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Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede

Jean Paul Richter: Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 3
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleClavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede
pages1011-1018
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800
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Viertens. Mit welchem Rechte setz' ich notwendig fremde Unmoralität? Nach welcher Allwissenheit des Unbedingten außer mir kann meine absolute Freiheit den unmoralischen Gebrauch einer fremden absoluten nicht bloß erraten, sondern so gewiß als den eignen setzen, so daß sie moralisch darnach handeltMit dieser einzigen Frage zertrümmert Leibgeber seinen und jeden Idealismus. Denn die Gewißheit fremder Moralität und Immoralität ist nur eine sinnliche – durch lauter sinnliche Media –, und doch ist die sinnliche so groß wie die moralische, weil diese kategorische Befehle auf jene gründet. Sagen, wie einige Fichtisten, ich merke schon aus den Handlungen die Nähe eines freien Wesens, heißet nichts; denn daß ich, nicht was ich merke (in Träumen und Fiebern kommt das Was auch vor, aber ohne das Daß), ist die Frage und der Punkt. Diese sinnliche Evidenz ist nun dieselbe, ob ich moralische oder leblose Wesen sehe, ob ich eine Sprachmaschine oder einen Menschen höre. Kurz die praktische Vernunft setzt mit keiner größern oder andern Gewißheit das Dasein fremder Ichs als das Dasein des eignen und fremden Körpers und also der Sinnenwelt voraus, weil ich mit dem eignen Körper und mit fremdem Eigentum ja in lauter moralischen Beziehungen stehe; und kann sie handeln, wenn die Letztern nur ein subjektives Dasein für uns haben, so kann sie es auch bei den erstern.   A. d. H.?

Nimmt man aber keine fremden Sünder an: so sind die optischen nur moralische Voltigierpferde meiner Übung; doch haperts auch da. Wahrlich das Buchstabieren, dem Heinecke alles Elend zuschrieb, besonders die Unfähigkeit zu lesen, kann nicht schlimmer sein als das Philosophieren, dieses transzendente Buchstabieren, das auch das Lesen im Buch der Natur erschwert.

Fünftens wird mir bei der auffallenden Mehrheit der Welten nicht sowohl als gar der Universa fatal zumute. Denn jeder Hofpauker, jeder Livreeschneider und Pescheräh, kurz 1000 Millionen hiesiger Menschen treten als lebendige Demantgruben des Sternenhimmels, als Silber-, Arsenik- und Welten-Hütten daher, und jeder trägt seinen geschaffnen Himmel und seine Erde mit Tieren und allem, seinen für ihn spielenden Welt-Guckkasten auf dem Magen vor sich hin. Indem ich ein neues Stück Nicht-Ich setze und schaffe – d. h. reise –, trifft sich zu gleicher Zeit, daß ich eine verhältnismäßige Menge neuer Aseitäten oder Ameitäten finde; 6171 Götter oder Porte-de-dieusSo heißet der dürftige Priester, der in Paris die göttliche Hostie zum Kranken trägt. A. d. H. konnt' ich Anno 1788 in Weimar und 4344 dergleichen in Jena (ohne die Studenten und Handwerkspursche) setzen. Nach welcher transzendentalen Regel entsteht und wächst denn diese Götter-Volksmenge? – Wär' es nicht schöner gedacht, wenn man, wie die alten Theologen, ein einziges absolutes Ich und göttliches Wesen (und damit nur eine Schöpfung) annähme, dazu aber gleich ein Subjekt vozierte, das Verstand und Kraft genug hätte, diesen höchsten Posten zu versehen? Und dann kann die Vokation nur dem einzigen Wesen gegeben werden, von dessen Existenz man gewiß ist; und das ist niemand als ich selber.

Endlich tritt sogar der Viehstand auf meine Seite, der sonst durch Fichte ein wahres Bochartisches Hierozoikon würde. Denn ich muß die Tiere als empfindende und mithin als moralische GegenständeEr hat recht. Auch die Tiere können nicht so wie leblose Wesen als bloße Mittel gebraucht werden, an denen wir etwa nur die bloße Brauchbarkeit für vernünftige Zwecke zu schonen hätten. Wenn ich ein lebendiges Pferd aus Spaß zersteche und verstümmle: so fühl' ich, daß ich dem Gegenstande selber unrecht tue; zerschneid' ich ein Pferd von Wouwerman, so fühl' ich, daß ich höchstens einem andern Wesen als dem Gegenstande unrecht tue. Aus der kritischen Behauptung, die sie zu Mitteln herabsetzt, würde folgen, daß ich mit größerem Unrecht aus einem ausgestopften seltenen Elefanten in Europa als aus dem häufigern Original in Asien Scheiben ausschneiden würde; und zwei kallöse Kritiker und Anthropoliten, mit denen ich focht, sagten auch keck, sie ließen es folgen.   A. d. H. auch objektiv postulieren – das ist leicht geschrieben, aber welche Schlußfolgen! Halbgötter werden sie dann alle – die Ägypter sind mit ihrem Tierdienste mehr gerettet, als ich je willens war – jede Bestie setzt und schafft ein metamorphotisches Stück Welt, die Schoßkatze ist die Mutter ihrer Göttin und Herrin – das Pferd setzt den Reiter, der Hase den Junker – die Maus, welche in Deggendorf die göttliche Hostie fraß, ist selber ebenso göttlich als ihr Fraß, und von ihr und von dem Meßpriester wird die Hostie nur gesetzt – dann gehts in diesem Pantheon (ich rede vom Naturalienkabinett und Tiergarten) immer tiefer herab zu dem Vieh, das nur in Epopöen genannt werden darf (von Homer und Peter Pindar) – und die spielende Ephemere setzt 2 Stunden lang, erstlich die untergehende Sonne und dann ihr Weibchen – und dann kommt der Darmwurm in mir und will auch göttlich setzen..... ( § 3-8).

