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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 9
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Heidenstam

1918

 

Mit zweiundvierzigtausend Mark Rente hatte Franzis Heidenstam sich über den Ereignissen geglaubt. Eine Welt von Kenntnissen und Voraussicht hatte bei des Kapitals Anlage Gevatter gestanden, Erfahrungen von Bankleuten, Maklern und eines Staatsmannes bessere Einsicht mitgewirkt. Jede Möglichkeit war vorbedacht, gekaufte Werte primissima, Risiko ausgeschlossen. Besonderen Fällen das Gleichgewicht gefunden, Hintertüren für Zusammenbrüche gelassen. Er besaß Staats- und Stadtanleihen, die bei Bedarf bar Geld bedeuteten, war mit Brauerei- und Schaumweinaktien an der Nation Lebensgenuß, mit Schuldverschreibungen von Automobil- oder Flugmotorenfabriken an rastlosem Fortschritt beteiligt, und daß er im Kriegsfall nicht Not litte, lag ein Drittel seines Besitzes in Pulver- und Dynamitbonds fest.

Stak er nachts schlaflos in seidener Decke, mochte er die Weltlage noch so drohend türmen: stets ergab sich seines Vermögens hübsches Gleichgewicht, und es war ihm Bedürfnis geworden, Einbildung zu spornen, vertrackte Lagen auszuklügeln, denen er allemal, ein gewandter Schlaukopf, entrann.

Auch seines Volkes Eigenschaften mußten ihm gefallen, da Aufschwung, Gelassenheit, Friedensliebe wie forscher Chauvinismus in seine Pläne paßten. Besitzes wegen mußte er sich auf kein Bekenntnis festlegen. Heute konnte er mit Egmont leben und leben lassen, morgen Zielstrebigkeit fordern. Frei wie der Vogel in der Luft war er.

Freude brachte jeder Tag. Bei allen Gesellschaften wuchsen die stillen Rücklagen, wurde immer eine Unzahl Kapital abgesetzt, seines Schatzes Substanz verdichtet. Billiges Bezugsrecht gab es allemal, da oder dort den profitlichen Auftrag. Direktoren und Angestellte sorgten durch Unterschlagungen für nervöse Zwischenfälle, doch hätte Heidenstam auf sie nicht verzichten mögen, weil sie ihm in seinen Augen des Schuß Wagemut gaben, ohne den der homme d'affaires nicht denkbar ist.

Er lebte der Überzeugung: der liebe Gott war ein bewundernswerter Präsident der Gesellschaft »Deutschland«, der bei billigen Löhnen, gutem Verdienst für seine, Heidenstams Bedürfnisse die Geschäfte gehen zu lassen verstünde.

Im Hinblick auf den jahrelang günstigen Dividendenstand war er mit jeder befohlenen Maßregel einverstanden. Manchmal wunderte ihn ein Gesetz, eine Polizeivorschrift kam ihm drollig vor. Im ganzen ließ er es in der Gewißheit gehen, der Jahresabschluß wird eher besser sein.

Schule und Kirche, sowenig er sie in der Kindheit gemocht hatte, schienen ihm jetzt ein vernünftiges Stück. Auch sie führten das Ganze ebendahin. Weniger begriff er der Künste Zweck, meinte, mit ihnen möchte es Ähnliches wie mit Defraudation auf sich haben. Des Abgrundes Anblick sei geregelter Lebensführung Salz.

Er suchte, modern zu sein. Denn er hatte gefunden, es blieb die billigste, ungefährlichste Art sich auszuzeichnen. Auf überkommene Lehrsätze sei man schnell festgelegt; Neues aber ist, so liegt's in der Sache Natur, schwebend, nicht begriffsbestimmt. Man erlebt es just, ist, von ihm gepackt, zu keinem Schluß gelangt.

Rund aber war er und jedes Bedenkens bar, eine innere Blöße zeigen zu können, als der Begriff des Impressionismus an ihn kam. Schon als er das Wort zuerst hörte, hatte es unvergleichlichen Eindruck auf ihn gemacht; ohne seinen Sinn zu kennen, war er, es für sein Leben zu fordern, gewillt gewesen. Wie fröhlich aber ward er, als in dem Wort die Tendenz sich bekannte, die seiner innersten, nicht auf des Ausdruckes Spitze gebrachten Anschauung entsprach. Nicht nur bei kochenden, zeitgenössischen Vorstellungen, erst recht in sogenannter Historie war, wie bei allem menschlichen Bewußtseinsinhalt, der persönliche Gesichtswinkel das Entscheidende, das Temperament, durch das ein Ding gesehen wurde und das ihm den heutigen Wert gab.

Das endlich verschaffte unbeschränkte, individuelle Bedeutung, die Heidenstam paßte. Was hatten ihn exakte Erkenntnisse zu kümmern, hing, wie ein Geschlecht von Denkern und Künstlern bewiesen hatte, aller Dinge Wert vom Eindruck ab, den jeder beliebige aus ihnen hatte. Er wie Manet oder Monet.

Erst jetzt erlaubte ihm seine Rente, den Tag zu pflücken, an das Konkrete freien Ermessens zu treten, ohne, wollte er, anderes von ihm als den Preis zu fragen. Das war in des neunzehnten Jahrhunderts neunziger Jahren ein Leben! Für das Geld solcher Leute wie Heidenstam machten starke Gehirne in Deutschland Tag und Nacht Erfindungen, die bedeutsam, dann für die Teilhaber der sich unablässig gründenden Gesellschaften einbringlich waren. Man selbst tat nichts, als daß man, um den neuen Eindruck reicher, in ein besseres Speisehaus zu Tisch ging, ein fesches Frauenzimmer in bestimmter Voraussicht kommenden wirtschaftlichen Aufschwunges zu einmaligem Liebesgenuß mietete.

