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Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn

Carl Sternheim: Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn - Kapitel 11
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authorCarl Sternheim
titleChronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
publisherAufbau-Verlag Berlin
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Die Hinrichtung

1918

 

Ludwigs Übersiedelung aus der Hauptstadt nach H. wurde seiner schwachen Nerven wegen im Alter von fünfzehn Jahren notwendig. H. liegt in Laubwäldern an des Gebirges Abhang, und der Arzt meinte, Sauerstoffvorrat der Luft sei des Knaben Zustand günstig. Niemand hatte der Krankheit Ursprung erforscht Man dachte nur daran, sie zu unterdrücken. Dazu empfanden Vater und Mutter Freude an bewiesener elterlicher Sorgfalt, Ludwig des neuen Lebens reizvolle Erwartung; der Arzt konnte sich plastische Worte bezahlen lassen.

Der ganze Akt hatte sich, wie Vorgänge unter bürgerlichen Menschen, sinnlos entwickelt. Die Beteiligten wollten ihn nach Kräften für sich nutzen, fragten den Teufel nach sonstigem Zusammenhang. Der war: Ein empfindliches Kind hatte am Leben im Elternhaus, aus dem es keinen Anschluß an Wünsche sah, die seine Natur wollte, Anstoß genommen. Denn in der Familie handelte es sich um wirtschaftlichen Wettkampf mit Nachbarn und Bekannten, Sieg in Fragen der Garderobe, des besser gedeckten Tisches.

Regelmäßig übersahen bei gefüllter Kasse die Eltern der Kinder Verstöße und kräftig keimende Laster, wie sie sich die eigenen Ehebrüche vergaben. Während zu Zeiten geldlicher Ebbe Elend in allen Tönen sittlicher Verzweiflung durch die Stuben heulte. Dadurch war Ludwig in innerer Sicherheit gehemmt. Wo Leben Kurs und keinen Schwung hat, kann man es von sich aus nicht steigern, doch prozentweis hebt es sich und fällt von außen; man selbst ist der geschleuderte Ball. Bekommt Kindern solches Leben nicht, ruft man den Arzt, und Sauerstoff ist nicht das Schlechteste, das er verordnen kann.

In H. kam Ludwig zum emeritierten Lehrer Brink auf die Troststraße. In seinem Zimmer zur Straße lebte er auf neuem Planeten. Duftende Betäubung hatte ihn, als er Menschen und Zustände dauernd in anderer Verbindung als zu Zahlen genannt hörte, ergriffen. Lange schaukelte er in der Gewißheit auf blauem Teich, ehe er, unter welchem anderen Sammelbegriff hier das Weltall gelte, fragte. Gott sollte es sein, hörte er. Der war auch zu Haus genannt worden, doch als Ausrede oder in Sätzen, die keinen Sinn gehabt hatten. In der Großstadt war Gott bestimmt von allen vorgesetzten Stellen bürgerlichen Vereins die belangloseste gewesen.

Hier sollte es alles mit ihm auf sich haben. Wie ein historischer Jude stellte ihn der alte Brink so hoch wie möglich. Von ihm aus sei alles Irdische zu fassen. Alles des Herrn Geschöpf, darum aus einem Ursprung zu einem Zweck verwandt.

Ludwig hörte das mit der Miene des Mannes, der nichts dagegen hat, dem aber auch nichts bewiesen ist. Jedenfalls hatten Brinks Behauptungen nichts Beleidigendes wie das daheim schallende Kursgebrüll. Aufhellung und Vertiefung des zur Grundlage künftigen Seins gesetzten Gottesbegriffes aber lehnte Ludwig dem Lehrer ab. Nach vorwärts verlangte er das Recht des dunklen Dranges, beanspruchte Irrtümer, Hindernisse, Umwege der Jugend und über Widerstände Triumph. Für seine fünfzehn Jahre wollte er Weg zum Schreiten, so steil, voller Abgründe, wie beliebte. Doch Weg! Eigenen Willens Lustgefühl spürte er und Muskelkraft. Einen Start hatte man ihm gegeben; so wollte er ohne Gepäck in gesteckte Bahn.

Brink beruhigte seine beiden älteren Töchter, die erklärten, für den Fünfzehnjährigen sei das keine Redeweise. Sicher habe er in verbotenen Büchern gelesen, seine Freude, angeblicher moralischer Bedrückung im Elternhaus entlaufen zu sein, sei nur Maske für schlimme Vorsätze. Doch hatte der alte Volksschullehrer feinere Redlichkeit, meinte, predigen helfe zu nichts. Für das Glück in Gott müßte man dem Pensionär ein Gleichnis sein. Mehr von ihnen zu fordern sei niemand berechtigt. Selbst mehr zu wollen verrate mangelnden Glauben an die Kraft der ihnen innewohnenden Gewißheit.

So langte Ludwig mit freien Lungen, durchwehten Adern in des Gymnasiums Klasse an, saß ohne Vorurteil in der Bank. Lehrer und Mitschüler ließ er gelten, wünschte nur, sie möchten, sich behauptend, Wesentliches zeigen. Wie in einem März war wenig Hergebrachtes in ihm. Er selbst zu jeder Blühanstrengung, Farbenentfaltung gewillt, erwartete die befruchtenden Ströme. Begeisterung für alle Welt war durch keinen Zweifel gequält, für nichts und niemand nahm er Partei, stellte alles Ereignis, jede Person in sich fest. Nannte den Ordinarius, der sächselte und hämisch der Schüler Schwächen herauskitzelte, den Sachsen, empfand des Oberlehrers Rüter Zynismus als feine Schweinerei, gab allem saftige Etikette, lebte, leicht orientiert, in einem Wald unter unverästelten Stämmen. Spiegelte der Lehrer Eigenschaft aus sich wider, kam dem einen hämisch, dem anderen auf verdeckte Weise leicht schweinigelnd, legte dem Religionslehrer Gott mit mörderischem Pathos hin. Stets war er reich, leicht, beschwingt. Auch die Mitschüler machten ihm keine Pein. Wuchtig begegnete er dem Muskelstarken, dem Feinfühligen in geistiger Wolke. Bei Keilereien schlug er zu, sang in der Kirche den kecksten Tenor, allem Schicksal mit Leib und Seele verhaftet.

