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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 13
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Yvette

1918

 

In der Wiege war sie schon Erbin. Des jugendlichen Vaters frisches Vermögen machte das einzige Kind zu einem Mittelpunkt. Da war der Dienstboten Troß, Freunde, Verwandte, die weissagten; doch auch die Außenwelt nahm an der Geburt einer Tochter des neuen Stahlkönigs teil, und an den Börsen war Meinung. Man wußte, die Ehe schien nach langer Kinderlosigkeit unfruchtbar. Um so mehr mußte eines erbenden Kindes späte Geburt des Eroberers Wagemut stärken.

Glänzenden Augen, zu seiner Bedienung bereiten Kräften sah sich das Neugeborene gegenüber. Keinen Augenblick stand der Wiegenkorb still, Antlitze schnitten vergnügte Grimassen, Stimmen sangen Eiapopeia, es regnete Spielzeug und Mummenschanz. Gesiebt und gemahlen, waren Speisen verdaulich bereitet; zu ihrer Bewältigung mußte das Kleine keine Kraft der Zähne, des Magens, der Eingeweide anstrengen, wie ihr später aller Lehrstoff, von Kennern der Materie vorgelegt, als Honig einging.

Pferde liefen zwischen ihren kleinen Schenkeln am Schnürchen; stand ein Hindernis entgegen, nahmen sie es rücksichtsvoll mit sanftem Wiegen des Rückens, Wagen federten unter ihr, und mit dem Feuer ausgesuchter Rassen sprangen Hunde. Blumen blühten im Sommer an Wegrändern nach Vorschrift der Leitfäden für Gartenbau, der Kies war von Engeln geharkt, elegant stiegen Springbrunnen – in der blanken Natur der großen Parks gab es keinen Versager. Lusthäuser und Terrassen machten auf Anhöhen Regen und wolkiges Wetter notwendig, war man der Sonne und ihrer schmelzenden Effekte müde. Im Winter brachten Automobile, reservierte Eisenbahnabteile zu Wegen, die gebürstet, Schlitten und Rodel an Landschaften vorbeiführten, übertrieben hübsch in Anbetracht der Unmöglichkeit, ihren weißen Reiz bei des Gleitens Eile im Augapfel zu fangen.

Auf Jagden war es drollig, fielen Huhn und Hase im Feuer seiner Schüsse eher, als es das junge Mädchen erwarten durfte, auch auf die Treiber mußte es nicht achten, machte um ein paar Schrote in Gesäß und Wade doch keiner unpassendes Aufsehen. Von überlegenem Leiter gelenkt, klappten Auftritte des Spiels, dem sie zusah; des Dargestellten Inhalt war lustig, an Ausstattung nirgends gespart. Mit sich selbst mußte Yvette sich nicht beschäftigen. Indem man alle Welt für sie in Bewegung zeigte, sollte sie Beifall spenden, und da sie Ausstattungsmöglichkeiten genug gesehen hatte, war sie Kenner blendenden Scheines. Unterschied auch in des Menschen äußerer Aufmachung Talmi von Gold.

Frühmorgens brachte sie auf ihrer Glocke Ton ein in heller Wäsche glänzendes Mädchen ins Bad. Hätte sie sich den Verein der Kacheln, Metalle, wohlriechender Wässer, duftender Tücher vollkommener, das Reiben ihrer Haut eindrucksvoller vorstellen können, hätte die Bedienende ihren Platz mit einer besser Geeigneten tauschen müssen. Solchen Eindruck empfing jeder von ihr, und das hielt die Welt gewillt, Außerordentliches vor diesen scharfen Blicken zu leisten. Der Maître d'hôtel, die Diener, Reiter, Jäger, Gärtner, Kutscher, Köche, Jungfern, Stubenmädchen und Mamsellen stellten Glanz und Bezauberung bei jeder Begegnung ins Auge, schienen den Himmel für die junge Herrin herabholen zu wollen.

