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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 20
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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19

Immer enger schließt sich der Ring der Feinde um Irkutsk.

In dieser schreckensvollen Zeit sieht sich Koltschak vergeblich nach Hilfe der Alliierten um. Die Waffenlieferanten in England und Frankreich wollen Erfolge. Die Franzosen verlieren die Lust an diesem Abenteuer, nachdem sie einmal eingesehen haben, daß es ihnen die verlorenen Anleihen nicht zurückbringen kann.

Sind noch die Tschechen da. –

Die Tschechen, die scheinbar unter dem Oberbefehl des Generals Jeannin stehen, die aber in Wirklichkeit ein Mann kommandiert, dessen böser Ratgeber sein neuer Adjutant, Oberst Cesare Colombi, ist.

Dieser Befehlshaber heißt Gajda.

Ein Mann, auf den alle Legionäre voll Vertrauen und Stolz blicken. Einer, der als Soldat den Marschallstab im Tornister trug – denn Gajda war einfacher Soldat. Heute ist der ehemalige Rudolf Geidel aus Mähren Generalleutnant.

Noch im Frühjahr waren die tschechischen Legionen unter Gajda westlich von Ufa gestanden. Gajda hatte Siege erfochten, er galt unter seinen Leuten für unüberwindlich. Er ist der ausersehene Führer, der sie einst in die Heimat zurückführen wird.

Längst brennt den tschechischen Soldaten die Sehnsucht nach der ach so fernen Heimat im Herzen. Noch aber heißt es aushalten, heißt es Koltschak, dem »Obersten Regenten« den endgültigen Sieg erkämpfen. Gajda hat geschworen. Gajda wird nicht weichen.

Aber da überhetzten sich die törichtesten Befehle der Regierung Koltschaks. Koltschak ordnet die Mobilisierung Sibiriens an, aber die Mobilisierung bringt keine neuen Soldaten. Wer fliehen kann, flieht, und lieber treten die Bauern den plündernden Partisanen bei, ehe sie sich in Koltschaks Armee pressen lassen.

Gajdas Regimenter schmelzen zusammen. Mit rücksichtsloser Faust greift er durch. Stellt Rekruten ein, die durch eiserne Strenge in den Verbänden gehalten werden. Aber das genügt nicht. Die Verpflegung bleibt aus. Die Bauern liefern kein Getreide. Die Ausrüstung ist mangelhaft. Es fehlt an Kanonen, es fehlt an Munition.

Gajda muß zurück. Er findet einen Tunnel verschüttet. Koltschak, den Abfall der Tschechen befürchtend, hat ihn sprengen lassen. Ingenieure werden herbeigeholt.

»Den Tunnel instand setzen? Nicht unter vier Wochen!«

»Ich gebe vier Tage!«

»Unmöglich!«

Gajda läßt alle Bewohner der umliegenden Ortschaften zusammentreiben. Mit dem Revolver in der Hand beaufsichtigt er die Arbeiter und Ingenieure.

»Unmöglich! Unmöglich!« sagt am ersten Tag einer der Ingenieure. »Das mache ich nicht mit!«

Ein Schuß! Aus! Weg!

Vier Leute ergreifen die Spitzhacke und werfen sich auf den Quälgeist.

Vier Schüsse!

Weg, eingraben!

Vier Tage später ist der Weg durch den Tunnel frei!

Dieser Gajda hat zwanzig Adjutanten. Eine bunte Leibgarde von Kosaken und Tscherkessen umgibt ihn.

Sein besonderes Vertrauen aber hat Cesare Colombi.

Cesare Colombi kennt Rußland. Er hat bei Petljura gefochten. Er hat unter Denikin gekämpft. Er kennt auch den Ataman Semenow, der den Oberbefehl über die innere Front des Koltschakreiches übernommen hat.

Cesare Colombi stellt seinem Kommandanten alle Mängel dieses Reiches vor. Schildert ihm täglich den wahnwitzigen Größenwahn Koltschaks.

»Er will nichts weiter, als das alte Regiment wieder aufrichten. Er will die Großgrundbesitzer zurückführen. Er weiß nichts davon, daß eine neue Zeit angebrochen ist!«

Es kommt Cesare Colombi der Umstand zu Hilfe, daß er diesmal die Wahrheit spricht. Er kann sich auf die Worte des Justizministers Georg Gins berufen, der Koltschak vollkommen ergeben ist. Was hat Koltschaks Justizminister gesagt, als die Regierung noch in Omsk saß?

