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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 26
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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25

Die Roten Offiziere halten sich verborgen, bis der Lärm verhallt ist. Dann werfen sie sich auf Pferde und jagen zurück in die Steppe.

Sie finden Colombi, in der Jurte des Fürsten liegend, rauchend und zeichnend.

Sie überfallen ihn, stecken ihm einen Knebel zwischen die Zähne, binden ihn, zeigen dem Mongolenfürsten, der mit erstauntem Gesicht den Vorgang verfolgt, ihre Vollmachten der Tscheka, werfen den Gefangenen auf einen Sattel und verschwinden mit ihm wieder in der endlosen Wüste.

Nach zwanzig Stunden Ritt erreichen sie mit dem Halbtoten die Front.

Erstatten Bericht.

Colombi wird den beiden Kommissaren der Tscheka vorgeführt, die die Truppe begleiten.

Kurzes Verhör.

Die Protokolle der Kriegsgerichte in Urga liegen in Händen der Kommissare.

Colombi wirft einen Blick darauf.

Er weiß: Er ist verloren.

Christine hat sich gerächt.

Christine war stärker als er.

Derbe Fäuste packen ihn. Diesmal steht keine Frau auf, ihn zu retten.

Man schleift ihn durch Staubwolken. Kolben schlagen in seinen Rücken. Er brüllt:

»Ich habe ein Geheimnis zu melden. Fünf Minuten Gnadenfrist! Meldet dem Kommissar! Ein Geheimnis! Milliarden stehen auf dem Spiel!«

Man meldet es den Kommissaren. Colombi steht schon vor sieben Gewehren.

Die Tschekisten studieren die Karte, die man ihm abgenommen hat.

»Ist es das?« fragt der eine Kommissar und weist auf die Zeichnung Christines.

»Ja! Ja! Das große Platinlager im Ural!«

Auch die Kommissare der Tscheka wissen darum. In die Mündung der Gewehre schauend, berichtet Colombi:

Das Platinlager im Ural ... Er kennt es. – Die Frau, Wisserin des Geheimnisses, hat ihm Erklärungen zu dem Plan gegeben ...

Seine Augen quellen aus den Höhlen. Er starrt in die Mündung der Gewehre.

Der Offizier, der die Exekution leitet, blickt ungeduldig auf die Kommissare.

»Noch nicht!« donnert Colombi.

Der eine Kommissar faltet den Plan zusammen.

Der andere sagt:

»Hinrichtung aufschieben!«

Colombi wird abgeführt.

Der Tod will mich nicht, denkt er triumphierend. Ein Roter Bauernsoldat schenkt ihm eine Zigarette. Er raucht sie mit Behagen.

*

Die weißen Soldaten des Fürsten hatten sich eingegraben und warteten nach einer furchtbaren Kanonade, die die Schützengräben in Morast verwandelt, Steinbauten niedergerissen hatte, mit angehaltenem Atem auf den Generalsturm der Roten.

In der vordersten Linie stand der Fürst mit seinem Stab und blickte durch das Scherenfernrohr.

Er war bleich. Blut floß über seine Stirn. Er nahm sich nicht Zeit, die Wunde zu verbinden.

Seit Wochen, seit Monaten wußte er, daß dieser Tag kommen würde. Sein kleines Reich stand unbesiegt. Uneinnehmbar schienen seine Positionen, so lange Koltschak in der linken Flanke die Armeen der Roten beschäftigte, so lange Denikin in der Ukraine einen Teil der Roten Divisionen festhielt.

Nun ist nur noch Wrangel in der fernen Krim. Aber viele Divisionen, die Koltschak nach Irkutsk getrieben hatten, sind freigeworden, und mit verbissenem Ingrimm haben nun die Roten Kommandeure ihre siegestrunkenen Truppen gegen den Fürsten von Urga angesetzt. Von Semenow ist keine Hilfe mehr zu erwarten. Von niemand ist Hilfe zu erwarten.

Der Fürst von Urga hat sich mit beispielloser Tapferkeit bis jetzt gehalten. Er durfte hoffen, in diesem Wetterwinkel der Welt eine neue, Weiße Armee aufstellen zu können, die den Vormarsch im Namen der europäischen Kultur gegen Moskau unternehmen konnte.

Träume!

