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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Vierzehntes Kapitel

In diese »Gesellschaft« trat Clarissa.

Bei ihrem Eintritt verstummte das Gespräch der bemalten Gespenster. Ein eisiges Stillschweigen breitete sich über den weiten Saal. Ihre strahlende Schönheit inmitten des Lasters machte selbst seine Werkzeuge betroffen. Diese an ihrer eignen Erniedrigung schuldlosen Kinder waren, wie Clarissa, von ehrbarer Herkunft, waren gleich ihr verraten und verkauft worden, und erinnerten sich ihrer Vergangenheit, als sie ihr frisches Gesicht sahen. Sie fühlten instinktiv, daß hier ein Geheimnis, ein Verbrechen im Werke sei, und sprachlos vor Schrecken starrten sie den Engel an, der sich ohne Arg seinen gefallenen Schwestern näherte. Überwältigt von seiner Unschuld, waren sie bereit, ihm zuzurufen: »Fliehe, fliehe, du weißt nicht, wo du bist!«

Clarissa sah sich von diesen verlorenen Wesen umgeben, bevor sie, vom Lichtmeer geblendet, Zeit gehabt hatte, das Bild zu überblicken. Aber als sie klarer sah, da verstand sie alles, sie sah die furchtbaren Szenen, die sie aus den Meisterwerken der Litteratur kannte, lebendig vor ihren Augen.

Ohne ein Wort zu sagen, aber weißer als der Marmor der Tische und ohne Frau Pandarus zu antworten, verließ sie, mit einem einzigen vorwurfsvollen Blick für Nanette, welche sie hätte warnen sollen, die unreine Stätte, um in ihr Zimmer emporzusteigen und sich sofort zur Abreise zu rüsten. Sie wollte fort um jeden Preis, und sollte sie in den Straßen betteln. Die Ärmste wußte noch nicht, daß sie gefangen war, aber sie sollte es nur zu bald erfahren.

»Fräulein«, sagte die englische Bonne zu ihr, welche sie der Hausthür zugehen sah, »man geht von hier nur fort, wenn man ins Hospital kommt. Wir haben ein bestimmtes Reglement in Brüssel und Sie sind hier besser daran als in den Straßen Londons, wo Sie sich früher herumtrieben.«

Das alles wurde ihr mit der größten Kaltblütigkeit und der festesten Überzeugung gesagt.

Trotzdem verstand sie Clarissa nicht und setzte ihren Weg fort, indem sie mit einer Handbewegung das vor Erstaunen starre Dienstmädchen zurückwies.

Aber die Thür war geschlossen und im gleichen Augenblick tauchte aus einem Winkel des schwach erleuchteten Korridors eine Art von Laquai oder Polizeidiener mit einer Medaille auf der Brust und Tressen an allen Nähten der Uniform auf.

»Fräulein«, sagte er in einem zugleich höflichen und befehlendem Tone, »kehren Sie in Ihr Zimmer zurück, Sie sind hier das Eigentum der Regierung. Sie bilden eine Gefahr für das öffentliche Wohl, und wenn Sie nicht gehorchen, so habe ich strenge Weisungen, Ihren tollen Einfällen gegenüber Gewalt anzuwenden.«

Zu Tode getroffen, und mit wankenden Knieen stieg die edle Gefangene wieder die Treppen zu dem Raume hinauf, der sie wenigstens mit dem Anblick des Lasters verschonte.

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