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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 4
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Schuhlin

1915

 

Ob der musikalischen Erfindung des Ludwig Schuhlin Größe in dem Umfang innewohnt, wie er sie ihr zumaß, wird die Zeit lehren. Ob er die gewaltige Überzeugung hatte, die er zur Schau trug, weiß Gott allein. Die ihm nahestanden, wurden von seinen Stücken gerührt; weitere Welt hat ihnen den Erfolg versagt.

Schuhlin kam aus der Tiefe des Volkes. Proletarisch ernährt und erzogen, lief ihm das Leben bis ins Jünglingsalter schmucklos hin. Ein Pianoforte, aus einem Erdgeschoß klingend, traf sein Herz mit edler Empfindung, setzte ihn in Schwung, dem er nicht mehr entrann. An eine Regentraufe gelehnt, hörte er viel feierliche, fröhliche Musik, die sich in seine Seele senkte. Bis er eines Tages entdeckt, von dem gerührten Spieler in dessen Umgebung gezogen wurde. Hinhörend, lernte er des Spieles Elemente, griff, begriff Tasten und ihre Bedeutung. Welt ward ihm völlig Klavier. In Terzen, Quinten, Oktaven sprang sein Denken, Dur und Moll spannte sein Herz. Über die Leiter Schubert- und Beethovenscher Empfindungsstürme entrückte er dem gemeinen All, stand mit zwanzig Jahren in Kleidern des Kleinbürgers in Sphären auserwählter Menschheit. Geld auf Fahrten verdienend, die er mit einem Flötenbläser, einem Trompeter über Märkte seines Bezirkes zu Kirmes und Kirchweih unternahm, gab er es nur zu Teilen für seinen Unterhalt aus, verwandte das meiste für Unterricht bei bedeutenden Lehrern, bis er große Klavierstücke so selbständig aus dem Flügel hämmerte, daß ihm innere Bewegung verständiger Zuhörer überall gewiß war. Da verließ er die Heimat, gewann auf Reisen Sicherheit der Lebensformen. Man traf ihn im Frack, den er nicht übel zu tragen wußte, nach dem Abendessen in Salons reicher Kaufleute vor dem Klavier. Den schönen Kopf über das Notenblatt gehoben, spielte er, und bürgerliche Frauen öffneten ihm die Herzen. Stand er auf, kam, von rhythmischen Wellen getragen, durch den Raum, senkte er den Blick in begeisterte Augen, die er merkte, von denen er Lohn forderte. Überall nahm er das leicht zu ergreifende Weib mittlerer Kreise als Beute, schüttelte ihr geringes Eigenteil, mit dem er sich stärkte, aus ihr heraus. In immer bessere Zirkel brachte ihn die mit Begeisterung geübte Kunst, ihm fehlte bedeutendes Einkommen, lebhafter Beifall nicht. Sein Selbstbewußtsein verlangte überzeugendere Erfolge: Verehrung einer großen Dame, Freundschaft eines in den Künsten dilettierenden Mannes von Welt. So wurde er der repräsentable Geliebte reicher Frauen, die sich langweilten, geistiger Zusammenklang blasierter Dandys.

Doch war seine Hingabe und Aufopferung größer als desjenigen, der den Bund mit ihm schloß. Denn seines Gehirnes Kraftentfaltung war Entgelt für ruhende Güter, die der andere aus Geburt und Vererbung besaß. Nie war Schuhlins Übergewicht so groß, daß ein Mensch sich ihm einfach beugte. Er bedurfte des polierten schwarzen Kastens, Aufmerksamkeit, die seine Eigenliebe wollte, zu erzwingen. War aber Zuneigung erlangt, wuchs nie er dem andern ans Herz, doch Vorstellung gespielten Klaviers, musikalisches Genie eines Toten mit ihm. Aus Liebesversunkenheit lallte die Frau nicht das bezügliche Wort, doch eine empfindsame Tonfolge, deren Schöpfer nicht, deren Vermittler er war. Das heimlichste Gespräch, jeder kostbare Augenblick des Lebens glitt über ihn zu den ursprünglicheren Geistern hin, deren Einfälle er auf Tasten spielte.

Im zarten Anschlag einer Nerve spürte er vom Nächsten ein Gefühl, das über prompt zu Lieferndes quittiert. Ein blasiertes Danke, das man dem Bedienten lispelt. Kein spontaner Dank, Jubel kam ihm entgegen, hob sein Herz zu Sternen. Davon wurde er krank, begann Erreichtes, den augenblicklichen Zustand zu hassen, floh aus bequemen Verhältnissen aufs Land, wo er in einem Bauernhaus am Seeufer Vergangenheit und Zukunft umständlich bedachte.

