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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 3
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Napoleon

1915

 

Napoleon wurde 1820 zu Waterloo im Eckhaus, an dem sich die Steinwege nach Nivelles und Genappes trennen, geboren. Sein Kinderleben verließ historischen Boden nicht.

Über die durch Hohlwege gekreuzten Flächen, auf denen des Kaisers Kürassiere in Knäueln zu Tod gestürzt waren, gingen seine Soldatenspiele mit Gleichalterigen. Sie lehrten ihn ewige Gefahr, Wunden und Sieg.

Zwölf Jahre alt, nahm er von Kameraden beherrschten Abschied, sprang zum Vater in die Kalesche, fuhr nach Brüssel hinüber, wo er vor ein Gasthaus abgesetzt wurde. In der Küche des Lion d'or lernte er Schaum schlagen, Fett spritzen, schneiden und schälen. Gewohnter Überwinder der Kameraden auf weltberühmter Walstatt, ließ er auch hier die Mitlernenden hinter sich, war der erste, der die Geflügelpastete nicht nur zu des Chefs Zufriedenheit bereitete, auch nach Gesetzen zerlegte.

Er selbst blieb von allen Speisenden der einzige, den der Vol-au-vent nicht befriedigte; doch nahm er Lob und ehrenvolles Zeugnis hin, machte sich, siebzehnjährig, auf den Weg, betrat an einem Maienmorgen 1837 durch das Sankt-Martins-Tor Paris.

Als er auf einer Bank am Flußufer die strahlende Stadt und ihre Bewegung übersah, wurde ihm, was er in Brüssel geahnt hatte, zur Gewißheit: Nie würde er aus den allem Verkehr fernliegenden Küchenräumen die enge Berührung mit Menschen, die sein Trieb verlangte, finden. Tage hindurch, solange die ersparte Summe das Nichtstun litt, folgte er Kellnern in Wirtschaften gespannten Blickes mit inniger Anteilnahme; verschlang ihre und der Essenden Reden, Lachen, Gesten. An einem hellen Mittag, da eine Dame Trauben vom Teller hob, den ihr der Kellner bot, trat er in die Taverne auf den Wirt zu, empfahl sich durch Gebärden, flinken Blick als Speisenträger.

Nun brachte er Mittag- und Abendmahl für alle Welt herbei. Von beiden Geschlechtern kam jedes Alter, jeder Beruf zu seinen Schüsseln, sättigte sich. Unermüdlich schleppte er auf Tische, fing hungrige Blicke auf, satte, räumte er ab. Nachts träumte er malmende Kiefer, schlürfende Zungen, ging anderen Morgens von neuem im Bewußtsein seiner Notwendigkeit ans Tagwerk.

Allmählich sah er Unterschiede des Essens von schmatzenden Lippen ab, kannte den gierigen, weitgeöffneten Rachen des Studenten, durch den Bissen in ein nie gestopftes Loch fielen, unterschied den Vertilger eines nicht heißhungrig ersehnten, doch regelmäßig gewohnten Mahles von jenem Überernährten, der sich ungern zum Tisch niederließ, gelangweilt Leckerbissen kostete und zurückschob. Prägte die kauende, trinkende Menschheit in allen Abstufungen sich fest und bildhaft ein.

Durch Kennerschaft wurde er ihr Berater und Führer; wies Hungrigen feste Nahrung, bediente die Satten mit Schaum und Gekröse; von ihm zu allen Tischen lief ein Band des Verständnisses. Hob der Gast die Karte, fiel von Napoleons Lippen der gewünschten Speise Name.

Jahrelang blieben die seine Lieblinge, deren leibliche Not die Kost stillen sollte. Ein saftiges Stück Fleisch, von kräftigen Zähnen gebissen, schien ihm die gelungenste Vorstellung. Doch machte er Unterschiede zwischen Sorten. Ließ er Kalb und Lamm im Hinblick auf ihre festere Zusammensetzung gelten, war ihm Wild, Geflügel wenig sympathisch. Von Fischen, Austern und Verwandtem hielt er der lockeren Struktur wegen nicht das geringste. Inbegriff guter Nahrung war ihm das Rind. Unwillkürlich sah er die Begegneten beim Hin- und Heimweg auf ihre Muskulatur hin an. Die schienen ihm wohlbereitet, die über straffem Knochenbau gedrängte Materie trugen. Magere verachtete er, die mit losem Fett Gepolsterten waren ihm verhaßt. Einem gut aufgesetzten Körper folgten seine Blicke zärtlich, zerlegten ihn in gigots, selle, côtes und Kotelettes. In der Einbildung streute er Pfeffer und Salz hinzu, garnierte, schnitt, servierte das Ganze mit passendem Salat; dann lächelte das junge Gesicht, hingerissen ahnte er nicht, in welcher Zeit er lebte; unterschied Sommer, Winter, Trockenheit, Regen, Überfluß und Notdurft nicht, wußte nur: dies freut den Gast!

Immer hitziger wurde sein Trieb, dem zu Bedienenden sättigende Kost zu bieten. Gewürz und Zutat sah er nur in dem Sinn, wie sie die bestellte Speise fest und ausdauernd machten. In seine Vorstellung bildete sich des leeren Magens Raum, in der er Nahrung aus Beton baute.

Ging der Gesättigte, der schlappen Schrittes gekommen war, wuchtig zur Tür hinaus, hing Napoleons Blick, als sei dessen Lebendigkeit sein Werk, an dem Schreitenden. Er brauchte, vor sich bestehen zu können, das Bewußtsein schöpferischer Tat, steigerte es zur Überzeugung, ohne ihn und seine Pflege sei der Betroffenen Lebensarbeit unmöglich. Die festzustellen, merkte er der Gäste Namen; nahm an ihrem Vorwärtskommen teil.

 

Es geschah, als er am freien Tag durch Wege der Versailler Parks schritt, in der Einbildung, er habe gerade eine riesige Wurst mit Höchstwerten menschlicher Nährstoffe gestopft und schnitte den Wartenden Scheiben herunter, daß aufschauend sein Auge zu einem jungen Weib fiel, das ein Kind am entblößten Busen hängen harte. Gebannt blieb Napoleon stehen, prägte sich das Bild rosiger, geblähter Rundheiten an der Frau und dem Säugling in aufgetane Sinne. War das eine Apotheose seiner Träume von kraftvoller Nahrung und ihrem besten Verbrauch! An die Nährende hätte er niederfallen, durch Umschlingung ihres und des Kindes Leibes am erhabenen Vorgang teilnehmen mögen.

Das Bild verließ ihn nicht, veranlaßte ihn, flüssigen Stoffen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken; dann hob es den Wert der Frau, der bis heute ihrer geringen Lust zum Essen wegen für seine Welt nicht groß gewesen war, sich jetzt aber gut ins große Bild tafelnder Menschheit einordnete. Zum erstenmal besah er das Mädchen an der Anrichte, dem er bisher nur den kräftigen Gliederbau bestätigt hatte, immer eindringlicher, als prüfte er es auf gewisse ihm einleuchtende Möglichkeiten. Er fand, sie nähme zuviel leichtes Zeug als Nahrung, belade sich mit Geblasenem und Aufgerolltem, das im Magen zu einem Nichts zusammenfiele, warnte vor Klebrigkeit und Süßem, forderte sie eines Tages geradezu auf, mit ihm ein Mahl zu nehmen, das bis ins kleinste von ihm zusammengestellt, in seinem Wert für sie erörtert werden sollte. Das Mädchen nahm des Mannes Kauderwelsch für Umschweif, willigte ein, und an einem der nächsten Tage gingen sie ein Stück über Land, traten in einen Gasthof ab.

