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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 6
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Die Schwestern Stork

1917

 

Hundertachtzigtausend Mark hinterließ Kaufmann Stork seinen Töchtern. Hunderttausend bekam Martha, den Rest das Kind Maria. Gründe für die ungleiche Erbschaft waren im Testament nicht angegeben, doch als der Vormund zustimmte, blieb des Toten Verfügung. Die Ältere wird mit der Kleinen Erziehung Plage haben, dachte man. Zudem hinkt Martha. Das verdient ein Pflaster.

Und wäre der Zahlenunterschied zuungunsten Marias größer gewesen, sie hätte keinen Verteidiger ihrer Rechte gefunden, weil die Zwölfjährige im Kleid bis zum Knie schön war, in aller Welt Gedanken der reiche Freier mit ihr ging. Das Geld würde zu einer Erziehung, die sie zu ihrem Platz auf der Menschheit Höhen befähigte, reichen. Mehr brauchte es nicht.

Vor den Toren der Stadt, wo Häuser durch Wiesen getrennt stehen, nahm Martha Wohnung. Voll elterlichen Hausrates, Kissen, Decken eigener Stickerei darüber, schienen die Stuben wohnlich, warm. Sah man durchs Fenster, lag mit Hügeln und Tiefen die Landschaft so, daß weiter Horizont der Freiheit Bewußtsein unterstrich.

Der beste von vier Räumen war Wohnzimmer; verschlossen und kaum betreten. Aus schmaler Rente hatte Martha keine Mittel, der Schwester die für die kindliche Erwartung notwendigen Überraschungen zu bieten. Darum sollten hinter verschlossenen Türen des erwachenden Lebens Geheimnisse wohnen, Maria selten einen Blick auf die wirklichen Sessel und Spiegel tun, zwischen denen das schwer zu Nennende sich bewegte. Dort sollte bodenlose Tiefe, übersinnliche Weite, das Loch der Erde des Himmels Unendlichkeit ins Weltall münden, von da alle Figuren, die für Marias Entwicklung erwünscht sein möchten, auftreten. Denn vom Tag an, da der Vater starb, hatte Martha, das ältere Mädchen, ihre durch nichts geschwächte Empfindung als umfassende Liebe auf das anblühende Geschöpf geworfen, von Menschen ihr Schwesterchen Maria genannt; das für Martha irdischen Geschehens Mittelpunkt und namenlos zu werden begann.

Als vor zehn Jahren das Geschwister noch in Kissen lag, war die halb Erwachsene, Erstgeborene selbst Anlaß kühner Träume für die Eltern gewesen. Schien sie damals nicht schön, hing in ihres Putzes Locken und Fransen soviel Anmut, daß ihr Kommen Freude und Überraschung bedeutete. Da der Familie Umstände geordnete, selbst wohlhabende waren, zog sich manch Heiratswilliger an die Jungfrau heran, und geraume Weile hatte man unter Bewerbern die Wahl. Zu diesem Zeitpunkt zerstörten Unglücksfälle des Vaters Vermögen, und eines Tages, als trotz deutlicher Misere das Mädchen durch der Eltern Bemühung noch über des Lebens Unbilden schwebte, erreichte sie ein Unfall, der ihr durch eines Fußes Verkürzung die Sicherheit, von aller Welt nicht unterschieden durchs Leben zu gehen, raubte.

Denn jetzt war alles wesentlich für sie geändert. Unter vielen blieb sie durch Mangel kenntlich, in jeder Gemeinschaft peinlich gezeichnet. Alle Begrüßung quittierte ihr Hinken, sie kannte ihres Auftritts Eindruck ein für allemal. Mochte sie erst hoffen, es könnte ihr einer, der das Gebrechen nicht im ersten Blick spiegelte, begegnen, verlor sie den Glauben bald, verschwand zu sich und einer Beschaulichkeit, in die der Menschen Teilnahme wie schmeißender Insekten Biß drang. Sie ließ sich auf das seit ihrer Geburt Gewesene prüfend ein, ordnete verwirrtes Gestränge verflossenen Seins mit reiferem Urteil. Gab aller Person, sich selbst im Lebensplan nach einem Einmaleins Bedeutung, das zu häufig, Fehler zu enthalten, von ihr überrechnet war.

Mit dem Holzklotz unter dem Schuh hatte Martha für den höheren bürgerlichen Gesichtswinkel einen Stich, wie Birnen den braunen Fleck auf der Haut. Zur Repräsentation in mittleren Laufbahnen wußte sie sich ungeeignet, als Rechtsanwalts-, Kaufmanns-, Beamtenfrau hätte man sie nur vorstellen können, murmelte Fama die entschuldigend große Mitgiftssumme. Doch war davon keine Rede, das Mädchen bündig Bruch. Immer weniger ließ sie die Welt darüber im Zweifel, immer deutlicher zeigte auch Martha gefrorene Verachtung.

Selbst die Eltern hatten Enttäuschung über das Unglück nicht emsig genug, als daß sie eine Ausnahme mit ihnen gemacht hätte, verheimlicht. Die Mutter, aus dem Land der Flamen, von ihrem Mann nach Deutschland geführt, hellhaarig, fleischlich genußfroher Menschlichkeit wie ihre Landsleute auf den Schildereien des Brueghel, sprach ihre zertrümmerte Hoffnung auf dem Sterbebett aus, wozu Martha gläsern lachte. Der Vater, ein karger Thüringer, würgte sie mit in den Tod hinüber. Martha war froh, als sie den Begriff von Niedrigkeit und Durchschnitt nicht mehr auf lebende Erzeuger anwenden mußte. Vielleicht hätte sich ihr Leben nie aus Verzicht erhoben, wäre nicht einen Augenblick das Ufer jenseitiger Empfindung für sie sichtbar geworden.

Einundzwanzig Jahre war sie alt gewesen, da hatte im Wartesaal eines Bahnhofes der Mann ihr gegenübergesessen, dessen Blick auf ihr Gesicht, ihr ins Herz geflogen war. Schließlich war sie, von seiner Dringlichkeit betäubt, in warmem Fluß ihres Blutes geblieben, hatte, Vergangenheit leugnend, sich bis in die Knochen bezaubern lassen.

Vor ihr war der Zeiger der gewaltigen Uhr immer näher an des Zuges Abfahrtsminute gerückt, doch konnte sie sich, aus dem Innersten fürchtend, nicht erheben. Als das letzte Zeichen rief, war sie todesgewiß hochgeschossen, schräg und schief in ihren Weg zum Bahnsteig eingetaumelt.