Er begriff, reproduzierendes Künstlertum konnte der Hebel nicht sein, mit dem Welt aus Angeln heben, der in ihm gärende Machthunger sich befriedigen ließ. Keinen Augenblick zögerte er, Brücken zur Vergangenheit abzubrechen, verschwand von der Weltbühne, rollte sich, ein Igel, in des ländlichen Platzes Einsamkeit, wo er drei Jahre lang das mächtige eigene Wesen in Scharniere preßte, keinen Hauch seiner Person durch Gespräch oder Mitteilung entweichen ließ. Wie in einen Spartopf senkte er mit grimmigem Lächeln jeden Einfall ins eigene Innere, verbot sich den winzigsten Gedanken von sich fort. Abends faltete er Hände im Bett über den schwellenden Bauch, freute sich, als Wesensüberfülle gegen des Leibes Wände tobte. Nachdem er der Stärke des Dranges sicher geworden war, legte er Notenpapier vor sich hin, und wie hochgespannter Dampf durch geöffnete Hähne zischt, fuhr Empfindungssturm in Noten auf die Seiten. Er sah die ersten Niederschriften, verglich sie, begriff ihren unterschiedlichen Wert. Auf Spaziergängen ließ er das wenigste gelten, nahm es in sich zurück, sah die geläuterten Themen in gültiger Form als seine ersten Lieder aufgezeichnet.

Aus Gedichten Hölderlins wählend, was durch des Gedankens Verwandtschaft vereint war, drängte er zwei Dutzend Gesänge in heftigem Schaffenssturm zusammen, erschien von neuem mit dem Manuskript in der Hauptstadt. Versammelte den Kreis ehemaliger Freunde, spielte das Werk mit so innigem Ausdruck, daß die Zuhörer gepackt waren, er selbst von seiner einzigen Bedeutung überzeugt wurde. Mit Wucht etablierte er vor sich und anderen des Genius Geste, der außerordentliche Rechte hat, nahm ohne Bedenken von bemittelten Anhängern den monatlichen Zuschuß, der ihn ernähren mußte. Saß die Gesellschaft nach dem Vortrag einer gelungenen Komposition ergriffen um seinen Platz am Flügel, brachte er ihr, von Schöpferglück geschwellt, die Überzeugung bei, es sei ihres irdischen Daseins besserer Zweck, ihm auf alle Weise über des Lebens Härten zu helfen. Ihr Lohn sei ihnen in seiner Lebensbeschreibung gewiß. So ließ sich geschmeichelte Wohlhabenheit zu Aufwand herbei, verschönte sein Leben mit praktischen Gaben, verschwenderischem Lob. Er aber, von überallher Anerkennung schlürfend, schwoll zu einem Koloß des Selbstbewußtseins, der nicht duldete, daß in dem von ihm beglückten Haus von anderem als von ihm die Rede war, wobei, ob man seine menschlichen oder künstlerischen Eigenschaften mehr verherrlichte, ihm gleichblieb. Dazu schied er den Freund vom Freunde, indem er den verächtlich machte, Gatten voneinander, weil jede Gemeinschaft zweier Wesen seinen Zwecken gefährlich schien. Nie versäumte er, war ihm ein Eindruck aus seiner Person gelungen, auf jemandes Niedrigkeit, der bedürftig war, hinzuweisen. Wie, zum Teufel, verdiente der Betreffende Teilnahme, während Auserwählte mühsam ihr Leben fristeten? Müßte er nicht immer noch, nachdem Gott ihm den genialen Einfall seines großen Klavierkonzertes geschenkt hatte, auf die notwendige Erholungsreise in den Süden verzichten? Wer von den Anwesenden ahnte überhaupt etwas von den zerfleischenden Ausgleichungen, die in der Seele dämonischer Menschen stattfinden? Und von Ergriffenheit über sich selbst gepackt, vermochte er ein Tonstück so rührend zu spielen, daß die im Gewissen gemahnten Freunde sich ernstlich, ob ihnen Besitz vor Schuhlin erlaubt sei, bedachten. Es lief der Hausherr zum Bücherschrank, und ein kostbares Werk aus den Reihen nehmend, dem Meister zum Andenken an den feierlichen Abend reichend, zwang er Tränen aus der übrigen Augen, die sich jeder weitere Opfer gelobten.

Als Schuhlin sah, welche unwiderstehliche Macht er auf törichte, eitle Menschen hatte, ergriff ihn die Vorstellung phantastischer Möglichkeiten. Wirkung auf sie, Absicht mit ihnen wurde des Lebens Hauptzweck, er ließ seine Arbeit ruhen. Mächtig reizte es ihn, fühlte er eines Opfers Bereitwilligkeit, das weit über ursprünglich gesetzte Grenzen zu stoßen. Widerstände mit Worten, rührenden Gebärden fortbiegend, schritt er über den Schwächeren auf Ziele zu, die ihn anfangs nur mit der Wonne, Sieger zu sein, beglückten. Später sog er aus der Überwindung fremder Personen um so größeren Genuß, je mehr der Besiegte, wenn möglich ein dritter, verächtlich durch sie wurde. Denn aus der Niederwerfung sittlich Entseelter trank er mühelos und gründlich den Rausch zügellosen Selbstbewußtseins. Doch die auf die Knochen Geprügelten fingen ihn zu scheuen an, mieden ihn; Fama begann, Neugierige zu warnen. Wie er Anstrengungen verdoppelte, Ruten geschickter legte, die Opfer wurden selten und magerer, letzte Versuche, die er mit Aufwendung gleisnerischer Tränenströme, hysterischer Erschütterungen anstellte, einstiger Macht entscheidenden Erfolg zu spüren, schlugen fehl. Die Wirkung des allzu bekannten, oft gehörten, wenig umfangreichen musikalischen Werkes, seiner menschlichen Spiegelfechtereien war erschöpft. Die unwiderstehlichen Energien großer Städte drückten ihn in den Schatten. Innere und äußere Existenzmittel begannen zu fehlen.

