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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 27
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Clarissa wohnte in dem Asyl der Barmherzigkeit, wie das Hospital St. Pierre in den Berichten der Herren Kommissarien und Verwaltungsbeamten, die sich alle für ihre Amtsübung, die wir kennen gelernt haben, reichlich bezahlen lassen, genannt wird, den gräßlichsten Szenen bei.

Ihre Gefährtinnen schienen an Roheiten unersättlich, und die empörendste Schamlosigkeit gehörte in dem Krankensaale zur Tagesordnung. Clarissa erfuhr dort Dinge, von denen ein anständiger Mensch keine Ahnung hat, und es ist ganz richtig, wenn ein französischer Schriftsteller sagt, daß ein öffentliches Haus dem Hospital gegenüber keusch genannt werden kann. Die reinste Jungfrau der Welt würde dort nach 14 Tagen verdorben sein.

An einen solchen Ort hatte man mit Gewalt unsere Heldin gebracht. Dort besuchte sie Mimi, von Pandarus geschickt, zweimal in der Woche, um sich ihres Opfers zu vergewissern, und dasselbe durch heuchlerischen Zuspruch und die Hoffnung auf ihre Rückkehr nach England zu trösten.

Täglich war die Ärmste der frechsten Beleidigung ihrer Schamhaftigkeit ausgesetzt. Es kamen Polizeibeamte zu ihr, um sie mit Hilfe eines Dolmetschers zu verhören, und zu versuchen, ihr unter Anwendung der abscheulichsten Benennungen, Geständnisse zu entlocken, über ein Verbrechen, von dem sie nichts begriff. Sie sollte sich der Fälschung einer Urkunde zum Zwecke, die »Vergünstigung« der Aufnahme in ein Bordell zu erlangen, schuldig bekennen. Sie sollte gestehen, schon in ihrem Vaterlande ein lüderliches Leben geführt zu haben! Und zwischendurch scherzten diese Vertreter der Polizei mit dem kranken Mädchen, oder schimpften und schlugen sie. Alles war verschworen, die Unglückliche zu Grunde zu richten, und die schändlichen Bande, welche sie fesselten, fester zu schmieden. Von welch reinem Metall mußte dieser seltene Charakter sein, um so lange diesem Heere von Feinden zu widerstehen. Wie klar mußte ihr Geist sein, um sich nicht bei so viel Leiden zu verwirren.

Bis ins Innerste des Herzens verzweifelt, ergab sich schließlich das liebliche Opfer in sein Schicksal, und der berühmte Doktor versäumte nicht, sich das Verdienst dieser Wendung zuzuschreiben.

Ehe Clarissa aus diesem fürchterlichen Hospitale schied, sollte ihr nicht erspart sein, einer der traurigsten Scenen beizuwohnen, die es geben kann; einem Todesfall im Hospital.

Die Kräfte der jungen Nana hatten mehr und mehr abgenommen. Als sie ihr Ende nahen fühlte, ließ sie Clarissa durch die barmherzige Schwester bitten, zu ihr zu kommen, und unsere Heldin, die seit einigen Tagen das Bett verlassen hatte, beeilte sich, diesem Wunsche einer Sterbenden zu entsprechen. Die hübschen Züge des jungen Mädchens waren zum Erschrecken aufgedunsen. Dieselbe bat um den Besuch eines Priesters; aber es war kein Priester für sie zu haben, sie war nicht reich genug dazu. Gott hatte jedoch an ihre Seite einen Engel der Verzeihung geschickt, welcher ihr die letzten Augenblicke leicht machte.

Ihr letztes Wort war für Clarissa, die ihr selbst die Augen zudrückte, und lange unbeweglich in die erhabenen Gedanken, welche der Tod hervorruft, versunken, an ihrem Lager sitzen blieb. Selbst die einem schlechten Leben ergebenen Frauen hatten vor seiner Größe ihr stumpfsinniges Lachen vergessen, und störten nicht das feierliche Schweigen.

Ein Gehülfe, den man für einen Fleischer hätte halten können, da seine Schürze mit Blut bedeckt, und sein Gesicht feuerrot war, unterbrach das Nachdenken Clarissens. Er ging gerade auf den Leichnam los. »Ah«, sagte er, »das ist wieder etwas für die Studenten«; und indem er den Mund der armen Nana öffnete, fuhr er fort: »Teufel, die schönen Zähne«, dabei begann dieser Zahnarzt des Todes mit wunderbarer Geschicklichkeit etwa zehn der schönsten Zähne auszuziehen. Die ebenholzschwarzen Haare wurden, mit ebenso gewandter Hand, abgeschnitten, und der so entstellte Kopf unkenntlich auf das Kissen zurückgelegt.

Clarissa, welche der Tod Nanas mit tiefem Schmerz erfüllt hatte, zitterte bei dieser entsetzlichen Leichenschändung an allen Gliedern.

»Nun, nun, man wird es mit dir auch so machen«, grinste der Henkerknecht, und versuchte mit seinen blutigen Fingern Clarissens Mund zu öffnen. In dem Hospital St. Jean sind die geschilderten Übelstände noch schlimmer und man hat es dort soweit getrieben, daß 7-15jährige Kinder mit kranken öffentlichen Mädchen zusammen in einem Saale lagen und ärztlich behandelt wurden. Welch verderblicher Einfluß auf die Sitten dadurch entstehen muß, braucht wohl kaum geschildert zu werden.

Clarissa schrie laut auf, und fiel dann bewußtlos in die Arme der barmherzigen Schwester, während der würdige Gehilfe des Arztes sich lachend, mit dem Leichnam beladen, entfernte.

Zwei Monate hatte unsere Heldin in diesem ungastlichen Hause zugebracht, als der Doktor endlich, mit selbstbewußter Miene erklärte, seiner Heilmethode sei es gelungen, einen der veraltetsten Fälle der Syphilis, wie sich in den 50 Jahren seiner Praxis kein andrer gefunden hätte, zu heilen, und Viktoria Queen konnte entlassen werden.

Dann schrieb der berühmte Professor über diese wunderbare Heilung eine Abhandlung, welche in der belgischen Akademie, deren Präsident und schönste Zierde er war, vorgetragen wurde, und die ganz neuen Krankheitserscheinungen, welche er beobachtet hatte, bewogen ihn, seine Methode der Behandlung ansteckender Krankheiten zum vierten Male zu ändern. Schließlich schlug er nichts geringeres vor, als das Übel allen Brüsslern ohne Ausnahme einzuimpfen. Er war sicher, sie wirksam heilen und auf diese Weise vor jeder neuen Ansteckung bewahren zu können. »Alsdann stände ihrem Vergnügen nichts mehr im Wege.«

Der wackere Präsident betrachtete die Frage der Prostitution nur von diesem Gesichtspunkte. Schließlich trug ihm seine Abhandlung einige Orden ein, welche zu seinem Ruhme noch fehlten. Ein Bankett feierte diesen großen Erfolg.

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