Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Sternheim >

Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/sternhei/chronik/chronik.xml
typenovelette
authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
year1963
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectidae2d8859
Schließen

Navigation:

Ulrike

1917

 

Ulrikes beflaggtes Elternhaus, Schloß Miltitz, stand unter Föhren in einem Blachfeld der Uckermark. Trat man von der Anfahrt und geharkten Wegen zur Seite, sank der Fuß durch Sand auf Grund. Manchmal stak eine Stange, saß ein Rabe im Park; sonst war Acker. Latten fehlten Bänken, Rabatten das Mittelstück. Am Haus des ersten Stockes viertem Fenster eine Scheibe.

Von Blei schien meist der Himmel. Blaue Fahnen klafften kaum hinein, häufig strich Regen schräg, mengte aus Erde klebriges Gelb, durch das ein Wagen sich vors Haustor wälzte.

In das trat Paschke, der Diener, stracks, gab allem, was ankam, den Arm. Die Kinder warf er wie Bälle zum Flur, wo sie Graf Bolz, der Vater, mit dröhnendem Willkomm empfing. Aller Mahlzeit Beginn und Schluß hieß Gebet. Brot, Schwein und Kartoffel lagen inmitten. Das und die Familie war protestantisch. Preuße der liebe Gott.

Evangelisch war Magd, Knecht, Vieh und alles sehr in den Herrn gekehrt. Über der Gemüter fader Landschaft lag des Hausherren Zufriedenheit in Kindern und Gesinde als Licht, als Sturm und Gewitter sein Unwille. Auf seine Person war alles Begreifen gedrillt, der Hosen Sitz, des Bartes Schmiß früh allemal Symbol.

Ulrike von Bolz sah in des Vaters Blick und war mit Ruck ein Bündel Angst. In Gewohnheiten und Erfordernisse tauchte sie, ohne den Sinn zu wissen. Wuchs als Teil eines Ganzen, das Bolz hieß und Rang vor der Umwelt hatte. In der es Bolzburg, Bolzmühle, Bolzweg gab, bürgerliche Bolze durch alle Dörfer balgten. Hier lebte aus dem Geschlecht ein Sproß, ohne sich weitläufig zurechtfinden zu sollen. Denn überall ging durch Mensch und Landschaft seine Blutspur; am besten lief er wie der windende Hund der Nase nach.

So machte an Ulrike sich alles selbst. Zum Knie wuchs der Rock, zur Wade, zum Schuh. Haar floß in längerem Blond, Brust sprang zu Kugeln vor, es rundeten sich mählich die Beine. Sie reichte dem Obst in die Äste, mußte, es zu pflücken, nicht mehr klettern. Sechzehn Jahre war sie alt und wußte nicht, wie sie's geworden.

Pastor Brand blieb tabakbestäubt, kalt feiertags die Kirche, im Saal des Harmoniums F im Diskant verstimmt. Und immer noch schwang der Graf, war er mißlaunt, die Hand der Tochter um die Löffel. Nur über dem Knie hatte sie ihm letzthin nicht gelegen, seine Faust nicht auf sich gefühlt. Doch konnte das stündlich wiederkommen.

Im Stall führte sie der Kühe Melkung. Morgens um fünf, schlief sie noch halb, sprang ihr das Litermaß ins Bewußtsein. Wie oft würde sich's heute unter den Eutern füllen? Würde trocken die Spreu, Rübe verdaulich, warm, mehlig und schmackhaft die Kleie sein? Ob die Mägde Hände, Schleuder, Buttermaschine gespült haben möchten, durch Klee und Luzerne die Tiere nicht im Pansen gebläht wären, daß, ehe der Vater vom Gräßlichen erfuhr, sie mit dem Trokar das Schlimmste verhüten müßte.

Auch die Hühner waren ihr anvertraut. Mit Futter und Frohsinn hielt sie sie bei Laune, daß emsig sie legten. Keins hatte letzthin den Pips gehabt oder wäre sonst zu heilen gewesen.

Liebe und Ehrfurcht, die ihr das Vieh für die Pflege bot, bewegten in Ulrike ein Gegengewicht zur Unterwerfung unter Vaters Willen, der kränkelnden Mutter Nörgelsucht. Von den Brüdern, denen sie im Weg war, setzte es Püffe zwischen die Schenkel. Zog sie abends Kleider aus, legte sie auf den Stuhl am Bett, war sie blau davon. Später wurden in Silber und Grün mit Litzen, Schnüren und Tressen die beiden Husar und Ulan. Fleißiger sparte man zu Haus, daß Dietrich und Horst im Regiment sein konnten.

Im Herbst bliesen Jagden schmetternden Auftakt in des Lebens Blaß. Tagsüber flimmte Korn in Kimmen, knallte Pulver im Hag; kleine Leichname lagen abends, in Parade gestreckt, auf der Terrasse. Geröckte Förster hielten Fackeln, Gäste kamen groß daher.

Ulrike aber zog ein weißes Kleid an, das zwischen Strumpf und Hose die Knie sehen ließ, strich unter Männern, die nach Schweiß rochen und sie auf den Schoß holten.