Dort verschwand Napoleon und erklärte zurückkommend der schmollenden Suzanne, er habe bis ins kleinste in der Küche vorgesorgt. Mit einem Ragout von Hammel in Burgunderweinsoße beginne man, gehe, falsche Vorspiegelungen verschmähend, geradezu auf ein wundervolles, halbblutiges Rindlendenstück, an das er englische Gurken und Zwiebeln habe braten lassen, zu.

Als das Essen aufgetragen war, wies er sie, Bissen langsam zu kauen, ohne Zukost von Brot zu schlucken, ruhte nicht, bis das letzte Stück auf der Schüssel vertilgt war, befahl ihr und sich ein Gläschen Schnaps zu besserem Bekommen an.

Da sie nach Tisch im Grase lagen, breitete er Arme und Beine aus, riet ihr, Gleiches zu tun. Ein schmächtiger Bursche sei er gewesen, seine Gewebe nur durch vernünftige Nahrung, angemessene Verdauung fest und kräftig geworden. Dabei ließ er Muskeln der Arme und Waden durch Beugung zu kleinen Bällen schwellen, worauf sie, in der Eitelkeit gepackt, auch die Glieder spielen ließ, ihn zur Prüfung der festen Beschaffenheit einlud. Doch bestritt er alles von vornherein, meinte, bei ihrer bisherigen Ernährung sei es nicht möglich, forderte sie, in Zukunft nach seinen Vorschriften zu leben, auf. Dann werde, was nicht dasei, kommen.

Er gefiel ihr. Der nüchterne Sinn machte Eindruck auf sie, sie bemühte sich, seine Erwartung zu erfüllen. Beim nächsten Ausflug blieb sie plötzlich stehen, bäumte den Arm, ließ seine Hände die Anschwellung fühlen. Doch kam durch Wochen nur ein Schnalzen von ihm, das ihr, sie sei auf rechtem Weg, bedeutete. Bis sie eines Tages beim Versuch, ein gelöstes Schuhband zu knüpfen, ihm ein so mächtiges Rückenstück entgegenhob, daß runde Anerkennung seinen Lippen entfuhr. Gleich lag sie an seiner Brust; bot ihm den Mund zum Kuß.

Der Besitzer der Taverne starb, und Napoleon wurde des Speisehauses Inhaber. Er konnte schalten, wie er wollte, entfernte alle Spielereien von der Karte. Die gleichbleibende Kundschaft, er selbst und Suzanne waren gewichtige Personen, die eine Rede deutlich in den Mund nahmen, geworden. Es gab kein Getuschel in seinen Räumen, doch dröhnendes Lachen zu schallenden Worten. Forsches Zugreifen und Fortstellen. Überzeugte Meinungen, Entschlüsse für kühne Tat.

Napoleons Vaterunser und Einmaleins hieß: in allen Molekülen drängende Kraft. Von Suzannes Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug, rechnete er, es müßte nach Menschenermessen ein Herkules werden.

 

Des Hauses Ruf hatte sich verbreitet. Einer rühmte es dem andern, brachte ihn zu einem Versuch mit. Schließlich reichte der Raum, die Gäste zu fassen, nicht. Einen frei werdenden Stuhl besetzte gleich ein anderer Hungriger. Große Tagesumsätze wurden erzielt, immer bedeutendere. Verglich aber der Wirt zum Jahresabschluß Einnahme und Ausgabe, kam kaum ein Guthaben zu seinen Gunsten heraus. Anfangs, bevor er das Ziel seines großen Rufes erreicht hatte, ließ er es gehen; als der in Paris feststand, begann die schlechte Abrechnung ihn zu wurmen. Er war dreißig Jahr alt, hatte große Pläne, und schien Reichtum nicht seine letzte Absicht, mußte er mit dem übrigen kommen. Nochmals nahm er die Bücher gründlich vor und stellte fest, der geforderte Preis war in Anbetracht der hervorragenden Beschaffenheit und Menge der gereichten Speisen zu niedrig. Da ihm aber einleuchtete, er könnte der Konkurrenz wegen keinen Preisaufschlag eintreten lassen, sah er sich vor der Entscheidung, alles beim alten zu lassen oder des Gebotenen Qualität zu verschlechtern. Treu seinen Grundsätzen entschloß er sich zu ersterem, stand aber den Essenden nicht mehr mit alter Unbefangenheit gegenüber. Bei jedem Filet, das der Kellner mit schönem Schwung zum Gast niedersetzte, stellte er den Vergleich zwischen Ware und erzieltem Preis an, kam dazu, daß eine Platte, je besser sie gelungen, je reichlicher sie serviert wurde, ihn um so mehr in qualvolle Erregung setzte. Besonders konnte er den Blick von einem Gast nicht wenden, der mit dem Gebotenen nicht zufrieden, Bedienung und Küchenbrigade durch anfeuernde Reden zu höchster Leistung gespornt hatte, wahre Fleischtrümmer, die er mit Mengen alles Erreichbaren würzte, vorgesetzt bekam. Dazu warf er Napoleon triumphierende, anerkennende Blicke zu, die diesen erbitterten, endlich zu heller Empörung brachten. Der Vielfraß war ein Kanzleibeamter, von dem besonderes Verdienst nie verlautet hatte, und der Herr des Gasthauses fragte sich, mit welchem Recht, für welches bedeutende Vorhaben der Betreffende solche Anforderungen für seinen Magen stellte. Man wisse zu welchem Zweck, schlänge ein Thiers, Balzac solche Mengen in seine Därme. Dieser Durchschnittsbürger aber schweife widerlich aus, garniere er den faulen Bauch täglich mit solchen Prachtfleischstücken. Überhaupt begann der Wirt des Veau à la mode, seine Stammgäste auf ihre Verdienste hin anzusehen, und stellte vor seinem Gewissen fest, keiner habe die Sorge, die man jahrelang an seine Ernährung gewandt hatte, durch Erfolge vergolten. So folgte er ihrem Schlingen mit scheeleren Blicken, und als seines Grolls Maß aufs höchste gestiegen war, brüllte er eines Tages dem Hauptkoch, der über ein Tournedos ein volles achtel Pfund Butter goß, zu, ob er von Gott verlassen sei, ihn durchaus ruinieren wollte.

Über alles das hatte er schlaflose Nächte, bis er sich zu fester Anschauung durchgerungen hatte: Die Mahlzeit hat ein Äquivalent der durch tägliche Arbeit verausgabten Kräfte zu sein. Und stellte den Blick seiner Kundschaft gegenüber auf Feststellung dieser Tatsache ein, fand, er könnte ruhigen Gewissens mit der Beschaffenheit, dem Maß der Portionen heruntergehen und leiste immer noch ein Mehr in den Magen der Speisenden. Auch Suzanne gegenüber, die ihm ein Mädchen geboren hatte und noch in derselben Stellung bei ihm war, nahm er diesen Standpunkt ein. Auf Grund seiner Erziehung war sie, ihren und ihres Kindes Körper mit ausgesuchter Eßware zu stopfen, gewöhnt. Jetzt wies er sie hin, Schande sei es, ungeheueren Nahrungsmengen, die sie genösse, ein so winziges Maß an Leistung gegenüberzustellen. Sie möge Leib und Geist mehr tummeln oder ihren Eßverbrauch einschränken.

Damit hatte der Prozeß kein Ende in ihm. War gegen Mitternacht das Geschäft vorbei, das Haus leer, blieb er am Herd, begann, schmorend und bratend, Versuche mit Surrogaten, die er den Speisen beimischte, zu machen, von Überzeugung geführt, er habe das Recht und die Pflicht, es den Verbrauchern gleichzutun, die auch an Stelle persönlichen Wertes für das Menschengeschlecht falsches Vorgeben, hohle Gesten und Phrasen gesetzt hatten.

