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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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4

Die Gräfin ordnet mit graziösen Handgriffen ihr Haar. Ein Kaufmann aus Odessa hat ihr galant ein gefülltes Necessaire zum Geschenk gemacht. Sie hat die Krokodiltasche geöffnet und drückt Odojewskij den Spiegel in die Hand. Er lächelt wie ein Soldat bei kriegerischer Auszeichnung. In einer kleinen Silberdose ruht eine weiße Quaste. Christine betupft mit dem zartduftenden Puder das Antlitz. Odojewskij hält ihr auch die Dose.

Mac Lee, der fatale Reisegefährte, beobachtet die kleine Szene mit einer Indiskretion, die ihn lächerlich macht. Eine blaue Parfümflasche rollt zur Erde. Odojewskij reicht sie ihm und sagt sehr freundlich:

»Warum wollen Sie sich denn von solch galanter Dienstleistung ausschließen, mein Herr?«

Mac Lee lächelt zum ersten Mal. Christine findet ihn amüsant. Er ist aufgestanden und bietet ihr das Parfüm mit einer zärtlichen Bewegung an, die bei seinem athletischen Körperbau grotesk wirkt.

Michael hat weniger Verständnis für die neuen Kammerdiener seiner Gattin und nimmt Mac Lee die blaue Flasche wieder ab.

Odessa!

Der Zug rollt in den Bahnhof, der Korridor füllt sich mit Menschen, die über ihre eigenen Füße stolpern. Die Träger schreien.

Michael bezieht mit Christine ein Zimmer im ersten Stock eines Hotels nahe der Deribassowska-Straße.

Der Hauptmann meldet sich bei dem französischen General d'Anselm, der das Oberkommando führt, und läßt sich einen neuen Schutzbrief für seine Person ausstellen. Dann mietet er sich im selben Hotel ein, wo Michael mit seiner Gattin wohnt.

Eben ist Odojewskij in sein Zimmer getreten, als durch das Bad, das seinen Raum von dem Zimmer des Chefs der russischen Konterspionage trennt, Mac Lee eintritt.

Alexeij steht im Bademantel.

»Sie gehen ungewöhnliche Wege, Euer Hochwohlgeboren,« sagt er zu dem Eintretenden.

»Wir wollen die Masken fallen lassen, Hauptmann Odojewskij,« antwortet Mac Lee ungeduldig.

»Wie Sie wollen, Mr. Lee.«

»Sie haben ein Papier mit geheimen Aufträgen des roten Ataman Grigorjew bei sich.«

»Sind Sie dessen sicher?«

Der Chef der russischen Konterspionage steht vor dem Hauptmann und legt den Browning vor sich auf den Tisch.

Odojewskij schaut ihm ungeduldig zu.

»Nehmen Sie doch Platz, Mr. Lee. Wir wollen uns auf den Standpunkt von Kameraden stellen. Sie fahren besser dabei als mit dem Kampf auf Leben und Tod!«

Mac Lee wirft dem Hauptmann einen schnellen Blick zu.

Scharf und durchdringend. Dann steckt er die Waffe ein.

»Also gut. Sie haben ein Mandat für Rot. Zugegeben?«

»Daß ich ein Narr wäre, Mac Lee! So etwas erörtert man auch unter guten Freunden nicht. Die Frage verstößt gegen die Kameradschaft.«

»Ich weiß aber, daß Sie Bolschewist sind! Sie haben ein Schreiben des Ataman Grigorjew bei sich.«

»Nein!«

»Dann müssen Sie sich gefallen lassen, daß ich jetzt bei Ihnen Haussuchung halte.«

»Das ist Ihre Pflicht, Mac Lee. Als Kamerad werde ich mich dem nicht widersetzen.«

»Sie wollen mir keinerlei Schwierigkeiten machen?«

»Keine. Unter der Bedingung: Sie müssen in einer Stunde fertig sein. Ich habe Hunger.«

»Ich wünsche zuerst Sie selbst genau zu durchsuchen!«

»Gut. Ich nehme ein Bad. Sie können meinen Anzug, meine Wäsche, Sie können mich am Körper durchsuchen. Man müßte diesen verräterischen Brief doch irgendwo finden! Das leuchtet Ihnen ein?«

»Vollkommen!«

Mac Lee untersucht den Hauptmann Odojewskij. Mac Lee dreht seinen Anzug, jedes Wäschestück von innen nach außen. Durchstöbert das Zimmer, jede Ritze.

