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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 26
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Indessen befand sich unsere Heldin in dem weiten und prachtvollen Krankenhause, wo, wie es schien, ihr elendes Leben enden sollte.

Als sie wieder zu sich kam, sah sie sich in einem großem hell erleuchteten Saale, aber dicke Eisenstäbe an den Fenstern zeigten ihr, daß sie noch immer eine Gefangene war.

Etwa zwanzig eiserne Bettstellen, einfach aber reinlich ausgestattet, standen an den nackten Mauern entlang und waren zum Teil besetzt. Einige junge Mädchen gingen in der Mitte des Saales auf und ab, und unter ihnen erkannte Clarissa Nana, die junge Französin, welche in der Pandarusschen Villa eine für sie so verhängnisvolle Rolle gespielt hatte. Aber sie war nur noch der Schatten ihrer früheren lebensvollen Erscheinung und man fühlte, daß der Tod über diesem jungen Haupte schwebte. Als sie sah, daß Clarissa sie erkannt hatte, kam sie zu ihr und ergriff ihre Hände. »Verzeihung, Verzeihung«, schluchzte sie, während heiße Thränen über ihr Gesicht rannen. Und Clarissa, die die Reue der Sünderin verstand, erwiderte ihre Liebkosungen und tröstete sie.

Die andern Verlorenen, deren Züge nur zu sehr von der Verhärtung ihrer Seele durch das Laster zeugten, brachen in ein lautes Gelächter aus. Eine barmherzige Schwester mit traurigen und gütigen Zügen ermahnte die Schamlosen vergeblich zur Beobachtung des Anstandes, und erst der Eintritt der Ärzte, welche die Runde durch das Hospital machten, brachte sie zum Schweigen.

Ein bejahrter Arzt, gefolgt von einem Generalstabe von Studenten, Gehülfen und Hospitaldienern trat in den Saal. Er war etwas über mittlere Größe. Seine siebenzig Jahre thaten seiner geraden Haltung keinen Eintrag, und seine stattliche Gestalt wie sein gesundes Aussehen bewiesen, daß er für seine eigene Person wenigstens ein trefflicher Arzt war.

Seine spöttische Miene bildete einen starken Widerspruch zu dem Ehrfurcht gebietenden Weiß seines üppigen Haares. Seine Stimme war rauh und unangenehm. Übrigens erfreute er sich eines, wenn nicht gerechtfertigten, so doch bedeutenden Rufes in der Behandlung der traurigen Krankheiten, welche die bittere Folge der Ausschweifung sind. Wie alle großen Ärzte hatte er mehr als einmal seine Heilmethode gewechselt und durch die Verfolgung seines Lieblingsstudiums hatte sich der wackere Mann der eigentümlichen Manie ergeben, überall seine Lieblingskrankheit zu erblicken. In seinen Vorträgen an der Universität sagte er: »Es giebt nur eine Krankheit, meine Herren, nämlich diejenige, welche ich vertrete, die Syphilis. Aber meine Kunst ist so groß, daß ich sie vollständig heile.«

Man sieht, der alte Praktikus litt nicht an übergroßer Bescheidenheit. Er wäre aus Begeisterung für seine Krankheit imstande gewesen, dieses Übel einem an seiner Kunst zweifelnden Zuhörer einzuimpfen, nur um durch dessen Heilung den Triumph seiner Heilmethode an den Tag zu legen. Dabei war er von jeder Regung des Mitleides einem Kranken gegenüber völlig frei. Für ihn waren alle Kranken, ja die ganze Menschheit weiter nichts als Gegenstände des Studiums.

»Ah, eine neue Kranke,« sagte der Arzt, den wir soeben geschildert haben, indem er sich dem Bette Clarissas näherte.

»Sie ist schön«, sagte er, sein Augenglas mit einer gewissen Ziererei einkneifend und seinen matten Blick auf die Kranke und auf die am Kopfende des Bettes angebrachte Inschrift heftend.

»Victoria Queen, aus der Straße St. Laurent, ohne Zweifel eine Engländerin. Schwester Anna, wollen Sie die Kranke völlig entkleiden, damit wir sie untersuchen können, und Sie, Korporal, helfen Sie der Schwester.« Letzteres sagte er zu einer Art Hausdrachen, einer robusten Wärterin, der er jenen Spitznamen gegeben hatte.

Während der Doktor seinen Besuch bei den übrigen Kranken machte, wandte sich die barmherzige Schwester zu Clarissa und zog ihr geschickt und sanft das Nachthemd aus. Als der Doktor wieder zurückkam, bemerkte sie, daß die Kranke in Ohnmacht gesunken war.

»Desto besser«, sagte der Arzt, »denn diese Engländerinnen sind stets bereit » shoking« zu schreien.«

Mit Erstaunen betrachtete er die Spuren der zahlreichen Wunden, mit denen dieser schöne Körper bedeckt war.

Aber der würdige Äskulap war nicht der Mann, sich lange über etwas zu wundern.

