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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel

Kehren wir nun zu Clarissen zurück und sehen wir, was aus ihr wurde, während ihre Freunde Alles daran setzten, sie aufzufinden.

Mit der Länge der Zeit beruhigte sie sich, obschon der über ihrem Haupte schwebenden Gefahr vollkommen bewußt, so weit, um ihre Lage etwas kühler zu beurteilen. Sie hatte schon so oft von Befreiungen gelesen, welche schwieriger gewesen waren als die ihrige, daß sie alles Ernstes über eine List nachzudenken begann, welche ihr die Freiheit wiedergeben könnten.

Sie hatte längst bemerkt, daß Mimi, die englische Bonne, welche dreimal des Tages in ihr Boudoir kam, ihr das Essen zu bringen, immer die Gewohnheit hatte, die Thür weit offen zu lassen. Wahrscheinlich geschah dies, um die verdorbene Luft des kleinen Raumes ohne Fenster, durch frischere zu ersetzen.

Sie hatte auch bemerkt, daß das letzte Erscheinen der Bonne während des Zeitraums, den sie für einen Tag nahm, stets von Lärm und wilden Jubeltönen begleitet war, die bis zu ihren Ohren drangen, solange die Thür offen stand. Oft mischten sich in diese Töne die noch wilderen Laute eines Streites, und einige Male drang sogar das dumpfe und grollende Echo eines heftigen Kampfes bis in ihre Zelle.

Darauf baute sie ihren Plan. Die Verwirrung eines solchen Auftrittes mußte es ihr vielleicht einmal möglich machen, sich dem Schicksal zu entziehen, das ihr drohte. Als Seemannstochter besaß sie die Kaltblütigkeit, die Geschmeidigkeit und die Kraft, welche im Falle eines Widerstandes des sie bedienenden Mädchens erforderlich waren.

Mimi mochte etwa dreißig Jahre alt sein und hatte das Leben jener unglücklichen Sklavinnen hinter sich, denen sie jetzt aufwartete. Ihr Gesicht war rot und aufgedunsen, ihre Gestalt schwerfällig, und ihr Körper, ungeachtet des Anscheines von Gesundheit durch das Leben, das sie geführt hatte, abgenutzt. Mit Hülfe der gebrannten Wasser war sie jedoch noch im Stande, sich aufrecht zu halten, und verband mit der Unterwürfigkeit gegen die Gäste des Hauses eine gewisse Gutmütigkeit von niemals nüchternen Leuten gegen ihre Pflegebefohlenen. Mehr als einmal, besonders des Abends, hatte Clarissa sich von ihrem unzurechnungsfähigen Zustande überzeugen können.

Wenn sich daher Clarissa des Mädchens in einem Augenblicke entledigte, wo sie hoffen konnte, die Thür nach der Straße in Folge des Handgemenges offen zu finden, so war die Möglichkeit gegeben, den Ausgang zu gewinnen. Und dann war sie frei!

Der Plan war nicht schlecht und es gab kaum einen andern; denn die Bonne für sich zu gewinnen, hatte sie schon oft vergeblich versucht.

Die Gelegenheit der Ausführung bot sich eher, als sie gehofft hatte.

Eines Abends, als die Bonne der Gefangenen wie gewöhnlich ihr bescheidenes Nachtessen brachte, drang ein betäubender Lärm herauf. Das Klirren der zerbrochenen Glasthüren des Korridors hörte man deutlich, es mußte da unten ein heftiger Streit u. Kampf entbrannt sein.

»Was giebt es denn, Mimi?« fragte die Gefangene.

»Ah, es ist nichts,« antwortete das Mädchen, »man wirft nur eine Anzahl junger Studenten hinaus. Wir sehen sie nicht gern in unserm Hause. Sie machen viel Lärm, geben nichts aus und vertreiben die anständigen Leute. Aber sie bekommen heute eine tüchtige Lehre. Einige von ihnen werden wohl auf dem Platze bleiben.«

»Ach wirklich?« erwiderte Clarissa. »Ich verstehe mich auf das Kämpfen, ich muß mir das einmal ansehen.«

Damit wendete sie sich nach der Thüre. Das Mädchen stand starr vor Erstaunen und wußte nicht, was sie thun sollte. Ehe sie sich gefaßt hatte, und der Flüchtigen nachstürzte, war dieselbe mit einem Sprunge hinaus, und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.