Er vergißt nichts. Er sucht eine Stunde mit einer Gründlichkeit, der er bisher seine großen Erfolge verdankte.

»Sind Sie nun fertig?« fragt der Hauptmann. »Ich fange an, mich zu langweilen.«

»Ich bin fertig,« antwortet der Chef der Konterspionage ermüdet und doppelsinnig. »Der Brief befindet sich nicht bei Ihnen.«

»Das sagte ich Ihnen ja gleich, Sie wollten es nicht glauben.«

Zum ersten Mal in seinem Leben sieht Mac Lee totes Gleis. Er ist sich über seine nächsten Maßnahmen nicht klar.

»Ich werde Sie nicht mehr aus den Augen verlieren,« sagt er. »Es ist für mich Ehrensache geworden, Sie zur Strecke zu bringen!«

»Fatale Sache für Sie,« antwortet der Hauptmann ironisch und beginnt sich anzukleiden.

Mac Lee kaut an den Lippen und beobachtet ihn schweigend. Seine Nachrichten lauten bestimmt. Hauptmann Odojewskij ist ein Verräter.

Aber wo hat er den Brief?

Mac Lee macht einen letzten Versuch: »Alexeij,« sagt er, »wir kennen uns doch lange genug!«

»Natürlich. Nachdem ich meinen Abschied noch unter dem Zaren nehmen mußte, ging ich nach den Staaten.«

»Wir haben uns in Mexiko kennen gelernt.«

»Beim Pferdestehlen.«

Mac Lee schließt halb die Lider. »Beim Pferdestehlen. Ich war Agent für die Christeros. Du warst nur Pferdedieb.«

»Schön. Wir lernten uns kennen und schlugen uns dann gemeinsam in der Armee Obregons gegen Huerta!«

»Ja. Auf diese Kameradschaft, Alexeij: Sage mir, wo du den Brief des roten Ataman versteckt hast. Ich schwöre dir, bei meinem Blute, ich lasse dich laufen!«

»Bei deinem Blut, Mac Lee, ich werde dir nichts sagen!«

»Gut, Alexeij, ich werde den Brief finden, und dich soll der Satan holen und lebend frikassieren.«

»Er tut es nicht, Mac Lee. Noch nicht. Ich habe eine feine Witterung für meine Chancen. Auch für die deinen. Die deinen stehen schlecht, Mac. Tut mir leid.«

Alexeij geht essen.

Mac Lee raucht eine Zigarre und brütet. –

Am nächsten Tage findet Odojewskij Christine verstimmt. Der erste Rausch der Freude über seine Rettung ist verflogen. Sie ist wieder in sich gekehrt, kühl. Die Erinnerung ist nun lebendig, und die alte Scheu vor ihm ist wiedergekehrt. Aber der Hauptmann weiß so geschickt den Gatten zu beschäftigen, der Sympathie für ihn hat, und die Abneigung Christines, die er durch sein Benehmen geschaffen hat, durch tadelloses Verhalten zu überwinden, daß sie langsam wieder Zutrauen zu ihm faßt.

Die Gräfin zieht sich zum Souper um, der Graf kauft Zeitungen, Odojewskij raucht Zigaretten, und Mac ist in die Betrachtung eines Kellners versunken, dessen Gesicht ihm bekannt vorkommt.

Aber im Laufe seiner Tätigkeit haben so viele Menschen seinen Weg gekreuzt, daß es ihm nicht möglich ist, eine Physiognomie ohne weiteres festzustellen.

