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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 15
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Die Laus

1918

 

Im Glashaus stand gegen Abend immer die junge Frau im Blumenbunt. Stundenlang liebkoste sie Nelken, Narzissen, gruppierte Stecklinge, bis gegen acht der livrierte Diener zu Tisch rief.

Für den Geschützdonner der nahen Yserfront, in dem die Scheiben klirrten, hatte sie kein Ohr mehr. Innerer Aufmerksamkeit für ihre Pfleglinge verschmolzen, mischte sich in ihr Gefühl für ein verkrüppeltes Würzelchen nichts Fremdes.

Letzthin war einige Male ein Bettler zu ihr und den Blumen getreten, mit dem sie ein paar Worte gewechselt hatte, der dann verschwunden war. Gestern war dieser Brief von ihm an sie gelangt:

 

Gnädige Frau, eine mehr als siebenzigjährige, in Wind und Wetter gegerbte französische Haut stattet Ihnen für eine ihm in seinem Leben sonst nicht begegnete Großmut Dank ab. Sie, die im Ausland lebende Deutsche, gaben ihm im Krieg ohne Entgelt seinerseits, als seiner erloschenen Lebenskraft Wiederherstellung vom Kauf teurer Arzneien abhing, die Mittel, sie sich zu verschaffen, noch einmal in eine putzige, ihm durchaus genehme Existenz hinein zu genesen. Wollen Sie es nicht verübeln, gilt sein erster Gang ins Freie Ihrem Besuch. Genehmigen Sie, gnädige Frau, die ehrerbietigsten Respekte Ihres in Dankbarkeit verharrenden

François Menier.

 

Und nun kam er selbst durch die Glastür, nahm den Hut ab, stand in der Ecke und sagte nichts.

Die Dame

Warum schrieben Sie mir? Nichts gab es zu danken. Ich freue mich, Sie wieder gesund zu sehen.

Der Bettler

Es gibt zu danken, denke ich; ohne Sie läge ich mausetot.

Die Dame

Einfach ein anderer hätte Ihnen das Notwendige gegeben.

Der Bettler

In allem ordne ich mich der gnädigen Frau unter. Nur was der Menschen Wohltätigkeitssinn betrifft, bin ich sachverständig, bleibe dabei: ich läge tot.

Die Dame

Meine sämtlichen Freunde und Bekannten sind wohltätig.

Der Bettler

Bei öffentlichen Sammlungen, in denen den, mit dem man um Geltung kämpft, auszustechen möglich ist.

Die Dame

Und besonders im geheimen.

Der Bettler

Lohnt der Bettler das Geschenk, sein Aussehen. Hat er Gaben, für das Gewährte zu entschädigen. Mit eines jungen Auges Blitz, frischen Mundes Lachen. Kann er graziös sich verneigen, hat er eine markante Geste, die dem Geber steht, zur Verfügung.

Die Dame

Achtet man darauf?

Der Bettler

Man achtet darauf. Der Bettler, der den Bebettelten enttäuscht, hat nichts mehr zu hoffen.

Die Dame

So erfuhren Sie Mildtätigkeit –?

Der Bettler

Als billigen Einkauf der für den Tag notwendigen Selbstachtung. Man geht zur Arbeit, ins Büro, und der Groschen, dem Allerärmsten gereicht, hebt persönliches Bewußtsein, bevor man vom Stärkeren getreten und geschunden wird.

Die Dame

Die, von denen ich spreche, sind unabhängige, gebietende Menschen.

Der Bettler

Die hoffen, eine Unternehmung, ein Abenteuer soll zu ihren Gunsten ausgehen. Bei ihnen ist das Almosen die Ausgabe, die den Lenker der Geschicke für sie einnehmen soll.

Die Dame

nach einem Augenblick:

Wirklich gab ich manchmal Bettlern in diesem Sinn.

Der Bettler

Den Mann, den Sie liebten, wollten Sie treffen. Unterwegs zitterten Sie vor etwas, das Ihnen die ersehnten Freuden stören möchte. Der erste meiner Kollegen, den Sie trafen, war Gelegenheit ...

Die Dame

Das Schicksal für mich zu bestechen.

Der Bettler

Dankbar waren Sie dem Unglücklichen, ging hinterher alles gut. Und er mußte beim zweitenmal büßen, hatte es nicht die gewünschte Wirkung mit ihm.

Die Dame

Vielleicht. Mit Unrecht hielt ich mich für mildtätig.

Der Bettler

Sie sind es gerade! Mögen Sie allen anderen aus eigennützigen Gründen geholfen haben, mir gegenüber waren Sie das Mitleid selbst, lautere Nächstenliebe.

Die Dame

Wie wollen Sie das beweisen?

Der Bettler

Wie ich das begründe? Den wundesten Punkt in mir berührten gnädige Frau, müssen es sich gefallen lassen, daß ich mich des längeren erkläre. Allen Sterblichen weiß ich mich an Besitz so nachstehend, daß kein Haar in meiner Glatze gefunden wird, um das ein Kahlkopf mich beneidet, kein Zahnstumpf, den eine Hexe will; so wenig Schwung habe ich in den Knochen, daß kein Lahmer, Krippensetzer mit mir tauscht, so wenig Aussicht für die Zukunft, daß der zu ewigem Zuchthaus verurteilte Rüstige mich verachtet. Doch an Hoffnungslosigkeit, das Geringste leisten zu können, bin ich auf der Welt unübertroffen. Das ist, was meine Einzigkeit ausmacht, denn dies Bewußtsein muß sogar ein Aas wie ich noch von sich haben. Aber das ist auch für Sie Gewißheit, Sie gaben mir, ohne das Geringste von mir zu hoffen.

Die Dame

Sie bewiesen nicht, ich hätte durch Ihre Vermittlung die Vorsehung nicht für mich und meine Wünsche gewinnen wollen.

Der Bettler

Durch meine Vermittlung? Gnädige Frau mögen vom Himmel welchen Glauben immer haben, aber ich schwöre: von allen, die unaufhörlich Ihre Güte für sich erflehen, wäre ich der Ungeschickteste. Sieht man nicht, wie überraschend im Vergleich selbst mit dem Elendesten der Himmel von mir abrückte? Kann er ein Geschöpf stärker als mich verleugnen? Ihre Güte hat mich vor anderen, die würdigere Mittler zum Himmel gewesen wären, so offenkundig ausgezeichnet, daß über Ihre Naivität kein Zweifel sein kann.

