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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
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Viertes Kapitel

»Ich komme, mein lieber Mr. Jones, mit einem Auftrage von siebenzig Annoncen und hoffe, daß Sie mir keine zu starke Rechnung machen werden«, redete Sullecartes seinen Geschäftsfreund an. Er sprach das Englische verständlich, aber mit jenem flämischen Accente, der in dieser Sprache ebenso gemein klingt, wie im Französischen.

»Mein Haus hat immer feste Preise, Mr. Sullecartes.« »Cashy,« rief er dem Kassierer zu, »lassen Sie sich hier siebenzig Schilling an Kommissionsgebühren geben und dafür siebenzig Inserate in siebenzig Zeitungen setzen. Es ist für englische Gouvernanten,« fügte er bei, »nicht wahr, Mr. Sullecartes?«

»Ja wohl, Mr. Jones, sie sind für das Ausland bestimmt. Hier ist der Wortlaut und da haben Sie zwölf Pfund; ich hoffe, das wird genügen.«

Zufrieden mit dieser kleinen Extra-Einnahme bat der Geschäftsagent Herrn Sullecartes, in sein Kabinet einzutreten und trieb die Großmut so weit, Whisky, sein Lieblingsgetränk, auftragen zu lassen.

»Nun, Mr. Jones, sagen Sie einmal, wie kommt es, daß ich auf mein in der »Times« inseriertes Anerbieten einer Stelle immer noch keine Antwort erhalten habe?«

»Nur Geduld, Mr. Sullecartes, dazu braucht es Zeit. Es sind zwei oder drei Personen gekommen, aber von so abschreckender Häßlichkeit, daß ich mir die Freiheit nahm, sie abzuweisen, ohne erst Ihren Rat einzuholen. Übrigens, mein Lieber, sollten Sie die Sache im Großen betreiben.«

»Wie so im Großen?« fragte Sullecartes.

»Nun ja, man muß eben nur die feinsten Exemplare auswählen. Was bringen Ihnen die Ladungen von Menschenfleisch ein, welche Sie nach Belgien senden? Vielleicht dreihundert Francs per Kopf nach Abzug der Kosten? Viel Arbeit und dazu die Krebse, die nicht abgesetzte Ware! Nein, treiben Sie es doch im Großen! Schicken Sie einmal eine unserer berühmten Schönheiten hinüber, ein gebildetes, frisches, junges Frauenzimmer, das den kältesten Flamänder in Glut bringen kann, und Sie werden zehntausend, vielleicht zwanzigtausend Francs einnehmen, aber bei der Seele meiner, vor achtzehn Monaten gestorbenen Mutter, vergessen Sie mich nicht dabei.«

Jones wurde in Aussicht eines so ernsten Geschäftes ganz lebhaft; Sullecartes dagegen wußte wohl, warum er so viel Anzeigen in die Zeitungen einrücken ließ, und antwortete daher ruhig:

»Nun, verschaffen Sie mir nur die Ware; ich werde sie unterbringen und wir machen halbpart.«

So weit waren die beiden Spießgesellen in ihrem Geschäfte gekommen, als man einen starken Schlag an der Thür vernahm und ein Kommis einen Herrn und eine Dame meldete, welche Herrn Jones in dringenden Geschäften zu sprechen wünschten.

»Lassen Sie sie eintreten«, sagte der Geschäftsmann, »und Sie, Sullecartes, wollen Sie unterdessen einen Spaziergang bis zum Park machen und in etwa zehn Minuten wiederkommen?«

Während Sullecartes durch eine Seitenthür verschwand, traten die beiden neu Angekommenen durch das Bureau in das Kabinet ein.

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Jones, indem er sich bei dem Anblick eines eleganten Herrn und einer bezaubernden schönen jungen Dame erhob: »ich stehe zu Ihren Befehlen«.