Wie Mac sich umwendet, ist Hauptmann Odojewskij verschwunden.

Er sieht seinen Schatten eben noch auf der Balustrade.

Mac ist blitzschnell auf der Treppe.

Im ersten Stock angekommen, durchsucht er die Korridore nach Alexeij.

Hauptmann Odojewskij ist unauffindbar.

Mac eilt auf das Zimmer Alexeijs.

Leer!

Er steht einige Minuten und denkt nach.

Alexeij hat etwas vor.

Klar!

Es betrifft den Brief. Der Hauptmann muß ihn ja wieder aus seinem Versteck in seinen Besitz bringen!

Gräfin Kusmetz ...

Mac ist schon draußen. Eilt vor das Ankleidezimmer der Gräfin.

Horcht. –

Christine steht vor dem Ankleidespiegel, legt Rot auf und drückt den geblümten Seidenmantel an die Brust.

Da geht die Tür auf. Sie sieht Alexeij im Spiegel.

Blitzschnell gleitet sie zum Fenster. Der Mantel schleift nach. Da steht sie silhouettenhaft gegen das sterbende Licht, schlank und rassig in blauer Wäsche.

»Hauptmann Odojewskij – ich befehle Ihnen –«

Alexeij dreht den Riegel hinter sich um.

»Gräfin, ich muß Sie noch einmal sehen – allein sprechen – nur einige Worte. –«

Christine stampft zornig, bleich mit dem Fuß auf.

»Hauptmann Odojewskij, ich hielt Sie trotz der letzten Vorfälle für einen Mann von Ehre!«

»Ich will wissen, ob ich Ihnen vollkommen gleichgültig bin.«

Er geht spielerisch zum Toilettentisch.

»Gleichgültig, mehr als gleichgültig – ich verachte Sie, Alexeij Odojewskij! Gehen Sie!«

»Nein,« sagt Alexeij gelassen und spielt mit der Puderdose.

»Und ich bin Ihnen nicht gleichgültig. Man verachtet nur Menschen, die einem nicht gleichgültig sind. Ich will Ihnen ja nur dies sagen – unter vier Augen – dies eine ...

Ich liebe Sie –«

Da wird die Klinke der Tür niedergedrückt. Aber die Tür gibt nicht nach.

»Mein Mann,« sagt Christine leise. »Sie haben mich kompromittiert. Sie machen mich unglücklich!«

Sie kämpft mit Tränen.

Der Hauptmann hält noch immer die Puderdose fest. Es ist die gleiche, die er im Kupee des Panzerzuges in Händen hielt. Auf dem Grunde, ganz von Puder bedeckt, ist eine kleine Spule aus Stroh. Odojewskij nimmt sie an sich.

Das Krachen der Tür verschlingt den leisen Aufschrei der verwirrten Frau. Mac dringt ein. Im selben Augenblick fliegt ihm die Puderdose an den Kopf. Staub – heftiger Schmerz in den Augen – er sieht nichts mehr.

»Goddam,« murmelt er, mit den Armen fuchtelnd, und wirft einen Buddha vom Schreibtisch.

Graf Kusmetz, von dem Lärm angelockt, stürmt herein.

Alexeij hat den Brief während der Reise, als er ihr galant die Dose hielt, im Puder versteckt, sagt sich Mac und reibt stöhnend die Augen. »Ich Narr! Das konnte ich mir doch denken!«

»Was sagen Sie?« fragt Graf Michael und deckt mit dem Körper seine bebende Frau, die endlich den Kimono übergeworfen hat.

»Erklären Sie, Mr. Lee, was ist hier vorgegangen?«

»Erst Wasser,« stöhnte Mac. Herbeigerufene Miliz-Soldaten treten ein. Die Direktoren des Hotels folgen.

Die Szene ist erfüllt von gestikulierenden Menschen.