Das hole der Teufel! So würde das beste System von der Welt dumm und toll; und echte Konsequenz schaffte mehrere und plattere Götter und Laren als der Papst selber.

Im Artikel FetischereiSie folgt im nächsten Paragraph. hab' ich eine Probe gegeben, wie komisch ich sonst die Welt ansah, als ich noch wie Fichte andere Götter neben mir hatte und setzte.

Nach solchen Beweisen erwart' ich gelassen die Spaltungen der Leibgeberischen Schule, und ich verhoffe wenigstens einige Leibgeberisten zum Nachdenken und Zweifel gebracht zu haben darüber, ob noch etwas anderes existieren könne als ich allein, diese hinlängliche rationale und irrationale Wurzel aller Dinge – das Weberschiff aller Schiffe und Weber – der Perpendikel des Welten-Getriebes – das Herz des Seins – der Bauherr des Weltgebäudes – das Eins und das Alles.

Findet Fichte meine Gründe zureichend – welches herzlich zu wünschen –: so ist er gewiß der Mann, der am ersten bekennt, daß er nicht existiert, gleichgültig gegen den kläglichen Widerspruch, den nur der gesunde Menschenverstand in solchen Sachen finden kann; – oder der wenigstens sagt, daß ich nicht bin, welches ich dann (da mir meine Existenz gewiß genug ist) schon zu meinem Vorteil auf seine Kosten auslegen will.

§ 14

Fetischerei. Sonst war meine Leibgeberei etwas dergleichen; und es ist spaßhaft (aber weiter auch nichts), wie ich früher – als ich noch mit Fichte die ganze Erde zu einem Gottes- oder Götteracker machte – die Leute für mein pantheistisches System zuschnitt. Der mir anhängende Ernst eines Philosophen schien mich da ganz zu verlassen; aber doch nur von außen; innen schnitt ich Gesichter.

Sah' ich z. B. trockne Hungrige, griesgrämische Regierungskanzelisten, Kontoristen, Renteibediente, Kassenschreiber an der Schreib-Galeere mit ihren Kielen rudern, so fragt' ich: »Diese sämtlichen göttlichen Wesen, erprobte Schiffszimmermänner einer so schönen, im Universum ziehenden Welten-Flotte, warum wollen sie nun jetzt (das Universum konservieren sie bloß) nichts mehr machen (und noch dazu so verdrüßlich) als Zahlen, die nach andern Philosophen gerade die Baumaterialien der Welt waren?«

Sah' ich die 12 Reichskammergerichtsboten, so sagt' ich: »Ihr guten 12 Götterboten und Apostel im eigentlichen Sinn, euere Schöpfungen sind, euren Stil ausgenommen, gut genug von den Gestirnen an bis auf eueren Stock herab; aber erschafft nur nicht so viel Zeit in Wetzlar, lieber wollen wir miteinander mehr Beisitzer und Kammerzieler setzen.«

Sah' ich einen Rittergutsbesitzer, so sagt' ich: »Als deus majorum gentium betrachtet, bist du der Vater deines Ururgroßvaters und des ganzen Stammbaums, so wie die produzierende Klasse dein Produkt ist; du darfst stolz sein, aber bloß nach der Wissenschaftslehre ( § 6-8).«

Sah' ich einen Fürsten, so mußt' ich sagen: »Schöpfer deines Staats und der andern Staaten, Kolumbus, der sein Amerika schafft und ist, Generalissimus aller Heere, Nutritor aller akademischen Nutritoren! Da dein absolutes Ich die opera omnia des Universums, wie Geßner die seinigen, zugleich macht, druckt, sticht und verkauft; da wir sämtlichen Götter an deinem Staatswagen, wie die griechischen an dem des Gottes der Liebe, als Deichselgäule ziehen: so brich entweder dem unermeßlichen Weltapfel, den deine Hand als ein Ast trägt, das Kreuz weg, oder erschaffe einen Prinz von Wallis oder unendlichen Sohn, der die Welt erlöset und ein Lamm ist und das Kreuz trägt – wie gesagt, alles dreht sich um den Erbprinzen.«

Sah' ich eine Fürstin, so sagt' ich zuweilen nichts, die Weiber waren früher Göttinnen als ich und Fichte Götter; ja sie sind wie die Erde matres deorum, die Gottesgebärerinnen, nämlich unsere.