Der Kerker war so gebaut, daß kein Schrei die Wände durchdringen konnte, und alles Rufen des Mädchens ungehört verhallte. Nachdem sich Clarissa überzeugt hatte, daß sie fürs erste vor ihrer Verfolgerin sicher war, verbarg sie sich hinter dem Pfeiler der Treppe, die ins Parterre hinunter führte, von wo aus sie die Szene der Verwirrung überblicken konnte, die von zahlreichern hochbrennenden Gasflammen hell beleuchtet wurde.

Die Thüren des breiten Korridors gegen die Straße standen weit offen. Die dichtgedrängten Studenten zertrümmerten alles, was sie erreichen konnten, und das Personal des Hauses, in dessen Mitte sich Pandarus selbst befand, trieb die Eindringlinge zurück, welche langsam Boden verloren, und Dank der herkulischen Stärke des Kupplers, von dessen Schlägen jeder einen der jungen Leute niederwarf, auf dem Punkte waren, hinausgetrieben zu werden.

Clarissa fühlte, daß der Augenblick des Handelns gekommen war. Sie sprach ein heißes Gebet, während sie leicht und entschlossen die Treppe hinab eilte, und befand sich einen Augenblick später mitten unter den Studenten, deren Knäuel sich vor ihr öffnete, um sich hinter ihr wieder zu schließen. Pandarus hatte als gewandter Heerführer diesen neuen Zwischenfall bemerkt, und indem er alles, was ihm im Wege stand niederwarf, holte er die Flüchtige ein, packte sie an der Kehle, und bemühte sich, sie zurückzuzerren.

Die jungen Leute, die sofort begriffen, um was es sich handelte, warfen sich jedoch auf ihn und befreiten das Mädchen, das sie glücklich auf die Straße und von dort in ein anständiges Café brachten, das ungeachtet der späten Stunde – es war ein Uhr nachts – noch offen stand. Die jungen Leute, die den besten Familien des Landes angehörten, drängten sich um das blasse, schöne, eine würdige Haltung beobachtende Mädchen, um zu hören, wie sie in die traurige Lage gekommen war. Obschon der Ausschweifung anheimgefallen, fehlte es ihnen nicht an Herzensgüte, und sie erboten sich, ihre Schutzbefohlene bis zu einem anständigen Gasthofe zu geleiten, wo sie die Nacht zubringen konnte. Eine kleine Summe war bald zusammengeschossen, und eilig in einen weiten Mantel gehüllt, den man ihr lieh, machte sich das junge Mädchen, von vier oder fünf Studenten begleitet, auf den Weg nach dem Hotel, das man für sie gewählt hatte. Doch waren sie noch keine zehn Minuten weit gegangen, als ein Mensch von militärischem Aussehen mit vier kräftigen Burschen an seiner Seite sich ihnen näherte.

»Meine Herren,« sagte der Mann mit lauter Stimme, »im Namen des Gesetzes fordere ich Sie auf, mir dieses Mädchen auszuliefern. Sie ist nicht mehr Herrin ihres Schicksals. Ich bin Kommissar der Sittenpolizei, hier ist mein Ausweis.« Dabei zog der Mensch die Medaille eines Polizeioffiziers aus der Tasche. Die Studenten standen ratlos. Auf der einen Seite mußten sie dem Anweis des Polizei-Kommissars Glauben schenken, der überdies die nötige Verstärkung bei sich hatte, um seinem Ansehen Geltung zu verschaffen, auf der anderen Seite klammerte sich die unglückliche Clarissa an sie, als erriete sie die Verübung einer neuen Schändlichkeit. Es blieb ihnen jedoch nichts übrig, als dem jungen Mädchen Mut zuzusprechen, und sie den Händen des angeblichen Offiziers zu überlassen, welcher sich mit den Worten entfernte: »Seien Sie unbesorgt, meine Herren, nach Erledigung der Förmlichkeiten, welche das Gesetz verlangt, wird dieses Mädchen morgen in ihr Vaterland zurückgesandt werden.«

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