mich diese Täuschung gerade bei Ihnen geschmerzt hat. Aber Sie haben unrecht, wenn Sie sich und den Sprechenden überhaupt eine so große Verantwortung für die Geschehnisse von heute zuschreiben. Die einen sprechen, die anderen handeln, aber es sind nicht diejenigen, die sprechen, die die Tat der anderen verursachen; beide sind Spielball der Strömung und haben keine Kraft über diese.«

»Aber ihnen fällt doch die Schuld zu, andere aufgefordert zu haben, sich mitreißen zu lassen«, antwortete Clérambault. »Statt die noch auf der Oberfläche Schwimmenden festzuhalten und ihnen zuzuschreien: ›Kämpft gegen den Strom!‹, haben sie gesagt: ›Laßt euch nur fortreißen!‹ Nein, mein Freund, versuchen Sie nicht, unsere Verantwortlichkeit zu mildern. Sie ist schwerer als irgendeine andere, denn unser Gedanke war so hoch gestellt, daß er weit blicken konnte, seine Pflicht war zu wachen, und wenn er nicht das Richtige gesehen hat, so war es, weil er nicht sehen wollte. Wir dürfen nicht unsere Augen anklagen, denn unsere Augen waren gut, das wissen Sie wohl, und auch ich weiß es jetzt, da ich mich wieder aufgerafft habe. Dieselbe Vernunft, die mir die Augen verbunden hat, hat mir das Band wieder abgerissen. Seltsam, daß sie gleichzeitig ein Instrument der Lüge und ein Instrument der Wahrheit ist!«

Perrotin schüttelte den Kopf.

»Ja, die Vernunft ist so groß und so erhaben, daß sie sich nicht, ohne sich zu erniedrigen, in den Dienst anderer Mächte stellen darf. Man muß ihr alles aufopfern. Sobald sie nicht mehr freiwirkend und Herrin ihrer selbst ist, erniedrigt sie sich, sie wird dann wie der Grieche, der von dem Römer, seinem Herrn, trotz seiner Überlegenheit erniedrigt wird und verpflichtet, sein Kuppler zu sein, ein Gräculus, ein Sophist, ein leno ... Der Durchschnittsmensch ist gewöhnt, seine Vernunft wie einen Dienstboten zu allem möglichen zu mißbrauchen, und sie dient ihm dann mit der unehrlichen und geschmeidigen Geschicklichkeit dieser Art Leute. Bald begibt sie sich in den Dienst des Hasses, des Stolzes, bald in den der eigenen Interessen, sie schmeichelt allen diesen kleinen Ungetümen und verkleidet sie als Idealismus, Liebe, Glaube, Freiheit, soziale Hingabe, denn wenn ein Mensch die Menschen nicht liebt, so sagt er immer, er liebe Gott, das Vaterland oder die Menschheit. Bald wird dann der arme Herr der Vernunft selbst zum Sklaven, zum Sklaven des Staates. Mit ihrer Drohung zwingt ihn die soziale Maschine zu Handlungen, die ihm innerlich widerstreben; die brave und gefällige Vernunft redet ihm aber sofort ein, diese Handlungen seien schön und ruhmvoll, und daß er sie aus freiem Willen tue. In dem einen Falle wie in dem andern weiß die Vernunft wohl, woran sie sich zu halten hat. Sie steht immer zu unserer Verfügung, sobald wir wirklich wollen, daß sie uns die Wahrheit sage. Aber wir sind es, die sich wohl hüten, von ihr Gebrauch zu machen. Wir vermeiden sorgsam, mit ihr allein zu sein, wir wissen es immer so einzurichten, daß wir ihr nur in Gesellschaft begegnen und ihr Fragen schon in jenem Ton stellen, der die Antwort von vornherein bestimmt ... Schließlich dreht sich die Erde darum doch – e pur si muove –, die Weltgesetze erfüllen sich, und der freie Geist erkennt sie. Alles andere ist Eitelkeit. Was wir Leidenschaften und aufrichtigen oder falschen Glauben nennen, bedeutet nur einen verhüllten Ausdruck für die Notwendigkeit, die die Welt bewegt, gleichgültig um unsere Idole, Familie, Rasse, Vaterland, Religion, Gesellschaft, Fortschritt ... Fortschritt? Das ist der größte Wahn von allen. Ist denn die Menschheit nicht dem Gesetz der höchsten Spannung unterworfen, das verlangt, daß, sobald sie überschritten ist, eine Klappe sich öffne und der Behälter sich wieder leere? Kehrt er nicht immer wieder, dieser katastrophale Rhythmus? Knapp an den Höhen der Zivilisation ist immer der Absturz. Man steigt und taucht wieder hinab.«

Perrotin entwickelte ruhig seinen Gedankengang. Seine Idee war sonst nicht gewöhnt, sich vor anderen auszusprechen, aber sie hatte den Zeugen vergessen, und so entkleidete sie sich, als wäre sie allein. Perrotins Weltanschauung war von einer großen Kühnheit, wie sie oft jene großen Menschen besitzen, die in ihrem Zimmer leben und nicht zur Tat verpflichtet sind, ja gar nichts auf sie halten und sie sogar verachten. Clérambault hörte erstaunt, erschrocken, mit offenem Mund zu, manche Worte erbitterten ihn, manche preßten ihm das Herz zu, er empfand eine Art Schwindel. Aber er überwand seine Schwäche, um keinen Blick in die aufgetanen Tiefen zu verlieren. Er bedrängte Perrotin mit Fragen, der geschmeichelt seine zweiflerischen, gleichzeitig passiven und doch zerstörenden Visionen gefällig und selbstgefällig vor ihm entrollte.

Sie waren noch ganz vom Gewölk dieser Abgründe umhüllt, und Clérambault bewunderte die Leichtigkeit dieses freien Geistes, der sicher und fast zufrieden am Rande dieser Leere hauste, als die Tür sich auftat und der Diener Perrotin eine Visitenkarte brachte. Sofort lösten sich die gefährlichen Gespenster des Geistes in nichts auf. Eine Falltür schlug über dem Abgrund zu, und der gewohnte Teppich des Salons verdeckte seine Spur ... Perrotin, aufgeschreckt, sagte eiligst und beflissen:

»Ja, natürlich, bitte lassen Sie nur eintreten.«

Und indem er sich zu Clérambault wandte: »Sie gestatten doch, lieber Freund, es ist der Herr Unterstaatssekretär vom Ministerium für Unterricht und schöne Künste.«

Und schon war er aufgestanden und ging dem Besucher entgegen, einem jungen Mann mit blaurasiertem Kinn, einem Priester-, Schauspieler- oder Yankeegesicht. Er trug den Kopf hoch und die Brust breit in seinem grauen Jackett, das die Rosette der Verdienstvollen und der Kriecher verzierte. Der alte Mann stellte, nun wieder strahlend, vor: »Herr Agénor Clérambault ... Herr Hyacinthe Monchérie« und fragte den »Herrn Unterstaatssekretär«, was ihm die Ehre dieses Besuches verschaffe.

Der »Herr Unterstaatssekretär«, keineswegs erstaunt über den ehrerbietigen Empfang von Seiten des alten Meisters, warf sich breit in den Fauteuil mit jener familiären Überlegenheit, die ihm sein offizieller Rang über die beiden Leuchten des französischen Gedankens verlieh: Er stellte ja den Staat dar. Er sprach näselnd, laut und mißtönend, er schrie wie ein Dromedar. Er übermittelte Perrotin die Einladung des Ministers, das Präsidium einer feierlichen Sitzung kriegsbegeisterter Intellektueller von zehn Nationen im großen Amphitheater der Sorbonne zu übernehmen – einer »Fluchsitzung«, wie er sagte. Perrotin sagte eiligst zu, ganz beglückt von der großen Ehre. Sein erniedrigendes Verhalten gegenüber dem staatlich legitimierten Gimpel stand in seltsamem Gegensatz zu den verwegenen Gedanken, die er eben entwickelt hatte, und Clérambault, im tiefsten abgestoßen, mußte an den Gräculus denken.

Sobald sie wieder allein waren, und nachdem Perrotin ihn bis zur Schwelle begleitet hatte, seinen »Verehrten«, der steifen Halses und gehobenen Kopfes ging, wie der mit Reliquien beladene Esel, wollte Clérambault das Gespräch wieder aufnehmen. Er war etwas abgekühlt und machte kein Geheimnis daraus. Er forderte Perrotin auf, öffentlich das auszusprechen, was er ihm im Vertrauen gesagt hatte, eine Zumutung, die Perrotin natürlich, seine Naivität belächelnd, ablehnte. Ja er warnte ihn sogar in besorgter Weise bezüglich der Versuchung, vor der Öffentlichkeit zu beichten. Clérambault wurde zornig, begann zu streiten und blieb hartnäckig bei seiner Forderung. Perrotin, der gerade aufrichtig gelaunt war, schilderte ihm, um ihn aufzuklären, seine Umgebung, die großen Intellektuellen der Universität, deren offizieller Vertreter er war, die Historiker, Philosophen und Schönredner. Er sprach von ihnen mit einer verschleierten, höflichen, aber tiefen Mißachtung, die mit ein wenig Bitterkeit gemengt war, denn trotz seiner Vorsicht war er zu intelligent, um nicht den weniger klugen unter seinen Kameraden schon verdächtig geworden zu sein. Er schilderte sich als einen alten Hund, der einen Blinden führt, und sich inmitten der bellenden Fleischerhunde gezwungen sieht, mit ihnen die Vorübergehenden anzukläffen ...

Clérambault verließ ihn, ohne mit ihm zu brechen, aber voll tiefen Mitleids.

 

Es dauerte einige Tage, ehe er wiederum ausging. Jene erste Berührung mit der äußeren Welt hatte ihn zu sehr enttäuscht. Der Freund, in dem er einen Helfer und eine Stütze zu finden gehofft hatte, war kläglich vor ihm zusammengebrochen. Clérambault fühlte sich ganz verwirrt, denn im Grunde seines Wesens war er schwach und nicht gewohnt, selbst die Richtung seines Weges zu finden. So aufrichtig er als Dichter war, er hatte sich bisher doch noch nie verpflichtet gesehen, ohne die Hilfe der anderen zu denken. Bisher hatte er sich immer nur von ihren Gedanken tragen lassen, war mit ihnen eins geworden, um dann ihre ekstatische und begeisterte Stimme zu werden ... Die Veränderung war nun zu plötzlich gekommen. Trotz jener Nacht der Krise fiel er immer wieder in Unsicherheit zurück, denn die Natur kann sich nicht mit einem Schlage verändern und besonders nicht bei jenen, die – mag ihr Geist auch noch so geschmeidig geblieben sein – das fünfzigste Jahr überschritten haben. Und das Licht, das aus einer solchen Erkenntnis aufflammt, bleibt durchaus nicht so unbeweglich, wie die blendende Schale der Sonne in einem Sommerhimmel, sondern ähnelt mehr einer elektrischen Lampe, die zittert und mehr als einmal auslöscht, ehe der Strom regelmäßig und dauerhaft wird. In den Synkopen dieser zuckenden Pulsschläge des Lichtes scheint dann natürlich das Dunkel noch viel dunkler und der Geist viel verwirrter. – Clérambault konnte sich nicht entschließen, auf die Meinung der anderen von vornherein zu verzichten.

Er beschloß, einen seiner Freunde nach dem andern zu besuchen, deren er viele in der Literatur und in den Kreisen der Universität und der intelligenten Bourgeoisie besaß. Es war ja nicht möglich, daß in ihrer großen Zahl sich nicht einer oder der andere fände, den so wie ihn und noch besser als ihn ein ahnendes Gefühl jener Probleme bewegte, von denen er selbst beunruhigt war, und der ihm zu einer Klärung verhelfen könnte. Ohne sich vorläufig noch zu verraten, ganz vorsichtig, versuchte er sie zu beobachten, sie auszuhorchen, die Gründe ihrer Gläubigkeit aufzuspüren. Aber er wurde nicht gewahr, daß seine eigenen Augen schon verwandelt waren. Und die Vision jener Welt schien ihm, so sehr er sie zu kennen glaubte, ganz neu und ließ ihn erstarren.