Die Dame

Früher hätte ich glauben dürfen, mein Eingreifen für Sie sei unselbstisch gewesen, seitdem ich Ihren Brief empfing, ist es sicher, Sie entschädigen mich durch solches Gespräch reicher, als es alle mir im Leben begegneten Bedürftigen vermochten.

Der Bettler

Wie das, gnädige Frau? Kann ich mich triftig äußern, bleibt das Gesagte nur erträglich, weil es Sie und Ihr Tun betrifft. Ich habe in diesen Augenblicken nicht mich, doch Sie ausgedrückt, und das hätte jeder gefälliger als ich getan. Sie glauben nicht, wie schwer es selbst für mich, den aus aller Vollkommenheit Ausgestoßenen ist, an Ihres Wesens vollendetem Gleichgewicht so mächtig vorbeizuhauen, wie ich fühle, daß es von mir trotzdem geschehen ist und geschieht.

Erst wenn ich, was Sie angeht, im Gespräch verließe, von meinen eigenen Inhalten stiegen die ersten Vapeurs auf, würde Ihnen in panischem Schrecken klarwerden, daß das jesuitischeste Gewissen mich nicht als Fürsprecher vor höheren Instanzen aussuchen würde.

Die Dame

Wissen Sie, daß ich Sie mit der Behauptung Ihrer bodenlosen Unwürdigkeit nicht weniger kokett als eine gefallsüchtige Frau finde? Sie bieten nicht geringere Kraft auf, alles ins Licht zu stellen, als das junge Mädchen von allen Seiten Reize zeigt. Mit ihren letzten Worten versuchten Sie wie ein Weib, ehe es sich hingibt, einen Zipfel des Schleiers lüpfend, mich auf Ihre Heimlichkeiten neugierig zu machen.

Der Bettler

Hätte ich Sie neugierig gemacht, wäre ich schamlos, doch auch unmöglich gewesen. Denn meine Rolle vor Ihnen ist nur denkbar, bin ich durch Besitzlosigkeit ein so Unbestimmtes, daß keine Haltung Sie mir gegenüber verpflichtet. Ihre Neugier an mir bewiese aber, ich habe etwas, das Sie zu besitzen reizt, ich stünde vor Ihnen als einer, der Ihr Vertrauen mit falschen Vorspiegelungen erschlich.

Die Dame

Ich meine, es ist so.

Der Bettler

Dann bitte ich, einen Moment das Auge von Ihrer Blumen hundertfältigen Pracht auf meine Lumpen zu wenden. Sehen Sie doch, wie blind mein Blick Ihrem begegnet, kein Licht ihn aufflammen läßt. Merken Sie eine Nerve an mir durch Ihre Wärme erregt, einen Tropfen Feuchtigkeit auf meinen Lippen, den der ausgemergeltste Kadaver für Sie aufbrächte? Keine Hautrunzel rötet sich; kein Muskel, Fetzen Fleisch steht auf, und kochten Sie meines Skeletts Brühe, sie düngte die genügsamste Ihrer Pflanzen nicht.

Die Dame

Trotzdem umschließt Ihres Hirnes kleiner Raum ...

Der Bettler

Sagen Sie es nicht zu Ende! Nichts! Das Allerschäbigste sind meine Worte, und Sie mindern mir den Wert des Gegebenen, behaupten Sie, es sei im Austausch, nicht ohne alle Reziprozität geschenkt.

Die Dame

Doch bleibt merkwürdig, wie Sie sich gegen Vorzüge, die man Ihnen zubilligt, wehren.

Der Bettler

Meinen Sie wirklich? Sie meinen es nicht. Denn Sie wissen, akzeptierte ich einen einzigen, müßte ich die unzähligen sehen, die ich mit der Menschheit nicht teile. Partizipierte ich noch mit einer Eigenschaft am Gesellschaftlichen, müßte meine Lage, die mich durchaus nicht quält, durch ihre Erbärmlichkeit mich augenblicklich mit Verzweiflung töten; während, darf ich sagen: alles Menschliche ist mir abhanden gekommen, fremd, ich mich in jenseitigen Bezirken auf eigene Weise durchaus ungestört bewege.

Die Dame

Also wollen Sie, ich nehme Sie nicht äußerlich, doch ganz als –?

Der Bettler

Abschaum, ausgekocht und ordure.

Nur das Bewußtsein, von Ihnen zu mir gibt es keine Gemeinschaft mehr, läßt Sie mich unbefangen wie die Fliege, die Sie umsummt, dulden. Menschlichem, Niedermenschlichem gegenüber schätze ich Sie zurückhaltend.

Die Dame

Es ist eine neue Art, Abstand zwischen sich und andere durch seinen Unwert zu setzen.

Der Bettler

Das wäre immer noch moralisch. Nicht aber, ich sei nichts wert, meine ich, doch hätte es für kein Ziel mehr gefunden, nach gesellschaftlichen Begriffen zu gelten. Das Lebendige in mir hätte mich geradezu naiv in die Richtung gedrängt, mit Überlegung in mir zu zerstören, was durch Pflege zu einer Tugend in diesem Sinn hätte ausarten können.

Die Dame

Immer?

Der Bettler

Vom Alter, da ich mündig wurde. Mit dreißig Jahren etwa.

Die Dame

Als junger Mensch, Kind dachten Sie anders.

Der Bettler

Wir lebten um des neunzehnten Jahrhunderts Mitte in Anschauungen, nach denen die Jugend den Eltern gehorchte. Unter Kindern war es Mode. Vater und Mutter führten sich nach Vorschrift in Bilderbüchern; ihre Redensarten, Befehle kamen darin schon vor; wir hörten sie nur ab, ob sie ihr Pensum wußten. Wir waren bös, machten sie Fehler. Aber sie machten nie welche. Sie hatten bei ihren Erzeugern zu gut auf sie aufgepaßt.

Die Dame

Über des Gelehrten Inhalt und Wert dachten Sie nicht nach?

Der Bettler

Es schien uns wenig darauf anzukommen. Schließlich darf man nicht vergessen, es ist bequemer, Vorgesagtes nachzusprechen, als den Sinn zu prüfen. Instinkt warnt, bei jedem Vorgeschriebenen steht hinter dem Wort Verantwortung, an der teilzunehmen neue, nicht einmal geforderte Anstrengung kostet. Wer denkt als Jüngling lateinischer Vokabel nach? Vergnügt ist man, sitzt sie im Kopf. So lernten wir als Religion des Christen gegenseitig sich überstürzende Nächstenliebe kennen, in der Geschichte die in jedem Jahrhundert nicht zu dämmenden Tugenden aller Franzosen.