Ehe das Elend ihn völlig erreichte, war er zum zweitenmal in die ländliche Vergessenheit enteilt, mit Haß gegen die Welt, die seinem eisernen Griff entschlüpft war, gefüllt. Er begriff nicht, wie sich der Mensch, der bei Verstand war, der Wollust, von ihm Gottbegnadeten beherrscht zu sein, entziehen mochte. Dieses Gottesgnadentums selbst wieder innezuwerden, setzte er sich an ernsthafte Arbeit, entzündete sich an der unbesiegten, erweiterten Schöpferkraft, die aus ihm brach. Begier, Machtwillen, Dämonie, den Verein ihn aufwärtsstoßender Triebe türmte er zu Tongebilden, aus denen nach Ausbrennung der Schlacken heroisches Menschentum klang. So finden wir ihn am strahlenden Sommertag bei offenen Fenstern vor dem Instrument. Beine wuchtig ins Pedal gestemmt, zwei gespreizte Hände voll zuckender Tasten, schlägt die gesammelte Person ihren unbeugsamen Willen prachtvoll aus dem Klavier.

Es gab keine Seele im Dorf, die von der Schallkraft aus Schuhlins Haus nicht gepackt wurde. Mit Widerstand oder andächtigem Hinhören nahmen sämtliche Bewohner Stellung zu ihr. Klara Kroeger, eine junge Blondine, die in dem waldreichen Ort Erholung suchte, wurde von ihr, wie einst der halberwachsene Ludwig vom Spiel eines anderen, im eigenen Wandel aufgehalten, zum Ausdruck fremden Ichs gezogen. Auch sie umkreist das Haus mit angehaltenem Atem, in dem Gefühlsstürme jauchzen, auch sie wird vom Spieler durchs Fenster gesehen, läßt sich, halb fähig, halb unfähig, sich zu entfernen, von ihm finden. Ihn umhing alle Pracht und Wärme der aus ihm entbundenen Musik, als er kam, sie stak in der Hingabe Mitten, da er zum Willkomm sie bei der Hand nahm. So führt er sie ins Haus zu ihrem Platz bei ihm im Zimmer, vollendet am gleichen Tag das Werk der Verschmelzung ihres Schicksals in seins.

Doch wie vieler Menschen Los vorher von ihm abgehangen hatte, um jede Seele hatte er, bis sie erlag, gegen Widerstände kämpfen müssen. Und auch dann hatte es Augenblicke, in denen sich der Unterworfene zu eigenem Willen zurückfand, gegeben. Hier lag vor jeglicher Empfängnis die junge Person seinem gierigen Blick bloß. Haut, Haar, jeder Eingang Leibes und der Seele war unbefleckt. Erstaunen, gerührte Überraschung zu jeder Geste atmete ihn an, als bewegte er von allen Dingen dieser Welt mit Schöpferfingern zum erstenmal die Schleier fort. Er sah, sein plattes Wort entwirrte Geheimnis für sie, und so willige Andacht bereitete ihm unausprechliche Lust. Denn unumschränkter als je über einen Menschen herrschend, spürte er, welcher Kräfteaufwand bei ihr erspart war. Hier blieb er vom Aufstehen bis zum Niederlegen König, ohne mehr als der seiner läßlichen Bequemlichkeit hingegebene Mensch zu sein. Sie war, wo sie sich um ihn bewegte, seines leisesten Rufes nach Anerkennung bereites Echo. Tauchte in seines Auges Grund Herrschwille als Flämmchen nur auf, breitete sie weibliche und menschliche Bereitschaft als Teppich vor ihn. Wohin er trat, kniete sie, ihn huldigend zu empfangen. Sein stets möglicher Marsch durch sie räumte ihm die Vorstellung aller Widerstände von außen gegen ihn und sein Werk aus dem Sinn, vollendete in diesem Mann ein Maß von Selbstbewußtsein, das man in der Welt noch nicht gesehen hat.

Seine Bewegungen erhielten zu dieser Zeit Wucht und Schwere, als wirkten innen mächtige Gewichte. Er sprach mit so ungeheurem Pathos, als müßte die Rede dem Hörer eingestampft werden. Daß er diesem gesteigerten Ausdruck einen entsprechenden geistigen Inhalt unterlegen konnte, war Folge einer Selbsterziehung, die mit dem Fortschreitenden Hand in Hand gegangen war.

Band er sich damals morgens vor dem ovalen Spiegel im Schlafzimmer die Krawatte, sah über seine Schultern das bezauberte Mädchen; trafen sich im Glas ihre begeisterten Augen mit dem Ausdruck: welch ein Mann, Ludwig! Klara, sieh nur, welch ein Mann!

