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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 25
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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24

Christine hatte das deutliche Gefühl, daß sie an der entscheidenden Wendung ihres Lebens stand. Vielleicht ging sie jetzt dem Tode entgegen, vielleicht war, was sich jetzt begab, nur die Vorbereitung dazu.

Aber sie empfand weder Furcht noch Bedenken. Im Gegenteil: Ein freudiges, frohes Gefühl, gemischt mit ungeduldiger Erwartung durchströmte sie, und nur die Angst um den Fürsten, um das, was sich an der Front begab, hinderte sie, lachend die letzten Berghindernisse zu nehmen. Das Pferdchen lief ausgezeichnet.

Nun war sie auf der Höhe und blickte zurück.

Rings um sie standen Fichten, vor ihr dehnte sich die Steppe mit fahlem Gras. Unter ihr lag Urga in einem weiten Talkessel. Der Bergstrom rauscht wild um die Stadt. Eng schmiegen sich schwarz und schweigend die vielen kleinen Häuser der Mongolen aneinander, und über sie hinweg schwingen sich die goldenen Türme der Lamaklöster in die hellblaue Luft. Gleich schwarzen, armseligen kleinen Hunden ducken sich die Hütten, in denen die Gebetsräder stehen, die von den Lamas in Bewegung gesetzt werden zur Ehre ihres allerhöchsten Gottes. Christine wendet ihr Pferd und jagt in die Wüste. Zunächst geht es durch ein Gewirr von Jurten. Wind pfeift über die Höhen, sie achtet es nicht. In wildem Galopp geht es weiter. Sie wirft einen Blick auf ihren schweigenden Begleiter: Über seinem rotgelben Gewand trägt er eine grüne Schärpe. Sein scharlachroter Sattel leuchtet in der beginnenden Öde. Die letzten Ochsenkarren ziehen vorbei.

Nun empfängt sie die schweigende, mörderische Einsamkeit der Wüste.

Für einen Augenblick wittert Christine eine Falle. Aber der Revolver im Gürtel beruhigt sie.

Sie reiten Stunden um Stunden. Der Himmel wird stahlgrau. Unendliche Einsamkeit senkt sich mit unerbittlicher Gleichlast auf die Reiter in der Wüste.

»Noch lange?« ruft Christine.

»Bis zu Fürst Taschtogun!« lautet die Antwort.

Sie kennt den Fürsten. In der Wüste, in den fast unpassierbaren Schluchten des Boschin Khairakhan befindet sich sein kleines Reich. Er trotzt dem »Großen Chan«. Sein Land ist unzugänglich, nur die Karawanen dürfen sich nähern. In einer goldschimmernden Staatsjurte lebt er. Schon von weitem empfängt wütendes Hundegekläff die Ankömmlinge.

Gleich darauf jagt sie in das Lager, das von Hunderten von Jurten gebildet wird.

Sie sieht sich von Kriegern umgeben. Man führt sie in die Staatsjurte. Der Fürst, ein finsterer Mongole, grüßt sie mit der Hand. Eben klingelt eine Kamelkarawane in das Lager, und in dem Augenblick, in dem Christine Cesare Colombi erblickt, kommen neue Gäste.

Männer mit scharfen Gesichtern, in grauen Uniformen. Europäer. Offiziere, dem Aussehen nach.

Sie werfen einen prüfenden Blick auf die Frau.

Colombi, der ihr entgegeneilt, ihre Hände küßt, sie Christine, die Schöne, nennt, wendet sich an die Offiziere:

»Wir können ungeniert verhandeln. Diese Frau hat die Ermordung des Fürsten auf sich genommen.«

Sie verbirgt ihr erschrockenes Gesicht, denn sie begreift sofort, daß sie Mitwisserin schwerwiegender Dinge wird.

Colombi erzählt, mit welcher List, mit welcher Geschicklichkeit sie ihm das Leben gerettet hat.

»Nun geht es um das Letzte.« Er wendet sich Christine zu: »Der Generalangriff der Roten Armee gegen die schwache Front des ›Großen Chan‹ hat begonnen. Die Front wird zusammenbrechen.

