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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 14
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Die Poularde

1918

 

So arm waren Stefanies Eltern, daß es in dem ausgemergelten Landstrich der schäbigen Bevölkerung Erstaunen erregte. So traurig stand, den Nachbarn fern, der Hausstumpf am Wald, daß dem Vorübergehenden Not übler Atem aufstieg, er die Rückkehr auf gleichem Wege mied.

In solchem Gerümpel, ahnte man, durften von Rechtes wegen nur Schweine hausen; verhielt es sich anders, war das ein Fehler in der Schöpfung, der einen bekümmerte, während man im Grund machtlos war. Nahrung der dort Eingepferchten stellte man sich als Schale und Abfall vor.

Mit fünf jüngeren Geschwistern, den Eltern teilte Stefanie nachts drei Matratzen, wollene Fetzen und Flanellenes als Kleidung, Kohl zur Nahrung. Doch gab es im Mai nach Winterkälte Sonne, die Knochen auftaute, Behagen durchs Blut trieb.

Schlimm wurde die Lage, als jäh die Mutter starb, Stefanie, dreizehnjährig, der Kleinen Versorgerin blieb. Da galt es, den ganzen Tag in der anderen Unreinlichkeit zu stehen, sie fortzuschaffen, den unselbständigen Vater durch Frohsinn bei Laune zu halten, den das Mädchen aus eigener Kraft nicht immer aufbrachte, an dessen Stelle sie des Alten täppische Zärtlichkeiten litt. Da sie aus häuslicher Arbeitsfülle Schul- und Religionsunterricht kaum beigewohnt hatte, glaubte sie manches, was nicht sein durfte, erlaubt, duldete, als sie wuchs, von ihres Vaters Gefährten, die sich zu ihnen verliefen, Animalisches, das ihr aus der Natur, Ställen mit billigen Haustieren an des Häuschens Seite, vertraut war.

So wurde sie, ohne daß sie durch wen und wie gewußt hätte, aus ihrem ersten Zustand in den der Frau gebracht, hatte aber von ihres Lebens Änderung keinen Eindruck oder Vorstellung. Geschehenes und unbefangen Wiederholtes half ihr geraume Zeit nur, dieser Seite des Daseins nicht mehr Beachtung als sonstiger Notdurft zu schenken, dem Leben mit siebenzehn Jahren in der Hinsicht mit einer Freiheit gegenüberzustehen, die ihr die zu sich selbst aufbrausende Besinnung, anders als die Mehrzahl der Frauen, an wichtigere Dinge zu wenden erlaubte.

Als nämlich der Vater eine neue Frau genommen hatte, die den Hausstand zu besorgen bereit war, verließ Stefanie die Familie, ging, ihrer Arbeitskraft gewiß, ins nächste Dorf, wo sie bei dem Metzger Stellung nahm. Pünktlich erfüllte sie Pflichten, in die sie des Hausherrn Umarmungen von Anfang an eingestellt hatte, wäre aus bescheidener Laufbahn nicht herausgetreten, hätte sie sich nicht Groschen und Markstücke aus der Ladenkasse, für die sie Schmuck und Putz kaufte, angeeignet. Wie sehr der Metzger ihr durch seine Liebschaft spießgesellt war, fürchtete er, es möchten die Diebstähle sich häufen, sie ihn auch sonst genieren, und er ließ durch seine Frau Anzeige gegen die unehrliche Hausgenossin machen.

Nun erlebte die Verhaftete ein so deutliches Phänomen, daß es als ihres Lebens erster krasser Eindruck feststand: wohin sie unter Menschen kam, empfing sie von jedem Mann so dringende Zeichen seiner Fassungslosigkeit, grenzenloser Demut ihr gegenüber, daß der Sieg ihrer im männlichen Gegenüber schallend ausgedrückten Schönheit sie immer mit bezwang, mehr und mehr in jeder Lage sicher machte. Zwar wurde sie nach des Gesetzes Buchstaben zu der geringsten Strafe von zwei Monaten Gefängnis verurteilt, vom Vorsitzenden des Gerichtes über Schöffen und Zuhörer bis zu dem Schutzmann, der sie bewachte, bat aber jedes Männerauge zerknirscht um Verzeihung, drückte bezaubert aus: Du wollest, Holde, mich für des Gesetzes Blödsinn nicht büßen lassen.

In ihrer Zelle hatte sie plötzlicher Erfahrung nachzudenken Zeit. Was sie nicht beachtet hatte, besaß für andere Wert, war ein für allemal ihr kostbares Eigentum. Hatte sie bisher ihrer Durchschnittlichkeit Gewißheit beherrscht, machte ihrer Besonderheit neue Kenntnis viel Kraft in ihr frei. Ohne Spiegel sah sie an sich hinauf und hinab ihre Erscheinung besser ein, lernte das Ganze, Teile, die kleinste Einzelheit auswendig, besaß am Ende der Haft solche Schätzung leiblicher Vorzüge, daß sie dem Tag der Freiheit mit Gefühlen wie der Erbe großen Vermögens entgegensah. Durch dessen kluge Verwendung er für nüchternes Leben Romantik, eine zwar bezahlte, doch stets für ihn bereite, will.

Am Vorabend ihrer Entlassung nahm sie gewissenhaft Musterung über sich ab. Noch bekleidet, begriff sie des Haares aschblonde Masse mit der Wimpern und Brauen nicht übereinstimmendem Braun als ihren heftigsten Reiz, mit dem sie in jedem Fall rechnen konnte. Auch die Anstaltsjoppe, der Sack um die Beine konnte ihren Wuchs nicht verhüllen. Als beides fiel, entschlüpfte ihr diesmal ein Schrei. Hingerissen blieb sie ihr berückter Zuschauer, bis kühles Fleisch sie wieder wachruft.

Am anderen Morgen stümperte sie auf Nerven des sie zum Bahnhof begleitenden Gendarmen erste Tonleiter vom Blatt, war, in der Großstadt angekommen, die ihres Kerns gewisse Person.

