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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

In einer kleinen Wohnung ist die Mutter. Sie kam einst aus Schweden. Noch immer ist sie blond und schön. Christine kniet vor ihr, der Bruder Boris steht beim Spiegel ...

»Ich höre so viel in letzter Zeit, mein Sohn,« sagt die Mutter, »was mich verwirrt und mit Angst erfüllt. Ich kann verstehen, was ihr wollt. – Aber ihr werdet die Freiheit des Volkes nie erreichen – nie, mein Kind. Ihr werdet alle unglücklich werden, und ich bitte Gott jede Nacht, mich das nicht mehr erleben zu lassen, was ich fürchte. Ich glaube nicht an eure neue Zeit.«

Christine blickt Boris ängstlich an.

Der streichelt zärtlich den Scheitel der Mutter.

»Eines ist mein Trost,« fährt Frau Sjöberg fort, »daß ich dich so erzogen habe, daß alles, was du tust, aus deinem Eigenen kommt, daß du dich nicht durch fremde Phantasien beirren und beeinflussen läßt. Was du willst, mein Sohn, muß gut sein. Aber die, die das gleiche wollen, sind teilweise die Feinde deiner eigenen Ideale.«

»Ach, Mutter,« unterbricht sie Christine, »laß diese Angelegenheit ruhen! Wozu soll das nützen? Was kommen soll, möge kommen.«

»Ja, ich weiß. Das ist so der Wahlspruch unserer Jugend geworden, die keine Hoffnungen mehr in die Gegenwart setzt und kein Glück mehr kennt. Eine traurige, trostlose Zeit.«

»Der Übergang zu einer besseren, Mutter,« wirft der Sohn ein.

»Wie dem auch sei – so Gott mich nicht in Frieden in euren Armen sterben lassen will, soll er mich wenigstens nicht von euch nehmen, ohne daß ich mein Herz von einem Geheimnis befreit habe, das seit eurer Geburt in meiner Erinnerung begraben liegt.«

Christine legt die Arme in den Schoß der Mutter. Boris kommt näher und stützt den Arm auf die Lehne ihres Stuhles.

»Ihr wißt, Kinder, daß ich stets das Andenken eures Vaters heilig gehalten habe, und so lebt sein Bild auch in euren Herzen.«

»Er fiel in der Türkei,« wirft Christine ein.

Die Mutter schüttelt mit todestraurigem Lächeln den Kopf. »Ein Romanowski fiel in der Türkei, aber das war nicht mein Gatte. Das war sein Bruder. Euer Vater ward vor zwanzig Jahren auf administrativem Wege verschickt, weil er mich nicht – verlassen wollte!«

»Mutter!«

»Ja, Kinder, es ist eine so traurige Geschichte, daß ich mich oft gewundert habe, daß ich sie überleben konnte. Ich war ein junges Mädchen aus einer verarmten, schwedischen Adelsfamilie, als mich Fürst Romanowski, verwandt mit dem kaiserlichen Hause, auf einem Ball der schwedischen Marine kennen lernte. Wir waren jung, und man sagt, ich sei damals sehr schön gewesen. Wir liebten uns und schworen, nie von einander zu lassen. In Wien wurde ich seine Gemahlin. Zwei Kinder kamen. Wir waren so glücklich und wären es geblieben, hätte sich euer Vater nicht durch falsche Versprechungen nach Petersburg locken lassen. Er hatte durch sein trotziges Auftreten den Zaren gereizt, und die freigeistigen Ideen, die er aus dem Auslande mitgebracht hatte, in Verbindung mit seinem selbstherrlichen Schritt ließen ihn als einen verdächtigen Liberalen erscheinen.

Ich hörte nichts mehr von ihm. Ich wartete und wartete. Ich bestürmte den Botschafter mit Bitten – er schwieg. Ich wandte mich an den Wiener Hof – man schwieg. Da brach ich mit euch, meine Kinder, nach Rußland auf, auf alles gefaßt, zu allem bereit. Man kannte mich nicht. Man wollte mich nicht kennen. Sie nannten mich Baronin Sjöberg – es war mein Mädchenname – und ich war doch sein Weib, seine ihm vor Gott angetraute Frau. Ich stellte Nachforschungen an. Ich opferte Hab und Gut – alles vergebens! Fürst Romanowski war ins Ausland gegangen – hieß es. Dann sagte man, er sei tot. Und dann zuletzt –«

Die Mutter bricht in Schluchzen aus: – »zuletzt erfuhr ich, daß er deportiert worden war, und ich habe nie, nie wieder von ihm gehört.