Langsam begann er, seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Äußerlich blieb alles, Name, Anrichtung der Speisen, beim alten. Bedachte er aber, wie ein Stück Fleisch durch Klopfen und Lockern der Atome geschwollen, durch Beimischung scharfer Gewürze Kiefer und Gaumen jetzt mehr durch Beize reizte, schmunzelte er, trieb die entdeckte Kunst zu größerer Vollendung. Da hatte er am Schluß des Jahres zwar die Genugtuung außerordentlichen Überschusses, fühlte aber, ihn befriedigten die Grundsätze, nach denen er heute Wirt sei, weder in bezug auf die Beschaffenheit der Gäste noch hinsichtlich der Mittel, die er, ihre Erwartungen zu erfüllen, anwandte.

An einem Sonntagabend lief vor seinen Augen die Wendeltreppe zu Räumen im ersten Stock des Restaurants ein Persönchen empor, das mit Rockrüschen und Volants, ein Quirl über seiner Stirn hüpfte. Beine in weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, bei jedem Satz federte der Körper hoch auf in Gelenken, dazu flogen Haare, Federn, Pelzwerk um den Kopf, empörtes Hundekläffen kam von ihrem vermummten Busen her. Mit einem Sprung schwang sie sich oben zu zwei Herren an den Tisch, rief klingenden Stimmchens: »Hunger!« Napoleon, der auf Zehen vor sie getreten war, durchfuhr's, hier sei seine ganze Speisekarte fehl am Ort, und während Röte sein Antlitz malte, schlug das Herz in hastiger, aussichtsloser Erregung Generalmarsch, was er diesem Püppchen bieten könnte.

Als Madame Valentine Forain stellte sie einer der Herren vor, und Napoleons Unruhe wuchs, als er hörte, er habe die berühmte Tänzerin, die Paris seit Wochen bezauberte, vor sich. »Stillen Sie meinen Hunger mit Luft«, sagte sie, »die den Leib nicht beschwert. Sie sehen aus, als verstehen Sie Ihre Kunst. Diesem süßen Ungeheuer«, sie wies auf das safranrote Hundeschnäuzchen, das aus Spalten ihrer Taille schnüffelte, »reichen Sie ein Schälchen zerkleinerte Kalbsmilch.«

Einen Augenblick blieb Napoleon auf dem Gang zur Küche im Dunkeln an einem Pfeiler stehen, als habe er einen Schlag an die Stirn bekommen, müßte sich zu neuem Leben sammeln. Gleich aber schoß die Stichflamme der Erkenntnis hoch, hier gelte es Zukunft, er spürte den aus Kämpfen der letzten Wochen gesammelten Willen zu gänzlich Neuem als Lichtmeer über sich fluten. An den Herd er glitt, schnitt, mischte, quirlte; hob es in kleinster Kasserolle nur eben ans Feuer, nahm's fort, als erster Wrasen stieg, und mit vier Sprüngen die ganze Treppe nehmend, servierte er das Schüsselchen in frühester Hitze: Taubenpüree mit frischen Champignons.

Sie kostete, murmelte, schluckte und schlug ein Paar kornblumenblaue Augen zu ihm auf. Er stürzte in die Küche zurück, setzte den Herd in heißere Glut, ließ über eine Handvoll Spargelspitzen, die er den jüngsten Sprossen abgeschnitten, Dampf, in dem er sie gar kochte, schlagen. Im letzten Augenblick gab er eine Schwitze von Sahne und Sellerie auf das Ganze. Als drittes, letztes Gericht bot er frische, geschälte Walnüsse mit Himbeeren à la crème. Dem Hündchen hatte er Trüffeln an die Kalbsmilch getan.

Nun stand er in der Nähe, sah, wie nach wenigen Bissen von jeder Platte die sanfte Röte auf ihrer Haut lag, der Körper sich tiefer in des Sofas Kissen drückte, ein Fauchen aus ihrem Mund, winzige Tropfen Feuchtigkeit aus den Augen kamen, ansagend, das zarte Leibchen ziehe Kraft aus dem Genossenen. Keiner der Herren sprach in diesen Augenblicken, da auf der Frau Antlitz andächtiges Lächeln lag, als sei es ausgemacht. Zitternden Zwerchfells lachte Napoleon, schütternden Leibes in heller Seligkeit dazu, bis die Augäpfel in Tränen schwammen. Er war mit ihm eins, lobte Gott in der Höhe!

Die Begegnung wurde geänderten Lebens, neuer Ziele Anfang. Als er am gleichen Abend heimkehrend Suzannes kräftigen Leib in den Bettkissen fand, schnitt er der Schlafenden eine angewiderte Grimasse. Wütend deckte er ein freiliegendes Rundteil von ihr zu, schloß die Augen und träumte der Tänzerin behende Gestalt in Wolken Seide und Band. Vor seinem geistigen Blick prüfte er die schlanken Arme, schmale Hand, ihre zierliche Erscheinung und stellte fest, wie wenig fleischliche Person die Begnadete sei, wie geringer Kost sie zu künstlerischer Leistung, durch die sie eine Nation zum Entzücken hinriß, bedürfe. Für welche Tat sei der Leib neben ihm so aufgemästet, zu welchen Fortschritten brauchte er die täglichen mächtigen Rationen? Mit was für Gesindel habe er, Napoleon, sich bis über sein dreißigstes Jahr abgegeben, welchen steilen Weg zu lohnendem Ziel müßte er noch steigen! Er fühlte, keine Minute sei zu verlieren, alles Heil ruhe im Anschluß an die verehrte Gastin. So widmete er ihr vom zweiten Erscheinen sein Trachten und Vermögen. Dachte bis zu ihrem Kommen nichts, als was er ihr vorsetzen, wie er ihre Erwartungen übertreffen müßte. Lief vom Markt in Hallen und Krämereien; suchte, tüftelte Frischestes, Zartes, Rarstes heraus. Zur Vorstellung ihres winzigen Kernes in einer Hülle von Tüll und Tand dichtete er aus Schaum, Krusten, Farce und Soßen das assoziierende Speisengebild; schabte, preßte in Tücher, seihte, überquirlte ein dutzendmal, bis, eine Wolke, das Gekochte schwebend zum Teller sank. Dann sah er es entzückt zwischen zwei leuchtenden Zahnreihen auf schmaler Zunge zergehen.

Einst gönnte sie ihm ein Wort der Anerkennung. Ihm schien's ein Rauschen, hallte ihm lange im Ohr. Zum Schluß riet sie, das Stadtviertel des soliden Bürgers zu verlassen, jenseits des Flusses, mitten im Herzen des vornehmen Paris, ein Restaurant, das trotzdem jeder entbehrte, der an Küche und Keller höchste Anforderungen zu stellen gewillt sei, zu schaffen. Sie würde mit Freunden kommen; wollte seiner außerordentlichen Kunst Verkünderin sein.

 

So geschah's. Nachdem er in einer Seitenstraße bei der Oper das passende Lokal gefunden hatte, verkaufte er die alte Wirtschaft mit Nutzen, ließ die Wände der gemieteten Räume mit weißsilbernen Malereien, die zum reichen Silber, der Wäsche der Tischreihen stimmten, zieren. Ein roter Teppich deckte den Boden. Kraft eines Schlagwortes, das auf und über die Boulevards flog, wußte Paris von der Existenz des Chapon fin, daß Kenner gewählten Bissens dort auf ihre Rechnung kämen. Vier Wochen nach Eröffnung ging die beste Welt, als habe sie nie einen anderen Ort des Stelldicheins gekannt, bei Napoleon ein und aus. Der Ruhm seiner Küche beruhte auf der leichten Platten Vorzüglichkeit. Man konnte ein Chateaubriand, Seile de chevreuil wie anderswo bekommen, doch wies der Maitre d'hôtel den Gast mit Augenzwinkern auf des Hauses Spezialität: Muschelgerichte, Ragouts, Pürees in Pfännchen; Überraschungen in winzigen Schälchen und Kasserollen. Der Gast folgte und war regelmäßig zufrieden.