Der ganze Clan der Literatur hatte sich wehrhaft gemacht, man konnte die einzelnen Persönlichkeiten kaum mehr voneinander unterscheiden. Die Universität bildete gleichsam ein Ministerium der dienstbaren Vernunft und hatte das Amt übernommen, die Taten ihres Herrn und Meisters, des Staates, zu rechtfertigen. Und die einzelnen Arten der Dienstleistung unterschieden sich einzig durch ihre gewerbsmäßigen Verdrehungen.

Die schöngeistigen Professoren waren in erster Linie Experten für moralischen Aufschwung und rednerischen Syllogismus. Sie hatten alle die krankhafte Neigung, das Denken auf eine übermäßige Einfachheit zu beschränken, verwendeten statt Vernunftsgründe große Worte und werkelten immer einige wenige Ideen ab, aber Ideen ohne Tiefe, ohne Nuancen und ohne Leben. Diese Ideen holten sie sich aus dem Arsenal einer angeblich klassischen Antike, deren Schlüssel durch Jahrhunderte Generationen akademischer Derwische eifersüchtig bewahrten, und diesen geschwätzigen und alten Ideen, die man überdies noch »Menschheitsideen« nannte, obwohl sie in vieler Hinsicht das Gefühl und das Empfinden der heutigen Menschheit verletzten, prägten sie den Stempel des Römerstaates auf, als des Prototyps aller europäischen Staaten. Ihre bevollmächtigten Interpreten waren die Schönredner im Staatsdienst.

Die Philosophen herrschten im Reiche der abstrakten Konstruktion. Sie exzellierten in der Kunst, das Konkrete durch Abstraktion, das Wirkliche durch seinen Schatten zu erklären, einige rasch und parteiisch gewählte Beobachtungen zum System zu erheben und dank ihrer Tüftelei aus diesen Systemen wieder Gesetze herauszuschwindeln, nach denen das Weltall wandeln sollte. Ihre ganze Mühe erschöpfte sich darin, das vielfältige und wandlungsvolle Leben der Einheit des Geistes fügsam zu machen – natürlich nur der Einheit ihres eigenen Geistes. Dieser Imperialismus der Vernunft stützte sich auf die willfährige Büberei jahrelang geübter Sophistik, die gewohnt war, mit Ideen zu spielen. Sie verstanden nur zu gut, sie auseinander- und wieder zusammenzuziehen, sie zu formen und zu pressen wie Knetgummi, für sie wäre es nicht schwer gewesen, ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen zu lassen. Sie wußten ebensogut das Weiße wie das Schwarze zu beweisen und fanden, ganz wie es ihnen beliebte, in Immanuel Kant bald die Freiheit der Welt, bald den preußischen Militarismus.

Die Historiker wieder waren als bewährte Schriftführer, Notare und Rechtsanwälte des Staates zum Schutz seiner Verträge und Rechte beigestellt und bis an die Zähne bewaffnet für zukünftige Schikanen ... Die Geschichte! Was ist denn die Geschichte? Einzig die Geschichte des Erfolges, die Darstellung der vollzogenen Tatsachen, gleichgültig, ob sie gerecht oder ungerecht waren. An den Besiegten geht die Geschichte vorbei. Sie hat nur Schweigen für euch, ihr Perser von Salamis, ihr Sklaven des Spartakus, ihr Gallier, ihr Araber von Poitiers, ihr Albingenser, Irländer, Indier von West und Ost und ihr Eingeborenen der Kolonien! ... Wenn ein ehrlich denkender Mann, der Ungerechtigkeit seiner Zeit ausgesetzt, zu seinem eigenen Troste seine Hoffnung auf die Nachwelt setzt, so verschließt er die Augen vor den geringen Möglichkeiten, die jene Nachwelt hat, sich wahrhaft über die Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Die Nachwelt erfährt immer nur das, was die Sachwalter der offiziellen Geschichte als vorteilhaft für die Sache ihres Klienten, des Staates, empfanden, es sei denn, daß der Rechtsanwalt der Gegenpartei, entweder der einer anderen Nation oder der einer sozialen oder religiösen unterdrückten Gruppe, seinen Einwand machte. Aber dafür besteht wenig Aussicht: das Geheimnis ist gut gewahrt.

Schönredner, Sophisten und Winkeladvokaten, das waren die drei Korporationen der staatlich patentierten philosophischen Fakultät.

Die »Wissenschaftler« wären durch die Art ihrer Forschung ein wenig besser in der Lage gewesen, außerhalb der Beeinflussung und Berührung der Umwelt zu bleiben – vorausgesetzt, daß sie in ihrer Studienwelt verharrt hätten. Aber man hatte sie daraus vertrieben. Die praktische Anwendung der Wissenschaft hat eine so ungemeine Ausdehnung in der lebendigen Wirklichkeit eingenommen, daß die Gelehrten in die erste Reihe des Kampfes geschleudert wurden, wo sie unausweichlich der ansteckenden Berührung der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren. Ihre Eigenliebe fand sich ganz unmittelbar an dem Sieg der Allgemeinheit interessiert, denn diese benötigte ebenso den Heroismus der Soldaten wie die törichten Ansichten und die Lügen der Presse. Nur ganz wenige unter ihnen hatten die Kraft sich freizumachen, die meisten aber brachten die ganze Strenge, Härte und Unerbittlichkeit des geometrischen Geistes mit sich, dazu noch die professionellen Eifersüchteleien, die ja zwischen den verschiedenen Gelehrtengruppen der verschiedenen Länder immer sehr scharf sind.

Die Schriftsteller schlechtweg, die Dichter, Romanciers, die Schaffenden ohne staatliche Bindung hätten den Vorteil ihrer Unabhängigkeit ausnützen können. Leider aber sind nur ganz wenige unter ihnen imstande, von sich selbst aus Ereignisse zu beurteilen, die die Grenzen ihrer gewöhnlichen ästhetischen oder geschäftlichen Betätigung überschreiten. Die meisten unter ihnen, und oft gerade die berühmtesten, sind ungebildet wie Karpfen. Das Beste wäre nun natürlich für sie gewesen, sie wären in ihrem beschränkten Gesichtskreis verblieben, wozu sie ihr natürlicher Instinkt eigentlich hätte leiten sollen. Aber ihre Eitelkeit fühlte sich törichterweise angestachelt, sich in die öffentlichen Geschehnisse einzumengen und auch ihrerseits ihr Wort über das Weltall zu sprechen. Da sie nun selbst nichts darüber zu sagen wußten als Verkehrtheiten, so inspirierten sie sich mangels persönlicher Meinung an Gemeinplätzen. Ihre Äußerungen sind bei einem solchen gewaltsamen Anlaß natürlich ungemein lebhaft, denn sie sind überempfindlich und von einer krankhaften Eitelkeit, die, da sie keine eigenen Gedanken auszudrücken vermag, diejenigen der anderen maßlos übertreibt. Dies ist ihre einzige Originalität, und Gott weiß, wie reichlich sie davon Gebrauch gemacht haben.

Wer bleibt also? Die Diener der Kirche? Gerade sie handhabten das schwere Geschütz: die Idee der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Guten und Gottes, auch sie hatten diese Artillerie in den Dienst ihrer Leidenschaften gestellt. Ihre unsinnige Anmaßung, die ihnen selbst nicht mehr bewußt ist, hat von Gott einfach Besitz ergriffen und sich das Privileg zugeschrieben, ihn en gros oder en détail zu verschleißen. Es fehlt ihnen dabei nicht so sehr an Aufrichtigkeit, an Tugend und selbst an Güte wie an Demut; gerade die Demut, die sie verkündigen, haben sie am wenigsten. Sie besteht für sie einzig darin, ihren Nabel zu betrachten, wie er sich im Talmud, in der Bibel oder im Evangelium spiegelt. In ihrem unmäßigen Stolz sind sie nicht weit von jenem mythischen Narren, der sich selbst für Gottvater hielt. Ist es wirklich um soviel weniger närrisch und um soviel weniger gefährlich, sich für seinen Stellvertreter oder seinen Schriftführer zu halten?

Clérambault fühlte entsetzt den krankhaften und fast hinfälligen Zustand der intellektuellen Klüngel. Das Übermaß der Organisation und der Gedankenübermittlung in der bürgerlichen Klasse hat etwas Verzerrtes und Mißgeburthaftes an sich. Das lebendige Gleichmaß ist zerstört, eine Bürokratie des Geistes dünkt sich dem einfachen Arbeiter ungemein überlegen. Sicherlich ist sie nützlich – wer denkt daran, das zu leugnen! Sie rafft ja Gedanken zusammen und ordnet sie in Register, sie verwandelt und verwendet sie im vielfältigsten Aufbau. Aber wie selten kommt es ihr in den Sinn, die Substanz, die sie zu ihrem «Werk verwendet, zu prüfen und ihren Ideeninhalt zu erneuern. So bleibt sie die eifersüchtige Hüterin eines wertlos gewordenen Schatzes.

Wäre wenigstens dieser Irrtum ein ungefährlicher! Aber Ideen, die man nicht unablässig mit der Wirklichkeit vergleicht, die sich nicht in jeder Stunde im Strom der lebendigen Erfahrung baden, trocknen ein und werden giftige Substanzen. Sie werfen über das neue Leben ihre Schatten, die Nacht verbreiten und Fieberschauer ausstreuen.

Wie stupide ist doch diese Behexung durch abstrakte Worte! Was hat es denn für einen Sinn, die Könige abzusetzen und diejenigen zu verlachen, die für ihre Gebieter sterben, wenn man an ihre Stelle nur tyrannische Wesenheiten setzt, die man mit den Füttern jener anderen bekleidet? Besser ein Monarch mit Fleisch und Knochen, den man sieht, den man fassen und unterdrücken kann, als diese Abstraktionen, diese Despoten, die keiner kennt und keiner jemals gekannt hat ... Denn wir haben mit den großen Eunuchen, mit den Priestern des »verborgenen Krokodils«, wie Taine es nannte, mit den ränkeschmiedenden Ministern zu tun, die das Götzenbild sprechen lassen. Ah, wenn diese Schleier doch endlich zerreißen und wir die Bestie kennen würden, die sich in uns versteckt! Es wäre weniger Gefahr für den Menschen darin, offenkundig eine Bestie zu sein als die Brutalität hinter einem lügnerischen, kranken Idealismus zu verstecken, der die tierischen Instinkte nicht vernichtet, sondern sie vergöttlicht. Er idealisiert sie, um sie später zu rechtfertigen, und da er dies nicht vermag, ohne sie künstlich auf das Äußerste zu vereinfachen (dies ist ein Gesetz seiner geistigen Natur, die, um zu verstehen, ebensoviel zerstört als sie aufnimmt), so nimmt er ihnen, indem er sie nach einer einzigen Richtung hin verstärkt, ihre wahre Natur. Alles, was sich dann von dieser vorgeschriebenen Linie entfernt, was die enge Logik seiner geistigen Konstruktion stört, das leugnet er nicht bloß, sondern schafft es einfach zur Seite und befiehlt seine Vernichtung im Namen der geheiligten Prinzipien. So richtet er in der lebendigen Unendlichkeit der Natur riesige Verwüstungen an, damit nur einzig jene Gedanken stehen bleiben, die er sich ausgewählt hat und die sich dann in der Wüste und zwischen den Ruinen grauenhaft groß und einsam entwickeln, wie zum Beispiel die bedrückende Macht der despotischen Begriffsformen der Familie, des Vaterlandes und der beschränkten, blinden, tyrannischen Moral, die man in deren Dienst stellte. Der Unglückliche ist dann noch darauf stolz, obwohl er doch ihr Opfer ist. Längst würde es die Menschheit nicht mehr wagen, zuzugeben, daß sie sich für ihren bloßen Vorteil hinschlachtet. Ihres Vorteils, ihrer Geschäfte, ihrer Interessen rühmen sie sich längst nicht mehr, sie rühmen sich nur ihrer Ideen, die tausendmal mörderischer sind. Denn der Mensch sieht in den Ideen, für die er kämpft, seine menschliche Überlegenheit. Ich sehe seine Narrheit darin. Der kriegerische Idealismus ist eine Krankheit, die ihm allein vorbehalten ist, und seine Resultate sind denen des Alkoholismus ähnlich. Er schafft Einlaß für tausendmal so viel Schlechtigkeit und Verbrechen, halluziniert das geschwächte Denken mit Wahnbildern, denen er dann die Lebendigen aufopfert.