Er wußte, um wen es bei jedem Ereignis ging, gab dem Spieler brausenden Applaus. Nicht nur bei offensichtlichem Witz, den er mit Lachen quittierte, bei jeder Regung funkte sein Blick, eine Geste dem Autor Beifall. So war Harmonie aus ihm ins All und wieder in ihn. Gegen ihn hinzublühen gewöhnte sich die Welt, weil von ihm Sonne ausging.

Nach jahrelangen Treibhausdünsten empfand er dieser Monate scharfe Lust, schätzte sie als seines Lebens Frühling. Kein Verdienst bildete er sich an seinem Wohlbefinden ein, glaubte an keinem Ziel zu stehen, nicht einmal sich einem zu nähern. Als Lebens Vorform spürte er den Zustand, genoß ihn mit allen Trieben. Gab es einen Schatten in seiner Existenz, war es der Gedanke, nicht immer fünfzehn Jahre alt bleiben zu dürfen. Wahrscheinlich würden Probleme, die er lösen sollte, kommen. Sie solange als möglich zu mißkennen, hieß seine Losung.

Bedenken der Mitschüler verlachte er. Die glaubten überall an Absichten. Sahen sich von früh bis spät in Zusammenhänge, die sie nicht entwirrten, verstrickt. In jedem Satz des Cicero, einer algebraischen Aufgabe argwöhnten sie die Schlinge, in die sie fallen sollten. Ludwig hielt alles in gehöriger Distanz, erlaubte keine Beziehung. Mochte Cicero von sich aus denken, was er wollte. Es war nicht seiner Jahre Amt, Meinung dazu zu haben. Fand der Ordinarius des Römers logische Winke groß, mochte er das Urteil verantworten. Ludwig entwickelte lateinische Sätze wie Garnknäuel, freute sich, daß sie sich nirgends verwirrten.

Randbemerkung, Kritik war ihm unerwünscht. Dann stand Entwicklung still. Was entrollte, war gleichgültig. Immer sollte Bewegung sein. Einwürfe der Lehrer: denk einmal nach!, fand er überflüssig; bis er begriff, man konnte sie als Kunstpausen, durch die des gewesenen und kommenden Tempos Gegensatz besser wahrgenommen wurde, nehmen. Während die Kameraden ersten Argwohn hatten, tönte an ihm als an ungesprungener Glocke Wohlklang. Vor aller Anrede entflammte er zu wütender Bejahung. Regnete es – regnete es mit Grund. April ist störrisch, Strafe muß sein. Auch mag es einer mit seiner Niedertracht halten, wie er mag. Hält es der andere doch mit seiner Güte so. Beides gilt, daß das Weltbild kein Loch hat.

Der von Brink täglich angezogene Gott mochte des allen Vater sein. Ihm Ehre des Guten und Schlechten. Er konnte als Quelle und Fülle gleichermaßen anerkannt werden.

Doch weit entfernt war Ludwig, zu begreifen, warum seine Gleichalterigen sich bemühten, aus allen Vorkommnissen die schlimme Seite zu fischen, Sündhaftes, Böses, Verbotenes in ihnen festzustellen; fragte sie, warum sie es, da es zu ihrem Glück nicht beitrüge, täten.

Und steckte sie mit Fröhlichkeit entscheidender an. Standen sie vor einer Katastrophe, Ludwig aber begriff des Geschehens drollige Seite, stürzten sie sich auf die, wandelten das Ereignis in eine feine Sache. Anfangs zögernd, wurden sie sich bald bewußt, immer gab es Famoses, wenigstens des Falles Neuartiges zu sehen, bildeten unter des Zukömmlings Führung das Talent zur höchsten Reife. Eitel Laune herrschte unter den Heranwachsenden. Mit Kichern fing jeder Tag an, stieg unter Gelächter zu strahlender Heiterkeit am Abend. Auf dem Schulweg hatten sie mit unsicher gewußtem Pensum das Gefühl, vor lauter ungeahnten Möglichkeiten ihrer List, Verschlagenheit, Unverblüffbarkeit des Geistes den Lehrern gegenüberzustehen. Das blähte Muskel in Joppen, setzte geistig Motorisches in Antrieb. In Schülern anderer Klassen und Anstalten, die sie trafen, ahnten sie gleiche Gefühle als Verlegenheiten, die sie überwunden hatten; das gab ihnen Haltung und Kitzel der Macht. Von mürrisch und grau war ihr Empfinden das Gegenteil. Mehr blau, und wollte man's lateinisch sagen: serenus.

Überhaupt lebte, hatte Stundenanfang geläutet, in allen Bänken dieser Klasse der Instinkt: lateinische Syntax, Mathematik, Geschichte et cetera lernen wir keinesfalls ihrer selbst willen. Das Ganze dient, uns und unsere Fähigkeiten in der Reibung mit Erwachsenen zu messen. Diese werden aus einem Trieb, den sie Erziehungswillen nennen, unsere Verlegenheiten zu türmen suchen, wir aber wollen geschickter, von Fall zu Fall müheloser, freier vor ihnen uns selbst wieder aufrichten. Das war mehr Spürung als Bewußtsein. So hätte es keiner von ihnen, Ludwig am wenigsten, sagen können.