Nachts war Türenschlagen. Das weibliche Gesinde, sonst mit den Hühnern im Bett, huschte durch Flure und hatte Feuchtigkeit in Mundwinkeln. An ihres Stübchens Gegenwänden hörte Ulrike der Fremdenzimmer Betten seufzen, fürchtete sich melancholisch.

 

Als sie Pelzmantel und Federhut bekommen hatte, fuhr sie mit den Eltern nach Berlin. Vor der Abfahrt war der Pastor dagewesen, hatte ein Menetekel geflammt, sie ins Blut erschüttert. Nein, ihr sollte die Fahrt nichts anhaben! Die gleiche Ulrike wollte ihrem Seelsorger wieder zufliegen, ihres Busens fromme Himmel sollten nicht wechseln. Sie war getrost und hatte mit Tränen den Kopf geschüttelt. Auch wußte sie nicht, was Brand wirklich meinte.

In Berlin war alles elektrisch. Schon am Bahnhof hing Kuppel an Kuppel vom Plafond wie in Miltitz der wächserne Mond. Man flog durch Straßen, Treppen im Hotel hoch, indem man kurbelte und Knöpfe drückte. Auch in den Zimmern ging alles auf Druck und Zug; doch wie jedermann mit Blitz entsprach, mußte sich der eigene Geist tummeln. Schnell sollte man, wo aller Auge wartete, zu Aufträgen ausholen.

Durch üppige Mahlzeiten triefte der Leib vor Saft und wuchs zu Außerordentlichem. Ihre Glieder sah Ulrike flitzen. Schon wenn sie morgens das Bein aus dem Bett warf, Wäsche, Kleid, Frisur im Sturm vollendete, mußte sie ihrer Flinkheit staunen. Hier, wo Bilder an den Wänden des Daseins Reize priesen, den Augenblick mit Liebesszenen und Schwelgereien zum Verweilen luden, erfüllte sich der Sinn der in Miltitz in Holzbrand prangenden Weisheiten: Was du tun willst, tu bald. Und: Doppelt gibt, wer schnell gibt.

Von früh bis spät war sie purpurne Eile. Herz und Backen brannten vor Angst, Wichtiges zu versäumen. Auch die Eltern holten mit Schritten aus, mit gespreizten Beinen sprang Ulrike an ihren Armen. Nach links, rechts klopfte der Zopf, flogen die schlürfenden Augen. Nie gesehenen Ausdruck der Gesichter, überraschende Haltung der Figuren, der Linien, Kreuzungen, Schnürungen gab es, Geräusche festzustellen, bei Gerüchen zu schaudern oder lustigem Kitzel zu wehren.

An Soldaten, die im Helmbusch mit paukendem Klamauk stampften, sah das Mädchen des Mannes Strammheit ein, und daß in Miltitz die Knechte lümmelten. An Frauen, die beim Regen Röcke hoben, stellte sie einer freien Wade heftigen Reiz anders als bei den Mägden fest, die arbeitend Beine ganz entblößten. Selbst eines Pferdes Stallen wirkte auf der Straße bei stürmender Wagen allgemeiner Hast als schallende Sensation.

Panoptikum und zoologischer Garten schlossen in Ulrike die Vorstellung des brodelnden Topfes, in den sie geworfen war. Doch ließ auf einmal Spannung nach, in sich brach sie zusammen, war nur noch matt und schlapp. Der Gottesdienst im Dom, bei dem ein feister Geistlicher, das Ordensband auf dem Talar, zur Andacht rief, konnte ihre Sehnsucht nach Miltitz' Kühen und Hühnern, dem Himmel von Blei, Pastor Brands schlechtduftendem Rock nicht mehr beschwichtigen.

Doch bis sie nach Haus kam, blieb eine Aufführung des »Wilhelm Teil« zu erleben, in der Rudenz die Federn prachtvoll vom Haupt schaukelten, man Trude Stauffachers Strumpfbänder vom Parkett sah und in der der Apfel auf seines Knaben Scheitel nach Teils Schuß liegenblieb. Das war in dieser Stadt, die in eilenden Treibriemen kreischte, das erstemal, daß eine Nummer versagte. Tiefen Eindruck machte das Ereignis auf Ulrike, sie ließ in überanstrengtem Bemühen nach.

Das Schadenfeuer in des Hotels Nähe packte sie nicht, weil ein anderes im Kino plastischer gebrannt hatte. Insbesondere konnte ein von Dämpfen Betäubter auf der Leinwand mittels sinnreicher Anstalten noch durchs Fenster ins Freie gebracht werden, während Schreie hinter Rauchgardinen in der Wirklichkeit schlimmen Ausgang verrieten.

Doch war für den nächsten Morgen endlich der Aufbruch angesagt. Am Abend gab der Graf den Freunden im kleinen Saal noch das Abschiedsessen, und Ulrike mußte dabeisein. Die Herren, eines Sinnes, einer aus gleichen Quellen bechernden Fröhlichkeit prosteten mit roten Antlitzen zu weißen Haaren. In vorgerückter Stunde trat unter die Zecher groß, wuchtig, mit gut gemachtem Glatzkopf ein Mann. Auf seiner Brust am Frack hing ein Stern.