Welch ein tolles Schauspiel, wenn man sich in die Menschenschädel hinein versetzt denkt! Eine wilde Jagd von Gespenstern, die aus fiebernden Gehirnen aufsteigen: Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Vaterland ... Und alle diese armen Gehirne sind gleich aufrichtig und klagen alle anderen an, es nicht zu sein. Und von diesem phantastischen Kampf zwischen mythischen Schatten sieht man von außen nichts als die Zuckungen und die Schreie der menschlichen Wesen, die von diesen Dämonenscharen besessen sind ... Und unter diesen blitzgeladenen Wolken, wo diese großen wütenden Vögel kämpfen, wimmeln und schieben sich die Wirklichkeitsmenschen, die Geschäftsleute, wie Ungeziefer in einem Pelz – offene Mäuler, gierige Hände – und hetzen heimtückisch zu dem Wahn, den sie ausbeuten, ohne ihn zu teilen.

O Gedanke, du furchtbare und schöne Blume, die aus dem Erdreich jahrhundertealter Instinkte aufwächst, welch ein Element bist du! Du dringst in den Menschen ein, du durchdringst ihn, aber du stammst nicht aus ihm, dein Ursprung ist ihm fremd und deine Kraft geht über ihn hinaus. Die Sinne des Menschen sind ihrem täglichen Gebrauch so ziemlich angepaßt, der Gedanke aber ist es nicht, er strömt über den Menschen hinaus. Er bringt ihn zur Verzweiflung. Eine unendlich kleine Zahl von Menschen vermag es, in diesem Strom ihre eigene Richtung beizubehalten, die große Masse aber wird ins Zufällige hingeschwemmt. Die ungeheure Kraft des Gedankens steht nicht im Dienst des Menschen; er versucht bloß, sich seiner zu bedienen, und die größte Gefahr ist, daß er vermeint, er sei sein Herr. In Wirklichkeit ist er wie ein Kind, das mit Explosivkörpern spielt. Es ist ein allzu krasses Mißverhältnis zwischen diesen gewaltigen Sprengmitteln und dem Zweck, für den sie die schwachen Hände des Menschen verwerten. Und manchmal sprengen sie eben alles in die Luft ...

Wie dieser Gefahr begegnen? Den Gedanken ersticken? Die trunkenen Ideen ausroden? Das hieße, den Menschengeist entmannen, ihn des stärksten Anreizes zum Leben berauben. Und doch ist der Alkohol des Gedankens ein um so gefährlicheres Gift, als es den Massen meist in gefälschten Drogen eingegeben wird ... Mensch, werde nüchtern! Schau um dich, reiße dich los von den fremden Ideen, werde unabhängig von deinen eigenen Gedanken. Lerne den Riesenkampf dieser rasenden Phantome, die sich untereinander zerreißen, beherrschen. Vaterland, Recht, Freiheit, ihr großen Göttinnen, wir wollen euch vor allem eures Nimbusses entkleiden. Steigt nieder aus dem Olymp, kommt herab in eine Krippe wie Jesus, ohne Schmuck und ohne Waffen, reich nur durch eure Schönheit und unsere Liebe! ... Ich kenne keine Götter namens Gerechtigkeit und Freiheit! Ich kenne nur meine Menschenbrüder und ihre Taten, die bald gerecht, bald ungerecht sind. Und ich kenne die Völker, die alle der wahren Freiheit beraubt sind, die alle sich nach der Freiheit sehnen und die doch alle sich mehr oder minder unterdrücken lassen.

 

Der Anblick dieser Welt inmitten ihres hitzigen Fiebers hätte einem Weisen das Verlangen eingeflößt, sich in irgendeinen Winkel zurückzuziehen und den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber Clérambault war kein Weiser. Er wußte nur, daß er es nicht war. Er wußte, daß Sprechen nutzlos sei, und wußte doch zugleich, daß man sprechen müsse, wußte, daß er sprechen werde. Er trachtete nur, so lange wie möglich den gefährlichen Augenblick zu verzögern, und seine Ängstlichkeit, die es sich noch nicht ausdenken konnte, allein im Kampf gegen alle zu stehen, suchte rings um sich einen Gedankengefährten. Wäre man nur zu zweit oder dritt, so wäre es doch schon weniger hart, den Kampf zu beginnen. Die ersten, deren Sympathie er vorsichtig zu suchen begann, waren arme Menschen, die, wie er, einen Sohn verloren hatten. Der Vater, ein bekannter Maler, hatte ein Atelier in der Rue Notre-Dame des Champs. Seit Jahren waren die Omer-Calvilles den Clérambaults liebe Nachbarn, ein gutes altes Ehepaar, sehr bürgerlich und sehr zärtlich vereint. Sie hatten jene Milde des Denkens, wie sie einer ganzen Reihe von Künstlern jener Zeit gemeinsam war, die Carrière nahegestanden und von der Lehre Tolstois von fern berührt worden waren. Ihre Schlichtheit, obwohl ein wenig künstlich, kam doch aus einer natürlichen Gutmütigkeit: die Tagesmode hatte sie nur ein wenig zu sehr unterstrichen. Niemand ist unfähiger, die Leidenschaften des Krieges zu verstehen als Künstler dieser Art, die aufrichtig die religiöse Hochachtung vor allem Lebendigen zu ihrem Bekenntnis gemacht haben. Selbst in den ersten Kriegsmonaten hatten sich die Calvilles außerhalb der leidenschaftlichen Strömung gehalten, sie protestierten nicht dagegen, sie nahmen sie traurig, würdig hin, wie man eben Krankheit, Tod und die Schlechtigkeit der Menschheit hinnimmt. Die glühenden Gedichte Clérambaults, die er ihnen vorlas, hatten sie höflich angehört, doch sie fanden kein Echo bei ihnen ... Aber seltsam, in der gleichen Stunde, wo Clérambault, ernüchtert vom kriegerischen Wähn, daran dachte, sich mit ihnen zu vereinen, entfernten sie sich von ihm, denn nun rückten sie an jene Stelle, die er eben verlassen hatte. Der Tod ihres Kindes hatte auf sie gerade die gegenteilige Wirkung von jener, die Clérambault verwandelt hatte: Jetzt traten sie linkisch in den Kampf, gleichsam, um den Verlorenen zu ersetzen; Clérambault fand sie mitten in ihrem Elend, ganz beglückt durch die Nachricht, Amerika sei bereit, den Krieg zwanzig Jahre lang zu führen. Er versuchte zu sagen:

»Was bleibt denn noch in zwanzig Jahren von Frankreich, von Europa übrig?«

Aber mit einer hastigen Erregung schoben jene diesen Gedanken sofort zur Seite. Es schien, als sei es ihnen unbequem, daran zu denken oder davon zu sprechen. Jetzt handelte es sich einzig darum, zu siegen. Um welchen Preis? Das würde man nachher berechnen. – Siegen! – Wenn es dann in Frankreich keine Sieger mehr gäbe? Gleichgültig! Wenn nur die anderen, die da drüben, besiegt würden. Nein, das Blut ihres toten Kindes durfte nicht vergebens vergossen sein!

Und Clérambault dachte:

»Ist es nötig, daß zur Rache für ihn noch andere unschuldige Opfer hingeschlachtet werden?«

Und im Grunde dieser Seelen, dieser sonst wirklich guten Menschen, las er:

»Warum denn nicht?«

Und er las es bei allen jenen, die wie die Calvilles im Kriege das Teuerste verloren hatten, einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder:

»Mögen die anderen auch leiden! Wir haben auch gelitten! Wir haben nichts mehr zu verlieren.«

Wirklich nichts mehr? Doch! Eine einzige Sache, die der eifersüchtige Egoismus verbarg: ihren Glauben an den Nutzen ihres Opfers. Und diesen Glauben wollten sie sich nicht erschüttern lassen, um keinen Preis. Sie verboten es sich, daran zu zweifeln, daß es eine heilige Sache sei, für die ihre Toten gefallen waren. Und das wußten die Herren des Krieges wohl und verstanden es auf das beste, dieses Lockmittel auszunützen! – Nein, in diesen Trauerhäusern war kein Raum für den Zweifel Clérambaults und für sein Mitleid! »Wer hat Mitleid mit uns gehabt?« dachten diese Unglücklichen. »Und warum sollen dann wir welches haben?«

Es gab unter ihnen einige, die weniger hart getroffen waren. Aber was alle diese Leute der Bourgeoisie charakterisierte, war die Hypnose der großen Worte der Vergangenheit, unter der sie lebten, »der Wohlfahrtsausschuß ... das Vaterland in Gefahr ... Plutarchs Biographien ... der alte Horaz«. Es war für sie unmöglich, die Gegenwart mit den Augen von heute zu sehen. Aber hatten sie denn überhaupt noch Augen, um zu sehen? Wie viele innerhalb der Bürgerwelt unserer Tage haben denn außerhalb des engen Kreises ihrer Geschäfte in den letzten dreißig Jahren die Kraft und den Willen gehabt, aus Eigenem denken zu wollen? Das fiel ihnen nicht einmal im Traume ein. So wie ihr Essen servierte man ihnen ihre Gedanken fertig und gar gekocht und sogar noch bedeutend billiger. Für ein geringes fanden sie sie täglich in der Zeitung. Die Begabteren, die sie in den Büchern suchten, gaben sich nicht die nötige Mühe, sie im Leben zu suchen, und behaupteten, daß sich das Leben in den Büchern spiegle. Wie bei Greisen verkalkten ihre Gliedmaßen, versteinerte ihr Geist.

In der breiten Herde dieser Wiederkäuerseelen, die ihr Futter von den Weiden der Vergangenheit nahmen, zeichneten sich damals besonders die Gruppen der strenggläubigen französischen Revolutionäre aus. Zur Zeit des 16. Mai und lange nachher noch hatten sie als Brandstifter n der immer rückständigen Bourgeoisie gegolten. Nun aber, als gesetzte und wohlbestallte Fünfzigjährige, erinnerten sie sich mit Stolz, wie Erwachsene eben auf ihre Jungenstreiche stolz sind, an das Entsetzen, das ihre einstige, längst vergangene Kühnheit verursacht hatte. Vor ihrem eigenen Spiegel hatten sie sich nicht verändert, aber die Welt um sie war eine andere geworden, ohne daß sie dessen gewahr wurden, denn sie blickten ja immer nur auf die abgelebten Modelle, deren Gedanken sie nachbeteten. Es gibt einen merkwürdigen Nachahmungsinstinkt, ein Knechtschaftsbedürfnis des Denkens, das von einem losgelösten Stück Weltgeschichte nicht mehr loskommt. Statt Proteus, das ewige wandelhafte Leben, in seinem Fortgang zu verfolgen, rafft es die alte Haut auf, aus der die junge Schlange längst ausgebrochen ist, und versucht sie wieder darin einzunähen. Diese fanatischen Pedanten verblichener Revolutionen behaupten, daß alle zukünftigen Umwälzungen notwendig nach dem Modell der alten, toten Formen zurechtgeschnitten werden müssen, und vor allem dulden sie nicht, daß irgendeine neue Freiheit ein anderes Tempo einschlage und die Grenzen überschreite, an denen jene großmütterliche von 1793 erschöpft haltgemacht hatte. Ihr Zorn richtet sich darum weit mehr gegen die Respektlosigkeit der Jugend, die über sie hinaus will, als gegen das Gekläff der Greise, über die sie selbst hinausgekommen sind. Und das hat seinen guten Grund, denn an der Existenz dieser Jungen erkennen sie, daß sie selbst alt geworden sind. Und darum kläffen sie gegen sie.

In diesen Dingen wird sich nichts ändern. Ganz selten nur gestatten einige seltene Geister, wenn sie altern, dem Leben, daß es über sie hinaus seinen Lauf weiternehme, und genießen großmütig, wenn ihre eigenen Augen erlöschen, die Zukunft mit den Augen ihrer Nachfolger. Aber die meisten von jenen, die als Junge die Freiheit geliebt hatten, wollen aus ihr einen Käfig für die neue Brut machen, sobald sie selber nicht mehr fliegen können.