Denn was der Herr des Hauses für die Tänzerin erdacht hatte, vervollkommnete, vermehrte er von Tag zu Tag. Schalentiere ließ er aus Krusten, Geflügel von Knochen brechen, nahm Gekröse vom Tier, von Gemüsen Spitzen. Frikassierte, mischte verblüffende Gegensätze, verband Widerstrebendes in Soßen von Sahne, kostbaren Eiersorten, Pilzen und duftenden Essenzen. Das letzte Geheimnis seines Erfolges aber war die »kurze Hitze«, in der die Speisen gar werden mußten. Oberster Grundsatz hieß: was zu lange Feuer gerochen, ist für den Ruch verdorben.

Nach wie vor blieb Valentine die erste, die jede neue Schöpfung kostete. Zwischen ihr und dem Patron webte schöne Vertraulichkeit, geboren aus Blicken dankbarer Anerkennung, mit denen die Essende Napoleon nach jeder von ihm selbst angerichteten Platte beschenkte. Allmählich lernten sich die Augen sonst auch suchen, nach dem lauten Scherzwort eines Gastes, unzarter Bemerkung von irgendwoher, bei jedem Vorkommnis. Fühlten, wie es in der Blicktiefe des anderen ein Geheimnisvolles gab, durch das das eigene Schauen an feinen Häckchen schmerzvoll süß harangiert wurde. Dazu fuhr die Frau freundschaftlicher Würde ihm Beobachtungen und Anregungen mitzuteilen fort, die sie aus sich selbst, von anderen zur Vervollkommnung des Betriebes nahm. Auch fragte sie ihn, legte er die kostbare Pelzhülle ihr um die Schultern, nach dem praktischen Erfolg, und er war glücklich, ihr von Mal zu Mal eine höhere Summe als erzielten Gewinn zuflüstern zu können.

Die Gefährtin seiner Lehrjahre und ihr Kind hatte er mit einer Summe abgefunden, aus seiner Nähe verbannt. Anfangs sah er sie noch hin und wieder, dann stand sie als Gleichnis der Hausmannskost und kleinbürgerlicher Umstände im Schrank seiner Erinnerungen.

Auf den Rat seiner Gönnerin widmete er der Zufriedenheit jener Frauen Aufmerksamkeit, die nach dem Theater in kostbaren Toiletten in Begleitung von Lebemännern aßen. Er merkte ein Besonderes, eine Laune der Betreffenden, spielte das nächste Mal vertraut freundschaftlich darauf an. Das Luxusgeschöpf sieht vom ernsten Mann sich ernst genommen, errötet vor Vergnügen, wird seine treue Kundin. Neben dieser Kategorie und ihrem Anhang stellte er sich Diplomaten und Staatsmännern zur Verfügung, indem er ihnen, kamen sie mit wichtigen Gesichtern von einer Sitzung, um zu einer Sitzung zu gehen, ein stilles Eckchen anwies, wo sie ungestört blieben; nicht duldete, daß sich ein Kellner näherte, sie für Augenblicke durch ausgesuchte Leckereien der Bürde ihrer Verantwortlichkeit enthob. Da er aber fühlte, im Umgang mit Spitzen politischer Abteilungen ging ihm aus Unkenntnis ihres Wirkens und Wollens die nötige Sicherheit ab, lud er sie in ein abgelegenes Zimmer, durch dessen Wand er ihre Gespräche von seinem Kontor hören, ihre Mienen beobachten konnte. Da lernte er, durch welche Spitzfindigkeiten und Umschweife aus Eifersucht und Ehrgeiz der Handelnden strittige Fragen zwischen politischen Parteien des Vaterlandes oder den verschiedenen Nationen, aus logischem Gelenk gerissen, zu Entscheidungen wurden, die Zwischenfälle, Krisen, ein Mißtrauensvotum für das Ministerium hervorriefen. Er sah Frankreichs Führern ihr Stirnrunzeln, das ironisch überlegene Lächeln, die knackende Handbewegung, die ein Ultimatum bedeutet, ab, hörte sich in die inner-, außerpolitischen Strömungen vollkommen hinein. Bald konnte er dem eintretenden Minister, Attaché oder Abgeordneten so treffende Anmerkung zur gerade wichtigen Affäre zuzuraunen wagen, daß der einen bedeutenden Eindruck von ihm bekam und weitergab. Doch auch des galanten und Geschäftslebens Kenntnis verschaffte sich Napoleon durch seine Horchspalte, sah er verliebten Paaren, feilschenden Geldleuten angespannter Aufmerksamkeit zu, bis sich die in Erregung aufgesperrten Kiefern krampften. Am erregendsten blieb es, verließ ein Teil des Paares für Augenblicke das Zimmer, und der Zurückbleibende, sich allein glaubend, verlor alle Haltung, wurde Mensch mit seinen Hoffnungen und Sorgen, zählte die Barschaft in der Brieftasche oder suchte durch Prüfung der zurückgebliebenen Kleidungsstücke des anderen auf dessen wirkliche Lebensumstände zu schließen. Kurz, der Wirt des Chapon fin wurde Kenner, der in der Menschheit Unbewußtsein hinabsah.

Binnen Jahresfrist lag ihm Paris zu Füßen. Er beherrschte es als gütiger Fürst durch Kenntnis seines Magens, lächelte, als man ihn zaghaft, vereinzelt, dann allgemein König Napoleon im Gegensatz zum Kaiser nannte. Rührung und Glück aber ergriff ihn, als Valentine das erstemal seine Hand drückte. Das war Beweis nicht nur geschäftlichen Erfolges, doch erreichten gesellschaftlichen Ansehens, da die Gefeierte einen unter ihr Stehenden nicht vor aller Welt so ausgezeichnet hätte. Nun wuchs er von Tag zu Tag mehr in eine überlegen menschliche Haltung hinein, die veranlaßte, daß auch der höchstgestellte Gast ihm die Hand gab, gutgelaunt auf die Schulter klopfte.

Für den Mann der Provinz wurde es bei der Rückkehr in die Heimat Glanzstück des Berichtes der in der Hauptstadt erlebten Abenteuer, konnte er nicht nur bemerken: Ich habe beim »König« gespeist, doch hinzusetzen: der mich auf die Schulter schlug und fragte: »Nun, Baron, wie wäre es mit einer Boule au jus tutu?«

 

