Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Heymann >

Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
Schließen

Navigation:

8

Ruhe, nur Ruhe, denkt Christine, während ihre Zähne gegeneinander klappern. Alles wird sich klären. Unmöglich, was mit mir vorgeht. Es kann nicht sein. Wohl kennt sie Rußland, wohl krallt sich Angst ein. Aber sie will nicht schwach werden. Sie will hoffen, hoffen, hoffen.

Michael ist ja da. Michael sucht sie. Michael wird nicht ruhen. Michael wird sie finden.

Sie sieht zur Höhe. Ob es nach oben keinen Ausweg gibt?

Der Kerker ist hoch. – Sie schätzt die Höhe zur Decke ab. Da überläuft sie plötzlich eisiges Grauen.

Was ist das?

Senkt sich die Decke?

Unwillkürlich springt sie zurück. Dreht sich wie eine Rasende um. Irgend etwas in diesem verhexten Gefängnis ist in Bewegung – lautlos senkt sich etwas herab! – Christine starrt auf den weißen Widerschein, den das Mondlicht durch die vergitterte Öffnung auf die gegenüberliegende Wand wirft. – Wie ein Kreuz – wie ein memento mori ...

Sie mißt den Zwischenraum zur dunklen Decke. Da sieht sie – deutlich – ganz deutlich – während ihre Augen mehrere Minuten erstarrt nach oben blicken – der Zwischenraum vermindert sich!

Ein schwarzes Untier schluckt langsam, langsam, aber ohne Aufenthalt, die Wandfläche zwischen Gitterkreuz und Decke in sich ein! Jetzt ist es ganz klar: Die dunkle Decke kommt herunter, bewegt sich durch irgend einen geheimnisvollen Mechanismus, kommt näher, näher, bis sie Christines Haupt berühren wird, sie zwingt, sich auf die Knie niederzulassen – noch tiefer – noch tiefer – sich hinzulegen – und sie in Finsternis und Schweigen quetscht, drückt, den Atem nimmt, den Brustkasten bersten läßt, sie begräbt, zermalmt.

Kalter Schweiß steht auf Christines Stirn. Und die Decke gleitet mit entsetzlicher Sicherheit und Ruhe weiter. Da fällt Christines Blick auf Schatten: Der Wasserkrug, die Blechschüssel. Sie wirft sich darüber hin, schleudert mit den Händen, mit der unbändigen Kraft der Verzweiflung den Krug zur Decke empor. Aber während sie wie eine Verrückte dies tut, fällt von dem Krug ein Eisenband zurück auf den Boden. Sie reißt es an verschiedenen Stellen rund um das Kreuz an, findet einen schmalen Spalt im Gesimse des Fensters und schiebt es ein.

Sie arbeitet mit dem Aufgebot ihrer sporttrainierten Jugendkraft, von Zeit zu Zeit einen Blick nach oben werfend.

Fast schneidet die niedergleitende Decke das Gitter an. Noch Minuten. – Da lockert sich das eiserne Gitter – mit bebenden Fäusten reißt Christine es vollends aus. – Der Weg ist frei.

Sie zieht sich hoch und beugt sich hinaus. Der Weg zur Freiheit ist offen. Tief geht es die Stockwerke hinunter. Nirgends ein Licht. Die Bäume rauschen. Ein Sprung in die Tiefe ist unmöglich. Christine sieht hoch. Dicht über ihr wölbt sich ein Dach. Sie kann es mit den Händen erreichen. Streift den Rand mit der Rechten. Es ist möglich, sich hinaufzuschwingen. Sie schaut zurück. Die herabgleitende Decke verfinstert bereits die Hälfte des Fensters. Es gibt kein Zurück. Sie klettert tapfer zu dem Rand des Daches empor. Eine Weile pendelt sie frei in der Luft. Absturz bedeutet sicheren Tod. Jetzt gewinnen ihre Füße die Dachrinne. Sie stemmt sich höher, mit Beinen und Armen arbeitend. Da faßt sie den Kamin und schlingt die Arme um das Gemäuer.

Sie ist gerettet.

Gerettet aus der Gewalt fürchterlicher, mit den raffinierten Mitteln der Neuzeit arbeitender Kerkermeister!

Die kühle Meeresbrise streichelt ihre Stirn. Ihr Kleid klebt an dem schweißgebadeten Körper.

Ihre Augen gewöhnen sich allmählich an die Dunkelheit. Unter ihr dehnt sich ein Park. Auf der anderen Seite ist eine Straße.

