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Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede

Jean Paul Richter: Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 3
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleClavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede
pages1011-1018
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800
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Das verwandte dritte, aber beste Kunststück ist, das Gold des Wirklichen dünn und breit zu schlagen, um es durchzusehen. Da nicht in der Sprache, wie in der Mathematik, Identität des Zeichens und Objektes stattfindet, ja da die Worte nicht einmal Schattenbilder, nicht einmal fünf Punkte vom Objekte – denn diese geben doch etwas von der Sache –, sondern willkürliche, nichts malende Schnupftuchsknoten der Besinnung sind: so ist für den Philosophen, der immer das Ei früher ausbläset als ausbrütet, die Sprache gerade ein unentbehrliches Werkzeug. Die Welten des Wirklichen (in und außer ihm), die er erklärt durch Einschmelzung in eine unerklärliche, schatten sich in der Vorstellung»Das Würkliche kann außer der unmittelbaren Wahrnehmung desselben ebensowenig dargestellt werden als das Bewußtsein außer dem Bewußtsein, das Leben außer dem Leben, die Wahrheit außer der Wahrheit.« Jacobis Hume über den Glauben. S.140. nur als Kreise der vorigen Kugeln ab; und diese Kreise oder Vorstellungen werden wieder Punkte oder Zentra in der Sprache. Diese Punktierkunst mit Atomen, diese logische Algeber heißet nun Philosophie; d. h. vom Strahle des Wirklichen entwirft die Vorstellung einen treffenden Schattenriß – dann wird sie von allen spezifischen Verschiedenheiten so lange ausgeleert, daß sie schon mehrere Objekte aufnehmen und man z. B. den Geschmack als einen feinern Geruch oder umgekehrt definieren kann – dann fährt man fort und macht sich Begriffe aus Begriffen, bis man so weit ist, daß das ganze Universum nun mit allen seinen Kräften und Farben bloß durchsichtig als ein weites luftiges Nicht-Ich dasteht – dann braucht man noch einen Schritt, so ist auch sogar dieses Nicht-Ich vom Ich nur im Grade wie »Finsternis vom Licht«Grundlage der ges. Wissenschaftslehre. S.78-80. verschieden, das Angeschauete ist die Anschauung und diese das Anschauende oder Ich – und dann ist das weite Karthago, die unendliche Stadt Gottes, zugeschnitten aus der Haut des Ichs.

Da wir jahrelang mit vollen Wörtern uns erinnern und phantasieren, so merken wir es nicht sogleich, wenn wir mit leeren denken; etwan wie Darwin behauptet, daß einer, der lange die gefüllte Pfeife im Munde gehabt, es im Dunkeln nicht sogleich würde innenwerden, daß er sie ausgeraucht.

Jetzt muß jeder sich mit Philosophie versorgen zur Wehre gegen Philosophie, mit einem angespiegelten Basilisken zur Falkenbeize des dastehenden. Aber die richtige Philosophie, wie die Jacobische, weiß und bekennt, daß die Vernunft ein Danaiden-Filtrum sei, das zwar den Trank reinigen, aber nicht schöpfen kann, und daß sie nur, wie Herder sagt, vernehme und also bekomme, finde, nicht erfinde. Allein dem Menschen ist das Erklären und Benennen geläufiger als das Besinnen und Wahrnehmen, und dieses leichter als das Ahnen, dieses genialische Wahrnehmen. Es gibt Wahrheiten (und das sind die wichtigern), die weder der Kopf noch das Herz aufschließet – allein, sondern beide zusammen; am Pol macht die Kälte, unter der Linie die Hitze blind.