Der schien ein Pflanzliches, das sich ernährt, doch erst gesonnt wollte. Darauf ging einträchtig sein Sinnen aus. Kaum hatte er seiner gerippten Fensterläden rotbraunen Anstrich ärgerlich für das Gemüt empfunden, als er Farbe kaufte, jenes Empiregrün, das eine alte Bank im Garten freundlich macht, mit ihr das Holz so tönte, daß die Sonne ihm eines beschienenen Buchenwaldes Glanz ins Zimmer trug, in dessen Licht er mit Vorstellung von Moos und Vogelruf stundenlang blinzelte. Oder er hörte die ältere Karoline Brink frühmorgens die Magd schelten, als er mit »O Täler weit, o Höhen!« ihren Kadenzen folgte, und, verharrte sie außerhalb des Rhythmusses, auch den Ton, was neues Behagen gab, dehnte und gespannt blieb, ob, in Konkurrenz mit Karoline, des Tons geholter Atem unvorhergesehene Länge dulden möchte. War's, stellte kleiner Jubel sich ein, und wieder war Ludwig Sieger geblieben.

Schmutz, der in Rinnsteinen des Wassers Abfluß hemmte, war nichts zu Beseitigendes. Aber die Knaben umstanden die schlammigen Gerinnsel, besprachen des Fließens Kraft, wie und wo es in spontanem Trieb Bresche schlagen würde, ahmten der Freiheit Drang durch alle Moleküle nach; waren ein Bogen, den Not noch straffer zieht.

Sie spazierten nicht, ohne von einer Folge Mord, Schändung, Folterung, die sie in der Wälder Niederungen bei Lurch und Vogelwelt mit angesehen hatten, wie von ebensoviel Macht und Siegbeweisen mit Lebensschwellung heimzukommen. Dann ließen sie sich in des Ratskellers Klause nieder, gossen Branntwein ins blonde Bier, vor sich selbst wie mordendes Getier am Waldboden stark zu scheinen. Hing im Frühjahr pudernde Baumblüte auf Hügeln, schäumten auf Tellern über Obstkuchen beim Konditor Dehne Berge Schlagsahne, in denen nasse Lippen schmatzten.

Wie Ludwig keine Lebensäußerung der anderen vorzog, sah er sich nicht als Häuptling der Bande, die nach seinem Geschmack lebte. Doch war auf der anderen Einfälle und Entschlüsse wie auf die eigenen neugierig, und immer schien der gerade Handelnde Held.

Jeder Knabe kramte sein Letztes zutage, war ohne Scheu vor Kritik originell. Sie lebten zu eigenem Ergötzen, nahmen alle fremde Manifestation in diesem Sinn. Sich nur im geringsten zu ärgern, bewahrte sie der Verdacht, ein anderer wollte sich auf ihre Kosten freuen. Keinem hätten sie das eigene Vergnügen mißgönnt, doch sollte er es aus sich, nicht aus ihnen bestreiten.

So waren sie Kameraden. Das Geschwür, das einem von ihnen aus dem Hals wuchs, war ihnen gemeinsam Gegenstand der Umwertung der erst peinlich scheinenden Angelegenheit ins Besondere und Angenehme. Sie behaupteten, das männlich Starke schlage aus dem Betroffenen, schienen ihn als einen Begünstigten zu nehmen. Doch wieder so, daß alle an seiner Auszeichnung teilhatten. Vierzig Buben bildeten aus einem Bedürfnis die frohe Phalanx, die durchs Leben marschierte, kein Bedürfnis als nach Lust und dauernder Bestätigung hatte. Sie waren ein Schwung. Bogen in einer Kette aus, stießen vor, besorgt, daß keine Lücke in ihrer Verflechtung klaffte. Was einer wußte, wußten alle. Wo einer Antwort schuldig blieb, versagten sie sämtlich dem fragenden Lehrer. Sonntage brachten die meisten Verlegenheiten; denn die waren Pausen im Getümmel.

 

Der Ausflug ins Günterstal ließ sie an einem Freitag auf dem Schulhof antreten. Dann zogen sie unter Oberlehrer Rüters Führung die Chaussee nach Spiegelsberge hinaus. Der fragte sie nach Pontius und Pilatus, sich ein besseres Bild, als er's in den Klassestunden konnte, von den Bengeln zu machen. Sie antworteten so, daß das Wort großes Zutrauen zu sich und aller Welt bezeugte. Auch sie hatten in freieren Verhältnissen dem Lehrer gegenüber ein Ziel. Zustimmung zu allerhand, zu ihm selbst und seiner spottenden Art, wollten sie ihm als innere Vornehmheit, Vertrauen in ihrer Jugend Kraft klarmachen. Er sei von ihnen geachtet, weil ihm sein Verhalten kräftig eigentümlich sei, sie das empfanden; fern liege ihnen, ihn anders zu wollen. Zu welchem Zweck auch? Habe doch er ihnen gezeigt, Ironie bedeute: Schärfe des Geistes, die sich, ohne den anderen höhnend verletzen zu wollen, lustig macht.

