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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Clarissa

Erstes Kapitel

In dem kleinen, einige Meilen von Scarborough entfernten Dorfe Scalby, in der Grafschaft York, lebte vor mehreren Jahren eine der glücklichsten Familien des vereinigten Königreichs. David Morton hatte sich früh verheiratet und betete seine junge Frau an, die seine Gefühle in gleichem Maße erwiderte. Seemann von Beruf war Morton gewohnt gewesen, seine Frau auf seinen Reisen, selbst nach überseeischen Ländern mitzunehmen, aber als die kleine Familie sich vergrößerte und von Jahr zu Jahr mehr anwuchs, mußte der Kapitän darauf verzichten. Und wie lange erschien seine Abwesenheit stets den Zurückgebliebenen, und wie groß war die Freude bei seiner Heimkehr. Wie oft eilte die junge Familie des Seemanns, wenn ein Sturm wütete, nach dem nur eine halbe Meile entfernten Meeresstrande, um die Wirkungen des Orkans zu beobachten! Oft sogar gingen sie bis zum Oliversberg, drei Meilen weit, um sich die Gefahr, in welcher der teure Reisende schwebte, zu vergegenwärtigen, und heiße Gebete entstiegen ihren Herzen für das Heil desjenigen, auf dem ihr Wohl und ihre Hoffnung beruhten.

Morton, der das Vertrauen der größten Rheder von Liverpool besaß, unternahm in der Regel zwei Seereisen jährlich, deren jede drei bis vier Monate dauern konnte. Nach seiner Heimkehr teilte er dann mit seiner Frau die Sorgen für ihre Kinder, drei Töchter und zwei Söhne.

Der Vater unterrichtete die Knaben in dem rauhen Berufe des Seemanns, während die Mädchen, nachdem ihre Erziehung eine gute Grundlage erhalten, nacheinander einem der besten Institute von Scarborough anvertraut werden sollten. Das Opfer war ein schweres, aber Vater und Mutter sagten sich, daß sie ihren Kindern keine schönere Erbschaft hinterlassen könnten, als eine gute und solide Erziehung. Clarissa, die älteste Tochter, machte also den Anfang und trat in die »Victoria-Schule für junge Damen« in Scarborough ein.

Es war für die Familie Morton eine glückliche Zeit. Im Alter von fünfzehn Jahren hatten sich die prächtig emporgewachsenen Zwillingssöhne, Alfred und Georg, schon für den Staatsdienst bestimmt und die Seemannsschule bezogen. Sie sollten vor Ablauf von drei Jahren keinen Urlaub erhalten, aber es war ihnen gestattet worden beisammen zu bleiben, was für sie einem Abglanze des Familienlebens gleichkam. Frau Morton und ihre zwei jüngeren Töchter bewohnten ein bescheidenes, aber hübsch eingerichtetes Häuschen, während Clarissa der Vollendung ihrer Studien entgegenging. Sie war jetzt sechszehn Jahre alt und es wäre schwer gewesen, in den drei Königreichen ein lieblicheres Wesen zu finden.

Es war, als hätte eine gütige Fee das unschuldige Mädchen mit ihren mannigfaltigsten Gaben überschüttet. Als Tochter eines Seemanns besaß sie einen freimütigen und kühnen Charakter, ohne dabei eine Ahnung von den Vorzügen zu besitzen, die ihr die Natur in so reichem Maße verliehen hatte. Mit ihren Brüdern zusammen aufgewachsen, hatte sie als Kind deren gefährliche Spiele geteilt und dann war es dem Schulunterricht überlassen geblieben, zu vollenden, was jene gesunde Erziehung begonnen.

In den zwei Jahren, welche sie in ihrem Pensionat zubrachte, hatte Clarissa durch das Lesen litterarischer Meisterwerke ihren ohnehin reich begabten Geist ausgebildet und die gediegene Wissenschaft des vorzüglichen Lehrpersonals so rasch in sich aufgenommen, daß die Leiterin der aristokratischen Anstalt nicht wußte, was sie mehr bewundern sollte, die wunderbare leichte Fassungsgabe ihrer Schülerin, oder das außerordentliche Zartgefühl ihres Herzens. Oft hatte sie mit Stolz erklärt: »Clarissa wird mir in der Welt Ehre machen; sie ist ebenso gut wie schön und ihr Verstand thut ihrer Bescheidenheit keinen Eintrag.«

Es war ein seltener Fall in der Anstalt, daß Clarissa ungeachtet der offenbaren Überlegenheit ihrer physischen Vorzüge und geistigen Gaben von ihren Mitschülerinnen geliebt wurde. Vielleicht weil ihre Erfolge sie nicht eitel gemacht hatten, obwohl ihre Schönheit ebenso unbestritten wie unbestreitbar war, und die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen mußte. Ging sie Sonntags mit ihren Genossinnen zur Kirche, richteten sich alle Blicke nur nach ihr.