In inniger Gemeinschaft mit dem Weibe entstand manches Werk, und da es den Musiker letzthin deuchte, die kleinen monatlichen Beiträge, die zwei treu gebliebene Anhänger aus der Stadt sandten, die sein ganzes Einkommen ausmachten, würden unpünktlicher und weniger gern gezahlt, beschloß er, zu Vorstoß von sicherer Warte, sich vorübergehend in die Welt der Menschen zurückzubegeben. Doch so war der Eindruck auf die Freunde gewesen, daß sie das Mal seiner Herrschaft noch im Fleisch spürten, nicht Lust hatten, es vertiefen zu lassen. Sie versteckten sich, und nur an einem Abend gelang es, mehrere Verehrer in ein Zimmer zu versammeln, wo er sein symphonisches Stück über ein ländliches Thema spielte. Die Hörer blieben mit Abwehr gegen ihn kühl und vollkommen höflich. Unmittelbar nach dem Vortrag gab man zu essen und zu trinken. Vereinter Wille hielt das Gespräch von seiner Schöpfung fern. Anderen Tages fuhr er heim, und kaum war Klara seines Ausdrucks ansichtig geworden, als sie ihn mit der Erzählung eines Traumes überraschte, in dem er den beispiellosen Enthusiasmus einer vor das Haus versammelten Menge entgegengenommen hatte. Vorher sei im Traumbild eine überirdische Person aufgetreten, die ihr verkündete, es stünde dem geliebten Freund Leid des mißverstandenen Künstlers in außergewöhnlichem Umfang bevor. »Laß dich also«, fügte sie, bevor Schuhlin zu Worte gekommen war, hinzu, »vom großen Erfolg, den du hattest, nicht täuschen. Der Beifall beweist, man hat dich völlig mißverstanden.«

Schuhlin beruhigte sie. Der Eindruck sei nicht groß gewesen. Er war aber durch des Mädchens Verhalten in die alte Sicherheit gewiegt, und des Ausfluges einzige Folge blieb, daß er sich endgültig von Menschen zu Klara zog, die den doppelten Vorteil, Schutz gegen die Außenwelt zu bieten und hemmungslos in seine Gewalt verloren zu sein, gab.

Er heiratete sie, ihr letzte Wege zur Umkehr abzusägen. Seines Opfers verklärten Blick, als sie vom Standesamt heimkamen, beantwortete er mit so ausholendem Druck beider Hände in ihre Schultern, daß sie in Knien knickte. Dann ließ er ein Leben beginnen, in dem er durch des Weibes schöpferische Demut als Künstler, Mensch und Mann Herr des Universums war; denn Klara begnügte sich nicht mehr, seine Winke vorzuerfüllen. Weit über seine Begriffe flog ihre Vorstellungskraft, blies ihm mit immer größerem künstlerischem Ansinnen an sich ihre tiefere Unterwerfung als Forderung belohnenden Ausgleiches ein. Da zögerte er nicht länger, sich für jede gelungene Harmonie hohen Preis aus ihrem zur Kreuzigung bereiten Leib auszuzahlen, hätte zwischen Werktätigkeit und der einzigen Frau ein in häusliche Stürme begrenztes Leben bis ans Ende seiner Tage geführt, wäre er durch das unentschuldigte Ausbleiben jeder Subsidienzahlung nicht vor die Frage, wie er den irdischen Leib ernähren sollte, gestellt worden.

Zwar drängte Klara auch da, mit allen Kräften einzutreten. Sie hatte ein bedeutendes photographisches Talent und konnte in absehbarer Zeit zu verdienen hoffen. Doch war Schuhlin überzeugt, es würde, was sie vermöchte, auch bei angestrengtem Fleiß für ihn zu behaglichem Leben nicht reichen. Vom Ertrag seiner gedruckten Kompositionen aber war, wie die jährlichen Abrechnungen bewiesen, nichts zu hoffen, und so begann Unsicherheit, woher die notwendigen Existenzmittel in Zukunft regelmäßig zu beschaffen seien, des Hauses Frieden zu verwirren.

Da betrat eines Tages ein junger Mensch Schuhlins Wohnstube, brachte vor, er sei Musiker, habe des Meisters Vortrag vor Wochen in der Hauptstadt gehört, und durch Größe der Komposition und des Spielers Person zu doppelter Bewunderung hingerissen, sei er zur Prüfung des eigenen Ichs geschritten. Das Ergebnis bilde seines Unvermögens Erkenntnis nach jeder Richtung und den unbeugsamen Willen, sich in Zukunft dem erwählten Vorbild anzuschließen. Sein Leben, sollte es höheren Zweck haben, müßte unter Schuhlins Leitung in dessen unmittelbarer Nähe geführt werden. Er besitze Mittel, methodischen Unterricht geraume Zeit zu entgelten, flehe den Meister, ihn nicht von sich zu weisen, an. Bei diesen Worten hatte sein Antlitz sich gerötet, Augen, aus Höhlen, glänzten. Schuhlin stellte, ihn betrachtend, fest, mit dem Sturm solcher Erregung müßten sich, würde er in richtige Bahnen gelenkt, Effekte erzielen lassen. Der Mensch und seine Ergebenheit für ihn war angenehm. So ließ er Allgemeines in Lehrsatzform hören, verabredete Näheres mit dem Schüler über dessen Unterbringung im Dorf sowie über die Einteilung künftiger Tage. Denn da das Zusammensein sich nicht auf die Unterrichtsstunden beschränken sollte, sei es richtig, durch keine Abhaltung verhindert, sei der Lernende dem Lehrer stets zur Hand. Im Hinblick auf dies Ziel wurde Nötiges von den Männern in die Reihe gebracht. Es freuten sich die Gatten des Ereignisses, durch das mit einem Schlag alles Gewölk verscheucht schien. Klara pries des jungen Mannes Entschluß, verklärte sein Auftreten, seine Erscheinung. Hier habe Schuhlin an einem Fremden den Beweis, welche Wunder seine Kunst auf unverbildete Jugend wirke.

