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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidcd84e1e5
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Dreizehntes Kapitel

In einem weiten Saale verkehrten etwa dreißig weibliche Wesen in höchster Ungeniertheit mit einer Anzahl von Männern jeden Alters. Die Mädchen schienen sich für einen Maskenball ausstaffiert zu haben, denn sie trugen Kostüme, wie man sie etwa in Tingeltangeln oder auf den kecken Abbildungen illustrierter Pariser Winkelblätter erblickt; Einige waren als Pagen, Andere als Ballettänzerinnen, Andere in Seide, Samet und Purpur mit langen Schleppen gekleidet; Einige ahmten die luftige Tracht der olympischen Göttinnen nach und Andere hatten sich ohne Zweifel wegen der Hitze mit dem mehr als einfachen Anzug begnügt, in dem man sich gewöhnlich die Wahrheit denkt.

Die bunten und grellen Farben der Kleider, das Rot der Samet-Divans, die zahllosen Gasflammen, die alle Wände und die Decke einnehmenden, alles tausendfach wiederstrahlenden Spiegel, die weichen Teppiche, in denen die hohen Absätze der Damen versanken, die Tische von reinem weißen Marmor bildeten die Einrahmungen dieses Foyers eines Theaters der niedrigsten Art.

Der Anblick der Damen war noch entwürdigender als ihre Tracht. Sie schienen alle stumpfsinnig oder betrunken. Kein geistiger Lichtblitz erhellte diese Augen, die Seele schien aus diesem Körper entwichen und wenn sie nicht gesprochen hätten, würde man sie für galvanisierte und mit Schminke übermalte Leichname gehalten haben.

Die jüngsten dieser Unglücklichen mochten zwölf, die ältesten zwanzig Jahre zählen. Aber diese große jugendliche Versammlung war welk und alt. Nur der Alkohol war im Stande, ihr Leben zu verleihen. Dort ist jeder von Gott geschaffene Tag ein Tag des entsetzlichsten Rausches. Sechs Monate der Ausschweifung und des Trinkens genügen, diese jungen Wesen hin zu mähen; für die zwölfjährigen Kinder genügen drei!

Ein unheimlicher aufregender Duft mischt sein Gift mit dem des Tabaks, denn Alles raucht, Männer, Frauen und Kinder.

Es ist erst zehn Uhr Abends: die Mädchen sind kaum erwacht, aber bald wird sich die Bachantennatur in ihnen regen, bald werden ihre erschlafften Pupillen das Feuer des Kognacs, der schon die Runde macht, widerstrahlen.

Jetzt herrscht noch ein nachlässiges und träges Plaudern, aber die ganze Nacht ist ja für die Orgie da, nachdem die der vorigen Nacht kaum vorüber ist. Bald werden die tollen Tänze, die lärmenden Ausbrüche eines erkünstelten Gelächters, die Zänkerein, ja Schlägereien, die Kämpfe der Eifersucht, die unzüchtigen Lieder und die Thränen, diese notwendigen Bestandteile des schmachvollen Lebens, zu welchem diese Elenden verdammt sind, beginnen.

Und das Alles wird für ein notwendiges Übel erklärt! Die Bevölkerung von Brüssel bedarf für ihre blasierten Sinne dieser furchtbaren Aufregungen.

Es ist notwendig, daß Mädchen lebendig eingemauert werden, durch das Trinken ihr Lachen erzwungen wird, daß sie in der Blüte des Lebens, im Spital sterben, um die Günstlinge der Polizei zu bereichern!

Und die Männer an der Seite dieser Weiber! Sie sind ganz oder halb betrunken, denn hier eintreten kann man nur im berauschten Zustande. Es ist nicht möglich, daß ein Mensch mit gesundem Verstand fünf Minuten lang in solcher Mitte bleibt. Nein, betrunkene Männer und betrunkene Weiber gehören zusammen, das läßt sich begreifen.

Das von der Obrigkeit genehmigte öffentliche Haus lebt daher von der Erregung zweier betrunkener Menschen zur Unzucht.

Aber es ist eben ein notwendiges Übel!

Dort jener Mann von vielleicht 60 Jahren scheut sich nicht, seine weißen Haare hier zu entehren; er könnte offenbar nicht ohne Bordell leben.

