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Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede

Jean Paul Richter: Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 3
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleClavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede
pages1011-1018
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800
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Clavis

§ 1

Was ist Wahrheit? Diese Frage warf ich im Klosterhof, nicht in der Klosterbibliothek zu Prag auf, als ich da im Passionsspiele den Pontius Pilatus machte; es verdroß mich aber den andern Tag, daß ich (meiner Rolle gemäß) fortgegangen war, ohne anzuhören, was der Prager darauf versetzte, den ich geißeln und kreuzigen ließ. Jetzt lass' ich den Prager Prager sein. Denn da ich nach meiner Wissenschaftslehre doch nichts von ihm erfahren kann als meine eignen Diktata; und da ich der Pilatus und der Gekreuzigte zugleich bin ( § 9), ja sogar der Vater des Letztern ( § 3-6), nämlich die unbedingte und unendliche Realität selber: so enthalt' ich als Unendlicher alle Wahrheiten in mir, und vor dem Enthalten mach' ich sie erstNach den Kartesianern stand es bei Gott, wie viel 2 mal 3 machen sollte etc. Leibn. Theodiz. II. § 186.. Die Wissenschaftslehre beweiset, daß ich das könne; und wenn ichs kann, so kann ich die Wissenschaftslehre selber setzen und machen, welches ein reinvollendeter Zirkel ist.

§ 2

Zirkel. Alle Zirkelschmiede und Sphärometer, nämlich die Philosophen, beschreiben in ihren obersten Grundsätzen stets einen Zirkel; ihre Systeme zeichne ich gern wie die Architekten in ihren Baurissen die Abtritte, nämlich als einen Kreis mit einem Zäpfchen. Dieses Zäpfchen ist am Zirkel der Wissenschaftslehre die praktische VernunftS. Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. 1794. S. 95. 96.. Jede hat ihr Zäpfchen als Handhabe.

§ 3

Ich, absolutes, reines. Siehe Aseitas.

§ 4

Immanentes Noumenon. S. Aseitas.

§ 5

Causa sui, absolute Freiheit, unbedingte Realität. S. Aseitas.

§ 6

Aseitas. Diese und absolutes oder reines Ich ( § 3) und unbedingte Realität ( § 5) und immanentes Noumenon ( § 4) sind Synonymen der Gottheit. Der Himmel – welches ich bin – gebe, daß ich faßlich werde. Die Vernunft fodert ein unbedingtes Sein, eine sich selber setzende, d. h. unendliche Realität, deren Produkt jede endliche ist. Die Landpfarrer nennen dieses ens reale ganz recht Gott den Vater und fehlen nur im Ort. Die Vernunft kann als unbedingt die absolute Realität – ihre Tochter – doch nirgends suchen als bei und in der Mutter, d. h. in sich, im reinen, unbedingt kausierenden IchS. den ganzen dritten Teil der Grundlage d. g. Wissenschaftslehre und vorher den 1. u. 2ten – Und Neeb etc. S. 76 etc. 88 etc.. Setzet man das Kind außerhalb derselben, so macht man es zur Mutter seiner Mutter; und man verpflanzet und verteilet die Form und die Materie des Erkennens in zwei abgesonderte Wesen, welches absurd.

§ 7

Empirisches Ich, Ich schlechtweg, intelligentes, bewußtes Ich, Subjekt. Das unendliche (reine) Ich ist als solches kein endliches, also kein bestimmtes, also noch kein Etwas, nichts Existierendes. Um nun doch ein Etwas zu sein, darf es nicht es selber bleiben. Aber da alles Sein vom reinen Ich entspringt, mithin auch das »Nicht es selber sein«: so muß es sich selber als solches entgegensetzen aus absoluter Kausalität; dadurch wird es bestimmt (beschränkt) und erscheint als endliches, wirkliches Ich und stellt sich etwas vor.

