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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 34
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Der letzte Tag des Jahres ist überall ein Festtag. So war auch in dem Marinequartier von Antwerpen das Leben ein bewegtes. Dieses Quartier besteht aus vier oder fünf engen und kurzen Straßen, die sich in rechten Winkeln durchschneiden und auf der einen Seite von dem trüben Gewässer alter Bassins und Kanäle, auf der andern von einem Polizeikordon begrenzt sind, welcher die Aufgabe hat, die Frauenzimmer, welche die Grenzen des Quartiers überschreiten wollen, zurückzuweisen. Die belgische Polizei vertritt daher dort die Stelle der Bluthunde in den Ländern der Neger-Sklaverei. Die ungemein hohen Häuser scheinen über dem verirrten Spaziergänger ein Gewölbe zu bilden. Ihre spitz zulaufenden Giebel auf der Straßenseite geben ihnen ein altertümliches Gepräge. Während des Tages ist das Quartier ziemlich ruhig; abends und nachts dagegen treten der Lärm und die Ausschweifung in ihre Rechte.

Jedes Haus ohne Ausnahme dient der Unsittlichkeit. Von der Abenddämmerung bis zum Tagesgrauen erschallt eine grelle Musik aus hundert Lokalen zugleich, überall in diesen »Musicos« tanzt man und macht sich lustig.

Die Straßen sind voll lärmender Weiber in schamlosem Aufzug und in grellen Farben. Die Straße ist eine Fortsetzung des Bordell. Im Hintergrunde der dunklen Korridore sieht man funkelnde Salons. Sie sind gedrängt voll Menschen. Hier und da erscheint darunter ein Kaufmann mit ruhigem Gesichtsausdruck; er scheint zu berechnen, was diese Spiegel, diese Goldleisten, diese Malereien, diese Marmortische, diese Grotten und diese Fontänen gekostet haben. In der That müssen die Ausgaben, um das Laster zu schminken, enorm gewesen sein. Aber das Kapital trägt reiche Zinsen!

Jene Herren sind Schiffskapitäne. Keiner von ihnen würde sich nachsagen lassen, in Antwerpen gewesen zu sein und nicht diesen in der Welt der Seeleute so berühmten Winkel besucht zu haben. Es ist ein Zauber, dem man nicht widersteht.

Die Leute weiter unten sind Matrosen. Sie kommen von einer weiten Reise zurück. Auf die Weise, wie sie es treiben, wird in kurzer Zeit der Jahressold, der ihnen eben ausgezahlt worden, in die offenen Taschen der gefälligen und gewandten Ausbeuter menschlicher Leidenschaften fließen.

Weiterhin erblickt man ein noch traurigeres Schauspiel; es zeigt, wenn nicht die tiefe Entsittlichung der heutigen Einwohnerschaft Antwerpens, doch den gänzlichen Mangel an Zartgefühl in ihren Kreisen. Es ist eine junge Frau am Arme des Gatten, welche von der Kirche weg die verrufenen Häuser besucht. Der Gatte erklärt ganz unbefangen seiner schöneren Hälfte die Reize dieser Schlupfwinkel des Lasters. Er führt sie in die luxuriösen Salons mit ihren Paradebetten, wo jeder Blick auf eine empörende Obscönität fällt.

Es ist ohne Zweifel eine traurige Wirkung einer verfallenen Religion! Aber was soll man von den Gesetzen denken, welche angeblich zum Schutze der Schamhaftigkeit erlassen sind und dennoch täglich und öffentlich zum Vorteile der verworfenen patentierten Agenten des Stadtregiments von Antwerpen straflos verletzt werden?

Bei Anbruch der Nacht aber, wenn dieser seltsame Karneval sich belebt, wenn die Menschen vom Trinken erhitzt sind, wird das Quartier gefährlich. Die Atmosphäre ist gleichsam mit einem Dufte der Verderbnis geschwängert, welcher die wilden und niedrigen Regungen der menschlichen Seele berauscht und aufstachelt. Diese Verderbnis verliert sich weit in die Jahrhunderte zurück, und mit der flämischen Sinnlichkeit vermählt sich die bigotte Ausschweifung des Spaniers. Vor der in der Mauernische eines schlecht beleumundeten Hauses angebrachten, unbefleckten Jungfrau tanzt das Freudenmädchen!

Das schmutzige Pflaster schwitzt Verbrechen aus und das Verbrechen steht an jenen hohen Mauern geschrieben, welche das Auge beleidigen. Die Bleifarbe des Wassers macht schaudern; jener häßliche Abfluß der Schelde giebt seine Leichname nicht wieder heraus, denn dieser weitläufige Tummelplatz des Riedyk ist voll von Lebensgefahr, und man darf sagen, daß hier fast täglich das lange Stilet des dunkelfarbigen italienischen Matrosen sich mit dem schnellfeuernden Revolver des Yankee mißt. Jeder Tag zählt einen Mord oder Totschlag mehr. Täglich fällt ein Weib als Opfer einer blutigen That und wird im Hospital enden. Was liegt daran, ob ihre Stunde etwas früher eintritt als sonst? Ist sie nicht außer dem Gesetze, und der junge Matrose, tödlich getroffen, ist er nicht ein elender Fremdling, unwürdig des Schutzes eines zivilisierten Staates? Und jener Kehlabschneider, hat er nicht ein Recht zu leben und das Vermögen von hundert Frauenhändlern zu vergrößern?

Und in diesem Haufen von Kot und Blut war das lieblichste Geschöpf eingesperrt; in diesem Quartier, wo alle göttlichen und menschlichen Gesetze mit Füßen getreten werden, hielten nun unsere wackeren Seeleute in Gruppen ihren Einzug.

Es wäre, wir wiederholen es, schwer gewesen, auf der Erdoberfläche eine Auswahl tüchtigerer Leute zu finden als diese kleine Schaar von Kindern des Meeres; sie waren um so imponierender, diese Eisenmänner, als sie an ein nüchternes und regelmäßiges Leben gewöhnt waren. Der Alkohol, diese Klippe des Seemannes wie des Kriegers, hatte keinen Verehrer unter ihnen. Die harte Arbeit hatte die Muskeln dieser Söhne eines mächtigen Stammes gestählt. Die Gewohnheit der Gefahr hieß sie ruhig sein im Anblicke derselben, und kalte Energie war in ihrem Charakter, wie in dem ihrer Landsleute überhaupt eingewurzelt.

So war denn die Sorge der Rettung Clarissens wahren Männern anvertraut; ihnen war es überbunden, die scheußliche Bande der patentierten Verbrecher, welche die belgische Polizei mit Gunstbezeugungen überhäuft, in die Schranken zu fordern.

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