Von hinten hatte Rede geklungen, eine Stimme gesprochen – und ob sie ein Dutzend Schritte gemacht hatte –, frei, ohne Unterton; Worte, die der Mann zum Weib spricht, sie mit Durchschnittlichkeit berauschend. Die sie, wie ein Durstender die Zunge mit allen Warzen ins Nasse hängt, schlürfte. Er sei, habe – und während ein entschlossener Blick sie durchschnitt – sie aber kippte in himmlischem Trotz ein Schrittchen beiseite –, kurz, er möchte und wollte! Dabei floh Vorsatz aus seinen Augen, Gefühl stand leibhaftig da.

Diesen Abend heimgekehrt, hatte sie in bunter Lust geschaukelt, Fahrten auf zerwühlten Kissen in vergitterte Bezirke gewagt und war mit hellem Aufschrei eingeschlafen. In Tagen der Erwartung bis zum Wiedersehen hatte Gebet sich verdichtet, und als sie zur angesagten Stunde am Ort erschien, war sie, des Messers Stolz im wohlgefälligen Opfer mit der Herzmitte aufzufangen, gewillt.

Der Mann war nicht da, kam nicht, wurde nicht mehr gesehen. Da wurden, was Glaube zu des Entschwundenen Rechtfertigung sagte, die Türen in die Welt der Menschen zugeschlagen, ein Wall gegen Mitlebendiges gebaut. Aus der Gewißheit ihres bis dahin sicheren Anstandes und schnellen Entschlusses zu bedingungslosem Fall aber entschied Martha die Unwahrheit aller über das junge Mädchen von heute in Erzählungen der Dichter ausgesagten Dinge. Das war längst nicht mehr das kühl abseits stehende Figürchen der Romane, doch mit Mann, Weib und dem Jüngling ein Fleisch, jeden Tag in den Wirbel der Geschlechtsliebe zu tanzen bereit.

Aus diesem Tanz langten die meisten um das Ende der zwanziger Jahre gerupft, aus seelischen und leiblichen Fugen vor der schwarzen Wand an, die das Elend eines zu jedem Aufschwung unfähigen Lebens einschließt. Man hatte ihnen die Haut gegerbt, warf den Abfall auf den Mist. Keine hatte in Händen der Karriere machenden Kerls das geringste gewonnen, ein Lot geistigen Fleisches angesetzt. Ihre Seele war Ausguß bürgerlichen Spülichts gewesen, männlichen Trübsinnes die elastischen Körperchen. Jetzt kerbten Narben das Fell, sie konnten nur den Abdecker erwarten. Die einzelnen unterschied bessere oder schlechtere geldliche Lage voneinander. Im übrigen klatschten und verleumdeten sie, Zeit totzuschlagen, um die Wette.

Als des Kindes Bäckchen Umrisse für ein reizendes Antlitz formten, eine Stirn edel kam, Lippen sich ausdrucksvoll bogen, war Maria ein Mädchen von zehn Jahren geworden. Von ihrem Guckloch auf des Lebens Szene, wo Puppen sinnlose Auftritte spielten, sah Martha in den Blick der Schwester um. Es war dann, als liefe Bergwasser über ihrer Augen Fenster, spülte sie klar. Himmel stand bei Hölle auf Erden, das Gute und Schöne sah Martha in einem Kind wie das Abscheuliche aller Menschheit ein. Damit war ihre Laune aus Dunkel ins Licht, das sie durch Anschluß an die Kleine reichlicher zu gewinnen suchte, gerückt. Aus des zwanzigsten Jahrhunderts trostlosen Gewißheiten trat ihr Bewußtsein in zeitloses Träumen der Jugend zurück.

Bei des kranken Vaters Pflege bekam Maria zuerst Gesicht. Bisher war sie angezogen, auf Stühle gesetzt und herabgenommen worden. Außer bescheidener Antwort auf Zurechtweisungen hatte man nichts von ihr erwartet. Jetzt fiel, wie sie ungerufen ins Krankenzimmer just in Augenblicken trat, wo alle Mittel, den Leidenden zu stillen, versagten, auf, Bewegungen, Schritte und ein Nahen hatte, das ihr des Erschöpften Blicke zuwandten. Sank sie an seiner Brust in die Kissen, tauchte das Köpfchen zu ihm, weißblondes Haar auf ihn schüttend, fuhr aus des Vaters gekniffenen Lippen sanfter Atem. Vom oberen Bettrand sah Martha des Kindes Augen mit Ausdruck auf den zerfallenen Mann gerichtet. Blau mit Silber bebte in ihnen, war ein Stern, der das Zimmer bis in die Winkel erhellte. Als einer Ebenbürtigen überließ Martha der Kleinen Handreichungen für den Kranken, die sacht an dem Liegenden zog und zupfte, des Körpers Last mit überlebensgroßen Griffen in die gewünschte Lage hob. Auch nahm sie Auswurf, Exkremente schwebenden Ganges fort, hatte beim Wiederkommen ein doppelt Segnendes und Gesegnetes. Mit engelhafter Sachlichkeit entblößte sie den Mann, tat ihm das Nötige mit entrückten Händen.

Da war, sah Martha, aus zwei Rassen ein Gefäß von solchem Wert gebildet, daß aller Inhalt der Erziehung, ehe man ihn einschüttete, gewogen, gesiebt und nachgesiebt werden mußte. Aus eigener Erfahrung wagte sie der Schwester nichts mitzuteilen, legte bei einfacher Anrede den Finger an die Lippen, verbot sich das Wort. Und doch trat die Mahnung »Unterricht« von Tag zu Tag strenger an sie heran, besonders als Marias Entwicklung mit des Vaters Tod in ihre Hand gegeben war.

