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Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede

Jean Paul Richter: Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 3
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleClavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede
pages1011-1018
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800
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§ 12

Leibgeber. »Es frappiert mich selber,« (sagt' ich, als ich mein System während eines Fußbades flüchtig überblickte, und sah bedeutend auf die Fußzehen, deren Nägel man mir beschnitt) »daß ich das All und Universum bin; mehr kann man nicht werden in der Welt als die Welt selber ( § 8) und Gott ( § 3) und die Geisterwelt ( § 8) dazu. Nur so lange Zeit (die wieder mein Werk ist) hätt' ich nicht versitzen sollen, ohne daraufzukommen, nach 10 Visthnus-Verwandlungen, daß ich die natura naturans und der Demiurgos und der Bewindheber des Universums bin. Mir ist jetzt wie jenem Bettler, der, aus dem Schlaftrunk erwachend, sich auf einmal als König findet. Welch ein Wesen, das, sich ausgenommen (denn es wird nur, und ist nie), alles macht, mein absolutes, alles gebärendes, fehlendes, lammendes, heckendes, brechendes, werfendes, setzendes IchDie drei letzten Partizipien sind aus der Jägerei.!« –

Hier konnt' ich nicht länger mit den Füßen im Wasser bleiben, sondern ging barfuß und tropfend auf und ab: »Überschlage doch einmal«, sagt' ich, »in Pausch und Bogen deine Schöpfungen – den Raum – die Zeit (jetzt bis ins achtzehnte Jahrhundert herein) – was in beiden ist – die Welten – was auf diesen ist – die drei Reiche der Natur – die lumpigen königlichen Reiche – das der Wahrheiten – das der kritischen Schule – und sämtliche Bibliotheken!« – Und mithin auch die paar Bände, die Fichte geschrieben, weil ich ihn erst setzen oder machen muß, eh' er eintunken kann – denn es kommt auf meine moralische Politesse an, ob ich ihn leben lassen will – und zweitens weil wir beide, wenn ich mich auch dazu verstehe, als Anti-Influxionisten doch nie unsere Ichs behorchen können, sondern jeder selber das erfinden muß, was er vom andern lieset, er meinen Clavis, ich seine Drucksachen. Daher nenn' ich die Wissenschaftslehre keck mein Werk und den Leibgeberianismus, gesetzt auch, Fichte wäre und hegte ähnliche Gedanken; er würde hier nur der Newton mit seinen Fluxionen sein und ich der Leibniz mit der Differentialrechnung, zwei ähnliche große Männer! So gibt es auch ebenso viele philosophische Messiasse (Kant und Fichte); und ebenso viele jüdische, wovon der erste der Sohn Josephs, der andere der Sohn Davids sein soll.

