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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 23
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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22

Lärm!

Cesare stürzt zur Tür. Prallt zurück.

»Der Fürst!«

»Was bedeutet das?« stammelt Christine.

»Den Tod,« antwortet Colombi.

Christine, schnell gefaßt, flüstert: »Halten Sie sich bei mir! Ich rette Sie!«

Sporenklirren. Der Fürst, umgeben von seinen Offizieren, tritt ein.

Christine verneigt sich tief.

Er beachtet sie kaum. Sagt fast unhörbar: »Madame! Vergebung für meinen Eintritt – so spät!«

Seine Augen, blaugrau unter vorspringenden Brauen, mustern den General. –

»Ich stehe vor Ihnen ohne meine Abzeichen, als Ihr erster Staatsminister,« sagt Colombi.

Der Fürst lächelt undurchdringlich. »Ich danke Ihnen, General. Sie überheben mich der Notwendigkeit, Ihnen Ihre Orden abreißen zu müssen.«

»Habe ich recht verstanden?« Colombi spielt va banque.

Sein Gesicht ist unbeweglich.

»Vollkommen!«

»Der erste Minister darf durch den Willen des Fürsten allein nicht seiner Stellung beraubt werden.«

»Aber seines Kopfes. Darüber entscheide ich.«

Colombi schweigt. Eine fahle Blässe fliegt über sein Gesicht.

»Sie werden draußen erwartet, General. Meine Offiziere wollen sich mit Ihnen beschäftigen.«

»Wollen Sie mir keine Gnadenfrist geben?«

Steil aufgerichtet steht Christine plötzlich vor dem Diktator.

»Fürst, Ihre Macht ausnützen, hieße in diesem Falle das Recht, das Sie repräsentieren, mit Füßen treten!«

»Sie irren, Madame! In dem Augenblick, wo Macht wirklich Macht ist, wird sie Recht.« Sein Blick streift den fassungslosen Kanzler. »Mißerfolg ist unter allen Verbrechen das schwerste.«

Die Augen Christines brennen auf.

»Das sagen Sie? Sie sollen ein Träumer sein, sagt die Legende. Sie wollen das tausendjährige Reich gründen?«

»Was wissen Sie von mir?« Sein Blick ruht stahlhart auf ihrem Gesicht. »Wer sind Sie? Im Lager heißt es eine Spionin des Sowjet!«

Christine zieht die Brauen hoch und lacht. Ihre vollen Lippen blühen.

»Sie sind sicher ermüdet vom langen Ritt, Fürst!« Sie wendet sich an Colombi: »Wollen Sie nicht Ihrer Pflicht als Hausherr nachkommen, Colombi? Bedienen Sie Ihren Fürsten!«

Ihre Augen locken den Mann, der sich eben noch als Eroberer fühlte, und dem jetzt Schweißperlen auf der Stirne stehen, aus dem Zimmer.

Colombi fühlt: die Frau spielt um sein Leben. Eine letzte Chance. Der Fürst sieht ihm mit halbgeschlossenen Augen nach. Der Bann der Frau hindert ihn, den Ehrlosen sofort dem Peleton preiszugeben, das bereits im Morgengrauen mit geladenen Gewehren wartet.

»Er war lange ein tapferer Kamerad,« sagt der Fürst sinnend. »Unbegreiflich, sein Abfall.«

»Bemitleiden Sie ihn?« erwidert Christine, mit einer Frucht spielend. »Mitleid ist Furcht vor dem eigenen Schicksal.«

»Ich kenne kein Mitleid mit den Feinden.« Und plötzlich: »Sind Sie ehrgeizig, Madame?«

»In der Liebe, ja. Ich kann nur mehr verachten oder anbeten. Dazwischen gähnt das Nichts.«

Der Fürst ist in einen Sessel gesunken. Sein Blick, in dem vergossenes Blut sich spiegelt, lastet schwermütig auf ihr.