Doch auch Menschen höherer gesellschaftlicher Ordnung über Erzieher und Gouvernanten zu den im Haus gelittenen Gästen, Freunde der Familie waren bereitwillig, und immer mehr, als mit den Jahren des Vaters Vermögen ins Fabelhafte wuchs, der unzugängliche Mann die Neigung zur einzigen Tochter nicht verhehlte.

Außer dem Vater, der ihre Welt bezahlte, sah Yvette sich keinem, mit dem sie rechnen mußte, gegenüber. Doch auch an ihn wandte sie wenig Blick und Liebkosung. Ihr liebster Umgang blieb das Bild im Spiegel, ihre eifrige Sorge, sich herzurichten. Morgens den polierten Leib, den sie ihren Zofen ausstellte, von der Füße gewölbten Nägeln über Flächen und Gefäll des Körpers, den man mit Pudern und erfrischendem Essig behandelte, zu den Zähnen, deren jeder in blitzenden Stand gesetzt wurde. Bis ein halbes Dutzend Menschen an des braunen Haares Pflege Anteil hatte. Eintauchen in zarteste Wäsche ward durch Nachholen vergessener Sorgfalten oft noch unterbrochen; doch stand sie knapp und frisch in Hose und Korsett bereit für Stiefel und Kostüm. Der letzte Blick, ehe man die Tür in den Flur öffnete, griff im Glas ihre korrekte Erscheinung.

Vom inneren Menschen wußte sie, daß Eingeweide manchmal kniffen, das Herz nach heftiger Bewegung klopft, in Hüften ein Organ sticht.

 

Als sie später Wünsche rührten, erfüllte sie sie sich mutig wie die übrigen. Mit jungen Bauern beglückte sie sich auf des Vaters Gütern, mit Jagdgehilfen, oder was lockend zur Hand war. Sie merkte nur das besondere Vergnügen, nicht Name und Art des Stifters, war um dessen ferneres Schicksal nicht besorgt; wußte, Zarte litten schweigend unter schnellem Bruch; Brutale wurden wie die mit zu voreiliger Flinte verwundeten Treiber beruhigt!

Mit zwanzig Jahren war sie Weib der Gesellschaft, schön und äußeres Muster. Als die Eltern den ersten Tanz für sie gaben, glaubte man den Heiratsmarkt offen; Bewerber liefen, jeder mit seinem besonderen Trick, herbei. Yvette wurde durch sie, weil sie von ihnen nichts zu gewinnen sah, nicht bewegt. Das Männliche hatten sie schwächer als junge Stürmer in ländlichen Kulissen. Ihre gesetzten Worte schmeichelten nicht eindrucksvoller wie der Naturburschen Blicke, ihrer Zynismen Reiz war nicht spitz wie von diesen ein gezielter Griff. Vor allem wußte sie Welt bereit, ihre Wünsche ohne Umstände zu erfüllen, so daß Abmachung aus solchem Anlaß albern schien.

Sie sagte den Eltern, Heirat, geübte Riten kämen für sie nicht in Betracht. Gerütteltes Maß notwendigen Behagens sei ihr ohne sie gewiß. Einwänden der Besorgten begegnete sie so überlegen, daß der Vater begriff, sie sei entschlossen, aus ihrer Lebenskenntnis der peinliche Zufall, der seine Lebensarbeit – Kapitalanhäufung – stören könnte, nicht zu besorgen. Im Gegenteil ward aus der Tochter Geständnis klar, die Reichtümer blieben nach seinem Tod in rücksichtslosen Händen, die ihren Wert kannten, Zersplitterung nicht dulden würden. Ein aus Leidenschaft geheirateter Gatte aber hätte in diesem Sinn um so größere Gefahr bedeutet, als hohe Abkunft ihn zu einer Verschwendung verpflichtet hätte, die gutem Ton gemäß seine Verachtung der angeheirateten Familie nach außen ausdrücken mußte. Ein Mann, die notwendige Repräsentanz, praktische Forderungen zu erfüllen, sei je später desto besser gewählt, weil nur Erfahrung die geeignete Person ausfindig machte.