§ 13

Vielgötterei oder Viel-Icherei. Andere Götter oder Ichs neben mir zu haben, verbietet der mosaische Dekalogus ebenso scharf, als es der fichtische gebietet. Der Verfasser dieses Clavis muß es allen, die ihn lesen und rezensieren, rund heraus bekennen, daß er, als streng-konsequenter Theoretiker, unmöglich mehrere Wesen glauben kann als sein eignes, weil durch dasselbe alles hinlänglich erklärt und produziert und integriert wird, worüber man fragte und focht, das Dasein des vorgestellten ( § 8) und des vorstellenden ( § 7) Universums und das Handeln des reinen Ichs oder der Gottheit. Ohne Not werden sonst die Wesen – und noch dazu die unendlichen – vervielfacht, da an einem Schöpfer und Primas aller Dinge genug sein kann. Millionen, Trillionen absolute IchsDas Absolute schließet zwar Zahl, also Mehrheit, aber auch eben darum Einheit aus., primae causae, causae sui aliorumque, unbedingte Reali- und Aseitäten oder Gottheiten – z. B. Weimeraner, Franzosen, Russen, Leipziger, Pestitzer, Irokesen, Menschen aus allen Ländern und Zeiten – diese höchste Wesen kommen alle und wachsen unaufhörlich nach und bringen ihre eignen Universa mit (die ich noch dazu für vidimierte Kopien des meinigen kaufen soll); aber wozu und mit welchem Recht und unter welchen Grenzen ihrer Volksmenge und Mitbelehnschaft? frag' ich, als scharfer Unitarier und Singularis. – Ich bitte, find' ich besagte Ichs anderswo als in der von mir gesetzten natura naturata, in meinem breiten Nicht-Ich als eingewürkte Figuren dieser unendlichen Hautelisse-Tapete, als Einschränkungen und Bestimmungen meines Noumenons, aber keines selber? – Und geb' ichs zu, so können sie, diese meine eignen Emanationen und Drillings- oder vielmehr Sextillionen-Geburten, mich, wenn sie wollen, zu ihrem Fechser und Derivativum und Adjektivum herabsetzen, zum Stiftchen in der Musaik ihres Nicht-Ichs. Und die alte Frage Augustins, ob der Sohn auch Gott den Vater zeugen könnende trinit., woraus es Pet. Lombard. Lib. II. distinct. 6. anführt., würde repetiert und bejaht. –

Hierauf versetzet mir nun Fichte, sooft ich persönlich ihm dartue, er könne nicht sein – nach reiner Vernunft –, allzeit das, was er in seiner SittenlehreDa heißet es noch S.214: »Ohne was es überhaupt keine Pflicht geben könnte, ist absolut wahr; und es ist Pflicht, dasselbe für wahr zu halten.« Die erste Hälfte des Perioden ist ein Zirkel und überhaupt eine Frage wie die: wie – wenn gerade die entgegengesetzte Moral moralisch wäre? Die zweite kann – da doch niemand Gewissensbisse wegen Meinungen hat – nichts heißen als: in einem solchen Falle ist es Pflicht 1) zu untersuchen – 2) zu handeln, als sei es wahr – 3) zu wollen, es sei wahr – und 4) in der Not lieber der Vernunft als der Selbstachtung zu widersprechen, lieber ein Skeptiker als Bösewicht zu sein. Denn Wollen und Glauben sind inkommensurable Größen, und zwischen beiden als solchen ist ein Übergang noch schwerer, als Lessing den von historischen Wahrheiten zu notwendigen fand. und überall drucken lassen: er müsse nämlich durchaus fremde Ichs, obwohl nur heraldische Figuren im gemalten Nicht-Ich, doch davon ablösen und belebt und beleibt heraustreten heißen, bloß um nur jemand zu haben, mit dem ein moralischer Umgang zu pflegen wäre. Gerade wie der Kantianer Gott und Unsterblichkeit, so postuliert Fichtes Ich Ichs.

Ich bitte ihn, sich zu erinnern, was ich mit der Pfeife im Munde ihm sagte, als wir in Jena zusammen die Stube auf- und abgingen, und dann selber zu entscheiden, ob er sei.

Erstlich das, was in der Note steht.

Zweitens: das moralische Gesetz als dieses setzt nichts außer sich voraus, keine Existenz; so wenig einen Gott als Gegenstand wie einen Gott als Gesetzgeber. Das reine Ich kann gegen kein reines handeln (beide haben kein Da- und Bewußtsein) und ebensowenig gegen ein empirisches oder als ein empirisches; so wenig wie eine Modifikation gegen eine Modifikation eine Pflicht hat – daher findet auch Fichte im sittlichen Sollen den Exponenten des transzendenten Werdens –. Der Bastillenklausner, der insularische Robinson, diese können sich ebenso viele moralische Reichtümer sammlen als irgendein Generalissimus an der Spitze eines Säkulums; ja der Gott der Kantianer war ja in der leeren Ewigkeit a parte ante heilig ohne irgend etwas anders als sich.