Augenblicklich hatten wippende Stimmen sich befestigt, Köpfe sich zurechtgerückt, Ulrikes Nachbar dem Nebenmann zugeraunt: »Spät kommt er, doch er kommt, der Jude!«

Dem flog des Mädchens Spannung zu. Nicht der Weltstadt fehlender Glaube und Miltitz' unverlierbare Liebe zu Gott zeigten ihr den Abgrund zwischen der Heimat und neuer Umgebung schneidend, aber wie dort zu Blum, dem Pferdehändler, der Vater Berge gesellschaftlichen Abstandes türmte, hier Abkömmlinge alter Preußenfamilien vor diesem Fremdblütigen sich zusammennahmen, bewies Ulrike, Berlin könnte ihre Welt nicht sein; unberührt und geprüft sei sie sich selbst zurückgegeben.

Noch manches hatte der Vater auf der Rückfahrt von diesem Mann gesagt, den man mit einem Dutzend seiner Glaubensgenossen bei wichtigen Sitzungen nicht missen konnte. Bedeutend hatte die Mutter genickt, und Ulrike ward durch der Frau Zustimmung dieser Männer Kraft gewisser als durch des Vaters Beweise. Es besaß also der wie ein Araber gemachte Mann aus seines Blutes Wucht Eigenschaften, die Führer wie den Vater zwangen, ihn trotz Abscheus an ihrer Seite bei Geschäften zu dulden, deren Sinn Ulrike dunkel war, von denen sie aber spürte, ihretwegen spielte sich das nach außen gerichtete Leben ihres Volkes ab.

Doch zog sich das Herz vor dieser Erkenntnis zusammen, und als man an der Station in den Wagen sprang, schwur das Mädchen mit Schwung, tiefer in sich und Gefühle zu fliehen, die keiner Elektrizität und brausender Eile, doch auch nicht Berlins und keiner Juden bedurften.

Brand war seines Zöglings froh. Statt erzogener Neigung für den Erlöser entspannte sich der jungen Brust so warme Hingabe, daß, wohin Ulrike kam, Blühen über Miltitz wuchs. Nicht mehr Pflicht war ihr Erscheinen, doch gab sie mit dem Notwendigen den Armen ihrer Güte Licht, kleidete die Kleinen, küßte sie auf die kümmerlichen Backen; drückte mit dem Goldstück den Wöchnerinnen Ströme guter Hoffnung in die Hand. Über ihre Tiere hinaus schuf sie helle Gesichter unter Menschen, blieb ihnen, Gott meinte es gut mit ihnen, Versicherung.

Nur zwei-, dreimal im Jahr schien sie bei festlichen Anlässen noch eine Bolz, und der Spruch über der Haustür:

Doch im Herzen starr der Glaube:
Wer den lieben Gott läßt walten,
Und rassiger Trotz und Treue zum Thron
Haben sich wunderbar erhalten.

Wo ein Turm in sandige Wüste ragt
Am Tor das alte Wappenschild –
Zwischen Elbe und Oder liegt das Land.
Wo Luther und Hohenzollern gilt –

dünkte sie, als sie erwachsen war, beschränkt. In ungehemmterem Sinn war Ulrike Christin.

Eifrig glaubte sie, auf gleichen Freuden und Leiden mit aller Umwelt beharren zu müssen. Eigenes Glück dürfte sie von den übrigen nicht trennen, Vorrecht kein Leben erleichtern. Wollte sie sich auszeichnen, sollte sie an des Menschenstroms Spitze trotzender Wogen Gewalt brechen. So war aus ihr zu allem Menschlichen die Brücke geschlagen, Himmel und Landschaft nur Staffage allgemein kreatürlichen Gedeihens.

Schlichte Tracht, bescheidener Hunger und Wunschlosigkeit machten sie zur angenehmsten Hausgenossin, und Vater Bolz hatte den Beifall zu ihrem Wandel längst in die Anrede, mit der er sie grüßte, gelegt: Jungfrau Märtyrerin; in der er anfangs das letzte Wort betonte. Doch als Ulrike älter, der zwanzigste Geburtstag ein Weilchen gefeiert war, glitt der Ton in des Vaters Mund auf das erste Wort. Und mit den Jahren so entschieden, daß das Mädchen den Sinn zu fragen begann. Stellte man mehrmals am Tag vor aller Welt ihren ledigen Stand fest, war er eine Eigenschaft, die allmählich zu denken gab; so wurde Ulrike dahin gebracht, die Möglichkeit zu überlegen, das Elternhaus, ihr ausgefülltes Sein mit einem neuen, von dem ihr jede Vorstellung fehlte, vertauschen zu müssen.

Denn sie sah die bessere Kraft nicht, die sie aus einem Mann beglücken sollte, als die sie aus des eigenen Lebens Wurzeln täglich überraschte. War aus ihr zur Welt und in sie zurück himmlischer Rundlauf nicht offenbar, und wo gab's einen Halt, Ursache in diesem Strömen, es nach vorwärts, rückwärts zu verbreitern? Las sie nicht aus allem Blick, zu jeder Tat Bejahung?

Wo war der irdische Mann, in dessen größere Gewalt sie ihren Drang hätte senken sollen, daß steiler der Strahl der Liebe in ihr sprang, ihres Daseins Sinn sich gründlicher erfüllte? Keiner, den sie gekreuzt, hatte mit ihr an Demutswillen gewetteifert, und war sein Tun und Predigen gesegnet, Pastor Brand nicht.

