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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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14

Christine lebte ein unbegreifliches Leben, ihr selbst unbegreiflich – ein zweites Leben, und das rief bald Konflikte mit Fred Seager hervor.

Rote Flammen des Herbstlaubes züngelten durch die Stores. Christine saß vor dem Biedermeierschreibtisch und folgte mit den Augen dem Pendel der Empireuhr. Es war eine goldene Sonne, die unermüdlich zwischen vier Elfenbeintürmchen hin und her pendelte.

Eine gefangene Sonne, dachte sie. Ein Leben zwischen hellem Elfenbein, in Prunk und Pünktlichkeit, und doch kein Leben. Aufgezogen, läuft es zu einer vorbestimmten Stunde ab und ist ohne Atem und Schönheit. Eine Sache ohne Sinn und Bedeutung. So schaukelt meine Seele zwischen den unbegreiflichen Dingen hin und her, in Schwingung versetzt von einem unbegreiflichen Schicksal. Aber meine Seele ist kein Pendel, und mein Leben ist keine Uhr. Ich bin ein atmender Mensch, eine Frau in Fülle der Jugend und Liebe. Ich bin schön, ich bin ein Ich, voll Duft, Zauber und Unergründlichkeit. Manchmal wundere ich mich über mich selbst, wenn ich auf mein Leben sehe, wenn ich außer mir stehe und mich betrachte. Wie viel Sehnsucht trage ich in mir! Wie viele Gedanken: rote, blaue, violette. Jeder Gedanke eine Ranke zum Glück. Aber was ist Glück? Für mich gibt es kein Glück mehr.

Aber es gibt ein Gesetz, und dies ist vielleicht schon Glück genug: zu leben. Sein eigenes Ich zu leben. Ja, in der Tat: Ist das nicht schon Glück genug? Man sehnt sich und wirft sich jubelnd auf Pferde und jagt dem Ding nach, der Sache, um die man sich sehnt. Ich sehne mich nach Rache. Die Jagd nach Rache ist für mich die Jagd nach dem Glück.

Oder suche ich Liebe? Ja, ich suche Liebe. Die verlorene Liebe des toten Gatten, und wenn ich hundert Ausreden und tausend Namen dafür finde – ich suche die Liebe.

Sie stand auf.

Ging auf und ab. Der seidene Frisiermantel rauschte, und der Teppich schnurrte wie eine Katze unter ihren Füßen. Sie hielt sich die Ohren zu.

Ich will nichts hören – nichts hören – wer spricht da? Wer klagt? Wer sendet geheimnisvolle Grüße aus dem Jenseits?

Da war er. Eine ununterbrochene Sehnsucht überflutete sie mit harter Süße.

Michael!

War er nicht überall, unhörbar, aber immer sichtbar, fühlbar in diesem Hause? Nachts stand er im Mondschein in dem blassen Garten, irgendwo zwischen Grün, eine Statue, ein Toter ohne Blut und Pulsschlag. Sah sie hin, überlief die Haut ein Schauer, und sie flüchtete entsetzt.

Unter Tags sah sie ihn plötzlich die Treppe herabkommen, mit gespenstischer Lautlosigkeit, im Scheinwerfer einer Flut von Sonne, die durch die hohen Fenster strömte ...

Ich sehe ihn ... nur ich, dachte Christine fröstelnd. In diesem Hause ist es immer kalt. Oder ich bin krank.

Gewiß bin ich krank. Mehr: Ich bin ja tot. Ich bin nur ein Symbol. Ein Schemen. Ein Schatten eines Schattens, genau wie Michael.

Da trat Fred ein. Er öffnete die Tür mit einer Lautlosigkeit, als fürchtete er, den Schlaf irgend eines Wesens zu stören.

Sie hatte sogar sein Klopfen überhört.

»Du dringst hier ein, Fred,« sagte sie böse, »als wenn ich überhaupt kein Recht auf Rücksichten hätte.«

»Verzeih,« erwiderte er mit einer leichten Verneigung. »Ich habe angepocht ... vielleicht hast du sehr leise geantwortet.«

»Ich habe überhaupt nicht geantwortet, Fred. Wenn ich antworte, hört man mich auch. Ich bin es nicht in diesem Hause des Unausgesprochenen, die so leise ist, daß man fürchtet, das Leben sei heimlich weggehuscht ... als müßte man erst mal nachsehen, ob nicht unversehens der Tod durch die Pforte getreten ist.«

»Du bist gereizt, Maria,« erwidert Fred nachsichtig.

Er bleibt steif stehen und sieht sie ein wenig mißmutig an.

Sie liest seiner Seele ab – Evelyne war anders! – Evelyne hatte keine Launen solcher Art.

»Und doch hatte sie Launen,« ruft Christine plötzlich aus ihrer inneren Qual heraus. »Ich weiß, daß sie Launen hatte. Sie war aus Launen zusammengesetzt!«

»Evelyne war nicht launisch,« erwidert Fred ruhig. »Du bist nervös, Maria. Wenn deine Gesundheit erst zurückgekehrt ist, wird alles werden wie es war.«

»Meine Gesundheit,« lacht Christine zornig. »Bin ich denn krank? Ja? und was soll werden, wie es war? Was war denn? Sprichst du von mir oder von der Toten?«

»Ich spreche von dir! Natürlich nur von dir!«

»Aber was war denn? Habe ich mich denn verändert?«

»Gewiß hast du dich verändert. Du bist ein wenig unduldsam geworden. Das heißt ... ich kann natürlich nicht sagen ... ich habe noch zu wenig Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken.«

Er bricht verwirrt ab.