Es ist notwendig, daß der Fürst im entscheidenden Moment fehlt. Er übt einen dämonischen Einfluß auf die Leute aus. Das Rote Oberkommando möchte unnötige Opfer vermeiden. Zu viele Tote liegen schon an der Front am Baikalsee. Zu viel Opfer kostet der neue Feldzug gegen Wrangel in der Krim.«

»So ist es,« bestätigt der eine Offizier.

»Sie werden also den Fürsten im geeigneten Moment unschädlich machen, Christine,« sagt Colombi. »Das andere vollzieht sich programmäßig.«

Alle sehen erwartungsvoll auf die Frau. Haß, Ekel und Abscheu steigen in ihr auf. Das ist also der Mut dieses Mannes, der zu schwach war, den Fürsten in ehrlichem Kampf zu besiegen.

Sie schaut in das gleichmütige Gesicht des Mongolenfürsten.

Also bis hierher reicht schon die Macht und der Einfluß der Bolschewisten! Im Rücken der verlorenen Schar erhebt sich die Verräterei! Sie kann ihre Bestürzung, ihren Zorn nicht verbergen. Die Augen der Offiziere sind scharf.

»Sie wollen nicht?« fragt Colombi.

»Nein, ich will nicht,« erwidert Christine. »Sie sind ein Meuchelmörder, Colombi! Sie sind ein Feigling! Ich habe Ihr Leben gerettet, ich würde es jetzt dem Henker überliefern, ohne zu zögern.«

Sie sucht den Ausgang der Jurte zu gewinnen.

Um Colombis Mund spielt ein Lachen.

»Sie sind also die Maitresse des ›Großen Chan‹ geworden?«

»Was bin ich geworden? Und was erlauben Sie sich, Colombi? Was gibt Ihnen das Recht, wie ein Stallknecht von mir zu sprechen?«

Ehe es jemand hindern kann, pfeift ihre Reitgerte durch die Luft. Ein blutroter Striemen zieht sich quer über das Gesicht des Generals.

Wie ein Raubtier will er sich auf die Frau stürzen.

Die Offiziere hindern ihn.

Der Mongolenfürst verfolgt alles durch halbgeschlossene Augen.

»Es scheint,« sagt drohend der eine Offizier, »Sie wollen den Fürsten retten.«

»Ich werde ihn nicht preisgeben. Nie! Nie!« schreit Christine, die Peitsche noch immer schlagbereit. Mit einem schnellen Griff entwindet sie ihr Colombi.

Zischt ihr ins Ohr:

»Weiße Gräfin! Edelbestie! Nicht umsonst habe ich dich damals – ich gebe dir den Schlag jetzt zurück, verstehst du? – ich bin es gewesen – hör gut zu, Gräfin! Ich bin es gewesen, der in dein Zimmer die roten Dokumente geschmuggelt hat! Durch mich bist du der weißen Konterspionage ausgeliefert worden! Durch mich! Ja? Hast du begriffen?«

Sein hartes Lachen schallt durch den Raum.

Die beiden Sowjetoffiziere zeigen keine Regung im Gesicht.

Christine aber fühlt Lava im Blut. Feuerwaffen durchspritzen sie. – Blitzschnell geistert ihr verlorenes Leben vorüber: Michaels Kampf auf der Treppe, Michaels Liebe, Michaels Verderb, Michaels Tod. Sie, selbst ihre Flucht, ihr Scheindasein in London, ihre Mission als Agentin für England. – Ein Leben jenseits der Liebe, des Glücks, des Glaubens. Aus allen Bahnen geworfen. Und das unnennbare Leid, die Schmach, die Schande im Keller der Konterspionage!

Das alles durch Colombi!

Er ist einen Schritt zurückgetreten vor ihren sprühenden Augen. Aber übermenschlicher Haß in Christine formt gedankenschnell Pläne und Rollen.

Sie würgt alles in sich zurück. Ihre Augen werden hell und lächeln. Ihre Gestalt, jung und geschmeidig, strafft sich gelassen.

