Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Heymann >

Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 21
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
Schließen

Navigation:

20

Christine kam unter dem Schutz Fred Seagers in Paris an.

Der Londoner Staatsanwalt hatte einen Haftbefehl gegen sie erlassen.

»Ich werde alles in Ordnung bringen,« sagte Fred. »Es wird sich aufklären. Nur keinen Skandal. Man würde mich mit hineinziehen! Du mußt fort!«

Um diese Zeit langte die Nachricht des Geologen an, den Deterding nach Urga gesandt hatte.

Es gab Gold. Viel Gold. Aber der Fürst von Urga weigerte sich, mit einem Engländer über Landerwerbung oder irgend welche Konzessionen zu verhandeln.

»Ehe ich einen Engländer in mein Land lasse, übergebe ich es den Bolschewiki,« hatte der Fürst erklärt.

Deterding kam nach Paris. Der Abenteurer Hicking hatte eine wilde Sache an der Börse entfesselt. Deterdings und Seagers Namen wurden in die Affaire verwickelt. Deterding hatte erfahren, daß es Hicking gelungen war, mit dem Vertrauten und »Kanzler« des Fürsten von Urga geheimnisvolle Verbindungen anzuknüpfen.

»Hicking hat Beziehungen zu den Bolschewiki,« sagte Deterding. »Ohne Frage treibt dieser Kanzler ein doppeltes Spiel. Wie dem auch sei, Hicking darf nicht die Finger in diese Angelegenheit stecken. Es ist sicher ein Milliardenobjekt. England ist in größtem Maße daran interessiert. Aber wir müssen der Regierung vorarbeiten. Jetzt kann die Situation nur ein Unterhändler retten, der den Fürsten umstimmt und für unsere Interessen gewinnt.«

»Dieser Unterhändler ist da,« sagt Christine. »Ich reise nach Urga. Ich werde den Fürsten für England gewinnen. Ich werde dort an der Grenze der Mongolei der europäischen Zivilisation den letzten Kämpfer sichern und ihm klar machen, daß nur England ihm gegen die Bolschewiki helfen – daß nur er England vor den Bolschewiki retten kann.«

Deterding schweigt.

Seager widerspricht heftig. Aber wie die Dinge liegen, kann er seinen Widerspruch nicht lange aufrecht erhalten. Christines Zuneigung zu Seager ist nur Dankbarkeit gewesen.

Seine Liebe zu der Frau, die doch nicht die Tote ist und es nie sein wird, ist so gut wie erloschen.

Und er ist nicht nur der Liebhaber dieser Frau. Er ist in erster Linie Geschäftsmann. Er weiß, daß Maria Popescu die Kraft hat, jeden Mann für sich zu gewinnen. Der phantastische Plan findet schließlich auch seine Billigung.

Deterding küßt Christine begeistert die Hand. Seager nimmt in einem kleinen Restaurant letzten Abschied von ihr.

Dann entführt sie der Zug. Sie hat einen weiten Weg vor sich.

Nach vielen Strapazen langt sie an der Grenze der Mongolei und Rußlands an. Mit einer Karawane kommt sie nach Urga. Läßt sich ohne weiteres bei dem Kanzler melden.

Und steht Cesare Colombi gegenüber.

Christine erkennt Colombi auf den ersten Blick. Er aber starrt sie lächelnd an, mit dem ewigen Casanovagesicht, denn ihm schießt nur der Gedanke durch den Kopf:

Ein europäisches Weib! Endlich – nach all den Mongolinnen!

Und was für ein Weib!

Er erkennt sie ebensowenig, wie Michael begriffen hat, wer sie war.

Zum ersten Mal verläßt Christine die Überlegenheit. Sie ist so verwirrt über dies Zusammentreffen, daß sie sagt:

»Wie ist das nur möglich? Hier finde ich Sie, Hauptmann Odojewskij?«

Niemand kennt ihn hier als Hauptmann Odojewskij. Übrigens war er Oberst, und jetzt ist er General. Die Frau muß ihn aus einer der unsaubersten Zeitläufte her kennen. Er kneift ein Auge zu. Sofort verdunkelt Mißtrauen, versteckter Haß, Gegenwärtigkeit seinen Blick.