Die Dame

Doch sahen Sie Wirklichkeit überall gegen Gelehrtes verstoßen.

Der Bettler

Wir wußten aber nicht, daß Wirklichkeit schon Geschichte ist, dachten, Auftritte, denen wir beiwohnten, die von gelernten Begriffen sich entfernten, hätten noch ihre Fortsetzung, in der erst ihr richtiger, historischer Sinn zutage kam.

Die Dame

Wie meinen Sie das?

Der Bettler

Spielten wir aufs Geratewohl unsere Spiele, die eigentlich sinnlose Balgerei, bodenloses Ungefähr waren, fand sich der halb oder ganz Einsichtige, der der Sache den genauen Namen, Etikette gab. Mit dieser Aufschrift war das Angestellte erst komplett, nicht so, wie wir es ursprünglich empfunden hatten, doch so, daß es ein glattes Ding zum Behalten war, geistigen Ansprüchen, die an solches Spiel zu stellen sind, genügte.

Die Dame

Ich nehme an, es war dann nicht mehr so amüsant?

Der Bettler

Wir spielten es nie wieder, wußten wir Namen und Regeln, unter denen es abzurollen hatte. Wie wir freiwillig nicht über den uns schon bekannten Charlemagne oder Henri quatre nachdachten und aussagten.

Die Dame

Und doch fühlten Sie sich auf der Lehrer und Eltern Erklärungen verpflichtet.

Der Bettler

Ganz. Wir verstanden offenbar von der Schöpfung nichts, und das war der Erwachsenen Glück. Denn wie hätten wir sonst den geforderten Respekt gewähren können? Für uns war das Ganze mannigfaltig, schloß noch die kleinste Einzelheit zuviel Glücksmöglichkeiten in sich, für deren keine wir eine besondere Vorliebe hatten, als daß wir zu entscheiden vermocht hätten. Wir wußten mit einem Grashalm, einem Stück Holz so viel anzufangen, daß nur energische Anleitung, sie als unwichtig fortzuwerfen, uns um das für unser Dasein Wichtige, Charlemagne und das Christentum zu kümmern, veranlassen konnte.

Die Dame

So hatten Sie bis ins Mannesalter kein ernstes Bedenken gegen die gepredigte Welt?

Der Bettler

Was man uns lehrte, las ich in Büchern bestätigt. Denken Sie, Gelehrte, Dichter sogar, diese Gipfel menschlicher Weisheit, bestätigten unserer Erzieher kategorische Sentenzen. Bilder, die in Museen hingen, gaben ihnen recht. Warum, nach wessen Beispiel hätte ich zweifeln sollen?

Die Dame

Wir aber, die jüngeren Generationen, nahmen nicht mehr alles auf Treu und Glauben hin.

Der Bettler

Doch wieder das Ganze. Und darum sage ich: unser Geschlecht war mit der Überzeugung vernünftiger: es lohnt nicht, Kräfte zu vergeuden, ist man mit allen andern zur gleichen Welt entschlossen.

 

Hier trat der Diener ein, meldete das Abendbrot. Die junge Frau, die verstimmt schien, schritt, ohne den Bettler zu grüßen, an ihm vorbei, während der Diener ihm einen gehässigen Blick zuwarf. Tage vergingen, bis einst die Gutsherrin bei strömendem Regen vom Gewächshaus, auf das Wasserkaskaden klatschten, den Bettler auf der Landstraße an einen Telegrafenmast gelehnt sah, ihn lebhaft zu sich hereinwinkte. Er kam mit den Worten:

Der Bettler

Ich dachte, mich hätte der Pfahl unsichtbar gemacht. Während er das sagte, lief Regen in Strömen an ihm ab.

Die Dame

Wie können Sie sich ungeschützt solchem Wetter aussetzen?

Der Bettler

Fürchtete ich nicht, nach meinen letzten, zu kühnen Worten der gnädigen Frau wieder zu mißfallen, würde ich sagen: Naturausbrüche treffen mich nicht mehr in dem unter Menschen üblichen Sinn. In allen Augenblicken der Schöpfung ausgeliefert, lernte ich, mich ihr fügen und hingeben, unterliege ihr nicht mehr besonders. Regen überschwemmt, Hagel schlägt mich nicht anders als Getreide im Feld.

Die Dame

Wann entschlossen Sie sich zur Kritik der Welt?

Der Bettler

Hätten gnädige Frau meine Jugend miterlebt, wüßten Sie, Kritik an Frankreichs damaligen Zuständen war für den Vernünftigen unmöglich. Wir schrieben 1860, und ohne großen historischen Sinn wußte der Franzose, sein Land hatte einer Geistigkeit und Gesittung Höhe erstiegen, wie sie außer Griechenland unter Athens Führung kaum je in ein Staatswesen gesammelte Menschen erreicht hatten. Wollte man, saß man mit Musset, Balzac, Renoir, Manet am gleichen Tisch, sprach mit ihnen von Flaubert, Hugo, Courbet, Corot, Monet, Berlioz und vielen anderen, die jeden Augenblick eintreten konnten.

Die Dame

Erstaunlich, die Namen aus Ihrem Mund zu hören. Bei uns in Deutschland wissen Bettler die entsprechenden deutschen nicht, hier in Belgien kein mendiant die belgischen.

Der Bettler

Auch bei französischen Kollegen fand ich keine den meinen entsprechenden Kenntnisse. Keiner von ihnen war aber auch in seiner Jugend, was man einen Literaten nennt, gewesen.

Die Dame

Sie waren –?

Der Bettler

Einer, der Bücher schrieb. Nachdem ich nichts getaugt, ein lasterhafter Vikar, geschaßter Hauslehrer, der unbrauchbarste Bibliothekar gewesen war, begann ich, am Abgrund meiner bürgerlichen Existenz, mit der Feder zu arbeiten. Und es war der Beruf, bei dem ich am längsten aushielt.

Die Dame

Sie werden sagen, weil es der leichteste ist.

Der Bettler

Genau das. In jedem andern gab es solche, die ihn studiert hatten, wußten, aus welchen Ursachen, zu welchen Zielen er auszuüben war. Damit war ihnen Kontrolle meiner Unfähigkeit gegeben. In der Literatur konnte ich unbefangen, von Sachkenntnis nicht beschwert, meiner Eingeweide Inhalt auskramen, ohne daß jemand, auf Facherfordernisse, Regeln gestützt, mich hätte angreifen können.

Die Dame

Und brachten Sie es in der Schriftstellerei zu etwas?