Harmonisches Leben begann. Neander wurde im Kontrapunkt, fleißig im Klavierspiel unterrichtet. Was er nach neuzeitlichen Methoden gelernt, von moderner Musik gehört hatte, wurde verworfen. Über aller Tonkunst stand Sebastian Bach, der Gott. Neben ihm als Götter Händel und Philipp Emanuel, des Vaters Sohn. Mit Mozart kam Fin-de-siècle-Kunst, Beethoven schien Barock; alles Fernere Unsinn. Es galt, an Quellen zurückzufinden, neue Wege zu suchen. Mit schönstem Ernst legte Schuhlin die Überzeugung in des Jünglings Seele von der unvergleichlichen Wichtigkeit ihrer gemeinsamen Aufgabe. Vor dem Instrument, wurde eines Sextakkordes, einer Synkope Ursinn aufgedeckt, strahlten ihre Augen in freudiger Erleuchtung. Spielte Neander vom Blatt, genügte des neben ihm sitzenden Lehrers rhythmisches Nicken, dessen huschende Handbewegung, daß der Schüler des Musikstückes verborgenen Sinn erriet. Um ihre Körper stand eine heiße Wolke steil, die sie von der Welt abschloß, die sie erst durchbrechen mußten, erhoben sie sich nach beendigtem Spiel. Schuhlins bedeutende Anmerkungen beim Unterricht zeichnete der andere in ein Buch auf, trug des Meisters Wesen auch in Freistunden bei sich. Hing an dessen Mund, wo der stand und ging. Manchmal spintisierte der Ältere auf Spaziergängen. War ihm des Rätsels Lösung gekommen, wandte er das Haupt dem Gefährten zu, hatte der die gleiche Erkenntnis in den Augen. Bei solchem Vorfall griff Neander, da sie im Wald auf einer Lichtung rasteten, nach Schuhlins Hand und küßte sie. Dem aber hatte es geschienen, auch des Jünglings Knie seien gewichen.

Auf dem Heimweg – Neander ging einen Schritt voraus umfaßte mit mächtigem Griff Schuhlin des anderen Arm, zog die ganze willige Person an sich heran. Der Gepackte dreht das Haupt gegen den verehrten Mann, senkt mit dem Gelöbnis ewiger Treue den Blick in die ihn anherrschenden Lichter. Fortan bildeten die drei eine Gemeinschaft. Neander nahm an allen Mahlzeiten teil, übersiedelte auf Klaras Aufforderung ins Haus. Im engen Heim war man auch dann beieinander, befand sich jeder im eigenen Zimmer. Strich man tagsüber durch schmale Stuben, berührte man sich; blieb immer im Dunstkreis der Gefährten. Aus der innegewordenen Enge des Raumes nahm Schuhlin den ersten sichtbaren Beweis seiner gleichmäßigen Macht auf beide Mitbewohner. Denn seine Bewegungen nicht beschränkend, doch mit Griff und Tritt ausladend, zwang er Weib und Schüler zu beständigem Ausweichen und Zurücktreten vor ihm, und da er immer der Stuben und des Flures Mitte besetzt hielt, gewöhnten sich die zwei daran, an den Wänden hinzuschleichen, an Sitzen und Verweilen in entfernten Ecken. Doch war es ihnen natürlich und angenehm.

Und wie froh wurden sie beim Essen um den runden Tisch! Zuerst flogen Schüsseln zu Schuhlin, der sich mit ausgesuchten Stücken regalierte, weitergab. Bescheiden nahmen die Mitessenden, bedacht, es möchte ein zweites Mal für den Meister reichen. Eigener Nahrung nicht achtend, folgten sie jedem Bissen des Hausherren mit Aufmerksamkeit und Genuß. Hei, war ein Braten gelungen! Was gab es für ein Schmunzeln, saftige Bemerkung des Zufriedenen! Und immer strahlender wurde seine Laune, prasselnder sein Witz, bis er bei Kaffee und Zigarre, die man ihm nur anrichtete, freundliche Blicke für seine Umgebung hatte. Um Belohnung durch solchen Blick war es den beiden zu tun. Sie steckten die Köpfe zusammen, berieten, was man morgen zu Tisch geben sollte. Obwohl Neander hübschen Unterkunftspreis bezahlte, reichten Klaras Mittel, des vorgeschlagenen Mahles Kosten zu bestreiten, nicht immer aus. Dann legte der Pensionär eine Mark, einen Taler zu, geplanten Schmaus und die mit Sicherheit folgende Belohnung zu ermöglichen, und als sie eines mißlungenen, knappen Mittagessens schrecklicher Eindruck beide ein einziges Mal getroffen hatte, gewöhnte Klara sich, breiterer Haushaltführung erhöhte Kosten ohne weiteres von Neander zu fordern, der ein übriges tat, einen Leckerbissen, Frühgemüse, Wildbret ins Haus brachte. Dann kam für das ausgegebene Goldstück von der Hausfrau entzücktem Händedruck bis zu Schuhlins wollüstigem Verdauungsschnaufen unaufhörlicher Dank an den Geber, Feststimmung ins Haus, die, schlürfte der Meister ans Klavier und gab seiner dankbaren Gemütsstimmung tönenden Ausdruck, ihren Gipfel erreichte.