Welchen Stolz fühlte David Morton, wenn er sie im Institute abholte und mit ihr durch die Stadt dem heimatlichen Dorfe zuschritt! Das waren Tage des Triumphes für den wackern und würdigen Vater, der nicht immer den kürzesten Weg einschlug, sondern gern seine Tochter am Arme ein- oder zweimal auf dem Damm oder vor dem Kursaale des Seebades, wo sich im Sommer die höchste Aristokratie versammelte, auf und ab ging. Es war eine Freude, Vater und Tochter zusammen zu sehen. Man wußte nicht, wen man mehr bewundern sollte, den noch jugendkräftigen Vater mit den klassischen Zügen, der mächtigen Gestalt und den gelenken Gliedern, oder das junge Mädchen, das man oft für seine Frau hielt.

Der einfache und elegante Anzug Clarissens stach zu ihren Gunsten von dem reichen Staate der Modeköniginnen ab, die an den Strand gekommen waren, um sich von den Anstrengungen der Saison zu erholen.

Die Fülle ihrer goldblonden Locken, ihre reinen Züge, ihr lebhafter Gesichtsausdruck und der Glanz ihrer hellbraunen Augen hatten der Tochter des Kapitäns in höheren Sphären, als die ihrige war, einen Ruf gegründet, und mehr als einer der jüngeren vornehmen Herren ging mit sich zu Rate, wie er es anfangen sollte, um ihr vorgestellt zu werden und folgte von weitem der lieblichen Erscheinung längs den Klippen des Strandes. Aber Vater und Tochter hielten sich niemals lange auf, denn sie wußten, daß sie unten im Häuschen sehnlich erwartet wurden, denn auch für die Mutter war es immer eine Freude ohnegleichen, ihre Älteste, ihre liebliche Clarissa nach der für ihr Herz so langen Trennung in die Arme schließen zu können.

Die Mutterliebe war aber nicht der einzige Magnet, der Clarissa nach dem Dorfe Scalby hinzog. Seit einem halben Jahre hatte sich allen Sonntagsausflügen der Familie ein junger Mann angeschlossen, welcher keine Gelegenheit versäumte, sich dem jungen Mädchen zu nähern, und wenn alle zusammen bei schönem Wetter die Ebenen, die sanften Hügel und wilden, nach dem Meere überhängenden Felsen durchschritten, war William Stuart stets der Cavalier Clarissens. So wuchs die Liebe dieses glücklichen Paares im Kreise der Familie und inmitten der herrlichen Natur empor.

William war der Sohn des Predigers der kleinen Gemeinde Scalby, und sein Vater hatte gewünscht, daß er ebenfalls die geistliche Laufbahn ergreifen möchte, aber William zog gleich vielen seiner Landsleute das Handelsfach vor, und war im Alter von zwanzig Jahren, nach seiner sorgfältigen und strengen Erziehung nach London gereist, um in einer der größten Firmen der City die bescheidene Stellung eines Kommis einzunehmen. Dem wackern Jüngling schien eine glänzende Zukunft in der Welt des Handels beschieden zu sein, er besaß aber auch fast ohne Ausnahme alle guten Eigenschaften des angelsächsischen Stammes. Zu einem kräftigen Körper gesellte sich ein eiserner Wille und die vollkommenste Lauterkeit des Gemütes. Noch vor seiner Abreise hatte William das Herz derjenigen gewonnen, die er liebte, seiner Clarissa, und seine Seele war von dem festen Willen erfüllt, alles daran zu setzen, um seine süßesten Wünsche bald zu verwirklichen.

So schien den Bewohnern jenes abgeschiedenen Winkels von Yorkshire in allen Beziehungen das Glück zu lächeln. Aber: Der Mensch denkt und Gott lenkt, wie bald sollte sich die Trauer auf die glückliche Familie niedersenken.

Den Anordnungen seines Prinzipals in Liverpool gemäß fuhr David Morton im Jahre 1860 wieder nach Westindien ab. Die Trennung von seiner Familie war diesmal trauriger als sonst. Wie von einer Vorahnung ergriffen, drang Clarissa darauf, ihren Vater zu begleiten, um die Welt zu sehen und sich durch die anziehendste aller Lehrweisen, das Reisen weiter auszubilden. Aber es ließ sich nicht thun.

