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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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15

Henri Detering lernte nun auch Maria Popescu kennen. Er befindet sich in Begleitung seines Sekretärs Jussupow.

Der Petroleumkönig wirft eine Nummer des »New York Herald« auf den Tisch.

»Lies,« sagt er zu Fred.

Seager liest:

»Gold bei Urga?

Der berühmte Forscher Swift-Gydal ist von seiner Forschungsreise in der Mongolei in New York eingetroffen. Er hat einen Vortrag gehalten über die unmenschlichen Strapazen, die er im mongolischen Winter durchzumachen hatte. Es ist ihm gelungen, versteinerte Eier von Dinosauriern und den Schädel eines riesenhaften Andrewsarchus aufzufinden. Zentralasien ist nach seiner Meinung die Wiege der Menschheit. Der Forscher verdankt seine Erfolge besonders der Unterstützung, die er durch den Fürsten von Urga fand.

Er ist tief bewegt von der Tapferkeit und der Klugheit dieses merkwürdigen Mannes. Freilich weiß er Beispiele seiner furchtbaren Grausamkeit zu berichten, mit der er die Roten Feinde verfolgt. Hundert Kilometer von Urga entfernt soll es Goldfelder von einem Reichtum geben, wie man ihn weder in Südafrika noch in Klondike erlebt hat.«

»Gold an der mongolischen Grenze,« sagt Deterding. »Ich habe sofort nach Swift-Gydals Eintreffen in New York ein chiffriertes Telegramm meines Vertrauensmannes bekommen, mit der überraschenden Mitteilung, daß der Amerikaner tatsächlich bei Urga ungeheure Goldfelder gefunden haben will! Wir müssen also mit dem Fürsten von Urga Verbindung haben,« fährt Deterding fort. »Amerika hat vorläufig keine Chance dort.

Es hat in Rußland weder Truppen noch Einfluß. Aber wer weiß, was sie unternehmen – mein Spionagebureau versagt.«

Fred Seager springt auf. »Er bezieht Granaten aus Amerika! Ich weiß!«

Deterding zieht die Brauen hoch. »Was meinen Sie, Jussupow?«

Fürst Jussupow, schlank, jung, im Gesicht wilder Nächte Spuren und Zeichen, ist der Mann, der Rasputin erschossen hat.

»Wir müssen Verbindung mit dem Fürsten von Urga bekommen,« drängt Deterding. »Raten Sie uns, Jussupow. Wissen Sie einen Weg?«

Aber auch Jussupow hat keine Ahnung, wie an diesen geheimnisvollen Diktator heranzukommen ist, der da an der Grenze der Mongolei sich ein eigenes Reich gegründet hat, gefürchtet von den Roten, scheel angesehen von den russischen Generalen.

»Ein Schwede vermutlich,« sagt Jussupow. »Freilich behaupten viele, er sei ein Russe. Niemand weiß Genaues.«

Deterdings Stirn ist dunkel und trotzig.

Er läßt sich mit der Geheimnummer des Unterstaatssekretärs verbinden.

»Mr. Seager und ich haben uns entschlossen, einen Geologen nach Urga zu senden. Er hat weitgehende Vollmachten. Soll feststellen, ob Gold da ist. Und wenn, dann –« hier hebt Deterding die Stimme, aber sie klingt für die Umstehenden leise: »dann muß ich die Regierung hinter mir wissen, Mr. Tyrell. Wenn es sich um reiche, um wirklich reiche Goldfelder handeln sollte – in diesem Falle –«

Es kommt Antwort. Seager, der mithört, bestätigt die Absichten seines Kompagnons bei diesem Geschäft. Er ist von der Antwort befriedigt.

Auch Deterding holt sich Maria Popescus Rat. Er kennt ihre Geschichte teilweise, und so ist sie die natürliche Bundesgenossin dieser Männer.

Sie versteht nicht, warum Goldfelder in der Mongolei solche Rolle spielen können, daß Englands reichste Männer schon mit mobilisierten Armeen spielen. Dieses Spiel scheint ihr frevlerisch.

»Sie werden es nie verstehen, Mrs. Popescu,« sagt Deterding lächelnd. »Auch Jussupow hat die Zusammenhänge noch nicht völlig erfaßt. Er stammt noch aus der Zeit, in der man Gefühlspolitik machte. Daß er Rasputin niederknallte, war groß im Sinne der vermeintlichen Rettung Rußlands. Aber er konnte damit die Revolution nicht verhindern. Nur Geld kann eine Revolution aufhalten. Immer Beschäftigung für die schaffen, die Revolutionen machen wollen. Immer Land für die unruhigen Geister suchen. Mit Geld werden ja auch die Revolutionen gemacht. Ohne Geld kein Umsturz!«

»Und wer hat dann die russische Revolution gemacht?« fragt Christine atemlos. »Auch England?«

Sie erhält keine Antwort. Sie weiß genug von der neuen englischen Geschichte, um immer mehr die furchtbaren Zusammenhänge zwischen den englischen Weltinteressen und den Vorgängen in den Ländern zu verstehen, die dem Interessenkreis Englands nahe liegen. Da sind die Diamanten Südafrikas – das Mittelmeer – die Schätze Indiens – –

»Wenn Sie die russische Revolution beenden können – wenn Sie die Macht haben, den Bolschewismus zu stürzen, dann kann ich Ihnen vielleicht ein Geheimnis verraten, das Sie noch viel, viel reicher machen würde. Ich sehe heute ein, daß die Entente, der ich einmal das, was ich wußte, nicht mitteilen wollte, heute allein noch imstande ist, den Weg nach Moskau zu bahnen.«

»Was für ein Geheimnis?« fragt Fred erstaunt. »Ich weiß nichts davon.«

»Wenn wir England dienen, dienen wir dem alten Rußland,« sagt Jussupow.