So lief die Zeit. Draußen in der Welt gab es Ereignis auf Ereignis; Politisches, Kulturelles beschäftigte die Zeitgenossen. Luftschiffe wurden wichtig, ein afrikanischer Aufstand. Es tobten und beruhigten sich die Börsen abwechselnd. Im Haus am bayrischen Bergsee nahm man von nichts Kenntnis. »Was leistete Musik bis zu Ludwig Schuhlin, und wie geht dessen Werk über alles Erreichte hinaus«, hieß das in unzähligen Varianten behandelte Thema. Der Meister im Lehnstuhl läßt die Trabanten Fragen um diesen Kern stellen. Dann spricht er gütig, anerkennend von großen Musikern vor ihm, macht kluge Anmerkungen zum eigenen Schaffen, läßt durch den beseelten Blick ahnen, alles von ihm Fertiggestellte sei im Grund Stückwerk, und seiner Sendung wahrer Anlaß ruhe in der Zukunft Schoß.

Regung der Zuhörer ist verstummt. Glieder und Blicke sind in Andacht gelähmt. Schuhlins Atem strömt, nach schönen Perioden seiner Satzbauten, in breiten Wellen. Er lächelt gerührt, eine Träne hängt ihm im Auge. Er verläßt das Zimmer.

Doch während Klara, in den Stuhl gestampft, sitzt, läuft der Jüngling mit erhobenen Armen, gerollten Fäusten von Tür zu Tür, hingerissene Begeisterung macht sich in Stöhnen und Seufzen Luft. Er faßt Klaras Hände, und mit Druck und Widerdruck verständigen sich die beiden über Anfang und Ende einer gemeinsamen Welt. Ihrer selbst waren sie blind und taub. Es wußte der eine vom Gesicht des anderen nichts. Gegenseitiges Wesen, Gestalt blieb ihnen Luft.

Also waren sie einander nicht im Weg, bis im Bestreben, aus abendlichen Plaudereien Erkenntnisse festzustellen, der ältere Mann Aufmerksamkeiten für den anderen, die das Weib ausschlossen, hatte. Da Neander gleichzeitig begann, Geschenke, Kosthappen, Flaschen guten Weines, doch auch Klavierauszüge und Gebrauchsgegenstände aller Art mit Umgehung Klaras an Schuhlin auszuliefern, sah sich die Hausfrau in Gefahr, in unebenbürtige Stellung gedrängt, aus Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Ihre mit Tatkraft unternommenen Gegenmaßregeln, den Gatten nachts, war er nur ihr erreichbar, mit allen Mitteln an sich zu ziehen, konnten nur halben Erfolg haben, da mit Tagesanbruch die Bindung zwischen den Männern wiederhergestellt war, Neander zielbewußt jeden Erfolg Klaras, den er wahrnahm, durch immer kostspieligere Überraschungen für Schuhlin ausglich. Des Eindringlings Überlegenheit war, bei gleicher Hingabe Leibes und der Seele beider an den Herrn, durch geldliches Vermögen gewährleistet. Das zu zerstören, sah Klara als ihres Lebens nächsten, unvergleichlichen Zweck ein.

Sie stellte sich, als sei ihr um des Vergnügens willen, das er darüber empfand, ihres Mannes engeres Zusammengehen mit dem Schüler angenehm. Bei jedem Geschenk für ihren Gatten schien sie sich mitzufreuen, und nachdem sie aus Neander die Höhe der ihm zur Verfügung stehenden Mittel gelockt, die Geringfügigkeit einer Summe von vierundsechzigtausend Mark dem zu leistenden Aufwand gegenüber erkannt hatte, reizte sie ihn, Schuhlins beiläufig geäußerte Bedürfnisse zu befriedigen. Dem brachte sie auf unterirdischen Wegen im Bett immer gesteigerte Wünsche bei: wie mußte sich ein Teppich im Wohnzimmer ausnehmen? Gewänne er mit einem Fahrrad nicht die Fähigkeit, die herrliche Umgebung im Umkreis kennenzulernen, aus Kenntnis zu beherrschen?