Augenblicklich hätte sie ihre Laufbahn beginnen können, wäre ihr nicht aufgefallen, zwischen ihres Auftretens Glanz und Mitteln, ihn anzubieten, gab es noch kein Verhältnis. Sie ahnte, nur in Ruhe sei sie schön, Bewegung entstellte sie, Wort nagelte sie in Niedrigkeit, der sie entfliehen wollte, fest. So trat sie bei besseren Bürgern als Zimmermädchen ein, sah ihnen Lebensart ab; suchte, wie sie sich zu bewegen, drückte wie sie Gefühle aus. Einen Wortschatz erwarb sie, konnte sich in gesteigerter Situation sinngemäß blähen. Sie schnörkelte an allem Ausdruck, hängte dem Eindeutigen im Tonfall Schwänzchen an, machte Leibliches mit Knick und Wendung manchmal deutlicher. Nach einer Liebschaft mit dem Haussohn überließ sie sich fertiger dem Hausherrn.

In Jahresfrist wechselte sie bürgerliche Herrschaft so oft, bis ihr der Klasse Formen geläufig waren. Trug sich wie das gutgeborene Töchterchen, nahm gleich ihm von dem in Gesten Angebotenen mit zimperlichen Worten jedesmal ein Teil zurück.

Mit neunzehn Jahren konnte sie sich als Kammermädchen in fürstlichen Haushalt verdingen und, der jungen Fürstin zur Bedienung zugeteilt, wurde sie im Umgang mit der hochgeborenen Frau, mit Leidenschaft in ihres Daseins Lücken sich schmeichelnd, aller Heimlichkeiten eines schönen, lasterhaften Weibes von Welt Mitwisserin. Das an des kleinen Mädchens Erziehung zur Liebe Freude fand, es immer inniger schätzte. Ohne körperliche Scham vor der an Schönheit ebenbürtigen Geschlechtsschwester, nahm ihr Gefühl, ihre Geistigkeit kein Blatt vor den Mund, sie verriet, von Festen kommend, der Aufhorchenden ihre Sensationen und gesellschaftliches Glück.

Das äußere Werkzeug, mit dem die Frau sich für den Mann erhält, wurde Stefanie vertraut; sie kannte die seltene Essenz, milde, heftige Reizmittel zum Genuß, unterschied im Anzug Erlesenes vom Nur-Gewöhnlichen. Darüber hinaus lehrte die Prinzessin sie vergangener Epochen berühmte Liebschaften kennen. Casanovas, Mirabeaus Libertinage, Brantômes, Boccaccios, de la Sales Bekenntnisse wurden ihr bekannt. Valmonts und der Marquise von Merteuils Entzückungen las die Herrin mit gesperrten Augen vor, um, lag sie in Stürmen sich nicht genugtuender Zärtlichkeit, ihr noch der eigenen Liebeschronik Gipfel zuzuflüstern.

Doch auch, wie man den Gatten, den Geliebten täuscht, wie beide versöhnt und wieder gereizt werden, man eine Beziehung zu Tod hetzt, von weither die andere anknüpft, man falsche, echte Tränen weint, wirklich und wie im Theater lacht, lernte Stefanie, und viel aus adeligen Taschenbüchern und dem Hofkalender.

Bis sie das Weib war, das der Mann von Welt an öffentlichen Orten mit Aplomb zeigt. Doch wollte sie für ihren Eintritt in die Welt Nuance. Von ihrer Lehrerin wußte sie, beim Rennen hängt vom Start viel ab. Wie eine fite Stute mußte sie aufgaloppieren, um nach glattem Ablauf aus dem Rudel an die Spitze zu fliegen. Jeden der im Haus ein- und ausgehenden Kavaliere, all diese Herren mit des Prinzen Einschluß konnte sie zum ersten offiziellen Partner haben. Doch wartete sie auf den, dessen auf sie gefallene Wahl das stürmischste Aufsehen verbürgen würde.

Einen alten polnischen Magnaten gab es, der durch galantes Leben sich seiner Beine Gebrauch beraubt hatte, an Krücken ging. Einzig war sein mondäner Ruf, über Frauen galt sein Urteil als Gipfel. Seit langem aber begnügte er sich, platonisch bestimmend in allem, was des Weibes Nachstellung anging, zu sein. Zu groß angelegter Unternehmung holte sich auch der Kenner des Grafen Gilczynskis Rat. Nur für das eigene Leben schien er nach dem tragischen Bruch mit der großen italienischen Tragödin kein Weib mehr zu finden.

Dieser zertrümmerte Wüstling sollte ihr des Lebens erste ernste Geschichte machen, entschied Stefanie; an ihm sollte zu ihren Gunsten das Exempel statuiert werden. Der zynische Abgott eines Klüngels mußte, sanfte Taube, vor ihr schwirren, für sie zu pikant-grauenhafter Affiche zurechtgesetzt werden.

Wie eine Fliege fing sie mit wuchtigem Schlag die Reliquie, indem sie vor seinen Augen mit Liebreiz Stufen hinauffiel, daß dem Gepackten aus Wäschezauber eine Frühlingsnacht in Chantilly, ein Haus mit grünen Fensterläden einfiel, er in lauter achtzehntem Jahrhundert ging.

Seine Werbung war brüsk, dehnbar ihre Ablehnung. An ihr gängelte sie ihn, bis er Narr war, in Träumen Champagner aus ihren Schuhen trank. Siegreichen Ausganges sicher, machte sie ihn wie ein Gummiband schlapp, das man täglich überzieht. Schließlich baten Freunde, bat der Prinz, die Prinzessin zu des Freundes Gunsten. Die Letztere riet der Angeschwärmten, das Wrack auf Abbruch zu heiraten. Stefanie sperrte sich, maulte, bis Aufsehen wie Posaunen schrie. Dann trat sie als überredeter Engel aus dem Winkel ins Licht, erbat, dem Anbeter Aug in Auge, vor Zeugen Bedenkzeit. Und während sich der morsche Kavalier auf ihre Hand bückt, besieht sie nachdenklich den Grandseigneur, sucht in sich festzustellen, wie er ihr am besten dienen könnte.