»Diese Regierung,« hat er gesagt, »nahm einen grausamen Charakter an und durchdrang sich von oben bis unten mit dem Geist der Blindheit und des Widerspruchs. Militärattrappen, eigenmächtige Atamane, unzählige Befehlshaber, unfähige Verwaltungsbeamte, eine Miliz aus früheren Zarengendarmen – all das muß zur Entartung der Macht in Omsk fuhren. Prügelexpeditionen und Erpressungen lassen zwischen Bevölkerung und Regierung eine tiefe Kluft entstehen. Koltschaks Name wird in einem Atem mit den Tyrannen genannt!«

Unter diesen Umständen fällt es Cesare nicht schwer, Gajda zum Abfall zu bewegen. Auch General Pepelajew, der die Nordarmee führt, schließt sich Gajda an.

Sie verlangen: Einführung einer demokratischen Regierungsform. Absetzung aller reaktionären Minister und Generale. Säuberung des Stabes von Dieben und Weiberknechten. Schließlich Absetzung Koltschaks als Oberbefehlshaber.

Das war Rebellion. Koltschak war nicht der Mann, die Antwort schuldig zu bleiben. In einem Armeebefehl nennt er Gajda einen Verräter und Bolschewik.

Die tschechische Legion schäumt. Sie sind keine Bolschewiki, die Tschechen, die da Monat um Monat im Feuer gestanden haben für eine verlorene Sache. Aber sie haben etwas vom Geiste dieser Bolschewiki erfaßt, und in ihren Herzen brennt der revolutionäre Funke.

Gajda verläßt mit seinem Stab die Armee Koltschaks und zieht sich nach Wladiwostok zurück. –

Dort am Bahnhof steht seit Wochen ein Panzerzug. In diesem Panzerzug haust Gajda, umgeben von unzufriedenen Offizieren seiner Legionen, von Russen, Alliierten, Polen, Emigranten, Bolschewiki.

Cesare ist sein Ratgeber.

Niemand hat den Verräter bisher erkannt. Niemand ahnt, daß er für die Bolschewisten arbeitet, daß er an einer Front steht, die ihn jede Stunde an den Galgen bringen kann. Hier kämpft Cesare Colombi gegen Koltschak.

Koltschak enthebt Gajda seines Ranges als General. Nimmt ihm alle Orden. Streicht ihn aus der Liste der russischen Offiziere.

Gajda lacht. Dann geht er zu General Jeannin, dem französischen Militärbevollmächtigten, und verlangt eine Untersuchung.

Die Armee billigt dieses Verlangen.

Gajda geht weiter. Er sendet Koltschak eine Forderung zum Zweikampf. Der Mann, der als Drogist seine Laufbahn begonnen hat, fordert den ehemaligen Admiral des Zaren, den vergötterten Polarforscher.

Koltschak gibt keine Antwort.

»Wir müssen zum Angriff übergehen,« sagt Cesare Colombi.

Aber ehe Gajda mit seiner Verschwörung gegen Koltschak noch über die ersten Anfänge hinaus ist, handelt der Oberbefehlshaber.

Er sendet den Kommandanten des Küstengebietes, General Rozanow, zu den Vertretern der Alliierten und läßt ihnen anzeigen, daß er Gajda verhaften werde.

Ein Panzerzug rollt in Wladiwostok ein, von Truppen und Generalen besetzt. Semenow selbst und der Ataman Kalmükow sind gekommen, den Befehl des Oberbefehlshabers mit Gewalt durchzuführen. In der Flanke ihres Zuges erscheint ein zweiter, ein dritter. Plötzlich fahren Dutzende von Panzerzügen in Wladiwostok ein.

Gajda scheint verloren.

Aber die Alliierten schützen den Befehlshaber der tschechischen Legion. Sie ziehen Truppen zusammen. –

Die Vertrauten Koltschaks zaudern. Der Oberbefehlshaber, von Omsk nach Irkutsk flüchtend, dicht vor dem militärischen Zusammenbruch, widerruft die Verhaftung. Läßt Gajda bitten, ihm zu Hilfe zu kommen.

»Nein,« antwortet Gajda, und schlägt gegen Koltschak los.

Er will in Sibirien eine neue Regierung aufrichten. Spielt mit dem Gedanken, Präsident zu werden. Empfängt Abordnungen der Bolschewiki durch Vermittlung seines getreuen Adjutanten Colombi.

Die Bolschewiki sichern ihm wohlwollende Neutralität zu, wenn Koltschak stürzt. Colombi weiß: Er wird Koltschak stürzen und dann in sein Verderben rennen.

Aber der Putsch mißlingt. Gajda fährt mit seinen Leuten auf einem Kutter durch die Novikbucht und will am Ankerplatz der russischen Freiwilligen-Flotte landen, um durch einen Handstreich Koltschaks letzten Stützpunkt zu nehmen. Aber der Kutter läuft auf eine Sandbank. Ein russisches Wachtschiff gibt Feuer.

Gajda mit seinen Adjutanten entkommt noch Wladiwostok.

Die Truppen Koltschaks besetzen nun die Stadt. Kanonen rasseln. Kavallerie prescht durch die Straßen.