Nun ist er ja wohl längst gestorben, einsam, verlassen, ohne Weib und Kind, ohne Trost und Liebe. – Ich aber erhielt eines Tages den Befehl der Polizei, meinen Wohnsitz in Archangelsk zu nehmen und ihn nicht ohne polizeiliche Erlaubnis zu verlassen.«

Christine blickt mit glänzenden Augen empor, schlingt beide Arme um der Mutter Hals, weint mit ihr.

Boris ist aufgesprungen, geht mit erregten Schritten in dem Zimmer auf und ab.

»In eueren Adern fließt das Blut der Romanowski, euere Ansprüche auf den Fürstentitel sind unbestreitbar. Beweise habe ich keine mehr – nur einen Ring, den Ring, den mir euer Vater als Braut an den Finger gesteckt hat. Den haben sie nicht gefunden. Sonst haben sie mir alles genommen, selbst meine Papiere.«

»Wer?« knirscht Boris.

»Die Polizei des Zaren. Sie nahm Hausdurchsuchungen bei mir vor, als ich die ersten Anstrengungen machte, mein Recht zu finden. Das kleine Erbe meiner Eltern rettete uns vor dem Schlimmsten. Und so habe ich euch aufgezogen in Liebe und Armut, ohne Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen, der heute noch in meinem Herzen lebt wie damals. –«

»Der Ring, Mutter?« fragt Boris.

Frau Sjöberg erhebt sich und schließt eine silberne Schatulle auf. Sie entnimmt ihr einen goldenen Ring, der eine große Perle gefaßt hält.

Den reicht sie dem Sohne.

»Behalte ihn, mein Kind. Es ist deiner und deiner Schwester Eigentum – das einzige Erbe, das euch die einstige Fürstin aus dem Hause Romanowski hinterlassen kann.«

»Mutter,« schluchzt Christine, »welches Leid hast du in deinem Herzen getragen, und wir wußten nichts davon.«

Boris hält den Ring vor sich und küßt ihn.

»Wie aber, Mutter, wenn unser armer Vater noch lebte! Nimm an ...«

»Still, o still, mein Sohn,« wehrt Frau Sjöberg ab. »Nichts mehr davon. Ich habe ihn zwanzig Jahre als Toten betrauert – zwanzig Jahre – begreift ihr das, Kinder?

Ich müßte ihn beklagen, wenn er noch lebte, weit mehr beklagen als mich, wenn er tot wäre. Denn welches Leben hätte er all diese Zeit geführt? Welche Tragödie würden diese zwanzig Jahre für ihn bergen? Nein, Kinder – diesen Trost raubt mir nicht. Er wird im Grabe Ruhe gefunden haben von seinen Leiden. Nur eines, mein Sohn, höre und bewahre: Wenn je im Leben du sein Grab finden solltest – es liegt vielleicht an einem Ort, der uns allen zugänglich wäre, wenn wir davon wüßten – wenn du den teueren Ort fändest, der seinen Leichnam birgt, dann lege an der heiligen Stätte die Liebe deiner Mutter nieder, bringe ihm die letzten Grüße eines Herzens, das um ihn gestorben ist, nachdem es für euch so lange ausgehalten.«

Sie erhebt sich. Der neu erweckte Schmerz raubt ihr die Kräfte. Von Christine gestützt, begibt sie sich in ihr Schlafgemach, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

Als Christine zurückkehrt, steht Boris noch immer am gleichen Platz.

»Christine,« sagt er mit blitzenden Augen, »willst du den Ring tragen?«

Und ohne ihre Antwort abzuwarten, steckt er das kostbare Kleinod an ihren Finger.

»Ich werde es täglich an dir sehen, Schwester. Täglich wird meine Erinnerung an das Unfaßbare geweckt, täglich werde ich daran denken, welches Erbe uns Fürst Romanowski hinterließ!«

Die Geschwister sanken sich in die Arme.