Und der Gipfel vor allem: Drohte die Sache im Moralischen, Geistigen, Geschäftlichen zu mißglücken, man bekam durch gute Verbindungen rechtzeitig Wind, machte man sich ohne Schonung los. Denn mitnichten hatte man sich ihr durch Kenntnis und Bekenntnis verpflichtet, sich nur im Eindruck, dem das rastlos Oberflächen absuchende Auge zum Opfer gefallen war, getäuscht, blieb frei genug, es zu bekennen. Kam die Frage, warum man nicht tiefer geschürft hätte, war die Antwort: Für ungeheure Mannigfaltigkeit der Schöpfung empfindlich zu sein, bleibt nichts, als das Gesicht auf der Erscheinungen Oberfläche zu beschränken.

Mit des neuen Jahrhunderts Beginn hoben andere Tendenzen schüchtern das Haupt, verdichteten sich aber nicht zu Weltanschauungen, schienen Heidenstam nicht wie die gewohnte Lebensart vorteilhaft. Wie war überhaupt eine Methode erreichbar, die noch den ärmsten Teufel so einschloß und zur Geltung brachte? Man konnte sie dem Christentum vorziehen; denn zweifellos hatte der Impressionist mehr Rechte an die Welt als der Christ. Heidenstam fand sogar, er ginge darin dem Sozialisten vor, denn mit was sich eigentümlich auseinanderzusetzen, gegen wen persönlich sich zu behaupten, sei dem Impressionisten verwehrt?

Präzis das Maß Freiheit anzuzeigen, das Heidenstam in den Jahren 1890 bis 1914 besaß, ist unmöglich. In seiner Heimat war er souverän, doch schweifte auch sonst in der Welt frei. Denn anders als Urteile sind Eindrücke anpaßbar. Dazu gab ihm sein Vorname den Stempel weltmännischer Freizügigkeit.

Kriegserklärungen im August 1914 blieben ohne den zermalmenden Eindruck auf ihn, den er allenthalben sah. Überallhin lose beteiligt, sah er sich nirgends gefährdet. Mit Schnelligkeit nahm er notwendige Auswechselungen vor; Papiere verschwanden im Umtausch gegen andere aus seinem Portefeuille, und von heute auf morgen hieß er wieder Franz. Im Ausgleich für geringe Verluste, die sich nicht vermeiden ließen, stürmten Rüstungsaktien in die Höhe. Seines Daseins Querschnitt war neugierige, mit einem Quent Freude gesprenkelte Spannung. Keine Angst. Bei des großen Publikums Kopflosigkeit, das für ersparte Groschen zitterte, blieb ihm, mit aller Industrie seine Interessen umzulegen, Zeit, er fand, die veränderte Lage zu beklagen, erprobte Anschauungsweise umzugruppieren, keinen Anlaß.

Es erwies sich sogar erst jetzt ihr voller Sieg. Bei der Feldzüge wechselnden Chancen schwebten die auf Grundsätze Eingeschworenen, Liberale, Alldeutsche, Katholiken, abwechselnd in Angst- und Jubelräuschen, schienen beklagenswert oder überspannt, während er von peinlichen Heeresberichten, bedenklichen Nachrichten, da er mit nichts in ihnen tiefer verknüpft war, leicht abrückte.

Er bekam von der eigenen Bedeutung noch höhere Meinung, sah er, wie Dinge, die den Stärksten schmissen, an ihm abliefen, distinguierte sich noch mehr. Schwatzte alles Krieg, blieb er in Wirtschaften, Versammlungen durch Ruhe ausgezeichnet, lächelte besonders.

Oft war er drauf und dran, Bekannten, die sich unter dem Weltkrampf krümmten, den Rat zu geben: den Blick mit ihm von rauhen Ereignissen auf die noch reichlich vorhandenen reizvollen Dinge zu lenken. Sprach sich aber in dem Gefühl nicht aus: so schlicht er's meinte, so schwer möchte die Sache für den anderen auszuführen sein, dem die Voraussetzung, seine, Heidenstams, geistige Beweglichkeit fehlte. Frauen deutete im Bett er manches an, klagten sie um den fernen Gatten, den Geliebten. »Du mußt«, sagte er, »nur das Auge ergriffen sein lassen. Das bleibt beweglich, während wir der anderen Organe Funktionen weniger kennen.« Wobei er hoffte, die Betreffende werde ihn mehr bewundern als begreifen.

Noch fast zwei Jahre ließ sich für ihn alles an. Im Lande selbst kamen Jahreszeiten mit ihren Begleiterscheinungen noch immer prompt als Ausgangspunkt fesselnder Beobachtungen. Näher und nah der Front mochte es ja verteufelt zugehen. Doch sich damit auseinanderzusetzen, blieb Sache der Betroffenen.

Allmählich aber riß Struktur des in seine Netzhaut gespannten Weltbildes so merklich, daß Heidenstam stutzte. Wohin er sah, war ein Loch. Er fand die Erscheinung von gestern, als sei sie in einen Krater geschluckt, nicht mehr, Bekannte schienen sich ihrer überhaupt nicht zu erinnern. Kurz, er gestand sich, dem oberflächlichen Blick verbarg sich manches, das er ungern mißte, der einzige Eindruck, der von alledem blieb, war: es existiert nicht länger.

Da machten sich in Heidenstam zum erstenmal Schlüsse, die meinten, geltend: Was heute vom Öl feststeht, wird morgen vom Pfeffer gelten. Und er glaubte, sich seines Besitzes, der im geringsten mit so kurz befristeter Ware zusammenhing, entäußern zu sollen. Denn bei des Rohstoffs Knappheit würden Brennereien und Brauereien, auch Kautschuk-, Leder- und Zellstoffabriken bald stillstehen. Da sein Gewinn aber im hurtigen Gang der Maschinen lag, warf er solche Papiere auf den Markt, salvierte sich.

Er kaufte Rüstungswerte, weil er meinte, bis an sein Ende brauchte Waffen der Krieg. Doch kamen auch da Verwicklungen, als Mangel an Kohle und Arbeitskräften die Werke zu feiern zwangen, wodurch ihrer Aktien Kurs schneller, als man es sich eingebildet hatte, sank. Was er mit blankem Blick anfaßte, anders als im Frieden gab es Umstände, die sich aus Ursachen, die man hätte bedenken müssen, erklärten. Der Krieg hatte – Heidenstam faßte den denkerischen Zusammenhang – mit Eisen logischer Härte zu tun, ihm fiel das kalte Lautbild »dura necessitas« ein.

