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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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16

Anfang des Jahres 1920 tritt der General Michael Kusmetz aus seinem Zimmer im Hotel Metropol in Moskau, in dem die höheren Sowjetbeamten wohnen, und begegnet auf dem Korridor einer geschmeidigen, hohen Gestalt.

Es ist der jetzige Oberst Odojewskij, genannt Colombi, und er ist in ein erregtes Gespräch mit einer schwarzgekleideten, sehr schönen Frau verwickelt. Er achtet gar nicht auf den General. Er sieht ihn nicht.

Aber Michael hat auf den ersten Blick den Oberst erkannt. Er weiß nur Bruchstücke des fürchterlichen Anschlags gegen seine Gattin Christine. Und auch hier klaffen Lücken, die er durch Kombinationen schließen muß.

Aber eines weiß er bestimmt: Cesare Colombi hat Christine an die weiße Konterspionage in Odessa ausgeliefert. Wie, ist unklar, aber gleichgültig.

Michael wartet, bis das Gespräch, das im Flüsterton geführt wird, beendet ist. Er steht hinter einer Säule, schweigend und mit blutleerem Gesicht. Nur sein Herz pulst mit Kanonenschlägen das Blut durch die Adern.

Cesare Colombi verläßt plötzlich die Dame und geht in sein Zimmer, die Dame eilt mit verweinten Augen an Michael vorüber.

Er tritt aus seinem Versteck hervor und hält sie auf. Sie erkennt das Generalsabzeichen und bleibt, geduldig und unnatürlich ergeben grüßend, stehen.

»Was führt Sie hierher?« fragt Michael.

Als habe sie nur auf dieses Stichwort gewartet, erzählt sie in strömenden Worten ihr Schicksal.

Sie heißt Suwarin, Baronin Suwarin, und ihr Gatte war unter dem Zaren General. Heute verkauft sie ihre letzten Wäschestücke an der Chinesenmauer. Während sie ihre einst so köstlichen, jetzt wertlosen Habseligkeiten anbietet, hört sie täglich Rote Truppen, die Gewehre mit roten Fahnen geschmückt, singend vorüberziehen.

»Mein Mann ist krank, General. Ich habe versucht, das Nötigste für ihn zu verdienen. Der Hunger saugt uns aus. Aber ich will nicht klagen. Ganz Rußland hungert. Ziehen Sie nicht die Stirn in Falten, General. Ich will Sie nicht langweilen. Wir wohnen in einem Hause mit Typhuskranken zusammen, und durch die Decke regnet es. Nein, ich will nicht klagen. Alles habe ich geduldig ertragen. Eines Tages wurde ich auf dem Boulevard angesprochen. General, Sie wissen, die Regierung hat die Prostitution verboten. Sie kann nicht wollen, daß die unglücklichen Frauen entlassener und beschimpfter Generale – nein, seien Sie nicht böse, General, ich bin eine Frau, Sie wissen nicht, was wir gelitten haben! Kurz, ich werde angesprochen, und weil ich mich weigere, wird am nächsten Tage mein Mann verhaftet und abgeführt. Die Todesstrafe soll in Kürze abgeschafft werden. Soll mein armer Mann das letzte Opfer werden? Er hat nichts getan, nichts verbrochen. Er hat einmal dem Vaterlande gedient, das ist alles. Und nun, General – nun will ich gerne auch den Leib der neuen Gewalt opfern, das Letzte, was ich habe, die Ehre – seien Sie nicht ungehalten, General, ich weiß nicht, was ich sage. Natürlich, was ist die Ehre einer Frau heute, wo ganz Rußland entehrt ist – aber muß es sein?«

Ihr Gesicht ist naß von Tränen. Ihre großen Augen sind glanzlos.

»Wer hat an Sie das Ansinnen gestellt, Ihren Mann gegen Preisgabe Ihres Körpers freizugeben?« antwortet Michael nach einer Pause mit fürchterlichem Blick.

Die geängstigte Frau schweigt. Sie fürchtet eine Falle.

Wird sich ihr Peiniger nicht rächen?

Michael ist ungeduldig.

»Reden Sie,« herrscht er die Frau an.

»Cesare Colombi, der Oberst,« antwortet sie endlich leise.

Wieder eine Pause. Das Gesicht des Generals scheint in einen Nebel zu versinken. Es wird unwirklich und unmenschlich.

Die unglückliche Frau wagt nicht zu atmen.