Sie muß dort hinüber, versuchen, entweder durch ein anschließendes Dach weiterzukommen – oder die Aufmerksamkeit der nächtlichen Passanten zu erregen.

So kriecht sie langsam weiter bis zum Dachrand zurück. Noch einen letzten neugierigen Blick wirft sie zurück nach dem verhängnisvollen Fenster. Jetzt ist es sicher von der Decke ausgefüllt, vermauert, sie würde zerquetscht unter dem teuflischen Mechanismus liegen.

Da fühlt sie, wie ein elektrischer Schlag durch das Rückenmark geht. Sie klammert sich schweratmend an dem Dach an.

Aus dem Fenster, dem sie eben entflohen, streckt sich ein Kopf.

Es ist ein weißes Gesicht, das in der Dunkelheit schwebt und keinem Körper anzugehören scheint. Die Augen sind drohend auf Christine gerichtet, die Lippen bewegen sich. Die Züge scheinen verzerrt durch eine ungeheuerliche Anstrengung, und allmählich schwillt dieser Kopf ohne Körper blau an und verrenkt die Augen.

Sekunden ist Christine in Gefahr, abzustürzen. Da beherrscht sie sich. Verspottet sich selbst. Alle Ammenmärchen ihrer Kindheit tauchen plötzlich aus einem längst verschütteten Schacht ihrer Seele auf: Menschenfresser und tückische Zwerge, Verhexte und Galgenkönige vollführen einen grotesken Reigen, beschienen vom milchweißen Licht des Mondes, der den Kopf da unten langsam in die Höhe zu ziehen scheint. Sie nimmt allen Mut zusammen und ruft mit der Ironie des Grauens und der Verzweiflung: »Du da unten – Kopf eines Gehenkten, was willst du?«

Zu ihrem maßlosen Erstaunen beginnt das Gespenst zu reden in derselben Sprache wie sie: »Du da oben, Dirne, wenn du nicht augenblicklich machst, daß du herunterkommst, dann hole ich dich!«

Sie schweigt. Ist nicht sicher, daß dies alles ein dummer Traum ist. Gewiß fällt sie im nächsten Augenblick drei Stockwerk tief hinab und erwacht in ihrem Bett.

Soll sie loslassen und den Prozeß unnormalen Blutdrucks abkürzen? denkt sie weiter, überlegt, daß es klüger ist, die Entwicklung abzuwarten.

»Ich habe den Kopf lange genug ins Freie gesteckt. Es muß ein Ende werden!« ruft der Geist.

Und siehe: Er kommt näher. Erst zeigt sich ein hochgeschlossener, enger, dunkler Kragen. Darum sieht der Kopf so losgelöst aus in der Nacht – und darum war er so blau! Das Wunder geht weiter! Es kommt ein Rumpf, es folgen Beine, und nun steht ein dicker, untersetzter, stämmiger, russischer Milizbeamter auf dem Fenstersims und greift an seine Pistolentasche.

Und schon fühlt sich Christine rückwärts gepackt, vom Dach heruntergezogen.

»Hast du sie fest?« ruft der Mann im Fenster.

»Sicher,« antwortet eine Stimme ganz nahe bei Christines Ohr. Wie sie sich umwendet, sieht sie sich von einem zweiten Soldaten umklammert.

Man schleppt sie zurück und bringt sie wieder zum Verhör in das kahle Zimmer.

»Nun?« sagt der Offizier. »Sie haben eine unruhige Nacht gehabt. Wollen Sie jetzt gestehen?«

Christine schwört, beteuert, fleht, ihren Gatten zu holen. Beruft sich auf den Generalissimus der Franzosen.

Ein kaltes Lächeln ist die Antwort.

»Also dann,« sagt der Offizier: »Zum Rittmeister!«

Sie wird wieder abgeführt. Diesmal geht es durch unzählige Gänge, über Treppen hinab, sie hat das Gefühl, in das Innere der Erde zu gelangen. Sie merkt, daß Odessa Katakomben hat, sie fühlt Eiseshauch und das Schweigen des Todes. Sie erhält einen Stoß und befindet sich in einem Kellergewölbe.

Es riecht nach Moder und Schweiß, es riecht nach Entsetzen. Dieser Keller ist erfüllt von jenem typischen Angstgeruch, den Menschen in Not ausströmen, er atmet Schmerzensschreie.