»Ich kenne ein Platinlager im Ural,« fährt Christine fort. »Ein ungeheures Lager! – Die Revolution verhinderte die Ausbeutung – Milliarden, sagte damals mein Vater – Milliarden – ich besitze noch immer den Plan – ich habe ihn im Kopf – ich habe ihn eingeprägt und kann ihn immer aus dem Gedächtnis nachzeichnen.«

»Platin,« sagt Deterding nachdenklich. »Nun Fred, du hast das erste Wort in dieser Sache.«

»Es ist verfrüht, darüber zu sprechen,« erwidert Fred Seager. »Zu gegebener Zeit – wenn wir diktieren können – wir werden uns das Ausbeutungsgebiet sichern! – Das Zauberwort heißt Konzessionen! – Platin ...«

Das Wort schwang noch eine Weile in dem Schweigen, in das alle versanken.

*

John Hicking war der Mann, dem wenige Stunden, nachdem in dem von Wächtern umschlossenen, schalldichten, gesicherten Privatbureau Seagers die wichtige Besprechung stattgefunden hatte, berichtet wurde: Die Geliebte Fred Seagers kennt ein märchenhaftes Platinlager im Ural. –

Obwohl Seager in seinem Hause Vorkehrungen getroffen hatte, die jeden Verrat unmöglich machen sollten, war in seiner Umgebung ein Verräter.

Wohl wurde jeder Besucher Seagers, ohne es zu ahnen, durch Apparate, die in die Täfelung der Wände eingelassen waren, photographiert. Eine Nadel trug jedes Gespräch in der Geheimlade des riesigen Schreibtisches auf eine Grammophonspule, die sich leise, unhörbar wie ein Filmband, drehte.

Dieses sprechende Band wurde herausgenommen, vervielfältigt, und kam zu den Akten, die zu jeder Stunde jeden Besucher überführen konnten, und wenn es Englands erster Lord gewesen wäre.

Aber dieses sprechende Band kam in die Hände des Harry Ley, der es bearbeitete. Harry Ley genoß das unbedingte Vertrauen Seagers, denn Jussupow hatte ihn empfohlen. Er war lange in zaristischen Diensten gestanden, Mitglied der Ochrana gewesen. Niemand ahnte, daß dieser Mann, der unzählige Terroristen an die »Schwarzen Hundert« verraten hatte, heute für John Hicking spionierte und ihm die Sprechbänder Seagers auslieferte, ehe sie zu den Akten kamen.

Und wer John Hicking war?

Hicking kannte jedes Kind. Hicking »machte« in Aktien der Britisch Diamants Trusts. Er »machte« in allen Dingen. Bald an der Ruhr, bald in Holland, bald in Südamerika. John Hicking, ein Mann mit einem Bulldoggengesicht, mit schweren Händen und leicht verschwollenen Augen, die kein Mensch richtig sehen konnte.

Er gab eben ein kleines Bankett. Der Finanzmann James White war da, der Mann, der den »Beechan Trust« leitete und wild in Goldshares spekulierte; der verwegenste Spieler auf dem internationalen Geldmarkt.

Und Horatio Bottomley war da. Bottomley, M. P., der mehrmals im Unterhaus glänzte und noch öfter in gerichtliche Untersuchungen verwickelt war. Der ehemalige Journalist und jetzige Herausgeber des »John Bull«.

Immer mit einem Fuß in den Angeln des Gesetzes.

In seiner Gegenwart nahm John Hicking den Bericht seines Vertrauten entgegen, des Verräters aus dem Hause Seagers. Ließ die Sprechwelle ablaufen. Sagt zu Bottomley:

»Bringen Sie eine Notiz: Hicking hat eine Gesellschaft zur Ausnutzung der riesigen Goldfelder von Urga gegründet.

Hicking sichert der englischen Nation eine neue Machtsphäre. Es wird notwendig sein, mit dem ›Fürsten von Urga‹ nähere Bekanntschaft zu machen. Hicking verlangt die Unterstützung der Regierung.«

Dann rief Hicking den Börsenagenten Siffles an:

»Sorgen Sie dafür, daß die Aktien des neuen ›Urga Gold-Konzern‹ nicht unter Pari notiert werden. Die Börse muß außer Rand und Band geraten. Sie erhalten nähere Informationen.«

Und zu dem feixenden Bottomley:

»Greifen Sie Deterding an. Deterding und Seager. Sie wollen mit den Bolschewiki verhandeln. Der ›Fürst von Urga‹ soll bereits von den Bolschewiki anerkannt sein. Als Roter Ataman. Stiften Sie Verwirrung. Greifen Sie die Regierung an, weil sie Seager unterstützt. Deterding, weil er über die englische Kriegsmacht verfügt. Er bringt uns den Bolschewismus auf den Hals. So ähnlich. Immer widerspruchsvoll. Viele Schlagworte. Das Volk ist dumm, und die Regierung ist das Sprachrohr des Volkes. Ja, Horatio?«

»Ja. Und was die fünfhundert Pfund betrifft ...«

Hicking schrieb einen Scheck.

Dann arbeiteten seine Verbündeten, die nie in der Öffentlichkeit genannt wurden.

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