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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 31
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Es war zwei Uhr nachmittags, als der prächtige Dampfer »India«, Kapitän Miller, am Quai der Rhede von Antwerpen landete. Es war der 31. Dezember und sehr kalt; das helle Wetter gestattete einen wundervollen Überblick des Panoramas der an Landungsplätzen so reichen Schelde, überragt von dem alten Dome mit seinem unvergleichlichen Turm. Die großartigen Hafenbassins, gekrönt mit einem Walde von Masten, erschienen den Augen der Reisenden als ein Zeugnis des Reichtums dieses Handelsplatzes. Die zahlreichen alten flämischen Kirchtürme zeichneten sich am Horizont ab und die mächtige Citadelle schien die arbeitsame Stadt eifersüchtig zu schützen. Auf der andern Seite dehnte sich der ungeheure Garten Flanderns in seiner einförmigen aber fruchtbaren Fläche aus.

Dollon, pünktlich wie alle des großstädtischen Lebens gewöhnten Leute, erwartete auf dem Quai die Ankunft der drei Jünglinge. William, Alfred und Georg waren die ersten, welche die Landungsbrücke hinüber eilten. William machte seine Gefährten mit dem Freunde bekannt, der dagegen den Ankömmlingen die Kunde brachte, daß Clarissa sich in Antwerpen befinde, und daß er sie vor einer halben Stunde gesehen. Er setzte ihnen die Schwierigkeiten der Lage auseinander, und schilderte ihnen die in Frage kommenden Örtlichkeiten, nebst den zweckmäßigsten, bezüglich derselben zu ergreifenden Maßregeln.

Wiederholt hatte er jenes Haus Nr. 200 besucht, und man darf sagen, daß er sich in den Irrgängen dieses alten und stattlichen Gebäudes ebenso gut zurecht finden konnte, als wäre er der Eigentümer desselben gewesen. Kein Punkt wurde in seiner Beschreibung vergessen, weder der kräftige Kerkermeister vor dem gepolsterten Kabinet, noch die in den dunkeln Winkeln des Parterres zerstreuten Spießgesellen, noch Pandarus selbst, der überall war, noch die vierzig Mädchen, die unfreiwilligen Bewohnerinnen des schlechten Hauses, noch die in einem Kampfe oft Männer an Furchtbarkeit übertreffenden Bonnen.

Er erklärte den Ankömmlingen alles, und verhehlte nichts von der traurigen Wahrheit. Er fühlte, daß er Männer vor sich habe und daß für sie das sicherste Mittel zum Glück in diesem gefährlichen Abenteuer das war, die Gefahren zu kennen, denen sie trotzen mußten.

Er zeigte ihnen die beinahe völlige Gewißheit eines Straßenkampfes gegen zwei- bis dreihundert Kuppler, lauter starke und grausame Menschen.

Endlich war zu bedenken, daß die Polizei wahrscheinlich die Partei der Kuppler ergreifen würde. Nur mit Mühe konnten die anderen William überreden, mit der Ausführung des beabsichtigten Handstreiches bis spät am Abend zu warten.

Es war indessen für den Erfolg von Bedeutung, daß die That zur Stunde des im Riedyk täglich wiederholten Karnevals stattfand. Der Lärm und die Unordnung würden die Befreiung begünstigen.

»Übrigens«, sagte Dollon, »werde ich von sieben Uhr an zur Seite Clarissens sein, und da ich den Kerker, in welchem sie eingeschlossen ist, so gut kenne, so verhindere ich zwanzig Mann am Eindringen.« Er zeigte dabei ein Paar mächtige Revolver von Birmingham.

»So gehen Sie«, sagte William zu dem Detektiv, »auf Ihnen ruht alle meine Hoffnung. Um elf Uhr werde auch ich mit meinen Seeleuten in Nr. 200 sein.«

»Um 11 Uhr also«, antwortete Dollon, »werde ich, Clarissa am Arm, aus der engen Thüre ihres Gefängnisses treten. Als Zeichen gilt ein Revolverschuß. Die Zeit ist die des Glockenschlages der Notre-Dame Kirche.«

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