Auffallend ists, wie wenig selber der Philosoph sich der bloßen syllogistischen Kette anvertraue, wenn man die sonderbare Beobachtung macht, daß er sie oft auf fremde oder auf eigne Autorität annimmt. Man soll mich sogleich verstehen. Lange Rechnungen lässet der Mathematiker, so gewiß auch das Einmaleins ist, von andern wiederholen, um gewisser zu sein, daß ers beobachtet hat; oder er wiederholt selber. Der Wilde, der nicht über die 10 Finger hinauszählt, müßte schon bei der Berechnung des Einmaleins zur Hypothek der Wiederholung greifen. – Ferner: Fichte sagt in seiner Einleitung in die Wissenschaftslehre, es sei doch möglich, daß er irre, und daher geb' er sie der fremden Prüfung hin; d. h. die Richtigkeit des logischen Einmaleins versichert nicht die Richtigkeit seiner Anwendung. Der schwache, aber vernünftige Kopf muß ein kleineres Vertrauen auf seine Anwendung dieses Einmaleins als auf die fichtische setzen und also dieser gegen seine glauben. – Ebenso vertrauet weiter der Philosoph und der Mathematiker dem großen Chemiker, Historiker etc.; und – zum Beweis, daß nicht das Historische der Wahrheit den Unterschied mache – ebenso diese jenen. – Endlich kann zwar ein genialischer Scharfsinn sich an seiner Schlußkette über das Nein eines ganzen Weltteils wegsetzen; aber dieses Vertrauen – nicht auf seine logische Regel, denn diese hat er mit dem Weltteil gemein, sondern – auf die Anwendung dieser Regel kann doch nur auf einem Schluß aus einem Faktum ruhen, daß er nämlich größere Kräfte habe und ein herrlicher Kopf sei; und er ist also seine eigne Autorität.

Was ergibt sich aus diesem allen? Erstlich, daß die logische Evidenz erst eine andere über ihre Anwendung (auf Gegenstände) bedürfe – Zweitens, daß, da wir bei der sinnlichen und bei der moralischen Evidenz Autoritäten nicht begehren, sondern sogar überwinden, die logische den beiden andern wohl abborgen, aber nicht nachhelfen könne – Drittens, daß die Wahrscheinlichkeitsrechnung und Hoffnung, mehrere werden eher die logische Regel erfüllen als einerUnd mit Recht. Die Minorität hat allemal unrecht gegen die Majorität, wenn beide gleiche Geisteskräfte haben: so ein Mensch gegen das Jahrhundert bei gleichem Fall. Hat er aber größere Kräfte, so ist er ein antizipiertes Jahrhundert, eine künftige Majorität. (da die Mehrheit an und für sich bloß die Wiederholung des Irrtums setzen würde), oder die Hoffnung, die größere Denkkraft wende bei gleicher Regel diese gewisser an – daß diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, sag' ich, in der menschlichen Natur unbewußt einen angebornen Glauben an eine höhere Wahrhaftigkeit hinter den Wolken unsers Dunstkreises und unsers Gehirnes voraussetzt, welche sich uns wie all' ihr Gutes und Frohes ewig in der Regel und nicht in der Ausnahme offenbaret. –

Ich kehre zurück. Je gemeiner und dürftiger die Seele ist, oder je jünger, desto froher und leichter zieht sie in ein Lehrgebäude hinein, staunend über das allgemeine Licht darin, bloß weil sie da erst durch die Zeichen die Sachen, erst durch die Schlüssel die Rätsel kennen lernt, anstatt umgekehrt. In leeren öden Köpfen hat die Vernunft den geraden Gang leichter, so wie nur leere Arterien in Kadavern gerade laufen. Hingegen war nie ein reicher Kopf der Planet oder die Nebensonne eines andern reichen – er hatte an seinen eignen dunkeln Welten genug zu beleuchten –; aber leicht dessen Reisegefährte auf dem konzentrischen Umlauf um die Zentral-Sonne.

Je länger ein System lebt – ich habe eben das kantische im Kopf –, desto leichter, beweglicher, mechanischer und faßlicher wird es, und also desto erbärmlicher seine Leibeigne, Kuranden und Panisten; das tiefsinnigste System bei Jahren kann man ohne allen Tiefsinn handhaben und abbeten; indes seine ersten Jünger und Apostel immer Leute von Geist sind. – Zuletzt wird einer systematischen Gilde – ich darf wieder die kritische nennen –, diesen Regenten und Nabobs über 2000 VokabelnEin indischer Nabob nannte sich einen Herrn von 2000 Wörtern; und fragte den französischen Konsul: »Von wie viel Wörtern ist dein König Herr?« Dieser überreichte die – Enzyklopädie mit dem Gesuche, der Hof solle davor knien. Lambergs Tagebuch eines Weltmanns. S.111., jede andere Sprache (als ihre lingua franca) gänzlich unverständlich und mithin jede Anschauung unzugänglich. Daher beschweren sich die Hesychasten oder doch RhinoptenJene und Brahminen sehen auf, diese durch die Nase. unter ihnen so wahr über die poetische Dunkelheit von Werken, die nicht so klar sind als die kantianischen (nicht die kantischen); und in der Tat dürfen Starpatienten klagen, daß sie die Starnadel nicht zu sehen vermöchten, so wenig als den Okulisten. Von der andern Seite sollten sie aber mit Dank erkennen, daß ihnen die Natur wie den KatzenNikolais Pathologie B.V. §194. noch ein drittes Augenlid verliehen, das sie gegen das Tages-Licht vorfallen lassen, um den Apfel für die Nacht zu sparen. – –