So konnten Fürsten und Herren den feierlichen Empfang, den man ihnen in großbürgerlichen Salons gewährt, wo sie als Bewerber der Tochter auftreten, nicht finden. Yvette leugnete Vorzüge, in denen sie diese Figuren überträfen. So gut wie jene sei sie gemacht, mit gleicher Sorgfalt erzogen, habe Umgangsformen, Beziehungen mit ihnen gemeinsam. Doch durch klassisches Vermögen höhere Freiheit und bessere Aussichten für die Zukunft. Sie schmückte sich mit ihnen nicht. Als Gefolge galten ihr Personen von besonderem Ausdruck am höchsten. Beim Eintritt ins Theater, auf dem Rennplatz, im Ballsaal sollte Begleitung bedeutend wirken. Doch nicht wie früher diente ihr regelmäßig Schönes dazu – und das bewies Entwicklung –, sie kannte gewisser Entstellungen Reiz, es gab Gelegenheiten, für die sie den distinguierten Krüppel dem glatten Beau vorzog.

Als ihre Büste mit fünfundzwanzig Jahren reif, ihr Reiz verwirrend war, blieb sie festlichen Veranstaltungen schon manchmal fern. Saß neben des Vaters Arbeitszimmer, hörte seiner Rede mit Männern des Geldes, königlichen Kaufleuten zu. Erst packte sie die Leidenschaft, mit der die Leute von eingebildeten Werten wie von Wirklichkeiten sprachen, interessierte sie neuer Milliarden Schöpfung durch Ausbeutung der Bodenschätze des Landes und menschlicher Arbeitskraft, bald aber, als sie den ewig gleichen Vorgang simpel fand, ermüdete Teilnahme. Nach ihrer Meinung bedurfte es keiner besonderen Begabung, dafür zu sorgen, daß in keiner Erwerbsgesellschaft das Verhältnis zwischen Betriebskapital und jährlichem Reingewinn den Betrag von sechs Prozent für die Aktionäre überstieg, der Überschuß im anderen Fall durch Kapitalsverwässerung in die Taschen weniger Bevorzugter glitt. Diesen Gedanken fand sie alt wie Astor und um so einfältiger, als die Regierungen wegen des Zinsfußes ihrer Anleihen solches Bestreben der Kapitalgewaltigen unterstützen. Wie sie der Anhäufung großer Vermögen auch darum zustimmen, weil man wenige große Steuerzahler leichter als Massen der Kleinen übersieht, schneller mit ihnen abrechnet. Aus der Tatsache, die vollstreckende Gewalt geht mit dem Besitzer Hand in Hand, fand Yvette des Vaters Verhalten altmodisch, gehemmt. Tauchte der springende Punkt in Verhandlungen auf, war sie seines rücksichtsvollen Einwurfs gewiß, durch die der riesige Gewinn der betreffenden Unternehmung immer in etwas geschmälert wurde. Sie verstand nicht, wie man ein Gesetz des Handelns anders als bis in letzte Konsequenzen vertreten konnte, sah ihren Vater als entschlossenen Ausbeuter menschlicher Arbeitskraft und Unternehmungsgeistes doch, im gegebenen Augenblick das betäubte Opfer ganz zu plündern, zaudern. Darüber sprach sie mit ihm, wies seinen Einwand, man müßte, wollte man leben, andere gelten lassen, mit dem Hinweis ab, seine Handlungsweise vermischte zwei getrennte Auffassungen, für deren eine man sich entscheiden müßte. Noch immer rechnete er bei Geschäften mit dem namentlichen Gegenüber, bestimmten Persönlichkeiten, die ihm Vorstellungen, durch die seine Entschlüsse beeinflußt würden, schufen. Während des werbenden Kapitals namenlose Gewalt nur mit der Ziffer der umworbenen Geldkraft, mit nichts sonst zu rechnen habe.