Der Bettler

Zu hübschem Namen, angenehmem Leben mit ausgezeichneten Mahlzeiten in kleinen, verschwiegenen Restaurants in Gesellschaft schöner Frauen. Das kam, ich hatte ein Stück fürs Theater geschrieben, in dem diese Schönen die erste Rolle spielen wollten. Es hieß »Von Morgen bis Mitternacht«, war dem Muster der Komödien eines berühmten Dramatikers sklavisch nachgeahmt.

Die Dame

Wurde es gegeben?

Der Bettler

Nie. Wie kein Buch von mir gedruckt ist. Was nicht an den Direktoren oder Verlegern lag. Ich selbst hinderte die einen und andern, die mich stürmisch zur Veröffentlichung meiner Werke drängten, aus Furcht, trotz mangelnder fester Begriffe für Literatur möchte eine kleine Anzahl meine gänzliche Talentlosigkeit merken, mich von Fleischtöpfen, die mich nährten, fortjagen. Ein Bedenken, das ich später als ungerechtfertigt einsah. Denn Kameraden, die ich viel ahnungsloser wußte, haben durch ihrer vermischten Schriften hartnäckige Herausgabe sich eine Existenz, kleinen Nachruhm erfochten.

Die Dame

Sie setzen erstaunliche Unabhängigkeit von Vorurteilen und Allerweltsideen in mir voraus. Sonst würden Sie solche Dinge nicht im Glauben, ich ließe sie gelten, sagen. Ich bin aber gewissen Zwängen durchaus nicht so enthoben, daß ich Ihre Geistreichigkeiten für bare Münze nähme. Gewiß ist für keine Lebensstellung der Menge Beifall Beweis, wir üben sie berechtigt mit wirklichem Erfolg aus. Für ausgeschlossen aber halte ich es, man könnte in einem Beruf dauernd oder über sein irdisches Wirken hinaus den Eindruck der Vortrefflichkeit zu Unrecht machen.

Der Bettler

In keinem außer in der Kunst. Sterben dem renommierten Arzt in kurzer Frist zuviel Patienten, ist der bei den Kunden gerichtet. Der Künstler aber, der nicht einem Kreis von Bewunderern seine unsterbliche Bedeutung bis zu seinem Tod einreden könnte, hat nicht existiert. Und wäre es einem einzigen Wohlhabenden, der ihn bis an seinen letzten Tag ernährt.

Die Dame

Nennen Sie des Phänomens Ursache.

Der Bettler

Für den bescheidenen Rentner gibt es keine mühelosere, auf die Dauer billigere Art, vor sich Respekt zu haben, als das ringende Genie zu unterstützen.

Die Dame

Wäre es, einen Mäzen zu finden, leicht, würde die Laufbahn von Hunderttausenden beschritten.

Der Bettler

Sie wird es. Der Fehler, der den größten Teil auf Viertelsweg umkehren läßt, ist der gleiche, den ich machte: Furcht, ihr falsches Spiel könnte bemerkt werden, sie selbst eines Tages, zu neuen Unternehmungen zu alt, unentrinnbarem Elend preisgegeben sein.

Die Dame

Sie bleiben dabei, der als Künstler Etikettierte kann bis über seinen Tod hinaus eine Welt täuschen?

Der Bettler

Behaupte: Unzählige, deren Namen unser Gedächtnis mit ihrem Ruhm beschwert, waren schon zu Lebzeiten nicht mehr als ihre Gevatter Schneider und Handschuhmacher.

Die Dame

Sie haben von wirklichen Künstlern zu hohe Meinung.

Der Bettler

Keine andere als von allen Dingen dieser Welt. Was wir bemerken und merken, soll uns in jedem Augenblick taugen. Denn behalte ich von mir aus selbst je anderes, als was mir unbedingt nützt? Häuser behalte ich, an deren Türen man mich gut behandelt; behielt vor allem dieses Glashauses Tür.

Die Dame

Und wissen Beyles und Delacroix' Namen!

Der Bettler

Die nützen mir unaufhörlich. Beyle ist, nächtige ich auf Stroh in Scheunen, mein Komfort, Theater in der Felder Einöden, mein dichterischer Auftrieb, zu dem ich von Delacroix Kulissen borge. Mit ihm und seinen Geschöpfen, Julien Sorel, Mathilde, Lucien Leuwen decke ich noch heute meinen romantischen Bedarf. Beyle hält mich im Regen trocken, im Kalten warm. Dichtet mich gegen Temperatur- und Menschenzudringlichkeit. Täte er das morgen nicht mehr, ließe ich ihn fallen. Wie alles, was mich unnütz beschwert.

Die Dame

Bequeme Dankbarkeit!

Der Bettler

Eine nicht über ihre natürliche Dauer gepäppelte Dankbarkeit. Doch die zu ihrer höchsten Kraft gedrängt wurde. Ihr Ausmaß war ein anderes; es ging in Tiefe statt in Länge, wurde verdichtet, nicht verdünnt. Und, wollen Sie, haben Sie damit meine gesamte Lebensführung, wie ich sie von jenem Tag an wählte, da ich gesellschaftlicher Menschen Kreise verließ.

Die Dame

Sie sagten nicht deutlich, was Sie in ihnen trieben. Ich weiß nur, Sie hatten in einigen Stellen Pech gehabt ...

Der Bettler

Man könnte es Glück nennen, nimmt man einem Hauslehrer, der nie griechische Studien getrieben hat, die Mühe ab, vorlaute Bälge in dieser Sprache zu unterrichten, einem Bibliothekar die Qual, über Hieroglyphen Abhandlungen schreiben zu müssen, während er ohne jede Ahnung war, was sie wirklich bedeuteten.

Die Dame

Sie wurden homme de lettres.

Der Bettler

Der sich in geheimen Zirkeln neben Balzac, Flaubert aufspielte. Nachrichten über seinen Gesundheitszustand und literarische Absichten in die Journale filterte oder, ihm habe ein Grandseigneur ein Schloß zur Arbeit angewiesen.

Die Dame

Der von vielen, von Frauen verehrt wurde ...

Der Bettler

Das Weib des zweiten Kaiserreichs in Frankreich ließ es mir an nichts fehlen. Und nun lächeln Sie, meine schäbigen Reste schauend, und ich lächle auch.

Die Dame

Ohne eine Zeile veröffentlicht zu haben?

