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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 24
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23

Der Fürst aber nahm Christine, wie er die Frauen nahm, die ihm ihre Liebe boten. Emigrantinnen, Sängerinnen, die flüchteten, Damen hoher Gesellschaftskreise, die die Bolschewik vor sich hertrieben und die den Manu in Urga wie einen Erlöser verehrten.

Die Nacht war still. Glashart lag die Kälte über dem Land. Plötzlich wird der Fürst durch Stimmen geweckt. Christine erhebt sich rasch von dem Lager. Im Vorzimmer steht die Ordonnanz und meldet mit schlaftrunkener Stimme:

»Bote aus Peking, für die Frau Gräfin Kusmetz.«

Sie bindet ihr langes Haar schnell zu einem Knoten, lächelt dem Fürsten zu und geht, wie sie ist, im Pyjama, hinaus.

Die Augen des Fürsten folgen ihr. Sie verschwindet im dritten Zimmer, wo die Mongolenoffiziere der Leibwache liegen.

Mau vernimmt den harten Lärm aufgeschreckter Männer.

Christine geht bis zur großen Treppe. Dort wartet ein Bukhä. Ein Depeschenreiter, der Tag und Nacht geritten ist, immer die Pferde gewechselt hat, um die Botschaft nach Urga zu bringen. Er steht todmüde, von Tagesglut und nächtlicher Kälte zermürbt, verneigt sich sehr tief und übergibt der Gräfin ein versiegeltes Schreiben.

Sie nimmt es hastig an sich, befiehlt, den Bukhä zu bewirten und zu entlohnen, erbricht das Schreiben. Der Inhalt macht sie betroffen. Sekunden sinnt sie vor sich hin. Daun faltet sie das Papier vielfach und verbirgt es in dem Umschlag ihres Pyjamabeinkleides.

Lächelnd kehrt sie zurück. Der Fürst, auf einen Ellenbogen gestützt, liest im Julius Caesar. Er teilt die Vorliebe für dieses Buch mit Bonaparte.

»Privatnachrichten von meiner Familie,« sagt Christine mit ihrem bezaubernden Lächeln und stößt die kleinen Saffianschuhe von den Füßen.

Sie schläft gleich wieder ein, überwältigt von einer Müdigkeit, für die sie keine Erklärung finden kann. Unnennbare Mattigkeit hält sie umfangen.

Der Trank des Hauptmanns Däjusch. Der Führer der Leibgarde weiß, daß Verrat und Mord in hundertfacher Gestalt den Fürsten umschleichen. Er kennt zwar die Geschichte Samsons nicht. Er hat nie von Dalila gehört. Aber in seinem Lande kennt man die göttliche und dämonische Kraft der Frauen. Und die Geschichte der letzten chinesischen Kaiserin wird an allen Lagerfeuern erzählt.

Der Trank, den er Christine reichte, ehe sie das Liebeslager bestieg, enthielt ein Betäubungsmittel. Es kreist schwer und lüstern in den Adern der Frauen. Aber es lähmt ihre Arme, es macht die Gedanken müde und schlägt den hellsten Geist in Fesseln.

Der Fürst betrachtet ihre leise wiegende Brust. Er lauscht ihrem Atem nach. Ihre runden Lippen sind gewölbt wie zu einem Lied. Ihr schönes, großes Gesicht ist in ein triumphierendes Lachen getaucht.

Sehnsucht schlägt ihre Flügel über ihn. Warum liebe ich sie nicht? Warum liebe ich keine Frau? Warum ist in mir nur der Sang nach Kampf und das Weh um die Heimat? Sein Blick fällt auf ein Weißes, das über dem nackten Fuß seiner Geliebten sichtbar ist. Die Nachricht. Von ihrer Familie. Er hat erst nicht weiter nachgedacht. Ist es nicht unwahrscheinlich, daß russische Emigranten über den weiten Weg von Peking mit Urga korrespondieren?

Er greift nach der Depesche und liest:

»Hicking hat Zusagen von C. Zögert keine Stunde. Seager.«

Die Gedanken kehren wieder zu der Schlafenden zurück. Haß fällt ihn an. Schön ist sie, diese schlafende Frau – und doch Verräterin.

Wer ist Seager?

Plötzlich durchzuckt ihn Erinnerung. Sein Name fiel mehrmals, wenn englische Unterhändler Waffen anboten, Munition. Seager, einer um Deterding. Dieser: Napoleon des Goldes.