Als er von einem fremdländischen Herrscher das erste Ritterkreuz erhalten hatte, dessen violette Rosette er am gleichen Abend im Knopfloch trug, forderte Valentine ihn auf, sie am nächsten Tag um fünf Uhr nachmittags aufzusuchen. Er erschien nach schlafloser Nacht, dem ruhelosesten Morgen, fand sie im Raum auf der Erde, wo sie mit dem Hund balgte. Sie sprang hoch, steckte das entfesselte Haar auf, saß ihm in niedrigem Sessel so nah gegenüber, daß er das vergötterte Antlitz vor sich hatte, es sich zum erstenmal andächtig einprägen konnte. Sie machte keine Bewegung, ließ ihn sich satt sehen. Dann gab sie die Hand, die er inbrünstig küßte. Sie selbst war einfacher Herkunft, ehrte Tüchtigkeit, die ihm seinen außerordentlichen Platz verschafft hatte. Umgehend mit Männern vornehmster Geburt, fesselte sie an ihn das Band gleicher Vergangenheit, bei ihm durfte sie Gefühle, die ihren Freunden fremd waren, voraussetzen. In die Erzählung der Mühsale auf steilem Weg zum Erfolg vertieften sie sich, sprachen mit kräftig eindeutigen Worten, genossen mit kicherndem Sich-lustig-Machen die Schadenfreude, die sie für die Welt, über die sie jeder auf seine Art herrschten, empfanden. Napoleon kramte seine kleinen Geheimnisse, Mittel vor ihr aus, mit denen er sich in der oberen Tausend Vertrauen geschlichen hatte; erzählte von seiner durchsichtigen Kontorwand. Sein Vertrauen erwidernd, gab sie ihm ihres Aufstieges Hauptdaten, nannte drei, vier Männer, denen sie als Frau und Künstlerin verpflichtet war, zeigte, vor ihm tanzend, durch welche choreographischen Einfälle sie die Menge bezwungen hatte. Schwebte, bog sich ohne Ziererei, und da sie im leichten Hausrock war, wurde er durch Zufälle im Rock- und Kleiderfall entzückt. Zum Schluß, einen Csárdás hinreißenden Rhythmusses stampfend, kam sie aus des Zimmers entfernter Ecke auf Zehen gegen ihn, das Bein bei jeder Taktsenkung wie einen bohrenden Pfeil gegen sein Antlitz streckend.

Bei seinem zweiten Besuch wurde sie mit reizender Natürlichkeit seine Geliebte. Diese Frau, die Männern das Bild eines buntschimmernden Vogels von phantastischer Seltenheit, blasierter Ungeduld zu genügen, hatte geben müssen, war an seinem Hals das schlanke Mädchen aus dem Volk. Es bedurfte nichts Außerordentlichen von seiner Seite, der Umarmten Sehnsucht zu stillen.

Doch blieb bei dem mannigfachen Glück, das sie sich gaben, die gassenbübische Art, mit der sie alle offizielle Welt verhöhnten, höchster Genuß. Napoleon war darin unerschöpflich. Größen der Geldwelt, Sterne der Wissenschaft und Kunst stellte er in gedrängter Plastik hin, knickte mit witzigem Einfall das Pathos ihrer Geste. Berühmte politische Personen ahmte er nicht nur in Tonfall und Haltung nach, doch auch, wie er in der Betroffenen Art durchsichtige Tatsachen mit riesigem Wortschwall in ein Chaos verwirrte. Während sie ihm vorgebeugt zusah, führte er dramatische Szenen zwischen Botschaftern zweier Staaten auf, in deren Verlauf die beiden, sich über unsagbare Nichtigkeit unsagbar aufgeblasen unterhaltend, an die Stelle verbindlichster Umgangsformen steifere Haltung, schroffere Bewegungen setzten, bis sie, zwei schmollende Gockel, hochmütig auseinanderstelzten. Er erzählte, mit welchen Torheiten und Zufällen das Schicksal der Gesetzesvorlagen in den verschiedenen Kommissionen, die nach offiziellen Sitzungen bei ihm fortgetagt hatten, sich entschieden hatte; sie gab ihm Einsicht in abertausend Spitzfindigkeiten, die die auf Liebe gestellte Frau der Gesellschaft anwendet, sich Launen und Lust, am öffentlichen Leben teilzunehmen, zu erfüllen. Wie oft habe sie ihre Gönner aus Eigensinn zu unsinnigen, folgenschweren Entschlüssen bestimmt, Reportern, die ihr das Haus einliefen, phantastische Lügen aufgebunden! So reinigten sie sich, das Thema unaufhörlich variierend, von dem Respekt, den proletarische Herkunft ihrer Jugend auferlegt hatte, wurden lächelnde Verächter feiner Lebensformen und guten Tones, den sie wie den Stil in einem Drama von Corneille, einer Molièreschen Komödie agierten, während ein herzliches Wort, menschliche Bewegung aus ihrer Liebe ihnen immer gleichnishaft gewärtig war.

Im Geschäft dehnte Napoleon die Herrschaft, die er auf Franzosen besaß, auf die übrige Welt aus. Er hatte London, Petersburg, Wien gesehen, Verbindungen angeknüpft und befestigt, manche Anregung mit heimgenommen. Sein Haus wurde an der Themse und Donau berühmt, bei Sacher und Claridge fand man Platten »Au Chapon fin«. Es scheiterte auch sein Vormarsch an die Newa nicht wie der seines unsterblichen Namensvetters. Als der fünfzigste Geburtstag vor der Tür stand, war sein Ruhm über zwei Erdteile verbreitet, der größere Teil zivilisierter Menschheit aß nach seinen Einfällen und Vorschriften. Er besaß ein fürstliches Einkommen, hatte die kluge, ihn anfeuernde Frau, zu der die Beziehungen nicht legitimiert waren, die er aber leidenschaftlich, zärtlich liebte, an der Seite.

Da man vierzehn Tage vor seinem Fest vom Krieg mit Preußen zu sprechen begann, die Gäste seine Meinung wollten, blieb er lächelnd ruhig, verneinte jede Möglichkeit eines Ausbruchs von Feindseligkeiten. Er wußte aus besten Quellen, kein ernsthafter Politiker glaubte an Krieg, war gewiß, es handelte sich wieder um die Prestigefrage, das sattsam bekannte Händeknacken, schmollende Gockeltum. Auch als die Regierung unter frivolem Vorwand die Schiffe hinter sich verbrannt hatte, blieb Napoleon in tiefster Seele ruhig. Er, der wußte, hohe Politik wird gemacht, ein paar tausend Ehrgeizigen in jedem Land Vorwand für eine Karriere zu geben, ihren Heißhunger nach öffentlichem Bekanntsein und Sensationen, mit denen ihr Name verknüpft ist, zu befriedigen, war überzeugt, man werde diesen Wichtigtuern Genugtuung geben, indem man sie mit Titeln, Orden, Auszeichnungen so reichlich, daß sie satt werden mußten, fütterte. Was Frieden bedeutete. Einen Willen der Völker stellte er nicht in Rechnung. Er hatte gelernt, es wird nach Gutdünken der Regierung mit ihnen verfahren. Sie sind es gewöhnt, wissen und wollen nichts anderes. Sagen heute zu schwarz schwarz, morgen zu schwarz weiß. Es genügt, ihnen zuzurufen: Das Vaterland ist in Gefahr! Sie fragen nie: Durch wen im letzten Grund? Lassen sich bewaffnen, morden jeden beliebigen als Erbfeind, erst zögernd, dann mit Überzeugung und Hochrufen. Valentine gab ihm recht, verspottete alles, Regierende und Regierte. Verbreitete Erzählungen, die der Diplomaten Albernheit in fabelhaftes Licht setzten, militärische Maßnahmen des Generalstabes dem Gelächter preisgaben. Beide griffen mit Wollust nach jedem Gerücht, in dem eine großartige Dummheit manifestierte, fütterten, hätschelten es und waren vor Freude außer sich, akzeptierten es selbst die mit feierlichem Ernst, die seine Sinnlosigkeit aus übergeordneter Stellung sofort hätten einsehen müssen. Mehr als der Friede gab ihnen der Krieg Gelegenheit, der Welt blöde Einfalt auf Schritt und Tritt zu erkennen, sich über sie zu erheben. Die einfache Tatsache, sie sahen durch Einsicht in politische Zusammenhänge die Lügenhaftigkeit aller Vorwände für den Krieg ein, gab ihnen Unabhängigkeit von ihm.