Sie macht ihren Staatsstreich, als sie erklärt, seine Frau nicht, das verböte sich, seine erklärte Geliebte wolle sie sein. Da hatte Welt einen Bewunderungsschrei, des Magnaten Familie Dankbarkeit für sie; mit einem Schlag war sie in den Augen der Strengsten die ernsthafte Angelegenheit.

Auf großem Fuß etablierte sie des Grafen Reichtum. Sie hatte das Haus in der Stadt, stand auf seinen Schlössern Jagden vor. Unter Schützen die einzige Frau, zeigte sie Talent, Doubletten zu schießen. Nachts ließ sie sich im Schutz von Treppen und Gängen vom besonders kühnen Jäger selten stellen, hatte sie ein Vorzug an ihn gefesselt und glaubte sie, nach gesellschaftlichem Übereinkommen Verpflichtungen ihm gegenüber erfüllen zu müssen.

Nach allen Richtungen kreuzte sie mit dem gräflichen Beschützer die Welt. Der Pflegerin betontes Amt stand ihr überall. Ob sie in Cannes, Fontainebleau, Deauville, ihn stützend, in den Speisesaal trat, ihm in der Freudenau, in Epsom den Stuhl in die Loge schob, Hingabe war immer kleidsam, und in jedem Zuschauer spannte sich mit ihr freudiges Bedauern.

Sie wurde seines Kindes Mutter, das ihr stand, mit dessen Rosa und Weiß sie sich bei Gelegenheiten schmückte. So tief beugte sie sich auf den Knaben, daß blonde Mähne sich in den Wiegenkorb entfesseln konnte, der anwesende Begleiter aus dem, was ihn von diesem Weib mit Assoziationen packte, zärtlichste Bedürfnisse hatte.

Manchem Mann trat sie nah, da ihr die männlichste Voraussetzung, aus einer Liebesgeschichte nichts Ernsthaftes zu folgern, durch Veranlagung und Erziehung plausibel war. Doch auch sie duldete neben ihres erklärten Freundes Leidenschaft kein Gefühl auf des Partners Seite, das ihres Lebens primitives Gerüst bedroht hätte. Das stand auf dem Satz: kostspieliger Komfort, durchaus Annehmlichkeit für den, der ihn gekauft hatte, gewährleistete sie unter allen Umständen den endlichen Besitz, der des Bezahlten erstes Merkmal ist.

Galante Atmosphäre diente dazu, des wirklichen Besitzers Behagen aus seiner Sorge und Eifersucht um sie zu steigern. Daneben blieb sie überzeugt, alles Eigentliche in ihr sei durch Kauf des Grafen Gilczynski Eigentum, stünde ihr persönlich nicht mehr zu. Aus ererbter Anpassung war sie trotz äußerer Stellung gründlichem Wechsel in seelischen Gründen noch die völlig Hörige. Unbedingt in den Geistigen. Denn ob sie durch seine Anbetung über dem Grafen, ihren Anbetern schwebte, wartete ihr Verstand des Herren Laune auf, indem nichts sie bewegte, als, was vornehmer Männer wesentliche Inhalte waren, zu wissen.

Sprach zu einem andern ein Mann, hockte sie, Beine unter dem Schoß, mit erhitzten Augäpfeln beiseite, suchte hinter Worten ein Unbedingtes für sich herauszuhören. Gelang es, kam sie wie eine Katze ins Schnurren, blieb von eines Nichts Erörterung hingerissen, hatte sie bei seiner Erwähnung den leidenschaftlichen Ernst in den Stimmen gespürt, der ein für allemal für sie bestimmend war.

Ihrerseits drückte sie von Anfang an mit Worten keinen Gedanken aus, setzte sie nur so, daß sie den gewollten Zweck nicht verdunkelten, dessen eigentliche Betreibung sie einem Drang überließ, der sich unmittelbarer aus ihr entlud. Wie sie Absätze des zu ihr Gesagten mit der Absicht, den tiefer liegenden Instinkt in ihnen zu haschen, überhörte.

Damit war sie jedem Mann gewachsen, der sich feierlicher Rede vor ihr hören ließ, von sehr weit und gegen den Wind sich an sie pürschte. Den sie aber, tief in Trieben wurzelnd, schon äugte, dachte der sich hinter Wortattrappen noch geborgen.

Gab es mit dem aufgewühlten, ihr anhängenden Greis von Zeit zu Zeit Auftritte, antwortete sie auf seine Vorwürfe nicht logisch, doch so, daß sie die von ihm in Aussicht gestellte Katastrophe durch ein wahres aus ihr prasselndes Chaos überbot, der Verblüffte, wurde der Weltuntergang durch seine Bitte um Verzeihung noch vertagt, froh war.

So herrschte sie im Umkreis, erfüllten Diener, vom Grafen Bezahlte und Anbeter ihr jeden Wunsch. Frei von anderen Leidenschaften, genoß sie mit Inbrunst raffiniertes Nichtstun, ihrer Glieder unaufhörliche Pflege, bildete sich dazu ihre Jugend ein, in der die Haut durch Frost und Hunger jämmerlich entstellt gewesen war, das Fett auf Knochen gefehlt hatte.

Jetzt polsterte Busen und Bauch, schwellte Schenkel und Waden plastische Weichheit, strafften den Rücken so köstliche Stufungen, daß die für Schönheit blinden Bauernmädchen, die die grobe Arbeit in den Zimmern machten, sich ihr zudrehten.

Spielte sie mit dem Grafen und Freunden zwischen Mahlzeiten nicht das ewige Kartenspiel, durfte man ihrer Nägel Pflege, der Haare stundenlanger Durchkämmung zusehen, deren elektrische Entladungen einen Vorgeschmack von der in diesem Weib aufgespeicherten Naturkraft gaben.