Schuhlin schien's, zum erstenmal sei er mit Gott einig. Wie sich die beiden Geschöpfe an seiner Seite tummelten, bis ins Innerste regten, daß Sinn und Nerve für ihn zitterte, fand er als Schöpfungseinfall prachtvoll, sinngemäß. Im Ausdruck glaubte er manches steigern, folgerichtig verknüpfen zu können. Hier zügelte er Neander, da stieß er Klara vorwärts, wies und verwies sie, sprach von Himmel und Erde, in welcher Erscheinungsform sie ihm angenehm seien, was geschehen müßte, den ersehnten Zustand der Elemente mit Menschenmitteln immer für ihn herzustellen. Wie man Licht blende, verstärke, Geräusche abstelle, Schwingungen, Gerüche verhindere, wirken lasse. Kurz: spitzte der Unterworfenen Ohren für der Atmosphäre leisesten Hauch.

Ihre Zwistigkeiten entgingen ihm mitnichten. Er peitschte sie mit Wettstreit. Potz! sagte er zu Klara, Hei! zu Neander und ließ in beiden die Motore knattern. Sie fuhren ihn, während Gas auf die Ventile drückte, mit letzter Übersetzung über des Tages steilste Hindernisse, lagen abends, ausgeblasene Hülsen, vor ihm, aus denen er Luft mit Füßen trat. Mit Hebel, Kupplung, Bremse fuhr er sie, wohin er wollte.

Darüber hinaus mußten sie Einfälle haben, sollten nicht nur wirklich, auch transzendental sein. Mit dem Mann gelang das am besten. Immer demütiger bot das Weib nur Fleisch an. Doch zuckte der Jüngling manchmal ins Erhabene.

So riet er, Schuhlin sollte sein Bett in der breiten Wand Mitte stellen, daß er durchs Fenster über die Landschaft gen Osten zum Horizont in aufgehende Sonne wie Louis Quatorze zu Versailles blickte. Das wurde gleichen Tages angeordnet. Klara flog zu Neander ins Beigemach, und Schuhlin holte nachts allein im Schlafgemach breiteren Atem.

Vier sehnsüchtige Augen hingen an der Tür, aus deren Spalten Licht drang, las der Herr vor dem Einschlafen noch die Zeitung. Rascheln umgewendeten Papiers, Geräusch des sich rekelnden Körpers, ein Knacken der verlöschenden Lampe erregte zwei hochaufhorchende Herzen. War alles still, belauschten Weib und Mann, parallel ausgestreckt an entgegengesetzten Wänden, mit Neid und Erbitterung den gegenseitigen Herzschlag.

Doch während Schuhlins menschliches Ausmaß wie eines ungeheuren Baumes Krone das Dach des Hauses durchbrach, alles, was in ihm tot und lebendig war, beschattete, in Klaras Herz sich Haß gegen Neander zu einem Zuckerhut aus Stahl verdichtete, der eines Tages mit Geschrei des Fluges sein Sprengmehl als furchtbaren Strahl auf ihn niederstreuen mußte, schmolz dem durch wütende, überstürzte Ausgaben das mitgebrachte Geld. Die Gewißheit erfüllte Klara mit so heißer Schadenfreude, daß ihr Antlitz brannte, den Verschwender zittern machte, ihm jede Genugtuung zerschlug. Von des Weibes Gesicht konnte er den Blick nicht wenden, fürchtete ein in ihm auftretendes Lächeln, bevor es da war. Je kleiner seine Barschaft wurde, um so toller schien der Feindin Grinsen. Durch schwarze Nacht glaubte er ihre verzerrten Züge zu erkennen, und ob er sich in die Decke vermummte, es lächelte um ihn, hinter ihm her. Als er einst ein ersticktes Kichern hörte, sprang er aus den Kissen mitten ins Zimmer so zischenden Atems, daß ihm die Bedrohte auf nacktem Boden entgegenstand. Dort griffen sie sich bei Leibern, und stumm rissen, traten, schüttelten sie einander, bis ihnen das Leinen in Fetzen hing, im Allerheiligsten sich leichtes Stöhnen hören ließ. Da nahm jeder die Fänge von des anderen Fleisch, kroch geschunden auf seine Matratze zurück. Zu solcher nächtlichen Melodie klang weiter bei Tag Schubert, Chopin, Schuhlin mit Symphonie und Sonate. Aus Himmeln wurden zwei Menschen in Abgründe geschleudert. Unaufhörlich trieb sie ein Mühlrad aus Sternen zur Hölle, wieder hinauf.

An Schuhlins fünfunddreißigstem Geburtstag waren vier Jahre ihres Zusammenlebens vergangen. Gegen Abend dieses Tages sprang dem Hausherrn wieder der Gedanke, dessen er sich immer weniger erwehren konnte, ins Bewußtsein. Würde man sich heute zur Nacht getrennt haben, wollte er im Bett von Grund auf feststellen, was ihm seine Spekulationen in runden Zahlen verbürgten, was Klara, die er, ihr photographisches Geschick durchzubilden, getrieben, die in Dorf und Umkreis schon Einnahmen mit ihren Bildern hatte, bei zielbewußter Arbeit, was Neander durch Klavierunterricht für ihn verdienen mußte. Bringe er Auslagen für Fahrgeld, Einnahmeminderung durch Krankheit der Verdienenden, alles Unvorhergesehene vom durchschnittlichen Erträgnis in Abzug, glaubte er, die Summe von zwölftausend Mark als nicht mehr zu bezweifelndes Jahresergebnis der gemeinsamen Arbeit für ihn einsetzen zu können. Durch Hin- und Herrechnen wollte er der Sache heute nacht schriftlich zu Leibe, genaue Bilanz mit schwarz und roter Tinte machen.