Aus der Bereitwilligkeit, mit der sich Männer und Frauen ohne Ausnahme von ihr mißbrauchen ließen, suchte sie ihm der Menschheit geringes Bedürfnis zur Selbstbestimmung zu beweisen, seinen letzten Vorbehalt bei Erringung der Macht fortzuräumen. Der Gesellschaftsvertrag, behauptete sie, habe keine sittliche, nur noch ökonomische Voraussetzungen, Volk, das sich in der Gesetzgebung durch Abgeordnete vertreten lasse, mit Abgaben vom Einkommen die Erlaubnis, dem einzigen Drang des Verdienens nachzulaufen, erkaufe, wolle keinen eigenen Willen mehr, doch Besitz als Ziel. Und nicht Kritik, Feststellung dieses Entschlusses sei notwendig. Er müsse seinen Erfolg bis ans Ende nützen oder, von kühleren Spielern überflügelt zu werden, erwarten. Sie selbst, einmal Herrin des Vermögens, würde kein Bedenken kennen. Sie werde die Macht, die Reichtum verleiht, den einzelnen und wirtschaftliche Verbände zu bestechen, die Bestochenen für ihre eigenen Ziele zu beherrschen, zu unbekannten Erfolgen führen.

So ließ der Vater, stolz der Tochter, Summen in ihre Hände, daß sie selbständig über sie bestimmte, fließen.

 

Als Yvette umsah, was in der Welt die Mühe, besondere Mittel aufzuwenden lohnte, schien ihr zu Kenntnissen der Wirtschaftslehre Vertrautheit mit Kunstdingen wichtig. Religiöse, philosophische Systeme merkte sie durch die wirkliche Lage von neun Zehnteln der Menschheit für die Gegenwart so gebrandmarkt, daß sie um deren Wirkung auf Vernünftige nicht besorgt sein mußte. Hinter dem Vorhang aber, der Wesen und Willen der Kunst abschloß, schien eine Vereinigung von Kräften zu leben, die nicht wirkungslos war und sich ihrem Einfluß entzog. Zwar sah sie, wie auch da Kapital auf den Betrieb drückte, des Kunstwerkes gemeiner Wert durch der Reichen Bemühung auf eine Zahl gebracht war, mit der man seinen Besitz gewinnen konnte und, angenommen, es bänden Raffaels Gemälde eine Summe der in der Kunst gewollten Energie, diese durch Kauf in seine Hand bekam. Auch der Dichter und Musiker Schöpfungen blieben nicht ohne Zusammenhang mit Geld. Man kauft ein Buch, spielt für den Eintrittspreis ein Schauspiel, eine Oper; was ihren Erfolg und ihre Wirkung ausmacht. Doch war hier das Gebiet, auf dem man mit Rechnung allein nicht herrschte.

Des Mädchens Bedürfnis, das Geheimnis aufzudecken, war nicht stürmisch, trat vor gesellschaftlichen Ereignissen zurück. Immerhin blieb hier Anlaß zu Neugier und Frage. Einen Überblick über die vorzüglichsten Kunstleistungen vergangener Epochen zu gewinnen, war ihr leicht gewesen. Sie hatte nur, was teuer war, kaufen müssen, da im hohen Preis des Werkes das kunstverständige Urteil von Geschlechtern niedergelegt war. Kämpfe um Echtheit und Bedeutung der Ware mußte sie nicht mehr ausfechten. Der Einser mit vier oder fünf Nullen war für ihre Geschätztheit, damit für die innewohnende Gewalt Gewähr. So hingen in ihren Zimmern Bilder großer Meister, standen dort Ausgaben berühmter Drucke. Sie selbst fühlte keinen Reiz als den des befriedigten Reichtums aus ihnen, der sich am Neid der Mitmenschen wohltut. Doch sah sie zartere Seelen durch sie nicht nur in dem Sinn, den Aufenthalt unter schönen Gegenständen auslöst, beeinflußt. Aus ihnen strahlte Erregung, die man sonst an ihnen nicht wahrnahm, die sie aus Yvettes Welt entführte. Als wären die Flächen Leinwand Stocks lustlicher Kräfte, die den Beschauer sphärisch belebten.