Schließlich glich sie strotzend jener Frau des Rubens, der Fleisch gehügelt über Bünde hüpft, die, während Fülle sich überall freidrängt, mit einer Hand die üppigen Brüste zwingt, mit der andern ihres Leibes Mitte in den hergerafften Pelz verhüllt.

Kein Zufall war's, daß ihrer Taille Knöpfe manchmal offenstanden, doch rührendes Symbol.

 

An einem ersten Januar trat bei ihr eine andere Kammerjungfer, beim Grafen ein neuer Kammerdiener ein. Vier Jahre hatten die für sie Verabschiedeten den Dienst zur Zufriedenheit erfüllt, letzthin aber war Wertvolles aus den Schlafzimmern verschwunden, und eines Tages hatte der Graf beide Diener verabschiedet. Die neue Jungfer, jung und hübsch, hatte Umgangsformen, verstand ihre Sache; der Diener, ein großer Rotblonder, war mit Manieren still, unterschied sich vorteilhaft von seinem Vorgänger, dessen Geschwätz den Grafen oft geärgert hatte. Schnell hatte Sofie der Herrin dringenden Wunsch, im Haus und draußen Welt ausdrücklich für sie angerichtet zu finden, erraten, tat immer, als sei vor der Gebieterin Zustimmung kein Akt von ihr, doch auch keines anderen, ja Gottes nicht, vollendet. Öffnete sie morgens Fenster im Schlafzimmer, über den Frühstückstisch mit Blumen und Silber goß Sonne Lichter in der gnädigen Frau Schoß und Wäsche, schrie sie auf, doch nicht gerade entzückt, aber vor Entzücken erst kichernd, war der Beschienenen Beifall gewiß. Oder stand Stefanie zum Hinabgehen fertig mit neuem Kleid im Spiegel, kam Sofies stürmischer Applaus nicht eher, bis die Herrin Zustimmung zu sich selbst ausgedrückt hatte. Auch über den Grafen und die Hausfreunde erwähnte sie nur einen Eindruck, den sie in betreff der Gebieterin von den Herren hatte; gewaltige Effekte, die sie in Umschreibungen immer wieder genießbar machte.

Angenehm fand Stefanie das Mädchen, interessierte sich für seine Geschichte. Die gleiche Anekdote, die ihre eigene Vergangenheit war, erfuhr sie aus ihr. Nur kam kein Diebstahl vor, doch in Sofies Leben war Liebe zu einem Mann Höhepunkt gewesen, über die sie Banales, durch sentimentale Veranlagung zu kleiner Katastrophe Aufgebauschtes in Andeutungen erzählte. Am Schluß der Beichte weinte sie, und Stefanie konnte sich die eigene bequeme, überlegene Gemütsart, der sie Glück und Zufriedenheit dankte, bestätigen. Es machte ihr Vergnügen, die Aufgeregte in immer stärkeren Gefühlsausbruch zu hetzen, den sie jedesmal mehr genoß.

Plötzlich aber ließ sich Sofie nicht mehr zu Ergüssen über den verschwundenen Freund herbei; es war klar, Neues, Lebendigeres erfüllte sie. Ihren Blicken brauchte Stefanie nur zu folgen, zu wissen, Wenger, dem Kammerdiener, galt der Kleinen Begeisterung. Schon sah sie jäh den Fall abstürzen, als sich des Mannes Sprödigkeit, des Mädchens Verblüffung darüber zeigte. Duldete Sofies Eitelkeit kein Geständnis ihrer Niederlage, sah die Herrin den Stand der Dinge aus ihren bösen Launen ein. Der fesselte sie um so mehr, als sie immer wieder bestätigen mußte, reizend sei die kleine Person; zu zierlich im einzelnen gemacht, im ganzen großen Ansprüchen genügend. Der Mann war gut gewachsen, doch was wollte er auf dem Land, wo andere Zerstreuung fehlt, mehr als das begeistert angebotene Glück?

Sah sie ihn näher an, fand sie, er habe Haltung, die ihn aus seinem Kreis hob. Auf Zehen ging er lautlos, alles streckte sich an ihm. Verschlossen war er mit Dienstboten, bei der Herrschaft Trieb in ihm wach. Bei Gesprächen, denen er zuhörte, stand Feuer in seinem Blick, er war, sprach man ihn an, im Traum ertappt. Geschmack fiel an seinem Anzug auf und, daß in besserem sich der Mensch gut bewegt hätte. Das Erstaunlichste war der Takt, den er, seinen Herrn zu Bett bringend, bewies.

Stefanie bildete sich ein Schicksal von diesem Diener ein, das ihn aus seiner Sphäre heben müßte, habe er, ein hochgestecktes Ziel zu wollen, Ehrgeiz genug. Aus Vergleichen mit dem eigenen Geschick hatte sie Wohlwollen und Teilnahme für den Mann.

Eines Abends fiel ihr ein, sei er zu höherem Fortkommen rücksichtslos entschlossen, müßte, mit einem Schlag in neue Verhältnisse zu springen, sein kühnster Flug sie selbst an der Berechnungen Spitze gestellt haben.

Denn dieser Mensch besaß männliche Erfahrung, wußte mit der Welt und ihr hinreichend Bescheid, viel von ihr zu ahnen, mehr aus Vergleichen zu erwarten. Er sah sie mit dem alten Mann zur Seite ohne wirklichen Liebhaber aus krüdem Volksempfinden bestimmt als eine zum Genuß Bereite. Die Worte, mit denen er vor sich selbst ein Weib wie sie und ihre Lebensumstände nannte, hätte sie hören mögen.