Der Lehrer, von so aristokratischer Gesinnung beengt, denn er wußte für seine ihm eingeborene Neigung im Augenblick kein Ziel mehr, suchte erst recht auf mannigfaltige Art des marschierten Geländes Sinn kaustischer ins Zynische zu ziehen. Überall fand er in der Landschaft Grund, sich zu mokieren, zog quakende Frösche im Sumpf, Störche in witzelnden Vergleich. Und als Natur unter dieser Knabengarde Schutz bejaht blieb, ließ er das Greifbare unangefochten, holte Figuren aus der Historie ans Licht, sie wie Vögel zu rupfen, ihre Bälge dem Gelächter preiszugeben. Doch hielt die junge Mannschaft, des Respektes der Schulstube ledig, den hochgestimmten Ton ihm gegenüber fest, der ihn stärker reizte, die Absicht in ihm reifen ließ, das hochnäsige Volk gründlich in der Abhängigkeit Schranken zu weisen.

Wie er sich aber Mühe gab, keine Veranlassung fand sich. Die Knaben, bebend in einem Instinkt, schwangen noble Degen an seiner Seite, jede Sekunde behielt so männlichen Glanz, daß Rüter spürte, ein Schimpfwort hätte nur für ihn Entgleisung bedeutet. So gab er, ohne den Wunsch geändert zu haben, ihrem Willen vorläufig nach, gewiß, der lange Tag könnte vom stärksten Verlangen nicht bis zum Abend in Helle gehalten werden.

Insbesondere lenkte seine Frau ihn von seinem heimlichen Ziel. Schweigend hatte sie dem Spiel der Kräfte zwischen Lehrer und Schüler zugehört. In der ihr aus allen Antlitzen zugeblitzten Gewißheit, dieser Ausflug geschehe unter Männern, ihr Mitkommen sei unerwartet und gelitten, hatte sie zu nichts Bemerkung gewagt. Sie begriff, hier besaß sie trotz verhältnismäßiger Jugend und äußerem Reiz kein Vorrecht, für den Augenblick kaum ein Recht, könnte nur verschleiert als Gleichnis nicht zur Diskussion stehender Dinge gelten. Jetzt aber glaubte sie, vermittelnd handeln zu sollen. Durch Ruck am Ärmel warnte sie den Gatten vor drohender Gefahr.

Und so begann der Knaben Wille sieghaft den Morgen zum Mittag zu gestalten. Immer marschierend, zeigten sie sich im Sprung, Schleudern, Wettlauf; brachten den Beweis, daß ihre Muskeln am ganzen Leibe gewillt waren. Dann führten sie Lieblinge aus der höheren Welt der Geschichte des künstlerischen Scheins ins Gespräch, bewiesen an ihnen ihre Lust, mannigfaltiges Wesen schätzen zu wollen. Stellten an diesem Vormittag des Ursprünglichen Grenzen absichtlich weit, Rüter die Möglichkeit der Verneinung zu beschneiden. Glänzten in Bewunderung des sehr Exponierten, betonten Judas Ischariot, Richard den Dritten, Alexander Borgia vor Mark Aurel und dem Großen Kurfürst. Behaupteten mit heißen Backen, nicht Franz, eher sei Karl Moor die Kanaille, der nicht zur Aufhellung der um den alten Vater verbreiteten Irrtümer eingeschritten sei.

Ludwig setzte den Trumpf auf, als er dem Lehrer betonte: er billigte Heine stärkeren Lebensmut als Schiller zu, obwohl er vom Wesen beider blasse Ahnung hatte. Doch die Gefährten verstanden ihn gleich, riefen unisono:

»Und die armen Götter, oben am Himmel
wandeln sie, qualvoll,
trostlos unendliche Bahnen,
und können nicht sterben,
und schleppen mit sich
ihr strahlendes Elend.
Ich aber, der Mensch!«

Damit brachen sie ab und wiederholten »Ich aber, der Mensch!« viele Male als Ausruf, laufend, springend, sich in die Luft werfend und in einem Schrei brüllend: »Ich aber, der Mensch!«

Daß Rüter sich maßvoll, doch entschieden diesen Teil ihres Bekenntnisses als abgeschlossen ausbat. Indessen stand Sonne im Zenit, an Hängen qualmten Äcker, jede Rute schwitzte Saft, Natur war so munter und blank, daß die Knaben, von Mutwillen geführt, den Lehrer festlicher anlachten.

In einer Dorfwirtschaft setzte sich alles zu Tisch, und die Gesellschaft verlangte aus Ludwigs Mund Worte zur Bekräftigung ihrer auch heute betreuten Weltauffassung. Ludwig, da ihn der Horde Zutrauen trug, erhob sich in der Sonne vergoldet, ließ sein Glas an Hauptes Höhe steigen, glänzte das Lehrerpaar an und entbot den Genossen ein pompöses »Prost!« Worauf ihn Tusch und Jubel lobte.

Doch rückten, vom Mittag bewirbelt, die Knaben innerlich zu nah aneinander, daß wider ihren Wunsch die Kluft zu den Erwachsenen, die ihre beherrschte Haltung während des Morgens vereitelt hatte, sich auftat. Deutlich saß ein Herr und eine Dame bei ihnen, die das Verhältnis zu aller Wirklichkeit nicht teilten, das empfundene Unbehagen nicht mehr bemänteln konnten oder mochten. Trotzdem die ganze Gesellschaft sich tollkühn ihnen im letzten Augenblick zu Hilfe stürzte, auf Rüters Frage an einen von ihnen, was er später werden wollte, der die treuherzige Antwort gab: »Oberlehrer, Herr Oberlehrer!« und alle mit Blick und Geste gleiche Absicht kundtaten, klaffte der Riß, und die Jungen, in Ahnung eines Unvorhergesehenen von Rüters Seite, schlossen enger auf. Deutlich merkten sie, in dem war eine Absicht, die sich nicht geäußert hatte, nach innen gewandt, wurde, im Käfig wund sich stoßend, von einem Tyrannen am Leben, an der Erscheinung gehindert. Nicht des Lehrers Zorn, der schlimmste, mit unbändiger Gewalt ausbrechende, hätte sie erschreckt und verletzt. Was sie am freien Leben lähmte, war der Instinkt, in ihrer Gegenwart wurde, was sich hatte beweisen wollen, erdrosselt, mindestens gezähmt.