Der Bettler

Weil ich keine Zeile veröffentlicht hatte. Darf ich aus meinem Leben eine Qualität anmerken, war es die: Ich war der Franzose, der die größten Vorschüsse für sich zusammengebracht hat. Hätte Balzac des Mannes Geschichte, der vom Vorschuß lebt, geschrieben, ich wäre das gigantische Modell gewesen. Nacheinander nahm ich Anzahlungen auf alle Eigenschaften, die ich nicht hatte. Vor allem auf mein Genie, das als Millionenerbschaft leuchtend für die, die sich mir tributär nahten, dastand.

Die Dame

Und niemand prüfte, zweifelte? Keine Frau?

Der Bettler

Die hatte zuletzt Ursache. Denn sie gerade wollte für ihre besonderen Wünsche, was auch ich für meine: den bedeutenden Vorwand.

Die Dame

Alle ohne Ausnahme?

Der Bettler

In meinem Leben sah ich überhaupt keine Frau anderes suchen, will sagen: es ist in der Schöpfung so, daß der Mann der einzige Vorwand für der Frau Dasein ist. Die zu mir kamen, waren betrogen, weil auch ich und meine Bedeutung, die sie entschuldigen sollte, schon Vorwand für die Steuer war, die ich von ihnen erhob.

Die Dame

In welcher Form?

Der Bettler

Unter allen Formen. Ich war ihr ausgehaltener Liebhaber, der sie bei Freunden, im bürgerlichen Verein geistig beglaubigte.

 

Einige dieser Worte mußte der Baron, der Gatte der jungen Frau, gehört haben, der sie aus der Serre ins Haus holen wollte, wie das Erstaunen in seinen leeren Zügen zeigte. Zugleich stand solches Nichtbegreifen in ihnen, daß des Bettlers Furcht, er möchte für immer verjagt werden, schwand, er richtig vermutete, bei dem sich entfernenden Paar wäre von ihm als einer menschlichen Laus mit keinem Wort die Rede. Als er die nächsten Male an den Parkgittern vorbeistrich, konnte er die Dame nicht erblicken; als Wochen verstrichen waren, ohne daß er die Schloßherrin gesehen hatte, fragte er einen Gärtner nach den Umständen, erfuhr, sie habe schwere Krankheit, von der sie genesen sei, durchgemacht. Wenige Tage darauf wehte ihr Kleid von weitem Botschaft, sie sei am alten Platz für ihn zu sprechen. Doch gleichgültiges Zeug redeten sie an diesem Tag über die Feindseligkeiten an allen Fronten, die Aussichtslosigkeit, den verstopften Krieg zu enden, von dem keiner die Ursache wußte, mit dem niemand deutliche Ziele verband. Endlich kündigte die Dame dem Bettler an, sie werde französische Flüchtlinge aus der Gegend von ... in ihr Haus aufnehmen müssen. Achthundert dieser Unglücklichen seien der Gemeinde bis zum Kriegsende überwiesen worden. Der Bettler nahm die Mitteilung als Wink, man habe seiner genug, blieb geraume Zeit von neuem verschwunden. Eines Tages aber rief ihm die Baronin auf der Landstraße aus dem Wagen zu, er sollte wiederkommen, sein Scherflein holen. Sie machte ihm bei seinem Erscheinen über das lange Ausbleiben Vorwürfe.

Die Dame

Nun gaben Sie mir von Ihrem Leben eine Probe. Es ist natürlich, das nicht Gewöhnliche hat Erwartungen geweckt. Sie setzten auch jedes Ihrer Worte so, daß eine Natur wie meine im Halbschlaf ländlichen Aufenthalts um sie herumdenken, Schlüsse nach vorn und hinten ziehen mußte. Seien Sie freundlich und machen Sie ein Ganzes aus dem begonnenen Gemälde.

Der Bettler

Ich erzählte eines talentlosen, unmoralischen Jünglings von der Feder banales Schicksal.

Die Dame

Der schon damals Dinge sah, die er heute vorurteilslos schildert?

Der Bettler

Der Notdurft mit gleichviel welchen Mitteln stillte. Der aber – und das hob ihn aus der Unzähligen Schar, mit denen er Los und Absichten teilte, je älter er wurde, um so schärfer feststellte: Sowenig er denen, die sich um seiner Bedürfnisse Befriedigung kümmerten, von sich aus wiedergeben konnte, für seinen Geschmack gab er ihnen noch immer zuviel.

Die Dame

Wie das?

Der Bettler

Im Grund meiner Seele anerkannte ich nur eine Urnotwendigkeit: Schöpfung, die Pflanzen, Tiere ohne alle Leistung dererseits erhält, habe mir gegenüber nicht geringere Verpflichtung. Aus meiner Natur war ich zum Leben, zu keinem Entgelt dafür gewillt. Ich brachte ins Dasein keine übertriebene Forderung mit: wollte Luft, Sonne, Kost, regelmäßigen Schlaf und Beischlaf von Zeit zu Zeit.

Die Dame

Nie mehr?

Der Bettler

Ich nahm von allem andern, was ich erraffen konnte. Stellte ich aber in der Erregungen Auf und Ab profundes Wohlbehagen in mir fest, hatte es stets eine der genannten Ursachen: Sattheit nach mäßigem Mahl, Ruhe im Sonnenlicht, ein Schluck Luft nach Stadtqualm und sanft bewegende Wollust.

Die Dame

Liebe?

Der Bettler

Wollust. Liebe machte mich jemandem schuldig. Es war die Sache nicht mehr beim rechten Namen genannt. Meines Lebens einzige, entscheidende Tat blieb die Feststellung in mir, ich sei in keiner Weise zu der geringsten Kompensation bereit. Da Bürgerleben aber aus Verträgen, aus »wie du mir, so ich dir« besteht, machte mir jedes über das natürliche Bedürfnis gehende Mehr keinen Spaß. Keinen Schoppen Rotwein trank ich, ohne mich im voraus über den Dienst zu härmen, den der Spender als Entgelt vor mir wollte. Der Bissen Fleisch blieb mir im Hals stecken, sah ich die auf Dankbarkeit rechnenden Blicke des Gönners. Schmeicheleien ertrug ich nicht, weil das Gegenkompliment in meinem Schlund zu würgen begann. Kurz, ich stellte die gesamte Menschheit als ein Bettlerheer fest, in dem man sich vom Morgen zur Nacht seiner Existenz kurzbefristete Anerkennung gegenseitig abbettelte.

Die Dame

Aus der mangelnden Gewißheit, ohne sie überhaupt vorhanden zu sein.