Bei allem Befehl, den der Graf an Wenger gab, bei jedem Auftrag für ihn, ertappte sie sich auf so echtem Kameradschaftsgefühl, daß nichts, was ihn betraf, ihr gleichgültig blieb. Über seine Herkunft dachte sie nach, sah auf seine Hände, die früher von ihm geleistete Arbeit zu kennen, festzustellen, ob er nicht besser als sie selbst geboren war. Da es ihr gut ging, wünschte sie diesem Gutes, weil auch er unverschuldete, soziale Niedrigkeit verabscheute, von ihr los wollte. Jedes Lob, das er empfing, schmeichelte ihr, sie wandte sich, daß er den Beifall in ihren Augen sähe, ihm zu.

Doch blieb ihr gegenüber in einer Zurückhaltung der Domestik, die sie als gewollt fühlte, weil sie Leidenschaft hinter der Grimasse ahnte, die sie nicht als schöne Frau, doch als die beste ihm erreichbare Beute begehren mußte, und weil sie die Ursache nicht sah, warum kein Nerv ihr gegenüber an ihm bebte. Darum suchte sie ihn mit kaum sichtbarer Teilnahme, erst als er sie nicht begriff, mit Blick ins Gesicht, flüchtiger, doch gezielter Berührung zu verführen. Schließlich mit der Vertrautheit, die seine Anwesenheit in Schlaf- und Ankleidezimmern entschuldigte.

Als der Unnahbare nicht zu rühren war, zu ihrer eigenen Verwirrung abends Sofies Klagen über den heftiger Angeschwärmten kamen, fand sich Stefanie zum erstenmal seit langer Zeit wieder in einer Lage, die nicht wie jede sonst entrollte. Wachte sie morgens auf, ließ des Tages Verlauf sich über Freuden bis zum erleuchteten Abend nicht mit jener Gewißheit voraussagen, der sie Glanz der Augen, starke Nerven verdankte. Doch wirkte in ihr, was Blut staute, Fontänen zum Kopf trieb, daß sie vor Menschen erröten mußte. Aus Ruhe war sie in Erregung, die weh tat, gestürzt, faßte nicht, daß für diesen Mann nicht gleiche Gesetze aus ihr, die ihr Leben stets geregelt hatten, gelten sollten.

Trotz Vorwürfe für sich selbst ging ihr Trieb auf ein Bedürfnis los, das durch alle ihre Zellen brauste. Dieses Mannes Luft mußte sie atmen, sein Tun und Lassen erleben. Unter Vorwänden blieb sie im Ankleidezimmer, durch dessen offene Türen sie ihn in des Grafen Schlafraum bei der Arbeit sah. Dort schaffte er, als schaute niemand ihm zu, gab auch auf Sofie, die an ihm vorbeistrich, nicht acht.

Einmal, als sie sich, nach dem nicht Sichtbaren zu spähen, weit vorgereckt hatte, stand er einen Schritt von ihr in der Tür, raubte ihr mit riesigem Blick in sie hinein Besinnung. Als sie zu sich kam, bastelte er wieder Arbeit.

Schwül wurden Nächte, Kissen, Laken stieß Stefanie fort. Schicksalhaftes ahnte sie in sich und war von Zorn besessen. Elementares fürchtete sie, das wie Elend und Not kein Erbarmen kennen, sie mit Stürmen, gegen die man machtlos ist, schütteln würde, zu denen es nur des Nachbars Achselzucken und seinen Spruch gibt: So ist das Leben.

Aber, daß das Leben nicht so sein muß, wußte sie. War nicht auch in den vergangenen Jahren die Versuchung, Grenzen zu sprengen, dem Chaos sich hinzuwerfen, oft und dringend an sie getreten, und hatte nicht immer wieder Beherrschung in ihr entschieden: aus eigenem Wunsch und Gewissen hast du fremder Gewalt dein Geschick verkauft?

Jetzt aber blieb ihr über Ruf und Warnung köstlich der Mann, sein Dasein im Raum berauschend. Je mehr ihrer Umgebung weltmännisches Wesen feststand, um so stärker riß sie Urkraft zu diesem hin, hinter dessen Nachäffung anderer sie ein wild Unmittelbares witterte. Schon hing sie den Blick an ihn, plünderte ihn vor aller Welt.

Auf den Balkon trat sie nachts, sah in den Park nach jener Hausseite hin, wo sie ihn im Gesindeflügel schlafend wußte. Sie lachte sich aus, faßte das Alberne ihrer Lage und ließ sich über alles Seufzen wollüstig durch ihre Achse spalten.

Mantel, Tuch schlug sie eines Abends spät um die Schultern, ging, eine Wandelnde, an Büschen vorbei die mondbeschienenen Wege über klingenden Kies unter sein Fenster. Dort stand sie, und es war, sie würde die Wand hinaufgehoben, sähe in sein Bett ihn hingestreckt. Diese zauberischen Partien führte sie den Juli hindurch fort, blieb in Phantasien glücklich.

Doch da sie sein Geheimnis nicht länger ertrug, lief sie, als er zur Tür hinaus in die Stadt fort war, in sein Zimmer, warf flach das Gesicht ins unaufgeräumte Bett und füllte sich wie einen Schlauch mit seines verschwitzten Leibes durchdringendem Schweiß.

Noch sah sie aus Märchen eine Mundharmonika auf der Kommode, Ansichtskarten mit üppig enthüllten Weibern, Generälen zu Pferd um den Spiegel gespießt und entfloh mit dem warmen Trikot von ihm, das sie fortan auf ihrem nackten Leib trug.

 

Nicht Stolz ließ sie dem Sieger seinen Sieg verheimlichen, sich nicht wie Blitz in seine Arme werfen. Schreck, durch Hingabe aus Behagen in bodenlose Tiefe geschmettert zu werden, stellte sich ihrem Verlangen entgegen. Denn je näher sie dem Angebeteten mit entfesselten Instinkten trat, um so unbedingter spürte sie hinter harmloser Fassade den Banditen und Ausbeuter.