»Frauen wie Sie bringt nur eine Zeit wie diese hervor.«

»Sie unterschätzen mich also nicht?«

Sein Gesicht ist in Not und Sehnsucht getaucht. »Haben Sie auch in Deutschland gelebt, Madame?«

»Ja. Ich kenne auch Ihr Geheimnis, Fürst: Sie sind ein Deutscher!«

In diesem Augenblick tritt Colombi ein, beladen mit Sektflaschen aus Frankreich. Er öffnet und schenkt mit leicht bebenden Händen ein. Der Fürst, von erschütternden Gedanken befangen, die die Demaskierung durch diese Fran hervorgerufen hat, schüttet den Wein hinab.

Er betrachtet Christine. Trunken ist er von dem Rausch dieser Nacht: Macht, Blut, Verrat und Sekt. Er bemerkt nicht, daß Colombi ihm den Dolch von rückwärts aus dem Wehrgehänge zieht. Christine fährt blitzschnell auf, ihre helle Hand jagt warnend vor.

Doch der Fürst fühlt die Gefahr, dreht sich blitzschnell um:

»Nur von vorne, Colombi.«

Im nächsten Moment schlägt ihn seine Faust zu Boden. Stöhnen, Ächzen lassen die Türe auffliegen. Die Offiziere stürzen herein.

»Meuchelmörder,« sagt Christine bleich, mit verzogenem Mund zu dem auf der Erde kauernden Colombi.

Er ist schon gebunden, hochgerissen.

»Gnade!« stammelt er heiser. Eine Mongolenfaust schlägt ihm ins Genick. Lachen der Kondottieri ringsum. Aus seinem Mund rinnt Blut.

»Den Strick,« sagt General Russkow. »Die Kugel ist das Schwein nicht wert!«

Gestern noch war Colombi Russkows gefürchteter Befehlshaber.

»Schändliches Geschick, durch die Hand dieses Feiglings zu sterben,« sagt der Fürst. Christines Atem streift über sein Gesicht, so nahe ist sie ihm. Ihre Augen sind verwandelt. Wie geblendet. Ausgefüllt mit der Persönlichkeit dieses unbegreiflichen, starken Menschen.

»Sie sind gefeit gegen den Tod,« sagt sie, Lust hauchend, ganz Duft der Liebe, Hingabe um den Körper.

»Dieser Gehenkte wird mich unglücklich machen,« fährt sie fort, sich schüttelnd, während die Offiziere den ehemaligen Günstling hinausschleifen.

Der Fürst, seine stolze Größe über sie neigend, lächelt.

»Lieben Sie ihn?«

»Ich verachte ihn. Das ist mehr als Haß. Aber sein Tod wird Legenden brüten. Man soll nicht sagen, Colombi sei gehängt worden, damit ich Ihre Geliebte werden konnte. Das verzerrte Haupt dieses Narren wird die Grimasse des Märtyrers annehmen.«

Der Fürst ist plötzlich trunken von dieser Frau. Sein Herz ist leer von ihr. Aber seine Sinne gehorchen ihrem dämonischen Willen.

Er spiegelt sich in ihren Augen.

»Sie träumen,« sagte er, die Umstehenden vergessend.

»Von der Liebe –« Leise und lockend sagte sie es.

»Ein Traum ohne Sinn.«

»Den Sinn legen wir Frauen in die Liebe. Sie ist, wie wir sie sehen. Wären Sie für mich der Sieghafte, wenn ich Sie nicht in Ihrer unbändigen Kraft empfände? Sie könnten alle Soldaten aufbieten, und mich doch nicht zwingen, Sie als Fürst zu fühlen.«

Die Offiziere, Colombi zwischen sich, warten ungeduldig auf Befehl. Der Fürst blickt auf seine Paladine. Will den Befehl geben, Colombi zu hängen.

Christine legt die Hand auf den Arm des Verräters:

»Es ist Ihr letztes Amt, dem Fürsten noch zu dienen! Machen Sie den Kellner!«

Sie drückt ihm die Flasche in die Hand. Unter dem schallenden Gelächter der Offiziere wird Colombi freigegeben.

Er rennt, von Christines hingeworfenem Befehl gelenkt, schenkt ein. Der Fürst hat die Generale eingeladen, Christine präsidiert die Tafelrunde.