Der Bettler

Da neunzig von hundert Menschen aus keinem Werk, keiner bedeutenden Tat sich vor sich feststellen können, bedürfen sie ihrer fortgesetzten Bestätigung durch andere. Die Basis geben Behörden, die von diesen ausgestellten Zeugnisse über Geburt, Taufe, Impfung, Heeresfähigkeit der betreffenden Person. Da das aber Eigenschaften sind, die nicht unentgeltlich, doch als solche, die uns nicht besonders gelten lassen, zugebilligt werden, rechnen sie für nichts, und es beginnt der tägliche Frondienst um unsere spezielle Anerkennung unter Nachbarn, in der Gemeinde, im Staat, der die widerwärtigste, niedrigste Bettelei ist, die ich mir vorstellen kann.

Die Dame

Warum nennen Sie es nicht Tausch?

Der Bettler

Weil es das, spielen nicht auf beiden Seiten Geld und Ware mit, nicht ist. Habe ich ein gut montiertes Haus, die fesch aufgemachte Mätresse, die ich spazieren führe, bettle ich um meines Besitzes Anerkennung bei dem erstbesten, den ich zu verachten vorgebe. Mit allem, was ich mir mit Geld über meine Bequemlichkeit anschaffe, glänzend unterhalte, erbettle ich an allen Orten eine Geltung, die ich anders nicht erlangen könnte. Bettle mit einem Wort um die anstandslose Einlösung des Wertsurrogats, das ich, als in meinem Besitz befindlich, vorführe, indem ich auch der anderen Spielmarken für bare Münze anzunehmen gelobe.

Die Dame

Also doch Tauschhandel?

Der Bettler

Nein. Ich kann nicht wie bei solchem mit meiner Ware Wert auftrumpfen, nicht an allen Schaltern ihre gleichmäßige Anerkennung mit Sicherheit erwarten. Komme ich an den Rechten, kippt mein Spiel, ich bin der Blamierte. Denken Sie, der unkundige Heraufkömmling sitzt im bestangespannten Wagen, der besitzlose Pferdekenner im Rinnstein mustert das Gespann, ist der Ahnungslose angewiesen, dem Unterrichteten seines höhnischen Lächelns Unterlassen abzubetteln, das den neuen Reichen vor allen Anwesenden bis auf die Knochen bloßstellen würde.

Ich hatte es also satt, mich stets vor mir selbst als Bettler merken zu müssen, dem doch des echten Bettlers bestes Recht nicht zustand: dem Geber nichts schuldig zu sein.

Die Dame

Aber Sie meinten zu Beginn unserer Unterhaltungen auch dem Bettler gibt niemand, ohne ihn um wertvolles Entgelt anzubetteln? So sage ich nun wohl am besten.

Der Bettler

Doch ist der Bettler der einzige, der entrüstet, ohne vor sich selbst schuldig zu werden, diese unverschämte Forderung ablehnen darf.

Die Dame

Wie die andern auf Kosten seines Erfolges.

Der Bettler

Nein. Und da erschien zu meinen als Bettlern verkleideten Kollegen die Kluft, die blieben, was sie waren: verarmte Bürger. Ich nahm, nehme heute noch mit dem unerschütterlichen Willen und eifersüchtig über seine Durchsetzung wachend, daß ich nichts und nicht im geringsten zurückerstatte.

Die Dame

Sie gaben Dümmeren, sprachen Sie.

Der Bettler

Öffnete schließlich den Mund nicht mehr.

Die Dame

Durch ein beseeltes Auge.

Der Bettler

Ich lehrte es, gehässig blicken.

Die Dame

Sie waren nicht gleich dazu imstand?

Der Bettler

Wie lange nicht! Doch mit Ausdauer lernte ich's. Die ersten Jahre, als ich meiner Bürgerlichkeit Gepäck abgeworfen, das letzte Weib, das trotzdem meine Liebesfähigkeit schmauste, den Freund, der mich mit Wohltaten auffraß, Bedienung, die meine Nerven verzehrte, entfernt hatte, vergaß ich mich im alten Trott, bezahlte immer noch mir Gereichtes. Oft fand ich mich, Landstriche durchbettelnd, in ein Haus genommen, gekleidet, beköstigt, gepflegt, wollte mich dort halten, bis ich merkte, die ganze Haushaltung, Herrschaft, Gesinde, lebte von meinem menschlichen Urstoff, der geistigen Ausstrahlung, die ich malgré moi in die Gesellschaft absonderte. Man stopfte mich mit Viktualien, hatte aber Schläuche an meine Poren gelegt, durch die man meine stärkere Menschlichkeit trank. Und wie spitzfindig ich mich in Zukunft stellte, ein Inexploitierbarer zu sein, immer ertappte ich den Schlaueren, der an mir schmauste. Bis ich, durch der Zeit Mitwirkung, dieser klägliche Spucknapf wurde, aus dem der Raffinierteste keine Blume mehr wachsend erwartet.

Die Dame

Erklären Sie zu meiner Beruhigung, Sie waren diese letzten Male Gast bei mir. Denn wie müßte ich mir nach solcher Erklärung vorkommen, stelle ich durch Ihre Worte ständige Bereicherung in mir fest.

Der Bettler

Sie sind, gnädige Frau, in plausiblem Irrtum befangen. Wo hätte uns das klügste Wort bereichert, das uns und unserer festgefügten Lebenslage nicht recht gibt? Ich hätte aber nie diese Reden vor Ihnen gehalten, spürte ich nicht, sie müssen im Grund – darf ich ehrlich sein?

Die Dame

Sagen Sie's!

Der Bettler

Sie verletzen. Da Sie perfekt erzogen sind, nennen Sie Geschenk, was Angriff, Eingriff in Ihres Besitzes ruhige Sicherheit ist.

Die Dame

So kommen Sie feindseliger Absicht?

Der Bettler

Mit keiner Absicht. Doch mache mit Ihnen von meiner Regel keine Ausnahme. Ohne bürgerliches Talent wurde ich schuldlos geboren. Als ich das festgestellt, mich zu dem peripherischen Dasein, das ich führe, entschlossen hatte, stand ich mit allem, was innerhalb des Kreises läuft, nur noch in der einzigen Verbindung, ihm auf alle Weise Abbruch zu tun, meine viel heftigeren Erschütterungen ausgesetzte Existenz zu stützen. Als echter Bettler bin ich, solange Sie mir Ihre Nähe gönnen, Sie auf jede mögliche Art äußerlich und innerlich zu plündern berechtigt.

Die Dame

Noch haben Sie mir wenig genommen, mich nicht an vielem irrgemacht.

