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Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens

Otto Henne am Rhyn: Clarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorAlexis Splingard
titleClarissa. Aus dunkeln Häusern Belgiens
publisherVerlag von Herm. Beyer.
printrun4. Auflage
editorOtto Henne am Rhyn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141103
projectidcd84e1e5
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Zwölftes Kapitel

Gegen die Mitte August sandte die Sonne ihre letzten heißen Strahlen auf die schöne Promenade, deren sich die Brüsseler mit vollem Rechte rühmen, die Boulevards Louise und Waterloo, als eine prächtige Kutsche, aus dem Walde kommend, die dreifache Reihe von Equipagen passierte, welche diese Rotten-row der belgischen Hauptstadt bedeckten. Mehr als ein Kopf wandte sich nach der schönen Insassin der Kalesche, mehr als ein junger Reiter ließ sein Vollblutpferd halbe Wendung machen, um noch einmal die liebliche Erscheinung zu erblicken.

Die anmutige Clarissa, deren Wangen die Spazierfahrt im Walde sanft gerötet hatte, bemerkte nicht das Aufsehen, welches sie unter der Jugend des Highlife hervorrief. Ihre Gedanken weilten in der Ferne. Heute hatte sie ihr siebzehntes Jahr vollendet, und gedachte träumerisch ihres letzten Geburtstages in der Heimat. Die Erinnerung an das ferne Vaterland, die weite Küste von Scalby, die liebevolle Mutter, ihren damals noch lebenden Vater, ihre Brüder, ihre Schwestern und ihren William trat mit lebhaftester Klarheit vor ihre Seele. Welches Fest wurde damals ihrer sechzehn Jahre wegen gefeiert, und heute hatte sie nicht einmal einen Brief erhalten, nicht eine Zeile, nicht einen Gruß. Was sollte sie denken? Wie ruhig war damals ihr Leben gewesen, wie verschieden von der Aufregung und den Festen, welche ihre jetzige Umgebung allein beschäftigten. Weit entfernt, davon bezaubert zu sein, wie es sich vielleicht die gemeine Seele eines Pandarus vorstellte, empfand sie nur Ekel davor. Aber all das Leben und Treiben gehörte, wie sie wähnte, zu ihrer Stellung, und war es nicht ihre Aufgabe, ihren Geschmack und Charakter denjenigen der Andern anzupassen?

Bei Anbruch der Nacht gab Pandarus, welcher Clarissen mitgeteilt hatte, daß die Frau Gräfin sie in der Stadt erwarte, dem Kutscher Befehl nach der Straße St. Laurent zu fahren. Eine halbe Stunde später stiegen Clarissa und Nanette vor dem Eingangsthore des Hauses Nr. 40 jener Straße ab, wo Pandarus die Erzieherin bei der angeblichen Frau Gräfin einführte und sie ihr vorstellte. Dieselbe begrüßte sie sehr herzlich, und sprach ihre Freude aus, daß das junge Mädchen gerade zurecht komme, eine kleine Abendgesellschaft mitzumachen, an der dasselbe, wie sie hoffe, teilnehmen werde.

Obschon es bereits zehn Uhr Abends war und Clarissa keinen Gefallen an Festen, Gesellschaften und Bällen fand, hielt sie es für ihre Pflicht, ihrer neuen Herrin für diese liebenswürdige Einladung zu danken. Nachdem sie einige Sorge auf ihre Toilette verwendet, stieg sie, geleitet von einem Dienstmädchen, welches man allgemein die englische Bonne nannte, weil sie dieser Sprache mächtig war, nach den Gesellschaftsräumen hinab.

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