Fichte antwortet mir allemal darauf, das alles wiss' er vielleicht noch etwas besser als ich selber.

Drittens: postuliert er einmal die Realität der intramundanen oder fremden Ichs und will er sie also auch so extramundan wie sein eignes haben: so muß er auch die daran klebende Realität der Sinnenwelt, worin nur gegen jene zu handeln ist, moralisch sich gefallen lassen; und dann ist uns Fichtisten allen der alte graue Schneeklumpe des Realismus, den wir vorher mit so vieler Hitze und Dinte zerlassen haben, wieder vor die Tür gesetzt; und unser systematisches Elend ist nicht zu übersehen. Um nun nicht in jenen Schneeklumpen zu treten, greift Fichte nach folgendem Springstock:

Ich, Leibgeber, kann z. B. mehr als 70 K (etwan Kantianer und Anti-Leibgeberisten) vom Hungertode (etwan als Buchhändler oder als vozierender Fürst) erretten, mithin soll ichs; d. i. (nimmt er an) ich träumeNur für unbeholfene Leser erinner' ich an die Fichtische (am Ende Leibnizische und Kantische) Vorstellung ganz popular, daß es so viele Universa gibt als Ichs; daß keiner aus dieser seiner unmittelbar, nicht mittelbar geschaffnen Traumwelt hinauskann in die des andern und daß diese Welten gerade die prästabilierte Harmonie oder Ähnlichkeit untereinander haben, als wäre nur eine und wir alle darin.   A. d. H., daß die 70 Ks nichts im Magen haben als Magensaft; diese träumen glücklicherweise dasselbe, bloß damit wir sämtlich ein Religionsexerzitium der Moral, einige aszetische und kanonische Horen erhalten. Will ich nun den 70 Schelmen etwas zuwenden: so träumt mir das wirkliche Zuwenden, und ihnen das Empfangen; in der Tat aber haben wir alle, festgeschnallt auf unsere Betten mit Vulkans Brezeln und Stricken, nichts Reelleres miteinander geteilt als den Traum.

Himmel! drei Tage und Nächte lang wollt' ich gegen diesen Satz im Felde stehen. Primo (man soll es nicht mit dem erstern Erstlich oben verwirren), wie soll denn L (ich), der außer aller objektiven Konnexion mit den 70 Jüngern lebt, je ausmitteln und erfragen, ob er und sie insgesamt in Zeit und Raum und Traum zusammentreffen? Tu' ich nicht einen moralischen Frei-Schuß, wie sonst die Jäger, zum jenensischen Fenster hinaus und bin mir eines erlegten Rehbockes im Harzwald gewärtig? Denn kein Mensch kann mir ja dafür haften, daß ich nicht meinen Traum des Fütterns und Hungerns im 18ten Säkul und hienieden habe, die 70  Dolmetscher aber ihren Hunger und meine Mildtätigkeit im 1sten oder 30ten Säkul und auf dem Hundsstern träumen.

Gesetzt, ich setze mich hin und postuliere moralisch von neuem etwas dazu, nämlich das Simultaneum der Träumer und Träume: so werd' ich nur leider um mich keine Exekutions-Macht ansichtig, welche außerhalb und zwischen uns Götter-Ichs und Venerabiles als Kreisausschreibender Direktor träte und für einen Parallelismus und ein sensorium commune der Träume nur in etwas sorgte; – ich sehe und höre niemandDenn die sogenannte moralische Weltordnung Fichtes kann wohl eine optimistische Harmonie zwischen meinem Ich und Nicht-Ich einführen, aber nie zwischen ihm und fremden Ichs und Nicht-Ichs und deren moralischen Weltordnungen..