»O, es ist keine große Sache,« sagte der junge Mann, »ich muß sogar um Entschuldigung bitten, daß ich in Ihr Bureau eintrat, nachdem die Thür bereits geschlossen war; wir in der City schließen nicht vor sechs Uhr und ich glaubte daher noch zu rechter Zeit zu kommen.«

»Sie sind durchaus entschuldigt, mein Herr, ich habe heute aus Ermüdung und wegen der Hitze etwas früher geschlossen. Aber setzen Sie sich gefälligst, und bitte auch Sie, Fräulein.«

»Mein Herr, könnten Sie uns über die Annonce in der »Times« vom 4. Juni Auskunft erteilen und uns sagen, ob die Stelle noch frei ist?«

Es blitzte in den Augen des Mr. Jones auf, und mit verdoppelter Höflichkeit sagte er zu den jungen Leuten:

»Bitte um einen Augenblick Geduld, ich werde in den Büchern nachsehen.«

In Wahrheit that er nur so, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Er befahl einem Kommis, die Thüre zu überwachen und niemand als Sullecartes eintreten zu lassen, und kehrte dann in das Kabinet zurück.

»Mein Gott«, sagte er, »die Stelle ist noch nicht besetzt, aber es haben sich sehr viele Damen darum beworben, und wenn es diese junge Dame betrifft, so würde es gut sein, denke ich, mit der Person Rücksprache zu nehmen, welche eine Gouvernante sucht.«

»In der That, wir wünschten diese Person so bald als möglich zu sehen, denn die Bedingungen entsprechen uns in allen Beziehungen.«

»Ach, jetzt fällt mir ein«, erwiderte lebhaft der Geschäftsmann, und schlug sich auf die Stirne, »der Verwalter der Familie, welche eine Erzieherin braucht, kommt ja alle Tage um sechs Uhr hier vorüber! Wie viel Uhr ist es denn? Ach, nur zehn Minuten vor sechs! Wenn es Ihnen also gefällig wäre, noch einige Augenblicke hier zu bleiben, so würden Sie sich viele Mühe ersparen und könnten sofort ins Reine kommen. Da haben Sie die »Times«, mein Herr, und für Sie, mein Fräulein, ist hier ein unterhaltendes Blatt, die »Schmetterlinge«.« Der durchtriebene Spitzbube schien sich sodann in ein Geschäftsbuch zu vertiefen, während er in Wahrheit einen neuen Plan in Erwägung zog, dessen Gegenstand Clarissa war.

Nach kaum zwei Minuten wurde Sullecartes gemeldet. Jones eilte ihm entgegen, flüsterte ihm schnell einige Worte leise zu und ließ ihn dann in das Kabinet eintreten, indem er mit dem natürlichsten Tone in der Welt zu ihm sagte: »Sie kommen gerade zur rechten Zeit, Mr. Sullecartes, denn diese junge Dame fragte soeben nach Ihrer Adresse, um sich wegen der Stelle zu erkundigen, die Sie zu vergeben haben.«

»Mein Herr«, wandte er sich dann zu William, »ich stelle Ihnen hier den Bevollmächtigten des Herzogs von – von –«

»Des Grafen von Brederode«, ergänzte Sullecartes, welcher sich längst auf diese Rolle vorbereitet hatte.

Dieser in der Geschichte Belgiens wohlbekannte Name machte den lebhaftesten Eindruck auf die beiden jungen Leute.

Sie erinnerten sich desselben aus der Geschichte der Kämpfe für die Glaubensfreiheit im sechszehnten Jahrhundert.

Zufrieden mit der erzielten Wirkung fügte Sullecartes mit feiner sanftesten Stimme hinzu: »Ja, mein Fräulein, denn ich nehme an, es handelt sich um Sie, Sie werden die Ehre haben, dem berühmten Hause anzugehören, welches ich vertrete; aber mein hoher Herr hat sehr strenge Grundsätze und Sie werden mich entschuldigen, wenn ich, getreu meinen Weisungen, mir erlaube, Sie um Empfehlungen ersten Ranges zu bitten. Hier ist übrigens auch der Brief, den ich vom Grafen Brederode erhalten habe und ich bitte Sie, davon Kenntnis zu nehmen.«

Indem er dies sagte, hielt Sullecartes William einen Brief hin, dessen Umschlag ein aristokratisches Siegel und dessen Kopf ein Wappen mit Krone trug.