Aber Kandidat Kittels Barmherzigkeit wuchs aus Ulrikes feurigem Anstoß. Lau war, als er gekommen, seine seelsorgerische Lust gewesen, und brach seine Nächstenliebe jetzt wie Fall zu Tal, empfing er von ihren Gnaden die treibende Kraft.

Auf dem Friedhof die Kapelle bauten sie nach gemeinsamem Plan, wählten den bläulichen Stein, Gläser gedämpft, ihrer gegenseitigen milden Neigung füreinander gemäß. Ton, der mit evangelischen Schwingen aus des Jünglings Brust zu dem Mädchen fuhr, blieb unverändert fern und zart.

So wünschte Ulrike ihr Leben nicht geändert. Wie war ihr in dieser Welt jede Wegstation fröhliche Ankunft, gesegneter Aufbruch aller Abschied. Viele Schicksale füllten sie, und mannigfach war erdiente Erfahrung in ihr, die in die jungen Züge zu schreiben begann. Sie hoffte, der Vater müßte, an so entschlossener Führung sei nicht zu deuten, begreifen. Geworfen sei ihr Los, und was zu hoffen blieb, sei, durch höhere Ereignisse möchte das Maß des durch sie zu lindernden Elends gesteigert werden. Das war auch ihrer Gebete Sinn.

Der sich erfüllte, als die europäischen Kriege kamen. Nach des Rausches, der Panik Tagen fand sie sich, aus friedlichem Wirken geschleudert, in kaltem Gemäuer, wo auf Stroh verstümmelte Rumpfe lagen, die begossen, gewickelt, entleert sein wollten, deren stinkenden Abfall sie den Gossen, bis die sich mit teigigem Schlamm verstopften, zukehrte. Zu der Front Gebrüll drang Fluch, Gestöhn, letzter Seufzer so gewaltig zu ihr, daß sie Einzelnes nicht mehr unterschied, faulige Jauche der Blutströme des massenhaft Amputierten ohne Besinnen in gurgelnde Kanäle goß. Erst nach Wochen stockte der pestende Auswurf, begannen Gesichter durch Krach und Qualm in ihre von Schreck gesperrten Augen zu blinzeln. Nun schickte sie sich, Fälle und Namen zu merken, an, schied von den übrigen die Männer ohne Arme und Beine, die ihrem Beistand auf Gnade und Ungnade verfallen waren, gehörte ihnen ganz. Bestrich lindernd Stümpfe, durchgerissenes mürbes Fleisch, flog mit Gefäßen so hurtig herbei, daß Wind der Schürze Segel blähte. Dazu schoß sie ihrer Hast verheißende Blicke voraus. Hob Kissen mit Schwung, ließ Decken wie Watte flattern, daß zage Häute keinen Druck von ihnen mehr spürten. Der Ärzte Strenge fiel durch ihrer Mienen Sieb wie Trost an der Duldenden Ohr, zu Leid und Qual schwang allmählich Gelassenheit und frisches Zutraun durch den Saal. Blume erschien erst einzeln, dann in bunten Reihen vor den Fenstern, ein Bild hing da, und Tücher blühten frisch und weich.

Hatte sie abends letzte Bedürfnisse überall gestillt, fiel ein Auge nach dem anderen zu, gab sie den Müden menschlichen Lächelns, sanfter Bewegung Reiz mit in den Schlaf. Ohne Nahrung, stürzte sie in verschwitzter Wäsche in die Matratze, trank Kraft für den neuen Tag.

Innig schlossen sie die Männer in liebeshungrige Herzen. Mit kupierten Leibern waren sie doch galant und gaben sich in Kissen mit gewolltem Schick. Mußte ein Peinliches sein, sagten sie Pardon, erröteten wie Knaben. Das Ungehörige war ihnen vor dem Engel gräßlich, lange nachher wußten sie vor Scham nicht aus noch ein. Von ihres Lebens besten Dingen sprachen sie, suchten, ehe sie die Pflegerin riefen, aus der Erinnerung fleißig nach feinen Worten. Deren Bitte war mehr Befehl als des Vorgesetzten Weisung; den Widerspenstigsten zu zähmen, genügte des Kameraden Ruf: »So will's Ulrike aus der Uckermark!«

Nahmen die meisten ihre Güte als geschuldeten Ausgleich finsteren Schicksals, gab es andere, die in Schwärmerei fielen, an ein Himmlisches mit ihr glaubten. Die hatten morgens Blicke von ins Trockene schnappenden Karpfen, bis die Schwester ihnen das Glück besonderen Hinsehens schenkte. Bald vermochten sie wie auf Rollen den Körper, dem angeschwärmten Mädchen Last zu sparen, in die gewollte Lage zu schieben, lachten übers ganze Gesicht, fand das sie in der neuen Stellung, deren Zustandekommen es sich nicht deuten konnte.

Einer von den Soldaten, August Bäslack, war nur noch Rumpf mit einem Arm. Niemand wußte, zu welchem Ende Gott das Paket verwahrte. Er selbst, nachdem er tagelang in Morästen gefault, schien auf Stroh unter Dach und Fach sich wohl zu befinden. Kam Ulrike, riß er Mund und Nase auf, starrte sie, als sei sie Theater, an. Erst sprach er nicht, schlang nur Speise und Trank. Tränen flössen ihm in den Teller, die nicht Leid, Entspannung waren. Unter dem Leintuch trommelte Sturm der Leib; oder Schweiß brach in Bächen aus, und wie ein Kessel dampfte der Mann.