»Sie kennen mich? Ich bin nicht Hauptmann Odojewskij!«

»Ach,« lächelt Christine. »Ich weiß. In dieser Zeit wechselt man Namen wie Wäsche. Man wechselt ja auch nach Bedarf die eigene Persönlichkeit!«

Colombi wird es unheimlich. Er dreht ihr Beglaubigungsschreiben zwischen den Fingern.

»Wer sind Sie?«

»Ich war einmal Gräfin Kusmetz,« antwortet sie und wird plötzlich ernst und traurig.

Er reißt die Augen weit auf und tritt zurück wie vor einem Gespenst. Aber in Sekundenschnelle begreift er, daß sie nichts von seinem Verrat weiß. Daß sie nicht gekommen ist, Rache zu nehmen. Er sucht in ihren Zügen und findet mühsam das alte Bild. So, wie man ein Meisterwerk unter der Überspiegelung von Stümpern entdecken mag, so sieht er Christine endlich unter der Tünche von Lüge und Frivolität.

Das also ist aus Christine geworden! Noch reizvoller ist sie, noch begehrenswerter, aber nicht mehr Christine. Eine königliche Frau ist sie geworden, aber nur fliehende Schatten sind noch zu sehen von der einstigen Gräfin Christine.

Seine Freude ist echt.

Er überschüttet sie mit tausend Fragen, das Erlebnis, das er selbst verschuldet hat, umgehend. Sie fängt aber gerade davon an:

»Ich habe Folterqualen Ihretwegen erdulden müssen,« erzählt sie. »Wo ist Colombi? Kennen Sie Colombi? Man hielt mir immer wieder die eine Frage vor, und ich habe doch damals gar nicht gewußt, daß Sie sich Colombi nannten.«

»Und Michael?« fragt Cesare hastig.

»Michael ist tot,« erwidert Christine, sinkt in einen Sessel und bricht in Tränen aus. Durch die verschleierten Augen sieht sie plötzlich wieder die jüngste Vergangenheit, und da erscheint ihr ihr abenteuerliches Leben plötzlich unerträglich und gottlos. Doch das geht vorüber.

»Vielleicht lebt Michael noch?« meint Cesare aushorchend.

»Nein. Ich weiß, daß er tot ist.«

»Sie haben Beweise?«

»Er starb in meinen Armen!«

»Ah! Er war Bolschewist!«

»Das Unbegreifliche ist geschehen. Ich konnte nie von ihm erfahren, welche Zusammenhänge ihn dazu getrieben haben!«

Sie weiß nichts, denkt Cesare. Michael hat nichts erzählt – oder täuscht sie mich?

Nein, sie täuschte ihn nicht. Durch vorsichtiges Fragen erfuhr er alles. Christine war trotz des Inferno, das sie erlebt, trotz ihrer Wandlung eine Frau. Sie war einsam, verlassen, verfolgt und befand sich in einem Abenteuer, das sie noch einsamer machte.

Ein leises Glücksgefühl durchzuckte sie, seit sie dem Manne begegnet war, der sie irgendwie mit ihren Mädchenjahren verband. Sie hatte ihn nie gehaßt, trotz seiner sonderbaren Annäherungsversuche. Sie hat gelernt, daß man die Männer in dieser Hinsicht nachsichtig beurteilen muß.

Sie hat an Michael gelernt.

Nun lag ihre Hand in einer vertrauten Hand, und sie durfte hoffen, an Cesare einen Bundesgenossen zu finden.

Sie sagte ihm, sie sei jetzt Journalistin für »New York Herald«. Sie komme, den legendenhaften Fürsten von Urga zu sehen.