Bei des eigenen Lehrganges Prüfung erkannte Martha, wie man nach beigebrachtem Lesen- und Schreibenkönnen mit aller Lektüre ihr Einbilden für festgelegte Allerweltsideen gestohlen hatte. Den durchgreifenden Erfolg des Systems konnte sie an Mitschülerinnen sehen, die von solchen Vorstellungen als von Hebeln gelenkt, Signalstangen im Städtchen standen, mit grünem oder rotem Licht ein bürgerliches »Erlaubt« oder »Nicht erlaubt« für die Fahrt jedes Einzellebens stellten. Sie wußte auch, wie schwer sie sich von des Bedeutenden und Heldischen gelernten Begriffen hatte befreien können, es ohne den verhängnisvollen Unglücksfall nicht gelungen wäre. Wie körperliche Entstellung ihr zur Befreiung vom bösen Schema des Menschseins geholfen hatte, müßte Maria der Glanz ihrer Erscheinung zur Anerkennung billiger Gemeinschaftswünsche führen, weil sie, mit der Gesamtheit im Wollen einig, die durch die Natur geschenkte Macht erst ausmünzen könnte, drängte man sie durch Erziehung nicht in andere Richtung fort.

Saß Maria über Unterrichtsanfängen im Erker des Schlafzimmers, sah Martha die Buchstaben Malende an: der junge Rumpf war so ins Fenster gedreht, daß die Körperachse vom Scheitel zur Sohle durch das gewendete Haupt, den übers Knie gehobenen Schenkel in schönem Verhältnis geteilt wurde. So war der zeichnerische Eindruck. Unbeschreiblich das Farbige: Haut des Gesichtes und eines freien Halses machten hinter bläulichen Scheiben schwimmend mit Fliederblüten ein schimmerndes Email, das oben in des Haares Schaum sich löste. Unten gaben dunkle Tinten von Rock, Stuhl und Schuh des Bodens Vorstellung, in dem das Blühen wurzelte, vom Streifen weißer Hose unterbrochen, der, eine Schleife am Bukett, aus überstülptem Bein hing. Stets würde alle Welt diesem Bild, ehe es Laut von sich gegeben, anhängen; Worte, Reden auf ihren Wert nicht prüfen. Mit Anschauen ganz gestillt.

Vor der Menschen Bedürfnis, anzubeten, mußte aus Marias anderem Verlangen eine Kluft sich öffnen: das im Rohstoff Vollkommene durch eigenes Verdienst erst kostbar zu machen. Leicht sah Martha das Mittel ein: Erziehung zu vollendeter Geistigkeit. Doch ohne, wie sie die Elemente an Maria bringen könnte, zu wissen. War ihr einiges Wissen von Absichten frei, war es mehr als beschränkt.

Manche Nacht kämpfte die Ältere an der Jüngeren Seite harten Kampf. Sie wußte sich nicht fähig, was zu lehren war, zu lehren, mochte aber an das Kind nicht Lehrer oder Unterrichterin lassen. Das lag, eine gemalte Putte, zu Bett. Im Schlaf hatte sich alles pausbackig an ihm gewölbt. Über dem Ensemble wob gewölkter Atem. Von Fremden konnte sie das gute Gewissen, das sie dem Engel gegenüber zu haben bereit war, nicht fordern. Selbst wollte sie Tag und Nacht, was Maria begreifen mußte, vorlernen, damit die nicht durch ihre Erscheinung, doch durch innere Bedeutung den Massen und ihren Instinkten entrückt sei.

Schulbücher der jungen Generation ließ sie kommen und war in Trauer gestürzt. Vor ihr lag ein Lesebuch für Mittelschulen. Sie las die Kapitelüberschriften: »Bürgerpflicht«, »Ich möchte Steuern zahlen«, »Die Wäsche im kaiserlichen Haushalt«. Im Lehrgang für Erdkunde gab es bei des entferntesten Erdwinkels Schilderung nur Hinweise auf die Heimat. Was dieser Weltteil bei seiner Bodenschätze Reichtum, wäre er deutsche Methoden anzuwenden imstand, bedeuten könnte. Nirgends wurden dem jugendlichen Eindruck fremde Himmel mit ihrer zu begreifenden Besonderheit, doch am Maßstab eigener Verhältnisse überall Mängel gezeigt, die nach der Pädagogen Ansicht dem ganzen Erdball anhafteten. Wo der Obrigkeit Macht auf eigenem Boden zu Ende war, versuchte man gleichviel, Materie unter die geltenden Vorschriften zu bringen. In der Abteilung »Naturleben« hießen die Aufsätze: »Wenn die Natur straft«, »Die Polizei in der Tierwelt«, »Das Schöffengericht der Mutter Natur«. Mannigfaltigkeit der Schöpfung wurde erdrosselt, Buntheit als Schande ausgelöscht, alle Erwartung in eine mechanische Entwicklung, deren treibendes Mittel das Kapital war, gesetzt. Doch längst hatten die kahlen Zwecke wieder blühende Aufschriften erhalten. Dichter waren für dies Ziel tätig gewesen, hatten, platonische Kapaune, reimend Begriffe verwirrt.

In Tränen saß Martha vor dem Bücherhaufen. Das war Abhub von der Durchschnittlichen Tisch, Schutz vor Weisheit und Erkenntnis mehr als Weg zu ihnen. Dem fremdesten Wesen hätte sie die Bettelsuppe nicht eingegeben.

Maria, allem erstmals Gehörten eine Andacht des Gefühles, die sie bis ins Haar glühen ließ, schenkend, gab der Ratlosen Erleuchtung: Es sei ein geistig zu Fassendes erst fühlend zu durchdringen. Kein Besitz ginge in des Gedächtnisses Schacht ein, als der die Seele schon bewegt hätte. Der Lehrer brächte dem Schüler den Stoff um so näher, als sein eigenes Gemüt eher von ihm erschüttert war. Nicht das zu Lernende, Bewegung, die den Lehrer mit ihm packte, merkt vor allem das Kind.

Darum sperrte von der Wirtschaft fort, für die eine Magd genommen wurde, Martha ihren Drang in Weltgeschichte, Erd- und Naturkunde. Gab sich an Mythologie, vernichtete Rassen und Kulturen hin, spürte am eigenen Brennen und Erkalten den Wert großer Männer der Vergangenheit für die Jetztzeit. Kam sie flammenden Blickes zu Maria, brachte ihr Alexander den Mazedonier noch warm vom Ofen, schoß der mit entzündetem Blut der neue Begriff als Rakete ins Hirn. Buddha, Lykurg und Cäsar kamen ihnen einfach in den Sinn, weil sie über sie staunten, lachten, oft die Tränen nicht verhalten konnten. Erhitzter Einbildung liefen sie durch Asiens Steppen, unendliche Flüsse entlang zu Eismeeren, sahen Chinas, Japans Tempel, suchten phantastische Formen des Angeschauten mit dem Stift auf Papieren zu übertreffen. Führer verschiedener Epochen, die ihnen eines Sinnes zu sein schienen, setzten sie in Gedanken zueinander, malten Tafelrunden, bei denen Coriolan mit Friedrich dem Großen das Glas anstieß. Dann wirkte das Nüchterne, wirkten England, Scharnhorst und die Kuh abwechselnd nicht albern und kahl.