Vorläufig hing er sich um so zäher in sein altes System, als er Angst in seines Leibes Tiefen ahnte. Den Mund hat er tönender Worte voll, Schlagsahne, mit der er sich und andere betropfte, schäumte von seinen Lippen.

Nicht, ohne daß heftiger Unruhe pochte. Trug man morgens Zeitungen an sein Bett, las er, wollüstig gesammelte Greuel in fetten Lettern, geheizten Haß, fand in der Buchhändler Auslagen Kadaverstatistik und Aushungerungskalkül, hörte in Speisehäusern und auf Bahnen den allgemeinen Vernichtungswillen, ward ihm schwül, und wohin er mit gezwungener Munterkeit sah, fand er gleichen gläsernen Schleim, giftige Etikette auf allen Dingen.

Freiheit seiner Meinung begann zu schwinden. Er mochte sein an sich heiteres Temperament noch so stacheln, den leichtbeweglichen Gesichtswinkel weiten, große Teile der Welt hatten sich aus dem alten Verhältnis zu ihm gelöst. Den Beweis, er sei nicht krank, fand er bei Freunden, die, wie er ehedem leichtbeschwingt, jetzt auch mit sauren Grimassen schwankten. Nackt und unwichtig stand er außerhalb der Zusammenhänge, und mit Blitz erkannte er, notwendig sei, was er besaß, auch in dem lebendigen Rundlauf nicht mehr eingeschlossen. Das war eines Donnerstags. In krasser Furcht warf er sein gesamtes Vermögen in den Börsenrachen und war, als der Erlös merklichen Verlust nicht zeigte, zu Tränen gerührt. Von allem fort, was Krieg bedeutete, war Losung. Schweizer Franken, holländische Gulden kaufte er. Doch lagen auch Holland und die Schweiz im Qualm der Katastrophen. Wieder verkaufte er, nahm brasilianische, chilenische und Fonds von St. Domingo in den Geldschrank, widmete diesen Ländern Fleiß; las Literaturen über ihre Verfassung und Wirtschaftslage, erfreut, in keiner Zeitung der Republiken Namen zu finden. Zwei Quartale, die er ein Maulwurf in seiner Klause blieb, schnitt er von pompös gedruckten Titeln Kupons ab, vermochte an Tee- und Reisernten tropische Gewächse und Diamantenwäschereien die fröhlichste Einbildung hängen. Mit Klapperschlangen, Gazellen, Walen, Pottfischen, Valparaiso am Ozean voll Perlen und Korallen fand er alter Art brillant sich ab, war, sorgfältig angezogen und frisiert, noch der alte, alerte Heidenstam.

Bis des verschärften U-Boot-Krieges Erklärung seitens Deutschlands kam. Da tauchten die südamerikanischen Republiken im Blätterwald auf. Ihre schwellenden Proteste, wütenden Drohungen wurden gedruckt. Fachmänner rechneten ihrer Armeen, Schlachtflotten Kampfwert, die Handelstonnage aus. Tausendfaches gehässiges Zeugnis echote wider sie, das zu des Jüngsten Gerichtes Posaunen schwoll, als eines Tages ein chilenischer Admiral behauptete, nicht länger vertrüge die chilenische Mentalität des preußischen Militarismusses Gespenst.

Der Bemerkung lähmenden Eindruck auf Heidenstam zu fassen, muß man wissen: schon zu Zeiten, als alle Welt von seiner Meinung abhing, war das Wort »Mentalität« eines der wenigen gewesen, mit denen er sich nicht auseinanderzusetzen vermocht, das ihn im Frieden beunruhigt hatte. Damals hatte er jedes geistige und seelische Fühlen in Deutschland, eine sogenannte Mentalität aber, von der andere Völker soviel hermachten, nicht festgestellt. Innerlich immer gehofft, es beschränkte sich die Eigenschaft auf alte Kulturnationen, romanische Rassen mit der Belgier Einschluß. Als aber die grauenhafte Vokabel in jenes Chilenen Maul aufkochte, war Heidenstam bis ins Mark erstarrt. Dazu hatte die Gewißheit, bis an der bewohnten Welt Grenzen spannte der Krieg seine Methode, jähen Absturz in ihm vorbereitet. Hier war Rhodus, auf dem auch er saß. Nasse Qual nach allen Seiten. Es gab keine Flucht Er auch müßte auf neue Art springen, schoß es Heidenstam in den Sinn; und in freundlich erlösende Ohnmacht brach er auseinander.

Wieder folgten Angstverkäufe, brüsker Bruch mit den Südstaaten. Doch als er mit nichts als großem Bankguthaben, das sich schlecht verzinste, saß, war er entwurzelt. Denn da bei ihm nichts Kredit hatte, so vor allem er selbst nicht, seit er mit dreißigjährigem Kurs gestrandet war. Solchen Schwarzzorn verkörperte er, daß Umwelt von ihm abrückte, sein treuer Hund die Rute kniff, Pupillen schlitzte. Als Heidenstam ein weiches Ei köpfte, merkte er sich Molluske, machte sein Testament, lud den Revolver.

Strikt hätte er sich in die Schläfe geschossen, wäre die Haushälterin nicht gekommen, hätte den gleichen verhimmelnden Blick an ihn gehängt, den er seit Jahren von ihr empfing. Eine Pflaume, blau und voll Vertrauen, ward das Auge seine Rettung. In völlig Ungewisses hinein gab er sich, trotzdem leben zu wollen, einen Ruck.

Vor allem heiratete er die Haushälterin, im Nebel die Nadel zu haben. War er morgens der Pasta auf der Zahnbürste, der Fleischbrühe bei Tisch, in Kissen nachts der Wärmflasche sicher, ließ sich die auf die Dauer gewonnene Kraft noch einmal an ein Chaos wenden, es im nächsten Umkreis erhellen.

Vorläufig schiffte er im Zustand der Seekrankheit und Hysterie ohne Kompaß, Aussicht auf einen Hafen auf hohem Meer mit der Gewißheit von Riffen, Minen, Torpedos unter sich. Bei jedem Geläut an der Tür bebte er, Briefe mochte er nicht haben, das Grab war ihm der liebste Traum.