Sah' ich einen Philosophen aus unserer Schule, so gab ich ihm einen tapfern Schlag auf die Achsel und sagte: »Kneph! lieber Kneph!Die Ägypter glaubten, Kneph, der Bauherr der Welt, habe aus seinem Mund ein Ei gegeben, worin sie war. Euseb. Praep. evang. III. 11. (denn deine wissenschaftslehrende Zunge legt das Ei, das Ich, den hüpfenden Punkt der Welt) du bist zwar allwissend und ein göttlicher Autodidaktos und liesest wenig, weil du nichts darin findest, als was du hineinlegst, du sitzest lieber auf deinem Schreibstuhl und sagst da mit Vespasian: ut puto deus fio, ja wenn du als Examinandus mehr schwitztest als sprächest, so wär' es nur, weil du dem Examinator, wie uns im Traum begegnet, alles liehest, was du hättest; aber ich bitte dich, warum hast du schon das 20ste Jahrhundert geschaffen und wandelst darin aufgeblasen neben der Nachwelt auf und ab? Das ist zwar rein philosophisch, aber nicht höflich. Schaffe doch mit uns andern höchsten Wesen am 18ten Säkulum fort: sehen wir denn nicht eine ganze Ewigkeit vor uns, Säkula zu machen?«

Sah' ich Galgenstricke in Ordensbändern, Völker-Mörder, Länder-Diebe, Bluttrunkenbolde, zerschneidende eiserne Jungfrauen der keuschen, oder Mädchen-Septembriseurs, so wurd' ich ein Manichäer und Sterkoranist und sagte: »Hier stehen der Ariman und der Orosmudz für einen Mann. Fichtes Gott und Erhards Teufel haben da communicatio idiomatum. Die Sache ist kaum zu erklären, gesetzt auch, man habe die Deduktion des uns angebornen Bösen in Fichtes ›System meiner Sittenlehre‹, 1798 bei Gabler, gelesen. Wenn das absolute oder göttliche Ich sündigt und ein teuflisches wird, sobald es zu Verstande und zu einem Nicht-Ich kommt (ein intelligentes wird): was soll man von Verstand, Aufklärung, Schöpfung und dergleichen halten?« –

Sah' ich einen Setzer mit wassersüchtigen Beinen, der meinen Leibgeberianismus setzte, so erlaub' ich mir ein etwas fades Wortspiel und sage: »Warum setzt der kranke Herrgott und Demiurgos bloß das Setzen des Setzens?«

Hätt' ich meine Frau gesehen, so würd' ich das Universum betrachtet und mich als dessen Patrize, sie als die Matrize genommen haben und gesagt: »Ein leidliches Pantheon, worin bloß zwei Götter stehen, der Mars und die VenusNur diese beide standen im römischen. , und den Rest repräsentieren.«

Ging ich vor einem Dieb am Galgen vorbei, der hängenden Puppe des ausgeflognen Gottes und Nachtvogels, so mußt' ich berechnen: moralisch konnte man mich nicht mehr zwingen, dieses Nicht-Ichs-Fragment des entwischten Diebesgottes zu postulieren; und doch hing die Ichs-Schwarte noch da. In jedem Fall mußten wir moralischen Wesen insgesamt so viele Exemplare vom gehangnen Leibe setzen und auflegen, als unserer waren; nur die Originalausgabe, der Leib, den die gehangne causa sui setzte, war vergriffen.

Als mich in Rom der Papst mit segnete, so erklärt' ich ihn nicht für den Statthalter Christi, sondern für diesen selber. Denn es war mir leicht, ihn als solchen nach den Merkmalen, die mir die Orthodoxen mitgegeben, zu erkennen: der Papst hatte sein ordentliches absolutes Ich – also die göttliche Natur –, sein empirisches – also die menschliche Seele –, sein Nicht-Ich – also den Körper. – Ein solches Gottmensch ist aber von Petrus und Judas an wohl jeder Kardinal – Fürstbischof – Jesuitengeneral – Konsistorialrat – Pönitenzpfarrer – – wie, bin ich nicht selber ein solcher Knecht aller Knechte?

Kam ich in ein Tollhaus, so verbarg ichs freilich nicht, wie sehr ich mich wunderte, daß dessen Götter und erste Ursachen den Autoren so glichen, deren Werke klüger sind als sie selber, ich meine, daß die Tollen einen so herrlich geordneten Makrokosmus setzten, und doch ihren eignen Mikrokosmus verhunzten: »Warum ist der Gott«, sagt' ich, »wieder so auffallend parteiisch für das Objekt und wider das Subjekt?«

Sah' ich meinen ältesten Freund, so sagt' ich nichts als: »Ich = Ich.«

Sah' ich Fichte – da ich der Kastor war und er der Pollux und da wir beide nur durch eine alternierende Unsterblichkeit von Setzen bestanden, so pflegt' ich weiter nichts zu äußern als: »Soyons amis, Auguste!« –

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