Der Internationalismus von heute fand keine erbitterteren Gegner als jene Diener des national-revolutionären Kultes im Sinne Dantons oder Robespierres. Sie selber verstanden sich nicht untereinander, die Anhänger Dantons und Robespierres, zwischen denen sich noch immer der Schatten der Guillotine aufrichtet, sie beschimpften sich gegenseitig drohend als Ketzer. Aber in einem waren sie ganz einig: Alle jene der äußersten Bestrafung zuzuführen, die nicht glauben wollten, daß man die Freiheit mit Kanonenmündungen verbreiten kann, die jede Gewalt gleicherweise verwarfen, ob sie nun von Cäsar oder von Demos und seinen Lederzurichtern kam, gleichgültig, ob sie im Namen des »alten Gottes« gepredigt wurde oder des »jungen«, der Freiheit und des Rechts. Die Masken ändern sich, aber das blutige Maul unter der Maske bleibt immer dasselbe. Clérambault kannte eine ganze Reihe solcher Fanatiker, aber es war ebensowenig möglich, sich mit ihnen darüber auszusprechen, ob sich das Gerade und das Krumme nicht vielleicht doch auf beiden Seiten fände, wie für einen Manichäer, mit der heiligen Inquisition zu streiten. Auch die sozialen, die bürgerlichen Religionen haben ihre großen Seminare und geheimen Gesellschaften, in denen das Beweismaterial der Lehre sorgfältig aufgestapelt wird. Wer sich davon ausschließt, wird exkommuniziert, so lange wenigstens, bis er selbst der Vergangenheit angehört. Dann winkt ihm die Möglichkeit, selbst vergöttlicht und zur Exkommunizierung Späterer mißbraucht zu werden.

Aber wenn Clérambault sich nicht versucht fühlte, diese harten Intellektuellen, die hinter ihrer engen Wahrheit verschanzt waren, zu einer Änderung ihrer Gesinnung zu bewegen, so kannte er doch andere, die diesen Sicherheitsdünkel durchaus nicht hatten. Ganz im Gegenteil: Ihr Fehler war wiederum allzu große Wandlungsfähigkeit und dilettantische Nachgiebigkeit. Arsene Asselin war einer dieser Art, ein liebenswürdiger Pariser Junggeselle aus der guten Gesellschaft, klug und skeptisch zugleich. Jeder Verstoß im Geschmack oder im Ausdruck beleidigte sein Empfinden. Wie hätte ihm also diese Übertriebenheit des Denkens gefallen sollen, diese Treibhaushitze, in der der Krieg hochgezüchtet wurde. Seine kritische Vernunft, seine Ironie mußten dem Zweifel geneigt sein. So gab es also keinen rechten Grund, daß er die Ansichten Clérambaults nicht teilen sollte ... Und wirklich, im Anfang hatte nur ein Haar gefehlt, daß er so dachte wie Clérambault, seine Entscheidung war nur ganz zufällig anders gefallen. Aber sobald er einmal den Fuß in die eine Richtung gesetzt hatte, schien es ihm unmöglich umzukehren, und je mehr er hineintrieb, um so trotziger wurde er. Die französische Eigenliebe wird nie einen Irrtum eingestehen, sondern eher sich für ihn töten lassen. Aber überhaupt, Franzose oder nicht, wie viele Menschen gibt es denn in der Welt, die den Mut haben zu sagen:

»Ich habe mich getäuscht, jetzt heißt es von vorn anfangen.« Nein, lieber die Tatsachen leugnen ... Bis ans Ende durch! ... Und krepieren.

In einem anderen Sinn merkwürdig war Alexander Mignon, ein Vorkriegspazifist, ein alter Freund Clérambaults, ungefähr im gleichen Alter mit ihm, Bourgeois, Intellektueller und Hochschullehrer, von würdiger Haltung, die mit Recht Respekt einflößte. Man durfte ihn nicht verwechseln mit jenen ordensgeschmückten Bankettpazifisten, die Dekorationen aus allen Ländern haben und denen der Schwatz vom Frieden in windstillen Jahren ein sorgloses Dasein sichert. Mignon hatte durch dreißig Jahre aufrecht die gefährlichen Quertreibereien der Politiker und die verdächtigen Spekulanten seines Landes bekämpft, er gehörte der Liga der Menschenrechte an und hatte das unwiderstehliche Gelüst, für jeden, der da kam und im Unglück war, eilig das Wort zu nehmen. Ihm genügte es schon, wenn einer sich unterdrückt nannte, er fragte sich nie, ob der sogenannte Unterdrückte nicht bloß einer war, dem bisher nur die Gelegenheit gefehlt hatte, selbst zu unterdrücken. Seine unruhige Gutmütigkeit hatte ihn bei aller Hochachtung ein wenig lächerlich gemacht, und er war darüber nicht böse. Sogar ein wenig Unpopularität hätte ihn durchaus nicht erschreckt, vorausgesetzt freilich, daß er sich von seiner Gruppe gedeckt fühlte, deren warme Zustimmung ihm aber unbedingt nötig war. Er war durchaus kein Unabhängiger, wie er glaubte, sondern nur das Mitglied einer Gruppe, die sich so lange unabhängig fühlte, als alle ihre Mitglieder zusammenhielten. Die Gemeinschaft macht die Kraft, sagt man, das ist wahr. Aber sie gewöhnt einen auch daran, der Gemeinschaft nicht mehr entbehren zu können. Und das mußte Alexander Mignon an sich erfahren.

Der Hingang Jaurès' hatte die ganze Gruppe in Verwirrung gebracht. Sobald die eine Stimme fehlte, die immer als erste das Wort nahm, verstummten auch alle anderen, denn sie warteten auf das Stichwort, und keiner wagte, es zu geben. Unsicher im Augenblick, wo der Sturm einbrach, wurden diese hochherzigen und schwachen Menschen durch den Wirbel der ersten Tage mitgerissen. Sie verstanden die Begeisterung nicht, sie rechtfertigten sie nicht, aber sie hatten ihr nichts entgegenzustellen. Schon die erste Stunde riß einige Lücken in ihre Reihen, es zeigten sich Desertionen, die verschuldet waren durch die schrecklichen Redner, die den Staat beherrschten, durch jene demagogischen Advokaten, die mit allen Sophismen der republikanischen Ideologie geschmiert waren, »Krieg für den Frieden«, »der Weltfriede als Ziel« ( requiescat), und diese armen Pazifisten sahen in diesen Verdrehungen eine einzige Gelegenheit – allerdings keine rühmliche, keine, auf die sie sehr stolz waren –, aus der Sackgasse zu kommen. Sie redeten sich ein, durch einen kleinen Kunstgriff, dessen verbrecherische Größe sie nicht merkten, ihre Friedensideen mit der Tatsache der Gewalt glücklich in Einklang gebracht zu haben. Widerstand hätte bedeutet, sich den Kriegsbestien auszuliefern, die sie mitleidlos zerrissen hätten.

Alexander Mignon hätte wohl den Mut gehabt, diesen blutigen Mäulern entgegenzutreten, hätte er nur seine kleine Gemeinschaft um sich gesehen. Aber allein zu kämpfen, das war über seine Kraft. Ohne sich zuerst offen auszusprechen, ließ er doch alles geschehen. Er litt, er war verstört und machte eine ähnliche geistige Krise durch wie Clérambault, aber er konnte sich nicht wie Clérambault ihr entringen. Er war weniger leidenschaftlich, aber intellektueller; um seine letzten Bedenken wegzutilgen, umkleidete er sich mit einem Netz logischer Vernunftgründe. Mit Hilfe seiner Kameraden bewies er mühselig nach der Methode a + b, daß der Krieg eine Pflicht für den zielbewußten Pazifismus sei. Seine Liga hatte leichte Arbeit, die verbrecherischen Akte des Feindes aufzudecken; freilich verlor sie keine Zeit damit, auf jene im eigenen Lager hinzuweisen. In manchen Augenblicken sah Alexander Mignon deutlich die Unaufrichtigkeit auf allen Seiten. Unerträglicher Anblick ... er schloß rasch seine Läden ...

Und je blinder er sich in seine Kriegslogik verstrickte, um so schwerer war es für ihn, sich daraus zu befreien. So verbrannte er seine Schiffe hinter sich, eins nach dem andern. Er wurde böse wie ein Kind, das durch einen unbedachten Akt ungeschickter Nervosität einem Insekt den Flügel ausgerissen hat. Das Insekt ist verloren, und das Kind, beschämt über seine Handlung, rächt sein Leid und seine Scham an dem Tier und reißt es nun ganz in Stücke.

So war es leicht vorauszusehen, mit welcher Freude er Clérambault sein » mea culpa« vortragen hörte. Die Wirkung war überraschend. Mignon, innerlich ganz unsicher, wurde wütend gegen Clérambault, denn Clérambault schien ihn anzuklagen, indem er sich beschuldigte. Von dieser Stunde an wurde er sein erbitterter Feind, und keiner bekämpfte später gehässiger als Mignon dieses sein lebendiges schlechtes Gewissen.

 

Clérambault hätte mehr Verständnis bei einigen Politikern finden können, denn die wußten von diesen Dingen ebensoviel, wie er selbst wußte, und sogar noch einiges mehr, aber das störte durchaus nicht ihren guten Schlaf. Seit ihrem ersten Sündenfall praktizierten sie munter die Technik der combinazioni, der Gedankenschwindeleien, sie gaben sich mit Recht der Täuschung hin, ihrer Partei zu dienen auf Kosten von ein paar Kompromissen. Eins weniger, eins mehr, was macht das aus? ... Geradeaus zu gehen, geradeaus zu denken, war das einzig Unmögliche für diese Mollusken, die immer krumme Wege nahmen, sich schlangenhaft vorwärtsschoben, gleichsam nach rückwärts vorrückten, die, um den Triumph ihres Banners sicher zu machen, es durch den Schmutz schleiften und bäuchlings zum Kapitol emporgerutscht wären.

 

Schließlich gab es auch da und dort unterirdisch einige Klarblickende. Aber sie waren mehr zu ahnen als zu sehen. Diese melancholischen Glühwürmchen löschten vorsichtig ihre Laternen aus, sie hatten Todesangst, daß man einen Schimmer wahrnehmen könnte. Zwar waren sie frei von dem Wahn des Krieges, aber sie waren nicht gläubig genug zur Tat wider den Krieg, sie blieben bloß Fatalisten und Pessimisten.

Clérambault erkannte, daß auch die höchsten Fähigkeiten des Herzens und des Geistes nur die öffentliche Knechtschaft verstärken, wenn sie nicht mit persönlicher Energie gepaart sind. Der Stoizismus, der sich den Gesetzen des Weltalls unterwirft, ist ein Hemmnis im Kampf gegen die Grausamkeit einzelner Gesetze. Statt zum Schicksal zu sagen: »Nein, hier ist kein Weg für dich«, tritt der Stoiker zurück und sagt: »Bitte treten Sie ein!«

Der kultivierte Heroismus, die Neigung für das Übermenschliche, für das Unmenschliche, macht die Seele durch die Opfer trunken, und je toller sie sind, um so herrlicher erscheinen sie. Die Christen von heute, großmütiger als ihr Meister, geben alles dem Cäsar hin. Sobald er geruht, sie für irgendeinen Anlaß hinzuopfern, erklären sie diesen Anlaß schon für heilig. Fromm geben sie der Schande des Krieges die Glut ihres Glaubens hin und ihre Körper dem Scheiterhaufen. Die duldende, nachgiebige Resignation der Völker macht den Rücken krumm und läßt sich die Last aufladen: »Mach dir nichts draus!« Zweifellos sind Jahrhunderte des Elends über diesen Stein dahingerollt. Aber auch der Stein verbraucht sich schließlich und wird Schlamm.

 

Clérambault versuchte mit dem einen oder dem andern zu sprechen. Überall aber stieß er auf denselben Mechanismus unterirdischen, halb unbewußten Widerstandes. Sie waren alle mit dem Willen, nicht zu verstehen, oder eigentlich mit einem beharrlichen Gegenwillen ehern umgürtet. Von Gegenargumenten wurde ihre Vernunft so wenig berührt wie eine Ente vom Wasser. Im allgemeinen sind die Menschen zum Zweck ihrer Bequemlichkeit mit einer ganz unschätzbaren Eigenschaft ausgerüstet, sie können sich nämlich auf Wunsch blind und taub machen, wenn sie etwas nicht sehen oder hören wollen. Und haben sie schon durch irgendeinen peinlichen Zufall irgend etwas bemerkt, was ihnen lästig ist, so verstehen sie die Kunst, es sofort wieder zu vergessen. Wie viele Bürger gab es doch in allen Vaterländern, die genau wußten, wie es um die beiderseitige Verantwortlichkeit im Kriege stand, die genau die verhängnisvolle Rolle ihrer politischen Führer kannten, aber sie zogen vor, sich selbst zu betrügen und sich so zu stellen, als wüßten sie nichts davon. Schließlich gelang es ihnen sogar, das genaue Gegenteil zu glauben.