General Kusmetz schreibt etwas auf einen Zettel seines Notizbuches.

»Dies ist die Nummer, unter der Sie mich erreichen. Heute abend ist Ihr Gatte frei.« Seine Stimme wird weicher. »Ist es nicht der General, der wie durch ein Wunder bei Tannenberg mit dem Leben davonkam? Ja? Er stellte sich Kerenski zur Verfügung! Das durfte er nicht tun. Doch das sind vergangene Dinge. Grüßen Sie den General von dem Grafen – nein, Generalin, welche Torheit. Grüßen Sie ihn von Michael Kusmetz – wir haben zusammen auf der Militärakademie Streiche gemacht – rufen Sie mich an, sobald er frei ist und – halt! Nein, bitte, keinerlei Dank! Wir sind hier keine Räuberbande ohne Gesetze! – Nur noch eines, was doch wieder gesetzlos ist! Doch es liegt in der Zeit. Eine Bedingung, Generalin! Sie kennen das kleine Häuschen bei dem neuen Munitionsdepot? Altmateriallager, Depot 4. Ja? Sie wohnen nicht weit davon entfernt? Nun – Sie schreiben heute – oder telephonieren, Cesare Colombi möchte Sie dort besuchen. Nein, nicht in Ihrer Wohnung. Schützen Sie vor: Die Nachbarn – wir sind doch noch keine Barbaren – Sie sagten selbst, Ihre Wohnungsverhältnisse – aber, Generalin, wir leben im Krieg! Kurz, Sie bestellen ihn in jenes Häuschen. Es ist geräumt, seit gestern. Warum, ist gleichgültig. Sie gehen nicht dorthin, Generalin! Sie bestellen nur den Oberst hin. Sagen Sie ihm, er möge verzeihen, wenn es dunkel dort ist – schlechte Beleuchtung – er weiß ja, wie es in Moskau aussieht – und dann kümmern Sie sich um nichts mehr und pflegen den General weiter – und wenn Sie mich jemals brauchen – wie erwähnt – dies ist mein Telephonanschluß!«

Die dunkle Frau hält wortlos seine Hände umklammert. Er macht sich los.

Sie fliegt die Treppe hinunter.

General Kusmetz geht an die Tür, die in das Zimmer Colombis führt und tritt ein.

Colombi ist erst gestern zurückgekehrt. Er hat bei Petljura ein furchtbares Pogrom inszeniert, nachdem es ihm gelungen war, die Anklage zu entkräften, er sei ein Spion der Roten. Mit falschen Dokumenten und tausend Eiden hat er den Vertreter Petljuras überzeugt.

Nun ist er wieder in Moskau und wartet auf Verwendung.

Wie er Michael im Türrahmen stehen steht, fliegen Wolken über sein Gesicht. Blitze der Erinnerung erhellen seine schwülen Augen. Er begreift sofort: An der Haltung, an dem Gesicht Michaels, daß die Abrechnung kommt.

Seine Hand liegt lose am Revolver.

Er salutiert dem General.

»Oberst Odojewskij – oder Colombi – oder wie Sie noch heißen mögen, ich habe lange gewartet auf diesen Augenblick. Sie wissen, Sie haben noch eine alte Rechnung zu begleichen.«

Colombi antwortet mit einem Schwall von Lügen. Liebenswürdig, gefaßt, va banque spielend, wie immer.

Der General hört zu, ohne ihn zu unterbrechen.

Dann antwortet er: »Das alles interessiert mich nicht, Oberst. Mich interessiert nur eines: Bei der Barmherzigkeit, die in jedes Menschen Brust noch schlummert, was auch immer geschehen sein möge, bei allen Wundern der Welt: Wissen Sie, was aus meiner Frau geworden ist?«

Nein, Colombi weiß es nicht.

Diesmal lügt er nicht. Der General fühlt es.

Er nickt kurz. Sein Blick ist unheilvoll. Mit einem sonderbaren Lächeln geht er.

Langsam nimmt Colombi die Hand vom Revolver.

Was soll das? Wie kommt dieser Michael, dieser Aristokrat, dieser verhaßteste aller Menschen, nach Moskau? In den Dienst des Sowjets?

Im Automobil der Dritten Internationale rast Colombi ins Amt der Tscheka.

Dschersinskj selbst empfängt ihn. Hört ihn an. Streicht mit der schmalen Hand über den kurzen Bart. Seine Nase springt wie ein Raubvogel aus dem durchfurchten Gesicht.