Allmählich dichteten sich die Fugen, der Musketier ward Saalinsasse wie die anderen. Nun blieb Ulrike auch bei ihm, zog Schicksalhaftes in Gesprächen aus ihm. Ein Unhold war er vor dem Krieg gewesen, in Gefängnissen häufiger Gast, der zugesehen hatte, daß unter seelischen Erregungen, die er nicht missen wollte, jeder Tag mit Diebesabenteuern und Schlimmerem für ihn verlief. Putzige Grundsätze hatte er, behauptete, aller Menschen Absicht ginge auf Raub aus, seine Art sei nur die einfältigste und schäbigste von allen. Doch reiche sein Verstand zu höherer nicht. Ulrikes sittliche Einwände hörte er höflich, mit Ermüdung an; meinte, sie seien auch darum überflüssig, weil der alte Beruf für ihn ohne Beine und Arme nicht tauge.

Als das Mädchen sah, hier fiel zum erstenmal ihr Wort auf Stein, flammte Bekehrungseifer auf. Häufiger stand sie an Bäslacks Bett, öffnete ihrer Gründe Schleusen weit. Während sie den Liegenden mit Bibeltexten überschwemmte, brannte das gute Herz bis zu den Backen und erleuchtete den Verstockten. Doch wies der sich als kein schlichter Gauner, aber verteidigte begeistert sein feindliches Verhältnis zur Menschheit, das er mit Moralbegriffen nicht zu messen doch natürlich fand; das er politisch nannte. Wie sie Christentum den Greueln verbinde, mit denen ein Erdteil gerade kreise? Ob es nicht peinlicher sei, in des Erlösers Namen unter besiegten Völkern brennen und sengen zu müssen als nach eigenem oder der Obrigkeit Willen? Er spüre Genugtuung, nicht jedesmal bei solchen Anlässen erst seelische Turnkunststücke vor seinem robusten Gewissen wie die Kameraden machen zu müssen, doch das Befohlene, anscheinend Notwendige mit Humor und wirklichem Genuß auszuführen. Schema rede sie, betäube sich mit Gang und Gäbem. In folgende Dinge solle sie sich hineindenken: Und nach knappen Fakten, die er verbürgen wollte, malte er kaustisch die geschaute menschliche Demenz.

Er lüge, schrie Ulrike ihn an, und für solche Geschichten wollte sie ihn zur Verantwortung ziehen. Doch knickte Bäslacks Geschiel ihre Entrüstung, entformte sie zu Zweifel und Angst. Immerhin hatte sie am anderen Morgen Haltung genug, mit Überzeugung wieder bei ihm zu sein; und aus ihres Glaubens Kraft bliesen zwei Menschen sich fiebrig an, bis des Mannes Gewalt aller geschändeten Kadaver Gesamtheit vor sie hintürmte, ihr seelisches Gleichgewicht stürzte, daß ihr als Pfeil im Herzen aufrecht ein Finsteres stand. Da hatte Ulrike Ringe um die Augen, über den Kiefern lagen Schatten in des Fleisches Teichen. Hielt sie sich äußerlich vor Bäslack steif, sah sie, er kannte ihren Bruch und würde sie nicht aus den Fängen lassen.

Zu den übrigen floh sie, suchte aus ihrem Glauben Mut. Alle Soldaten im Saal haßten Bäslack, der sie wie betrogene Betrüger maß, Zähne zeigte, sangen sie unter Ulrikes blonder Führung:

»Rußland, o Rußland,
Wie wird es dir ergehen,
Wenn du die deutschen Soldaten wirst sehen?
Deutsche Feldsoldaten
Schießen alle gut,
Wehe dir, wehe dir, Rußlands Blut!«

oder übers ganze Gesicht lachte, folgte laut das gemeinsame Nachtgebet.

Übrigens neigte jäh sein Zustand zur Krise, und eines Morgens stand der Tod so dicht bei ihm, daß er vom Sterbenden nicht mehr mißkannt sein konnte. Da schlug Bäslack Ulrike den Blick mit dem Hammer ins Herz, daß sie platt an ihm festsaß, goß ihr mit heimlich obszönen Bewegungen eine Flut unflätiger, alle menschlichen Ideale schändender Worte ins Ohr, wozu er selig, fast verklärt, wie zu lösender Beichte lächelte.

Als Ulrike eine Gebärde des Abscheus machte, ließ er sie, die Decke lüpfend, seines zertrümmerten Leibes Grauen noch einmal schauen, warf ihr mit letztem Schwung das Gesäß entgegen und verschied.