Wenn nun schon jeder, so rasch er konnte, vor sich selber auswich, kann man sich vorstellen, wie hastig sie erst vor jenen flohen, die wie Clérambault ihnen behilflich sein wollten, sich selber zu erwischen. Um sich davonzumachen, schämten sich diese klugen, ernsten und ehrenwerten Männer nicht, alle jene kleinen Schliche und unredlichen Kniffe anzuwenden, deren sich sonst nur rechthaberische Frauen und Kinder bedienen. Aus Angst vor der Diskussion, die sie beunruhigen könnte, sprangen sie beim ersten ungeschickten Wort Clérambaults auf, rissen es aus dem Zusammenhang, fälschten es, wie es ihnen paßte, um sich darüber dann künstlich aufzuregen, laut mit aufgerissenen Augen zu schreien, sich entrüstet zu stellen und es schließlich wirklich im höchsten Maße zu werden. Sie schrien zetermordio, und wenn man ihnen das Gegenteil bewies und sie zur Richtigstellung zwang, sprangen sie auf, schlugen die Türen zu: »Jetzt habe ich genug«. Um dann zwei Tage oder zehn nachher die breitgeschlagenen Themen aufzunehmen, als ob nichts vorgefallen wäre.

Andere wieder, die noch heimtückischer waren, forderten in bewußter Absicht die Unvorsichtigkeit Clérambaults heraus, sie reizten ihn durch freundliches Entgegenkommen, mehr zu sagen, als er eigentlich wollte, um dann plötzlich loszubrechen. Die Wohlwollendsten beschuldigten ihn, daß es ihm an gesundem Menschenverstand fehlte (»gesund« sollte natürlich heißen: an »meinem«, an »unserem«).

Andere wieder waren Schönredner, die vor einem Wortturnier keine Angst hatten und gern die Diskussion aufnahmen in der Hoffnung, das verirrte Schaf wieder zur Herde heimzuführen. Sie diskutierten nicht die Anschauung Clérambaults selbst, sondern nur, ob sie zeitgemäß sei, und appellierten an seine gute Gesinnung.

»Gewiß, gewiß. Sie haben im Grunde recht, im Grunde denke ich ganz so wie Sie, fast so wie Sie. Oh, ich verstehe Sie, lieber Freund ... Aber, lieber Freund, seien Sie vorsichtig, vermeiden Sie es doch, die Gewissen der Kämpfer zu beunruhigen ... Schwächen wir doch nicht ihre Kraft. Man darf nicht jede Wahrheit aussprechen, wenigstens nicht sofort. Die Ihre wird sehr schön sein ... in fünfzig Jahren. Man darf nicht hastiger sein wollen als die Natur, man muß warten ... warten, bis die Zeit für sie reif sein wird ...«

»Abwarten? Was abwarten? Bis der Appetit der Ausbeuter oder die Dummheit der Ausgebeuteten müde geworden ist? Können Sie denn nicht verstehen, daß die klaren und durchdringenden Gedanken der Besseren, wenn sie zugunsten der Blinden und der Denkungsart niedriger Menschen auf das Wort verzichten, geradewegs dem Lauf der Natur widerstreben, der sie zu dienen vorgeben, daß sie gegen den Sinn der Geschichte handeln, unter den sich zu beugen sie als ihre eigenste Ehre empfinden? Heißt das die Absichten der Natur in Ergebenheit anerkennen, wenn man einen Teil, und gerade den besten ihres Sinnes, zum Schweigen bringt? Diese Auffassung, die dem Leben seine kühnste Kraft entzieht und sie den Leidenschaften der Masse unterordnet, würde dahin führen, die Vorhut zu vernichten, die große Masse der Armee ohne Führung zu lassen ... Wenn ein Kahn sich nach einer Seite neigt, wollt ihr mich hindern, mich auf die andere zu setzen, um ein Gegengewicht zu schaffen? Oder soll sich die ganze Besatzung auf die Seite setzen, wo er schon überneigt? Die fortgeschrittenen Ideen sind das von der Natur gewollte Gegengewicht gegen die schwere Vergangenheit, die ihnen entgegenwirkt. Ohne sie geht der Kahn unter. – Wie man diese Ideen aufnimmt, das ist für mich nebensächlich. Wer sie ausspricht, muß sich darauf gefaßt machen, gesteinigt zu werden, wer sie aber nicht ausspricht, macht sich ehrlos. Er ist gleichsam ein Soldat, der mit gefährlicher Botschaft während der Schlacht ausgesandt wird. Hat er das Recht, sich solchem Auftrag zu entziehen?«

Sobald sie sahen, daß ihr Zureden ohne Wirkung auf Clérambault blieb, demaskierten sie ihre Batterien und beschuldigten ihn erbittert einer lächerlichen und gefährlichen Eitelkeit. Sie fragten ihn, ob er sich klüger dünke als alle anderen, weil er seine Meinung der der Nation entgegensetze, und worauf er denn eigentlich sein ungeheuerliches Selbstgefühl stütze. Es sei Pflicht, demütig zu sein, bescheiden an seinem Platz inmitten der Gemeinschaft zu verharren, sich zu beugen, wo sie gesprochen habe, und – ob man sie für nützlich halte oder nicht – sich ihren Befehlen zu unterwerfen. Wehe dem Aufrührer gegen die Seele seines Volkes! Gegen sie recht behalten wollen, heißt unrecht haben. Und das Unrecht wird zum Verbrechen in der Stunde der Tat. Die Republik verlangt, daß ihre Kinder ihr gehorchen.

»Die Republik oder der Tod«, sagte Clérambault ironisch. »Schönes Land der Freiheit. Frei! Ja, es ist frei, aber nur deshalb, weil es dort immer Seelen wie die meine gegeben hat und geben wird, Seelen, die sich weigern, ein Joch zu tragen, gegen das sich ihr Gewissen wehrt. Aber welche Nation von Tyrannen auch! Wir haben nichts damit gewonnen, daß wir die Bastille eroberten. Einst gebot man ewige Gefängnishaft, wenn sich einer gestattete, anders zu denken als sein Fürst, und fand den Scheiterhaufen ganz am Platz für den, der anders dachte als die Kirche. Heute muß man genauso denken wie vierzig Millionen Menschen, ihnen nachlaufen in ihren leidenschaftlichen Widersprüchen, heute brüllen »Nieder mit England!«, dann morgen wieder »Nieder mit Deutschland!«, übermorgen vielleicht »Nieder mit Italien!«, jede Woche etwas anderes, heute einem Mann oder einem Gedanken zujubeln, den man morgen wird beschimpfen müssen. Und wenn man sich weigert, so setzt man sich der Unehre oder einem Revolverschuß aus. Was für eine erbärmliche Knechtschaft, die erbärmlichste von allen! ... Was für ein Recht haben denn hundert Seelen, tausend Seelen oder vierzig Millionen Seelen, von mir zu verlangen, daß ich meine Seele verleugne? Jeder von Ihnen hat doch wie ich selbst nur eine. Vierzig Millionen Seelen zusammen bilden allzuoft nur eine Seele, die sich vierzigmillionenmal verleugnet ... Ich denke, was ich denke, so denkt auch ihr, was ihr denkt!

Die lebendige Wahrheit kann nur aus dem Gleichgewicht entgegengesetzter Ideen entstehen. Damit alle Bürger den Staat ehren können, tut es not, daß der Staat auch seine Bürger ehre. Jeder von Ihnen hat seine Seele und hat sein Recht darauf, und seine erste Pflicht ist, sie nicht zu verraten, niemals den Zusammenhang mit seinem Gewissen zu verlieren ... Ich gebe mich keinem Wahn hin, ich maße meinem Gewissen keine übertriebene Bedeutung in einem stürzenden Weltall bei. Aber so wenig wir auch sein mögen, so wenig wir auch tun mögen, das, was man ist, muß man schlicht und stark sein, das, was man tut, schlicht und stark tun. Jeder kann sich täuschen, aber ob er sich täuscht oder nicht, er muß aufrichtig sein. Ein aufrichtiger Irrtum ist keine Lüge, er ist nur ein Schritt auf die Wahrheit zu. Lüge ist, vor der Wahrheit Angst haben und sie ersticken wollen. Wenn ihr tausendmal recht habt gegen einen aufrichtigen Irrtum – im Augenblick, wo ihr zur Gewalt greift, um ihn zu vernichten, begeht ihr das niedrigste Verbrechen gegen die Vernunft selbst. Wo die Vernunft verfolgt und der Irrtum verfolgt wird, bin ich für den Verfolgten, denn der Irrtum ist ebenso ein Recht wie die Wahrheit ... Wahrheit? Wahrheit? ... Wahrheit ist das ewige Suchen nach der Wahrheit. Achtet die Anstrengungen jener, die sich mühen, sie zu finden. Wenn man einen Menschen, der sich mühsam auf einem anderen Wege durchringt, verfolgt, weil er eine für den menschlichen Fortschritt weniger unmenschliche Bahn finden will – und sie vielleicht niemals findet –, so macht man aus ihm einen Märtyrer. Ihr sagt, euer Weg sei der bessere, der einzig gute? So geht ihn doch und laßt mich den meinen gehen! Ich zwinge euch ja nicht, mir zu folgen. Was regt ihr euch so auf? Habt ihr am Ende Angst, ich könnte recht haben?«

 

Clérambault beschloß, noch einmal Perrotin aufzusuchen. Trotz des Gefühls traurigen Mitleids, das jene letzte Begegnung in ihm hervorgerufen hatte, verstand er nun Perrotins ironische und kluge Haltung gegenüber der Welt besser. Und so sehr auch seine Achtung für den Charakter des alten Gelehrten nachgelassen hatte, seine Bewunderung für die hohe geistige Kraft desselben blieb doch unversehrt: Noch immer betrachtete er ihn als einen Führer, der ihm helfen könnte, sich selbst zu erleuchten.

Man kann sich leicht denken, daß Perrotin sich nicht übermäßig entzückt zeigte, Clérambault wiederzusehen. Er war doch zu fein veranlagt, um nicht eine unangenehme Erinnerung an die kleine Feigheit bewahrt zu haben, die er damals nicht nur begangen (denn daraus machte er sich längst nichts mehr, daran war er zu gewöhnt), sondern die er stillschweigend vor dem Blick eines makellosen Zeugen hatte bekennen müssen. Er sah eine Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzungen mit Menschen von feststehender Überzeugung waren ihm ein Greuel. (Es gibt ja dann gar kein Amüsement mehr, solche Leute nehmen alles ganz ernst.) Aber als höflicher, eigentlich gutmütiger und schwacher Mensch war er unfähig sich zu wehren, wenn man ihn geradeaus anpackte. Er versuchte zuerst, alle ernsten Gespräche auszuschalten. Als er aber merkte, daß Clérambault wirklich seiner bedurfte und er ihn vielleicht von irgendeiner Unbedachtheit zurückhalten könnte, entschloß er sich mit einem Seufzer, ihm seinen Vormittag zu opfern. Clérambault entwickelte ihm das Resultat seiner Bemühungen. Er war nun vollkommen klar darüber, daß die gegenwärtige Welt sich einem andern Ideal als dem seinen unterwarf. Er selbst hatte ja früher gleichfalls dies Ideal geteilt, ihm gedient und es gefeiert, und noch heute war er gerecht genug, ihm eine gewisse Schönheit zuzuerkennen. Bei den letzten Prüfungen war er aber auch des Sinnlosen und Widrigen dieses Ideals bewußt geworden und er fühlte, da er sich von ihm losgelöst hatte, sich nun genötigt, sich zu einem andern zu bekennen, das verhängnisvollerweise ihn mit dem früheren in Konflikt brachte. In kurzen und leidenschaftlichen Ausdrücken entwickelte Clérambault dieses neue Ideal und bat Perrotin, ihm klar und offen mit Hintansetzung jeder Höflichkeit und jeder Schonung zu sagen, ob er es richtig fände oder falsch. Perrotin nun, betroffen von Clérambaults tragischem Ernst, änderte sofort seinen Ton und stimmte ihm zu.

