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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 35
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Von etwa zwanzig Mann gefolgt, betraten William, Alfred und Georg das Haus Nr. 200 im Riedyk. Es war die vornehmste »Anstalt« dieses schamlosen Quartiers. Im Gegensatze zu andern Häusern, deren prostituierte Bewohnerinnen innerhalb des Quartiers die Straßen betreten dürfen, hielt Nr. 200 nach dem Brüsseler System seine Insassen in Gefangenschaft und die starke Thür schloß sich daher hinter den eingetretenen Seeleuten, während der Rest derselben sich in der Straße auf den ersten Ruf bereit hielt.

Auf den gebräunten Gesichtern der Matrosen drückte sich deutlicher Ekel aus bei dem Anblicke der bereits berauschten Dirnen, die sich bemühten, auf Befehl zu lachen. Es war für William schwierig, seine beleidigten Gefühle zu verbergen; aber Alfred sah ein, welche Gefahr es bringen würde, sie offen zu zeigen, und er rief daher: »Nun lustig, Kinder, alle Wetter Champagner her!« »Bravo,« riefen zwanzig heisere und angetrunkene Stimmen Verlorener. »Bravo, hübscher Midshipmann«, und im Augenblicke hatte ein jeder, gern oder ungern, seine »Schöne«.

Das magische Wort »Champagner« that seine Wirkung. Es gab da, zwischen den Männern verteilt, in extravaganten Trachten, Mädchen jeden Alters, aller Farben, aller Nationen, von dem Negerkinde, an tropischer Küste geraubt, mit Wollhaaren und Stumpfnase, bis zur blonden Tochter des Nordens mit blauen Augen.

Die Abyssinierin, groß und schlank, die Haut schwärzer als Tinte, schoß aus ihren Augen, sanft wie die der Gazelle, geheimnisvolle Blicke und zeigte blendende Zahnreihen und klassische Gesichtszüge.

Neben ihr saß die Schottin, mit rötlichen Locken und milchweißer Haut, träumerisch, wie es ihre Landsmänninnen sind, und weiterhin sah man die üppigen und blonden Flamänderinnen, wenn auch hübsch, doch gemein im Benehmen, trunken und sinnlich.

Aber die Zeit rückte vor, und William, für welchen jede Minute ein Gedanke an seine Clarissa war, nahm die erste beste am Arme und stieg mit ihr, durch eine äußerste Anstrengung des Willens Fröhlichkeit heuchelnd, zum ersten Stockwerke hinauf. Er durchschritt den langen Korridor und erkannte nach der Beschreibung Dollons das geheime Zimmer, in welchem seine Heißgeliebte eingeschlossen war; denn ein junger Taugenichts mit einem Stiernacken bewachte den Eingang.

Er hielt an, die Aufregung bemeisterte sich seiner starken Seele, die Aufregung der Wut.

Das Knurren eines Bulldoggs und ein Fluch entrannen den Lippen des Cerberus, der eine Gefahr witterte.

Die beiden Männer sahen einander mit Haß und Mißtrauen an, während es in tiefen und mächtigen Tönen an der alten Kathedrale elf Uhr schlug.

Da öffnete sich hinter dem Spitzbuben eine Thüre, wie auf den Druck einer Feder.

»Clarissa!«

»William!«

Und alles vergessend hielten die Liebenden einander umschlungen.

Dollon aber, schnell wie der Blitz, immer auf der Höhe der Situation, weil er stets jede Möglichkeit erwogen hatte, stürzte sich aus den Wächter. »Hier«, sagte er, ihm den Revolver unter die Nase haltend, und stieß ihn in das Boudoir hinein, dessen Thür er verschloß.

Nachdem dieser erste Schritt glücklich vollzogen war, packte der Detektiv die Dirne, welche William begleitet hatte und wie versteinert am Boden haftete, und sandte sie, nicht ohne einigen Widerstand und einiges Geschrei, in das Boudoir dem ersten Insassen nach.

Dieses Geschrei entging dem wachsamen Ohre Pandarus nicht. Leise hinaussteigend, um sich nach der Ursache des Gehörten umzusehen, das übrigens nichts ungewöhnliches war, – wie erstaunte er nicht, mitten auf der Treppe Dollon zu begegnen, welchem Clarissa am Arme eines Herrn folgte!

Pandarus war von kolossaler Stärke, aber er hatte den Nachteil der Stellung und erwartete auf keinen Fall einen Angriff.

Bevor er Zeit hatte, sich von seinem Erstaunen zu erholen, warf ihn der Detektiv, als gewandter Boxer, mit einem Schlage an den Fuß der Treppe, wo er hin rollte.