Als sich Sophie verwandelte, Eifersucht Stefanie Wochen zermürbt hatte, stieg sie eines Nachts auf einer Leiter an sein Fenster hoch, sah durch den geschlossenen Laden das Mädchen in den entrückten Umarmungen bei ihm, die sie für sich selbst geträumt hatte. Als das gesättigte Paar sich beieinander ins Bett gestreckt hatte, nahm der Kerl ihren Namen ins Maul, erzählte der kichernden Sofie als längst gewußte, oft belachte Tatsache ihr Geheimnis. Und während er die Kleine tätschelt, prahlt er, wie er die ängstlich flatternde Poularde auf seine Rute leimen, ihr Fett, daß dem feisten Aas Hören und Sehen verginge, abzapfen will.

Ihn anfeuernd, preist das Weib der Herrin Reize, die sie entschleiert, gibt zum Schluß in des Burschen unflätiges Geschwätz noch Stefanies zartere Heimlichkeiten mit saftigen Worten preis, wozu der Lümmel »um so besser« brüllt, plötzlich auf Sofies, der Zuschauerin in grotesken Überschneidungen zugedrehter Nacktheit Generalmarsch trommelt.

Nun wollte vor Schmach Stefanie sterben, aus Haß und Liebe den Mann vom Erdboden tilgen. In seinen und des Mädchens Blicken fand sie offenen Hohn, unter dem sie sich wand; spürte seiner Kinnbacken Krachen, wie er sie verspeiste, rauchende Verdauung über ihr begann.

Nur noch ein Lot Fleisch war sie, das er essen und ausspeien würde. Und doch tobte es, gebissen, gekaut, durch seine tiefsten Schlünde gewürgt zu werden. Grauen sperrte ihr die Glieder in Entzücken steif, saß sie mit dem Grafen allein, und der in seinem Frieden glückliche Freund überredete sie dringlicher, zu des Kindes Bestem doch endlich nach gründlicher Probezeit in Heirat mit ihm zu willigen.

Trotz ihrer wiederholten Schwüre, des Grafen Wunsch zu erfüllen, fühlte sie sich zu tief vergiftet, kannte keine Erlösung für ihre Qual, als alles Glück, alle Erniedrigung in gewaltiger Umarmung zu schlingen, hinterher auf Gnade und Ungnade dem neuen Herren verfallen zu sein.

Nun war sie für den gleichen Abend wie zu Selbstmord zur Tat entschlossen, als sie Doktor Rank in der Bibliothek traf, der, wie oft seit Jahren, ihr wieder mit sich selbst beschäftigter Gast war. Aus anderer Welt von Zeit zu Zeit ins Haus fallend, verband ihn mit dem Grafen des gegenseitigen Charakters Achtung, den sie auf gemeinsamen Reisen im dunklen Erdteil erprobt hatten.

Dicht trat er an sie, sagte, nur der Gefahr unmittelbare Nähe erkläre seine Worte. Er ahne nicht, wie hoch sie ihn schätze, für wie befugt sie ihn, Rat zu erteilen, halte, doch sei er in diesem Augenblick im Haus der einzige, der, von den Ereignissen nicht betroffen, Entscheidung aus Vernunft treffe.

Er übersah ihr gemachtes Erstaunen, nahm sie, wobei sie bis in Finger glühte, bei Händen, sagte, stets hätten Frauen Vertrauen zu ihm gehabt, so daß er mehr als ein anderer aus Erfahrung von ihnen wisse. Keine Lage könnte er ausdenken, die er nicht mit ihnen begriffe, und er sei nicht stets ein Warner, häufiger ein Veranlasser gewesen. Nur habe er darauf bestanden, aller Sache ins Gesicht zu sehen, seine Kritik habe verhindert, daß auch nur eine falsche Zahl in Rechnung, die später verhängnisvoll wurde, gestellt wurde.

Als sie fortwollte, sagte er, nicht, daß sie den Plebejer liebe und aus ihrer Leidenschaft jetzt handeln wolle, könnte ihn, in ihr Persönlichstes zu dringen, veranlassen, doch Furcht, sie überschätze die Posten, rechne mit seelischem Millionenaufwand, wo sich mit Geringerem auskommen ließe, oder sie balanciere nur falsch. Sie sollte den Fall setzen, er sei wie sonst nur der Freund in Bilderbüchern unbeteiligt, verschwiegen. Und da das Wesentliche von ihm erraten sei, laufe sie durch Aufrichtigkeit keine Gefahr mehr. Und dürfe nicht glauben, seine frühere Bekanntschaft mit dem Grafen nehme ihn im geringsten für ihn, gegen sie ein: Aber wie in seinen Büchern, die sie nicht kenne, beherrsche ihn im Leben nur Zwang, den Dingen Gerechtigkeit und Gleichgewicht aus ihnen selbst zu geben.

Mehr seiner nervösen Unwiderstehlichkeit als seinen Worten gehorchend, fiel sie in einer Fensternische in den Stuhl, hörte seine geflüsterte Rede:

»Vor keinem krassen Wort dürfen Sie erschrecken. Denn ich mache Ihre Beichte, zu der Sie nicht fähig sind. Jahre beobachtete ich Sie, kenne Ihre Kenntnisse, das Maß Ihrer Einbildung und Sittlichkeit. Hätte man Ihnen als Kind durch Ihres Geistes Entwicklung an Hand reichlich ausgebreiteten Materials Gelegenheit gegeben, die in Sie gesenkte Kraft gemächlich auszubreiten, hätten freundlichere Umstände der Jugend Sie wie jedes Mädchen in den Stand gesetzt, natürlich von sich aus Zuneigung zu verteilen, wären Sie aus Verhältnissen nicht stets Besitz, nie die Besitzende gewesen, hätte der Kern, der Sie ausmacht, nicht so verdichtet, riesige Sprengkraft zusammengedrängt werden können, die jetzt entladen will.