Dieses kurze Protektorium ist, hoff' ich, für meine Freunde lang genug, um mich von dem Verdachte reinzuwaschen, als ob ich mit der Edition des Clavis den Fichtianismus mehr begünstigen wollte, als ein Philosoph meiner Gattung darf. Gleichwohl erquickt es mich, daß mein Leibgeber, da er einmal ein Fichtianer ist, es im vollsten freiesten Grade ist; wer kann und will, kann sich davon überzeugen, es sei daß er den Clavis mit den Zitaten aus Fichte zusammenhalte oder kürzer mit Jacobis Darstellung des Spinozismus – aus welcher durch ein kleines Rochieren und Versetzen des ens realeS. Grundlage der gesamt. Wissenschaftslehre. S.47. der Teil der Wissenschaftslehre zu entwickeln ist, in den die praktische Vernunft noch nicht mitspinnt und eingesponnen wird – oder leichter mit Neebs Abriß der Ichs-LehreS. dessen Vernunft gegen Vernunft etc., in der Andreäischen Buchhandlung 1797, S.72 etc. Dieser scharf- und tiefsinnige Kopf, der kräftig an- und umfasset und der ein Herz hat, empfiehlt sich Freunden und Feinden. Erstlich den Feinden oder der kritischen Schule dadurch, daß er ein System der kritischen Philosophie und in Niethammers Journal 1795 im sechsten Heft einen Aufsatz: »Unmöglichkeit eines spekulativen Beweises fürs Dasein der Dinge« geschrieben, – zweitens den Freunden oder der metakritischen dadurch, daß er eben das oben zitierte treffliche Buch gemacht. Ich empfehl' ihn hiemit und setze – um es zu tun – dazu, daß ihn mir mein Freund Jacobi empfohlen, der gern in seinem Brief an Fichte auf diesen edeln Philosophen hingewiesen hätte, wär' er ihm nicht erst später durch Gerstenberg bekannt geworden. – Wen nun Neeb und Jacobis unübertreffliche 7te Beilage im Spinoza und dessen litterae laureatae an Fichte nicht von der Wissenschaftslehre, von der chirographischen Philosophie zur hypothekarischen treiben: der verdient – wenn er sie nicht erfunden – nur dann Entschuldigung, wenn er lange über sie gelesen, nicht aber, wenn er nur über sie gehöret hat.. – Aber wenn solche Männer wie Leibgeber und viele transzendente renommistische Jenenser zur Wissenschaftslehre schwören: dann ists Zeit, aufzumerken, wie viel Uhr es sei.