»Mag sein, Colombi, mag sein, daß Michael Kusmetz ein Verräter ist. Jedenfalls brauchen wir ihn, gerade jetzt, ja! Er hat sich viele Verdienste um uns erworben – Sie sind nicht richtig orientiert! – Jedenfalls: Michael Kusmetz fällt nicht in Ungnade. Jetzt nicht. Und wenn, dann müssen schon schwerwiegende Beweise – er ist jedenfalls immer auf einer Seite. Nicht wie Sie, Colombi, auf allen Hochzeiten. Ihr Handwerk ist dunkler und gefährlicher!«

Der allmächtige Chef der Tscheka lächelt düster. Und mit einem unheimlichen Gefühl verläßt Colombi sein Bureau.

Aber am Abend hat er alles vergessen. Denn eine schöne Frau, die er begehrt, hat ihn zu einem Schäferstündchen bestellt. Morgen wird er ihren Gatten erschießen lassen. Er weiß nicht, daß der Gatte schon frei ist und unter besonderem Schutze steht.

Er eilt über den Roten Platz. Es ist kalt, aber Colombi trägt einen schweren, kostbaren Pelz. Die Fenster des Arbeitskommissariats sind noch hell erleuchtet.

Colombi erreicht das kleine Haus nahe dem Depot.

Er legt die Hand wieder an die Waffe. Es ist ihm Gewohnheit geworden. Er tappt die düstere Stiege empor und gelangt in ein kleines Zimmer.

Es ist leer. Geräumt!

Er wundert sich. Geht in das nächste Zimmer. Nur der Mond leuchtet. Auch hier: Geräumt!

Also Unfug! Die Frau hält ihn zum Narren! Hier ist kein lebendes Wesen.

Vor dem Fenster wiegt sich ein Zettel im Wind. Er öffnet das Fenster, nimmt den Zettel und liest:

»Das Haus ist bis 10 Uhr zu räumen. Generalalarm mit Explosion des Munitionsdepots. Kommunistische Partei. Militärabteilung.«

Sekundenlang starren die Augen Colombis auf das Papier. Da schießt Begreifen durch sein Hirn. Das Munitionsdepot 4 – es lehnt seine Mauer an das Häuschen – wird in die Luft gesprengt! Probealarm! Die kommunistische Partei probiert die Bereitschaft der Garnison und Feuerwehren aus.

Sein nächster Blick auf die Uhr.

12.

Mit einem Satz ist er auf der Treppe.

Aber im selben Augenblick: Ein furchtbarer Knall.

Die Mauern des Häuschens legen sich um. Raketen steigen in die Luft. Eine Fontaine von Mauerwerk und Steinen folgt. Wie Granaten. – Wie Trommelfeuer.

Colombi fühlt sich hochgehoben. Er wird gegen die Tür unten geworfen. Er fliegt auf die Straße. Rafft sich auf mit blutendem Kopf und fegt die Straße entlang, während über ihm ein Hagel niedersaust. Auf der Moskwabrücke erst macht er halt. Moskau ist im Fieber. Soldatenpatrouillen rasen umher. Straßenzüge werden abgesperrt, alle Fensterscheiben sind zerschlagen. Mjasnizkaja ist voll von fliehenden Menschen. Immer noch Knall auf Knall und Alarm in der ganzen Stadt. Alles bewaffnet sich mit Gewehren, alles denkt an Überfall, Attentat. Die verfluchten Bourgeois.

Es ist aber nur ein Probealarm.

General Kusmetz hat davon gewußt. Colombi ahnt Zusammenhänge. Dieser furchtbare Gegner erfüllt ihn mit Unsicherheit und Entsetzen.

Er läßt sich am nächsten Tage mit neuer Mission zu Koltschak senden.

Aber den Feind, der ihn zerschmettert, zerrissen, vernichtet wähnt, hat er vorläufig nicht zu fürchten.

In jener Nacht wurde dieser vor den Kommissar für besondere Angelegenheiten berufen.

Dieser gab ihm Befehl zur Ausreise nach London.

Sprach lange mit ihm. Gab ihm eingehende Instruktionen.

»Es handelt sich um das Wohl Rußlands,« schloß er. »Die gierigen Gegner dürfen dieses Geheimnis nicht länger in Händen halten.«

»Ich tue meine Pflicht,« erwiderte Michael.

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