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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 32
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreißigstes Kapitel

Während die drei jungen Männer sich in den Matrosenklub führen ließen, eilte Dollon nach dem Riedyk, wo er zu der von Pandarus bestimmten Stunde ankam.

»Gehen Sie nur da hinauf«, sagte der Kuppler ganz entzückt, daß der vermeintliche reiche Kunde so pünktlich erschien, »ich hoffe, Sie werden die kleine Wilde vernünftig finden; hier ist der Schlüssel.« Pandarus flüsterte ihm dann noch etwas in das Ohr, in der Absicht, den Preis seiner Ware wo möglich zu erhöhen.

»Ganz gut«, erwiderte der Detektiv lächelnd. Es schlug eben sieben Uhr, als er, wie bereits erwähnt, in das Boudoir eintrat, wo Clarissa so lange auf den Knieen gelegen hatte.

Sie war langsam aufgestanden und hatte sich bei dem Anblicke des Fremden auf den Divan gesetzt.

Dollon hatte sorgfältig die Thüre geschlossen, er betrachtete die Unglückliche und bemerkte sofort die Veränderung, welche seit dem Mittag mit ihr vorgegangen war. Er fürchtete schon zu spät zu kommen, und dieser Mann, der unzählige Male den Tod vor Augen gehabt, ohne zu erblassen, zitterte vor Erregung und sagte mit einer Stimme, die so sanft klang wie die einer Frau, zu dem Mädchen:

»Miß Morton, verraten Sie sich ja durch keine Geberde, durch keinen Ausruf, den selbst diese dichten Wände können Augen und Ohren haben.« Als er das Erstaunen der Gefangenen bemerkte, fuhr er fort: »Seit fünf Monaten suche ich Sie; William und Ihre Brüder sind in Antwerpen. In einigen Stunden werden Sie frei oder wir werden tot sein.«

Clarissa hätte beinahe die Ermahnungen ihres Besuchers ruhig zu bleiben, vergessen.

»Um des Himmelswillen, Vorsicht!« flüsterte Dollon, sich ihr nähernd. »Hier sind Williams Briefe, wenn Sie über meine Rolle nach Zweifel hegen sollten, hier ist auch Ihre Photographie mit einigen darauf geschriebenen Worten, welche er mir vor fünf Monaten übergab.«

Clarissa brauchte nur einen Blick auf diese Briefe zu werfen. Es war ihr nun alles klar. Heiße Thränen der Rührung rannen reichlich über ihre blassen Wangen. »Mein Gott, ich danke Dir«, sagte sie und lud Dollon ein, sich neben sie auf den Divan zu setzen.

In der großen Aufgabe, welche er durchführte, wollte der gewandte Detektiv nichts dem Zufall überlassen. Es war ja möglich, daß ein argwöhnisches Auge die Szene überwachte, obschon wir der Wahrheit gemäß sagen müssen, daß Pandarus nicht von fern auf einen solchen Gedanken verfiel, so sehr hatte der verkleidete Polizeibeamte sein Vertrauen zu gewinnen gewußt.

Dollon fuhr fort: »Es ist möglich, daß man uns behorcht, sprechen wir daher leise; es ist möglich, daß man uns beobachtet, erlauben sie mir daher, den Verliebten zu spielen.« In der That hätte er den Augen eines Spions als ein solcher erscheinen können.

»Ich habe an alles gedacht«, sagte er dann, indem er aus den weiten Taschen seines Mantels einige Lebensmittel zog, »und bevor ich zu erzählen beginne, was seit Ihrer Abreise alles geschehen ist, wünsche ich, daß Sie die Kräfte gewinnen, deren Sie später so sehr bedürfen. Ich setze ferner Wert darauf, daß Sie sich vollständig beruhigen. Hier ist ein Revolver für Sie und ich habe noch zwei solche für mich. Was auch geschehen wird, wir werden nicht lebend in die Hände unserer Feinde fallen.«

Nach diesen Erklärungen, die nicht wenig dazu beitrugen, die unglückliche Gefangene vollständig zu beruhigen, erzählte ihr Dollon mit leiser Stimme die Anstrengungen, die nutzlosen Versuche, die Sorgen derjenigen, welche seit fünf Monaten nur einen Gedanken gehabt hatten, den: Clarissen wiederzufinden.

Von Zeit zu Zeit, während dieser langen, von Thränen und Ausrufen seiner schönen Zuhörerin unterbrochenen Erzählung, warf sich der Polizeibeamte zu ihren Füßen auf die Kniee und so hatte die lange Unterredung so reich an Gefahren, deren Ausgang sogar noch ungewiß war, eine komische Seite, welche überhaupt selten den größten Ereignissen im Leben fehlt.

Clarissa dankte dem braven und würdigen Agenten für seine thätige Mitwirkung. »Mein Herr«, sagte sie, ihm die Hand bietend, »Sie sind die erste ehrliche Gestalt, welche ich in den sechs Monaten erblicke, seitdem ich den belgischen Boden betreten habe. Es dauerte jetzt zu lang und wäre zu ermüdend, Ihnen all mein Unglück zu erzählen. Sie können es erraten, indem Sie meine gebleichten Haare und meine verwelkten Züge betrachten. Es genüge, Ihnen zu sagen, daß ich von dem feilen Seelenverkäufer, der mich gefangen hält, bis zu den Polizeibeamten nichts als Verrat, Täuschung, Feigheit und Roheit gefunden habe. Aber ich schwöre«, fügte sie hinzu, den erhaltenen Revolver an ihr Herz drückend, »ich werde nicht mehr lebend in die Hände meiner Feinde fallen. Als Tochter und Schwester von Seeleuten erlange ich endlich meine Kräfte wieder!«

»Bravo!« sagte Dollon leise, »aber seien Sie ruhig. Es ist bereits drei Viertel auf elf Uhr«, fuhr er fort, zum hundertsten Male seinen Chronometer zu Rate ziehend. »Ihre Brüder sind hier im Hause und William auf unserm Stockwerke. Sechzig Matrosen warten nur auf ein Zeichen. Noch eine Viertelstunde, und ich öffne diese Thüre, entweder der Freiheit oder dem Tode.«

Clarissa sandte ein heißes Gebet zum Allmächtigen für ihre Freunde, welche das Leben für sie wagten, und Christin bis zum Ende, bat sie Gott, sogar das Blut ihrer Feinde zu schonen.

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