Zwei Wochen Einkehr und Reue stauten solche Tatlust in ihm, daß er eines Morgens alles Zögern mit dem Nachthemd von sich warf, entschlossen in den Tag voll der Gewißheit stieß: Welt mochte was immer darstellen; eine Million Mark war kein Traum, blieb auf alle Verhältnisse anwendbar. Es galt den Angelpunkt, aus dem jetzt das Leben kreiste, zu finden.

Schließlich hatte ihn der Impressionismus nicht gehindert, Schliche zu kennen, durch die Agenten, Kommissionäre, Banken und Unternehmer sich auf des Goldstromes Woge trocken ans Ufer tragen ließen. Eins der Manöver wäre wohl jetzt noch erfolgreich. Als aber aller Kniffe Ohnmacht feststand, wuchs Heidenstams Wille zu störrischer Wut. Er hatte keine Wahl mehr. War herausgefordert, und wollte er noch einen Tag von dieser Welt sein, mußte er auf neue Weise sich entfalten. Nun horchte er nach allen Seiten. Doch waren Schlagworte, die er fing, keine Börsentips. Was war auf dem Devisenmarkt mit »Eisernem Zeitalter« anzufangen? Broschüren, Leitartikel, Statistiken faßten den Krieg beim Ehrenpunkt. Vorsitzende von Konsumvereinen, Aufsichtsräte tobten wie gekränkte Regierungsreferendare, und telegrafierten Molkereibesitzer, vereinigte Makler in corpore dem Kaiser, galt in den Depeschen nur ritterliches Wort: Harnisch, offenes Visier, gepanzerte Faust.

Obenhin war dieser schrecklichen Zeit nicht beizukommen. Man schien den Ereignissen persönlich nähertreten zu müssen.

Dieser Ahnung Tragweite in unserem Helden läßt sich neunzig vom Hundert der Leser nicht übersetzen. Alle sind von Jugend an Tätigkeit und Reibungen, die das Dasein fordert, gewöhnt. Heidenstam aber hatte bis zum heutigen Tag seines Körpers Kraft gebraucht, der Menschenmassen Brandung vor seiner Person verebben zu lassen, so daß höchstens seine Füße von ihren Ausstrahlungen genetzt wurden, Leib und Haupt aber frei im Äther blieben. Keine Ausgabe hatte er, gemeines Volk fernzuhalten, gespart. Des Engländers splendid isolation war sein Vorsatz, der Logenplatz im Theater, in Eisenbahnen der Sitz erster Klasse hatte ihn mit Auserwählten zusammengeführt, bei denen er gleiche Notdurft ängstlicher Zurückhaltung voraussetzen durfte. So robust er vor atmosphärischen Einflüssen war, Ausdünstung gemeinen Volkes machte ihn krank. Mit Angestellten, Beamten, Schneidern und Handschuhmachern hatte er eingezogenen Kopfes, gekniffener Nase gesprochen. Nicht einmal seiner Frau, die er aus bekannten Gründen geheiratet hatte, kam er über einen Abgrund, der eine Säule Luft und Respekt zwischen ihnen ließ, näher. Zudem war sie mit seinen Seifen und Wässern gewaschen.

Jetzt aber galt es, fort von Teppichen und Plüschbezügen, Orte aufzusuchen, an denen Zusammenkünfte ohne Rücksicht auf Bequemlichkeit und Entlüftung stattfinden. Nach wie vor wollte er etwas kaufen, das Kern und Aussicht hatte. Diese Eigenschaften waren ihm bisher durch äußere Merkmale, Taxen, Bilanzen, den Kursstand verbürgt worden. Voraussetzung für deren unbedingte Gültigkeit war aber geordnete Wirtschaft gewesen. Jetzt konnte keiner für den nächsten Tag versprechen, Wahnsinn wäre es, sich einer Ware Wert vom Verkäufer versichern zu lassen, gewesen. Landwirtschaft nicht einmal war des Bodens sicher, da Vieh fast keinen Dung warf, ohne Mist kein Korn wächst. Ohne Futter aber hält man kein Vieh. Wälder waren nicht zu holzen, wenn es keine Pferde zum Schleifen gab. Gruben aus Mangel an Belegschaft nicht zu fördern. Steckten die Mieter an den Fronten, konnte man erst recht keine Häuser beleihen. Nein! Von Fall zu Fall mußte man selbst zusehen. Seife könnte man zum Beispiel kaufen, und –? Vor Heidenstams innerem Gesicht standen Trambahnfahrten mit schäbigen Agenten, Schnäpse, mit Schiebern getrunken, ein Vertrag beim Advokaten. Atemloses Hin und Her zwischen Marktkundigen, Kunden, Zutreibern. Schmutzige Arbeit, mit einem Wort.

Doch doppelt entschlossen, putzte und gurgelte er eines Tages die Zähne, besprühte den Anzug mit Parfüm und ging zur Warenbörse.

Die tagte in den dem eigentlichen Börsenpalast vorgelagerten Cafés. Beim Eintritt in eines derselben fiel ihm der auf den Boden geleerte Auswurf der Besucher auf, riß ihn in hemmungslose Trauer, bis ein Gast auf ihn zutrat, fragte, ob er tausend Kisten Streichhölzer kaufen wollte, zu hundert Paketen die Kiste, das Paket zu zehn Schachteln. Garantiert fünfzig Hölzer in jeder.