Nur eine Frage gibt es für mich: Sind Ventile, die an Ihnen geschlossen blieben, vorher noch zu öffnen, würden Sie Freund oder Feind den nennen, der auf anderen natürlichen Wegen die stürmenden inneren Feuer abzuleiten versuchte? Denn das versichere ich mit größtem menschlichen Ernst, in göttlicher Schöpfung und im Kunstwerk müßte es eher versucht werden, weil sonst Ihrer Leidenschaft die höhere und endliche Berechtigung, die aus Proportionsgesetzen ihr Unmaß verlangt, fehlte.

Doch auch Menschen mit beschränktem Blick würden vor Ihrem Fall fragen, warum Sie kein Nahestehender zu zerstreuen versuche, wie der naive Ausdruck heißt, wo aus des Geistigen plötzlicher Aufzeigung so gut wie aus der des Elementar-Gefühlsmäßigen Sensation auf Ihre unbeschriebenen Sinne gehofft werden kann. Denn wie Sie noch nicht liebten, sind Sie radikal ungebildet. Unbedingt kann noch Ihre spirituelle wie sensuelle Jungfernschaft bluten, und ich getraue mich, Sie durch andere männliche Künste, als der Bauer sie kann, nicht minder süß zu verführen.

Doch ist es spät in der Sache, und Sie haben zu viel an ihm gekostet und ihn herrlich gefunden. Darum, daß wir uns verstehen; ein Gipfel wäre es, und alles geschieht, er wird erreicht, bliebe jetzt, da Sie fast dreißigjährig sich ganz entfalten, nicht wieder Ihres Wesens andere Hälfte so erniedrigt, wie es bis heute Ihr Ganzes war, zurück. Mit allen Kräften müssen Sie versuchen, und ich helfe, es reißt bei Ihres Leibes Durchpflügung durch diesen Burschen auch Ihre geistige Beschränkung entzwei. Denn sonst bleibt die Gefahr, immer noch ein Späterer erst muß diese völlige Befreiung bringen, durch den dann aber, was Sie jetzt wollen, und das nur in der Form des Schließlichen so selbstherrlich leben darf, zu einer Episode, die Sie quälen müßte, würde.

Lieben sollen Sie den Erwählten, doch nicht so, daß Sie bei ihm wieder nur mit halben Trieben in Blüte stehen. Nicht halten will ich Sie, doch über den augenblicklichen Zustand zu Ihrer höchsten Steigerung führen.«

Sie faßte es nicht, wie er sich nicht begriff. Nur das Elementare, Rare, an dem er teilhaben wollte, spürte er in ihr; wußte aus Erfahrung, daß, wie töricht schöne Frau auch ist, rücksichtslos Geistiges sie immer berückt.

So sah er, wie Stefanie, aus Bewölkung nicht erwachend, Fühler streckte, mit denen sie nicht festhing, doch in jähem Sturz gehalten blieb. Noch gelang es, ihr mit klotzigen Vokabeln besseren Halt zu geben, als der Graf eintrat, man in den Saal zum Essen ging.

Rank sprühte bei Tisch, wagte, bei Erwähnung der »Education sentimentale«, die er auf sein häufiges Drängen von ihr und dem Grafen gekannt wußte, auf jene Rosanette hinzuweisen, die neben Frauen von Welt das Weib ohne gesellschaftlichen Schutz im Roman ist. Er tadelte an ihr, daß sie nicht wie andere ihrer Art ihrer Stellung menschlich Bedenkliches durch große Passion ausgliche. Gewöhnlichen Abenteuerinnen gegenüber ihr Bild zur Größe gehoben zu sehen, wollte er sie in besinnungslose Leidenschaft für Frédéric Moreau entbrannt wissen. Weil die galante Frau nur durch das unentrinnbare Muß, das alle Berechnung zuschanden mache, rührend sei. In jeder äußerlich Begnadeten müsse wie im Mann als Denker, Dichter oder Heiligem als Liebesorkan das Heldische rasen, die auf ihr Dasein gebreitete Schwüle sich in schließlichem Gewittersturm lösen.

Das sagte er, während eben jener rasierte Lakai in großer Livree anrichtete, französisch, und wie oft Stefanie einsilbig deutsch erwiderte, wurde durch sein und des Grafen Beharren die dem Bedienten fremde Sprache fortgesprochen, der zum erstenmal aus Wirklichkeit getilgt.

Eindringlich stellte Rank noch Rosanettes Austreibung aus den erst höheren Gefilden ihrer Gefühle für Frederic ins Bedeutungslose als Schuld des sowenig wie ihre Liebesfähigkeit entwickelten Verstandes hin. Verdientes Ende finde die Person, weil sie aus Nichtigkeit sich zu erheben nicht versucht hätte.

Als man spät sich trennte, sah er Stefanie in gelähmter Unsicherheit, die ihm, die Abgekühlte sei für die Nacht wenigstens zu nichts Entscheidendem gewillt, verbürgte. Auch Wengers Verblüffung, der brennende Blicke auf die Frau warf, stellte er fest, die von der Verdatterten nicht mehr erwidert wurden.

Am andern Morgen wieder in der Bibliothek wollte sie mit Befehl, sich nicht um sie zu kümmern, auf Rank los. Doch war sie gleich wieder, einer Forderung aus ihm zu entsprechen, gezwungen. Erregter, geistiger Eitelkeit zu genügen, bewegte sie sich, wie sie nicht wollte, stammelte sie, was sie nicht meinte. Schon formte er ihre Einbildung nach seinem Willen.

An Wirklichkeit rührte er nicht. Bücherschränke ging er mit ihr ab, nahm einen Band nach dem andern aus Reihen, stellte mannigfach fremdes Schicksal aus ihnen vor sie hin. Leuchtende Porträts traten aus vielen Literaturen, Männer und Frauen her, alle in himmlischer Liebesgeschichte über das Sinnliche hinaus miteinander verwandt. Nicht daß, doch in wie eigener Form, in welchem Umfang sie sich Leidenschaft erfüllten, machte sie einzig, rief Stefanie zu ihrer Nachfolge auf. Auf solche Wesen ließ sich Verlangen nach einer Menschheitselite stützen, die nicht mit Reichtum und gesellschaftlicher Stellung, doch mit der durchgesetzten besonderen Person prunkt. Alle diese vom Trieb zu ihrer geschlechtlichen Ergänzung Besessenen wurden in der Hingabe zum anderen nur wesentlicher sie selbst; statt in der Liebe auszulöschen, erstanden sie sich und anderen zu lebhafterer geistiger Fassung.