»Er ist gar nicht legendenhaft,« lacht Cesare.

Sie zieht sich zurück. Man hat ihr ein Gemach im Palast des Fürsten angewiesen, und nachmittags erwartet er sie.

Sie sieht sich einem dreißigjährigen Manne gegenüber, trotzig, mit gegerbtem Gesicht und mädchenhaften Augen, schlank und gewalttätig, mit einem verträumten Mund, der zornig geschlossen ist. Sein Gesicht ist wie eine Landschaft vor dem Gewitter.

Fürst von Urga nennen die Russen den seltsamen Abenteurer. Unter diesem Titel bespeien die Bolschewiki in ihrem Haß seinen Namen. Niemand weiß, woher er kam, welche Mutter ihn gebar. Er ist wie der Erzengel oder der Antichrist. Er ist unverwundbar, grausam gegen Feinde, hingebend gegen die Freunde, ernst, ein Führer, jung, tapfer, stolz, und spricht alle Sprachen, die hier an der Grenze der zivilisierten Welt gesprochen werden, so geläufig, daß man seine Nationalität nicht erraten kann.

Niemand kennt seine Geschichte. Die Legende hat sich seiner bemächtigt und drang bis nach Europa.

»Der große Chan« nennen ihn die Mongolen, die scharenweise unter seine Fahnen laufen.

Gefürchtet ist er wie ein blutdürstiger Tiger im dunklen Dschungel.

Eine jagende Flamme ist dieser Fürst, dreißigjährig, ein Jüngling im Kampf, ein Mann unter den Seinen, ein Einsamer, den immer wieder Heimatsehnsucht anfällt wie Fieber. Niemand kennt seinen wahren Namen.

Nur daß ihn das Schicksal mit Tausenden der Blutsgenossen bis an die Grenze Asiens geführt hat, Landsknecht, Halbgott und Herr, das wissen alle.

Er spricht sie russisch an. Die Unterhaltung wird durch sie geführt. Sie trägt ein Pariser Modellkleid und läßt die zierlichen Füße sehen, die schlanken Knöchel.

Sie ist verführerisch und verheißend, denn sie ist wieder ganz die Dame ihrer Mission.

Der Fürst folgt mit den Augen aufmerksam ihren Bewegungen. Sie glaubt, ihn gefangen zu haben und lenkt das Gespräch bald auf seine Politik.

Berichtet, daß Europa voll Bewunderung auf dieses kleine Reich sieht, das allen Stürmen des Bolschewismus standgehalten hat. »England erwartet von Ihnen die Rettung Asiens vor dem Bolschewismus. Denn wenn die Bolschewiki die Pforte Asiens erreichen, wird sich das rote Gift unaufhaltsam bis nach Indien ergießen.«

»Das dürfte richtig sein,« erwidert der Fürst mit einem ironischen Lächeln. »Aber ich betrachte mich nicht als den Gralshüter Englands. Das Schicksal hat mich auf diesen Posten gestellt. Ich fülle ihn aus. Ich hasse, ich verabscheue die Bolschewiki. Ich werde sie hier aufhalten. Ich werde kämpfen, bis ich untergehe oder bis Hilfe kommt!«

»Diese Hilfe wird Ihnen geboten!« wirft Christine, die Gelegenheit erfassend, schnell dazwischen.

»Ah! Von wem?«

»Von England! England bietet Ihnen Kanonen, Gewehre, Söldner, wenn Sie solche brauchen. Ich bin sicher, England würde Sie sogar als Fürsten von Urga anerkennen, und dann würden alle Staaten der Erde folgen.«

Er steht auf.