Nur, wo es einer Wissenschaft Selbstzweck war, in der Mathematik, standen Lehrerin und Lernende verlegen, setzten Hebel von allen Seiten an und wußten den Stoff nicht zu bewegen.

Methode vom Arbeitstisch nahmen sie ins Freie mit. Botanische Kenntnisse festigten sie mit dem Spaten im Garten, suchten, hatten sie einer Spezies bekannten Spielarten wachsen sehen, durch Kreuzung und Veredelung außergewöhnliche Produkte zu erzielen. Weil sie das andere nie sich voraussetzten, waren sie die Überraschten. Auf Gängen glitten sie ins Gras, machten nach links und rechts die Augen auf und hatten keinen Willen. Tier, Pflanze, Element sollten ihnen nicht ihrer Notwendigkeit Beweise geben, doch als Schmuck des ins Auge gespannten Gemäldes dasein. Reichten sie nicht aus, besserte Einbildung Fehlendes hinzu. Leicht war aus Wölkchen ein Adler, Meere aus Weizenfeldern zu machen. Dafür war man Mensch und schwebte täglich freier.

Kam man abends nach Haus, fiel der Eindrücke Ungefähr in ein Lied, straffte sich zu bündiger Bemerkung. Die Arme Segens voll, gingen sie daran, ihn mit Urteil zu binden. Zum Schluß steckten sie sich Sträuße an die Brust, einen großen die Ältere der Kleinen; die der anderen ein paar mit Anschauung gesammelte Blumen.

Oft verzagte Martha. Nicht immer stand sie auf der Auffassung Höhe. Sah sie den Stoff, den sie in der nächsten Stunde lehren sollte, an, glaubte der ermüdete Wille zu früh die Lösung gefunden zu haben. Richtete dann Maria das feurige Auge auf sie, brach der mitgebrachte Vergleich, zu leicht befunden, auseinander, Martha blieb für Augenblicke ratlos. Doch löschte die Jüngere ihre Person vor der Lehrerin aus, daß die das Gesuchte kräftiger spüren und mitteilen konnte.

Drei Jahre vergingen den Schwestern, in denen Maria gedieh, weil sie turnen, sich nach Regeln bewegen mußte.

Denn als die Zeit gekommen war, in der sich vom Kind das Mädchen schied, in ängstlicher Nacht ein Leib an ihrer Brust hing, fassungslos ein Wunder gestand, nannte Martha, während ihre Finger die Aufgeregte zur Ruh strichen, nachdrücklich das Körperliche. Nahm's aus dem Winkel, in dem es ungekannt gestanden hatte, sprach, als sei es ein Beliebiges, wie alles andere sachlich zu bereden, von ihm. Die Mutter führte sie als Gleichnis zu Marias Leiblichkeit an, wie sie deren Neigung zu fleischlicher Fülle geerbt hatte; bewies aus des Vaters Wuchs ihre eigene Magerkeit. Als morgens Sonne in die Laken schien, hatte sie den Leib der Schwester noch immer in Händen, lehrte am lebenden Vorbild.

Unbekümmert bot Maria ihre Nacktheit den schwesterlichen Blicken, mußte sie vorm Schlafengehen Glieder beugen, strecken oder morgens den Leib im kalten Wasser erfrischen. Stand das Knospende triefend, Tropfen schüttelnd im Zimmer, lachten sich die Mädchen in einen frohen Morgen, beherztes Lernen hinein.

 

Als Maria mit fünfzehn Jahren eine natürliche Person geworden war, öffnete Martha den Zwinger strenger Abgeschiedenheit. Ihres Schützlings, der mit kräftigen Trieben stand, sicher, ließ sie aus bürgerlicher Welt eine oder die andere Gleichalterige zu ihm. Die Mädchen mit gezierter Turnüre kicherten und zwinkerten bei aller Anrede. Eines Satzes simplen Sinn faßten sie nicht, vermuteten Schliche, Winkelzüge hinter ihm, entgegneten Kauderwelsch, Anspielung, die Maria fremd blieb. Schwarze Schatten hatten sie um die Augen, drehten, banden an sich zurecht. Manchmal seufzten sie und schienen in Blicken erblindet. Maria sagte, sie schwitzten kalt und röchen schlecht. Eine habe gefragt, ob sie liebe. Seit früher Jugend, habe sie geantwortet. Wen? Alles. Das sei nichts, meinte die.

Einmal fand Martha, durch Geschrei gerufen, die Schwester, als sie eine Rotblonde, Aufgeschossene mit Püffen aus dem Garten jagte. Über des Zornes Ursache, der ihr Kopf und Hals gefärbt hatte, gab Maria keine Auskunft.

Besser vertrug sie sich mit Mädchen vom Land. Die waren warm und still. Doch wurde ihr Schweigen nicht wie Marias Ruh durch sprühende Blicke, entzückte Gebärden unterbrochen. Ungerührt starrten sie Menschen und Landschaft an.

 

So kam man mit größerem Vergnügen zu sich, gewohnter Lebensweise zurück, indem man der Älteren, die absichtlich beiseite gestanden hatte, mit großem Kuß an den Hals flog.

Ihr Umgang war zart. Da alles gleichmäßig von ihnen vorausgesetzt und gewußt wurde, hatte man sich Neuigkeiten nicht zu entdecken. Bald war die eine nicht klüger als die andere; durch Besserwissen machten sie keinen Eindruck aufeinander. Nur mit Fühlern lebten sie, und waren die berührt, vermittelte ein Lächeln. Welche Wortstille, Blickeindringlichkeit eintrat! Sprachlos tat man einander alles. Abends lösten sie sich Wäsche und Schuh.