Rank plauderte ohne Pause Traum und Taumel auf sie, in den sie wie ins Anschauen von Schau- und Trauerspielen gesenkt blieb, bis Theater mit seinem Schweigen aufhörte, Wengers Anblick sie in andere Stürme stürzte.

In zweimal vierundzwanzig Stunden entbrannte zwischen zwei Männern Kampf durch alle Räume des Schlosses, die Nerven der Bewohner. Denn nun brach der im Hinterhalt Gebliebene zum Angriff auf, trotzte Rank, der ihn, wo er sich in Stefanies Nähe sehen ließ, verjagte. Aber mittags zwischen Tür und Angel des großen Salons hinderte der den Zudringlichen nur im letzten Moment an Stefanies Umarmung, erfuhr aus der Ertappten Mienen ihre für später verabredete Zusammenkunft. Mit innerem Blick auf ihn, wußte er Stefanie für den andern unwiderruflich entschlossen.

Als man vorm Schlafengehen die letzte Runde im Garten machte, ging er mit ihr am Gesindebau vorbei, sagte, auf des Dieners verhülltes Fenster deutend: »Das kleine Paradies!« Dann aber beschwor er sie, da es nun doch geschähe, den Menschen für ihr Heil in zwölfter Stunde noch zu einer Manifestation seiner selbst hinzureißen. Denn gegen bloßes Klischee murre doch schon ihr Gewissen.

Und berauscht begann er, Mathilde de la Moles und Julien Sorels in Stendhals Roman zerklüftete Brautnacht, ihre seelischen Abgründe bei physischen Gipfeln zu schildern. Wie neben dem Sinnlichen, das bunt sich mischen wollte, das artmäßig andere stöhnte, Klassenhaß hinter des Begehrens Wucht gurgelte. Wie die Hochgeborene in Lustwirbeln unter ihres Vaters schäbigem Sekretär knirschte, der über sich selbst strauchelnd sich auf sie hob, daß sie ein heilig-gläsernes Paradigma in beiden verkündete. Tiefer als bisher verstrickte er auch Stefanie in geistige Ansprüche für ihre geschlechtliche Stäupung, wollte Leiter, Dolch, festlich beleuchteten Himmel zu dem einmalig Unvergleichlichen für sie mit einer Inbrunst, die ihr ans Herz griff.

Als sie sich endlich aus seinen klammernden Zwängen riß, war sie für das, was folgen sollte, mehr tot als lebendig.

Aufrecht im Bett wartete sie bei offener Tür. Draußen fing es mit großen, klaren Tropfen zu regnen an. Sie wußte nun, was der Geliebte unterließ, würde mit Rausch und Feuerwerk der geistig Aufgeregte anrichten. Eine Stunde lang gab es keinen Laut im Haus. Endlich windet sie in der Ferne Türengehen. Dann war es still.

Ein Türengehen. Still. Wie wenn ein Fuß schlurft. Still. Als ob's an einer Wand sich reibt. Dann – sachter Knall und Fall! Ein Türengehen!

In ihrer Brust fror Atem. Vom Bettrand springt sie zur Tür, überlauscht den Herzschlag, öffnet, steht erschüttert zwischen drinnen und draußen: Am großen Treppenvorplatz lehnt im Dunkel schwarzer Pfosten an der Rampe. Nun fliegt sie hin und rührt ihn an; nun ist's von einem Mann das Fleisch. Nun wird sie gehoben, um die Achse geschwenkt, zwischen fünf hohe Türen glatt zu Boden geklappt. Gleich geht durch alle Treppenfenster über ihr und Rank ein unwahrscheinlicher Mond auf.

 

Am andern Morgen fragt sie nicht mehr, wohin Wenger und Sofie so schnell verschwunden sind. In künstlich-künstlerischem Potpourri schien es der gutgemachte Schluß, sie war überzeugt; in einem Fremdwort müßte es die treffende Benennung geben. Sie wußte auch, nun mußte mit der Welt sie schmollen, gegen Rank die Sache aber so überlegen nehmen, wie er sie im halben Einverständnis mit ihr in Szene gesetzt hatte. Und war bereit, spräche er mit ihr, die Steigerung der Akte: »Der geohrfeigte Tölpel«, »Betrogener Betrüger«, schließlich: »Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen«, von sich aus anzuerkennen.

Dazu erstickte sie Wut und Sehnsucht. Augenblicke gab's, in denen sie töten oder sterben wollte. Doch stand zu der von Rank durch das Haus verbreiteten Atmosphäre keine Tatlust mehr, aber aller Elan schien ein für allemal karikiert.

So trödelte und tändelte sie in entscheidenden Augenblicken weiter, statt zur Tat durchzugreifen, und schließlich war die letzte Gelegenheit verpaßt, der Trieb in ihr still. Sie träumte Unentschiedenes, dämmerte in zufriedene Zustände hinein; heiratete den Grafen, breitete sich im Raum aus, wurde außer in Berlin und im Kreis Oppeln, in Schweden ansässig.

Als nach vielen Monaten Rank sie wiedersah, fand er sie runder, ihre Häute glänzender. Was sie kleide.

»Sie sind, liebe Freundin, endlich am rechten Ort. Nicht Steigen stand Ihnen und steiler Aufschwung. Läßliche Ruhe, Verharren kleidet Sie sehr. Und nicht mit der kletternden Lerche soll Sie Ihr künftiger Dichter messen, Ihr Gleichnis wäre –«

»Die Poularde«, sagte Stefanie.

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