Die Finanziers Wrangels, der jetzt in der Krim den Todeskampf kämpft. Die Männer, die keinen weißrussischen General noch ohne Unterstützung ließen.

Freunde des Zaren.

Nein.

Freunde Rußlands? Und dabei Engländer? – Was hat Beaconsfield in London gesagt?

Ein großes und mächtiges Rußland, das einer Lawine gleich in der Richtung nach Persien, Afghanistan und Indien rollt, wäre die allergrößte Gefahr für das britische Reich!

Nein, es gibt keinen Engländer, der die Wiederherstellung eines großen, starken Rußlands wünschen könnte.

Sie wollen Land erwerben! Konzessionen! Der Fürst weiß: Sie haben Gold gefunden in seinem Machtbereich. Und diese Frau ist von den englischen Lords geschickt, ihn für englisches Gold zu gewinnen.

Sie schicken ihm Liebe – für Gold!

Und rund um ihn verbluten Tausende von Männern, die mit ihren Leibern Asien und Europa vor der russischen Sintflut decken.

Über die Schultern weg schaut er auf Christine.

Geht.

Die Wachen folgen ihm. Der Palast wird männerleer und liegt vereinsamt.

Am frühen Morgen erwacht Christine und findet das Lager neben sich leer. Sie dehnt sich wie eine große Katze. Dann trommelt sie die mongolischen Dienerinnen zusammen, macht Toilette.

Erst spät abends gelingt es ihr, den Fürsten zu sehen.

Er macht sich fertig, zur Front abzugehen.

»Ich werde Sie begleiten,« sagt sie einfach.

Er schaut sie durchdringend an.

»Was wollen Sie da draußen, wo es um Leben und Tod gegen die Roten geht?«

»An Ihrer Seite sein. Ich glaube fest an Ihren Sieg.«

»Ich danke Ihnen. Aber wir haben keine Verwendung für Amazonen!«

»So sprechen Sie zu Ihrer Geliebten? Haben Sie die vergangene Nacht vergessen?«

»Nächte enden mit dem Sonnenaufgang. Der Tag weiß nichts mehr von der Nacht, die ihm vorherging.«

»Sie wollen mich wie eine Frau behandeln, die weder Achtung noch Rücksicht verdient?«

»Ich behandle Sie so, wie ich jede Frau behandeln würde. Ich kenne keine Unterschiede der Art, wie Sie andeuten. Es gibt wohl Heilige unter den Frauen. Sie lieben nicht.«

Sie steht noch immer da und lauscht. Der Fürst ist schon zu Pferde gestiegen.

Adjutanten preschen vorbei.

Signale ertönen. Truppen marschieren.

Sie merkt wohl: Alles eilt an die Front.

Der Fürst reitet an der Spitze seiner Kavallerie dahin, dieser buntgewürfelten Schar: Kosaken, Abenteurer, Mongolen.

Und plötzlich überkommt sie eine schwarze Furcht. Die Sonne ist blutigrot! Sie rennt, was sie rennen kann, dem Fürsten nach. Ich sehe ihn nicht wieder, denkt sie. Er reitet in den Tod, ich fühle es. Kanonen donnern an ihr vorüber. Es ist ein Hetzen und Jagen – und nun setzt sich alles in Trab, sie muß beiseite springen, um nicht überritten zu werden, und der Fürst verschwindet in Wolken von Staub.

Sie friert bis ins Mark.

Unsagbare Traurigkeit sinkt auf sie herab. Sie verflucht ihre Mission, sich selbst, ihr Leben.

Da tritt ein mongolischer Bote heran. Überreicht ihr eia Papier, in Lammfell gewickelt.

Sie liest:

»Ich befinde mich in der Jurte des Fürsten Taschtogun in Sicherheit. Großes bereitet sich vor. Kommen Sie sofort. Colombi!«

Der Bote wartet. Christine begreift: Verrat! Der Fürst ist gestellt! Heute wird das Wild zur Strecke gebracht! Colombi hält von neuem die Fäden in seiner Hand.

Sie besinnt sich nicht. Sie denkt nur an den Mann, für den sie sich opfern will. Den sie liebt, allem zum Trotz, was einst gewesen ist.

Sie steigt in den Sattel und folgt dem Boten.

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