Christine sieht im Schein einer kleinen, verqualmten Lampe mehrere Männer auf der Erde hocken. Einer hustet Blut. Ein zweiter mit einer blauen Kappe spricht halblaut, die Augen auf die junge Frau gerichtet:

»Sind Sie im Auftrag hier?«

Sie zuckt die Achseln. Sie friert. Sie schaut diese verwahrlosten Gesichter an und kann sich nicht fassen vor Qual.

»Was wollen Sie? Und was will man von mir? Wo bin ich?« fragt sie.

»Ach, die Frau, von der der Rittmeister sprach,« mischt sich der Dritte ins Gespräch. Er ist bärtig und hat ein leichenfarbiges, grünes Gesicht. Die Augen sind aus den Höhlen getreten.

»Sie dürfen sich nicht über mich entsetzen,« sagt er und zeigt einen blutigen, zahnlosen Mund. »Ich war heute im Operationssaal.«

»Im Operationssaal?« stammelt Christine.

»Sie ist doch ohne Auftrag,« bemerkt wieder der Erste mit der blauen Kappe.

»Die Gegenspionage des Hetman hat Sie der Konterspionage der freiwilligen Armee ausgeliefert,« sagt der mit dem zahnlosen Mund. »Verstehen Sie noch immer nicht?«

»Nein, ich verstehe kein Wort,« erwidert Christine und stützt sich mit den Schultern an die feuchte Wand. »Ein Irrtum, es wird sich aufklären.«

»Hier klärt sich nichts auf!« erwidert der Mann mit der blauen Mütze böse. »Sie hatten sicher verdächtige Beziehungen – wir sind in Odessa, Madame – nun, oder haben Sie etwa Colombi gekannt?«

»Colombi? Wer ist Colombi?«

»Hauptmann Odojewskij. Ja? Er heißt bei uns Colombi!«

»Ah! Sehen Sie! Sie kennen ihn! Colombi hat Ihnen vielleicht einen Streich gespielt. – Oh lala! Wissen Sie, was er angerichtet hat? Ein ganzer Dampfer hat gemeutert! Alle Nachrichten, die er überbracht hat, waren falsch! Ich meine, er war Späher für das Oberkommando. Aber er spioniert doch für die Roten, und der Grigorjew ist sein intimer Freund. Kurz, wenn Sie dummes Zeug gemeldet, oder sich gar mit ihm eingelassen haben ...«

Eine Tür geht auf. Zwei Offiziere erscheinen. Einer gibt dem Mann mit der blauen Mütze einen Fußtritt, daß er lang auf die Erde fliegt.

»Iwanowitsch Tschambak!« schreit er und reißt den Burschen, dem immer wieder rote Rinnsale über das Kinn schleichen, hoch. »Vorwärts! Und die Gräfin auch!«

Er packt Christine mit einem rohen und unzüchtigen Griff. Sie fühlt sich durch einen langen Korridor geschleppt. Es geht bergab. In noch tiefere Keller als der war, in den man sie zuerst gesperrt hat. Und dann blenden die Lichter von elektrischen Taschenlampen.

In der Mitte dieses Kellerraumes steht ein bärenstarker, riesengroßer Offizier. Sie erkennt ihn sogleich. Er ist aus der Armee Grischin-Almasow. Sie reißt sich von ihren Peinigern los und stürzt auf ihn zu:

»Rittmeister Nemeroff!« ruft sie aufatmend – »welch ein Glück. Man hat mich verhaftet! Sie kennen mich! Bitte, sprechen Sie mit den Leuten.«

Ein eisiger Blick aus zwei kalten, blauen Augen trifft sie. Es sind, wie es scheint, so harmlose Augen, daß sie einem Baby angehören könnten. Diese Augen nehmen gar keine Notiz von der Gefangenen. Sie sieht sich im Geiste mit Michael im Café Fanconi, sie sieht den Rittmeister. Er ist voll Höflichkeit. Er küßt ihr die Hand, er sagt ihr Artigkeiten, er bewundert ihre Haltung nach all den Schrecken der Flucht – ja ... und hier ...

Ist das nicht doch ein dummer Traum? denkt sie. Ich werde erwachen, und alles ist vorbei.

Sie beginnt nochmals laut an den Rittmeister zu appellieren.