»Sie sind eine englische Agentin?«

»Nein, Fürst! Ich bin eine Frau, die die Augen offen hält, die sieht, was hier vorgeht, die Sie bewundert und die die offensichtlichen politischen Zusammenhänge benützen möchte, um Ihnen zu helfen!«

»Wenn dem wirklich so ist, bitte ich Sie, alle diese Gedankengänge für sich zu behalten. Ich habe nicht den Ehrgeiz, mich von einer klugen Frau retten zu lassen. Sie sind auch zu schön für eine politische Rolle. Das wird Ihnen sicher auch mein Kanzler sagen. Im übrigen steht Ihnen für Ihre Reportage alles, was Sie hier sehen, mein Reich, meine Soldaten, meine Ideen sogar, zur Verfügung. Wenden Sie sich an Colombi. Ich hoffe, Sie werden sich als mein Gast wohlfühlen. Mich bitte ich zu entschuldigen, denn ich bin Soldat!«

Er grüßt sie, Hand an der mongolischen Mütze, und geht mit schnellen leichten Schritten.

Narr, denkt sie. Tor, Abenteurer!

Dreht ihr Spitzentaschentuch wütend zwischen den Fingern und schaut noch immer auf den Vorhang, der sich leise bewegt.

Ein tibetanischer Diener sagt auf russisch:

»Der Kanzler erwartet Sie.«

Sie atmet auf und tritt erfreut bei Colombi ein.

»Was hat er gesagt?« forscht der Kanzler lachend.

Sie berichtet. Er zuckt die Achseln.

»Habe ich nicht recht? Er ist keine Figur für eine Legende.«

»Doch,« erwidert sie nachdenklich. »Vielleicht gerade wegen seiner Haltung. Über ihm fühlt man das Schlagen von dunklen Schicksalsflügeln.«

»Sie sind romantisch, Gräfin.«

»Nein. Ich fühle das. Er wird untergehen.«

»Er vielleicht. Wir nicht.«

»Wir? Wer ist das?«

»Ich. Das Militär. Das Reich.«

»Sie konspirieren gegen ihn?«

Sie hält die Teetaste in Händen und schaut ihm voll ins Gesicht.

Er betrachtet sie lange.

»In London sitzt ein Mann,« sagt er endlich, »der ein großes Interesse an uns nimmt.«

»Deterding?« fragt sie staunend.

»Nein.«

»Fred Seager?«

»Nein. John Hicking.«

»John Hicking – so! Ein Börsenspekulant.«

»Mag sein. Er verspricht Waffen, Munition. Der Fürst wehrt sich gegen englischen Einfluß. Er ist ein Deutscher!«

»Er ist ein Deutscher?«

»Ja. Er träumt von heldenhaftem Untergang. Nibelungenträume. Mir schweben realisierbare Ideen vor.«

»Und ich freue mich, Colombi, daß Sie solche Ideen haben. Ich bin Ihre Bundesgenossin – bis auf den Namen Hicking.«

Er faßt ihre Hand.

»Meine Bundesgenossin? Schwören Sie! Bei dem Andenken an Michael!«

»Bei dem, was mir noch heilig ist, Colombi – bei Rußland!«

»Gut! Welchen Namen setzen Sie für Hicking?«

»Seager; Deterding!«

»Das hieße England! Churchill! Die Lords!«

»Ja, Colombi. Das heißen diese Namen.«

Er schweigt.

Dann: »Wir sprechen noch darüber, Gräfin. Ein guter Stern hat Sie mir zugeführt. Ich habe Glück im Leben. Ich muß auch Glück bei Ihnen haben.«

Er zeigt seine großen, weißen Zähne.

Sie schüttelt den Kopf.

»Ich bin keine Beute, Colombi.«

»Aber wert eines Sieges.«

Sie läßt ihm ihre Hand. Sie ist allein verfemt, eine Schauspielerin in einem wilden Drama. Vielleicht denkt sie, gehört es zum Spiel, daß ich mir seine Liebe gefallen lasse.

Vielleicht spiele ich gar nicht. Vielleicht bin ich immer so gewesen, und meine beste Rolle war Christine.

Sie schließt müde die Augen und fühlt, ohne sich zu regen, seine Lippen auf ihrer Hand.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.