Secundo. Angenommen, wir würden mit einem Simultaneum von unbekannter Hand beschenkt: so können wir wenig damit machen. Ringsum bin ich mit meinem Nicht-Ich umgeben, in das auch das tote Wachsfigurenkabinett menschlicher Gestalten eingebauet ist. Diese Wachsfiguren und Ahnenbilder könnt' ich eigentlich zerdrücken und zerreißen wie andere Charaktermasken (denn sie sind lediglich mein Produkt und ohne alle absolute Freiheit und Ichheit). Das fremde entsprechende absolute Ich hat nichts mit dieser Figur zu tun; es setzt sich schon eine (ähnliche) im eignen Nicht-Ich. Daher nach diesem System von jedem Ich so viele Leiber außer dem eignen herumlaufen, als es fremde begegnende und sogleich setzende Ichs gibt. Dennoch soll ich, da durch keine KonsekrationDurch diese fuhr erst der Gott in die Statuen; dagegen macht Arnobius adv. gentes gerade die Einwendungen (da 1 Gott in mehreren Statuen wohnen müßte), die der Protestant gegen die Wirkung einer ähnlichen Konsekration in den Hostien macht. ein Gott in diese Statuen zu bringen ist, bloß ein Vergehen an diesen Statuen, wie eines an den römisch-kaiserlichenTac. Ann. I. 73. 74. Sueton. Tiber. 58 und überall., für ein Majestätsverbrechen halten; ich soll wie Hexen durch das Bild das ferne Original zu treffen, wie Katholiken durch das Heiligenbild den Heiligen und Gott zu ehren suchen; daher Bellarminde imag. Sanct. II. 21. wirklich sagt, in den Bildern sei schon für sich etwas Göttliches ohne Rücksicht auf das Original. – Das soll ich? –

O Himmel, wozu das? Dem Original selber (wenn es existiert) bring' ich damit keinen Heller ein – seinen Wert und Himmel muß es aus sich selber spinnen –; es wird mir auch nicht zugemutet; bloß ein übender Gliedermann meiner Moralität, ein Mit-Akteur soll der fremde Schau-Mensch vor mir sein, den ich auf der Bühne beschenke und liebe, ohne daß er etwas davon hat, nur die dramatische Kunst der Tugend soll dabei profitieren; meine absolute Freiheit oder Ichheit macht sich vorher, um zu handeln und zu reagieren, diesen Widerstand (das Nicht-Ich); sie gleicht dem Vater des Sobouroff, der sich selber Geld borgte, sich Wechsel ausstellte, sie oft protestierte und sich nach dem Wechselrechte strenge genug behandelte; bloß zu ihrer Verherrlichung tut die absolute Ichheit alles. Aber Gottes Wollen ist Tun, sag' ich dann mit den Theologen; dei (i.e. aseitatis vel ameitatis) benedicere est benefacere; kurz das innere Handeln macht alles aus, und das äußere ist nur ein scheinbar äußeres.

Ja da das fremde Ich, wie ein schlechter Akteur, auf der Bühne entweder nur eine Statue (Leib) oder einen Geist (reine Ich) spielt, nie beide in einer Person: so könnt' ich die Statue, deren Pygmalion ich bin, ebensogut zerschlagen als beseelen, sobald ich mir nur recht evident, recht anschaulich zu machen wüßte, daß ich ihr Steinmetz bin; ich kanns aber nicht, und ich will auch die Bildsäulen, die mir begegnen, nicht verstümmeln, sondern ergänzen.

Ich leugne nicht, ich komme mir seit meiner Leibgeberei, sooft ich edle oder große Aufopferungen für andere mit vielen äußerlichen Anstalten mache – was doch kürzer abzutun wäre, da bloß mein Ich moralisch voltigieren soll –, fast wie jener Handelsmann im Montaigne vor, der, um ein Lavement zu nehmen, die Werkzeuge und alle Ingredienzien auf den Tisch vor sich hinlegen ließ und alles dann ein wenig besah, worauf sogleich, ohne daß man ihm das Klistier wirklich setzte, die Sedes kamen, die nur einmal ausblieben, als gerade die Frau aus Geiz wohlfeilere Spezies aufgetragen hatte.

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