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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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6.

An einem eisigen Morgen wurde das Oberkommando durch ein Schauspiel in Schrecken und Entsetzen versetzt. Der »Mirabeau« hißte plötzlich die Rote Fahne. Verließ die Bucht von Sewastopol und nahm Kurs auf das offene Meer. Gleichzeitig überfielen die Mannschaften auf Deck ihre Offiziere. – Aber ihnen fehlte die einheitliche Führung. Ihnen fehlte die Sicherheit der letzten Überzeugung. Obgleich die Meuterei vollkommen unerwartet ausbrach, gelang es, die Aufrührer mit Energie niederzuwerfen und die alte Ordnung wieder herzustellen.

Doch zum ersten Mal begriff der französische Oberkommandierende, auf welch gefährlichem Boden er stand. Blitzartig sahen die hohen Offiziere die nackte Tatsache des Bolschewismus und seiner suggestiven Kraft auf die kriegsmüde Armee. Der neu eingetroffene französische Oberbefehlshaber, General Berthellot, berief eine Versammlung aller an der Erhaltung Odessas interessierten Führer. Es wurde nach langer Beratung beschlossen, neuerdings starke Truppentransporte aus Europa nach dem Hafen am Schwarzen Meer zu leiten.

Die Furcht vor der Roten Armee wuchs, wenn auch der Schlag des Hauptmanns Odojewskij mißlungen war. Die meuternden Matrosen hatten den Emissär nur von Angesicht gekannt, sie wußten seinen Namen nicht und konnten ihn mithin auch nicht verraten. Aber obgleich Odojewskij das Vertrauen des französischen Oberkommandierenden genoß, durfte er keinen Tag länger wagen, in Odessa zu bleiben. In der Nacht schaffte er die Proklamationen, die er weder vernichten noch einem Anderen überlassen durfte, ohne vielleicht den Spürhund Mac Lee auf sich zu hetzen, in das Hotel.

Christine befand sich mit ihrem Gatten im Theater. Mac Lee, der Unermüdliche, hatte schon eine Spur gefunden, die zu dem Armenier führte. Er verhörte an diesem Abend Asakoff. Er erbrach alle Schränke, er stieg in den Keller, er fand alle geheimen Verstecke, aber er fand keine roten Plakate, keine Proklamationen, denn die hatte Hauptmann Odojewskij bereits alle bei sich und gelangte ungehindert und ungesehen in das Schlafzimmer des Ehepaares Kusmetz.

Er verbarg seine verräterischen und gefährlichen Dokumente unter der Wäsche Christines und verschwand lautlos in der Nacht.

Mac Lee hatte bei dem Verhör die Überzeugung gewonnen, daß der Mann, der unter dem Namen »der Hausierer« in der Kneipe Asakoffs bekannt war und den Brief aus Moskau verlesen hatte, kein anderer war als Odojewskij.

Zwischen ihm und der Gräfin Kusmetz mußte ein Einverständnis bestehen. Vielleicht steckte auch Graf Kusmetz selbst mit unter einer Decke? Das war nicht sicher! Mac Lee mußte Vorsicht üben, denn die Kusmetz besaßen sehr einflußreiche Freunde, der französische Oberbefehlshaber verehrte die schöne Frau, und schließlich sprach für die Unschuld des Grafen die Tatsache, daß ihm doch auch alle seine Güter geraubt worden waren. Gewiß, er war »verdächtig«. In Sibirien gewesen. Aber Mac Lee hatte keine Beweise gegen ihn. Anders lag die Sache mit der Frau, die einmal Studentin gewesen war. Sie unterhielt unerlaubte Beziehungen zu dem Hauptmann, das stand für Mac Lee fest.

Genug: Er erschien am frühen Morgen beim Stab Petljuras und ersuchte um die Ermächtigung, bei der Gräfin Kusmetz eine Haussuchung vornehmen zu dürfen. Gleichzeitig wies er darauf hin, daß vielleicht eine schnelle Verhaftung der Gräfin sich als notwendig erweisen würde.