 

Nach einjähriger Arbeit an der Front ließ Ulrike sich in die Etappen holen. Auf ihrer Station fand sie Kittels Schreiben, der als Feldgeistlicher das Eiserne Kreuz erworben hatte. Sein Brief war Begeisterungsschrei. Mannschaft, untere, obere Führung – prachtvoll. Schlacht und Sieg folgten sich wie in Bilderbüchern. Der Soldat rief Halleluja und Hurra, fiel angemessen schlicht. Zum Schluß schrieb Kittel, wie ihn oft ein Zwang treibe, selbst die Waffe zu nehmen und mit den Stürmern sich in des Qualms geballteste Wolke zu werfen. Einmal habe er nicht widerstehen können: Als bei einem Angriff des Bataillons sämtliche Offiziere gefallen waren, habe er den erstbesten Degen geschwungen, und unter seiner und des Stabsarztes Führung sei die Attacke bis in die feindlichen Gräben geschwenkt worden. Gewiß, sie spüre voll und ganz, welche unvergleichliche Zeit ihnen mitzuerleben vergönnt sei, drücke er ihr, ihr Bruder in Christo, die Hand.

Ulrike sah ihr Leben in Schläuchen, die nicht mehr dicht waren, sickern. Kittels Brief stimmte zu Bäslacks Bekenntnissen wie der Jugend hübsches Einerlei zum heutigen Chaos. Doch merkte sie Krieg und Krüppel unmittelbarer, jetzige Zustände den Menschen der Epoche gemäßer als alles, was im Frieden gewesen, das ihr von einem ironischen Konditor verzuckert schien.

Gelang es noch, mit Standesgenossen deren Sprache zu sprechen, fand sie sich in zwei Wesen zersprengt, von denen eins den alten Text geduldig sprach, das andere ihr jedes Wort von den Lippen fing und in ihm allemal einen fatalen Gegensinn feststellte. Erschreckend fand Ulrike das Gespenst, belustigte sich aber mit ihm über die andere Ulrike aus der Uckermark, wie die Soldaten sagten.

Durch Erschütterung entrundet, tat sie im Lazarett mechanisch ihre Pflicht. War mit gähnendem Maul wie die anderen Pflegerinnen, schlürfte durch Bettreihen und schien den Kranken wie Trank und Arzneien bitter.

Doch ekelte sie Unlust zur Arbeit. Kühe und Hühner hätte sie wieder füttern, mit Leuten vom Land deren Notdurft bereden mögen, um nicht bei jeder Handreichung wachsenden Widerstand beugen zu müssen. Das Härteste war, des Zerfalles Ursachen zu nennen und aufzuklären, erlaubte sie sich nicht. Als sie die Verwandlung erkannte, hatte sie jenen unwiderstehlichen Geist in sich gespürt, der auch im Elternhaus manch Überkommenes belächelte, es aber mit Stolz und Absicht weiterschleppte, als hingen Geltung und Leben von ihm ab.

Sie ging geköpft durch tolle Zeit. Und als in Reden und Schriften der Unsinn kraß wurde, groteske Ereignisse lärmender prasselten, rettete sie sich vor der Not in äußere Zerstreuung. Fand Licht vor europäischer Nacht bei exotischen Kinobildern. Jede freie Stunde, die sie sich auf Grund ihrer bevorzugten Geburt jetzt unbedenklich verschaffte, saß sie in der besetzten Hauptstadt Lichtspielsälen, in deren gepflegtestem Krankenhaus sie seit kurzem wirkte. Aus dem Film rollten Geschöpfe in Situationen, die kaum noch wahrscheinlich waren, doch Kanäle zu vertrauten Empfindungen offenließen. Wilde gab's im Busch, zur Rache gekämmte Indianer auf dem Kriegspfad, Schakale in der Jagden Rausch; doch immer konnte der Beschauer an der Kreaturen Gewalttätigkeit begreifend teilnehmen. Es blieb gewissermaßen der Gott sichtbar. Nicht Christus, doch Jehova, Mohammed oder ein Fetisch, der die Dinge in höherem Sinn lenkte. Im Mord war Vergeltung, Hunger im Raub, vor Urteil Verbrechen. Es klang die im Orchester gemachte Musik aus Ereignissen mit. Von feurigen Wassern solcher Abenteuer gewaschen, konnte Ulrike den täglichen Dienst gefaßter verrichten.

Doch schlug mit der Ereignisse Folge Sucht nach eines Herzens Umgang zügellos aus ihr. Von Bekanntschaft sprang sie zu Bekanntschaft nach dem erlösenden Zeichen, mißachtete Schnurrbarte, Monokel, ersehnte vor Essen und Trinken ein einziges Wort, wie sie Bäslack in Katarakten vom Maul geflossen waren. Ihn sah sie innerlich wieder, seiner Blicke klirrenden Fluch, die blanken Verdammungen. Und wie in Rotguß erschien ihr die mit dem letzten Atemzug präsentierte Plastik wieder. Durch Gassen lief sie, stöberte im Gesindel nach kühnen Visagen, drängte in des Mobs Zusammenrottungen und fand auch da zu Brei gewälzte Phrasen, denen die Druckerschwärze vom Morgen nachstank. Menschengewühl, über das man Kübel Kleister gestürzt hatte.

 

Am Ort, wo sie mit Bekannten aß, saß ein Landsmann, der durch sein Äußeres auffiel. Da er mit Herren an ihrem Tisch sprach, hörte sie manches von ihm: Maler, Hilfsarbeiter im Gouvernement und Jude. Man sprach halber Zurückhaltung zu ihm, nicht wie Vater Bolz zum Pferdehändler Blum, doch weiter noch von der feindlichen Hochachtung entfernt, die Ulrike am festlichen Abend in Berlin bei den Ihrigen jenem Besternten gegenüber bemerkt hatte.