Der Bettler

Vergeblich wäre es, ginge ich auf vieles los, da es zu vieles gibt. Doch gehe ich aufs Ganze. Vielleicht nehmen Sie aus meiner Art, zu reden und zu denken, ein Maß mit fort, das Sie auf Dinge anwenden, die ich im Gespräch mit Ihnen nie berührte.

Die Dame

Jetzt werden Sie kühn und greifen an.

Der Bettler

Weil ich ein Loch in Ihrer Existenz spüre. Des Bettlers Zudringlichkeit ist sprichwörtlich. Aber sie ist auch notwendig, da sie des Standes Wesen an sich ist. Und darauf läuft außer beim Menschen die Schöpfung hinaus: man bleibt innerhalb seiner Notwendigkeiten.

Die Dame

Und des Menschen Leben?

Der Bettler

Steht, wo er es im bürgerlichen Verein führt auf Möglichkeiten, Unmöglichkeiten. In eines Briefträgers skrofulösem Sohn ist sein beschränktes Muß nicht gern gesehen. Durch seine Hochschulerziehung, die der Familie Fasten auferlegt, werden Möglichkeiten aus ihm erwogen, die früher oder später zusammenbrechen. Alles soll aus ihm möglich sein, Notwendiges aus ihm nicht folgen. Man könnte ihn zu einem einfachen, aufrechten Mann erziehen; doch liegt der Vergleich mit Geheimrat X nah, der auch von einfachen Eltern geboren war.

Die Dame

Geschichte beweist den geglückten Versuch mit vielen Beispielen.

Der Bettler

Geschichte, die der Bürger mit Betonung solcher Möglichkeiten für seinesgleichen schreiben ließ, vom Bürger ausgehaltene Dichtkunst, die den Menschen von sich selbst zu seiner romantischen Variation lockt. Der Vergleich, die Metapher, die immer Flucht aus Wirklichkeit ist. Pfui über Frankreich und das übrige Europa, das seit Jahrhunderten keinem Dortgeborenen seine statische Winzigkeit, die ihm angeboren und gerecht ist, mehr gönnt, aber ihn durch Allegorien zur Ekstase ruft, zur Attrappe aufbläst, die von der eigenen Sache wegspricht und weglebt! Wie viele Wesen haben Sie getroffen, die einen Hauch von sich selbst ausströmten? Der eigenen Güte, Heiterkeit, individueller Bosheit oder Verrücktheit; eine Spur eigener Tugend, eignen Lasters? Oder waren nicht alle für ihr Dasein auf gängigen Vergleich aus einer Gemeinschaft festgelegt? Hießen sie nicht Liberale, Katholiken, Nationalisten, Sozialisten; oder Freigeister oder Christen? Was aber hat das mit ihrer Ursprünglichkeit zu schaffen?

Die Dame

Und was ich mit meiner?

Der Bettler

Das wissen nur Sie.

Die Dame

Warum bringt Erziehung nur Muster zur Nacheiferung vor unsere Augen, lebt in aller Kreatur das Verlangen, sich selbst ohne Vergleich zu schmecken, zu behaupten?

Der Bettler

Sie glauben an dieses elementarste Bedürfnis aller Menschen?

Die Dame

Ich hatte nie ein anderes. Als Kind empfand ich mich auf meine Weise rund. Das heißt, ich hatte keine große Meinung von meinen Fähigkeiten, doch genügte ich mir, und jeder Augenblick, in dem ich mich fand, beglückte mich. Aber die Erwachsenen verglichen sie mit einer willkürlich von ihnen gewählten, stellten meine als minderwertig hin. Bis ich, ihnen zu genügen, meine Zustände nach den von ihnen gezeigten Maßen zu schneidern suchte.

Was war der Klugen Absicht?

Der Bettler

Kontrolle! Das hieße Chaos, wäre jeder durch sich selbst auf seine Weise selig.

Und wozu, bitte, brauchte er den anderen?

Doch behaupte ich, mag des Menschen Drang, zu sich zu kommen, bei seinem Selbst zu bleiben, Dinge beim rechten Namen zu nennen, allgemein gewesen sein, seit langem folgen Massen Schlagworten, die für das Wesentliche dessen wesenlosen, aufgedonnerten, geölten Ersatz setzen.

Die Dame

Hätte gemeinbürgerliches Leben, aus dem alle Wahrhaftigkeit gepreßt ist, in einer Schöpfung dauernd bestehen können, die sich nirgends um der Menschen fälschende Absichten kümmert?

Der Bettler

Bestimmt nicht. Darum ließen dieser künstlichen Gemeinschaften Gründer ein Ventil, durch das die im Menschen wie in aller Kreatur aufgespeicherte Ursprünglichkeit zu allen Zeiten entweichen kann.

Die Dame

Dieser Abweg menschlicher Kräfte müßte von allen der interessanteste sein.

Der Bettler

Er ist es.

Die Dame

Wie heißt er?

Der Bettler

Politik.

Die Dame

Politik ist Kunst, sagt ein deutscher Gelehrter und Sachverständiger.

Der Bettler

Er sagt es innerhalb der »Wissenschaften« als innerhalb des »Lebens«; nebelhaft und falsch. Mittels einer Metapher, wie Sie sahen. Hätte er politisch gesprochen, hätte er gesagt: In einem Sein, auf dessen positiv sichtbarer Seite der Mensch nicht seiner Begabung und Bestimmung, doch Vorschriften, Gleichnissen, Unmöglichkeiten leben muß, bedeutet Politik das Negativ, in dem an dieser Stelle menschlicher Natur wieder die eherne Notwendigkeit tritt. Aus Gedichten, Büchern, Feststellungen kennen wir den Weltbürger als edel, hilfreich, gut, lernen ihn als seiner Entwicklung, fortschreitenden Veredelung hingegeben, was für die Politik nicht hindert, diese Annahmen als Schwindel zu wissen und bestimmt vorauszusetzen, er geht uns mit Bombe und Granate zu Leib, uns Kostbares, das wir besitzen, zu entreißen. Wir werden also, während »im Leben« herzliche Telegramme hin und her fliegen, den Mäulern Sirup und hymnische Verse entschäumen, politisch täglich auf der Hut sein, in Ansprachen »böswillig« für »freundwillig«, für »menschlich im Sinn einer goldigen Abirrung der Schöpfung«, menschlich im Sinn der Schöpfung schlechthin wieder setzen. Dann sind wir, ist, wie augenblicklich das andere Aggregat menschlicher Zustände, Krieg da, trotz unseres täglichen Kauderwelsches nicht von Wirklichkeit geprellt.