Yvette, die sich auf Wollust, die ihr eigener Leib gab, verstand, schien ein Gleichnis in ihm, das sie unterrichten konnte, zu haben. Bewegte sie sich zuchtlos vor einem Mann, ließ durch Faltenwurf Verborgenes ahnen, zeigte der ähnliche Entrücktheit. Hier war ihr das Phänomen als Naturkraft deutlich, das als Mittel, der Frau zum Anschluß an des Mannes Erfolg zu helfen, nicht außerhalb des Tanzes um das Goldene Kalb stand. Was aber taten Männer mit einer Geheimkraft, die, das Leben mit für Geld nicht käuflichen Lüsten zu schmücken, behauptete und sich, als sei sie neben dem Gold wesentlich, stellte?

Was Künstler in ihrem Umgang hieß, erleuchtete sie nicht. Sie gaben himmlische Antworten, waren aber im Wesentlichen irdisch bewegt, schienen außerhalb der Fachgespräche wirtschaftlich, kontokorrent. Selbst die mit rebellischen Schlagworten aufbrausenden, staatsbürgerliche Pflichten schmähenden Jünglinge und Mädchen aus den ästhetischen Cafés zeigten vor einem wirklichen Scheck sich so bürgerlich verbindlich, daß Yvette mit beinah dreißig Jahren geneigt war, das neben dem kapitalistischen Gesetz vorgeblich lebendige Element der Kunst als Produkt ihrer Einbildung, historische Angelegenheit zu nehmen, das mystische Verzücktsein vor Bildern, musischen Werken als ein Convenu ansah, das sie mit anderem gesellschaftlichen Übereinkommen sich zu eigen machte.

Während sie Bilder der Macht baute, ihrer Nächte Kitzel menschliche Katastrophen blieben, die sie, ein kapitaler Geier, in der Einbildung ausweidete, täuschte sie mit Anmerkungen aus künstlichen Revuen den Schein eines empfindsamen Herzens vor.

Ihm erlag René Maria Bland, der Dichter, trug er ihr vertrauensvoll seine hohen Strophen vor. Sie lag im Stuhl, Blick in den Himmel gehängt. An ihrer Erstarrung rückte kein Schwung, nur die Wade im Seidenstrumpf hatte hoch geflaggt. Schwieg er, irrte ihr Blick um seine Wimpern, kippte jauchzend ins Leere. Innerlich aber fand sie es stark, daß dieser stämmig-derbe Mann in aufgeregter Zeit vor sich und dem Publikum auf dem Kothurn ging. Bedachte Yvette, wie vor einem verhängten Hintergrund leidenschaftlicher Möglichkeiten, mit Sprengstoff geladener Aussichten dieser schöpferische Geist auf Teppichen, allem Irdischen entsinkend, unter Palmen schritt, hatte sie Lust, über den Sänger, der Esel und Nachtigallen besang, Menschen in ihrer Not aber schnitt, zu lachen. Hätte ihn, der arm geboren, ohne Vermögen ein Leben des Zufalls fristete, auf der Ausgebeuteten Seite sehen wollen, Geplünderte zum Kampf führend. Dann wäre er ein Gegner, der ihr Leben aus erhabener Langerweile gerissen hätte, gewesen. Je näher sie ihm kam, um so mehr merkte sie sich in zwei Wesen zerrissen, deren eines, die Frau von Welt, den bunten Vogel hätschelte, sein schillerndes Gefieder beliebäugelte; doch in ihren tieferen Bezirken empörte sich schlichtes Menschentum gegen seine Anmaßung, da sie zu kurz aus des Volkes Tiefe gestiegen war, seine Gelassenheit nicht zu verwerfen. Denn stand sie der Welt rücksichtslos entgegen, wußte sie, durch Raub und Freibeuterei bereicherte sie sich, empfand alles Weh der Beraubten als des Daseins Sinn und Genuß. Führte René aber die gepflegte Hand ans Auge, um unbewegt der Nägel Glanz zu prüfen, hätte sie dem Mann mit Satz in sein zerbrechliches Geschirr springen mögen.