Als sie, unterspült und Hemmungslosigkeiten preisgegeben, den Blick durch die Welt nach Hilfe sandte, blieb er manchmal bei jenem Mann, der aus Quarz die Kinnlade, gestielte Augen trug, auf der Bank in sie hineingetrieben saß. Mächtige Schlucke und Bissen tilgte er und schwang aus stählernen Gewinden. Oft entzischte ihm Feuer wie aus Gasgebläsen, das Ulrike versengte.

War ihre adelige Struktur bis zum Grund gelockert, hielt Vorurteil sie ab, diesen Menschen als aus ihrer Welt zu sehen. Tauchte seine Vorstellung auf, wuchs ihr vom Hals zum Fuß eine Gänsehaut. Als einen Orang-Utan sah sie ihn, doch nicht, ohne daß sie wie vor solchem Tier Schauer kühner Gewalt und urfremd elementarer Art bewehten. Ihr Leben, das sich gegen eine Welt gesträubt hatte, suchte sich nur noch vor dem Nachdenken über die männliche Bestie, die die Freunde Posinsky riefen, zu bewahren; zum erstenmal fand sie sich eine richtige Bolz, vor einem Lebendigen mit geblähten Nüstern stelzend.

Eines Tages bot er ihr in Regengüssen einen Schirm an; sie trat zu ihm, und gleich pfiff er ein so besonderes Lied, daß sie mit allen Sinnen horchte. Merkte sie, er führte sie über Straßen und Plätze kreuz und quer, hinderte sie ihn nicht; betrat an seinem Arm eine Wirtschaft.

Ellbogen auf den Tisch gestemmt, hieb er dort so erbarmungslos in das Gerüst der Welt, daß sie einzelne Zusammenbrüche nicht merkte, nur sah, wie er mit besessener Kraft und besserem Wissen zuschlug. Als tränke sie Punsch, sei wieder köstlich warm, hatte sie das Gefühl. Und als er gegangen war, hielt eine Wolke sie aus seinen Worten schwebend.

Da waren ihres Urteils mit Mühe verriegelte Schleusen geöffnet. Begriffe in des Gedächtnisses Schacht wechselten Farbe, in ihrer Erkenntnis war vor Taifun jüngster Tag. Mit schärfstem Mikroskop in der seelischen Brille stand sie vor der Schöpfung, erbrach ihrer Erziehung frommen Betrug auf einmal.

Nun sehnte sie das Wiedersehen mit Posinsky herbei, daß seine guten Gründe ihr das Entdeckte stützten. Doch war er das zweitemal ein anderer. Gut gelaunt und sanft, wies er Zeitgenössisches von sich, begann von Dingen außerhalb heutiger Vorstellungen zu sprechen. In Afrika war er gewesen, erzählte von Negervölkern. Auf des Kaffeehaustisches Platte zauberte er Tropenlandschaft und, im Sturz des Lichtes, ein scharlachenes Paradies. Von dieser Einfachen Trieben sprach er so dringlich, daß Luft um ihn sich vor Vergnügen rötete, Hitzschauer durch Ulrikes Wäsche liefen. Europas Veitstanz ließ er hinter sich, buchstabierte ihr begeistert einen schwarzen Kanon.

Bei späteren Zusammenkünften fuhr er damit fort, riß in des Cafés Winkel sie und sich aus Wirklichkeit. Um rotes Sofa blühte der Brotbaum, kieselten Stromschnellen durch Urwälder, schwitzte der schwarze Kontinent seine leckere Fruchtbarkeit. Unter Bambus, Bananen, Früchten, Orchideen verschwenderischer Natur sahen sie in blauen Winden ebenholzenen Rassen beim Schaffen zu. Wie Balubas, Hussahs, Watussis rinderweidend, auf der Jagd, oder webend, töpfernd, stickend, schlichten Tag, der seit Karthagos Zeiten dauerte, hinbrachten. Das war Posinskys Trumpf, des Negers klassische Beständigkeit in jahrtausendelanger Reibung mit den Weißen zu zeigen. Aus ihrem Blut allen Lockungen der Zivilisation trotzend, erhielten sie sich der Götter zauberisch parfümiertes Eiland, um das ein Wall von Eis, dörrender Glut, Wüste, dichten Wäldern gekeilt, sie vor eiliger Beweglichkeit schützte. Doch diese Wilden wies er ihr ohne Philosophie mit handfesten Begriffen, ohne Kunst bildnerisch, fromm ohne Dogmen. Wie ihre Handlungen, aus Trieb aufspringend, die Welt nicht zu Entwicklungen vorwärtsstoßen, doch Glück am Feuer bewahren wollten, sie sich nicht erobernd ausgebreitet und versprengt, aber kraftstrotzend ihre Weiber am gleichen Platz mit seßhaft gewilltem Samen gefüllt hatten.

Aus Ulrikes Brust schoß groß und dunkel eine Blume, die sie mit Lebenssaft begoß, als deren Schöpfer sie Posinsky ohne sein Wissen, wie man das sich Offenbarende verehrt, liebte. Holz- und Elfenbeinskulpturen der Sudanneger besaß er und wollte sie ihr bei sich zeigen. Sie folgte, bestaunte die kubischen Hölzer; durchblätterte seine afrikanischen Skizzen, in denen er die feurig edle Gestikulation anmerkte. Sie, aus uraltem Stamm, sagte er, habe eine Neigung des Kopfes, der Beine Drehung, die ihn an schwarze Weiber mahnte.