Der Chef des Stabes, dem der Chef der Spionageabteilung die Angelegenheit vortrug, hörte sich die weitgehenden Verdachtsgründe Mac Lees an. Alle waren nervös geworden: Die Russen, die Entente. Jeder General fühlte bei jeder Gelegenheit die unfaßbaren, schleichenden Emissäre der roten Revolution. Die Generale sahen sich im Schutze einer Macht von dreißigtausend Soldaten nicht mehr sicher. Infolgedessen zeigte sich auch der russische Petljura-Oberst Tschudowski für die Ausführungen Mac Lees, den man aus Amerika hatte kommen lassen, um der Konterspionage einen besonders befähigten Kopf zu geben, zugänglich.

Von einer Anzeige bei dem französischen Kommando wurde zunächst abgesehen.

Morgens gegen neun erschien Mac Lee in Begleitung von Offizieren im Hotel und nahm trotz der energischen Proteste des Grafen eine Haussuchung vor. Sie förderte erdrückendes Material dafür zutage, daß die Gräfin eine geheime bolschewistische Emissärin war, denn in ihrem Besitze wurden verräterische Aufrufe aus Moskau und ein ganzer Stoß Propagandaschriften gefunden.

Mac Lee aber ließ sich nichts merken. Er fürchtete, bei dem Aufsehen, das schon die Durchsuchung der Gemächer der Gräfin hervorgerufen hatte, eine Einmischung der Franzosen. Gräfin Christine war eine sehr schöne Frau, und Mac Lee mißtraute dem französischen General. Diese Verräterin mußte in die Hände der Russen gelangen!

Er verabschiedete sich deshalb mit vielen Entschuldigungen, verwies auf seinen Dienst, versprach, daß sich dergleichen nicht mehr wiederholen würde und verließ mit seinem Anhang das Hotel.

Der russische Oberst schäumte, als Mac Lee ihm das Material vorlegte.

Natürlich durfte die französische Konterspionage davon gar nichts erfahren. Zwischen den Stäben gab es fortgesetzt Kompetenzstreitigkeiten und Eifersüchteleien. Die Franzosen würden wesentliche Bedenken haben, Einwendungen machen, endlose Verhöre vornehmen, und inzwischen hatte der Graf Zeit, seine Verbindungen zu mobilisieren.

Und der Vertraute und Mitschuldige der Gräfin, der Hauptmann Odojewskij, war inzwischen längst entkommen und die letzten Spuren verwischt.

Nein, der Oberst entschied sich für schnelles Zugreifen.

Es war ein warmer Vorfrühlingstag. Michael schlenderte auf der Deribassowskaja-Straße mit einigen Freunden umher, die er in Odessa gefunden hatte.

Seine Frau war zu Hause geblieben, weil sie sich nicht wohl fühlte. Der Graf sog in vollen Zügen die klare, mit Erdduft geschwängerte Luft ein. Vom Meere her wehte eine frische Brise, die Sonne stand an einem beinahe veilchenblauen Himmel, es war eine Lust zu leben, zu wissen, daß man sich mit dem Tode herumgeschlagen hatte und Sieger geblieben war. Der Graf sprach mit einem englischen Journalisten über die politische Lage, schimpfte mit einem polnischen Offizier, den seine Regierung zum Studium der Lage geschickt hatte, auf die Griechen, die Cherson geräumt hatten, für einige Karbowanzen kaufte er für seine Frau ein Medaillon, das irgend ein Händler zum Verkauf ausbot.

Die berauschenden Blicke schöner Frauen aus allen Ländern streiften ihn, Damen in kostbaren Pelzen, in Nationaltracht, Fürstinnen, die noch vor kurzem über Tausende von Menschen geboten hatten und jetzt nach einem einzigen Menschen suchten, dem sie ihre Schönheit verkaufen konnten, kleine Sing-Sang-Künstlerinnen, Barfrauen, das Klirren großer Sporen, das Traben von Pferden, das Tuten von Automobilen nahm das Ohr des Grafen gefangen.

Er stand unter dem Denkmal des Herzogs von Richelieu. Der Abend brach herein, ein blauer Abend mit geheimnisvollen Rufen, süßen Erinnerungen, tausend Möglichkeiten und Musik in den hell erleuchteten Restaurants. Da erhielt Graf Kusmetz durch einen Boten des Hotels, der ihn schon überall gesucht hatte, die Nachricht, daß seine Gattin entführt worden sei.