Mit dem Zusammenbrechen der Weißen an der sibirischen Front war auch das Schicksal des Fürsten besiegelt.

Nach dieser barbarischen Nacht eines nie vorher durchlebten Trommelfeuers begriffen es auch die Weißen Offiziere des Fürsten.

Er aber hoffte noch auf ein Wunder.

Für einen Moment fielen ihm die prophetischen Worte des Lamas ein: »Die Rote Flut wird Asien überschwemmen.« Hat er umsonst gekämpft? Umsonst gelitten? Umsonst das Blut vergossen? Seine Augen gehen suchend die Reihen der Mongolen entlang. Sie sind unruhig, in ihren Augen ist ein sonderbares Flimmern, und sie rufen sich Worte zu, die der Fürst nicht versteht. Er sieht Gesichter zwischen ihnen, die ihm fremd sind.

Neugeworbene Rekruten?

Ja. Neugeworbene Rekruten. So scheint es. Sie feuern die Kameraden an. Aber nicht zur Kampfbereitschaft.

»Im Namen des Heiligsten! – Ruhe! – Frieden! – Brot!

–Arbeit! – Los von den Männern, die nur Kriege suchen, die das Volk erpressen, Rekruten ausheben, Steuern ausschreiben!

Es lebe die Rote Internationale!«

Der Fürst weiß nicht, daß seit Wochen sein Heer durchsetzt ist von den Abgesandten des Sowjets. Daß aus der Wüste Gobi die Mongolen gekommen sind, schon Anhänger des Sterns von Moskau, die als Soldaten unter den Ihren predigen und wühlen.

Die Offiziere ahnen, aber sie wissen nichts. Ahnen nicht einmal die Wahrheit in ihrer ganzen Furchtbarkeit.

Das Heer ist zersetzt, die Treue dahin, und was nun kommen wird ...

Es kommt!

Die Roten Soldaten steigen aus ihren Gräben. Der Sturmangriff beginnt. Die Maschinengewehre bei den Weißen richten sich auf die Roten Feinde. Die Kommandos der Offiziere schallen laut durch die Gräben der Mongolen. Der Fürst, hinter dem vordersten Graben, ruft Befehl um Befehl. Seine Adjutanten rennen davon – durch Gräben und Morast. – Hierhin, dahin. – Sie begegnen gleichgültigen Mongolengesichtern. Die Gewehre sind beiseite gestellt. Noch begreift niemand ...

Da – die Roten stürmen nicht!

Die Roten stehen, sich den Kugeln der Mongolen preisgebend, den Kugeln der Abenteurer aus allen Heerlagern Rußlands, und singen.

Singen die Internationale. –

»Brüder! Brüder!«

Rote Fahnen auf den Bajonetten, marschieren sie heran und singen – singen. –

Mongolen voran! Mongolen gegen Mongolen! –

Noch begreift auch der Fürst nicht – faßt es nicht – kein Schuß – atemloses Schweigen – Schweigen, so tief wie der Atem des Urwalds! – Jeden Augenblick aber muß es geschehen – muß das geschehen, wofür es keine Worte gibt. –

»Brüder! Brüder!
Es rettet uns kein höheres Wesen!
Kein Gott! Kein König! Kein Tribun!
Uns von dem Elend zu erlösen
Können nur wir selber tun!«

Nun sind sie nahe – immer näher! – Das Schweigen birst.

Schreie flammen auf.

Wie so die übermüdeten Soldaten des Fürsten, gefechtsbereit, wohlgedeckt hinter maskierten Maschinengewehren und schweren Geschützen, den gemeldeten Feind erwarten, wie die Sonne diese dunkle Menge von Roten Legionen beleuchtet, wie diese Menschen mit verzückten Gesichtern in heiliger Inbrunst das Lied der Internationale singen und sich unaufhaltsam den Linien der Weißen entgegenwälzen – das ist ein Bildnis von nie empfundener Schaurigkeit.

Der Fürst, in der vordersten Linie seiner Schützen, zittert vor Erregung. Sein Blick schweift brennend über seine Soldaten.

»Diese Teufel!« murmelt er, auf die heranrollende Welle der Roten starrend. »Diese Teufel! Wie raffiniert!«

Er wendet sich mit jähem Entschluß an seine Mongolen: »Kameraden! In diesem Augenblick entscheidet sich unser Schicksal. Ihr dürft keine Schonung kennen! Feuer!!!«

Eine Salve rollt knatternd in den Morgen.