Warum nicht Streichhölzer, dachte Heidenstam, und da der Agent ihm paßte, schlug die Absicht Wurzel. Vor allem galt es, die Lage beherrschend zu scheinen. Daher täuschte er Wunschlosigkeit vor, befahl zwei Schoppen Portwein. Innerlich aber stand für ihn fest: vier Wintermonate haben wir vor uns. Drei Streichhölzer braucht der erwachsene Deutsche für tägliche Notdurft. Knapp ist die Ware, des Artikels Notwendigkeit außer Frage. Beiläufig merkte er den Preis mit vierzig Mark die Kiste. Gab dem Unterhändler Auftrag, sich nach fünftausend Pfund Schmieröl umzusehen, machte den Treffpunkt für morgen aus und ging heim. Dort entspannte er das Problem und kam zu gleichem Schluß. Am Gelingen der kaufmännischen Handlung war nicht zu zweifeln. Über den Warenwert hinaus aber hatten Streichhölzer einen sauberen, festlichen für den Spekulierenden. Es war ein Unterschied, ob man in Heringen, Petroleum oder mit ihnen handelte. Und freundliche Bilder umschwebten ihn: zur Arbeit bereite Maschinen, des Proletariers tröstliche Pfeife, auf dem Schneegipfel des Chimborasso ein hervorgeholter Spirituskocher, alle mit einem Streichholz zum Leben geweckt. Im Lichterglanz brannte der Weihnachtsbaum, und mit fünfzig Millionen Lichtbringern sah er sich als eines beträchtlichen Menschheitsteiles Prometheus.

Wartete er mit dem Wiederverkauf einen Monat, mußte der Preis von vierzig auf fünfzig Mark steigen, was beim angelegten Kapital von vierzigtausend einen Gewinn von zehntausend Mark oder dreihundert Prozent ausmachte. Er war zum Geschäft entschlossen.

Der getätigte Kauf aber löste schwere Bedenken in ihm aus, und, ohne den Beweis zu haben, wußte er sich betrogen. Bestimmt waren die Schweden sein Eigentum, lagerten, gegen Feuer und Diebstahl versichert, zu seiner Verfügung. Doch war er gewiß, in etwas unterschieden sie sich zu seinem Nachteil von allen Hölzern der Welt. In der Überzeugung stopfte er Bettkissen, schlimmen Eindrücken nicht zu unterliegen, an sich heran. Wenn diese Zünder nicht zündeten, sie feucht, mit zu dünner Zündmasse bestrichen waren? Der Stiel dem Streichdruck nicht standhielt, die Reibfläche sich unbrauchbar erwies? Zorn gegen den Verkäufer packte ihn, naß klebte das Hemd am Leib. Schlaflos starrte er dem Morgen entgegen, begierig aufs Lagerhaus zu stürzen, an Ort und Stelle den Frevel festzustellen.

Mit dem Inhaber betrat er den Speicher, ließ eine Kiste öffnen, riß ein Holz in Brand. Doch anstatt daß Feuer auffuhr, schwelte bläuliches Gefunzel, zu brennen sich allerdings zu entschließen, als man nur noch des Stieles Stumpf in Fingern hielt, sie zu verbrennen in Gefahr war.

»Schwefelhölzer«, meinte der Begleiter. Doch ohne Herzschlag stand Heidenstam. Für den Preis paraffinierter Ware hatte man ihm geschwefelte verkauft, deren Wert um fünfzehn Mark geringer war. Und doch konnte kein Betrug behauptet werden. Denn ihm waren laut Rechnung ausdrücklich Schwefelhölzer abgetreten. Er selbst trug in des Marktes Unkenntnis die Schuld am Verlust.

Nicht die eingebüßte Summe war es, die von heute auf morgen einen anderen Menschen aus ihm machte, die erlebte Gewißheit, er habe den alten Platz im Leben verloren, nichts zeichne ihn vor niemand mehr aus, Vermögen sei ohne weiteres, ihn vor Mangel zu schützen, nicht imstande. Scheckbuch und des Fernsprechers leichte Handhabung reichten, Gewinne einzustreichen, nicht hin, doch den Besitz einbringlich zu machen, müßte man ihn stofflich bewältigen. Und Welt mit ihm, da er mit Sichtbarem und Unsichtbarem verknüpft war.

Heidenstam sah ein: Über der Nationen sämtliche Kämpfe hinaus bedeutete das Ende des Impressionismus der Krieg.

 

Doch Anfang wovon? Das vor allem müßte er wissen, dann Entschlüsse fassen. Für die Zwischenzeit aber gelte das Prinzip, gegen das er sich gewehrt hatte: die Dinge außer ihm zu kennen. War ihm nicht schon auf der Schulbank Mathematik verhaßt gewesen, die, persönliche Meinung von ihr zu haben, nicht erlaubte, doch Form und Formeln auf den Tisch hieb? War nicht Trauer auf ihn gesunken, wo man nicht tausend, doch die besondere Eigenschaft wissen sollte, einer Sache Gewicht oder Größe auf einen Nenner gebracht, den man in das ausschließlich zu sich entschlossene Herz als ein Koexistierendes aufnehmen mußte?

In diesem Augenblick dürfte Welt für ihn nur den nirgends gleichen Stoff bedeuten, der, seine Besonderheit einzusehen, sich aufmerksam an ihn hinzugeben, forderte. Später –? Für später, fühlte er frohlockend vor, gab es zwischen Erkanntem und Anerkanntem vielleicht doch noch der Freiheit Ebene, zu seinen Gunsten könnte er aller Erfahrung ein Schnippchen schlagen. Das war ein genußreicher Morgen, da in ihm klar stand: jetzt, wo an das Allgemeine sich zu werfen not tat, könnte er es darum mit Inbrunst tun, weil ein Wille in ihm aufrecht blieb: wie das Exempel auch aufging, seine Lösung müßte trotzdem Heidenstam heißen.

So gab er sich entschlossener den Ereignissen hin, war, ihnen verschmolzen, keinen Augenblick seiner ledig. Immer machte der Hintergedanke den Sklaven schon zum Herrn, diente schwitzend der um Aufschluß. In der Schöpfung verschwindendem Bruchteil sah er ein Phänomen, von dessen Evidenz er sich durchdringen ließ. Wie man des Konkurrenten Geschäftsgeheimnisse, seine Hauptbuchseite hingerissen liest, und aus des nächsten Aktes Kulissen blenden die schon möglichen Unternehmungen.

Also ward Heidenstam Kenner auf dem Kriegsmarkt und verdiente. Die neue Methode nahm so vollständig von ihm Besitz, daß alle Umwelt sich als eigenes Subjekt vor ihm ausdrückte.