Bald darauf zeichnete er sie vor seinem Tisch. Plötzlich wischt er Kragen und Krawatte fort; man sieht, wie ihn Begeisterung packt. Aufrecht stellt er sie, zieht Zeug und Wäsche ihr von den Hüften, daß sie in Bluse und Schuhen nackt vor ihm ist. Dann fegt er mit Faustschlägen aus dem Pinsel des Schenkels Kontur auf den Malgrund.

Modell und Geliebte war sie ihm, wie er sie wollte. Aus allem Sonst war sie in ihn auf eine Spirale gerollt, aus der er sie schnellte und sich ducken ließ. Bald stand sie hoch auf Podien, er renkte ihre Maße in seines Bildes Erfordernisse, daß Getast unter seinen Griffen bäumte, Gesait zu spitzen Tönen schrie oder in Geheul verseufzte. Pedal war sie, von ihm getreten, englische Stimme, durch ihn gelockt. Doch gebar sie in raumloser, zeitloser Fülle fortwährend Himmlisches.

Aus gekappten Rändern lief sie in ihn aus, war nur noch Teig, an dem er aß und satt wurde. Da er sie afrikanisch wollte, schickte sie sich an, Trope, schwarzer Beischlaf, halbtierische Schwellung und Geruch von Negerbeize zu sein. Alles Wirkliche war so von ihr gespült, daß Geschosse, die oft genug noch in die Stadt fielen, ihr von draußen schreckliche Gegenwart nicht mehr vermittelten.

 

Doch auch Vergangenes ward apokryph. Kam es ihr selten in den Sinn, glaubte sie an Traum und Sage. Das arme Mädchen, das das alles erlebt hatte, mußte fremder Rasse, deren Aufnehmer welk und verblüht waren, angehören. Manchmal summte Ulrike eine Strophe, die ihr exotisch klang, der Worte wegen, an Schnüre gereiht:

»Gouvernante, Stundenplan,
Knicks, Pflicht, Ordnung, lieber Gott!
Taufe, Impfung, danke schön,
Polizei und Magistrat –«

und tanzte dazu, indem sie den Bauch kugelig und immer runder rollte.

Mit Posinsky lebte sie auf einem Flur, und ihre Stuben liefen ineinander. Vorhänge hielt sie geschlossen, ging, ihres Dienstes ledig, kaum zur Straße. Tag war Vorbereitung für ihn, kam er nach Haus und wollte verschnaufen.

Im großen Wohnzimmer hatte sie den Kral an Pfählen aufgemacht, unter dem sie auf einer Löwenhaut die grellgeschürzten Lenden, fleischige Beine spreizte, einfachste Vorstellungen hatte. Quelle war sie, in die er, sich zu nässen, tauchen sollte, hielt sich rein, von anderem Verlangen ungetrunken. Kaum gab sie dem Licht nach, das nach ihr durch Gardinenschlitze leckte, doch war ohne ihn aus aller Wahrnehmung in lächernden Halbschlaf geschält, hörte das Murmeln ferner Meerbusen.

Trat er aber ein, und es klirrten des Himmels Soffitten, entschränkte sich das ausgeruhte Weib, renkte Gelenke an Ketten hervor, motorisches Pochen klopfte aus allen Gliedern den Boden. Dann war Kilimandscharo, keine Zeit, heißer Wind im Halbdunkel, eine polierte Magd und ein saftiger Häuptling. Fast nur ein starker, behaarter Affe und die berauschte Äffin.

Von Entwicklungen tropfte Ulrike sich frei, schabte Ursprüngliches, in Geschlechtern verschüttet, aus sich heraus, bis sie blank und ihr dichtestes Ich war. Jahrtausende hatte sie rückwärts eingeholt und wünschte das späte Paradies nicht herrlicher.

Lächelnd ließ sie sich von Posinsky die Häute bemalen und tätowieren; zu tiefem Schwarz das Haar färben. Lippen und Zitzen spitzte sie selbst zinnoberrot.

Ganz im Glück hatte sie nur Gehorsam. Peitsche kam von selbst, nach der sie schwank und fröhlich tanzte.

Der Mann fühlte sich auch behaglich, verbrauchte eifrig Ulrikes Rente zu seinem Einkommen. Seiner geschmeichelten Eitelkeit gelangen sogar beträchtliche Bilder.

Oft kam er sich erhaben vor, schleifte das berückte Fleisch vor ihm, das eine deutsche Gräfin war. Manchmal war er traurig und wußte nicht warum. Immerhin schien er nicht unglücklich, als Ulrike einen Knaben entband und in der Geburt mit verzückten Grimassen starb.

Da ihm das Kind mit aufgekippten Lippen widerlich schien, gab er es an ein Findelhaus, nicht ohne seine Umrisse auf der wichtigsten Leinwand der unter Palmen schlafenden Ulrike in den Schoß gemalt zu haben.

Das Bild heißt »Never more« und hängt in öffentlicher Sammlung.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.