Mit angehaltenem Atem beugen sich die Offiziere vor.

Kein Mann auf der Seite der Roten ist gefallen. Sie kommen heran, laufend, schneller als vorher, singend, jubelnd. –

»Menschen! Freunde! Brüder! Liebe! Arbeit! Gleichheit!«

Der Fürst stöhnt:

Seine Soldaten haben in die Luft geschossen!

Und diese Luft ist erfüllt, die ganze Welt widerhallt von dem einen Ruf:

»Liebe! Arbeit! Gleichheit!«

»Hätten wir die Leibwache da,« stammelt ein bleicher Oberst.

Der Fürst reißt den Revolver heraus, während schon die ersten Roten Soldaten die Gräben erreichen.

Er schreit, er brüllt mit sich überschlagender Stimme: »Ein Hundsfott, wer von euch unsere Fahne verrät! Feuer!«

Und dann sieht er wie durch einen Nebel: Gesichter in magischem Glanz, Augen, in denen der Himmel sich spiegelt. Er fühlt einen Stoß, einen Schmerz, die Welt dreht sich schneller, Nebel – Nebel – Nebel – und ein letztes Begreifen:

Meine eigenen Soldaten haben mich erschossen!

Über seinen fallenden Körper hinweg schallen die wilden Fanfarenrufe der sich verbrüdernden, der sich umarmenden, brüllenden, jauchzenden Menschen.

Die Gräben scheinen zu bersten. Der Himmel scheint sich zu öffnen.

Die mongolischen Soldaten zerbrechen ihre Waffen und schleudern die Trümmer vor die Füße der fassungslosen Offiziere. Die Kanonen werden demoliert, Munition klatscht in den Floß. Es ist ein Wüten gegen alles, was Kampf vorsieht und nach Blut schreit, und es ist ein einziger Jubel, der wie ein Sturmwind von Linie zu Linie läuft, die Zaudernden mit sich reißt und ihre Waffen zerstört:

Liebe!

Wir sind Brüder! – – –

*

Das ist das Ende des Reiches des Fürsten von Urga. Einige hundert kampferprobte, Weiße Soldaten feuern endlich. Sie werden niedergemacht, von den eigenen Kampfgenossen überwältigt. Die ehemaligen Koltschak-, Denikin- und Kosakenoffiziere fliehen. Sie kommen nicht weit, die eigene Front erwürgt sie. Der Fürst richtet sich noch einmal auf. Er befindet sich mitten unter Roten und Weißen Mongolen, die sich verbrüdern. In diesem Augenblick sieht er das Wunder, auf das er gewartet hat:

Reiter! Viele Reiter! Ihm scheinen es Schwadronen – eine ganze Division sieht er – und diese Reiter, geführt von einer Frau, kaum kenntlich – und doch, das Haar fliegt um sie – er kennt sie, er kennt sie durch Blut und Verzweiflung:

Die Gräfin!

Sie fegen herein in den Wirrwarr der Leiber. So überrascht ist diese Front, so wenig haben die Roten mehr an Widerstand gedacht, daß der Angriff ganz unerwartet in ihre vordersten Linien flutet. Blitzschnell sind Maschinengewehre abmontiert. Feuer! Feuer! Alles flieht. –

Doch die eiserne Leibwache des Fürsten, Mongolen, die keine Schmeichelstimme der Roten verwirren konnte, kennt keine Gnade und kein Erbarmen und keine Unterschiede mehr. Sie feuern unter die Ihren wie unter die Roten. Das Kampffeld, eben noch voll Überraschung und Frieden, färbt sich von Blut. – Doch auch dieser Angriff ist nur ein letztes heldenhaftes Aufbäumen. Schon formieren sich hinter den ersten Linien die Roten Sturmtruppen, die mit der Internationale ein Reich vernichtet haben, mit Gesang und Begeisterung, schon formieren sich die erprobten Bataillone einer Roten Division zum entscheidenden Angriff.

Christine, vom Pferde springend, sucht im Feuer die vordern Schützengräben ab. Noch weht die Standarte des Obersten Befehlshabers im Wind. Ihr scharfes Auge hat sie schon im Heranritt gesehen. Den Körper des Bewußtlosen hochreißend, schleppt sie ihn mit Hilfe einiger Getreuer zu den Pferden.