Des Alls gesamte Aufmachung wechselte. Nirgends und in nichts paßte das bisherige Bild zu den Selbsterscheinungen. Nach wenigen Monaten war ihm die Schöpfung wie einem Kind neu geschenkt.

Ein Lack, der das Ensemble mit fadem Ton zusammengefaßt hatte, war abgeschält, das Ganze gab sich bunt und grell. Natur blühte, da jede Butterblume klang, ausschweifend in diesem Frühling. Spatzen schmetterten unvergleichlich, jede Mädchenbrust war unter der Bluse speziell. Pißte ein Hund, bremste die Trambahn, war es historischer Akt.

Im Mai sprang Heidenstam mit der neuen Lebensart außer sich. Des Geldverdienens Absicht fand er albern. Kaufte Gold, errechnete eine Rente bis an sein neunzigstes Jahr und beschloß, nur noch Natur zu forschen.

Denn jetzt lohnte das Ding sich in anderem Maß als zu des seligen Impressionismus Zeiten, in denen er selbst die Anmerkung zu jedem Fremdkörper erst hatte herausarbeiten müssen, während umgekehrt nun alle Kreatur ihm Zeichen ihrer Eigenkraft zu geben, für ihn drauflos lebte. Er fand das so himmlisch, daß er im frühesten Entdeckerglück zusammenfuhr, fürchtete, er täuschte sich.

Wäre solcher Zustand erlaubt, sagte er sich – inmitten stehst du und läßt alles leben – machst es ebenso, schließest die Augen, sagst zu allem ja –, wäre die Welt Paradies. Da das aber allem, was er gelesen und gehört hatte, widersprach, fürchtete er, er täuschte sich zu späterem Verderben, kehrte mit Aufwand der Willenskräfte zu früherer Unentschlossenheit, zum Impressionismus zurück.

Doch schon war des genossenen Glückes Verlockung zu mächtig in ihm. Seine Frau sogar, sah er sie vor sich leben, hatte eine unvergleichliche Art, Quadratmeter Zeug zu häkeln, von Zeit zu Zeit einen Blick tollen Jubels an ihn zu verschwenden. Er fand sie sehens- und erlebenswert. Seinen Hund sah er japanisch-paradox. Vielleicht, sagte sich Heidenstam, macht der Krieg alles mehr aus sich herausgehen, hat das meiste erst in kriegerischer Verfassung Mut zu sich. Darum, als der Welt Projektion in seine Sinne immer bedeutender wurde, begann er, den Krieg als Erwecker zu tätigem Leben zu lieben.

Nun war's um ihn wie auf einem Jahrmarkt bunt. Knospen schossen mit Knall ins All, Schollen, Knollen platzten in Gemüsegärten, Kerzen der Kastanien strahlten, in Furchen hörte er das Trommelfeuer der Kartoffeln. Und auch die Menschen, unentrinnbarer Dumpfheit, gleichbleibendem Tagwerk bisher verpflichtet, schienen außer Rand und Band.

Als er auf einen Hügel gegen ein Dorf gelagert lag und fühlte, nichts aus der Schöpfung könnte, zu sehr zu sich gegipfelt, kommen, keine Karte Gott, die nicht Trumpf sei, spielen, alles Seiende, Gewesene, Zukünftige könnte nicht hart, weich, jung, alt, grün oder blau genug sein – alles müßt man nur besondere Absicht im Ganzen behauptend sehen, daß wirklich das irdische Leben schon die jenseitige Verklärung sei, wuchs er über Menschen hinaus, spürte zu unbegrenztem Aufschwung Kraft.

Hatte ihn nur räumlich Erscheinendes selbständig gedünkt, ward ihm neue Überraschung, als ein Wort, hinter dem greifbare Form nicht stand, mit eigener Lebendigkeit auf ihn zu wirken begann. Den Ausdruck »Gebildetheit« hatte er gebraucht, nachdem er erst »Bildung« hatte sagen wollen. Und gleich begann »Gebildetheit« aus sich selbst zu zeugen, entwarf Reihen belehrender, ergötzlicher Schilderungen gegen seine aufnehmende Hirnwand, die dichter als Gegenstände im Raum waren. Trunken der Entdeckung machte Heidenstam die Probe mit anderen Begriffen. Und jeder gab ihm gleiche Genugtuung. Ob er »Rache«, »Mitleid«, »Rausch«, »Faulheit« aussprach, gleich gab es aus jeder Vorstellung ein Gekribbel, als habe man an einen Ameisenhaufen gerührt. Mit Plastik, in alle Dimensionen hinein bildete körperlose Welt sich nicht weniger übermütig, selbstbewußt als die geformte.

In diesen Tagen, als an Fronten und auf Meeren Geschützdonner rollte, hätte man Heidenstam sehen sollen. Ein Schwimmer, in brausender Brandung sprudelnd und jauchzend, hüpfte er auf Schaumkämmen. Europa schien ihm zu seinem Vergnügen moussierend gequirlt. Schließlich brauchte er nicht mehr in die Ferne zu schweifen, Glück war immer nah. Anhängsel seiner Person gaben ihm für Tage Genuß. Mehr als fünfzig Jahr lang war er Katholik gewesen, und wozu hatte es gefrommt? Überhaupt keinen Gebrauch hatte er davon gemacht. Jetzt brummte er »katholisch« in den Kuchen und erfuhr nicht nur aus der eigenen Vergangenheit eine Menge bezüglicher Wahrnehmungen, doch konnte in Büchern das Spannendste über den Stoff hinzulesen. Da zum Beispiel übernahm er die Tatsache ins Bewußtsein: Seine Frau, von der schon der besondere Blick und Häkelraserei feststand, war zudem noch israelitischer Konfession. Wie apart von der alten Dame, raunte begeistert und zärtlich Heidenstam sich zu.

Mit Inbrunst sog er aus Zeitungen buntes Allerlei. Auf neuer Erkenntnis Höhe fand er, was er geraume Weile geahnt hatte, bewiesen: Alles Seiende, den Menschen zuerst, hatte der große Krieg bis ins Eingeweide entknöpft.

