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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 24
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wochen vergingen, und bei Clarissa kehrte nach und nach die Gesundheit wieder. Als sie zum ersten Male mit vollem Bewußtsein die Augen aufschlug und sich wieder in ihrem Gefängnisse sah, stieß sie einen Schrei aus. Ihre schönen Träume, in denen sie sich gerettet und bei den Ihrigen wähnte, waren vorüber. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie bewußtlos gelegen. Seit sie unter den Schlägen Pandarus zusammen gebrochen war, entsann sie sich auf nichts mehr.

Dem Fieber war eine große Schwäche gefolgt und sie nahm körperlich so ab, daß Herr und Frau Pandarus befürchteten, ihre schöne Ware könne in ihrem Bazar zu Grunde gehen. Aber schließlich war sie bezahlt und es war vielleicht immer noch besser, als wenn sie im Hospital starb, wo sie hätte sprechen können.

Auf jeden Fall hin beschlossen die Kuppler nach reiflicher Überlegung, ihre Gefangene nach dem Polizeibüreau zu bringen, um sie dort als öffentliches Mädchen eintragen zu lassen, und so der gesetzlichen Form zu genügen. Hatte dieselbe dort scheinbar in ihre Einschreibung und Einschließung in ein öffentliches Haus gewilligt, so waren die Hausbesitzer gegen alle Folgen gedeckt.

Die Studenten konnten den Vorfall weiter erzählen und der Staatsanwalt von der Sache erfahren, daher galt es, schnell und klug handeln.

Die Kranke wurde also mit äußerster Sorgfalt behandelt, und Mimi, welche man wieder zu ihr gelassen hatte, da jetzt eine Flucht nicht mehr zu fürchten war, schien in ihren Schmerz einzugehen und versuchte ihr Trost zuzusprechen. Clarissa, die in ihrer Schwäche nach jedem Strohhalm gegriffen hätte, glaubte schließlich auch an die Teilnahme des Judas im Unterrocke. Wozu hätte ihr übrigens Mißtrauen genützt?

»Meine liebe Clarissa«, eröffnete ihr denn Mimi eines Morgens, »wir müssen auf das Polizeibüreau gehen, wo man Sie vernehmen wird. Sie sind noch sehr schwach, aber ich werde Sie unterstützen. Nach dieser in Belgien notwendigen Formalität sollen Sie nach England zurückgesandt werden, da Sie unserer Herrschaft bei Ihrem widerspenstigen Charakter keinen Vorteil bringen.«

Ein Strahl des Glückes leuchtete durch die Thränen der Betrogenen, die ihren Ohren kaum traute und sich die gute Nachricht von der Bonne mehrmals wiederholen ließ. Nach England, in die Heimat! Aber war es auch wahr? Sie ahnte dunkel eine neue Enttäuschung. Aber alles war besser, als der Aufenthalt in diesem gräßlichen Hause.

Beinahe von Freude erfüllt stieg sie nach einer Stunde von Mimi geführt, die Stufen der Treppe hinunter. Man mußte sie in den Wagen heben, welcher vor der Thür wartete, und in welchem bereits Pandarus und sein Weib saßen.

Bevor sie Platz nahm reichte ihr Mimi ein Glas mit einem Getränke, das, wie sie sagte, dazu dienen werde, ihr Kraft zu verleihen. In der That bemächtigte sich ihrer, nachdem sie es getrunken, eine fieberhafte Aufregung. Sie fühlte sich stärker, aber ihre Gedanken verwirrten sich und es drehte sich alles vor ihren Augen.

Im Polizeibüreau angekommen, sah sie wie durch einen Nebel Polizisten und Beamte hinter ihren, mit Papieren bedeckten Pulten in einem großen saalähnlichen, schmutzigen Zimmer, und in einer Ecke desselben eine beträchtliche Anzahl junger Mädchen. Als Pandarus mit seinen uniformierten Freunden Händedrücke wechselte, wollte sie sprechen, aber brachte kein Wort hervor und ihr Kerkermeister ergriff für sie das Wort: »Hier ist eine Person, Monsieur Lemoine«, sagte Pandarus zu dem Ober-Polizeikommissar, »welche sehr krank ist und außerdem, wie alle Engländerinnen, die üble Gewohnheit hat, sich schon am frühen Morgen zu betrinken. Trotz aller Vorsicht wußte sie mir eine Flasche Kognac zu entwenden, und sie sehen, in welchem Zustande sie sich befindet. Das Mädchen besteht darauf, in mein Haus einzutreten, wollen Sie sie gefälligst einschreiben. Eine zuverlässige Person habe ich als Dolmetscherin mitgebracht.«

Der Kommissar war sehr höflich und bat nur, sich zu beeilen, »denn«, fügte er hinzu, »es ist bereits elf Uhr und bis Mittag müssen noch jene sechzig anderen Schlampen abgefertigt werden.«

Die englische Bonne, die das Dolmetscheramt übernahm, gab einen Vor- und Familiennamen an, und im Handumdrehen war das Protokoll aufgenommen.

»Erklären Sie es ihr und lassen sie es unterzeichnen,« sagte Lemoine zu Mimi, indem er ihr das Protokoll überreichte. Diese zog Clarissa in eine Fensternische und schwatzte ihr etwas vor, was die Unglückliche, deren durch das Getränk bewirkte Aufregung einer vollständigen Stumpfheit gewichen war, nicht verstand.

Völlig unfähig, die sich vor ihren Augen abspielende Szene zu begreifen, hörte sie Mimi zu, aber ihr starrer Blick bewies hinlänglich, daß ihr die geistigen Fähigkeiten den Dienst versagten.

Diese setzte also einen Namen unter das Protokoll und übergab es dem gewissenhaften Beamten nebst einem zu diesem Zwecke mitgebrachten Geburtsschein, welche die belgischen Kuppler im Vorrate besitzen, um mit ihrer Hilfe jede Nachforschung der unglücklichen Familien nach ihren verlorenen Kindern zu vereiteln.

»Viktoria Queen«, las der Kommissar, die Unterschrift ansehend, »gut, führen Sie Viktoria Queen zur ärztlichen Untersuchung.«

Die englische Bonne geleitete Clarissa in ein anstoßendes Gemach, in dem sie ein stattlicher Herr, der wie ein Arzt aussah, empfing.

Ein flüchtiger Blick genügte ihm, zu sehen, wie schwer krank Clarissa war.

»Es ist überflüssig, daß ich das Mädchen untersuche«, sagte er zur Bonne. »Hier ist eine Anweisung zu ihrer Aufnahme in das Hospital, denn sie bedarf der sorgfältigsten Pflege.«

Eine halbe Stunde später wurde Clarissa mehr tot als lebendig im Hospital St. Pierre aufgenommen.

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