Mac Lee schreit die Soldaten an: »Verhaften Sie ...«

Hauptmann Odojewskij will er sagen. Da stürzt schreckensbleich ein Angestellter herein.

»Herr Direktor – ein Mord –«

Er muß erst Atem holen.

»Der Herr von Nr. 19 – Hauptmann Odojewskij.«

»Was? Was ist los?« schnauzt der führende Offizier.

»Erschossen!«

Christine preßt die Hand gegen die Brust.

Das Zimmer ist schon leer. Unter Führung Macs eilen die Soldaten, die Direktoren und Graf Michael nach Zimmer 19.

In Zimmer 19 liegt starr und regungslos – – –

»Das ist doch nicht Hauptmann Odojewskij,« sagt Mac.

»Das ist doch –« stammelt mit schief zurückgelegtem Kopf der erste Direktor – »unser neuer Zimmerkellner,« ergänzt der lautlos hinzugetretene zweite Direktor.

»Verstehen Sie das?« sagt der erste Direktor zu dem zweiten.

Die Soldaten suchen das Zimmer ab. Alles ist durcheinandergeworfen. Umgestürzt. »Es hat ein heftiger Kampf stattgefunden,« sagt der führende Sergeant. »Ihr Hotel scheint eine Verbrechergesellschaft zu beherbergen.«

Der erste Direktor widerspricht heftig, und es entspinnt sich eine erregte Diskussion.

Mac kniet neben dem Toten.

»Knock out,« sagt er anerkennend.

»Wie meinen Sie?« fragt der Sergeant.

»Er ist knock out geschlagen,« wiederholt Mac. »Da sehen Sie –«

Der Tote bewegt sich.

Alles drängt hinzu. Aber der Hieb saß zu gut. Der Mann bleibt bewußtlos.

Hauptmann Odojewskij hat ihm die Zähne ausgeschlagen, denkt Mac Lee. Er ist so erregt, daß er es halblaut vor sich hinsagt.

»Nicht möglich! Einem Kellner?« bemerkte der Sergeant. »Warum? Wer ist dieser Hauptmann?«

»Kellner!« sagt Mac Lee leise. »Kellner! Er ist einer der besten Männer des französischen Nachrichtendienstes! Verstehen Sie, Sergeant? Mit solchen Zwischenfällen muß man rechnen. Er scheint auch Wind bekommen zu haben, was der Hauptmann vorhat!« Mac legitimiert sich. Die Miliz zieht sich zurück. Alle gehen.

Mac Lee steht noch lange vor dem Regungslosen.

Lange.

Läßt ihn nicht aus den Augen.

Dann untersucht er seine Kleider genau, sehr genau. Naht für Naht. Mac Lees Finger zittern vor Aufregung. Er fühlt einen harten Gegenstand unter dem Hemd.

Fühlt noch einen Gegenstand.

Einen Dritten.

Reißt mit einem Ruck das Futter auf – und hält drei Perlen in Händen.

Drei wertvolle Perlen.

Köstlich schimmernd im Licht.

Seine Augen schmerzen.

Er atmet schwer.

Und schwer hebt der »Tote« die Hand und stützt sich mühsam auf einem Ellenbogen auf.

Aus verschwollenen Tränensäcken starren zwei tiefliegende, gelbbraune Augen haßerfüllt auf Mac.

Der Detektiv birgt die Perlen in der Tasche.

»Wieder munter?« fragt er gallig.

»Ja.« Und mit einem schnellen Blick zur Schulter:

»Sie haben mir die Perlen genommen.«

»Abgenommen.«

Der Mann macht einen verzweifelten Versuch, hochzukommen, und steht endlich mit taumelnden Beinen.

Lehnt sich an die Wand.

Mac Lee schiebt die Unterlippe vor. »Viel zu schwach für einen Boxkampf mit Odojewskij,« meint er französisch.