»Meine Herren,« sagte er, sich zu seinem dichtgedrängten Auditorium wendend, »hier sehen Sie einen neuen Beweis der Wahrheit meiner wissenschaftlichen Behauptung. Diese Person hat vor mehr als sechs Monaten die Krankheit in schrecklicher Weise gehabt. Sie sehen noch die Spuren davon. Diese blutigen Striemen rühren von einer Verdichtung des Blutes wie von Schlägen her. Das ist ein äußerst seltener pathologischer Fall und ich werde suchen, dieses Objekt eine Reihe von Jahren hier zu behalten, um das Fortschreiten des Übels zu beobachten, bis der Tod eintritt.« Und indem er mit den Fingern dem nachfuhr, was er für nechymotische Flecken hielt, fuhr er fort: »Ich erkenne die Verhärtung, dieses pathognomische Zeichen der Krankheit. Sie hat einen hohen Grad erreicht. Glücklicher Weise haben unser polizeiliches System und unsere administrativen Vorsichtsmaßregeln verhindert, daß diese Elende die ganze Stadt ansteckte. Die Herren Engländer sollten ihre Kranken lieber bei sich zu Hause behalten, sonst können unsere guten Leute sich kaum mehr amüsieren ...«

Nach diesen geistvollen Worten ließ der Arzt die arme Clarissa ein stärkendes Mittel einatmen und sie kam zu sich, um zu sehen, daß zwanzig gierige Blicke auf sie gerichtet waren.

Schnell zog sie die Bettdecke über sich und brach in Thränen aus.

»So sind sie alle, diese Engländerinnen,« sagte der Professor, indem er sich entfernte. »Lasterhafter als das Laster selbst spielen sie die Schamhaften. Es ist übrigens viel Hysterie dabei.«

Der belgische Herr Doktor verstand sich auf die Sache und ahnte nicht, daß in zivilisierten Ländern solche nach seiner Ansicht unbedeutenden Kleinigkeiten vor die Schwurgerichte kommen.

Es ist schwer zu beschreiben, was die Kranke erdulden mußte. Es schien, als sollte sie mehr und mehr im Schlamm des Lebens versinken. Das Unglück schlug über ihr zusammen und ihre moralischen Qualen, denen sie unterworfen wurde, waren so groß, daß die körperlichen Leiden im Vergleich dazu verschwanden.

»Wenn ich krank bin,« sagte sie zu der barmherzigen Schwester, welche ein wenig Englisch verstand, »warum überläßt man dann nicht meiner Familie die Sorge, mich zu pflegen?«

Täglich erfuhr sie neue Demütigungen. Weder Bitten noch Thränen halfen dagegen und bestärkten die Schwester nur in dem Glauben, daß sie wahnsinnig sei, weil sie fühlte und sprach, wie ein anständiges Mädchen fühlen und sprechen mußte.

Alles wurde ihr verweigert; verlangte sie zu schreiben, so lachte man ihr ins Gesicht.

Dennoch gelang es ihr, zwei Briefe an ihre Mutter und an William mit Bleistift hinzuwerfen.

Aber ungeachtet des ihr gegebenen Versprechens gelangten dieselben niemals an ihre Adresse. Briefe können verloren gehen und es ist schwer, jemanden dafür verantwortlich zu machen. Außerdem wird behauptet, daß in Belgien Briefe, welche mit der Prostitution irgendwie zusammenhängen, denen nie zukommen, für welche sie bestimmt sind. Es wird unter anderem erzählt, daß ein Herr einen Brief an den Staatsanwalt, der eine Klage gegen den Besitzer eines öffentlichen Hauses enthielt, durch einen sicheren Boten in den Briefkasten werfen ließ. Das Schreiben kam nicht an und man muß sich fragen, ob in Belgien noch eine »schwarze Kammer« besteht und ob dieselbe befugt ist, sogar über die amtlichen Angelegenheiten eines Staatsbeamten zu verfügen? – Sicher ist es weiser, anzunehmen, daß der Brief verloren gegangen ist. Was aber die Sache noch merkwürdiger macht, ist, daß dem Absender bei einer Erkundigung in Betreff des Briefes von dem Postbeamten Vorwürfe gemacht wurden, ein so wichtiges Dokument der Post anvertraut zu haben! Derselbe ging sogar soweit, seinen Zweifel über die Wahrhaftigkeit der Angaben des Absenders auszusprechen, hütete sich aber wohl, auf dessen Ansuchen, Nachforschungen wegen des Briefes anzustellen, einzugehen. Vielleicht weil dieselben sonderbare Aufschlüsse über die Unverletzlichkeit des Briefgeheimnisses in Belgien ans Licht gebracht hätten. Die Macht der dunklen Häuser verfügt, wie es scheint, wie über die Polizei, so durch deren Hilfe auch über das Postgeheimnis.

Hätten jene beiden Briefe, in die uns vom Untersuchungsrichter Einsicht gestattet worden ist, ihren Bestimmungsort erreicht, wären Clarissa viel Leiden und ihrer Familie viele Thränen, die bei dem verspäteten Empfang vergossen wurden, erspart worden.

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