»Schweigen Sie,« sagt er kurz. »Sie sind Kommunistin.«

Und plötzlich tritt er ganz nahe vor sie hin, daß sie seinen Atem im Gesicht fühlt, seine Babyaugen werden tückisch und stechend:

»Wo ist Colombi?«

»Colombi? Sie meinen –«

»Ah! Sie wissen schon! Ja, den Hauptmann Odojewskij meine ich. Wo ist er?«

»Sicher in Odessa!«

»So!« Ein Blitz schlägt in ihr Gesicht, raubt ihr für Sekunden Atem und Besinnung. Sie schreit auf mit der Schrille einer Frau, die fassungslos sich einem Entsetzlichen gegenüber sieht, aber ihr Schrei wird übertönt von einem langgezogenen Stöhnen, das ihr das Herz in Fetzen reißen will.

Der Mann neben ihr wird verhört. Einer der Offiziere drückt ihm irgend etwas in den Körper ... sie kann es nicht sehen. Sie ist nicht mehr imstande, zu begreifen – aber dieser Mann wird gefoltert, das begreift sie. Jetzt brüllt er auf wie ein Stier und stürzt heulend zu Boden. In konvulsivischem Schluchzen wälzt er sich umher.

»Wirst du reden? Ja, wirst du reden, du Hund? Wirst du reden?«

Eine Ohnmacht umfängt sie. Aber der hinter ihr stehende Offizier fängt sie auf. Sie sieht, wie der Mann hinausgeschleift wird.

»Zu Ihnen!« sagt der Rittmeister. Sein verzerrtes Gesicht ist so voll Tücke und Rausch, daß sie wieder schrill den Namen ihres Gatten hinausschreit.

»Michael!« ruft sie. »Michael! Michael!«

»Der hört Sie nicht!« sagt Rittmeister Nemeroff gelassen. »Wir wollen klar miteinander sprechen, du!« Er packt sie an der Brust:

»Willst du leugnen, Weib, daß du dem Hauptmann den Paß deines Mannes zugesteckt hast?«

»Lassen Sie mich los! Was bedeutet dies alles? Nein ... ich leugne nicht. Die Umstände.«

»Die Umstände interessieren mich nicht! Du gibst zu! Und gibst du zu, daß er seine geheimen Vollmachten, die auf Seidenpapier in eine winzige Strohhülse geschoben waren, in deiner Puderdose versteckt hat? Gibst du zu, daß du seine Geliebte bist? Gibst du zu, daß du für die Bolschewiki arbeitest? Ja oder nein?«

»Sie sind wahnsinnig,« antwortet Christine. Ein jäher Schmerz, sie kann nicht sagen, woher er kommt, aber er ist furchtbar, er läßt sie laut aufschreien, ein unerträglicher Schmerz durchrast sie.

»Zugegeben oder nicht?«

»Zugegeben,« sagt Christine. Denn sie kann dem Schmerz nicht standhalten.

»Und wo ist Colombi?«

»Ich weiß es nicht!«

»Gut. Ich gebe dir Zeit bis heute abend. Dann wollen wir dich nochmals fragen. Inzwischen kannst du zuhören. Der Nächste!«

Christine wurde so Zeugin einer geheimen Verhandlung der Gegenspionage, die in Odessa wie eine Pest wütete, die natürliche, aber darum nicht weniger grausame Folge des Spionage- und Agitationsnetzes, das die Bolschewiki durch das Okkupationsgebiet gezogen hatten. –

Als man Christine am Abend wieder fragte, da erzählte sie, Colombi sei mit einem Boot weggefahren.

»In neuer Mission?«

»Ja.«

Ob ihr bekannt sei, daß er nach London wolle?

Ja, ja, das sei ihr bekannt.

Sie schaut mit wirren Augen in das fleischige Gesicht des Rittmeisters.

Ob sie wisse, daß er Winston Churchill ermorden wolle? –

Winston Churchill? Freilich, gewiß, sie habe gehört ...

»Weil Churchill erkannt hat, daß die bolschewistische Gefahr Europa bedroht!« schreit der Rittmeister wie ein Besessener. »Dein Zuhälter soll Lloyd George abschlachten oder Beaconsfield – die lassen lieber Rußland in Schmach und Blut untergehen, damit sie ihrer Sorgen wegen Indien enthoben sind.«

Er redet noch eine Weile weiter in seiner Wut. Plötzlich erinnert er sich der Wichtigkeit des Geständnisses und diktiert.

Christine wird in einen neuen Raum gebracht. Wie ein Bündel Tuch fällt sie zur Erde und bleibt liegen. –

Die Russen vergessen Christine. Sie wird wochenlang gefangen gehalten, aber niemand kümmert sich um sie. Niemand verhört sie mehr. Niemand läßt sie frei.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.