Sie konnten sich, während alle Welt in das Auf und Ab der Geschehnisse tiefer verstrickt wurde, auf Grund wirklicher Überlegenheit von den Menschen trennen. In ihre Seele trat das Bewußtsein höherer Bestimmung, das sich in den Antlitzen malte. Sie lebten und webten über gemeinem Volk auf Wolken. Lächelten zu Unglücksfällen und Exzessen, die die Folgezeit in schnellem Aufeinander brachte. Des Vaterlandes vollendete Katastrophe führte sie auf den Gipfel innerer Erhebung. Nicht nur die Mitbürger lagen ihrer erkannten Weisheit, Napoleon und Valentine lagen einander, jeder sich selbst bewundernd, zu Füßen.

 

Eines Tages trat auf in Paris, was man die Kommune nannte, zerschlug die Spiegelscheiben des Chapon fin, zertrümmerte Gerät im Innern, setzte Valentine und Napoleon, jeden für sich, ins Gefängnis. Als es nach Wochen Napoleon sich zu befreien gelang, erfuhr er, seines Lebens Gefährtin sei, an die Wand gestellt, erschossen. Ihm fielen die Beine unter dem Leib fort, tagelang schleppte er sich aus Gassen in Felder an Flußrändern entlang, ohne Licht und Finsternis scheiden zu können. Erstes Bewußtsein empfing er durch einen Stoß vor die Brust, den ihm ein deutscher Landwehrmann gab. Doch schwand es wieder, bis ihn eines Nachts auf einer Pritsche Erinnerung an Valentine überfiel. Sie war rosa und wie eine tanzende Girlande anzusehen, die sich enger um ihn schlang, ihm erste Träne, Tränenströme aus den Augen schnürte. Nun sank er hin, aufgelöst in ein weiches, warmes Weh. Lange erschütterte es seine Glieder, hüllte Welt in feuchte Schleier. Es trat aber der Vergleich seiner jetzigen elenden Lage und des Gewesenen hinzu, füllte ihn mit Haß gegen Menschheit und Schöpfer. Tiefer kroch er in sich, häufte Anklage auf Anklage gegen die Welt. In dunkler Nacht stand er vor den mit Brettern vernagelten Fenstern seines Lokals – noch hafteten des Schildes goldene Buchstaben –, und in das Loch plötzlich riesengroßer Erkenntnis fiel die Summe fünfzigjährigen Lebens: blankes Nichts und Einsamkeit.

Trotz und Empörung stachelten ihn zu neuem Tun. Gegen der Verhältnisse Ungunst wollte er Mittel zu neuem Anfang zu schaffen versuchen; des gleichen Abends aber legte er sich nieder, spürend, seine Natur leide nicht, daß man sie um das, was ihr vor allem wichtig sei, bestehle: hingebende Trauer um Valentine. So suchte er einen Platz, der tägliches Brot gab. Früh am Nachmittag aber schloß er sich in seine Kammer, stopfte Fenster, Schlüssellöcher, legte sich aufs Bett und begann, die Frau von den Toten heraufzudichten. Nachdem er sie bis in die kleinste Einzelheit körperlich vor sich wiederhergestellt hatte, ging er sein Leben mit ihr von frühestem Anbeginn durch. Um keinen Augenblick ließ er sich betrügen, repetierte die einzelne Situation so oft, bis sie lebendiger Wahrhaftigkeit vor ihm stand. Jene erste, da sie, ein Quirl mit Rüschen und Volants über seiner Stirn, die Treppe hinaufgehuscht war. Beine in weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, er sieht sie im Gelenk flitzen, und da – das aber hat er damals nicht gesehen erscheint blitzend am Knie die goldene Strumpfbandschnalle. Wahrhaftig, als Wirklichkeit dauerte, hatte sie sein Bewußtsein vor Schauen und Staunen nicht gefaßt. Heute, beschworen durch seine unwiderstehliche Zärtlichkeit, erstand sie das erstemal zum Leben. So drang er weiter in Erinnerung, entriß ihr, mit Hingebung und Andacht um ein Nichts, das Bruchteil einer Sekunde kämpfend, soviel Nichtgespürtes, Nichterfahrenes, daß er mit der Gestorbenen ein neues, reicheres Leben führte.

Als er bei jener Epoche, in der sie ihr irdisches Leben beendet hatte, angekommen war, brachte er sie leicht über des leiblichen Todes Klippe in jetzige Zeit hinüber, sah sie zu seinem augenblicklichen Dasein Stellung nehmen. Er müßte, da die Verhältnisse sich wieder zur Ordnung fügten, den sinnenden Zustand aufgeben, an äußeres Fortkommen, neue bedeutende Einstellung zu neuen Umständen denken.

Hatte der Krieg ihm nicht tiefere Einblicke in Fragen der Ernährung, Möglichkeiten der Rohstoffverarbeitung als jede Situation vorher gegeben? Welche außerordentlichen Aufschlüsse hatte die zweckmäßige oder unzweckmäßige Ernährung eines Heereskörpers, der Bevölkerung einer belagerten Stadt, welche Klarheit des eigenen Körpers Befinden nach dieser oder jener leiblichen Zumutung verschafft! Das mindestens war klar geworden: Weit über die Notdurft hatte der Mensch vor dem Krieg gegessen und getrunken. Es schien Napoleon ein Unding, das bisher übliche Mittagsmahl von sechs oder sieben Platten, ein Abendessen von fast gleichem Umfang anzurichten. Millionen hatten größere Arbeitsleistung, höheren Schwung bei einem Stück Brot, wenigen Kartoffeln als Generationen bei einer täglichen Unzahl von Gerichten bewiesen. Es schien, die gewonnenen Erkenntnisse dem Publikum praktisch zu zeigen, hohe Pflicht.

Er gab Valentine recht. Sie habe nicht nur dem eigenen Leib nie mehr als das Notwendige zugemutet, sei auch, daß er den Gästen Leichtestes und Verdaulichstes geboten hatte, Anlaß gewesen. Doch in viel zuviel Platten auf einmal. Von jetzt ab müßte er in zwei, drei Gerichte, was der Magen zur Speisung des Organismus brauchte, zusammendrängen, ihm zugleich eines reichlichen Mahles volle Wollust vermitteln.

Während er die am Leben gebliebenen Gönner aufsuchte und zu seiner Unterstützung vermochte, die lange leer gebliebenen Räume seines alten Heims in strahlenden Stand gesetzt wurden, unterrichtete er sich methodisch über der verschiedenen Nahrungsmittel wissenschaftliche Zusammensetzung, ihren Gehalt an Eiweiß, Kohlehydraten, Fett. Machte Tabellen, Exempel über Exempel, errechnete an glückseligen Tagen eine neue ideale Speisekarte, auf der er jeden, auch den verführerischsten Namen einer Platte durch Zahlen ersetzen konnte; aus der man mittels zweier Speisen einen ausreichenden Nenner sämtlicher für die Ernährung wichtigen Stoffe erzielen konnte. Hatte anfangs Notwendigkeit, die gewollten Einheiten in ein Gericht unterzubringen, auf dessen gastronomische Vollkommenheit gedrückt, ging Napoleons Phantasie auf Spaziergängen der erklügelten Platte von allen Seiten zu Leib, wie ihre Schmackhaftigkeit und Anrichtung auf höchste Höhe zu bringen sei. Und da ihm Hitze des Entdeckerglückes ein über das andere Mal ins Gesicht stieg, fixierte er Gerichte, mit denen er künftige Menschen aus der Schwächung durch den Krieg zu frischem Leben führen wollte.