§ 8

Objekt, Nicht-Ich, Ausdehnung. Vorstellen setzt ein Vorgestelltes nicht voraus, sondern zugleich, das (empirische) Ich ein Nicht-Ich oder Du, das Sub- ein Objekt. Dieses Vorgestellte nennen nun die Beichtkinder der gedachten Landpfarrer die Erde, die Welt, die Schöpfung; die Kantianer nennen es die Erscheinungen.

§ 9

Idealismus. Dergleichen ist, scharf gesprochen, der Ficht- oder Leibgeberianismus nicht. Aber den Leibnizianern, den Kantianern und den Influxionisten geb' ich ihn keck schuld.

Die erstern machen durch die Harmonia praestabilita die Monade zum Spiegel eines Universums, das aus Spiegeln besteht; die isolierte eingesperrte Monade entwickelt ganz aus sich das Nicht-Ich, das außer ihr als solches nicht existiert, sondern wieder als ein Ich.

Die Kantianer tragen den Raum oder Behälter in sich und mithin, was darin liegt, sämtliche Natur; alles, was wir von dieser haben und wissen, wird in der Produktenkarte oder Bruttafel ihrer Kategorientafel ein einheimisches Gewächs unsers Ichs: wozu nun noch die ganz müßige unsichtbare Phönixasche der Dinge an sich? –

Endlich werf' ich sogar den Influxionisten und Realisten kühn genug vor, daß sie keine sind. Denn da sie und uns Erklärer alle weniger der Grund des Seins der Welt – der gar nicht zu vermitteln ist – als der Grund ihrer Ordnung drückt, und da sie diese als die Absicht und Ursache früher setzen müssen als das Gewirkte: so schieben sie den Idealismus nur ins Unendliche hinaus und in den Unendlichen hinein.

Fichte nennt zwar das Realisieren des Nicht-Ichs einen materialen SpinozismusGrundlage d. g. W. S. 94 – und S. 47.; mithin wäre sein Idealisieren desselben der ideale – und daher nennt Jacobi unsere Wissenschaftslehre eine Umkehrung desselben, wiewohl man sie ebensogut dessen Metastase heißen könnte –; aber man werde doch nicht irre. Nicht-Ich und Ich oder Objekt und Subjekt sind Wechselbegriffe, beide sind die gleichzeitigen Zwillinge der Aseität, die Selbst- und MitlauterDenn jeder Vokal setzt auch einen Konsonanten wie dieser jenen voraus, der Ton irgendein Verhältnis der Zunge, Lippe etc. in der absoluten LuftAnaximenes hielt die Luft für die Gottheit. Cic. de N. D. I. 10. oder Ichheit.

Folglich existiert mein Geist (Subjekt), den mein reines Ich geschaffen, nicht mehr oder anders als die Welt, die ich, damit er etwas anzusehen habe, dazu gemacht, und jener und diese überleben einander keine Minute. Daher hat Fichte mit gutem Vorbedachte die leere Deklamation über seine lange DauerDie Stelle in der Appellation, wo er sagt, das Ich überdauere Milchstraßen etc. nur als Appellant ans Volk gemacht. Denn er (absolut gedacht) hat zwar Himmel und Erde und alles geschaffen, aber auch Fichten als Beschauer, und mit jenen verginge also dieser; was übrigbleibt, ist sein reines Ich, bei dem ja aber, wie er aus der von mir oder ihm erfundenen Wissenschaftslehre recht gut weiß, weder von Dauer noch Sein die Rede sein kann, so wenig als von Breite oder Schwere.

§ 10

Höchste Höhe der Reflexion. Auf dieser glaub' ich die Füße zu haben; was unten am Fuße meines Piko steht, ist mir nicht einmal verächtlich und klein, sondern gänzlich unsichtbar.