Wahrlich es ist Zeit zu ahnen, welcher unauflöslichen schwärmerischen Sprachen- und Gedanken-Verwirrung wir zutreiben. Der höhere – als Kunstwerk unsterbliche und genialische – Idealismus Fichtes strecket seine Polypen-Arme nach allen Wissenschaften aus und zieht sie in sich und tingiert sich damit. – Der Hylozoismus in der Physik und Chemie der einen Fichtianer, die das vom Ich nur im Grade verschiedene Nicht-Ich durch den Organismus beseelen, indes die andern den Geist in physische und galvanische Erscheinungen oder Metaphern verkörpern – die Vergötterung der Kunst und Phantasie, weil die Bilder der letztern so reell sind als alle ihre Urbilder – das poetische, keinen Ernst unterlegende Spiel und die Ertötung (statt Belebung) des Stoffes durch die Form – die jakob-böhmische Bilder-PhilosophieZ. B. in den Werken der Herren Schlegel, deren partiale Verfinsterung mehr aus dem eingemischten Leibgeberianismus entspringt und weniger aus der chemisch-metaphysisch-metaphorischen Sprache, die ihren Gegnern vielmehr zeigen kann, wie wenig ihre Vorliebe für griechische Muster die Anerkennung und Nachahmung neuerer Muster, eben des obgedachten Schusters, ausschließe. Überhaupt gehöret gerade das, was man an ihnen loben muß, ihnen selber an, das Talent der Übersetzung und das verwandte, noch seltnere der Kritik, welche trotz einiger griechischer Vorliebe doch liberaler, umfassender und über die französische Geschmacks-Mikrologie erhabner ist als die meisten akademischen. Hingegen was man an ihnen rügt, ist, wenn man ihre zynische Härte ausnimmt, meist fremdes Gut, nämlich ihre philosophischen und ästhetischen Entdeckungen; und sie könnten manchen Widersacher beschämen, wenn sie einmal ganz leicht vorzählten und es nachwiesen, wie wenig – ihre Freunde werden gar sagen: nichts – von jenen (z. B. der so angefochtene Satz der drei Säkulums-Tendenzen) ihnen zugeschrieben werden könne und wie sehr sie bloß das treu wiederholet haben, was Kant, Fichte, Goethe längst gesagt., worin wie in den gotischen Kirchen durch Übermalen der Fensterscheiben eine erhabene Dunkelheit entstehen soll – die mehr dichterische als philosophische Toleranz für jeden Wahn, besonders für jeden abergläubigen der Vorzeit, ja das dichterisch spielende Glauben an ihn und oft an die Wahrheit, um das ernste an diese zu umgehen – der malerische Standpunkt für alle ReligionenIch meine die sonst vortrefflichen »Reden über die Religion für gebildete Verächter derselben«. Er gibt dem Worte Religion eine neue, unbestimmte, poetische Bedeutung, der doch ohne sein Wissen die alte theologische zum Grunde liegt, weil jedes Ganze und also auch das Universum nur durch einen Geist ein Ganzes ist für einen Geist., wie ihn der Dichter für die mythologische hat und der Maler für die katholische – die stofflose formale Moral, welche der Sonne einiger ältern Astronomen gleicht, die bloß mit ihren Strahlen, ohne wechselseitige Anziehungskräfte die Erden um sich lenken soll – und der moralische Egoismus, der sich mit dem transzendenten mehr verschwägert, als der edle Fichte errät, da jener wie dieser nicht weiter zählt als bis eins, höchstens bis zur Dyadik, nämlich zum Sich und Nicht-Sich oder dem Teufel – – – was sagen alle diese Zeichen uns an, als daß der Schnee auf so vielen und so hohen Bergen (denn die 12 Jünger des neuesten Idealismus sind keine 72 kantischen, sondern vortreffliche Köpfe, wie überhaupt dieses System, wenigstens in diesem Jahrhundert, schwer nachzubeten ist) jetzo schmelze und daß die Waldwasser herabrinnen zu einer weiten, alles ins Schwanken bringenden Sündflut? –

Wahrlich wenn man bei solchen Gefällen dieser Gewässer nur ein wenig berechnet, welche ungeheuren Zuschüsse und alles erfassende Strom-Arme dieses System durch die unabsehlichen Kombinationen der Chemie, Physik, Ästhetik, Moral und Metaphysik, des Brownianismus und Galvanismus und der Metaphern gewinnen müsseOhne durch alle diese Zusammentreffungen etwas anders zu beweisen als einen Irrtum, wie ich in meinem Brief an Hans Paul gezeiget habe. : der kann sich, wenn er ein Neptunist ist, nur trösten durch das Schicksal ähnlicher Fluten, die am Ende doch versiegten und nichts zurückließen als eine neue keimende Welt.

Auf die Zeit, auf ein ewiges Ich in uns, auf ein ewiges Du über uns müssen wir hoffen. – Lieber machen wir abgesprungne Erden-Splitter der unendlichen Sonne den Wahn der ältern Astronomen wahr. Wie diese den blauen Himmel für ein Kristall-Gewölbe hielten und die Sonne für eine rückende Öffnung daran, durch die der Feuerhimmel lodere: so sei uns die Vernunft oder das lichte Ich keine selbstschaffende ziehende Sonne, sondern nur eine lichte Ritze und Fuge am irdischen Klostergewölbe, durch welche der ferne ausgebreitete Feuerhimmel in einem sanften und vollendeten Kreise bricht und brennt. –

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