*

Sieben Schritte hin, sieben Schritte zurück. Von der Erinnerung an die Vergangenheit überwältigt, sinkt Christine in ihrem Kerker auf die Knie. Und weiter rollt der Film ihrer Jugend, eilen die Bilder der Erinnerung vorbei. –

Michael war der Sohn des Gouverneurs von Archangelsk. In frühester Jugend hatte er sich mit Boris angefreundet. Bald lernte er Christine kennen. Heiße, junge Liebe verband sie. Boris war ein Feind der Bureaukratie. Er liebte die Bauern, er wollte ihr Anwalt werden. Michael, der Sohn des Gouverneurs, nahm die Lehren des Freundes gierig auf. Träumerisch veranlagt, vereinigte er zwei Naturen in sich: die unbändige Kraft, den Trotz und die Wildheit des Bojaren, mit der Zartheit und Güte des russischen Menschen. Vielleicht war Michael überhaupt ein Symbol dieses russischen Menschen, der Heiliger und Bestie in einem Atemzug sein kann. Michael konnte kein Unrecht ertragen. Der Gouverneur verbot ihm den Umgang mit Boris, denn der Freund mischte sich in Streitigkeiten, die im Kreise Schenkursk ausbrachen. Die Bauern hatten verbriefte Ansprüche auf Teile der Domänen, der Chef der Domänenverwaltung, Fürst Kotschubey, weigerte sich, die Rechte der Bauern anzuerkennen. Unruhen brachen aus. Boris versuchte, das verbriefte Recht gegen die Gewalt durchzusetzen. Eines Tages geriet er in ein Getümmel, und als Christine, durch ein Telegramm gerufen, in das Hospital kam, da fand sie nur mehr den Toten.

Ein heimtückischer Schuß hatte das junge Leben beendet.

Mit einem Schrei warf sie sich über den teuren Leichnam. Nun würde er das Grab des Vaters nicht mehr finden können! Mußte sie es nicht als Glück empfinden, daß die Mutter das nicht mehr erlebt hatte?

Als sie, sinnlos vor Schmerz, ihr Gesicht in die erstarrten Hände grub, berührte eine Hand ihre Schulter.

Michael stand hinter ihr, Michael hob sie auf und führte sie fort.

Seit dieser Stunde war Michael der Feind seiner Kaste. Das Machtwort des Vaters sandte ihn nach Petersburg ins Gardeschützenregiment.

Christine ging nach Moskau und wurde Studentin.

*

Hier kreuzte Hauptmann Odojewskij zum ersten Mal ihren Weg. Die Kraft, die von ihm ausging, lähmte ihren Widerstand. Er nahm es für Liebe. Er hielt um sie an. Sie wies ihn ab.

Wo immer er ihr begegnete oder Zutritt zu ihr fand, wiederholte er seine Werbung. Sie blieb standhaft. Eines Tages hörte sie das Entsetzliche:

Michael ist mit einem Kameraden während einer Studentendemonstration in Streit geraten. Er schützte die Demonstranten. Es kam zu Tätlichkeiten.

Er wurde degradiert und nach Sibirien verbannt. Ohne sich zu besinnen, schloß sie sich dem Transport an.

*

Sibirien! Den Fluß hinauf liegen die Ansiedlungen der Sträflinge. Weiter im Umkreis verteilen sich die Gefängnisse, die Posten der Kosakensotnies, die Gendarmeriekasernen und einfache, rohe Blockhäuser, in denen die Gefangenen wohnen.

Winter. Staubartiger Schnee rieselt von der schweren, eisgrauen Himmelsdecke. Schneidender Wind pfiff von dem Jablonoi-Gebirge her, dicke Eiskrusten bedeckten die Steine und den zerklüfteten Erdboden. In dem Flußbett des Kara, das in dieser eisigen Jahreszeit leer und trocken war, arbeiteten fünfzig bis sechzig Sträflinge. Sie trugen Schafspelze und hohe Schaftstiefel, an denen die eisernen Ketten niederhingen. Ringsum saßen oder standen die Kosaken, die die Gefangenen beaufsichtigten. Ihre Unterhaltung wurde überdröhnt von dem Lärm, den die auf das Gestein aufschlagenden Hacken verursachten. Ununterbrochen im Takte fielen die schweren Arbeitsgeräte auf den Erdboden, immer tiefer grabend, immer weiter eindringend in den Leib der Erde, wo zwischen Ton und Stein das glänzende Metall gebettet lag.

Im Namen des Zaren.

Neben einem alten Mann, einem Hünen an Gestalt, dessen weißer Bart bis zur Erde herniederhing, arbeitete ein Junger.

»Sie sind noch nicht lange hier?« fragte der »Politische«, nachdem er den Alten eine Zeit verstohlen beobachtet hatte.

»Nein,« antwortete dieser kurz.

»Wo waren Sie, bevor Sie zu uns kamen?«

»Ganz oben im Osten, unter den Ostjaken.«

»Allein?«

»Ganz allein in einer Hütte, die Hunderte von Kilometern von der Zivilisation entfernt war. Nur Ostjaken bildeten meine Gesellschaft.«

Der Junge schauderte.

»Es steht viel Leid in Ihrem Gesicht geschrieben,« sagte er dann im Tone höchster Ehrerbietung.