Waren sie in ihrer Eintracht zu unterscheiden, schien Martha die Heftigere, Maria gelassen. Wurde Tat notwendig, griff Martha zu. Nur das Einfache, leicht Vorauszusehende kam in Betracht. Aus bescheidenem Einkommen war ihres Lebens Ablauf geregelt. Achttausend Mark Rente gab Nahrung, Kleidung, das bequeme Haus. Durch freies Geld ohne Bestimmung war man nicht vor die Notwendigkeit, Entscheidung über seine beste Verwendung zu treffen, gestellt. Mußte zu keiner Reise, nichts Besonderem, das Entschluß verlangte, rüsten. Doch daß für jeden Monat eine Summe auf dem Tisch lag, gab der Mädchen Dasein Frieden. Und lebte man hundert Jahr, am bestimmten Tag brächte der Briefträger Geld. Andererseits erregte des Betrages Bescheidenheit keines Nachbarn Neid.

 

So genossen sie umständlich das Elementare. An warmen Tagen wurden Stühle ins Grüne gerückt. Wechselndes Licht änderte den Ausblick auf Dörfer und Niederlassungen, an deren äußerem Bild Martha hängenblieb, glücklich ausruhte. Doch Marias Einbildung lief an den Horizont, überstürmte ihn, verlor das vor ihr liegende Land.

Zu anderen Menschen jagte sie unter fremde Himmel fort. Die trugen Kleider von ehedem. Waren von hellen Haaren umweht, trieben den Pflug vor sich her. Erdboden fiel, Kloß, vom Eisen nieder. Manchmal ruhten sie, spritzten Schweiß und Wasser ab, beteten beiseite. Kanal war bei ihnen, betürmte Mauern einer Stadt. Dann fühlte Maria ein Jauchzen in sich, Tanz und Wiegen in den Hüften.

Oder sie kroch in des großen Kirschbaumes Zweige, ließ Beine auf die unter ihr liegende Martha hängen, die, irdisch bewegt, das vom Ast gestützte Gesäß, weiße Strümpfe mit Zipfeln Zeug dazwischen anstarrte. Aber Maria sah vor der Wolken Rouleau turnierende Ritter in Harnischen und Scharnier, schneeblonder Frauen auf Baikonen der Tribünen in Sonne wehende Schönheit, die in fremder Sprache bunte Schreie riefen. O diese Laute! Keine Silbe hätte sie nachsprechen können, und doch hingen ihr alle Texte im Gemüt.

Sprang sie solcher Gesichte voll zu Martha hinab – Auge hatte Lust gehißt, Blust hob den Rock, es stand die Brust unterm Kleid –, bebte die erwartungsvoll entgegen.

 

Aus der Jüngeren Lebenskraft kam Fülle und Gewißheit der Erscheinungen. Man sprach von Beliebigem. Martha hatte ein Urteil darüber, das herkömmliche, und es hätte gelten können. Doch begann Maria am Leib zu glühen, die heiße Welle packte Martha und alle Umwelt mit. Ergriff das Fragliche, schleuderte es ins allgemeine Brennen, und bald hatte es das ureigene Gesicht in der Gefühle Weißglut gewiesen. Und Martha gewann gewaltige Sicherheit an Marias Seite. Was kann meiner Seele geschehen? dachte sie. Und wäre die Welt voll Teufel, wacht nicht Maria über mein Gewissen? Werde ich durch sie nicht an das wahrhaftig Wahre bis in des Todes Stunde angeschlossen sein?

Weil Maria rund an Leib und Seele schien, sie in Höherem von ihr abhing, ergab sich ihre Rolle der Schwester gegenüber für alle Zukunft: ihr anzuhangen, sie gegen Störung von außen zu schützen. Trabant stand sie bei der Erblühten. Jedes Wort aus Menschenmund dünkte sie überflüssig und gemein; sie ersparte es Maria, indem sie fremde Person von ihr hielt. Richtete jemand Rede an sie, unterbrach Martha brüsk und sofort. Die Bewachte war's zufrieden. Wollte geregelten Tag, Arbeit im Garten, Wege durchs Land, ein Buch und freie Zeit, das gefühlsmäßig Erfaßte in tiefere Gründe der Natur zu leiten.

 

War so, ohne daß Martha Einspruch gewagt hätte, Deutung der Welt an Maria gegeben, in einem hatte sie instinktiv, dann mit Überlegung auf die Schwester weitergewirkt, verdächtigte sie ihr nach jeder Richtung hin das Männliche. Nachdem sie die Ideale der männlichen Gesamtheit bei ihren Schwächen gezeigt, das Verwerfliche der Ziele bewiesen, hatte sie den Einzelmann wie einen Schmetterling gespießt, vor der belustigten Zuschauerin mit gepfeffertem Humor zerlegt. Da war kein Trieb an ihm, den sie nicht mit Hohn durchlaugte; seine Überzeugungen, die er mit verdrehten Augäpfeln vortrug, schienen Vorwand für eine Laufbahn; Frömmigkeit und Menschlichkeit Maske, die die unmenschliche Sucht, durch Macht, die Besitz war, sich über andere zu erheben, verdeckten. Aus allen Literaturen hatte sie der Emporkömmlinge Figuren als Beleg zur Hand, und Rothschilds, Astors, Vanderbilts waren gigantische Gauner, die Almosen mit der linken Hand gebend, in der rechten griffest das Jahrhundert hielten, es, Gold in ihre aufgesperrten Säcke zu speien, zwangen. Der Mann war unter allen Umständen Karrieremacher. Aufzeichnung sämtlicher Ehrgeizexzesse von jeher Weltgeschichte.

Maria hörte zu. Bei einem gelungenen Vergleich klatschte sie in die Hände, spornte durch Beifall Martha zu größerer Lästerung.

Unbewußt einte sich in der ein Ressentiment des vom Schicksal benachteiligten Frauenzimmers mit der aus eigener Erfahrung begründeten Angst, durch des Mannes Auftritt möchte Marias Glanz, das aus ihm für sie stammende Glück verdunkelt werden. Von Tag zu Tag besaß die Furcht sie mehr, und indem sie Beispiele von des Mannes Trunksucht, Gewissenlosigkeit, Bilder jedes denkbaren Familienunglücks durch seine Schuld zum Beweis anführte, predigte sie Widerwillen gegen ihn ohne Vorbehalt. In blindem Haß ging sie mit zunehmender Gefahr über Grenzen des von ihr selbst Geglaubten.

 

Als Maria neunzehn Jahre alt war, das Wort deutlich an sie sein durfte, schob Martha dem Mann, der der Frau sich nahte, mörderische Krankheit als sträfliche Absicht zu, hielt nach der ungeheuren Anklage Marias Blicken stand. In einer Atmosphäre der Zartheit und Keuschheit verlor sie in dieser Hinsicht jeden Halt. Die gleiche Kraft, die seit Marias Erziehungsanfängen dieser das Weltbild von Lügen gereinigt hatte, fälschte hier leidenschaftlich mit schwärzesten Farben.