»Habe ich also unrecht?« fragte Clerambault ganz voll Angst. »Ich sehe gut, daß ich allein bin, aber ich kann nicht anders. Sagen Sie also, ohne mich zu schonen: Ist es ein Unrecht von mir, daß ich das denke, was ich denke?«

Perrotin antwortete mit Ernst:

»Nein, mein Freund, Sie haben vollkommen recht.«

»Also ist es meine Pflicht, den mörderischen Irrtum der andern zu bekämpfen?«

»Das ist wieder eine andere Sache.«

»Habe ich also die Wahrheit nur dazu, um sie zu verraten?«

»Die Wahrheit, mein Freund ... Sie glauben jetzt, daß ich so wie jener andere sagen werde: ›Was ist Wahrheit?‹ Nein ... Ich liebe sie ebenso wie Sie und vielleicht länger als Sie ... Aber die Wahrheit, mein Freund, ist höher, weiter als Sie, als wir, als alle, die jemals lebten, leben und leben werden ... Immer wenn wir meinen, dieser großen Göttin zu dienen, dienen wir nur den Di minores, den Heiligen der Seitenkapellen, die von der großen Masse abwechselnd vergöttert und verlassen werden. Gewiß kann das nicht unsere, nicht Ihre und nicht meine Wahrheit sein, zu deren Ehre sich die heutige Welt mit korybantischer Leidenschaft hinschlachtet und verstümmelt. Das Ideal des Vaterlandes ist das eines großen grausamen Gottes, das der Zukunft im mythischen Bild eines Chronos als Schreckgespenst oder seines olympischen Sohnes, den Christus entthronte, erscheinen wird. Ihr Menschheitsideal ist auf einer höheren Stufe und kündigt einen neuen Gott an. Aber auch dieser Gott wird später von einem anderen entthront werden, der noch höher steht und noch mehr vom Weltall umfängt. Das Ideal wie das Leben hören nicht auf, sich zu entwickeln, und dieses unablässige Werden ist für einen freien Geist der wirkliche Inhalt der Welt. – Aber wenn es auch dem Geist gegeben ist, die Stufen dieser Entwicklung ungestraft im Fluge zu überspringen, so kommt man doch in dieser Welt der Tatsachen nur Schritt für Schritt vorwärts. In einem ganzen Leben dringt man vielleicht nur um ein paar Zoll vor.

Die Menschheit hat lahme Beine, und Ihr ganzes Unrecht, Ihr einziges Unrecht ist, daß Sie ihr voraus sind um einen oder mehrere Tagemärsche. Aber gerade dieses Unrecht verzeiht man einem Menschen am wenigsten ... Und das geschieht vielleicht nicht ohne Grund. Denn wenn ein Ideal, wie jetzt jenes des Vaterlandes, gleichzeitig mit der Gesellschaftsform, von der es getragen wird, altert, so wird es bösartig und speit sein gefährlichstes Feuer aus. Der kleinste Zweifel an seiner Berechtigung macht es toll, denn der Zweifel steckt schon in ihm selbst. Täuschen wir uns nicht darüber: Die Millionen Menschen, die sich heute im Namen des Vaterlandes hinschlachten lassen, haben nicht mehr das junge gläubige Vertrauen von 1792 oder 1813, obwohl heute viel größere Ruinen und Trümmer aufrufen. Viele derer, die sterben und selbst die, die sich bewußt töten lassen, fühlen im tiefsten Grunde ihrer Seele das furchtbare Nagen des Zweifels. Aber einmal in die Falle gegangen, zu schwach, aus ihr auszubrechen oder sich einen Ausweg zu erdenken, verbinden sie sich die Augen und werfen sich in den Abgrund, während sie gleichzeitig voll Verzweiflung ihren schon erloschenen Glauben bekennen. Aber vor allem schleudern sie in der Erbitterung einer uneingestandenen Rache diejenigen hinein, die durch ihre Worte oder ihre Haltung den Zweifel in ihnen erweckt haben. Denjenigen, die für einen Wahn sterben, diesen Wahn nehmen wollen, heißt, sie zweimal sterben lassen.«

Clérambault faßte ihn bei der Hand, damit er nicht weiterspräche. »Oh, Sie brauchen mir das nicht zu sagen, was mich ohnehin quält! Glauben Sie denn, daß ich nicht selbst die Angst fühle, diese Unglücklichen noch mehr zu verwirren? Ja, ich möchte den Glauben dieser armen Jungen schonen, nicht einen einzigen dieser Armen unglücklich machen, aber, mein Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, aus diesem Zwiespalt herauszukommen, ob man das Böse ruhig geschehen lassen soll, die andern ruhig sich vernichten lassen, oder es wagen, ihnen noch mehr wehe zu tun, sie in ihrem Glauben zu verletzen und sich ihrem Haß auszuliefern eben dadurch, daß man sie retten will. Welches ist das richtige Gebot?«

»Sich selbst zu retten!«

»Mich selbst retten, heißt mich vernichten, wenn ich etwas auf Kosten der andern tue. Wenn wir nichts für sie tun – Sie, ich, denn wenn wir uns auch alle verbinden, sind wir doch noch immer zu wenige –, dann geht Europa, dann geht die Welt zugrunde ...«

Perrotin, die Ellbogen auf die Lehne gestützt, die Hände über seinem Buddhabauch gefaltet und die Daumen drehend, sah Clérambault auf das gutmütigste an, hob den Kopf und sagte:

»Ihre Menschengüte, Ihre künstlerische Empfindsamkeit täuschen Sie glücklicherweise, mein Freund. Die Welt ist noch nicht am Ende, die hat schon andere Dinge gesehen und wird noch andere sehen. Das, was heute geschieht, ist sicherlich sehr schmerzlich, aber keineswegs anomal. Niemals noch hat ein Krieg die Erde gehindert sich weiterzudrehen, noch das Leben sich weiterzuentwickeln, ja, er ist sogar selbst eine Form dieser Entwicklung. Erlauben Sie einem alten; gelehrten Philosophen, Ihrem heiligen Schmerzensmann die ruhige Inhumanität seines Gedankens entgegenzustellen. Vielleicht finden Sie trotz allem sogar eine Erleichterung. – Diese Krise, die Sie so erschreckt, dieser Wirrwarr ist im Grunde eigentlich nichts als ein Zusammenziehungsphänomen, eine kosmische, lärmende, aber doch gesetzmäßige Kontraktion, ähnlich jenen Faltungen bei der Zusammenziehung der Erdkruste, die ja auch immer von zerstörenden Erdbeben begleitet sind. Die Menschheit zieht sich zusammen. Und der Krieg ist die eine solche Kontraktion begleitende Erschütterung. Gestern waren es noch in jeder Nation die Provinzen, die einander bekriegten, vorgestern in jeder Provinz die Städte und heute, da die völkische Einheit schon ausgestaltet ist, bereitet sich eine viel umfassendere Einheit vor. Es ist natürlich sehr bedauerlich, daß diese Entwicklung durch Gewalt geschieht, aber Gewalt ist eben das natürliche Mittel in diesem Prozeß. Aus dem Explosivgemenge der zusammenstoßenden Elemente wird sich ein neuer chemischer Körper entwickeln. Wird es das einige Abendland, wird es Europa sein? – Ich weiß es nicht. Aber sicher wird die neue Zusammensetzung neue Eigenschaften haben und viel reichere als die der einzelnen zusammensetzenden Elemente. Und dies ist noch nicht die letzte Etappe. So schön der gegenwärtige Krieg ist – ich bitte Sie um Entschuldigung, ich meine »schön« im Hinblick auf den Geist, für den das Leiden nicht existiert –, so werden noch schönere, noch großzügigere sich entfalten. Diese armen Kinder von Völkern, die sich einbilden, sie erbauten schon mit ihrem Kanonendonner den ewigen Frieden – sie werden noch warten müssen, bis das ganze Weltall durch diese Retorte hindurchgegangen ist. Der Krieg der beiden Amerika, der des neuen Kontinents und des Gelben Kontinents, dann jener des Siegers mit der übrigen Erde – das wird uns noch ein paar Jahrhunderte zu schaffen machen. Und dabei sehe ich nicht einmal weit genug, ahne ich noch nicht einmal alles. Außerdem wird natürlich noch jeder dieser Zusammenstöße ausgiebige soziale Kriege zur Folge haben. Und erst dann, wenn dies alles erledigt ist, vielleicht in zehn Jahrhunderten, erst dann werden wir zu einer ein wenig ärmeren Synthese gelangen, denn von den Elementen der Zusammensetzung werden die besten und die schlechtesten unterwegs vernichtet worden sein; die ersten, weil sie zu zart waren, um den Unbilden zu widerstehen, die zweiten, weil sie zu widersetzlich waren und sich zu stark gegen die Verschmelzung wehrten. Dann werden jene sagenhaften Vereinigten Staaten der Erde erstehen, und ihr Bündnis wird um so dauerhafter sein, je mehr sich dann die Menschheit wahrscheinlich von gemeinsamen Gefahren bedroht sehen wird; die Marskanäle, die Eintrocknung der Planeten, die Erkaltung der Erdkruste, die geheimnisvollen Erkrankungen, die Pendeluhr Edgar Poes, die Vision des endgültigen Erlöschens der irdischen Geschlechter ... Ach, was für schöne Dinge wird es zu betrachten geben. In jenen letzten Ängsten wird das Genie der Rasse überreizt sein. Freilich, Freiheit wird's wenig geben. Die menschliche Vielfalt muß gerade im Verschwinden notwendig zur Einheit des Gedankens und des Willens drängen (eine Richtung, in die sie übrigens auch heute schon ganz deutlich zielt); so wird sich ohne plötzliche Umkehr das Verschiedene in das Eine wieder zurückverwandeln, der Haß in die Liebe des alten Empedokles.«

»Und dann?«

»Dann? Dann wird wahrscheinlich alles nach einem Weltzeitraum von neuem anfangen. Ein anderer Kreis, eine andere Kalpa. Die Welt wird sich auf einem frisch geschmiedeten Rad wieder zu drehen beginnen.«

»Und des Rätsels Lösung?«

»Ein Hindu würde darauf antworten: Schiwa, der Zerstörer und der Schaffer, der Schaffer und der Zerstörer.«

»Welch ein entsetzliches Traumbild!«

»Das ist Auffassungssache. Die Weisheit macht einen immer frei. Für den Hindu ist Buddha der Befreier, mir für meinen Teil hilft schon die Neugierde über alles hinweg.«

»Aber nicht mir: Ich kann mich nicht bescheiden mit der Weisheit des selbstsüchtigen Buddha, der nur sich frei macht und die anderen im Stich läßt. Ich kenne wie Sie die Hindus, und ich liebe sie. Aber auch bei ihnen hat Buddha nicht das letzte Wort der Weisheit gesprochen. Erinnern Sie sich an jenen Bodhisattva, den Meister des Mitleids, der den Eid geleistet, nicht früher Buddha zu werden, nicht früher sich ins Nirwana zurückzuflüchten, ehe er nicht alle Übel geheilt, alles Unrecht gesühnt, alle Seelen getröstet hätte.«

Perrotin neigte sich mit einem sanften Lächeln zu Clérambaults schmerzlichem Gesicht, streichelte ihm zärtlich die Hand und sagte:

»Mein lieber Bodhisattva, was wollen Sie also tun? Wen wollen Sie also retten? Was wollen Sie also retten?«

»Ja, ich weiß wohl«, sagte Clérambault und senkte den Kopf, »ich weiß wohl, wie wenig ich bin, wie wenig ich vermag. Ich kenne die Nichtigkeit meiner Wünsche und meines Protestes. Halten Sie mich nicht für eingebildet, aber was kann ich dagegen tun, wenn meine Pflicht mir zu sprechen gebietet?«

»Ihre Pflicht ist, etwas zu tun, was nützlich und vernünftig ist, nicht aber, sich vergeblich zu opfern.«

»Was ist das, was Sie ›vergeblich‹ nennen? Können Sie im vorhinein bei Samenkörnern dasjenige unterscheiden, das gedeihen wird, und jenes, das zugrunde geht? Und ist dies ein Grund, den Samen nicht auszuwerfen? Welcher Fortschritt wäre jemals geschehen, wenn der, in dessen Brust das Samenkorn wuchs, zurückgeschreckt wäre vor dem ungeheuren Block der gewohnheitsträgen Vergangenheit, der ihn zu zerschmettern droht?«

»Ich verstehe, daß der Gelehrte die Wahrheit verteidigt, die er gefunden hat. Aber ist diese soziale Betätigung denn Ihre Mission? Dichter, bleibe deinen Träumen treu, auf daß deine Träume dir treu bleiben.«