Christine war allein im Hotel. Da wurde ihr gemeldet, daß ein Russe, Bekannter aus Moskau, sie zu sprechen wünsche. Sie ging hinaus. Ein junger Mann, sehr höflich, sehr gut angezogen, bittet sie, nach unten zu kommen. Sein Freund sei ein Gegner der Franzosen und möchte nicht gesehen werden. Aber er habe ihr Grüße aus Moskau zu überbringen. Moskau! Alle ihre Freundinnen wohnten in Moskau! Viele Erinnerungen verbanden sie mit der Stadt.

Das Zauberwort ließ gar keinen Verdacht in Christine aufkommen. Die Straße lag im Halbdunkel. Sie nähert sich dem wartenden Auto, wird blitzschnell ergriffen und verschwindet im Innern, ehe irgend jemand begriffen hat, was vor sich geht.

Christine stieß einen leisen Schrei aus, dann fühlte sie ein Tuch vor dem Mund, ein süßlicher Geruch stieg ihr in die Nase, sie verlor das Bewußtsein.

Als sie die Augen aufschlägt, findet sie sich in einer Zelle. Sieben Schritte lang, drei Schritte breit. Eine an die Wand aufschlagbare Pritsche, ein Holzstuhl, ein Wasserkrug. Kahle, weiße Wände.

Ach, so kahl, daß die junge Frau von Zeit zu Zeit ein Schauer überläuft trotz des dunklen Vierecks mit den Sternen, die zu ihrem Haupt sichtbar sind.

Dies ist ein Grab, und nur eine kleine Lampe erhellt ein wenig diesen Wohnort der lebend Begrabenen.

Ihr Herz pocht stürmisch, ihre Sehnsucht glüht, ihre Hände klammern sich an das eiserne Gitter, ihre verkrampften Arme ziehen den Körper hoch, und ihr verzweifeltes Gesicht späht durch die Öffnung.

Aber nur der schwarze Himmel wird ein wenig größer. Sie sieht spitze Türme und eine graue, trostlose Mauer. Diese Mauer ist alt und stumpf und ohne Physiognomie. Wer so von oben auf sie herunterblickt, der liest in ihr den Jammer der Welt. Es ist wie Hohn, daß sich auch über diesem Steinhaufen der Himmel spannt.

Ach, denkt Christine, das kann kein Mensch ermessen, der es nicht an sich erfahren, was das heißt:

Einen Fetzen Himmel über sich, ein frivol aus dem Firmament geschnittenes Viereck, wo der Himmel allen Lebendigen gehören soll nach Gottes Willen.

Und die vier kahlen Wände! Diese Wände atmen Grauen und Angst. Sie atmen die ungehörten Schreie der Einsamen. Sie dünsten die dumpfe Verzweiflung derer aus, die hier die Hoffnung aufgaben für immer. Sie sind erfüllt mit Flüchen, die wie Gifttropfen auf die Gefangene niederfallen.

Einsamkeit! Abgeschlossen von der Welt, getrennt von dem Geliebten!

Christine stürzt an die schwere Tür und hämmert mit den Fäusten dagegen. Aber nur dumpfes, hohles Lärmen antwortet ihr.

Sie sitzt eine Nacht, einen Tag in dieser Zelle des Schweigens. Sie rennt mit verkrampften Händen auf und ab.

Sieben Schritte voran.

Sieben Schritte zurück.

Und wieder von neuem.

Aller Jammer der Kreatur bricht über sie herein. Die flackernde Hilflosigkeit der gefangenen Seele, das lautlose Aufschluchzen eines zu Gott jammernden Herzens.

Allmählich wird sie ruhiger. Die aufgepeitschte Energie weicht fassungsloser Ruhe. Ein Soldat erscheint, antwortet auf keine Frage, stellt Brot und Wasserkrug vor sie hin, schließt wieder ab.

Stunde um Stunde verrinnt. Christine kauert unter dem Viereck mit dem dunklen Himmel, lauscht auf die Rufe, die vom Meere kommen, und filmartig rollt ihr Leben, Bild für Bild an ihr vorüber.

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