»Und?« sagt sie. »Und? Sie dachten, Colombi, ich hätte es nicht gewußt? Wir befanden uns beide im Krieg. Der Krieg heiligt die Mittel. Es ist vorbei! Die Entwicklung entsprach meinem Charakter. Ich bin nie die zarte, sanfte Christine gewesen, Colombi. Ich war immer die weiße Gräfin von heute. Sie haben mich zu meiner wahren Aufgabe zurückgeführt. Ich bin bereit, Colombi. Ich liefere den Fürsten, tot oder lebendig, der Roten Armee aus.«

Die Offiziere lächeln ungläubig.

»Wir werden Sie begleiten,« sagen sie. »Zur Vorsicht.« Sie erschrickt. Aber es gibt kein Zurück mehr. Auch Colombi ist nicht von ihrer Wandlung überzeugt. Dieses Raubtier ist zu klug und hat eine feine Witterung.

Christine macht sich fertig, zurückzureiten.

»Mir scheint, Sie glauben mir nicht, Colombi?« sagt sie.

Legt die Hand auf seinen Arm und zieht ihn in einen entlegenen Raum der großen Jurte.

»Ich will Ihnen einen Beweis geben, Colombi. Warum habe ich Sie gerettet? Begreifen Sie nicht, daß ich Sie liebe? Daß ich als Weib nicht gleich zustimmen konnte, den Fürsten auszuliefern? Haben Sie keine Menschenkenntnis? Können Sie einen Hieb nicht vergessen, wenn ich einen Verrat vergessen habe?«

Ihr Körper lockt. Ihre Augen kosen. Eine Welle der Zärtlichkeit schlägt über ihn.

Er reißt sie an sich und preßt die Lippen auf die ihren. Trinkt Seligkeit und Sinnestaumel aus dem heißen Mund. Sie hält ihn fest. Stürzt ihn in den Abgrund des Begehrens und der Qual.

»Ich bin dein,« sagt sie leise. »Dein für immer. Ich beweise es dir! Willst du ewig für die Roten Leib und Leben wagen? Wir teilen das Platinlager! –«

»Ah! Ah!« Er stöhnt fast vor Überraschung und Gier. »Das Platinlager. Du kennst das Geheimnis!«

»Du bist frei. Ich muß mich erst durch den Tod des Fürsten lösen. Ich vertraue dir den Plan an. Er ist genau! – Kein Irrtum möglich. Verwalte, verbirg die Kostbarkeit, bis wir wieder zusammen kommen. Ich vertraue dir meinen Reichtum, ich vertraue dir das Geheimnis von Milliarden an. Glaubst du nun an mich?«

Sie gibt ihm genaue Erklärungen zu der Zeichnung.

Er steckt den Plan in die Rocktasche.

»Ich glaube dir,« antwortet er feierlich. Führt sie zurück.

»Es ist Zeit,« sagen die Offiziere. Sie tragen schon nicht mehr Soldatenröcke. Als Mongolen verkleidet, in Farben schillernd, mit Schlitzaugen und braunen Gesichtern, stehen sie da.

Mongolische Diener.

Todesknechte.

»Wir werden Sie begleiten,« sagen sie wieder.

Christine nimmt Abschied von dem Fürsten, von Colombi.

Sie wollen sich nach dem Siege alle wieder in der Jurte des Mongolenfürsten treffen.

Die Nacht ist hereingebrochen.

Begleitet von zwei Männern, die jede ihrer Bewegung von jetzt ab überwachen werden, reitet Christine zurück.

Todmüde, mit wunden Gliedern, erreicht sie den Palast in Urga.

Es ist still und leer geworden in der Stadt. Auf dem großen Marktplatz schweigen die Gebetsräder. Niemand ist zu sehen. Kein Einwohner, kein Soldat. Fast alle sind an der Front. Kanonendonner dringt herüber.

Christine begibt sich in das für sie eingerichtete Zimmer. Die verkleideten mongolischen Diener folgen ihr.

Hier endlich sprechen sie, im Schimmer von Kerzen, während die Nachtkälte durch die Kleider dringt.

»Wir sind uns klar darüber, daß wir in den Tod gehen, wenn Sie uns verraten. Wir geben unser Leben hin, aber das Ihre ist mit dem unsern verwirkt. Es gibt kein Entkommen für Sie vor den Roten Truppen. Man wird Sie überall ergreifen: In den mongolischen Jurten, in Urga, auf den Karawanenstraßen.