»Ich bin zuerst Mensch und dann erst Dichter. Jeder anständige Mensch hat eine Mission.«

»Aber Sie tragen geistige Werte in sich, die zu kostbar sind, und es wäre Mord, sie hinzuopfern.«

»Ja, nicht wahr, man soll also nur den kleinen Leuten das Opfer überlassen, die nicht viel zu verlieren haben?«

Er schwieg einen Augenblick und sagte dann:

»Perrotin, es ist mir oft in den Sinn gekommen, daß wir alle nicht unsere Pflicht tun, wir geistigen Menschen und Künstler ... Nicht nur heute, sondern seit langem schon, seit immer. Wir haben bei uns einen Teil Wahrheit und Erleuchtung, die wir aus Vorsicht in uns zurückbehalten. Mehr als einmal habe ich das mit dunklen Gewissensbissen gefühlt. Aber damals hatte ich noch Angst, in mich hineinzuschauen. Erst die Prüfung hat mich sehen gelehrt. Wir sind Bevorzugte, wir sind eine privilegierte Klasse, das gibt uns auch Pflichten, Pflichten, die wir nicht erfüllen, denn wir haben Angst, uns zu kompromittieren. Die Elite des Geistes ist eine Aristokratie, die vorgibt, jener des Blutes nachzufolgen; aber sie vergißt, daß jene im Anfang die Privilegien mit ihrem Blut bezahlte. Seit Jahrhunderten hört die Menschheit viele Worte von weisen Männern, aber nur selten sieht sie einen dieser Weisen sich hinopfern. Und das würde der Welt ganz gut tun, wenn sie hie und da einmal einen sehen würde, der sein Leben für seinen Gedanken hingibt. Nichts wahrhaft Fruchtbares kann ohne das Opfer geschaffen werden. Um die anderen glauben zu machen, muß man selbst gläubig sein, muß beweisen, daß man gläubig ist. Es genügt nicht das bloße Dasein einer Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses Dasein ein lebendiges Leben habe. Und dieses Leben können, dieses Leben müssen wir ihr geben – das unsere! Sonst sind all unsere Gedanken nur Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus ein Anrecht hat. Nur solche Menschen haben die Menschheit vorwärtsgebracht, die ihr eigenes Leben zur Stufe machten. Dieses ist es auch, was den Zimmermannssohn von Galiläa über alle unsere großen Männer erhoben hat. Die Menschheit wußte wohl einen Unterschied zu machen zwischen den anderen und dem Heiland.«

»Und der Heiland? Hat er sie gerettet? ... ›Wenn Gott Zebaoth so beschlossen hat, so schaffen die Völker für das Feuer.‹«

»Ihr Feuerkreis ist das letzte Schreckbild. Der Mensch ist nur dazu da, um ihn zu zerbrechen, um zu versuchen, sich ihm zu entringen, frei zu sein.«

»Frei?« sagte Perrotin mit seinem ruhigen Lächeln.

»Ja, frei! Freiheit ist das höchste Gut, ein ebenso seltenes, wie ihr Name ein abgebrauchter ist, so selten wie das wahre Schöne, wie das wahre Gute. Frei nenne ich den, der sich von sich selbst, von seinen Leidenschaften, seinen blinden Instinkten, von jenen der Umgebung und des Augenblickes loslösen kann, zwar nicht um seiner Vernunft zu gehorchen, wie man meist sagt – denn die Vernunft in dem Sinne, wie Sie sie verstehen, ist ja nur ein anderes Wahnbild, eine andere verhärtete, vergeistigte und darum fanatisierte Leidenschaft –, sondern um zu versuchen, über die Staubwolken hinauszusehen, die sich von den Menschenherden auf den Straßen der Gegenwart erheben, um zu versuchen, den Horizont zu umfassen und alles Geschehen in der Gesamtheit der Dinge und der Weltordnung zu begreifen.«

»Und sich dann«, unterbrach ihn Perrotin, »den Weltgesetzen zu unterwerfen und anzupassen.«

»Nein«, erwiderte Clérambault, »um sich ihnen mit vollem Bewußtsein entgegenzustellen, sobald sie dem Glück und dem wahrhaft Guten nachteilig sind. Denn darin besteht ja die Freiheit, daß der freie Mensch in sich selbst ein Weltgesetz ist, ein bewußtes Gesetz, dessen einzige Aufgabe es ist, das Gegengewicht für die zerschmetternde Maschine, für den Automaten Spittelers, die eherne Ananke zu bilden. Ich sehe das Weltwesen noch zu drei Vierteilen in der Scholle, in der Rinde, im Stein gebunden, den unbarmherzigen Gesetzen der Materie unterworfen, in die es eingebannt ist. Nur der Blick und der Atem sind frei. ›Ich hoffe‹, sagt der Blick. ›Ich will‹, sagt der Atem. Mit diesen beiden sucht es sich loszuringen. Der Blick, der Atem, das sind wir, das ist der freie Mensch.«

»Mir genügt der Blick«, sagte sanft Perrotin.

Clérambault erwiderte:

»Habe ich keinen Atem, so gehe ich zugrunde.«

 

Beim geistigen Menschen bedarf es immer einiger Zeit vom Wort bis zur Tat, und selbst wenn er schon zu handeln beschlossen hat, findet er noch immer verschiedene Vorwände, um die Ausführung auf den nächsten Tag zu verschieben. Er sieht zu deutlich alles, was kommen wird, sieht die Kämpfe und Mühen voraus und bezweifelt von vornherein den Erfolg. Um sich aber selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, verausgabt er sich in Kraftreden entweder mit sich allein oder im engsten Freundeskreis und verschafft sich so die billige Illusion, schon tätig zu sein. Im tiefsten Grunde seines Wesens glaubt er jedoch selbst nicht daran, er wartet wie Hamlet auf die Gelegenheit, die ihn zur Tat zwingen soll.

So tapfer auch Clérambault in seinem Gespräch mit dem nachgiebigen Perrotin gewesen war, fand er doch, kaum heimgekehrt, alle seine Bedenken wieder. Seine durch das Unglück geschärfte Feinfühligkeit spürte nur zu gut die Erregung der Seinen rings um ihn und ließ ihn den Zwiespalt vorausahnen, den seine einmal ausgesprochenen Worte zwischen seiner Frau und ihm hervorrufen würden. Und noch mehr: Er fühlte sich der Zustimmung seiner Tochter nicht mehr sicher, er hätte nicht sagen können weshalb, aber er fürchtete, die Probe zu machen. Für ein zärtliches Gemüt wie das seine war schon der Versuch eine Qual ...

Inzwischen schrieb ihm ein befreundeter Arzt, er hätte in seinem Hospital einen Schwerverwundeten, der an der Offensive in der Champagne teilgenommen und Maxime gekannt hatte. Clérambault eilte sofort hin, um ihn zu sehen.

Er fand auf einem Bett einen Mann unbestimmbaren Alters auf dem Rücken liegend, unbeweglich ausgestreckt, umschnürt wie eine Mumie. Aus den weißen Bandagen starrte das magere Gesicht eines Bauern, gegerbt, zerfaltet, mit großer Nase und grauem Bart. Der freie rechte Unterarm stützte eine massige und entstellte Hand auf die Decke, vom Mittelfinger fehlte ein Glied, aber das zählte nicht, das war eine Friedenswunde. Unter den buschigen Brauen sahen die Augen ruhig und klar: man hätte ein so mildes graues Licht in dem verbrannten Antlitz nicht erwartet.

Clérambault trat an ihn heran, erkundigte sich nach seinem Zustand, der Mann dankte höflich, aber ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, gleichsam als ob es nicht nötig wäre, von sich zu sprechen.

»Ich danke Ihnen, mein Herr, es geht gut, es geht ganz gut.«

Aber Clérambault erneuerte liebevoll seine Fragen, und es dauerte nicht lange, so fühlten die grauen Augen, daß in den blauen Augen, die sich zu ihnen niederneigten, mehr als Neugier sich regte.

»Wo sind Sie denn verwundet«, fragte Clérambault.

»Ach! Das wäre zu lang zu erzählen, mein Herr! Eigentlich ein wenig überall.«

Und als jener weiterfragte:

»Ich habe es hier und da abgekriegt, überall wo gerade ein Platz war – und dabei bin ich nicht einmal besonders dick. Ich hätte nie gedacht, daß es in einem Körper so viel Platz dafür gibt.«

Schließlich erfuhr Clérambault, daß jener ungefähr zwanzig – oder genauer gesagt siebzehn – Verwundungen hatte. Er war buchstäblich von einem Schrapnell überschüttet, oder wie er sagte, »gespickt« worden.

»Siebzehn Verwundungen!« schrie Clérambault.

Der Mann berichtigte:

»Um der Wahrheit völlig die Ehre zu geben: Ich habe jetzt nur mehr etwa zehn.«

»Sind die anderen schon geheilt?«

»Man hat mir die Füße abgeschnitten.«

Clérambault war so erschüttert, daß er fast den Zweck seines Besuches vergaß. Oh, diese Fülle von Unglück! Mein Gott! Was ist da das unsere, dieser Tropfen im Meer! Er legte seine Hand auf die harte Hand des Mannes und drückte sie. Die ruhigen Augen des Verwundeten betrachteten Clérambault von oben bis unten, bemerkten das Trauerband am Hut, und er sagte: »Sie haben auch Unglück gehabt?« Clérambault raffte sich auf.

»Ja«, sagte er, »nicht wahr, Sie haben ihn gekannt, den Sergeanten Clérambault?«

»Natürlich habe ich ihn gekannt.«

»Das war mein Sohn.«

Ein Bedauern kam in den Blick.

»Ach, Sie armer Herr ... Natürlich habe ich ihn gekannt, Ihren tapferen kleinen Jungen! «Wir waren fast ein ganzes Jahr zusammen, und das zählt, dieses Jahr! Durch Tage und Tage wie die Maulwürfe im selben Loch ... Ach, man hat zusammen viel Elend erlebt.«

»Hat er viel gelitten?«

»Na, mein Herr, manchmal war es hart. Den Kleinen hat es manchmal fest gepackt, besonders im Anfang. Er war es eben nicht gewöhnt; wir, wir kennen das.«

»Sie sind vom Lande?«

»Ich war Gutsknecht, da lebt man das Leben mit den Tieren, lebt ein wenig wie sie selbst ... Obwohl, mein Herr, um es offen zu sagen, der Mensch heutzutage von den Menschen schlechter als das Vieh behandelt wird ... ›Seid gut zu den Tieren‹, diese amtliche Mahnung hatte irgendein Spaßvogel in unserem Schützengraben aufgehängt. Aber was für sie nicht gut ist, war noch immer gut genug für uns ... Tut nichts! ... Ich beklage mich ja nicht. Es ist nun einmal so. Und wenn es sein muß, muß es eben sein. Aber der kleine Sergeant, bei dem merkte man's, daß er nicht gewöhnt war an all das. An den Regen und an den Schlamm und die Niedertracht und vor allem an den Schmutz. Was immer man anrührte, was man aß, und dann auf einem selbst: das Ungeziefer ... Im Anfang, da sah ich's, da war er ein paarmal ganz nahe daran zu weinen. Da versuchte ich ihm ein bißchen zu helfen. Mich lustig zu machen über die Sachen, um ihm zu helfen – aber so, daß er nicht merkte, daß man ihm helfen wolle, denn er war stolz, der Kleine, und wollte nicht, daß man ihm helfe – aber er war doch froh, wenn man's tat. Und ich war es auch. Dort hat man ja nötig, zueinander zu rücken und sich zu helfen. Schließlich war er soweit und so abgehärtet wie ich, hat mir seinerseits auch geholfen. Hat nie geklagt, wir lachten sogar zusammen, denn man muß doch lachen: Es gibt ja kein Unglück, das ewig dauert, und das hilft einem über das Elend hinweg.«

Clérambault hörte bedrückt zu. Er fragte:

»So war er also weniger traurig am Ende?«

»Ja, mein Herr, er hatte sich abgefunden, wie schließlich wir alle. Man weiß nicht, wieso das kommt, man steht jeden Tag, fast jeder mit demselben Fuß auf, man ist einander nicht ähnlich, aber schließlich ist man schon mehr die andern als man selbst. Und das ist besser so, man leidet nicht mehr soviel, man fühlt sich selbst weniger, man wird eine einzige Masse. Außer, wenn es Urlaub gibt – dann wird es schlecht für die, die zurückkommen –, und so war's auch gerade bei dem kleinen Sergeanten, als er zum letztenmal wiederkam ... da geht es dann nicht mehr gut ...«

Clérambault sagte hastig aus gepreßtem Herzen: »Wie, damals, als er zurückkam ...?«

»Ja, da war er sehr niedergedrückt. Niemals hatte ich ihn so kleinmütig gesehen wie in jenen Tagen.«

Ein schmerzlicher Ausdruck malte sich in Clérambaults Gesicht. Bei einer Bewegung, die er machte, wendete sich der Verwundete, der, bisher die Augen zur Zimmerdecke gerichtet, gesprochen hatte, mit dem Blick gegen ihn, sah und verstand offenbar alles, denn er fügte hinzu:

»Aber er hat sich schon wieder herausgerappelt nachher.«

Clérambault faßte von neuem die Hand des Kranken.