Die Dame

Doch wie brutal, der Menschheit, die in Nächstenliebe und zärtlichen Parabeln schwelgt, unvermittelt diese ihre wahre Natur vorzusetzen!

Der Bettler

Das geschieht durch Schlangenmenschen, die unseren an sich rückgratlosen Sprachen Gelenke brechen, Worte zu Spiralen rollen, die sie nach Belieben von rechts oder links aufstehen lassen: die Journalisten. Fanden Sie, daß diesen Männern, Knicke durch Weltanschauungen plausibel zu machen, schwergefallen ist?

Die Dame

Es war ungeheuer ekelhaft.

Der Bettler

Ich lese keine Zeitungen, merkte nichts davon.

Die Dame

Ich lernte von Ihnen Geradheit genug, Sie zu bitten: gehen Sie! Für heute ist Ihre Absicht erreicht: Sie erschütterten meine Ruhe, und ich will auf meine Weise versuchen, sie wiederherzustellen, meiner Unruhe Ursache gründlicher aufhellen, als ich es mit Ihnen kann, der Sie noch manche andere in mir erregen werden.

 

Beim nächsten Zusammentreffen schien die Baronin heiter, meinte lachend zum Bettler:

Die Dame

Ihrer Behauptung, europäische Mentalität sei seit Jahrhunderten der Wahrhaftigkeit entfremdet, der Metapher, verstiegenem Vergleich ausgeliefert, habe ich nachgedacht und sie vollkommen wahr gefunden.

Der Bettler

Als Deutsche können Sie nicht feststellen, wie sehr sie es ist. Denn mag in Ihrem Land tägliches Geschwätz nicht wirklicher sein, mag man nichts geradeaus beim Namen nennen, dieser Krieg beweist, man ließ sich bei Ihnen im Grund nicht irremachen, hat hinter der Fassade verzuckerter Aufschriften, trotz Kunst und Wissenschaft vernünftig Politik getrieben, notwendige Dinge bereitgestellt. In Frankreich aber hat die Phrase, glorreiche Umschreibung menschlicher Dinge öffentliches Leben nicht nur, doch das politische benebelt. Und das bedeutet seiner gesamten Bevölkerung großes, wirkliches Verbrechen an sich selbst.

Die Dame

Trotzdem: Als ich mir hinterher der unglücklichen Emigrierten Ankunft in meinem Haus wieder vorstellte, habe ich lachen müssen, als ich Goethes »Hermann und Dorothea« wieder las, wo die evakuierte Heldin wie der Wohlhabenheit Göttin neben ihrem Wagen, von tüchtigen Bäumen gefüget, von zwei Ochsen gezogen, den größten und stärksten des Auslands, trotz Requisitionen, Gefechtszonen und Etappenwirtschaft, pompösen Einzug in Hermanns Dorf hält, in dem in Schlafrock und Schlummerrolle die Einwohner aufwarten, und nachdem sie vom Jüngling mit Frühstück, Liebesgaben, brillanten Redensarten gelabt ist, ohne Rücksicht auf Katastrophen einen Flirt, dann ein festes, gesetzliches Verhältnis mit ihm startet. Während meine Armseligen, vor Schreck über erlebte Exzesse bis in die Knochen schlotternd, nach Wochen nicht imstand sind zu leben, aber in dunklen Stuben bewegungslose Tage hinbringen. Ich selbst hatte aus Goethes Lektüre nichts sehnlicher gewünscht, als in Dorotheas Lage ihre herrlichen, gestelzten Schlußworte an Hermann richten zu dürfen.

Der Bettler

So sind wir über Erreichbares mit Vorspiegelungen durch Geister getäuscht, die höhere Verantwortung zu kennen behaupten; die aber nur eines in uns stiften, sehen wir, wir können an die goldenen Schüsseln, die sie auftischen, nicht heran: glühendes Ressentiment. Haß gegen alles, was uns anscheinend Enterbten vorbehalten ist. Während es in Wahrheit nichts von alledem für keinen Menschen gibt. Dessen angeborenes Vermögen immer klein zu Zielen ihm eigen ist, die niemand außer ihm kennen und beurteilen kann.

Das Element nun, das in mir am kräftigsten sich regte, Eigennutz, habe ich durch mein Leben zu gehöriger Geltung gebracht. Ihm unbedingt folgend, war ich mir nirgends fremd. Ich schien nie groß, nie wichtig für das Menschengeschlecht. Mir selbst aber gab ich, was ich brauchte, gebe es mir in meinem traurigen Aufzug noch jetzt.

Wie alt sind Sie?

Die Dame

Dreißig Jahr. Sie brauchen nicht weiter zu fragen. Obwohl ich verheiratet bin und Kleider nach der Mode trage, war ich noch für nichts Fremdes entschieden. Nicht aus Ihrer Überlegung, aus Instinkten bewahrte ich mich selbst.

Der Bettler

Ich weiß es. Denn ich naschte daran.

Die Dame

Ich gebe Ihnen die Hand!

Der Bettler

Die ich wie alles, was Sie mir reichen, nehme. Ich bin Bettler. Sie die Vermögende. Doch damit fiel keiner von seiner Natur ab. Durch die blieb ich habsüchtig, faul, Sie fleißig und gut. Womit lebendige Tatsache, keine Überlegenheit für Sie festgestellt wird.

Dann ging der Bettler, ließ die junge Frau zufrieden in sich selbst zurück.

Einige Tage später geriet er in furchtbares Unwetter, das ihn mit Hagel, Sturm und Stößen spellte. Während Fetzen von seinem verbrauchten Körper wehten, stellte er fest, es war, als hätte sich große Natur gegen ihn aufgemacht, ihm in einem Trommelfeuer ohnegleichen ihre Unwiderstehlichkeit zu zeigen. Er dachte, als er halb entseelt hinsank, wie die mit ihrem Wesen vor ihm auftrumpfte, sagte sich, mit seinem habe er es nach Kräften ähnlich gehalten.

Noch wünschte er der freundlichen jungen Frau für ihre Art ähnliches Gelingen bis zum irdischen Ende. Als aber die heulenden Elemente zu noch unbändigerer Kraftprobe gegen ihn einzelnen ausholten, das All phantastisch um ihn durcheinanderquirlte, lächelte er und fühlte, fröhlich sterbend, hier lasse sich die Schöpfung selbst zu einem Exzeß hinreißen, von dem es nicht mehr weit bis zur Metapher sei.

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