Der Alte lachte kurz, sah aber nicht auf und arbeitete weiter.

»Wie lange waren Sie dort – oben?« fragte der Junge wieder nach einer längeren Pause.

»An die achtzehn Jahre.«

Der Junge ließ seine Hacke sinken und vergaß die Arbeit.

Sprachlos starrte er den alten Mann an.

Achtzehn Jahre in der Wildnis! Achtzehn Jahre lebendig begraben!

»Da haben Sie wohl allmählich die Sprache dieser Menschen gelernt?«

Der Alte nickte.

»Und Sie haben achtzehn Jahre keine Nachrichten mehr aus Europa erhalten?«

»Nichts.«

Wieder arbeiteten die beiden Männer schweigend. Ihre Hacken sausten gegen den gleichen Stein.

»Ich bin einige Jahre hier,« begann der Junge wieder unvermittelt.

»Wo kommen Sie her?« fragte der Alte zurück.

»Aus Moskau. Doch kenne ich auch Petersburg sehr gut.«

»Auch das Ausland?«

»Genf, Berlin, Paris, Wien.«

Der Blick des Alten schweifte einen Moment beim Klang dieser Namen in die Ferne.

Der Junge wußte selbst nicht, warum ihn so grenzenloses Mitleid zu dem Alten zog. Er hätte ihm so gerne Trost gespendet.

»Vielleicht kann ich Ihnen über Personen Auskunft geben, die Ihnen nahe gestanden haben,« sagte er.

»Nein, nein,« erwiderte der Alte leise. »Lassen Sie nur. Achtzehn Jahre – alles tot.«

»Darf ich Sie einladen,« nahm der Junge wieder das Gespräch auf, »abends bei uns zu essen? Ich habe gesehen, daß die Hütte, in der Sie wohnen, nur wenige Schritte von der unseren entfernt ist. Wir wohnen allein, Christine und ich.«

Wuchtig sauste die Hacke des Greises auf den Stein, daß die Funken hervorsprangen.

»Christine?« wiederholte er gepreßt.

»Christine,« erwiderte verblüfft der Junge. »Sie ist meine Frau. Wir haben uns in Sibirien verheiratet.«

»So, so, natürlich,« sagte der Alte. »Die lange Einsamkeit. Ich will zu Ihnen kommen!«

»Christine,« rief Michael übermütig, als er die kleine Bretterhütte betrat. »Heute muß es etwas Besonderes geben.«

»So? Warum denn?«

»Weil – wir einen Gast haben. Ein alter Verbannter, den ich heute kennen lernte. Ein imposanter Mann. Sein Bart reicht beinahe bis zu den Knien,« lachte Michael.

Trotz der Verbannung und ihrer Umgebung boten diese beiden Menschen ein Bild reinen Glücks. Christine hatte sich, dank ihrer Jugend, bald von den Strapazen der Deportation erholt. Michael hatte sich zu einem kräftigen Mann entwickelt. Die Bevorzugung, die ihnen seit ihrer Ankunft in Kara zuteil geworden war, ließ sie dieses Leben leichter ertragen, als sie befürchtet, um so mehr, als sie in gegenseitiger Liebe für einander aufgingen.

Im Rahmen der Tür erschien der Greis. Sein mächtiger Kopf stieß gegen den Querbalken. Mit kurzem Gruß trat er ein. Das Kerzenlicht hatte ihn geblendet. Nun fiel sein Auge auf Christine, die ihm schüchtern entgegenging.

Da schlug Wetterleuchten über seine Züge. Hochaufgerichtet stand er, beide Arme nach der Frau ausgestreckt, dann brach er zusammen, die Arme auf einen Holzschemel gestützt, das Antlitz in den Händen vergraben, und schluchzte, daß die gigantische Gestalt zitterte.

Michael schlang schnell seinen Arm um die Schultern des Greises, der sich langsam erhob.

»Was ist Ihnen?«

»Nichts,« entgegnete der Alte. »Nun bin ich wieder ganz ruhig. Eine Vision ...«

Doch da fiel sein Auge wieder auf Christine.

»So ... so ... sah Christine Sjöberg aus vor zwanzig Jahren,« flüsterte er.

Christine schrie auf und eilte hinaus. Gleich darauf kam sie zurück und hielt dem Greis den Ring entgegen.

Da jauchzte der Verbannte auf, Christine sank in seine ausgebreiteten Arme und bedeckte sein Antlitz mit Küssen.

»Vater! Mein Vater!«

Nun schloß der Greis auch Michael in seine Arme.