»Sagen Sie mir, was er Ihnen erzählte, sagen Sie mir alles.«

Der Mann zögerte, dann sagte er:

»Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau.«

Er schloß die Augen und blieb unbeweglich. Clérambault, über ihn gebeugt, suchte zu sehen, was diese Augen unter ihren geschlossenen Lidern in sich erblickten.

 

Mondlose Nacht. Eisige Luft. Aus der Tiefe des gehöhlten Grabens sieht man den kalten Himmel und die starren Sterne. Geschosse schlagen in dem harten Boden auf. Im Schützengraben zusammengeknäuelt, die Knie unter dem Kinn, rauchen Maxime und sein Gefährte Seite an Seite. Der Kleine war eben an diesem Tage von Paris zurückgekommen.

Er war bedrückt und gab auf Fragen keine Antwort, er verschloß sich in einem bösen Schweigen. Der andere hatte ihn den ganzen Nachmittag mit Absicht allein gelassen, damit er mit seiner Qual fertig werde; aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er ihn, und als er dann im Dunkeln den Augenblick gekommen sah, näherte er sich ihm. Er wußte, der Kleine würde jetzt von selbst mit ihm sprechen. Der Anschlag einer Kugel, die über ihre Köpfe fuhr, ließ eine vereiste Scholle Erde sich loslösen.

»Heda, du Totenvogel«, sagte der andere, »du hast es eilig.«

»Wenn es nur schon vorüber wäre«, sagte Maxime, »sie wollen es ja alle.«

»Was, um den Boches eine Freude zu machen, ließest du dich umbringen? Du bist wirklich ein guter Kerl.«

»Es sind nicht nur die Boches allein, alle schaufeln sie zusammen an unserem Grab ...«

»Wer denn?«

»Alle! Die von dort hinten, von wo ich komme, die von Paris, die Freunde, die Verwandten, die Lebendigen, die vom anderen Ufer. Wir, wir sind ja schon tot.«

Ein Schweigen. Der Flug eines Projektils heulte durch den Himmel. Der Kamerad tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. »Also, es hat dir hinten nicht gefallen, mein Kleiner? Ich habe es mir gleich gedacht.«

»Warum denn?«

»Weil, wenn der eine schuftet und der andere nicht, so haben die beiden einander nichts zu sagen.«

»Aber sie leiden ja auch ...«

»Ja, aber es ist nicht dasselbe Brot. Du kannst noch so geschickt sein, du wirst niemals einem, der ihn nicht kennt, den Zahnschmerz erklären können. So versuche mal denen da hinten, die in ihren Betten liegen, begreiflich zu machen, was hier vorgeht. Für mich ist es nicht neu, ich habe den Krieg nicht nötig gehabt ... Ich habe das mein ganzes Leben gekannt. Aber glaubst du, wenn ich mich auf der Erde abrackerte und mir das Mark aus den Knochen schwitzte, daß andere sich darüber beunruhigt haben? Ich sage damit nicht, daß sie deshalb schlecht sind. Sie sind nicht gut, sind nicht schlecht, sind eben, wie fast alle Welt ist. Können's halt nicht auffassen. Um etwas zu verstehen, muß man's selber spüren, die Sache auf sich nehmen, die ganze Qual auf sich nehmen. Wenn nicht – und man tut es ja nicht, mein Junge –, da muß man eben das Kreuz darüber machen, versuch's nicht zu erklären. Die Welt ist eben so, wie sie ist. Da ist nichts zu ändern.«

»Das wäre zu furchtbar. Dann lohnte es ja nicht mehr zu leben.«

»Warum denn nicht, zum Teufel? Ich habe es ganz gut ertragen, und du bist nicht weniger wert als ich. Du bist klüger, du kannst lernen, man lernt alles ertragen. Alles. Und dann – etwas zusammen zu ertragen, ist zwar noch keine Freude, aber es ist nicht mehr ganz eine Qual. Allein zu sein, das ist das härteste. Du bist nicht allein, mein Kleiner.« Maxime sah ihm ins Gesicht und sagte:

»Dort hinten war ich's, hier bin ich es nicht mehr ...«

 

Aber der Mann, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bett hingestreckt lag, sagte nichts von dem, was er in sich sah. Als er jetzt wieder ruhig die Augen aufschlug, fand er den verängstigten Blick des Vaters auf sich gerichtet, der ihn anflehte, zu sprechen.

Und da versuchte er mit einer linkischen und zärtlichen Gutmütigkeit zu erklären, daß der Kleine offenbar deshalb traurig gewesen war, weil er die Seinen hatte verlassen müssen, aber daß »man« ihn schon wieder aufgerichtet hätte. »Man« verstand ja seine Not ... Er selbst der Krüppel, hätte ja nie einen Vater gekannt, aber als Kind hätte er davon geträumt, welches Glück es für die, die einen haben, sein müsse. »So habe ich mir erlaubt ... und habe zu ihm gesprochen, mein Herr, so, als ob ich Sie wäre ... und der Kleine hat sich beruhigt. Er sagte mir, daß man doch eine Sache diesem verfluchten Krieg danke, nämlich daß er einem gezeigt habe, es gäbe viel arme Teufel auf der Erde, die sich nicht kennen und die aus demselben Holz geschnitzt sind. Man hört es oft genug, daß wir Brüder seien, von den Anschlagzetteln oder aus den Predigten, nur glaubt man's eben nicht. Um es wirklich zu wissen, muß man einmal miteinander geschuftet haben ... und da hat er mich umarmt.«

Clérambault stand auf, neigte sich über das umwickelte Gesicht des Verwundeten und küßte ihn auf die rauhe Wange.

»Sagen Sie, was ich für Sie tun kann«, fragte er.

»Sie sind sehr gut, mein Herr, aber viel ist nicht mehr zu tun. Ich bin sozusagen fertig. Ohne Beine, mit einem gebrochenen Arm, mit fast nichts Gesundem mehr, wozu wäre ich noch gut? Übrigens ist ja noch gar nicht gesagt, daß ich überhaupt davonkomme. Na, es wird eben gehen, wie es geht. Fahre ich ab, dann gute Reise, und bleibe ich, so wird man schon sehen. Man muß warten, es gibt ja immer Züge.« Clérambault bewunderte seine Geduld. Der andere wiederholte immer seinen Refrain: »Ich bin halt eben daran gewöhnt, es ist kein großes Verdienst, geduldig zu sein, wenn man nicht anders kann ... und dann, wir kennen das ja schon, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger ... für uns dauert der Krieg das ganze Leben lang.«

Clérambault bemerkte, daß er in seinem Egoismus noch gar nicht nach Einzelheiten aus dem Leben des andern gefragt hatte, ja nicht einmal seinen Namen wußte.

»Mein Name? Der paßt gut zu mir: Courtois Aimé. Aimé ist der Vorname. Paßt wie ein Handschuh zu einem, der im Dreck sitzt ... Und dazu noch Courtois, ein guter Witz. Meine Eltern habe ich nicht gekannt, ich bin ein Findelkind. Der Pfleger vom Hilfshaus, ein Pächter in der Champagne, hat es übernommen, mich aufzuziehen, und er verstand sich darauf, der Kerl ... Ich bin gut herausgearbeitet worden! Na, ich habe wenigstens zu rechter Zeit schon gewußt, was mich im Leben erwartet.«

Und dann erzählte er mit ein paar kurzen trockenen Sätzen, ohne irgendwelche Erregung, die ganze Reihe der Unglücksfälle, die sein Leben zusammensetzten: die Ehe mit einem Mädchen, wie er ohne einen Pfennig Geld – der »Hunger, der den Durst heiratet« – Krankheiten, Todesfälle, den Kampf gegen die Natur ertrug – das alles wäre nichts gewesen, hätte nicht noch der Mensch vom Seinen dazugetan. Homo homini ... homo ... Die ganze soziale Ungerechtigkeit, die auf den Leuten der unteren Schichten lastet. – Clérambault konnte seine Erbitterung nicht verbergen, wie er ihm so zuhörte, aber Aimé Courtois regte sich durchaus nicht auf. Es ist eben so, es war immer so und wird immer so sein. Die einen sind da, um zu leiden, die anderen nicht. Es gibt keine Berge ohne Täler. Der Krieg war ihm als ein Blödsinn erschienen, aber er hätte nicht einen Finger gerührt, um ihn zu verhindern. In seiner Art war die ganze fatalistische Passivität des Volkes, das auf gallischer Erde sich in eine ironische Sorglosigkeit hüllt, das »Man-darf-sich-nichts-daraus-Machen« der Schützengräben. Und es war auch die ganze falsche Scham der Franzosen darin, die vor nichts so Furcht haben wie vor dem Lächerlichen, die tausendmal lieber für eine Tollheit und sogar für eine, die sie selbst als solche erkennen, sich opfern würden als sich dem Spott für irgendeine vernünftige Handlung auszusetzen, die nur nicht an der Tagesordnung war. Sich dem Krieg entgegenstellen, das wäre so, wie sich gegen das Gewitter stellen. Wenn's hagelt, kann man halt nichts tun als, wenn es noch geht, die Fenster zuschließen und nachher sich die zugrunde gerichtete Ernte anschauen. Und dann fängt man wieder an bis zum nächsten Hagel, bis zum nächsten Krieg – in alle Ewigkeit. »Man darf sich halt nichts daraus machen« – nie kam ihm der Gedanke, daß der Mensch den Menschen ändern könnte.

Clérambault erbitterte sich innerlich über diese heroische und dumme Resignation, die wohl dazu angetan ist, die privilegierten Klassen zu begeistern, denn ihr verdanken sie ja die eigene Erhaltung – die aber andererseits aus der menschlichen Rasse und ihrer tausendjährigen Anstrengung ein Danaidenfaß macht, da sich ihr ganzer Mut, ihre ganze Tugend, ihre ganze Arbeit darin erschöpfen, auf anständige Art zu sterben ... Als aber seine Augen sich wieder auf das verstümmelte Stück Mensch richteten, das da vor ihm lag, bedrückte ihn ein unendliches Mitleid. Was konnte er tun, was konnte er wollen, dieser Mann des Elends, dieses Symbol des hingeschlachteten und verstümmelten Volkes? So viele Jahrhunderte leidet und blutet es schon vor unseren Augen, ohne daß wir, seine glücklicheren Brüder, ihm mehr geben als irgendein nachlässiges Lob von fern, das unser Wohlergehen gar nicht stört und das Volk sogar aufmuntert, nur so fort zu tun! Welche Hilfe bringen wir ihm denn? Da wir schon nichts für dieses Volk tun, widmen wir ihm nicht einmal unser Wort! Von der freien Entfaltung unseres Denkens – die wir doch seinen Opfern danken – bewahren wir die Frucht für uns, ja wir wagen nicht einmal, es davon kosten zu lassen. Wir haben Furcht vor dem Lichte, Furcht vor der frechen Meinung und den Herren der Stunde, die sagen: »Löschet das Licht! Ihr, die ihr es habt, trachtet es zu verbergen, damit man nichts davon sieht, wenn ihr wollt, daß man es euch verzeihe.« – Genug der Feigheit! Wer soll sprechen, wenn nicht wir? Die anderen sterben mit dem Knebel im Munde ...

Ein Schatten von Qual lief über das Antlitz des Verwundeten. Seine Augen sahen starr zur Decke, sein großer verkrümmter Mund, hartnäckig verschlossen, wollte keine Antwort mehr geben. – Clérambault entfernte sich. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Das Schweigen des Volkes auf seinem Totenbett hatte ihn bestimmt, das Wort zu ergreifen.

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