Ludwig war der einzige, der sich diese Ahnung zu erläutern wußte: der Mensch traut seinem Willen die Kraft zum Sieg nicht zu, unterdrückt ihn in der Hoffnung, durch Zufall von außen unterstützt zu werden. Sonst wird er ihn völlig auslöschen.

Und in ihm wuchs grausamer Zweifel. Sollten sie den Schwächling und seinen ausgehängten Drang in dessen Sinn vernichten, oder waren sie überlegener, sprangen sie dem Eingesperrten zu Hilfe, erlösten es von ihren Gnaden?

Darüber tauschte er mit den anderen Meinung aus. Doch brachte man vor lauter Daseinsfreude nichts zur Entscheidung. Über dem Gebundenen schwebte man in löwenmütiger Freiheit, war schmuck wie die bunteste Blume.

Sie kamen in die Kirschen, die blank an Bäumen wie an Frauenhüten hingen, die sie vertilgen wollten. Eroberer, fielen sie in die widerstandslosen Früchte, strengten Gebiß, Schlund, Magen gegen sie bis zum Zerreißen an. Hier war, sich zu beweisen, neues Feld, hier des Tages wirklicher Sinn, und sie erfüllten ihn so hingegeben, daß Rüter mit der Frau vergessen war. Hier geschah einheitlich reine Haltung. Natur labte sich aus sich selbst, war von Anfang bis zum Schluß saftig, farbig, süß.

Auch hier blieb Ludwig der erste, raffte das meiste zum Mund, griff am schnellsten das Beste, schlang am ausdauerndsten. Als auch seine Hast lahmer wurde, lagen die Kameraden schon ein Weilchen, tiefer in des angrenzenden Waldes Kühle gezogen, ausruhend am Boden. Rüter aber, unter seines Weibes farbigem Schirm, schien grün im Gesicht, hatte die Augen in höchster Erwartung gespannt. Das merkte Ludwig, als er ihm gegenüber niederfiel, sich faul zu nichts mehr entschloß.

Aus geschlitzten Lidern blinzelte er, sattes, starkes Tier, nach des Lehrerpaares vier Schuhen, von denen erst einer, ein zweiter nach links und rechts in den Rasen kippte. Hellblau wuchs ein Frauenstrumpf, auf einmal knickte eine Wade vor, die, Beutel, am Bein hing. Von des Weibes Gesicht war nichts zu sehen, doch spürte Ludwig aus der Wade Spannung, ihm gegenüber trat ein Wille ins Spiel, der sich vor ihm, des Tages Sieger, behaupten wollte. Das war ihm auch willkommen, er richtete sich, von der Beute ergötzt, die ihre Reize zeigte, innerlich hoch. Als der andere Schenkel sich bewegte, parallel dem Bein vom Schuh zum Knie sich aufstellte, daß brausende Lust in Ludwigs Hirn schlug – in diesem Moment höchsten Glanzes brach eine Wand seines Innern, Röte sprang ihm ins Gesicht. Während die Frau ihm gegenüber ihrer Lockkraft Gipfel erstürmte, krampfte sich ihm Gedärm, sprengte seiner Existenz festen Unterbau. Schweiß troff, er merkte, gleich müßte er hinter einen Busch, zu seiner Schande in ein Deckendes verschwinden. Doch hielt ihn ein Augenpaar, das frohlockte, eine Sekunde fest. Dann bremste kein Halt mehr. Jäh war er hochgesprungen, konnte, Hände an den Knöpfen, nur einige Schritte von an ihm hängenden Blicken fort, in eine Staude untertauchen. Da sah er, seiner Entladung hingegeben, den Oberlehrer sich auf Zehen nach ihm recken, seiner Frau fröhliche Zeichen gebend, hörte schallendes Gelächter. Des glorreich angestiegenen Tages Abend ward für alle Knaben eine einzige Schmach, in der nichts Tröstliches war, weil Rüter und Frau keinen Augenblick den wehen Humor der sich von allen Seiten wiederholenden Katastrophen anerkannten, das Schlimme nicht rechtfertigten oder sich schleunigst entfernten. Aber als lächernde Schatten bis an die Tore der Stadt sichtbar blieben.

Als die Schüler am Eingang in die Straßen rettende Häfen suchten, scholl Rüters Ruf ihnen nach: »Bis morgen früh, die Herren!«

 

Anderen Tages stellte Ludwig vor den Freunden fest, Unerhörtes sei geschehen. Der von vierzig Jünglingen ihrer Art gemäß gelebte Wille war gekreuzt, doch nicht so, daß aus ihm die nächste Stufe erstiegen war, aber Rüters Hohn war so fremd gewesen, daß die Knaben keinen Vergleich mehr wußten. Zum erstenmal schien nicht aus der Welt der Natur, aus einer anderen, für die sie keinen Namen wußten, drohende Wolke auf sie zuzukommen. Gleich waren sie zum Kampf entschlossen. Nur dünkte er sie unsicher, weil sie nicht sahen, wer Feind war. Auch Ludwig nicht. Denn äußerlich war seit gestern nichts geändert. Selbst Rüter behielt seine alte Haltung. Doch kam den Knaben in ihrer Fröhlichkeit oft ein Zweifel. War wo ein Glück, ließen sie es nicht einfach gelten, doch suchten den Zustand zu einem Ende zu denken, fragten sich, ob nicht zum Schluß eine Fratze wie Rüters möglich sei. Als aber kein neuer Angriff kam, niemand zu schonungsloser Attacke auf sie antrat, fiel ihr Bedenken zurück. Sie glichen sich aus, wurden von neuem vergnügte Kumpane. Auch von der Kirschenpartie stand hinterher nur die derbe Drolligkeit fest. Mit dem bald darauf gelernten, oft eingeworfenem »naturalia non turpia« hatten sie Rüter die Möglichkeit zu anderer Auffassung entrenkt, hüteten sich vor neuer Entgleisung.