»Ja.«

»Hast tüchtig eins abgekriegt.«

»Der Satan ...«

»Du bist Franzose?« fährt Mac Lee in leichtem Gesprächston fort.

»Nein. Ungar.«

»Russe, Mann. Wozu die Lüge? Ich kenne alle Leute vom französischen Nachrichtendienst.«

»Was schert es Sie? Sie haben mich bestohlen, und ich verlange ...« seine Hand tastete nach der Klingel.

»Gebt euch keine Mühe,« meint Mac Lee und hebt ein wenig den einen Revers seines Rockes.

Die Augen des Taumelnden kleben an dem kleinen Schild.

»Konterspionage,« sagt er leise.

»Detektiv. Amerika. Bei dem Direktorium hier akkreditiert.«

»Und Sie haben –«

»Ich habe die Perlen, mit denen Odojewskij hier die französische Armee bestechen will und die Sie ihm, als Kellner verkleidet, gestohlen haben.«

»Ach, Sie wissen, daß ich Kellner war?«

»Zum Schein, ja. Eine Ihrer Masken, Kossarow.«

»Kossarow. Wer ist das?«

»Das sind Sie, Mister, geheimnisvoller Kurier im Auftrag der Sowjet. Sollten den Hauptmann bewachen. Haben wieder ein besonderes Mandat!«

»Sie sind gut orientiert,« höhnt der Russe.

»Ich weiß auch, daß die drei kostbaren Perlen, mit denen hier die Entente unterwühlt werden soll, gestohlen sind. Sie waren in der Mongolei.«

»Auf einem Transport –«

»Richtig. Der Transport enthielt die Kriegskasse jenes Mannes, den man ›Fürst von Urga‹ nennt.«

Kossarow schweigt. »Woher wissen Sie dies alles, Mr. Lee?«

»Mein Freund, ich pflege die Vorgeschichte jeder Affaire, die ich verfolge, aufs genaueste zu studieren. Doch wir wollen in der Feststellung des Tatbestandes fortfahren, denn es ist notwendig, daß wir in Zukunft mit offenen Karten spielen, Mr. Kossarow. Ich weiß, Sie werden alles daran setzen, mir die Perlen abzujagen, wie Sie sie dem Hauptmann abgejagt haben, der mir an Fähigkeiten beinahe überlegen ist.«

»Odojewskij steckte die Perlen in dem Augenblick, in dem er das Hotel betrat, in eine der großen Vasen im Vestibül. Sie beachteten es nicht, Mr. Lee! Ich sah es. Denn ich beobachtete ihn bereits. Ich nahm die Perlen an mich, schob sie sofort in das bereitgehaltene Rockfutter, wurde aber von Odojewskij überrascht. Er zerrte mich in sein Zimmer. Ich bekam in dem darauffolgenden Boxkampf eins ab,« sagte Kossarow.

Mac Lee steckte sich eine Zigarre an.

»Er hat einen harten Schlag. Doch wiegen Sie sich nicht in der Hoffnung, daß Sie mir die Perlen ebenso überraschend abjagen können, wie Ihnen das bei Hauptmann Odojewskij gelungen ist. Ich mache Sie vor allen Dingen darauf aufmerksam, daß mir alle Polizeibehörden Odessas zur Seite stehen, daß ich jeden Moment Unterstützung verlangen kann.«

»Die Behörden Odessas,« meint Kossarow mit offensichtlicher Geringschätzung.

»Ich weiß,« murmelt Mac Lee. »Aber in einem so klaren Fall wie dem vorliegenden, ist auch die Polizei Odessas für Sie gefährlich, Kossarow.«

In diesem Augenblick klopft es.

Krankenwärter treten in Begleitung eines Soldaten mit einer Bahre herein.

»Hier ist der Tote,« sagt Mac Lee und deutet auf Kossarow.