Als sie nach des Vaters Tod der Geschäfte Führung ergriff, mächtige Betriebe an stählernen Hebeln lenkte, gab sie ihm Einblick in die brutale Gewalt, mit der die zu Gruppen gekuppelten Milliarden über des einzelnen Besitz, Leichname wirtschaftlich Schwacher schritten. Finten und Fallen des Aktienwesens enträtselte sie ihm, zeigte den mittleren Aktionär als Spielball großer Schieber und Gründerfamilien; bewies ihm die Schliche und Spitzfindigkeiten bei Errichtung von Tochtergesellschaften, die Kautschukmoral ihrer in Mußestunden Traktate, die als seelischer Ablaß gedacht waren, schreibenden Präsidenten und Generaldirektoren, und daß bürgerliches Los von Familien, Glück von Gatten, Bräuten, Kindern täglich in ihren Fingern hing. Endlich, welche politische Gefahr die Völker liefen, nicht fähig, den Drang des über die Landesgrenzen in die benachbarten Staaten brechenden Kapitals zu hemmen. Sie behauptete sich als der Gegenwart säurendes Element, das, alle Voraussetzungen der Welt zu zerstören und in der Vergessenheit Meere zu schwemmen, Macht habe.

War sie entflammt, zischte Selbstsucht von ihren Lippen, sah er sie aufmerksam an, ließ sich vorurteilslos anerkennend vernehmen. Doch nahm sie anderen Eindruck auf ihn nicht wahr.

Sie schlief bei ihm, und in allen Stationen ihres Beisammenseins belohnte er sie mit vollkommenen Metaphern. Doch gab er sich nicht hin, und seines Leibes Teile wurden durch sie nicht gesprengt. Während Yvette ihres Blutes Lava auf ihn schmolz, ward seine Form nicht brüchig. Wie Tasso verließ er den Alkoven, war gleich im Unterhemd wieder Bronze und Basalt. Schon erschrak sie in der Erkenntnis: was bedeutete ihre Bosheit, der in ihr aufgehäufte Behauptungswille gegen seiner Methoden Unmenschlichkeit? Wie grausam sie war, stets lebte der Gegner mit schönem Feuer seiner Eigenschaften ihr gegenüber. All die Geprügelten, Vernichteten kamen mit der Macht ihrer Temperamente zur Geltung, der bedeutende Feind hinterließ sogar ein Andenken.

Dieser aber schritt, ohne von Millionen Menschen Kenntnis zu nehmen, durch die Zeit, verwarf abermals Millionen, die sich unter Zeitgenossen einen Namen gemacht hatten, merkte die erfolgreichsten nicht. Nannte nach eigenem Gesetz in seinem Werk, was ihm gelungen schien, und nur davon kam Kunde an die Nachwelt. Der Rest blieb Schweigen. Nicht durch sich selbst verkörperte sie die Industrie der Epoche. Dieser Mann erst, von namenlosen Eltern geboren, hob sie, paßte es ihm, als wesentlich aus Zeit in Ewigkeit, unbefangen, unabhängig einer Sendung hingegeben. Als mit seinem gegen Widerstände wachsenden Ruhm diese Gewißheit feststand, war Eitelkeit in ihr ihm so verhaftet, daß seine Anerkennung Ziel ihres Lebens wurde. Spürend aber, sie möchte die von ihm geforderten Eigenschaften nicht besitzen, zu faul, den Versuch, sie zu gewinnen, zu machen, war sie, ihm Zustimmung mit aller Macht abzulisten, bereit.

Es schien ihr sogar das höhere Vergnügen, seine Bewunderung auf betrügerische Weise zu erlangen, weil sie damit das Bewußtsein geistiger Überlegenheit über ihn haben würde. So bereitete sie wie zu großem Geschäft alles vor, bei dem der Gewinn verwegenen Einsatz lohnte.