Nach Martha steckte im Gleichnis von Evas Sündenfall der erste Beweis für die Niedertracht und fabelhafte Verdrehungskunst des Herren der Schöpfung. In seinem Gaumen hing die Lüge, schwärendes Gift, die symbolische Viper an seinen Lippen und Fingern.

Als ihre Besinnungslosigkeit einen Atlas übler Krankheiten entdeckt hatte, stieß sie die schlimmen Karten, die in gelben und roten Flecken zum Himmel schrien, so kaltblütig in des Mädchens Vorstellung, wie prompt der Mörder bei Shakespeare sein Werk tut.

Daß Maria in die Bettnische ging, den Vorhang über sich zusammenschlug, rührte sie nicht. Sie glaubte, ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, und der Zweck heiligte die abscheulichen Mittel.

Da Maria auch ferner Marthas Behauptungen aus besserer Kenntnis nicht widerlegen konnte, floh ihr bekümmerter Sinn in Gottes und seines Sohnes Vorstellung als zu makelloser Bildung männlichen Wesens. Je lauter die Schwester den Teufel in Mannsgestalt kündete, um so griffiger ward Marias Seele des Herren, und als Martha aussprach, was besser verschwiegen geblieben wäre, sah und hörte das jüngere Mädchen, was Zungen unaussprechlich ist. Starrte in glanzreichen Widerglast, trank der traurigen Dinge, die zu ihr schallten, unmittelbares Vergessen; saß in des Menschen Schlechtigkeit und war inwendig voll himmlischer Gewißheit.

Doch begann Martha an jedem neuen Morgen eindringlicher den harten Kampf, wollte ihn nicht enden, es sei denn der Haß in Maria beständig und fest.

Doch trat die eines Abends in ihren Winkel, nahm das Taschenmesser, und während sie ihren Busen hob, ritzte sie unter dem Herzen die Haut, stach hin und her, bis sie mit dünnen Linien den Namen »Jesus« ins Blut gezeichnet hatte.

Als Martha das Mal aus des Hemdes Wellen sah, erschrak sie, verstand, das Ding sei ausgeredet. Und in der Mädchen Gesprächen galt der irdische Mann als verworfen.

Still lebten sie miteinander fort. Im Winter in den Stuben, wo Maria im Erker, der am Schlafzimmer hing, unter Blumen hockte, mit denen sie zusammenstimmte; an warmen Tagen in des Kirschbaumes Schatten, wo sie ihres Leibes reiches Gewicht ins Gras drückte. Dort lag sie, die Knie in die Luft gestemmt, gegen die sie das gelesene Buch lehnte, Taulers Predigten und des guten Seuses Schriften. Oder sie grub Ellbogen und Brüste ins Erdreich, zeigte dem Himmel den Rücken, während die Beine aus weit geöffneten Röcken klopften.

So sah sie durch Buchenhecken der Junge in grüner Mütze, letzthin ins Nachbarhaus gekommen. Der Witwe Sohn war er, der das Anwesen gehörte; nach bestandener Prüfung vom Gymnasium heimgekehrt. Bald sollte er die Hochschule beziehen, Wochen an der Mutter Tellern brachten ihm in Sommerwetter auf dem Land nach zehnjähriger Gefangenschaft erste Freiheit. Aus seiner vergewaltigten Person kochte das eigene Selbst zutag. Wo er stand, griff er ins Gefüge der Welt, köpfte Blumen im Garten, schnitt an Büschen und Bäumen herum. Über Stangen turnte er, sein Sprung und Lauf pfiff in die Luft. Aus dem Turm sah man ihn die Fahne stecken, daß Ahnung von Wind und Sturm war.

Von Seilen zwischen Pfosten nahm Martha Wäsche, Tücher und manches heimliche Stück. Vorhänge ließ man zum Nachbarhaus nieder, saß im Freien auf der abgewandten Seite. Vorm Schlafengehen wurde jeder Gardinenschlitz mit Nadeln gedichtet.

Doch war der Junge nicht aus der Welt. Die Elemente schien er zu besitzen, in der Atmosphäre zu stecken. Insekten, Gewürm im Boden, Tiere der Nachbarschaft waren ihm untertänig. Vom Trog stürzten Hund, Katze, Geflügel ihm zu, wußten mit drolligen Sprüngen, Geheul sich nicht zu lassen. Zäune gaben, verriegelte Türen nach; kein Gemäuer, Spalier war ihm zu steil. Martha meinte, ihn auf Dächern zu erblicken, sah ihn in Kamine fahren, gewöhnte sich, Schlüssellöcher zu stopfen, nach heimlichen Durchblicken zu spähen. Von seinen Absichten wußte sie das Schlimmste, behauptete seine Verruchtheit, die sie in Blick und Gruß ihn vor Maria spüren ließ, erfolgte trotz Vorsicht Begegnung mit ihm.

Er aber hing durch Martha den Blick an Maria, ließ ihn an ihre Haut, von dort verjagt, an ihre Brüste flattern, während seines Schopfes Rot flammte.

In solchem Feuer sich zog Maria zusammen. Diese männliche Jugend war abstoßend in ihrer Zudringlichkeit. Sie setzte Sprödigkeit auf und sah den Lümmel nicht mehr. Ins Zimmer hätte man ihn stellen können, sie hätte keinen Eindruck von ihm gehabt.

Martha verlor den Kopf. Ihre drohende Abwehr übersah Gustav, drängte ans Haus. Wespen gab es im Garten, Fledermäuse in den Stuben, die keiner als er verjagen konnte. Ratten nisteten sich in die Keller, drohten zu der Mädchen Entsetzen ins Haus zu steigen; es bedurfte seiner tagelangen Jagd über Treppen und Flure, sie zu erlegen. An der Küchenseite hatte der Bach die Brücke gesprengt; Wind blies Scheiben ein; immer war rechts und links mit männlicher Hilfe zu richten. Ohne Anmerkung ging nichts ab. Man ist nicht Nachbar, bekannt, ohne gleiches Interesse kurz zu bereden, und kommt die Mutter, kommen von drüben Mägde her, gibt ein Wort das andere.

