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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Wir brauchen das Glück nicht zu schildern, das den beiden Verlobten ihr Beisammensein gewährte. Die alte Uhr von Stuart House, wo William bei seiner Tante wohnte, zeigte eine sehr späte Stunde an, als die jungen Leute sich endlich trennten, um ihre Zimmer aufzusuchen, und es war noch sehr früh, als William und Clarissa sich am andern Morgen in dem kleinen Speisesaal wieder zusammenfanden, wo die gute alte Tante bereits beim brodelnden Theekessel ihrer harrte. William, welcher über den tausenderlei Gefühlen und Gedanken, die sich alle auf Clarissa bezogen, die ganze Nacht kein Auge geschlossen hatte, schrieb einige Zeilen an seinen Chef, in welchen er diesen alten Freund seiner Familie bat, seine Abwesenheit zu entschuldigen, und ihm deren Gründe darlegte.

So hatte er also den ganzen Tag für sich, vor allem aber für sie! Wie viele Verheißungen ewiger Treue wurden zwischen den beiden jungen, liebenden Wesen ausgetauscht! Wie viele Pläne wurden geschmiedet, welches Übermaß von Freude erfüllte sie! Sie versprachen, sich zu schreiben, er sollte aber zuerst einen Brief von ihr abwarten, und diese zwei Jahre der Abwesenheit – ja, vielleicht war es nur ein Jahr – würden schnell, schnell vorübergehen, und dann hofften Sie, sich für immer zu vereinigen.

Sie sahen sich schon an der Spitze einer kleinen Familie. Sie malten sich aus, einst ein eignes, kleines Geschäft zu besitzen. Alles Träume und Täuschungen! Ein Abgrund gähnte vor ihren Füßen, und es hätte einer übermenschlichen Klugheit bedurft, ihn zu entdecken. Kann es der Schiffer ahnen, vom Sturme an ein Felsriff geschmettert, oder die Taube, von den Krallen des gierigen Geiers zerrissen zu werden?

So reich dieser Tag an den Freuden der reinsten Liebe war, so hinderte es doch Clarissa nicht, die gute Nachricht von ihrer Anstellung bei einer adligen Familie in Belgien ihrer Mutter zu melden. Alles, was eine liebevolle Tochter fühlen kann, drückte sich in diesen gedrängten Zeilen aus, welche sie mit ihren Thränen benetzte. Selbst die mutige Clarissa von den felsigen Küsten Yorkshires, welche einst die Seefahrt nach der neuen Welt mitmachen wollte, fühlte nun den tiefen Schmerz des Abschiedes von ihrer Familie, von ihrem Vaterlande, von ihrem Geliebten, und mußte sich fragen, welches Los sie im fremden Lande erwartete. Würde sie in ihrem neuen Heim, wenn auch nicht Freundschaft, so doch wenigstens ein freundliches Entgegenkommen finden?

Clarissa vergaß nicht in den Zeilen an ihre Mutter die zarten Besorgnisse Williams und ihre eigne Zuneigung zu ihm, hervorzuheben, denn sie wußte, wie glücklich es ihre Mutter machen würde.

Gegen sechs Uhr des Abends nahmen William und Clarissa einen Wagen und fuhren nach dem Bahnhof von Charing Croß. Mit einem ganz geheimnisvollen Ausdruck in seinem ehrlichen Gesicht, ließ William auf halbem Wege vor einem der reichsten Juwelierläden des Westend den Wagen halten, indem er vorgab, dort zu thun zu haben, und kam bald mit einem prächtigen Ringe zurück, den er an den Finger seiner Verlobten steckte und wofür er, allerdings nicht ohne einiges Widerstreben, einen Kuß auf die Wange der lieblichen Clarissa drücken durfte.

Um dreiviertel auf acht Uhr fand sich Herr Sullecartes pünktlich auf dem Abfahrtsperron ein, und stellte den jungen Leuten eine ganz in Schwarz gekleidete Frau als Madame Raphaela Sullecartes vor.

