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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Achtzehntes Kapitel

Nach London zurückgekehrt, hatte William eine lange Unterredung mit seinem Prinzipal, in der er demselben sein Herz ausschüttete. Der brave Mann gab ihm die besten Ratschläge und ließ Mrs. Morton, die von Schmerz und Sorge tief gebeugt war, nach London kommen.

Das Mutterherz fühlte tiefer als alle Andern, welche Gefahren ihrer heißgeliebten Tochter, vielleicht selbst ihrem Leben drohten. Die Wirkung der Mitteilung, die man ihr machen mußte, war eine so heftige, daß man einen Augenblick bereute, ihr die Wahrheit gesagt zu haben; aber auf der andern Seite war es unmöglich gewesen, einer Mutter das traurige Schicksal ihrer Tochter zu verheimlichen.

Es trat sofort ein Komité zusammen. Der Prinzipal William's unterzeichnete 100 Pfund Sterling, der Lord Mayor, der William in Mansion House empfangen und ihm die lebhafteste Teilnahme bezeugt hatte, ebensoviel, und auch noch verschiedene Privatpersonen schossen Gelder ein.

Auch Mrs. Butler, welche seit Jahren die Sache der Unglücklichen, die in der Fremde außer das Gesetz gestellt waren, zu der ihrigen gemacht hatte, war Mitglied des Komités und unterstützte William mit Rat und That.

Nach mehreren Beratungen wurde beschlossen, einen Artikel in die Zeitungen setzen zu lassen, welcher demjenigen 1000 Pfund Sterling versprach, der Mitteilungen machen würde, welche zur Auffindung Clarissa Morton's führen könnten. Das Signalement der Verschwundenen wurde beigefügt.

Es war allerdings die Gefahr dabei, daß die Schuldigen dadurch gewarnt wurden und erfuhren, daß man Clarissa Morton suchte; aber andererseits mußte die Anonce die allgemeine Aufmerksamkeit wachrufen; und dem Komité unter Umständen die Unterstützung von Seiten des Publikums sichern. Schließlich erreichte man auch durch die Veröffentlichung den Vorteil, daß die Privatsache zu einer allgemeinen internationalen Sache wurde.

Mrs. Butler bezeichnete dem Komité einen zuverlässigen Kriminalbeamten, welchen sie schon öfter in Anspruch genommen hatte, als die geeignetste Persönlichkeit, um Nachforschungen anzustellen. Sie verhehlte übrigens ihren Freunden nicht die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens. Sie war derselben Ansicht wie der Konsul, daß die unglückliche Clarissa in einem geheimen Gemache eines schlechten Hauses verborgen sei, und befürchtete, daß sie erst nach langen Monaten der Nachforschungen aufzufinden sein würde.

Die Ansicht Mrs. Butler's siel schwer ins Gewicht, da das Urteil der außerordentlichen Frau ein durchaus sicheres und bewährtes war und sich auf die praktische Erfahrung, ebenso wie auf die überwältigende Logik ihrer Schriften stützte, durch welche die Frage des Sklavenhandels mit weißen Mädchen zu einer brennenden geworden war.

Es wurde beschlossen, daß William den Kriminalbeamten nicht begleiten sollte, da kein Engländer, ausgenommen im Augenblicke der Befreiung, in dieser Angelegenheit eine Rolle spielen dürfte. Der Polizeibeamte konnte nach Belieben als Franzose oder Deutscher gelten, da er deutsch und französisch gleich fertig sprach.

Man kann sich denken, was es William kostete, Monate lang unthätig auszuharren, während alle seine Gedanken bei dem Mädchen weilten, dem sein ganzes Sein und Denken gehörte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken wie sonst an die Arbeit zu fesseln, und Alles, dessen er fähig war, beschränkte sich darauf, daß er sich soweit beherrschte, um nicht wahnsinnig zu erscheinen. Während der langen Zeit der Nachforschung brachte ihm keine Nacht Ruhe und ein halbes Jahr nach dem Verschwinden seiner Braut durchzogen bereits einzelne Silberfäden sein braunes Haar. Er hatte verlernt was Lachen war, und die tiefste Traurigkeit, gemischt mit dem Ausdruck unerschütterlicher Entschlossenheit gab seinem Gesicht ein erschreckend finsteres Aussehen, daß ihm bis dahin fremd gewesen war.

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