Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Henne am Rhyn >

Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

An einem Juni-Tage träumte Jones, auf seinem hohen Kontorstuhle halb eingeschlafen, von einem neuen Plan, und war eben dabei angekommen, daß das Unternehmen mit einem Bankerott von fünfzigtausend Pfund Sterling abgeschlossen, und ihm tausend Pfund eingetragen hatte. Dasselbe betraf eine Gesellschaft für eine neue Triebkraft ohne Anwendung von Kohlen noch anderem Brennmaterial, und Jones hatte im Geiste soeben den Befehl gegeben, das Lokal zu schließen und die Bücher in Verwahrung zu bringen. Es war fünf Uhr Abends. Die Straße wimmelte von Wagen, die nach dem Park fuhren, von Kabs, Omnibus, Karren und Fußgängern. Es war ein ununterbrochener Strom und Gegenstrom zwischen der City und dem Westend, in denen sich die menschliche Flut vom Mittelpunkt zurückzog und nach den Vorstädten ergoß. Die Schenken waren überfüllt, die Kutscher rissen sich um die Fahrgäste, die Zeitungsverkäufer um die Leser. Die Polizeileute hielten in der flutenden Menge mit lauten und barschen Befehlen die Ordnung aufrecht.

Jones beobachtete mit zerstreutem Blicke diesen Abschluß des Geschäftstages, als Schläge an der bereits verschlossenen Hausthüre ihn aus seinem Halbschlummer rissen. Das Geschäft war für Jones das Leben und mit Stentorstimme rief er seine, zum Weggehen sich bereit machenden Kommis zurück.

»Jeder an seinen Platz und die Thür geöffnet. Alle Wetter, vielleicht kehrt das Glück bei uns ein in den schweren Zeiten, meine Freunde«; rief er seinen Kommis zu, welche für ein Pfund die Woche, Abzüge für Dienstfehler vorbehalten, bei ihm angestellt waren. »Ah, guten Abend, Mr. Sullecartes«, begrüßte er den neu Angekommenen. »Welcher gute Geist führt Sie her?«

Sullecartes, welcher etwa fünfzig Jahre zählen mochte, war groß und stark, und schlug die Augen, die den mit ihm Sprechenden scharf fixierten, nieder, wenn er fühlte, daß er prüfend angesehen wurde. Diese Gewohnheit verlieh ihm nicht das Gepräge der Falschheit, sie konnte ebensogut für eine gewisse Demut, wenn nicht gar Schüchternheit gelten. Die feinen Züge und die anständige Kleidung gaben dem Manne einen Anschein von Ehrbarkeit, den eine sanfte fröhliche Stimme, wenn sie auch etwas rauh war, noch verstärkte. Dem Physiognomen wäre ein von Zeit zu Zeit wiederkehrendes sardonisches Lächeln auf den eingekniffenen Lippen, welches Gedanken verriet, die redlichen Absichten nicht entsprachen, nicht entgangen, und ebenso offenbarten sich durch die zurückweichende Stirn und die gebückte Gestalt die Folgen von Ausschweifungen, aber sie konnten auch von Entbehrungen und sogar von Gedankenarbeit herrühren. Es kam daher, daß Sullecartes bereits die Welt kannte, und was für eine Welt.

Belgier von Geburt, schien ihm England als zweites Vaterland notwendig geworden zu sein, denn mehr als ein Strafurteil harrte seiner in seiner Heimat.

Von Beruf Schuster, ohne irgend welche Bildung, war er von Stufe zu Stufe gesunken und hatte sich schließlich mit einer Irländerin, Namens Raphaela, verbunden, um den Handel mit Mädchen, oder wie man es auch nennt, weißen Sklavinnen zu betreiben. Seitdem war sein Anzug gewählter und seine Ausschweifung vornehmerer Art geworden, wenn man in der Welt des Lasters von solchen Abstufungen sprechen kann. In der That, die Geschäfte standen selten still und gewisse Häuser des Festlandes, deren Namen man kaum zu nennen wagt, hatten ihn zu ihrem offiziellen Vertreter gewählt, da sie selbst sich als anerkannte kommunale Anstalten betrachteten.

Während er am Vormittage mit Raphaela alle die Kriegslisten seines faulen und schmutzigen Gewerbes beriet, verwendete er den Abend dazu, die verrufenen Lokale der Hauptstadt zu besuchen; das Aquarium, die Alhambra, das Café chantant von Oxford, das Metropolitan, das Canterbury und besonders das Ball-Lokal von Argyle und das von Cremorac waren seine Lieblingsorte. Er war stets sicher, daselbst eine große Anzahl junger Mädchen zu treffen, die sich gerne ansprechen und bewirten ließen.

Diese sogenannten Kunsttempel, in denen oft recht hübsche Vorstellungen gegeben werden, sind in Wahrheit nichts anderes als Stelldichein-Plätze für Herren und Damen, welche galante Abenteuer suchen. Die Unsittlichkeit führt das Szepter, aber dieselbe geht doch nie so weit, das Weib zum lebenden Leichnam zu erniedrigen, während Frankreich und Belgien diese letzte Schändlichkeit zu Gunsten einer bevorzugten Klasse der Bevölkerung zu bedürfen scheinen. Diese Frauenmagazine machen, ähnlich wie die Tabaksmagazine, ihre Inhaber sehr bald zu den Besitzern großer, auf die Unsittlichkeit der Frauen basirter Vermögen. Die Konzessionäre werden »Pächter« genannt, weil sie gegen eine Abgabe von den Präfekten oder Gemeinderäten ihr Geschäft in Pacht bekommen, die bedeutenderen dieser Häuser werden kraft einer unterzeichneten, besiegelten und gestempelten Bewilligung gestattet, andere sind es in Folge des einfachen Beliebens der Polizeibehörden, welche in der Regel die schuldige Anzeige desselben bei den Behörden unterlassen. Die Gesetze werden eben auf dem Festlande besser abgefaßt als ausgeführt.

Der wahrhaft unglaubliche Geschäftsgewinn des Jean Sullecartes und seiner Genossen ist begreiflich, wenn man weiß, daß es in Brüssel mehr als viertausend Häuser der Unzucht mit einer Bevölkerung von etwa zwanzigtausend weiblichen Wesen giebt.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.