Und wie tummelte sich »Verrat«, »Wucher«, »Denunziation« und vieles andere, zu welcher Kraft wuchs »Völkerrechtsbruch« auf, von Begriffen und Gefühlen abgesehen, die überhaupt neu geboren wurden, doch alle Merkmale des Elementaren trugen. Schloß Heidenstam, auch das Beliebte, Erprobte bestand daneben weiter, daß Mutter-, Gattenliebe, Barmherzigkeit, Aufopferung noch wahre Orgien feierten, inmitten der Granaten wohl gar das duftende Veilchen blühte, sah er, auch »Kontrast« war nie zu solcher Geltung gekommen.

Er wehte, eine Fahne, begann seinen Glücksüberschwang in die Welt zu posaunen. Tränenden Auges schwärmte er Bekannte an, seine Frau umhalste er. Bis in die Nacht ließ er den Phonographen die Nationalhymne spielen, trank Punsch dazu.

Die Freunde sahen seinen Taumel freundlich an, solange sie glauben konnten, er besäße ihn im Sinn großer Gruppen; nahmen ihn für einen Konservativen, Mann, dessen Geld in der Schwerindustrie stak, Alldeutschen. Schließlich für einen Chauvinisten, der alle Grenzen hinter sich gelassen hatte. Als man aber zu ahnen begann, es stünde kein Gemeinschaftswunsch hinter ihm, doch er treibe sein Wesen privat, fing man von ihm abzurücken und zu grollen an.

Er aber tat nichts, das nicht alle Welt erkennen mußte: An einseitig kriegerischen Eigenschaften des Krieges lag ihm nichts, er baute keine besonderen Absichten auf ihn, war in ihm nicht zielstrebig. Gäbe sich ihm auch nicht als Teil des Ganzen in patriotischer Verzückung hin; finde im Krieg der Welt geeignete Verfassung, ihn, Heidenstam, am kräftigsten anzuregen, damit er, ursprünglich müde und begeisterungsschwach, jetzt klares ja und amen zu der Schöpfung sagen könnte. Das fand man bodenlos unverschämt.

Und als bei Vorkommnissen, die die schlimmsten Eisenfresser Exzesse schalten, Heidenstam sich nicht enthielt, die Entgleisungen unvergleichlich zu finden, man ihm schon warnend nahetrat, seiner Frau bedeutete, sie möchte Begeisterung in ihm dämpfen, war er an einen Punkt gelangt, wo ihm das in Europa Angerichtete nicht mehr genügte, er das Geoffenbarte in Träumen zu höherer Intensität zu türmen begann.

Er fand, soviel Lebstoff, den man früher ignorierte, festgestellt, müßte jedes Atom bis an die eigenen Grenzen drängen. Da es sich nicht mehr um Verstecken, doch Hervortreten, kein Verkennen, aber Anerkennen handele, habe alles Ding die Pflicht, sich in Gänze zu bekennen. Wer wisse, wann wieder Gelegenheit komme. Jetzt seien Bremsen auf, es gelte, ans Ziel zu kommen.

Andere Kataklismen, als die Tagesberichte brachten, wollte er. Von ihm aus mochte man Heere Gefangener in Latrinen ertränken; das auf England gestülpte Meer, ein in die Luft gesprengtes Frankreich waren ihm gängige Voraussetzungen, Staatsmänner und Marschälle wollte er mit Worten nicht, mit Melinit gefüllt. In jedem Buchstaben, jeder Nerve Sprengkraft.

Nachts legte er sich Anreden zurecht, die das von ihm Aufgemunterte wie einen Pfeil von der Sehne an seine Bestimmung schwirren lassen mußte. Eines Morgens trat er, rollende Proklamation, zu seiner Frau, die in Strümpfen und Hose stand, führte ihr solche Hochspannung aus sich zu, daß die Beklagenswerte, nicht wissend, um was es sich handelte, aus dem Fenster sprang und beide Beine brach.

Das fand er, wie er den Herbeigelaufenen erklärte, »enorm«. Die redeten ihm zu, führten ihn zu einem Wagen, der ihn spazierenfahren sollte.

Vor ein weites Gebäude brachte man Heidenstam, bat ihn auszusteigen. Hatte man gefürchtet, er werde sich sträuben, täuschte man sich gründlich. Von Neugier und Lebenslust besessen, konnte er keine Lage, die ihm nicht Genuß vermittelte, ausdenken, war vergnügt, als man ihm im fremden Haus unter lauter Unbekannten ein Zimmer anwies. Nur den Gedanken hatte er beim Eintritt: wie will ich sie sämtlich springen lassen!

Daß des Raumes Fenster vergittert waren, machte ihm Vergnügen. Es waren die ersten Fenster, denen er, da sie sich besonders zeigten, Beachtung schenkte. Als ein Herr in weißer Schürze abends Geschirr vom Waschtisch räumte, auf des Neulings Frage, warum das geschähe, antwortete, er habe, sich von Heidenstam den Schädel damit einschlagen zu lassen, nicht Lust, war auch der Bescheid, des Ankömmlings Hoffnung auf gehobenes Dasein, das ihn erwartete, zu stärken geeignet.

Der Männer Anblick, die er am nächsten Morgen traf, enttäuschte ihn nicht. Ohne zu wissen, was jeder bedeutete, war er im ersten Blick gewiß, sie seien alle von etwas die größte ihm begegnete Steigerung. Überhaupt stellte er des gesamten Lebens Tonstärke am neuen Platz um das Doppelte der Gerade höher als an sämtlichen Orten, wo er bisher Gemeinschaft kontrolliert hatte, fest.

Morgens, zur Zeit des ersten Frühstücks, wo überall sonst die kaum Wachen in zagen Lauten reden, hob sich hier aus allen Zimmern munteres Geschrei, das sich zu einem Lied, geschmetterter Arie verstärkte. So verlangte auch er den Kaffee beim zweitenmal mit anderem Nachdruck, ward inne, vom Wesen des Befehles habe er wenig gewußt. Er staunte, zu welch sicherer Mimik sich Mißfallen am Kommando steigerte, steckte der Angeredete dem Auftraggeber die Zunge bis zu den Wurzeln aus dem Hals heraus. In diesem Haus gab es aus präzisen Umgangsformen die Mißverständnisse über Gewolltes nicht, die sonst den Verkehr mit dem Nächsten hemmen.