Wieder machte man nach Tisch schnell Schulaufgaben, die wie gesunde Stauung zufließender Kräfte genommen wurden, sich wie beutelüsternes Raubtier in die Gassen der Stadt zu gießen. Mit Lachen nahm man auf Straßen und Plätzen Parade ab, fand Anregung zu frischer Freude, ergötzte sich, war sonst niemand da, an sich selbst. Meistens galt der Jungen Lust den Mädchen, deren jeder eins hinter verhängtem Fenster wußte. Da trabten sie in Trupps an den betreffenden Häusern vorbei, Atemlosigkeit hinter gassenbübischem Gekicher, gespreizten Gesten bergend. Ludwig zog Freunde immer wieder vor die gleiche halbgehißte Jalousie. Hinter ihr, war er gewiß, saß, auf ihn wartend, Else Weber.

Was tat's, daß er sie von Angesicht zu Angesicht noch kaum gesehen hatte, sie sich nie am Fenster zeigte. An ihm saß schräg ein Spiegel, in dem das Leben auf der Straße vom Zimmer her betrachtet wurde. Der brachte jedesmal ihr Bild, behauptete Ludwig, sobald er an der Ecke auftauchte.

Beim Bier spülten sie Verklärung mit rüden Gesprächen wieder ab. Oft erlagen sie auch der Zartheit, blieben gleichnishaft bei Schlagrahm und Bonbons.

Und hatten immer noch alles gemeinsam: hinter Gardinen die Flamme, den Zopf an einem geliebten Köpfchen, braunes Bier, Schaum auf Kuchen, großen Stolz, Bejahung dieser glückseligen Welt. Und ihre sechzehn Jahre.

Eines besaß Ludwig darüber hinaus: des Beines im blauen Strumpf unauslöschlichen Eindruck. Bekannte er sich vorm Einschlafen zu Elses verschleiertem Blick im Spiegel, gähnte des offenen Rockes Höhle, in die er geschaut hatte, in seine Vorstellung. Aus beider Bilder Vergleich sah er in der Angeschwärmten Haltung die gespielte Scheu, falschen Widerstand ein. Da ihr Gefallen an ihm aus den im Spiegel getauschten Blicken feststand, hätte sie Gelegenheit zu heimlicher Begegnung mit ihm suchen müssen. Bei dieser aber, die er in Träumen ausmalte, hätten des Mädchens natürliche Wünsche es nach der Lehrerfrau Beispiel zur Enthüllung vor ihm, nicht zu gezierten Verstecken führen müssen. Die Ludwig sich fleißig und immer wieder verwirrender einbildete, bis er entschied, Wirklichkeit müßte süßen Gleichnissen wie die Lebensfülle in H. dem Lebenstraum im Elternhaus überlegen sein, und er habe auf sie das ursprünglichste Recht.

Des Mädchens entsprechende Natur voraussetzend, begriff er seine männliche Rolle des Angreifers und Verführers, ihm schien, auch die Kameraden erwarteten seiner Schwinge kühnere Entfaltung.

Nicht länger widerstand er dem Ruf im Blut, brach zu großartigem Angriff auf. Doch entschloß er sich gegen bisherigen Gebrauch zu ausgedehnter Rekognoszierung, genauer Aufklärung, vor des Gegners Verschlagenheit durch das Abenteuer beim Kirschenausflug gewarnt.

Er erriet, Kampf, zu dem er sich anschickte, würde sich nicht wie Bisheriges an der von ihm gewählten Stelle abspielen, doch er müßte vom sicheren Standort aufbrechen, in unbekanntes Gelände folgen.

Nun war Geräusch und Lachen nicht am Platz. Jeder Begleiter störte. Allein lief Ludwig zum Wald, in die die Stadt umkränzenden Büsche. Dort fiel er ins Blattwerk, erspähte angehaltenen Atems, unsichtbar, Mädchen und Frauen. Folgte ihrem Geschlenker, lernte ihre Gangart und Gebärden auswendig. So paßte er sich der Vegetation, der Atmosphäre an, daß ihn kaum ein Weib sah, dem er, von Baum zu Baum springend, auf einsamen Wegen durch die Wälder folgte. Die sich allein Glaubende war eine andere als die, die am Stadtwall in die Allee gebogen war. Keine Verstellte mehr, doch die ganz Entstellte. Allein im Laub, enthäutete sie sich aus der Schale, die Ludwig sichtbar am Boden lag. Er, einen Fuß im Jagdeifer aufsetzend, folgte bebend immer neuen Entkleidungen, frohlockte ob der sich offenbarenden Wahrhaftigkeit, die er stark, doch prachtvoll fand.

Ehe er ein Weib berührt hatte, war er seiner Tricks, Impulse Kenner. Wußte alle Orte, wo Schleifen Wäsche binden, Schnallen Bänder halten, war aller Zipfel, Schlitze Bedeutung eingedenk. Endlich sah er Gesten, die kommen würden, voraus, hätte eine Frau im Finstern entknoten und wieder zusammenbinden können.