Als Morton beim Abschiede die anmutigen Züge seiner Tochter betrachtete – wie wenn er sich dieselben für immer einprägen wollte – betete er in seinem Innern: »Mein Gott, warum hast Du sie so schön gemacht? Was sollte aus ihr werden, wenn mir ein Unglück widerführe?«

Clarissa schien ihn zu verstehen, und indem sie ihn zum letzten Male küßte, sagte sie unter Thränen: »Reise nur ruhig, lieber Vater, eine Seemannstochter kennt keine Furcht.«

Vier Monate später teilte ein Brief der Herren Grafton und Komp. der Frau Morton den Tod ihres Gatten mit.

Den eingelaufenen Nachrichten zufolge hatte ein furchtbarer Sturm sein Schiff im Angesicht der amerikanischen Küste überfallen. Die gesamte Mannschaft war gerettet, aber Morton wollte das Fahrzeug nicht eher verlassen, bevor er auch die letzten Matrosen außer Gefahr sah. Das war sein Verderben. Seine letzten Worte, erzählte später einer der Überlebenden, galten seinem Weibe und seinen Kindern.

So ging in heldenmütiger Weise ein unbekannter und doch ruhmreicher Sohn des Vaterlandes unter, und wie vieler solcher Toten bedarf es, um die Größe des unermeßlichen britischen Reiches zu gründen und zu sichern!

Man kann sich denken, wie furchtbar dieser Schlag die Familie Morton traf. Der unglückliche Seemann war in der ganzen Bedeutung des Wortes ein edler Mann gewesen. Er, der so fest der Wut der Wellen trotzte, in der Manneszucht so gerecht und unerbittlich zu gleicher Zeit war, hatte in seinem glücklichen Heim niemals den Schatten eines Streites, ja nicht einmal eines Wortwechsels gehabt. Clarissa war untröstlich. Sie war der Liebling, der Stolz und die Freude ihres Vaters gewesen, der in ihren Augen schon wie ein Held dastand, als er sie noch auf seinen Knieen schaukelte, und sie seinen Schilderungen eines aufregenden Sturmes, eines Kampfes mit Seeräubern oder einer Landung in tropischer Pflanzenpracht lauschte. Mit welchem Eifer war das Kind den Worten des väterlichen Erzählers gefolgt. Es hatte auf die angenehmste Weise dabei die Länder der Erde kennen gelernt, und die malerischen bildreichen und wahrheitsgetreuen Schilderungen des Kapitäns eröffneten der Tochter so manche Seite des großen Buches der Natur und der Menschheit.

Und nun fühlte ihr zartes Gemüt dieses erste Unglück, diese erste Lücke, diese erste Trennung tief und schwer. Sie sollte den Urheber ihres Lebens, ihrer Freuden und ihrer Hoffnungen auf dieser Erde nie wieder sehen!

Die ökonomische Existenz der Familie Morton war durch den Verlust ihres Hauptes schwer betroffen, obgleich die Witwe eine Lebensversicherung von tausend Pfund Sterling ausgezahlt erhielt. Das Geld mußte für die Erziehung der beiden jüngeren Töchter gespart werden, und so blieb nichts übrig, als daß Clarissa als Gouvernante in eine Familie eintreten sollte.

Die »Times« enthielt mehrere Anzeigen bezüglich solcher Stellen, und eine davon war es besonders, welche sowohl dem Sinne als auch dem verheißenen Gehalte nach zu den vorteilhaftesten zu gehören schien. Sie lautete:

»Man sucht ein anständiges junges Mädchen als Erzieherin in einer adeligen Familie des Kontinents, welche oft auf Reisen geht. Die junge Dame wird als Glied der Familie behandelt und bezieht einen jährlichen Gehalt von 1800 Francs. Man wolle sich Nr. 800 Oxford-Street, London, melden.«

So schwer es auch Frau Morton fiel, sich von Clarissa zu trennen, glaubte sie doch, ihrer Tochter raten zu müssen, daß sie sich wenigstens für einige Jahre der Erziehung von Kindern widme. Clarissa war noch zu jung, um in die Ehe zu treten, und die Stellung Williams nicht einträglich genug, um ihm die Erfüllung seiner heißesten Wünsche zu gestatten.

Außerdem hatte der Gedanke, neben der Erfüllung ihrer Pflichten fremde Länder kennen zu lernen, ungemein viel Anziehendes für das junge Mädchen. Sie sollte also jene berühmten Städte selbst sehen, von denen sie so glänzende Schilderungen, von deren Geschichte sie so Gewaltiges gelesen hatte. Das war für einen so fein gebildeten Geist wie den ihrigen ein Trost in dem furchtbaren Unglück, das sie betroffen hatte.

Kurz und gut, sechs Monate nach der Meldung vom Tode ihres Vaters traf Clarissa in London ein, und begab sich sofort nach dem Kontor ihres Verlobten, den sie bat, sie nach Oxford-Street zu begleiten, wohin die Anzeige der »Times« die Bewerberinnen um die ausgeschriebene Stelle wies.

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