 

Der Erfolg war an der wiedereröffneten Stelle nicht wie das erstemal überraschend. Schon nach wenigen Tagen stellte der Wirt, er hatte es mit Unbekannten zu tun, fest, die nicht Empfehlung, aber Zufall und Laune zu ihm geführt hatte. Der Kreis seiner alten Gäste war vom Erdboden getilgt. Doch stählte die Erkenntnis seine Kräfte, da ihm einleuchtete, die Neulinge brachten keine Voreingenommenheit auf Grund liebgewordener Gewohnheiten mit. Er verließ die Küche Monate nicht, wo er mit Anspannung aller Kräfte die gewonnenen Grundsätze in Tat umsetzte. Vor allem mußte er die Köche von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugen, daß ihnen nötige Herzenslust zur Arbeit nicht fehlte. Erst als unten die Wirtschaft geregelten Gang ging, betrat er des Restaurants Räume wieder, suchte Fühlung mit den Gästen. Vom Ton zwischen ihnen und den Kellnern war er betroffen. Es gab keine Unterhaltung über zu wählende Speisen, keinen Scherz, kein Hin und Wider. Kurze Kommandos flogen. Der Bedienende, geneigten Hauptes stumm, machte kehrt. Man aß schnell, ließ sich nicht mit Behaglichkeit nieder. Kaum, daß man die Kissen drückte. Zur Verdauung gab sich niemand Zeit. War der letzte Bissen gegessen, fuhr der Gast auf und verschwand. Rote Köpfe, fettgeränderte Lippen, müde Scheitel, die sich in Sofarücken lehnten, Hände, mit geschwollenen Adern aufs Gedeck gebreitet, sah Napoleon nicht mehr. Es wehte kein Atem glückseliger Sattheit nach Tisch und des Dankes gegen Gott und den Wirt durch den Raum. Steif und gereizt saß der Kauende, vermied, von sich fortzusehen. Das war kein geänderter Kundenkreis, war das Gesicht einer anderen Welt, erkannte Napoleon.

Es war klar: andere Ideale herrschten in neuen Menschen. Der Krieg hatte die Machthaber von gestern vernichtet. Nicht mehr die Glieder alter Familien saßen an seinen Tischen, die in jahrhundertelangem Ringen Ansehen, Vermögen an sich gebracht hatten, es zu brauchen wußten; er bediente nicht mehr die dreifache Aristokratie des Adels, ererbten Reichtums und des Geistes. Hier trat eine Rasse auf, die durch den Umsturz aller Verhältnisse an die Oberfläche gespült, behend zugegriffen, in allgemeiner Verwirrung, bei der Besitzenden sentimentaler Erschlaffung, sich bereichert hatte. Den Sack voll Gold, saßen sie unkundig seines Verbrauches, gierig, sich der Wissenden Haltung anzueignen, elend und leer mit der Geste schweigender Abwehr. Stumm und in der Bewegung beherrscht, konnten sie für unterrichtet gelten. Sprachen sie, wurde Wirken der Glieder notwendig, klappten sie zu völliger Ohnmacht zusammen.

Nachdem er eingesehen hatte, der Gäste Zurückhaltung sei in einem Zuwenig begründet, ließ er die beherrschte Unterwürfigkeit, ging langsam, eindringlich zum Angriff gegen die maskierte Gesellschaft vor, brach, ein Dieb, gepanzerte Unnahbarkeit, legte ein harmloses Sätzchen als Köder vor und amüsierte sich göttlich, ließ sich der geschmeichelte Heraufkömmling aufs Eis überkommener Begriffe locken, legte eine erbarmungswürdige Blöße an den Tag. Hatte er jemandes Vertrauen hinter undurchdringlicher Maske gewonnen, ließ er den Getäuschten das eigene Selbstbewußtsein ausbreiten, das sich fast immer auf alberne, mit Emphase vorgetragene Gemeinplätze über den Krieg, Heldentaten, die der Betreffende während des Feldzuges vollbracht haben wollte, stützte; dann kamen Napoleons Einwürfe aus des Herkommens Schatz, Namen ausgezeichneter Menschen der Vergangenheit, bedeutender Erfindungen, einer Geistesgroßtat. Am höchsten hüpfte sein Herz, konnte er durch einen einzigen Kulturbegriff, den er dem Gegner als spitzen Pfeil in die Parade flitzte, diesen bis auf die Haut entlarven.

Nun fing des Abends im Bett ein Gekicher an, das grausamer und schonungsloser als jenes Lachen mit Valentine über Narrheiten einzelner Zeitgenossen vor dem Krieg war. Hier fand Napoleon eine Welt närrisch; ihren einzigen Ehrgeiz, Geldgewinn und Beurteilung des Menschen nach seiner Eignung dazu, über das Maß abgeschmackt, kahl. Während die Geschäfte noch gut gingen, sah er die Kluft zwischen moderner, merkantiler Weltauffassung und dem eigenen Universalismus sich auftun. Ergriffen spürte er, wie er zum erstenmal von Valentine sanft sich schied. Er wußte, auch für die schrecklich veränderte Welt hätte sie gutmütigen Spott gehabt, in ihm aber kam von Tag zu Tag Empörung, die ihn beherrschte, stärker herauf.

Ihm schien, die fröhliche Überlegenheit, die mit Valentines fortschreitendem Alter friedlicher und harmloser geworden war, hätte ihn in der letzten Zeit ihres Lebens gereizt. Hatte sie nicht, nachdem man sich ausgelacht, immer Entschuldigung, Güte für den Verspotteten gehabt? Er war, sie würde es heute nicht anders machen, gewiß, sie möchte zur Nachsicht noch geneigter sein, und zürnte ihr. Je mehr seine Abneigung gegen das Publikum wuchs, je hassenswerter ihm die Erscheinungen wurden, um so mehr schob er Valentine den unbeugsamen Willen zu, alles zu begreifen, zu vergeben. Täglicher Kampf, unaufhörliche Auseinandersetzung mit der Welt einerseits, dem lebendigen Bild der geliebten Frau auf der anderen Seite, der ihn zermürbte und elend machte, begann. Doch blieb allen Einwendungen gegenüber sein dumpfer Haß siegreich. Jahre hindurch hatte er nichts mehr von Freundlichkeiten und Lieblichkeiten geselligen Lebens bei sich gesehen. Der Sinn für Blumen, Überraschungen, Tollheiten, geistreich Unvorhergesehenes war geschwunden; nicht mehr gab es die über das Mannesbewußtsein als Spenderin alles Glückes erhöhte angebetete Frau. Kein Lachen herrschte mehr, Verschwenden, nicht Laune, Überlegenheit. Wohin er hörte: Geschäfte. Zahlen, wohin er sah. Das Dach des Hauses schien auf ihn zu stürzen, als ihm eines Tages ein Gast, kühl und korrekt, an dem er sich mit witziger Bemerkung gerieben hatte, ein Goldstück als Trinkgeld bot.