Immerhin freute er sich der gefundenen Zahl, die er mit oft verändertem Tonfall vor sich hin sagte, von Herzen. Am Tisch sitzend, hatte er Beine von sich gestreckt, die Zunge stand durch Zähne aus geöffnetem Mund schweißend hervor. Volkslied ging ihm mit »O wie wohl ist mir am Abend« durch den gehobenen Sinn. Als er aus günstigen Voraussichten ein hinreichendes Maß Behagen in sich gesogen hatte, formte er, an den Flügel sich ziehend, den anmutigsten Tanz auf Tasten, aus dem er, eine Gegenbewegung zögernden Zweifels erfindend, Hoffnung fröhlicher klingen ließ. Dann riß er das Thema durchs Gewissen in höhere Sphären, ließ Taktgefüge wuchtiger brausen, Harmonien die Melodik begründen, bis seines blühenden Daseins, angenehmer Zukunft Gewißheit so süß aus Saiten rauschte, daß sich überall Tür und Fenster auf die Straße öffneten, Menschen aus Stuben lauschten.

Ins Zimmer aber traten vor des Spielenden transparent erleuchtete Augen zweier Menschen liebende Antlitze. Langflügelige Engel Fra Angelicos stützten sie sich von beiden Seiten an das tönende Instrument. Aus geblähten Backen blies so gewaltig aus Posaunen ihrer Seelen zustimmender Oberton, daß er das Segel von Schuhlins Herz wellte, es beflügelter Ja und Amen zu der Absicht, die es mit den zufriedenen Opfern hatte, spielen ließ.

Als man die schweigende Mahlzeit, bei der Blicke hin und her sprachen, beendet hatte, zog Neander feierlich eine Zigarre, die er dem Meister reichte, aus der Tasche. Sie war lang, dick, glatt gedreht, von graubrauner Farbe. Ein breiter Ring aus gold und rotem Papier lief um ihre Mitte, auf dem das Wort »Intimidad« stand. Hoch auf zuckte Klara im gleichen Moment, wußte sie doch, hier gab der Nebenbuhler seines Vermögens Rest fort, habe in Zukunft keinen Vorteil mehr vor ihr voraus. So erschütterte sie die ersehnte Wahrnehmung, daß sie die Augen schloß, Gesichtsmuskeln verhielt, fürchtend, des ausbrechenden Glückes Gewalt könnte Neander zu einer Verzweiflungstat augenblicklich hinreißen. Wie inständig der ihr Antlitz durchforschte, er fand in ihm gleichmäßige Ruhe.

Schuhlin schnitt mit leichter Verbeugung gegen den Geber umständlich die Spitze der Zigarre herunter, beroch, klopfte, schüttelte die Havanna, bis er sie mit zwei Streichhölzern von allen Seiten in leuchtenden Brand setzte. Während sich Wölkchen hoben, Ringe, Blasen, gezackte Ränder, aus des Rauchers Mund und Nase gestoßen, Klara hinter gekniffenen Lidern jeder einzelnen, die verschwebte, folgte, trat Neandern kalter Schweiß auf die Stirn, des Zimmers Boden schien zu schwingen.

Dämmerung sank; fast saß man im Dunkel. Es leuchtete der Zigarre feuriger Ring bei jedem Zug, noch einmal, immer noch, bis Schuhlin ein Überbleibsel in die Schale warf und zerdrückte.

Dann gab er Neander die Hand, schien dessen gespenstische Grimasse nicht zu bemerken, ging in sein Zimmer hinaus. Klara, das entflammte Auge in Neanders erstarrten Blick gedreht, folgt unmittelbar. Da der Geplünderte allein stand, brach ihm das Haupt von einer Axt angeschlagen auf die Brust, aus der ein einziger Ton heraufgrollte. Den hört, hinter der Tür, die Frau, und während er ihr in allen Sinnen wohltut, überläßt sie sich schrankenlos ihrem größeren Glück.

Als sie, Federn schüttelnd, von Schuhlins Bett her durch die Pforte zurücktritt – ihres stets zu erneuenden Sieges Glanz stand ihr als Stern zu Häupten –

Da sie der Stahl aus Neanders Hand, ins Herz gestoßen, schon hingeworfen hatte, des Totschlägers entseelter Leib, über sie stürzend, an die geschlossene Tür schlägt, in diesem Augenblick dreht Schuhlin sich ermuntert der Nachtlampe zu, beginnt, die Brust weitend, Arme von sich stemmend und wieder anziehend, kraft- und glücksgeschwellt, unter lateinisch A und B Zahlen zu malen, deren Summe ihm seines Daseins materielle Sicherheit gewährleisten soll.

Andern Tages sah er überrascht, daß die gefundene Ausrechnung hinfällig geworden war.

Sanfte Trauer hindert ihn nicht, unverzüglich neue Verbindungen zu suchen, die ihm die Mittel zu jenem Leben, das er als ihm gemäß und seiner Bedeutung zukommend ein für allemal erkannt hatte, sichern sollen.

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