Der Fürst kommt zu sich. Er blutet aus Streifschüssen. Reißt sich zusammen. Kommt in den Sattel. Noch einmal überblickt sein umflortes Auge den Kampfplatz. Die Rote Front stürmt – und diesmal ist es nicht Gesang, der die Massen mitreißt. Unbekümmert, wen es trifft, ohne Rücksicht auf ihre bereits gewonnenen Anhänger wüten sie, mit dem Bajonett sich eine Todesgasse durch die letzten Kämpfer bahnend.

Die Maschinengewehre sind verstummt. Nur Schreie – Heulen – eine kleine Reitertruppe jagt nach Urga zurück.

Der Fürst. Die Gräfin. Einige Dutzend Mongolen mit blutsprühenden Gesichtern.

Das Ende von Urga!

Urga wird bolschewistisch. Von nun an wird es heißen: Ulan-Bator-Choto, d. h. Stadt der Roten Giganten. Es wird ein bolschewistisches Volkshaus haben, in dem jährlich ein Parteikongreß abgehalten werden wird.

Stadt der Roten Giganten ...

Der letzte Gigant, der dich verteidigt hat, der dem Ansturm einer neuen Zeit, einer neuen Weltanschauung, einer ungeheuren Flutwelle weichen mußte, flieht mit einigen Mongolen und einer Frau in die Wüste Gobi.

Der Ring, den die Roten um Urga gezogen haben, ist nicht dicht genug. Die Flüchtlinge durchbrechen ihn. Die große, schweigende Wüste nimmt sie auf.

Sie reiten ununterbrochen, die Jurten ihrer Feinde umgehend, bis in die kalte Nacht.

Da finden sie Freunde.

Die letzten Getreuen trennen sich von ihrem Führer. Ein letztes Lebewohl, dann nimmt die Nacht sie auf.

Der Fürst aber und die Gräfin fliehen weiter auf Kamelen.

Sie suchen eine Karawane einzuholen, die der großen chinesischen Mauer zustrebt, die Ning-Hsia zu erreichen sucht.

Sie sind gerettet.

In erhabener Einsamkeit rasten sie. Umarmen sich. Trinken die Gewißheit ihrer Rettung, ihrer Liebe von trunkenen Lippen.

»Glauben Sie nun an mich, Fürst?« fragt Christine.

»Ich glaube an dich – bis zum letzten Atemzug,« kommt die Antwort. »Ich heiße Rochus Moor und bin ein Deutscher. Ich liebe dich. Wir wollen gemeinsam das Land meiner Sehnsucht aufsuchen, für das ich gefochten und gelitten habe.«

Die Wüste ist weit. Endlos scheint sie. Staub weht auf. Staub rinnt ewig.

Zwei Menschen reiten gegen Süden.

*

Irgendwo im Ural steht Cesare Colombi, die Hände gefesselt, die Augen stier auf die von Christine gezeichnete Karte geheftet. Seit einer Woche führt er seine Roten Herren, Christines Angaben auf der Zeichnung folgend, in dem Steinlabyrinth umher. Durch Täler und über eisumwehte Höhen.

Das Platinlager findet er nicht.

Er hat begriffen: Die Zeichnung ist falsch!

Christines Angaben sind falsch.

Sie hat ihm das Todesurteil in die Hand gedrückt, als sie ihm das Geheimnis des Platinlagers verriet.

Sie wußte, daß es so kommen würde, wie es gekommen ist.

Die Kommissare, zornbebend über den frechen Betrug des Gefangenen, machen ein Ende.

Er wird zwischen zwei junge Bäume gestellt. Die Stämme werden zu ihm hingebogen, bis ihre Spitzen ihn berühren. Mit den Armen wird er an je einen der beiden Bäume gebunden. Mit Stricken zerren Soldaten die widerspenstigen Baumleiber nach unten.

»Zum letzten Mal,« sagt der Kommissar, »wo ist das Platinlager?«

»Ich weiß es nicht,« ächzt Colombi.

Ein Wink. – Die Bäume spritzen zurück.

Ein unmenschliches Urteil ist vollstreckt.

Ende

 



 

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