»Mein Fräulein«, sagte der Seelenverkäufer, »Ihre Empfehlungen haben sich als in jeder Hinsicht ausreichend erwiesen, und wenn alle unsere Bedingungen Ihren Wünschen entsprechen, bitte ich Sie, sich als zu dem edlen Hause des Grafen von Brederode gehörig zu betrachten.«

Nachdem Miß Morton in wenigen, einfachen und aufrichtigen Worten gedankt hatte, löste Sullecartes drei Billets für den Eilzug nach Brüssel.

Die wenigen Minuten, bis der Zug abging, wurden durch die Abschiedsgrüße der Liebenden ausgefüllt. William stand an der Waggonthüre – ein Kuß, diesmal erwidert, ein Pfiff der Lokomotive, ein mit Sullecartes gewechselter Händedruck nebst einem Gruß für dessen Genossin mit einer Empfehlung, für Clarissa Sorge zu tragen, und langsam setzte die mächtige Maschine die lange Reihe der Wagen in Bewegung. Zwei Minuten später konnten die Blicke seiner angebeteten Braut William nicht mehr erreichen und er sah nur noch die rollende Masse in der Richtung nach dem Festlande sich fortbewegen, nur noch den weißen Strich, den der Dampf über der ungeheuren Themsebrücke bildete.

Eine unbeschreibliche Herzbeklemmung ergriff ihn, zwei Tage lang hatte er unter der Einwirkung des Zaubers seiner lieblichen Braut gestanden, und nun eilte der Gegenstand seiner Liebe weithin nach einem fremden Lande. Würde es sie wenigstens gastlich aufnehmen? Würde das junge Wesen in Belgien jenes Entgegenkommen, jene Achtung, jene Zuvorkommenheit finden, womit man in England jede Frau umgiebt, welchem Stande sie auch angehören möge? Je mehr er der Zartheit ihrer Gefühle, der Reinheit ihrer Seele gedachte, um so banger wurde ihm. Seine Phantasie umgab sie mit den glänzendsten Vorzügen, und vor seinem geistigen Auge zog ihre ganze Vergangenheit vorüber. Er malte sich ihre Kinderspiele auf den Klippen von Scalby und die eifrige Hingabe an ihre Studien aus, die von den entzückenden Landpartien, die er mit der Familie Morton unternehmen durfte, unterbrochen waren. Und die Trennung von ihr wurde ihm nur immer schwerer durch das Denken und Grübeln.

Clarissa besaß die reinen Züge jener Miß Harlowe, welche Richardson unsterblich machte, indem er selbst durch sie unsterblich wurde, aber zu dieser Ähnlichkeit kam bei ihr ein festerer und weniger der Wortstreiterei des 18. Jahrhunderts sich hingebender Charakter. Sie war das praktische Weib der Gegenwart, ein Weib, welches weiß, daß es außerhalb der Arbeit für die arme Frau nur Schande giebt, und dieser Gedanke gab ihr den Mut freiwillig in ihr Exil zu gehen.

Es ist in England nichts seltenes, daß sich junge Mädchen aus den bessern Ständen nach fernen Ländern, sogar ohne Begleitung einschiffen. Die englischen Sitten sind eben weit und frei, wie die englischen Besitzungen.

Die Reise von London über Dover und Calais nach Brüssel ist reizlos genug, um uns zu gestatten, sie mit Stillschweigen zu übergehen, und es bleibt nur zu erwähnen, daß während der halben Stunde des Aufenthalts in Dover auf Raphaelas mit leiser Stimme gegebenen Rat, Sullecartes folgendes Telegramm abgehen ließ:

Herrn Pandarus, Kaffeewirt, Saint Laurentstr., Brüssel.

Ankunft mit Colli, erste Qualität. Kutsche kommen lassen und Schloß in Bereitschaft setzen.

Jean.

Diese rätselhafte Depesche wird sich später hinlänglich erklären oder es kann auch gleich gesagt werden, daß sie dem Besitzer eines schlechten Hauses das Eintreffen eines sehr schönen Mädchens (Colli erster Qualität) anmeldete, damit dieser alles zu ihrem Empfange herrichtete.

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