Nichts kann Sie retten. Liefern Sie den Fürsten aus, töten Sie ihn oder überliefern Sie ihn uns gefangen, warten die größten Ehren auf Sie. Was Sie mit Colombi haben, geht uns nichts an. General Colombi ist nur unser Mittelsmann. Sie stehen jetzt bereits in der Schlacht. Wir dulden nicht, daß Sie zurückweichen.«

Christine sitzt auf einem Stuhl mit goldgestickter Decke und schaut im Spiegel auf die düsteren Boten des Verbrechens.

»Colombi,« sagt sie langsam und feierlich, »Colombi ist der niedrigste Mensch, der größte Schurke in dieser an Schurken wahrlich nicht armen Zeit!«

Sie erhält keine Antwort.

Wendet sich blitzschnell um.

»Sie glauben es nicht?«

»Nein,« antworten die Russen.

Sie steht auf. Die Offiziere zeigen ihr unter den Mänteln lange Dolche.

»Ich fürchte Ihre Dolche nicht,« erwidert Christine, die Unterlippe vorschiebend. »Ich fürchte so wenig mehr, wie Sie fürchten. Unsere Chancen sind die gleichen. Aber ich will Sie in etwas einweihen.«

Zögernd folgen ihr die beiden. Sie führt sie, an mongolischen Wachen vorbei, die sie mit aufmerksamen Augen betrachten, zum Archiv des Fürsten.

Der Posten will ihr den Eintritt wehren. Er ist Oesterreicher. Sie zischt ihm eine Warnung zu. Von den beiden Mongolen lautlos überfallen, wälzt er sich schon in seinem Blut.

Sie hat keine Zeit, ihn zu bedauern. Mit beiden Händen wühlt sie in den Urteilen, die, wie sie weiß, hier verwahrt sind.

Endlich findet sie, was sie sucht.

Die Roten Offiziere lesen:

Kriegsgericht. Vorsitz: General Colombi. Datum. Verhandlung gegen Dimitrij Alexew. Gibt zu, Roter Offizier zu sein. Behauptet: Colombi sei Roter Spion. Zum Tode verurteilt. Drei Stunden später vollstreckt ...

Ähnlich lautet das zweite, das dritte Urteil.

Die Roten Offiziere starren sich an. Christine erzählt von dem Staatsstreich Colombis. – Daß er Fürst von Urga werden wollte. – Daß er alle verraten habe: Die Roten, die Weißen, den Fürsten – und sie, – die Frau. –

»Sie begreifen also, daß ich das Spiel nicht mitmache,« fährt sie fort, die Hand an der Alarmklingel, die die Offiziere nicht hören können, denn sie führt in die Kaserne der Leibwache, von der ein Teil zum Schutze Urgas zurückgeblieben ist. »Ich gebe Ihnen zwei Minuten Zeit, zu flüchten. Ich verrate Sie nicht. Der Weg zur Roten Front ist offen.«

Sie hält ihren Revolver in Augenhöhe.

»Ordnen Sie eine Untersuchung gegen Colombi an. Sie sagen ja, ich kann Ihnen nicht entkommen – nun wohl –«

Im Schloß entsteht Lärm. Man hört Waffenklirren, heranstürmende Kompanie. –

Ohne ein Wort zu sagen, springen die Offiziere auf das Fenstersims. Verschwinden in der Nacht.

Das Zimmer füllt sich mit Soldaten.

Christine, die Waffe in Händen, wie eine Gestalt aus einer anderen Welt, in dem Strahlenkranz ihrer ungeheuerlichen Erregung, sagt:

»Soldaten! Der Fürst ist in größter Gefahr! Die Roten stürmen die Front! Hört Ihr den Kanonendonner? Folgt mir! Zu dieser Stunde darf nicht Einer mehr säumen! In den Kampf!«

Sie reißt alle mit.

Niemand fragt nach Vollmachten. Ihr kriegerischer Geist bannt die primitiven Menschen.

Sie sammelt, was in Urga noch an Truppen liegt. Auf Kamelen und Pferden eilen sie dem Kanonendonner entgegen.

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