»Zu Hilfe, meine Gesellen«, heulte Pandarus.

»Zu Hilfe, meine Kinder«, rief mit mächtiger Stimme Dollon, während er zugleich einen enormen Revolver abschoß, dessen starker Knall den losbrechenden Tumult übertäubte.

In einer Minute waren zwanzig Spitzbuben auf den Füßen. Man konnte glauben, daß sie aus der Erde wüchsen. Aber die kräftigen Arme von zwanzig Matrosen packten diese Boudoirhelden, diese Soldaten der Ausschweifung, die wohl stark, aber noch mehr feig waren, an der Kehle.

Die Verwirrung und der Lärm hatten jetzt den Höhepunkt erreicht, sowohl im Korridor, als in dem großen Saale des Parterre, wo sich die Matrosen zu Herren der Situation gemacht hatten. Die Dirnen stießen ein durchdringendes Geschrei aus.

Alfred hielt den waffenlosen Pandarus im Schach.

»Befehlen Sie, daß man die Thür auf die Straße öffne«, sagte er zu dem Kuppler, »oder ich blase Ihnen das Lebenslicht aus.«

Die Thür aber wankte bereits unter den wiederholten Schlägen der von außen Eindringenden, welche den Schuß wohl gehört hatten.

In dem Augenblicke, als Pandarus unter der Wirkung jener Drohung sich anschickte, die Öffnung der Thüre anzuordnen, fiel dieselbe und ein Menschenstrom drang in das Haus; es waren die Freunde aus dem Klub.

Clarissa, den Revolver in der Hand, zur Seite ihres Geliebten, wurde von der kleinen Schar in die Mitte genommen.

Als die wackern Seeleute ihre schöne Landsmännin erblickten, ließen sie ein mächtiges Hurrah ertönen und schwuren, sie zu retten, oder für sie zu sterben.

Langsam und vorsichtig setzte sich die englische Schar in Bewegung. In der Straße wurden sie durch alle jene verstärkt, welche nicht hatten eindringen können und etwa hundert entschlossene Männer waren mitten im Riedyk beisammen, den Kanal im Rücken; vorne aber stellten sich ihnen mehr als zweihundert Spitzbuben entgegen, welche die Lage bereits erfaßt hatten und bereit waren, ihren Rechten auf die ihrer Sorge anvertrauten Frauenzimmer Achtung zu verschaffen.

In ihrer ersten Reihe standen jene berühmten Ringkämpfer der Messen und Jahrmärkte, jene Gaukler, Degenverschlucker, Tierbändiger, Clowns und alle ähnlichen Vagabunden, welche mehr oder weniger Verbindungen mit den von der Prostitution lebenden Menschen pflegen.

Pandarus und seine dienstbaren Geister waren ebenfalls gekommen, diese Bande auf ihnen bekannten Wegen zu verstärken.

Auch Sullecartes befand sich unter dieser unsaubern Schar; er hatte soeben wieder zwei unglückliche Engländerinnen ins Verderben geliefert. Er feuerte die Bande an, denn er fürchtete mit Recht von dem Erfolg einer Befreiung, Schaden für sein Geschäft.

Mitten im Geschrei der Weiber, im ungeheuren Lärm der Volksmasse, welche sich versammelte, begierig nach jedem Skandal unter den Ausrufungen der Matrosen und der aus den Häusern herbeieilenden Bürger, sowie unter dem Geschrei der einander aufmunternden Kuppler war der Augenblick wahrhaft feierlich, als die ersten Glieder der Seeleute anrückten.

»Halt!« schrie ihnen Sullecartes in englischer Sprache entgegen, »ihr habt nicht das Recht, hier zu passieren.« Die Matrosen ließen sich aber nicht aufhalten.

Der Ringkämpfer Régnier begann die Tätlichkeiten. Er hatte vor sich einen kolossalen, wie aus Granit gemeißelten Matrosen und warf sich auf ihn mit der Wut des Panthers. Der Matrose schüttelte ihn jedoch ab, packte ihn mit den Fäusten und schleuderte ihn wie ein Wurfgeschoß über die fünf ersten Reihen hinaus.

»Hurrah für Jack«, schrieen wie mit einer Stimme die Matrosen bei dem Anblicke dieses Kraftstückes, während der Ringkämpfer halb tot auf dem kalten Pflaster hingestreckt lag.