Das ist ein Festmorgen nach dem Sinn dieser Landsknechte.

Ein Todgeweihter, der, mit blassem Gesicht Wein schenkend, hin und her rennt: ein Würdenträger, vor Stunden noch allmächtig neben dem Fürsten, den man jetzt mit Fußtritten traktiert, dessen Eile man mit der Reitpeitsche nachhilft.

»Ich hatte nie einen Ratgeber, der so klug war wie Sie,« sagt der Fürst, sein Glas hebend.

Er durchschaut mich, denkt Christine, schaudernd und doch von einem Rausch durchglüht, der nie gefühlte Lust ist.

»Halten Sie es für Zufall,« antwortet sie, »daß die größten Könige sich von Frauen regieren ließen?«

»Nein! Die Quelle aller Größe ist Rausch! –

Meine Herren, leeren wir dieses Glas auf die schönste und klügste Frau am Rande der Mongolei!«

Die Krüge klirren. Lachen und trunkene Augen ...

»Sie vergaßen zu sagen: auch der erfolgreichsten Frau,« sagt Christine, ihre Augen in die des Fürsten senkend.

»Der Siegerin dieser Nacht,« erwidert der Fürst, von neuem das Glas hebend, das Colombi frisch gefüllt reicht.

Die Stimmung wird erregt. Niemand achtet mehr auf Colombi.

Nur einer: Der Fürst.

Neigt sich zu Christine, in den Augen Leuchten der Spannung.

»Nun stellen Sie Ihre Bedingungen!«

»Bedingung? Ich verstehe nicht –«

»Den Kopf Colombis!«

Sie faßt sich schnell.

»Ich fürchte, er hat nie einen Kopf besessen!«

Der Fürst lacht wie ein Knabe.

»In fünf Minuten wird er einem meiner Offiziere den Revolver entreißen, um sich schießen und zu fliehen suchen!«

»So schenken Sie ihm das Leben,« sagt Christine rasch und läßt die Maske fallen. »Ihr Triumph über ihn ist größer. Größer durch mich. Verurteilen Sie ihn zu lebenslänglicher Lächerlichkeit!«

Der Fürst springt auf. Sofort sind die Generale nüchtern.

»Ich begnadige Colombi,« sagt er, die Augen fest auf jeden Einzelnen heftend, Widerspruch erstickend. »Man jage ihn mit Peitschenhieben in die Wüste.«

Tumult reißt Cesare Colombi aus seinen schon gefaßten Plänen. Er sieht sich draußen. Hageldicht sausen die Reitpeitschen auf ihn nieder. Wenn der Fürst begnadigt – die Generale begnadigen nicht!

Colombi beißt die Zähne zusammen und rennt. Rennt um sein Leben. Die Offiziere suchen nach ihren Pferden. Es gibt eine Hatz. Die Wüste wird Colombi lebend nicht erreichen.

Doch da steht Christine und ruft die Generale zurück.

»Ist dies Ihr Ressort, meine Herren? Wir wollen den Sieg des Fürsten feiern!«

Die Offiziere ziehen die Füße aus den Bügeln. Kehren zögernd um.

Colombi rennt um sein Leben. –

Der Wein siegt! Wer weiß, wer morgen abend noch lebt! Man feiert die Feste, wie sie fallen! –

Der Tag sieht eine Orgie. Aber der Fürst und Christine haben sich längst zurückgezogen.

*

Sie wurde die Geliebte des Höchstkommandierenden. Gab sich mit nie empfundener Seligkeit.

Sie lacht über sich bei dem Gedanken an Liebe. Aber sie kann keinen Tag mehr verbringen, ohne ihn zu sehen.

Colombi hat sie vergessen.

Als sei er nie gewesen. Michael ist ein ferner Klang von fernen Sternen her. Fred Seager ist ein Schatten irgendwo.

Nur dieser Mann lebt, der sich keinen Namen geben läßt.

Sie wird ihn für England gewinnen.

Sie wird ihn für sich gewinnen.

Denn sie liebt ihn. – –

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