Ein Köter biß die heimkehrende Maria am Gartentor. Hell auf schrie die; Martha aber hatte die Arme besinnungslos hochgeworfen. Gustav prellte mit gezieltem Tritt den Hund fort, griff nach der Wunde. Doch den Strumpf riß ihm Martha aus den Fingern, fuhr ihn mit Geschrei an, zog die Verletzte in Sicherheit. Über die Wanne hielt sie der Schwester blutende Wade, saugte sie, daß das Gift sich nicht staute. Maria lächelte, streckte das Bein näher aus der Hose der Besorgten hin, obwohl sie wußte, der Biß sei einfach und belanglos.

Durch der Badstube winziges Fenster, die frei über den Bach hing, sah sie in Gustavs gesperrte Augen. Sie rührte sich nicht. War, wie er den Abgrund überstiegen hatte, durch welche Gewalt er an der abstürzenden Wand gehalten wurde, ahnungslos. Doch mochte er schauen; nach seiner vernünftigen Hilfe sehen, wie man sie weiter pflegte.

Als der Jüngling mit anbrechenden Nächten von den Geländern der Mädchen nicht mehr wich, lähmende Wärme im Sommer herrschte, man die Freiheit in Gustavs Kleidung entschuldigen mußte, als Entschluß, an ein Ziel zu kommen, entschiedener in seine Blicke kroch, Bereitschaft als ein Panther in ihm duckte, wußte Martha in ohnmächtiger Angst keinen Ausweg mehr. Sie sah schneidige Mannheit als Pfeil auf überzogener Sehne liegen, sah das Ziel und bebte vor Wut und Entsetzen. Zu seinen Füßen wollte sie, er sollte gehen, bitten und wußte, er mußte sie auslachen. In dem zappelnden Knaben war das Feuer nicht auf Schonung entzündet, brannte vor keinem angeschwärmten Bild zu Beleuchtungszwecken. Es wollte, bis es zu ruhiger Glut zusammenstürzte, alle Flammenseligkeiten haben.

Marias Gleichmut mißtraute sie. Zum erstenmal machte Argwohn vor der Schwester nicht halt. Daß Mädchentum von solcher Leidenschaft nicht gepackt sein sollte, schien ihr gelogen.

 

Nun turnte bei Dunkelheit Martha ums Haus; lautlos war ihr Tritt. Sie sah im Schwarzen. Mit allen Trieben bebte sie an Schatten und Erscheinung vorbei der Entscheidung entgegen. So fand sie sich in undurchsichtiger Nacht bei ihm, der auf ihr Fensterbrett von der Bank ein Bein gestellt hatte, während Rumpf und Gesicht an den Scheiben klebten, die er mit seines Leibes Dampf beschlug. Mit beiden Händen packte sie des Jungen Knie mit Rucken der Verzweiflung, zog sie männliche Last auf sich nieder. Schwebend auf dem Mädchen, schlägt dem im Exzeß Gelähmten der Wunsch in andere Richtung um. Doch als Martha die Faust zur Wehr ballt, Gewalt über den Greifenden hat, hält ein Gedanke, der die Himmel öffnet, sie könnte mit ihres gleichgültigen Leibes Hingabe Maria aus Verfolgung retten, sie am Boden, und während sie die Gewißheit stärker besitzt, bricht ihr von ihm gewürgter Leib in Stücke.

Schlicht erfüllt sie Pflichten, die sie auf sich genommen hat, als sie sieht, der Jüngling bleibt in sie gestillt, des Opfers Sinn ist erfüllt. Nach außen verrät keine Regung ihre Tat.

War's da nicht seltsam, daß Maria ein Unmaß Zärtlichkeit für die Schwester hatte, das sich vom Morgen bis zum Abend nicht genug tun konnte? Ihrer küssenden Begeisterung gelang, der Älteren Bedeutung so zu heben, daß das Geschehen ausgeglichen, Respekt vor der eigenen Person in der gestärkt wurde. Und was Beschwörungen nicht vermocht hatten, jetzt zog sich Maria zu Haus hinter Vorhänge, draußen hinter schützenden Schleier zurück.

Die Gewohnheit ward ihr eigentümlich. Als der Zurückhaltung besonderer Grund mit Gustavs Abreise geschwunden war, schien sie scheuer. Keinen größeren Gegensatz gab es, als in des Zimmers Heimlichkeit das ausgelassene Mädchen und der schönen Maria Stork beherrschtes Bild auf der Straße, das aller Welt die frommste Überraschung war.

Achtete Maria des eigenen Eindruckes nicht, war Martha kein Blick der Bewunderung für sie zuviel; den verstohlensten fing sie sich; hatte die Gefühle stolzer Eltern, des in die strahlende Braut verliebten Bräutigams miteinander.

Nahm sie daheim der Bewunderten das Mützchen, den Mantel ab, faßte bei Händen das reizende Fräulein, schlenkte es nach rechts, nach links ein wenig und sah lachende Zufriedenheit in ihrem Gesicht, war das der Lohn für manches Leid, das sie mit zusammengebissenen Zähnen getragen hatte.

 

Gegen ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag wurde Maria krank. Schon einigemal hatte sie Stechen in den Seiten behauptet; doch traute besorgteste Liebe dem nie angegriffenen Körper kein Nachlassen der Kräfte zu. Bis es soweit war, daß man die Leidende legen, den Arzt rufen mußte.

Der trat ans Bett, stellte, ohne die Liegende berührt und mehr als flüchtig gemustert zu haben, die Erkrankung, für die er Arznei verschrieb, fest. Er sagte nicht, was zu fürchten sei; nur begriff man aus seiner Stimme, Kranke und Pflegerin würden harter Prüfung unterworfen sein. Und wirklich stürzte Krankheit ein Orkan in die Tücher, und als wüte sie über den begegneten Widerstand, ließ sie fürchterlichem Überfall gründlichere Angriffe folgen, bis das gemarterte Fleisch alle Beherrschung verlor, Hemd und Laken durch die Kissen schleuderte. Hinterher duldete es nicht, die dampfende Haut zu bedecken, doch legte den Leib frei an die Luft, bis sich Wellen der Erregung, die das Bauchfell sprengen wollten, durch die Kühle glätteten. War der Arzt im Zimmer, enthüllte sich Maria, lobte Martha seine Haltung, wandte er zum Hintergrund sich ab.