Seine Sehnsucht hörte sie ihm ab, spielte sie. Plötzlich stand sie fernen Traumes Erfüllung vor ihm, den er nicht nur mit Jubel mündlich begrüßte, für den er in hymnischem Schreiben dankte. Als Quittungen sammelte sie die Briefe, frohlockte, als die Summe des ihr von ihm Bezeugten gewaltig stieg. Konnte sich, besonders krasses Lob in ihnen dem zukünftigen Biographen seines Lebens mit Tinte anzustreichen, nicht enthalten. Ließ er zu Worten, wie »Meines Werkes treibende Kraft«, »Mein Gewissen, Vorsehung du«, sich ihr gegenüber schriftlich hinreißen, spürte sie seines späteren Widerrufs Risiko für sie sich mindern, hatte einen frohen Tag. Seines Lebens Heimlichkeiten zog sie aus ihm heraus, deponierte sie künftigen Lesern mit gutem Rat, geistreichem Zuspruch von ihrer Hand in ihren antwortenden Zeilen. Sie prostituierte seine Scham und buchte als Effekt: schwört er mit tausend Eiden später meine Unzulänglichkeit, hier habe ich, heilig von ihm beteuert, kommenden Geschlechtern meine Bedeutung bewiesen.

Als drei Bände Briefe von ihm, ihr erläuterndes Tagebuch über vier Jahre im Safe lagen, war sie mit ihm zu brechen bereit. Denn da die fortdauernden Zusammenkünfte zu keinem Genuß mehr dienten, er alles, worüber er verfügte, ihr in Ewigkeit schriftlich versichert hatte, sie außer in Deutschlands Geldwirtschaft für Deutschlands Kunstgeschichte feststand, glaubte sie, fernere Jahre ungestört Geschäften, die sie reichlich erwarteten, widmen zu sollen.

Als sie freundlichen Abschied nahmen, hatte sie des Siegers Lächeln dem vollkommen Geplünderten gegenüber in den Mundwinkeln, sah ihn als den geleerten Sack, der erledigt in eine Ecke fällt.

Im nächsten Frühjahr ging sie, von Arbeit erschöpft, nach Baden-Baden. Bäume wollte sie, grüne Flächen sehen, etwas, das sie für ein Weilchen aus Zahlenreihen und Entwürfen löste. Keinen Sekretär hatte sie bei sich, Post und Telefon wurden ihr nicht zugemutet. Sie aß, schlief, fuhr in einem mit apfelgrauen Schimmeln bespannten Landauer in die Sonne spazieren, Beine auf die Gegenbank gelegt, ohne Gedanken. Lag sie morgens zu Bett, spürte sie des Fleisches zunehmende Erholung und Frische, es fiel ihr ein, sie sei nicht zweiunddreißig Jahre alt, und, habe sie des Lebens Bilanz gezogen, bleibe dieser jungen Frau saftatmender Leib dem Auge angenehm.

Im Zimmer nebenan sprühte mit Tagesanbruch munterstes Leben. Silbernes Kichern kitzelte einen Baß aus dem Schlaf, stürzte in Katarakten über seine gutmütige Empörung. Dann kam Gefauch, Geseufz, und zum Schluß sprudelte Wasser aus allen Wänden. Endlich trat auf den Balkon neben ihren ein Geschöpf, dem Morgensonne durch hellblauen Schlafrock in Blond und Rosa fiel.

Yvette lebte des verrückten Paares Leidenschaft durch Wände mit. Gipfelten die sich in meckerndem Ächzen, lächelte sie skeptisch und beteuerte sich: es käme am Schluß nicht viel dabei heraus. Hinterher müsse man trübe Konversation machen, während empörte Selbstsucht Schlacken, die der eigene Leib bei der Verbrennung angehäuft habe, aufräumte. Des Vorganges Mechanik sei schlecht in seinem Abschluß balanciert. Höhe, Abgrund, Jubel, Gähnkrampf lägen zu nah beieinander.

Doch verebbte ihrer Erwartung entgegen drüben doch nicht der Sturm. Betrat sie mittags, abends, morgens ihr Zimmer, zwitscherte das Geschnäbel, lächerte es hell, gurgelte des beglückten Mannes sonores Lachen. Dann hüpften flinke Füße, schwere polterten, ein Möbel knarrte, Tür widerstand, ein Schrei schnitt die Luft. Atemlose Stille, bis der Diskant Kaskaden schmetterte.