Der Soldat lacht, die Krankenwärter ziehen ab, und alles scheint in bester Ordnung. Aber Mac Lee fährt fort:

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sergeant, daß dieser Mann keinerlei Ausweispapiere besitzt. Schauen Sie sich den Mann genau an, Sergeant. Gleicht er nicht aufs Haar jenem vierfachen Mörder ...« und während der Soldat mit offenem Mund und wenig geistreichem Gesicht den Russen ansieht und sich vergeblich bemüht, festzustellen, von welchem vierfachen Mörder der Detektiv spricht, zieht Mac Lee einen Steckbrief hervor. Der Soldat wirft einen Blick auf die Photographie. Es ist Kossarow.

Darunter steht: Wegen dringenden Verdachtes vierfachen Mordes festzunehmen und nach der nächsten Milizkaserne zu bringen.

Kossarows Kiefer bewegt sich krampfhaft, aber ehe er einen Entschluß fassen kann, sitzt ihm die »eiserne Acht« des blitzschnell vorgehenden Sergeanten am Handgelenk.

Ein Pfiff durchs Fenster.

»Es liegt in Ihrem Interesse, mir keinen Widerstand zu leisten,« sagt der Sergeant.

Mac Lee aber hat schon die freie Hand des Gefangenen gefaßt und so führen beide gemeinsam Kossarow die Treppe hinab.

Der zweite Direktor – von neuem alarmiert – lenkt den Transport nach einer Hintertreppe ab.

Unten warten schon die durch den Pfiff des Sergeanten herbeigerufenen Milizsoldaten. Kossarow wird in ein Auto gebracht. Er zischt indessen Mac Lee ins Gesicht:

»Sie werden es büßen.«

Dann rast das Auto ab.

Mac Lee faltet den Steckbrief zusammen und begibt sich in die Halle.

Dort sitzt Hauptmann Odojewskij. Michael, ganz ahnungslos von allem, was um ihn vorgeht, tritt zu ihm, begrüßt ihn.

»Ich muß mich verabschieden,« sagt der Hauptmann.

Graf Michael bedauert sehr.

»Ihr Auftrag ist also erledigt?« fragt er.

»Ja,« lächelt der Hauptmann vielsagend. »Mein Auftrag ist erledigt.«

Er tritt mit Mac einen Schritt abseits und sagt sehr leise:

»Du hast die Perlen?«

»Ich habe sie.«

»Kossarow?«

Mac Lee zieht triumphierend den Steckbrief aus der Tasche.

»Der Kellner fiel mir gestern schon auf. Ich habe das Ding anfertigen lassen – für alle Fälle. Es ist gut, wenn man sich in einem gefährlichen Moment eines Mannes, den man nicht ohne weiteres festnehmen lassen kann, auf diese Weise entledigt. Bis sie den vermeintlichen vierfachen Mörder wieder loslassen, habe ich Vorsprung genug, um vor unliebsamen Zwischenfällen geschützt zu sein.«

»Das ist reizend!« sagt Alexeij Odojewskij fröhlich.

»Kossarow sitzt also fest. Ich danke dir, Mac! Ich danke dir herzlich, Mac!«

Odojewskij schüttelt Mac immer wieder die Hand, und Mac schaut Alexeij verwundert an, er kann nicht begreifen, warum der Gegner ihm dankbar ist. Aber Mac fühlt unausgesetzt den Druck der Perlen auf seiner Brust, wo er sie geborgen hat, und überwacht jede Bewegung Alexeij Odojewskijs. Er geht und wendet sich noch einmal halb um. »Auf Wiedersehen.« –

Odojewskij winkt ihm freundschaftlich nach.

Mac Lee wirft sich todmüde auf sein Bett. Erst am nächsten Morgen nimmt er die Perlen aus dem Brustbeutel und betrachtet sie liebevoll und eingehend.

Lange.

Plötzlich stockt sein Herzschlag.

Jetzt, bei der langen und genauen Besichtigung überkommt ihn urplötzlich und mit entscheidender Wucht die Erkenntnis: Die Perlen sind falsch. –

Fabelhaft nachgemacht.

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