Gajda hat sich in seinem Panzerzug verschanzt. Er bildet dort unter dem Schutz seiner Truppe eine neue Regierung, läßt sich zum Oberkommandanten aller sibirischen Streitkräfte ausrufen.

Die weißgrüne Flagge mit rotem Diagonalkreuz weht auf dem Zuge. Truppen werden geworben: Es kommen Hafenarbeiter, Deserteure, in der Hauptsache Bolschewiki.

Cesare Colombi wirbt sie, vereidigt sie.

Agitatoren mit Proklamationen rasen auf Autos durch die Stadt. Ein neuer Umsturz mit Blut und Schrecken steht bevor.

Da steht Japan auf und verbietet den Putsch. Truppen landen. Aber schon sind die Matrosen des »Petschenga« und »Botagir« zu Gajda übergetreten. Es kommt zum Kampf. Auf beiden Seiten wird erbittert gefochten. Schon decken achthundert Leichen die Straßen Wladiwostoks. Da marschieren die Soldaten des japanischen Generals Doi heran.

Die Amerikaner sperren mit Panzerwagen die Straßenzüge. Die Kämpfenden werden getrennt, die Japaner greifen die Anhänger Gajdas an. –

Alles verloren. Gajda flieht auf ein japanisches Kriegsschiff. Die »Altrussische Regierung« hat gesiegt. –

Cesare Colombi ist verschwunden, als hätte ihn die Erde verschluckt.

In Nacht und Nebel ritt er los.

Er hat von Gajda geheime Vollmachten. Er sollte den »Fürsten von Urga« bewegen, sich mit ihm zu verbünden, Koltschak abzusetzen. Dieser Fürst von Urga ist beinahe so mächtig geworden wie Koltschak. Ja, er ist viel mächtiger als der Ataman Semenow.

Schon gingen Gerüchte, er wollte die Mongolei unterwerfen.

Wer ist er?

Was ist er?

Cesare Colombi wußte es längst.

Ein deutscher Offizier war er, der Mann ohne Namen, der die Bolschewiki mehr erzittern ließ als Koltschak.

Ein Deutscher. – –

*

Koltschak ist verloren.

Die tschechische Legion bleibt der Politik ihres Oberbefehlshabers treu. Sie marschiert ab.

Koltschak, der sich an der äußersten Front befindet, befiehlt, die Tschechen abzuschneiden, zu umzingeln. Der Vertreter der tschechoslowakischen Regierung eilt zu dem französischen Bevollmächtigten. Der französische Bevollmächtigte eilt zu den Truppen der Alliierten. Sie drohen, Irkutsk, den Sitz der Zentralregierung Koltschaks, zu bombardieren. Von allen verlassen, eilt Koltschak zurück, um die Verhandlungen mit den Alliierten zu führen. Die Front bricht zusammen. Die Einwohner von Irkutsk empören sich. Der Aufstand bricht los. Die Alliierten erklären sich für neutral.

Koltschaks Zug rast der Hauptstadt entgegen. Fast alle Flaggen Europas wehen auf dem Salonwagen. Nur achtzig Mann Leibtruppen sind noch bei ihm.

Kurz vor Irkutsk wird der Zug zum Halten gebracht. Die Soldaten Koltschaks machen sich kampffertig. Agitatoren dringen zu ihnen. Bleiben. Der Zug fährt weiter. Hält wieder in Innokentjewskaja. Der tschechische Kommandant tritt in den Wagen Koltschaks.

»Sie dürfen nicht weiterfahren!«

»In meinem eigenen Land?« fragt Koltschak. »Ich bin also verraten?«

Der Kommandant antwortet nicht. Aufrührerische Soldaten trennen den Oberbefehlshaber von seiner Wache. Er wird gefangen genommen und nach Irkutsk, seiner Hauptstadt, ins Gefängnis gebracht.

»Die Alliierten haben mich und Rußlands Sache verraten,« sagt der Unglückliche.

Im März des Jahres 1920 sitzt Denikin nach dem völligen Zusammenbruch seiner Armee in Sewastopol und erklärt den letzten Generalen: »Ich bin körperlich und geistig fertig. Die Armee glaubt nicht mehr an mich. Ich glaube nicht mehr an die Armee. Ich lege den Feldherrnstab in Wrangels Hände ...«

Fünf Wochen vorher sind die letzten Koltschaktruppen nach einem Rückzug durch Eis und Schnee und Hunger, zerlumpt, keiner Armee mehr ähnlich, nur mehr Marodeure, in Irkutsk angelangt.

Hinter ihnen marschieren schon die Bolschewiki.

Die Revolutionäre von Irkutsk wollen den Feind für sich gewinnen. Sie holen Koltschak aus dem Gefängnis, führen ihn ans Ufer der Angara und erschießen ihn.

Der Admiral des Zaren starb wie ein Mann.

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