Nach einer Woche mußte Yvette das Abenteuer als das Phänomen, das es war, anerkennen. Sie, der aus vielfachen Ursachen der Zeit erhabenste Möglichkeiten am reichlichsten gegönnt waren, hatte im Räderwerk von Geltungskämpfen nie nur annähernd die Möglichkeit, der Liebe solche Macht und Selbständigkeit zu geben, gefunden, wie das von dem benachbarten Paar mit entrückter Natürlichkeit und Ausdauer geschah, die sie allmählich empörte.

Denn – gab es das – wäre sie, Yvette, die zuerst Berechtigte gewesen, ihrer Schönheit wegen, und weil kein irdischer Mann, den sie für ihr Glück nicht kaufen konnte, lebte. Sie stellte fest: mochte der Frau unbändiges Vergnügen eine zu des Mannes Zufriedenheit gespielte Rolle bedeuten, er aber, der, ein nicht zu Besiegender, immer wieder in des Genusses Wirbel sprang, begann ihres Lebens gemachte Erfahrung in Frage zu stellen, sie zu beunruhigen.

Hatte sie von der beiden Getändel jede Nuance in den Nerven, fleischliche Heiterkeit, des Wortes derbe Freiheit, die immer voll geistiger Distanz blieb, ihrer Wässer, distinguierten Seifen Duft, der Wäsche Knistern, kannte sie vom Balkon her des jungen Weibes Gesicht und Teile ihrer ausgestellten Nacktheit, war kein Schatten vom Sultan sichtbar geworden, und es fing ihres Lebens dringendste Neugier zu werden an: wer war er, der ihre Rechnung mit Männern Lügen strafte?

Als sie eines Morgens aus dem Zimmer kam, trat er aus dem seinen: Bland! Nicht zu Besuch war er bei jenen gewesen, doch er der Wohnung und Frau Gebieter. Ohne Verlegenheit begrüßte er sie, während sie erglühte, als träte der Gott aus Wolken zu ihr. Plaudernd führte er sie zum Haus hinaus durch Alleen in Berge, und plötzlich lag sie über ihn erhöht unter Bäumen grünen Abhang hinan. Noch war sie sprachlos, wie einem kleinen Mädchen klopfte ihr das Herz. Aus seiner geoffenbarten Kraft sollte auch auf sie Souveränes, Unwiderstehliches kommen. Zum erstenmal war sie Beute, hatte keinen Vorsatz, nicht den kleinsten Gedanken, es bebten die Beine, die ihm zunächst lagen. Nun mußte die Faust fallen, die sie in ihres Lebens Mitte zerschlug.

Doch blies der Mann gelassen Rauch von sich, zog ihr den hochgeschlüpften Rock über die Waden und sprach: »Die Frau, mit der ich lebe, hat die starken Instinkte, nach einem Leben von Formeln und Begriffen mich flüssig, menschlich zu machen. Ich bin nicht mehr René Maria Bland, mit dem der Tag nicht lohnte: doch bin ich auch keiner, mit dem eine andere Frau Verknüpfungen, in denen er mit der einen lebt, haben könnte. Am wenigsten Sie, Yvette. Umsonst sehe ich Sie in tieferem Sinn für mich bereit. Doch sind Sie wie ich kein Lebensquell. Mit hoher Vernunft, klugen Gedanken verharren wir stumpf, und ist unsere gewählte Geistigkeit selten, die Frau, die ich liebe, bleibt das Allerseltenste auf Erden, und ihr männliches Gegenstück ist mir nicht begegnet; so daß ich Ihnen nicht einmal für Ihre Zukunft Hoffnung geben kann.

Diese sprüht an Brüsten. Wo ich sie fasse, ist sie Strom, der mich mit Feuer aus Aufspeicherungen lädt. Immer ist sie kraftvoller Beginn, und hinterher noch scheint ihr Geschlecht das Allernatürlichste. Nichts kommt darauf an, ob sie lacht oder weint, vom Sinn ihrer Worte, von ihrer Entschlüsse Wert hängt nicht das geringste ab. Sie mag leiden, sich freuen, wachen, schlafen – stets entsteigt ihr das Ursprüngliche, von dem Gebären und Frucht, Yvette, kommt!«

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