Eines Tages, als er einem Paar durch Unterholz ins Dickicht nachgekrochen war, erfuhr er, wie frei und entschränkt die Frau dem Manne in Liebe gehört.

Nun war er für kommendes Glück gerüstet, warf sich ihm hin. Doch gelang nicht, die Angebetete durch Signale zum Aufbruch ihm entgegenzutreiben. Im Gegenteil blieb sie für immer vom Fenster, vom Erdboden vertilgt. Auch weckte ihre Weigerung Verachtung in ihm, da er sie als Verrat an schwelgerischer, verschwendender Natur nahm. Sah er doch, wie sonst seine Herausforderung zündete, überall Blick mit Gekicher ihm zuflog.

 

Ein Schmied wohnte im Hinterhaus. Auf dem Hof standen seine Ambosse und Geräte, Feuer funkte von der Werkstatt ins Freie. Sah Ludwig der Arbeit zu, trat eine Sechzehnjährige ins Tor, ließ die kupferne Mähne von Flammen bestrahlen. Unter der Glut und Ludwigs Blicken errötete sie, setzte sich auf den Prellstein, das Haupt in Hände gesenkt, doch so, daß sie durch Fingerritzen nach dem Jüngling schielen konnte. Da in beiden der Blutstrom ein Weilchen getobt hatte, wurde sie über Gerumpel im Werkstattwinkel sein Besitz. In kochenden Minuten sprengte er Türen durch Wände. Da er an vielen Punkten in ihr Fleisch tauchte, schien er in des Lebens echte Bewegung zu kommen. Auch doppelte sich Duft, Ton, Farbe der Welt.

Wieder allein, begriff er sich endlich komplett. Jetzt war Leben schlanke Sache. Mit dem Mädchen ging das Ding ohne Anfang und Ende im Rundlauf. Freiheit war vollkommen da. Mit jeder neuen Umarmung schien Hinzugedachtes überflüssiger; einfach alle Welt war das verschränkte Paar.

Gab's einen Rest, war es des Mädchens Liebe, die sich nicht wie des Mannes Gefühl im Beisammensein erschöpfte. Auch wenn es nicht die Stunde des Glücks war, lebte die Sehnsucht. Er aber blieb kühles Fleisch, das nur in der Vereinigung in Säften lief. Der Sechzehnjährige, hätte er die Schöpfung wieder erfinden müssen, würde sie nach seinen Plänen wieder so gemacht haben: den gleichen Ludwig im Mittelpunkt, und Minna, rot und weiß, mit allem, was sie weiblich hatte. Doch auch die Kameraden, hatte zu ihrer Apotheose noch etwas gefehlt, schienen zu ihrem Höhepunkt gewillt. Bald hatten sie Ludwig eine Überlegenheit, die noch mögliche Steigerung des Selbstbewußtseins abgefühlt, die Ursache richtig geraten. Bei einer Ratskellersitzung gab er sein Geheimnis preis, zerriß vor ihren Blicken des Mädchens Gürtel und Schleier, sparte, angetoastet und beprostet, nicht mit erregender Beschreibung heimlicher Reize. Über den jungen Menschen dampfte mit Tabakrauch und Punsch entfesselter Sinnlichkeit Qualm. Nun begleitete schlüpfrige Neugier Ludwig überall. Fragen wurden dringlicher, verzweifelt, als der Sommer in Wollust stand. Die Aufgeregten belauerten ihn, suchten in seine Schlupfwinkel zu folgen. Da ihnen der eigene Erfolg immer noch ausstand, berauschten sie sich bis zur Sinnlosigkeit an des Bevorzugten Glück. Gier drängte, an einer Tatsache teilzuhaben, von der der Traum nicht mehr genügte. Ludwig, von ihr beleckt, war, wo er erschien, zu immer nackterem Geständnis gezwungen. Doch fühlte er, er gab mit krassestem Wort dem Verlangen nicht genug.

Sie ließen ihn merken, nichts dürfte er, das ihn auf die Dauer von ihnen schied, besitzen. Was er hatte, war Punkt auf alles Gelebte. Blieb er nicht auch hier Freund, galt das bisher Geteilte nicht, doch war Grund, den schließlichen Verrat deutlicher zu machen. Die Verwegensten wollten, er nähme sie auf abendliche Spaziergänge mit, ließe sie des Mädchens Luft atmen. Umharkten seine Arme des Schatzes Hüfte, hatten auch die Begleiter des Besitzes Lust.

Ludwig gewöhnte sich, nur noch zuletzt mit Minna allein zu sein. Sonst fand er sich in der Freunde Gegenwart, die auf des Mädchens Zärtlichkeiten sich ein mittelbares Recht anmaßten und genossen. Er spürte auch, so trug ihn ihre Achtung am leichtesten und freiesten, durch bloße Ausstellung seiner Macht auf ein Weib ersparte er den Kampf um die besondere Geltung.

Inter pares war er primus, dux. Und nie vorher hatte sich der geistig oder körperlich Stärkere ihm so unterworfen. Hatte er die Rolle nicht gesucht, machte sie das Leben angenehmer.

Hing die ganze Schar von ihm ab, daß er ihrer Tage Gipfel bestimmte, schien ihm einer entrückt. Dieser, den sie »Kanzleirat« nannten, weil er seine Bücher mit Gründlichkeit führte, Schulaufgaben machte, hatte, auf jene Ausflüge mitgenommen zu werden, von Ludwig nie verlangt. Er war der einzige, der Minna von Angesicht zu Angesicht noch nicht gesehen hatte. Und doch hätte Ludwig gerade seinen Beifall gewünscht, weil er in allen Lagen von den Genossen der selbstsicherste gewesen war.