»Und deine Mutter?«

»Sie ist tot,« sagte Christine leise.

Der Verbannte faltete die Hände und sandte einen langen Blick gen Himmel.

»Und Boris?«

Sie schüttelte stumm das Haupt.

»Tot.«

»Licht aus!« schrie die Stimme eines Kosaken.

Der Alte erhob sich, küßte Christine, küßte Michael.

»Auf Wiedersehen, morgen,« flüsterte er zärtlich.

Dann schritt er hochaufgerichtet in die sternenklare Nacht hinaus. –

Nikolaus II. verfügte bald darauf die Begnadigung des Fürsten Romanowski, nachdem seine Frau gestorben, der Erbe erschlagen war. Christine verließ für kurze Zeit den Gatten und begleitete den Vater auf seiner Reise nach Moskau.

Sie benutzten teils Wagen, teils marschierten sie. Meist aber gingen sie zu Fuß, denn hier gab es noch keine Eisenbahn, unendliche Landstriche mußten sie vorher durchwandern. Es war Sommer, die Felder standen in goldener Pracht, die Wälder lockten.

Sie kamen in wilde, unbewohnte Gegenden. Sie überkletterten Gebirge.

Und da, im Ural, entdeckte der Fürst durch einen Zufall ein ungeheures Platinlager, in einer Gegend, die noch nie eines Menschen Fuß betreten haben mochte. Er machte eine genaue Zeichnung von der Lage dieses Schatzes und sagte zu Christine:

»Mein Kind, dies ist eine Aussteuer, die ich dir schenke, das Erbe, das ich dir hinterlassen werde, mehr besitze ich nicht.«

In seinen tiefen Augen brannte das Fieber. Christine hatte nicht begriffen, daß es der Tod war, der ihn aus dem Reisewagen gelockt hatte, daß Todesahnen ihn wandern hieß, immer wandern.

Sie brachte den Todkranken in eine Bauernhütte. Der Isprawnik kam und hörte die Fieberdelirien des Sterbenden. Hörte von märchenhaften Schätzen, von dem Platinlager im Ural. Schnell wie der Wind verbreitete sich die Kunde.

Christine wurde von Beamten bestürmt, näheres zu sagen.

Sie sagte nichts.

Sie begrub den Vater, sie reiste zurück zu ihrem Gatten.

Sie sprach zu niemandem von dem Lager im Ural.

Michael hat nie davon gehört. Als sie endlich nach Moskau zurückkehren durften, bat sie um Audienz beim Zaren, um ihm selbst den Plan zu übergeben. Der Zar wollte die Tochter des verhaßten Romanowski nicht empfangen. Der Gouverneur, der Stadtkommandant verhörten sie.

Sie sagte nichts. Da kam die Revolution ... und nun ist in Christines Kleid der Plan des Märchenschatzes eingenäht, unter den Brillanten, die hinter den Nähten stecken ...

*

Die Stunden rinnen dahin.

Gegen Abend des zweiten Tages wird die Gefangene abgeholt. Ein Offizier erscheint. Sie bestürmt ihn mit Fragen, Beteuerungen.

Er antwortet kein Wort. Führt sie durch schweigende, dunkle Gänge, stößt eine Tür auf.

In einem kahlen Zimmer mit dem Bild des Zaren sitzt ein anderer Offizier. Neben ihm schreibt ein Mensch in Zivil.

»Gräfin Kusmetz,« sagt der Offizier, der sie hergebracht hat, und bleibt neben ihr stehen. Der Offizier hinter dem Tisch hebt seinen müden Kopf mit grauem Haar und erloschenen Augen. Seine Stirn springt kühn vor, aber sein Mund ist eingebrochen. Er hat viel Jammer gesehen. Grauenvolles erlebt. Er ist abgestumpft, sein Herz ist ertrunken in fremden Tränen, seine Seele ist grau geworden und kalt.

Er befiehlt der Gräfin mit rauher Stimme, sich alle überflüssigen Worte zu sparen und beginnt mit dem Verhör. Ob sie die Freundin des Hauptmanns Odojewskij sei? Ob sie wisse, wohin er sich gewandt? Ob sie zugebe, daß sie rote Spionin sei – und viele andere Dinge, die Christine mit einem starren Gesicht und runden, großen Augen beantwortet, bis man sie rüttelt und sie bei allen Heiligen der Kirche schwört, daß sie nichts wisse und von allen diesen Fragen nichts verstünde.

Ein Wink, ein trockenes Lachen.

Man bringt sie in ihren Kerker zurück.

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