 

Und doch war des Mannes Gegenwart in diesen innigsten Stunden ihres Lebens mit der Schwester unerträglich. Lag ihr Abgott trotz des Zuschauers Beherrschung nicht bis in die Eingeweide bloß, und erkannte dieser Fremde das ängstlich gewartete Mädchen nicht bis in unaussprechliche Heimlichkeiten? War sie darum Hüterin des Schatzes gewesen, daß der durchschnittliche Berufsmensch mühelos an ihm teilhatte? Martha haßte den Eindringling und immer mehr, als die Gefahr am zwanzigsten Tag über alles Erlebte wuchs. Rasend stritten Wehen des Lebens und Sterbens um den Leib im Bett, und mit dem Mann verlor sie für Stunden alles Denken, im Schweiß der Glieder bemüht, die im Kissen sich Schnellende zu bändigen. Als der Körper zur Entscheidung in die Matratze gebrochen war, Martha gefühllos neben der Kranken kauerte, ließ ihr rasendes Verlangen nach Marias Genesung nach, wie in die Ruhelage ein gespanntes elastisches Band zurückkehrt.

Der Mann, der auf dem Bettrand eingeschlafen, des Mädchens Hand hielt, schien mit ihm der gleiche, in Erschöpfung hingeschmolzene Stoff, ließ sich aus Marias Sein nicht mehr fortdenken. Durch Berührung war zartester Schmelz von ihr gestreift, Gefieder geknickt.

Halbbetäubt, spürte Martha in Sekunden, deren jede das Leben der Schwester auslöschen konnte, ihre Teilnahme an des Kampfes Ausgang schwinden.

Dann kam der Augenblick kahler Leere. Aller Atem stand im Zimmer, keines Gedankens Spur war da.

Doch flog ein Wölkchen Rauch von Marias Lippen, Blicke schlug sie kurz ins Schwarze und wieder zu.

In dem Moment vergewaltigte Haß die Ältere; nur flammender Wunsch war sie noch, es sollte die Schwester auf der Stelle sterben. Vorgebeugten Hauptes, mit wehenden Flügeln der Nase lauerte sie bis zum Morgen, blieb, von nichts mehr sonst bewegt, ein drohender Koloß.

 

Maria genas. Beide Fenster sperrte eines Morgens der Arzt auf, ließ Luft und Licht in die Stube. Mit einem Schwaden Arzneigeruch zog das Andenken erlittener Qual hinaus; neuen Lebens freundliche Bilder hielten Einzug.

Doch in allen Stationen rührender Pflege stand zwischen den Schwestern eine Wand; es war, sie sähen sich nicht mehr ursprünglich, doch ihr ähnliches Bild in der Mattscheibe des photographischen Apparates. Auf ihr hob sich jede seelische Bewegung ab; man konnte sie bewundern, aber anschauend übte man Kritik.

Glaubte Maria, ihre Kräfte reichten zu freiem Sehen noch nicht aus, wußte Martha, wie der Abstand zwischen sie gekommen war. Und ob die prächtiger sich aufbauende Schönheit der Gesundenden sie wieder zu Hingabe und Liebe lockte – zu fest steckte der Stachel in ihrem Fleisch, der sie wurmte, bis in Elemente quälte.

In den Wochen fortschreitender Besserung kam noch oft der Arzt. Doch machte er von sich so wenig Aufhebens, daß man nicht wußte, war sein Besuch gewesen, oder müßte man ihn erwarten. Doch statt daß Martha die strikte Zurückhaltung beruhigte, erregte sie sie stürmischer. Nach allem, was gewesen war, dünkte es sie Lüge, der Mann von einigen dreißig Jahren sei zu Maria ohne Beziehung geblieben. Hier konnte nur ein verruchter Plan bestehen, der nicht mit List an ihr vorbei, doch sie zu Kampf auf Leben und Tod bereitfinden sollte.

Längeres Beisammensein mit dem Verhaßten suchte sie, seine Finten durch Beobachtung aufzudecken. Doch wie sie die Sinne spannte, auf keinem Blick, zweideutigem Witz oder nur der Behauptung seiner Person ertappten sie ihn. Keusch blieb sein Wesen, Rede sachlich, ungeschmückt. Als einen in seinem Beruf durchschnittlich Erfolgreichen stellte er sich hin. Martha aber hätte, unsichtbar für ihn, sich um sein Wesen bewegen, seine Tagebücher und Aufzeichnungen lesen mögen, die ungeheure Niedertracht, die über allen Zweifeln stand, ans Licht zu ziehen.

Verschlagenheit wollte sie auch von sich aus mit Überlegung begegnen. Ihr Anzug ward sorgfältiger, gewählt die Erscheinung. Maria sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen, und am Spiegel bestätigte sich Martha das Urteil. Doch mit äußerem Reiz nicht nur, mit Geist und menschlichem Wert ging sie den Feind an.

Der stand, wie schon Maria, auch ihr lässig gegenüber. Litt ihre Begeisterung ohne Zeichen eigener Teilnahme, was Martha nicht entmutigte. Hatte sie doch von Anfang an gewußt, hier war ihr ein reiferer Gegner als einst der kaum flügge Gymnasiast gegenüber, und im Kampf mit ihm mußten ihre letzten Reserven bluten.

Gelang es nicht, den Feind zu werfen, erfocht sie kleine Vorteile, die nicht zu bezeichnen waren, doch feststanden. Beim Willkomm und Abschied, auch im Gespräch, hingen an Marias Bett ihre Beinpaare beieinander, gab es Gelegenheit, den Mann sichtlich zu verwirren.

Dringendere Blitze schoß sie aus gesenkten Lidern, die eines Abends, endlich, unterirdisch, von ihm erwidert wurden.

Da hob mit Ruck Martha ihr Haupt über die Welt, und als von der im Bett schon schlummernden Maria der Gast in den finsteren Garten fortging, stand sie dem Aufgeregten am Rhododendron mitten im Ausgang gegenüber, zu allem Menschlichen entschlossen und gewillt.

Doch wie war da, im leichtgeknöpften Kleid, das Hemd durch alle Ösen zeigte, Maria plötzlich bei ihnen erschienen? Sterne hatten am Firmament gewankt, das Stückchen Mond verlor am Himmel seine Stütze. Und während aus der Schwester Mund herzliches Lachen scholl, eine Hand nach dem verzauberten Mann griff, fühlte Martha aus eben noch farbiger Fülle sich ins grenzenlos Leere für immer geschleudert.

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