Da lief das zum Rand gefüllte Gefäß über. Von jenem Abend grub sich bis zum anderen Morgen eine Falte zwischen seine Brauen, Lippen preßten sich aufeinander. Er hatte für der Gäste gute Bedienung nicht nur keine Teilnahme mehr, genoß mit Schadenfreude ein Glück, sah er über die angerichtete Speise Enttäuschung in einem Antlitz. Schnell ward den Kellnern, Köchen sein geänderter Sinn offenbar. Sorgfalt und Gewissen floh. Immer häufiger gab es der Essenden unzufriedene Gesichter. Unbewegter Miene schlürfte der Wirt jedes Quentchen Wut, dessen Ausdruck er erhaschte, berauschte sich daran. Ganz nach vorn wuchs sein Gesicht. Stechenden Blickes, geblähter Nase schnüffelte er sich in das Empfinden der neuen Welt; trank, wie bitter es schmeckte, sie aus und spürte zum anderen Mal als Entscheidung: in dreißig Millionen Narren besaß die Nation nur noch einen Sinn: das Geld, und jeder, dem der Erwerb geglückt war, war im eigenen und allgemeinen Urteil Person. In Napoleons Auffassung ein Räuber, Scheusal, das während des Krieges die Anarchie der Vernunft benutzt hatte, den durch Überlegenheit und Mühsale in Generationen erworbenen Familienbesitz des Landes an irdischen und himmlischen Gütern zu zerstören. Es kamen die Häuptlinge der neuen Geldaristokratie zu ihm. Fett, frech, verlegen stümperten sie mit ihren Weibern Geselligkeit.

In Napoleons Hirn stieg der Gedanke an Gift, das ihnen in die Speisen zu mischen sei. Bald machte er sich im Denken breiter, beherrschte sein Trachten ganz. Von irgendwoher hatte er sich das Quantum Arsenik, das ihm seit einigen Tagen in der Tasche brannte, verschafft, es als harmloses Gewürz in die Teller zu streuen, abzuwarten, bis die Wirkung, die in Eingeweiden wühlte, ins Auge brach. Glut stieg ihm ein über das andere Mal in die Haare, bis er fühlte, im nächsten Augenblick widerstände er dem ungeheueren Verlangen nicht mehr.

Da riß er die Tür zur Gasse auf, und barhäuptig im Galopp, als wälzten sich Lavaströme auf seinen Fersen, entlief er der Straße, dem Stadtviertel, der Bannmeile von Paris; sank draußen ins Feldgras, schluchzte, daß die Knochen bebten, schluchzte sich und die Erde naß.

 

Er zog Landstraßen entlang, durch Märkte, Städte. Blieb aus Zufall Monate, Jahre als Aufwärter, Hausknecht, Gelegenheitsarbeiter. Sein Weltbild wurde auf gleicher Basis runder. Überall sah er die vom Kampf ums Dasein betäubten Massen, von rücksichtslosen Unternehmern an Kessel und Maschinen geschmiedet, Waren verfertigen, für die aus Mangel an Absatz über kurz oder lang durch neue Kriege mit neuen Hekatomben zerfleischter Menschen neue Abnehmer in zu erobernden Provinzen gewonnen werden mußten.

Hellen Bewußtseins trat er aus diesem Lauf der Geschicke aus, riß den Gedanken an Erwerb aus seiner Seele, erlaubte sich keinen Besitz über die Notdurft. Das von aller Welt gesonderte Dasein gab ihm Person und Überlegenheit; Mangel an Eigentum, Unabhängigkeit und freie Bewegung. Von einem Tag zum andern hatte er durch einen einzigen Entschluß Verfügung über sich und die Welt nach allen Seiten gewonnen, erlöstes Lachen trat in sein Gesicht. Jetzt, wo er stand und ging, war er Zuschauer der menschlichen Komödie, an der er, weil durch eigene Qual nicht mehr verbunden, gutmütige Kritik übte. Da war es, daß er sich Valentines vergessenem Andenken wieder innig vermählte, der er, wie er sich gestand, während seine Vernunft ihre Einflüsse bekämpfte, ahnend nachgefolgt war.

Eines Tages stand er vor jenem Eckhaus, an dem sich die Steinwege nach Nivelles und Genappes treffen; in dem er geboren war. Niemand kannte ihn dort. Alles Verwandte war tot. Als zwölfjähriger Knabe war er fortgegangen, der Wiedergekehrte zählte fünfundsechzig Jahre.

Doch wußte man seine Geschichte im Wirtshaus. Erzählte Grandioses, Historie von ihm. Mehr war dieses heimischen Napoleons Erfolgen die allgemeine Teilnahme und Bewunderung als dem Korsen zugetan. Man wies ihm, der sich nicht zu erkennen gab, gerahmte Zeitungsnachrichten, in denen es hieß, wie Außerordentliches in verschiedenen Zeitläuften von ihm ausgerichtet war – »und angerichtet«, wie ein Witziger hinzufügte. Länder samt ihren Fürsten, die zivilisierte Welt habe von West nach Ost dem flamischen Bauernsohn zu Füßen gelegen. Mit nachdenklichem, gerührtem Erstaunen hörte Napoleon die mannigfachen Erzählungen, entsann sich der Kreuze und Sterne an rotgrünen, an gestreiften Bändern, die in einer Schublade lagen.

Am Rand des unvergleichlichen Wälderkranzes, der Brüssel einsäumt, liegt an der Straße von Quatre-bras nach Waterloo in einer Talsenkung das Schlößchen Groenendael; ein weißes einstöckiges Haus aus dem Empire. In vergangenen Zeiten Abtei, wurde es im neunzehnten Jahrhundert Wirtshaus, in das Brüssels bessere Bürger auf Ausflügen einkehren. Dort, nah der Stätte seiner Geburt, nahm Napoleon Platz als Kellner. Seine Jahre, schwache Füße erlaubten angestrengten Dienst nicht mehr. Hier war im Winter nichts, im Sommer an Wochentagen wenig zu tun. Nur sonntags mußte er sich ein wenig tummeln. Doch nahmen die Gäste seiner Rücksicht, blickten ihm neugierig entgegen, trug er das hochbeladene Brett auf sie zu. Jeder hatte ein Wort, dem er freundliche Empfindung unterlegte, für ihn; alle Anrede begann mit Umschreibung, Entschuldigung. Nicht, was er brachte, wie er's ausführte, blieb Gegenstand teilnehmender Aufmerksamkeit, gutmütigen Staunens, und stand das Gewünschte auf dem Tisch, strahlte ihm alles Anerkennung zu. Doch auch Napoleon lachte in heller Befriedigung. Der Wirt und seine Familie merkte der Gäste Gefallen an dem alten Mann, behandelte ihn mit Rücksicht, ließ ihn ungescholten Tage hinbringen.

So kam kein Mißlaut mehr von außen in sein Leben, das im ruhigen Gleichmaß ging. Den Frühling sah er, Gottes himmlische Wärme in bestimmten Abschnitten über die Erde kommen, auf Hügeln Buchen grünen, Kühe über die beblumte Wiese weiden. Menschen aller Art wandelten zu allen Jahreszeiten in schönem landschaftlichem Panorama vor ihm. Lange sah er sie als deutliche Figuren mit Lärm und eigener Bewegung, dann als scharfe Schatten. Allmählich lösten sie sich in umgebende Natur auf.

Die sich in seine Seele als vollkommenes Gemälde spannte, das er mit Andacht schaute. War Sonne mild, trat er unter Bäume, blickte Warmes an, das um ihn summte. Dort strahlte ein Vogel lange dasselbe Lied; dann flog er, Licht, zum andern Baum hinüber. Hier putzte das Eichhorn sich schnurrig geduldig zum Goldbraun der Stämme, Blindschleiche kroch mit dem Schatten ins Helle und züngelte. Dann faltete Napoleon die Hände, stieß entzückte Seufzer aus, legte sich lang ins Gras. Den Blick zum Himmel aufgeschlagen, hatte er gesamte Schöpfung, Ton, Raum und Licht mit eins in der Netzhaut.

An Vergangenheit, Macht, Ehre, Leid und Elend, häusliches bürgerliches Wesen, dachte er nicht mehr. Manchmal tätschelte er die Kuh, den Hund und wußte nichts dabei. Er wurde gar sehr schwach. Das war ihm eitel Wollust. Als die letzte, größte Schwäche kam, war er gut und fromm.

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