Die Engländer rückten vor, griffen nun ebenfalls an, und ein furchtbares Handgemenge entspann sich in den ersten Reihen. Hatten die Ringkämpfer die Kenntnis von allerlei Kunststücken für sich, so kam dagegen den Matrosen die Gewohnheit zu statten, Maschinen von erdrückendem Gewicht zu handhaben und überdies waren sie in der nationalen Kunst des Boxens bewandert. Mehr als einer wiederholte die Heldenthat Jacks. Jack selbst aber hatte zuletzt Sullecartes ergriffen, den ihm William bezeichnet hatte, und bediente sich dieses Elenden wie eines Beiles, mit dem er auf die erschreckten Gegner loshieb. Sullecartes stieß ein durchdringendes Geheul aus. Jetzt keuchten die Kuppler vor Anstrengung, so waren sie von den Matrosen in die Enge getrieben. Die Meisten waren kampfunfähig, und die hinteren Reihen widerstanden nur noch schwach dem unaufhaltsamen Andringen der Seeleute.

Die Letzteren hatten bereits die Ecke einer Straße erreicht, welche zum Landungsplatze führte. Da schrie die Menge: »Die Polizei, die Polizei!« und das Gedränge lockerte sich.

»Es lebe die Polizei!« schrieen die Kuppler, welche neue Hoffnung schöpften.

Dollon ging dem Ober-Polizeikommissar entgegen, dem etwa 60 Agenten in Uniform folgten.

»Mein Herr«, sagte der Kommissar, »Frauen dürfen dieses Quartier nicht verlassen, Sie werden mir dieses Mädchen ausliefern, welches die ganze Ursache der Ruhestörung ist.«

»Niemals«, war die einzige Antwort Dollons.

Der Kommissar, ein vernünftiger Mann, war weit entfernt, über den Ausgang eines Kampfes mit bis an die Zähne bewaffneten Männern beruhigt zu sein, namentlich da der Anblick derselben nur zu sehr die unerschütterlichste Festigkeit verriet.

»Mein Herr«, sagte er noch einmal zu Dollon, »übergeben Sie, um Blutvergießen zu verhindern, dieses Mädchen. Es wird nicht in das Haus zurückkehren, aus welchem es kommt.«

Der Detektiv wandte sich an William und Clarissa, welche ihm näher getreten waren.

»Niemals,« antwortete Clarissa, »werde ich mich lebend den Elenden ergeben.«

»Das ist auch meine Ansicht,« sagte Dollon, indem er dem Polizeikommissar die Antwort mitteilte. Und er befahl den Matrosen vorzurücken, denn er fürchtete Verstärkung der Gegner und jede Minute war kostbar.

Die bedrängten Polizisten zogen sich mit entblößtem Seitengewehr zurück und die Seeleute zogen ihre Stilete. In diesem Augenblick entstand ein furchtbares Gedränge. Eine zahllose Schar von Seeleuten aller Nationen strömte, alles niederwerfend, herbei, um an dem Kampfe teilzunehmen, oder vielmehr, ihn überflüssig zu machen.

Von zweitausend begeisterten Matrosen und einer unzählbaren Menge gefolgt, gewann Dollons kleine Schar den Schelde-Quai.

Der Dampfer »City of London«, Kapitän Peacok, lag auf der Rhede bereit zur Abreise, und erwartete die Rückkehr seiner Mannschaft an Bord. Der Kapitän, welcher den Stand der Sache kannte und den Entschluß billigte, ein unrechtmäßig gefangenes Mädchen zu befreien, sandte auf ein verabredetes Zeichen ein Boot an das Land, welches Clarissen und etwa 10 Seeleute an Bord nahm.

Die Heldin dieser wahren Geschichte war gerettet, und als das Boot abermals am Quai anlegte, um eine weitere Partie von Mannschaft aufzunehmen, begrüßten langanhaltende Rufe der Begeisterung den glücklichen Erfolg des Unternehmens.

Dollon drang auf die Einschiffung dieser Leute, als der taktmäßige Lärm heranmarschierender Soldaten seinen geübten Ohren vernehmbar wurde. Er begriff, daß noch nicht alles zu Ende war. In der That rückte ein Infanterie-Regiment raschen Schrittes gegen den Quai heran, auf welchem sich noch die meisten der Seeleute befanden, die an dem Handgemenge teilgenommen hatten.

Dollon wandte sich gegen den Kommandanten. »Mein Herr«, sagte er zu ihm, »die von der Polizei verfolgte Dame ist bereits in Sicherheit. Sie war sechs Monate gegen ihren Willen in einem öffentlichen Hause eingesperrt.«

»Welche Schändlichkeit«, erwiderte der Kommandant, und zum Polizeikommissar gewandt, fügte er bei: »Die belgische Armee ist nicht dazu da, die Pächter solcher Häuser zu unterstützen.« Dann befahl er seinen Soldaten halbe Wendung und entfernte sich von den wackern Leuten, die eine so große und schwierige That vollführt hatten.

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