Mein absolutes Ich, »das sich selber schlechthin gleich ist, und in welchem alles ein und dasselbe Ich ist, und worin nichts zu unterscheiden ist, denn es ist alles und nichts, weil es für sich nichts ist«Wissenschaftslehre S. 251. – dieses Ich, das RobinetDe la Nature. T. II. unter dem Namen Gott ziemlich rein beschreibt, nämlich ohne Verstand, Vernunft, Wille, Bewußtsein, schafft sich erstlich zu einem empirischen um, das alles dergleichen hat – es selber bleibt doch, was es ist, denn als Leibgeber bin ich endlich, und nur als Schöpfer dieses Leibgebers bin ich unendlich – und zweitens zur ausgedehnten Welt..... Hier wird nun die Höhe so schwindelnd und dünnluftig, daß keine BegriffeDenn vom Schaffen haben wir als Geschaffne kein Anschauung, und als Schöpfer kein Bewußtsein. Das Ich als unendlich kennt sich nicht, als endlich ist es wieder nicht geräumig genug für eine Anschauung des Unendlichen, ohne das doch wieder keine Endlichkeit denkbar ist. Hier hilft bloße reine Sprache weiter als alles, was man dabei denken wollte. mehr zu- und nachreichen, sondern wir müssen mit und an der bloßen Sprache ohne jene weiter hinauf zu kommen suchen. Wer nun mit mir der bloßen, von Begriff und Anschauung freien Sprache mächtig ist, der kläret sich dadurch zwei Ewigkeiten auf, die eine, welche das absolute Ich zubringt durch Werden oder unbestimmtes Handeln ohne Sein und die zweite, die es gleichzeitig, aber durch SeinDamit löset man wieder eine scholastische Frage auf, die: an creatio sit res creata, vel increata; offenbar increata. Denn das Setzen ist so ewig als das Setzende, die Wirkung so alt als die Ursache, die Endlichkeit als die Unendlichkeit, der Sohn Gottes ist von Ewigkeit, denn jede Sache ist sich selber gleich. (S. Jacobis Spinoza, zweite Auflage S.27.) – Beiläufig! Ich finde die so verkannte scholastische Philosophie der jetzigen und meinigen so ähnlich, daß ich wünschte, es schriebe einer ein liber conformitatum beider. Z. B. man sehe in des Cramers fünften Fortsetzung des Bossuets den (sehr schwachen) Abriß der Scholastik. Z. B. wenn Alanus S.456 sagt, Gott der Vater (das reine Ich) habe in die Substanz die Materie (das Nicht-Ich) gebracht, der Sohn (das empirische) die Form (die Anschauungs- und Denkformen) und der heilige Geist (die moralische Weltordnung) die Verknüpfung: so seh' ich, daß der Mann schon dachte, eh' ichs tat. Ebenso lese man p.364 die jetzt nachgebeteten Einwürfe Gaunilons gegen Anselmus' Beweis vom Dasein Gottes. – Den logischen Enthusiasmus find' ich bei diesen logischen Gladiatoren reiner (sie hatten gar keinen weiter, S.498 etc.) als selber bei uns., obwohl endlich führt. Und ohne diese Sprache der höchsten Reflexion ist auch das Setzen eines Nicht-Ichs und Ichs oder das eigenhändige Einschränken des absoluten um nichts begreiflicher als die so oft getadelte Schöpfung aus nichts. Diese absolute Freiheit, die sich selber einen Widerstand (die sinnliche Welt) erschafft, weniger um zu handeln (denn das Erschaffen ist auch Handeln) als um gegen den Widerstand zu handeln, weil jedes Handeln, ausgenommen das schaffende, einen Widerstand voraussetzt, liegt nicht mehr in unserem Denk-, sondern bloß in unserem Sprachvermögen.

§ 11

Vernunft. Diese kennt keine Geschöpfe als ihre; ihr Sehen ist nicht bloß ihr Licht – wie die Platoniker schon vom körperlichen Auge behaupteten, daß es alles durch sein Ausstrahlen sehe, und die Stoiker, daß es dadurch die FinsternisBeides steht in Fr. Pici Mirand. Exam. doctr. vanit. gent. I. erblicke – – sondern auch ihr Objekt; so daß ihr Auge, indem sie es zum transzendenten Himmel aufhebt, sofort daran steht als Gott oder Stern, wie der Sextant des Tycho de Brahe von Hevel an den andern kam als Sternbild neben den großen Löwen.

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