Dieser Brief, aus Brüssel datiert, lautete folgendermaßen:

Herrn Jean Sullecartes.

Wollen Sie in meinem Namen, Seine Exzellenz den Herzog von Cambridge besuchen, und ihn an sein Versprechen erinnern, mich in Belgien aufzusuchen.

Vergessen Sie auch nicht, mir eine englische Erzieherin für meine Tochter Nana zu verschaffen; denn wir, die Gräfin und ich, wünschen lebhaft, daß sie englisch lerne. Es versteht sich von selbst, daß Sie nur eine Person von höchster Achtbarkeit wählen dürfen, und ich ermächtige Sie, die nötigen Auslagen zu machen.

Wenn möglich, wünschen wir eine Dame von 20 bis 25 Jahren und von angenehmem Äußern.

Graf von Brederode.

P. S. – Schicken Sie mir umgehend die Zeitungsberichte über die letzte Rede von Lord Granville.

William versuchte den Brief zu lesen, aber er kam nicht recht fort damit, und reichte ihn seiner Begleiterin. Diese, obschon nicht französisch sprechend, las es doch mit Verständnis, und mit ihrer sanften lieblichen Stimme übersetzte sie ihm den Brief ins Englische.

Mr. Jones nahm dann ebenfalls den Brief. »Teufel«, dachte er, »der Mensch ist verdammt gerieben und ich, ich wollte ihm Rat erteilen!« »Mr. Sullecartes,« fügte er laut hinzu, »dieser Brief scheint mir von einem wahren Gentleman geschrieben. Keiner unserer Lords hätte ihn besser abgefaßt, als Ihr Graf Brederode«, und ohne weitere Umstände steckte er den Brief in die Tasche, ohne auf einen schnellen und zornigen Blick von Sullecartes zu achten

»Für eine gute Katze eine gute Ratze«, dachte Jones, »diese Fälschung liefert ihn in meine Hände!«

»Es ist nur noch eine Schwierigkeit,« bemerkte Clarissa, »nämlich in Betreff des Alters. Ich zähle noch nicht siebzehn Jahre, während in dem Brief des Herrn Grafen zwanzig verlangt werden.«

»Es ist wahr,« entgegnete Sullecartes, »aber man kann nicht alles vereinigt finden, und wenn Sie das verlangte Alter noch nicht ganz erreicht haben, so besitzen Sie dafür das angenehme Äußere, welches der Herr Graf wünscht.«

Der Fälscher bekräftigte sein Kompliment mit einer tiefen Verbeugung und fuhr dann fort: »Wenn Sie es wünschen, mein Fräulein, wollen wir diese Angelegenheit gleich ins Reine bringen und meine Frau wird Sie morgen Abend um acht Uhr am Bahnhof von Charing Croß treffen, und wir reisen von dort dann alle drei nach Brüssel.«

»Wie? Schon morgen?« fragte William.

»Ja, mein Herr,« antwortete mit wichtiger Miene Sullecartes, »morgen Abend um acht Uhr, und die Zeit bis dahin will ich benutzen, um mich nach Ihnen zu erkundigen, obschon ich keinen Augenblick zweifle, daß alle Auskunft zu Ihren Gunsten sein wird. Wollen Sie mir, ich bitte, angeben, wo ich Näheres über Sie erfahren kann?«

Der junge Mann gab die Namen einiger bekannten Personen an, welche mit seiner Familie und mit derjenigen seiner Braut befreundet waren, und nahm mit einer Verbeugung von Jones und Sullecartes Abschied. William fühlte sich zu gleicher Zeit glücklich und unglücklich, glücklich, weil sich Clarissen eine außerordentlich günstige Aussicht eröffnete, unglücklich, weil er sich so bald von seiner Braut, die er so sehr liebte, trennen sollte.

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