Und dort unten jene Schüler sind, wie es scheint, größere Liebhaber der Straße als der Schulbank. Fünfzehn Jahre alt, sind sie eben aus ihren glücklichen Dörfern frisch und aufgeweckt nach der Stadt gekommen, und wenn der Sohn nach wenigen Monden zur sorgsamen Mutter zurückkehrt, – ach, sie wird ihn kaum mehr erkennen! Das Alles macht die Notwendigkeit dieser reizenden kleinen Nester klar, nicht wahr? Und warum sollte man auch die allzu aufgeweckte Jugend nicht zu Grunde richten? Es ist ja ein Mittel zum Regieren wie ein anderes!

Aber hier, – ein kräftiger Soldat, die Hoffnung des Landes vom Pfluge weggerissen – er findet durch eine fürsorgende Regierung die Mittel geboten, sich nach den Plackereien der Kaserne zu zerstreuen. Er muß wider Willen sechs Jahre dienen, um dann verdorben, hinfällig, faul auf sein Bauerngut zurückzukehren.

Aber auch die Kaserne ist ein notwendiges Übel! Belgien braucht Soldaten, nicht zum Kriege, sondern nur, um die gerechten Beschwerden des Volkes niederzuhalten.

Und da hinten – jener elegant gekleidete Herr mit der Rosette der Ehrenlegion! Er hat nur einen raschen Blick in den Saal geworfen. Wer ist es? Warum ist er so vorsichtig heraufgestiegen.

Es ist ein hervorragender Richter. Morgen wird er im Gerichtshofe über zwei, die Sittlichkeit betreffende Fälle urteilen. Wäre es nicht besser, wenn er über sich selbst zu Gericht säße?

Vielleicht aber ist doch wenigstens jener Bauer im Sonntagsstaate mit seinen vierschrötigen Manieren, der sich an diesem bizarren Durcheinander nicht satt sehen kann, von der gebieterischen Notwendigkeit hierher getrieben worden? Nein, er ist nur gekommen um zu sehen! Die schamlose Reklame ist bis in sein Dorf gedrungen, und dann – muß der Mensch nicht alles kennen lernen? Er trinkt, um sich Ansehen zu geben, einige Gläser eines gefälschten Getränkes. Seine Sinne verwirren sich. Er war in die Stadt gekommen, sein Korn zu verkaufen, und am nächsten Morgen kehrt er heim und hat nichts mehr von dem Erlös von 200 Francs, von denen seine Familie leben sollte; die Kinder mögen hungern, die Mutter weinen. Man sieht, die »Freudenhäuser« sind ein notwendiges Übel!

Doch das ist nicht alles! In den ersten Morgenstunden bricht eine tolle Bande in das Lokal ein. Es ist der Baron von Brokenhead mit den Revolver-Journalisten, die ihn ausbeuten. Welches Geschrei, welches noble Toben, wie der Champagner knallt und strömt! Das Gold springt aus den Taschen, man zündet die Punschbowle mit Banknoten an und die erregten Dirnen sind auf dem Gipfel der Trunkenheit. Ein wilder Tanz wirft schließlich alles durcheinander. Das Tagesgrauen vermengt sich mit dem mattgewordenen Schimmer der Gasflammen und beleuchtet einen wüsten Haufen menschlicher Körper, die sich in häßlichen Krämpfen winden.

Den nächsten Morgen verläßt der Baron den Schauplatz der nächtlichen Orgie, um im Parlament seine Stimme in betreff des Strafgesetzes über Verführung und Erregung zur Unzucht abzugeben. Es ist wahr, daß er selbst die Mädchen verführt, die Jugend zur Unzucht reißt, aber – er bezahlt dafür, und das genügt in den Augen des Gesetzes, um ihn für unschuldig zu erklären. Der Herr Baron und Gesetzgeber verdankt fünfmalhunderttausend Francs Einkommen dem Fleiße seiner Arbeiter, kann er also von dem Gelde einen bessern Gebrauch machen, als, indem er damit ihre Töchter unterhält? Man sieht, die öffentlichen Häuser sind notwendig, und vereinfachen und lösen auf ihre Weise sogar die schwierigste soziale Frage, welche die Gesellschaft augenblicklich beunruhigt.

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