Je besser Heidenstam die um ihn geltenden Grundsätze einsah, um so mehr erkannte er, daß eine Anzahl Menschen sich von je aus eigener Kraft die Ausdrucksfreiheit gesichert hatte, die den Massen erst der große Krieg brachte. Hier gab es keine Hypokrisie, fatale Lügen nicht vor sich und anderen. Hier war kein Knick in der Geste, kein Umschweif im Wort, vorm Ziel kein Halt. Hier sprach, was Gott mit ihm speziell gewollt hatte, der Mensch, durch keine Einrede verschüchtert, furchtlos, unerschüttert aus, setzte unter allen Umständen die eigene Nuance durch.

So der ältere Engländer, der in hundertjahrlangem faulen Frieden seiner Nation Schlagkraft in der Heimat nicht hatte fühlen können, die jedem Blutstropfen in ihm vor allem Irdischen teuer war. Über bewohnte Erde eilend, seines glühenden Verlangens wegen überall beunruhigt, hatte er hier, wo keiner mehr sich seiner Neigung sperrte, die Stätte gefunden. Aus des Bettes Federn trat er morgens vor die Anstalt, brüllte, ihr zugewandt, jauchzenden Tenors, mit ausgebreiteten Armen einen Morgen wie den andern:

»Old England expects,
that everyman
this day will do his duty!«

Wobei auf »his« den Ton er dehnte. Dann kehrte er ins Haus zurück.

Für vierundzwanzig Stunden war Verlangen in ihm still, er für des Tages Rest ein sanfter Lebensgefährte, der aller Welt von seiner Frau, die vor zehn Jahren gestorben war, erzählte, die er als Heilige pries, vollkommenes Weib und im Himmel noch, wo dringend sie ihn erwarte, fanatische Engländerin vorweg. Wann aber komme der Tod?

Er war es auch, der Heidenstam der Irrenhäuser soziale Notwendigkeit bewies. Dem wirtschaftlich Schwachen sollten sie die Möglichkeit verschaffen, die der Reiche ohne sie besitzt. Denn wer würde den Nabob hindern, manifestierte der im eigenen, zwanzig Hektar großen Park, wie er? Oder wie im Nebenzimmer der preußische Hauptmann, der Stunden des Tages Schritt vor Schritt rückwärts zu gehen verbrachte?

Von dem Hauptmann unterscheide sich Herr Konrad, der Kaufmann, nur insofern, als er die in der Welt und Familie erlittene Unterdrückung schlichter zum Ausdruck brachte, stellte dieser Mann, sonst Muster bürgerlicher Tugenden, sich alten Bekannten alle fünf Minuten aufs neue vor: »Konrad, mein Name!« Auf daß man ihn nicht wie zu Haus vergesse. Prachtvoll fand Heidenstam solches Beharren auf sich, und sei es nur zum eigenen Namen.

Wie packend war es, nannte sich der ehemalige Schauspieler immer Hofmarschall von Kalb! Dieser, von den Eltern her zu eigener Person nicht begabt, hatte aus der höheren Welt dichterischen Scheins die besondere Geltung, die er, sich vor anderen zu erkennen, brauchte, geborgt.

Freudentränen vergoß Heidenstam, sprach der ihn an: »Sehen Sie, Präsident, da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren. Von Bock reißt mir das Strumpfband, das ich aufgehoben, aus den Händen, bringt's der Prinzessin und schnappt mir glücklich das Kompliment weg.« Und antwortete dem Schauspieler: »Impertinent.«

Worauf Kalb mit einem Schafsgesicht sagte: »Mein Verstand steht still.«

Worauf der andere ihn umarmte, Zufriedenheit auf beide sank, Heidenstam dachte: gingen fünfzig Millionen Streichhölzer in einem einzigen Brand auf, welche Dunkelheit vor soviel innerem Licht!

In einem Zimmer schrieb von früh bis spät ein rüstiger Fünfziger Eingaben, die sich mit seiner Person befaßten, an Behörden. Lob fordern für geleistete Arbeit, das man nicht gespendet hatte, Auszeichnungen für Verdienst, das nur er kannte. Seit Jahren einen Tag wie den anderen auf Bogen in Folio, die die Anstaltsleitung in jeder gewünschten Menge zur Verfügung stellte. Kaum nahm er Zeit, ein paar Bissen zu schlingen, ruhte auch sonntags nicht. Aus ihm erfuhr Heidenstam das ungeheure Maß der Beachtung, das der simpelste Mensch für sich zu fordern, stutzt Gemeinschaftsideal ihm nicht die Flügel, gewillt ist.

Nun machte er auf sich selbst den letzten Schritt zu. Keinen Laut wollte er verschwenden, der nicht Offenbarung an des Menschen Ohr orgelte. Sein Essen zu bestellen, Notdurft anzuzeigen, stieg er auf den Stuhl, tobte Worte als Orkan herunter. Bei jedem Schritt stieß er den Fuß auf, reckte den Leib vollkommen aus den Angeln. Atem dampfte er vor sich hin, und schrie er kreischend von Zeit zu Zeit in Selbstentzückung auf, sprangen hunderttausend herrische Bilder, ein Feuerwerk, in ihm hoch. Die Tatsache »Heidenstam« wollte er der Umwelt gründlich einbleuen, und siehe! – keiner war, der sie nicht gefaßt hätte. Auch die Ärzte schienen überzeugt, und als ein junger Assistent ihn bat, leiser zu sprechen, schlug ihn Heidenstam glatt und platt um die Löffel.

Dazu sei nicht der Weltkrieg gekommen, daß nur ein Mensch noch länger Rücksicht nähme. Ausleben sollte nach des Schöpfers bewiesenem Willen sich alle Kreatur. Ihm wenigstens – Heidenstam – stünden ab neunzehnhundertachtzehn die Augen auf. Er bestimmt wollte nicht zu sogenannter Moral, geschminkten Vorbehalten zurückkehren. Für ihn sei, jenseits von Gut und Böse, Morgenrot!

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