Meister beim Kriegsspiel und Suff, stellte er in der Schulbank seinen Mann. Wurde beraten, gab seine Meinung den Ausschlag. Doch auch bei täglichen Fensterpromenaden riß seiner Verehrung Eindringlichkeit die anderen zur Bewunderung hin. Jetzt aber, war von Minna die Rede, ließ er Ohren wie ein Jagdhund, den man ins Wasser hetzt, hängen. Je mehr sich die Rotte um Ludwig drängte, um so eifriger wich er aus, war unter immer neuen Vorwänden nicht von der Partie.

Inzwischen rieb sich das männliche Geschwader am weiblichen Köder täglich mehr. Ging Ludwig Arm in Arm mit der Geliebten, rührten ihr die Folgenden ans Haar, an den Rücken, den Rock, und hitziger juckte Lust. Sie schossen dem Mädchen Blicke so dicht aufs Fell, daß das sich krümmte, des Geliebten Hilfe erbat.

Der war im Korpsgeist so geschient, daß er Kraft und Recht zu keiner Abwehr fühlte. Hier war Leben, wie er steckten die übrigen bis zum Hals darin. Er war nur des neuen Glückes Finder, sein Halter und Verwalter für die anderen. Natur war frei und mochte schäumen. Auch hier gab es nur Horizonte, keine Grenzen. Elementar tanzte Trieb in den Jünglingen, naschte am anderen Geschlecht.

So mußte es sein, spürte Ludwig, und recht hatten die Kameraden. Im anderen Fall wäre er bevorzugt gewesen. Ihrer Welt blaue Luft, zarter Ton, leichte Beschwingtheit hatte aller Recht auf jede Freude zur Voraussetzung, verbot, ein einzelner verlegte zu einem Behagen den Weg. Sonst mußte fremde Trauer sein Glück stören, Welt zerfiele in ein isoliertes Ich und viele feindliche Du.

So nahm er es mit seinem Besitz nicht genau, erlaubte des Mädchens fortgenommene Hand, daß ein anderer den Kopf an Minnas Flechten lehnte. Vor der Bank sah er die Jünglinge an die gelbgestiefelten Füße, die sie liebkosten, mit gequälten Blicken verschlangen, sinken. In breitem Liebestaumel saß er, erlebte stürmischer die männliche Regung.

Doch schien ihm jedes Menschen Absonderung von ihnen ein Verbrechen. Was trieb den fort, wo wollte der hin? Was bedeutete, da ihnen alles gemeinsam war, der Aufbruch? Wie sehr ein Kitt sie alle band, hier drohte aus ihrem Verein ein tiefer Riß.

Als er von Unruhe bewegt, vor Zeugen Kanzleirat stellte, ihn fragte, warum er bei gewissen Gelegenheiten nicht in ihren Reihen sei, schluckte der, schwur besondere Absicht ab. Auf der Stelle wurde er aus dem dringenden Bedürfnis aller gezwungen, sein Mitkommen für den gleichen Abend zuzusagen.

Als Schlag neun, es war dunkel, der Trupp fünf junger Menschen sich mit dem Mädchen dem Wald zu in Bewegung setzte, ging man wortlos zu einer Hinrichtung. Das machte, Kanzleirat hatte den Rockkragen hochgeschlagen, Lippen gekniffen, ging mit in die Taschen gesteckten Händen gesenkten Blickes. Man hatte ihn an Minnas Seite gedrängt, stieß von vorn und hinten das Mädchen, bis es ihn reiben mußte, gegen ihn, hängte rückwärts seines Mantels Schoß mit ihrem Rock zusammen. Mit jedem Schritt, den sie tiefer in schwarze Bäume tauchten, spürten die Jungen, wie sich in ihrem schlürfenden Gefährten die gleiche Kraft stärker offenbarte, die sie aus Rüter einst furchtbar erschreckt hatte. In ihm arbeitete der Wunsch, Abgrund zwischen sich und ihnen aufzureißen, in den sie verschwinden sollten; Sucht, aus ihrem Fall Bewußtsein der Überlegenheit für sich festzustellen.

Sie bissen die Zähne zusammen und, ohne daß sie Bestimmtes wußten, wollten sie drohender Unmenschlichkeit in die Zügel fallen, nicht dulden, ein einzelner versuchte unaufgefordert Korrektur ihrer naiven Welt.

Noch galt für sie nur großer Instinkt. Für nichts gab es ein Für oder Wider, kein Urteil über Lebendiges, und des Ereignisses Bedeutung konnte von niemand vorher geschätzt werden.

Der aber mit ihnen ging – sie begriffen es, sahen sie sich von Zeit zu Zeit entschlossen an, hatte ein richtendes Verhältnis zu ihnen einzunehmen, an einem Urteil über sie hochzuklettern begonnen.

Nun schnürten sie ihm Minnas Arm um den Hals, schraubten seine Hüfte an ihre, stießen ihn mit ihr in eine Bank. Durch Wort und Zeichen trieben sie ihn – und in tödlicher Verlegenheit grinste Kanzleirat. Er konnte ihrem Willen, der um ihn keuchte, nicht entfliehen, kaum entwand er sich der eigenen Lust, war aber über alles hinaus gegen das Weib und die schwitzenden Schergen von Haß und würgendem Abscheu erfüllt.

Je mehr man ihn aus seinen Kleidern schälte, je näher man das Mädchen hob und schob, überwältigte ihn unwiderstehliche Angst, bis er mit seines Leibes wollüstigen Teilen Ekel in blechernem Schrei erbrach.

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