Sie schluchzt laut auf.

»Fred, begreifst du denn nicht? Du sprichst von Evelyne und meinst mich, und du sprichst von mir und meinst Evelyne!«

Sie bricht ab, denn plötzlich schreit eine Stimme in ihr:

»Du sagst Fred und meinst Michael!«

»Mein Gott! Mein Gott! Dieses Spiel ist unerträglich!«

Sie fällt wie ein hingewehtes Blatt in den Sessel.

Ganz zerknittert und hilflos.

Er eilt hin, kniet neben ihr und ergreift ihre heißen Hände.

»Maria, Liebste, ich liebe dich über alle Menschenbegriffe. Dich ... dich ... nur dich ... wie soll ich es dir sagen ... du bleibst mir ja fremd, du hast Schranken errichtet ... vielleicht weiß ich zu wenig von dir!«

Er birgt das Gesicht in ihren Händen, die wie Blätter sich um seinen Kopf schließen.

Christine hört auf zu weinen. Ihre großen Augen sehen verwundert auf den armen Menschen, der vor ihr kniet. Bin ich es? geht es ihr wieder durch den Kopf. Bin ich es wirklich? Und wer ist dieser Mann? Warum kniet er vor mir? Liebe ich ihn denn? Ich liebe ihn, sagt sie zu sich selbst wie von weit her, sinnend und zerquält – es kann nicht anders sein – und plötzlich öffnet sich ihre Seele weit, und sie schaut erschauernd das Übermaß von Sehnsucht in sich, die nach Liebe schreit. – Nach Michaels Liebe! Sehnsucht nach Michael!

»Wir täuschen uns vielleicht beide,« sagt sie leise. »Liebst du mich wirklich? Mich, die du vor dir siehst, eine Frau, eine Welt zwischen Welten, mit eigenem Atem, eigenem Duft, eigenem Herzen? Fred, verstehst du mich?«

Er breitet die Arme aus und wiederholt wie ein Trunkener, wie ein Träumender:

»Ich liebe dich! Dich! Nur dich!«

Da sinkt sie wie leblos in seine Arme, die sich schließen, und ihr roter, kühler Mund öffnet sich und trinkt seine Seufzer, und seine Schwüre fallen tief, tief in den Abgrund ihres Ichs. Sie gibt sich Michael hin. Michael, jauchzt ihre Seele. Fred, formen ihre Lippen. –

*

Am nächsten Tage sitzt sie im Garten, die Sonne scheint noch. Es ist Herbst, nicht sehr warm, aber die Luft ist mit Sonnenglut getränkt wie ein Schwamm, und die Strahlen sinken wie ein Regen von Gold und Güte auf die Menschen und die schwermütige Erde.

Maria Popescu hat Fred alles aus ihrer Vergangenheit erzählt. Er sitzt, ebenso wie damals sein Freund Wilkins, den Kopf in den Händen vergraben da, und antwortet:

»Ich verstehe nun alles, Maria – oder Christine, wie du genannt wurdest –«

»Nein, nein,« unterbricht sie ihn heftig. »Nicht Christine, niemals Christine – das ist unerträglich! Ich bin Maria Popescu – nur mehr Maria Popescu – Christine ist tot. –«

»Wie seltsam sich unsere Schicksale berühren,« fährt Fred Seager fort, fast ohne auf ihren Einwand zu hören. Im selben Augenblick aber, in dem er sich mit der Liebe beschäftigt, mit dieser Liebe, die ihn wieder zur Gesundung zurückgeführt hat, steigt der Schatten der Geschäfte in ihm auf.

»Du kennst doch Rußland so gut,« sagt er. »Weißt du etwas von dem Fürsten von Urga?«

»Nein,« erwidert sie gleichgültig.

»Aber du hast doch schon von ihm gehört! Du mußt von ihm gehört haben!«

»Nein, ich habe mich früher nicht mit Politik befaßt. Was ist es mit diesem Fürsten von Urga – und wo liegt dieses Urga?«

»An der Grenze zwischen Europa und Asien liegt es. Nein, schon in Asien – in der Mongolei. Und dieser Fürst von Urga hat sich dort ein Königreich gegründet. Er kämpft gegen die Bolschewiki – und wie kämpft er! Mit einem Haufen wilder entschlossener Leute – ein Abenteurer, wie alle ...«

»Nein,« erwidert Maria Popescu. »Nein, kein Abenteurer! Warum sind diese Männer für euch Engländer Abenteurer? Weil sie im letzten Ende nur euch dienen, weil sie, ohne es zu wissen, Landsknechte für England sind. Märtyrer sind sie! Ich kenne diesen Fürsten von Urga nicht. Aber ich denke mir, er ist ein Heiliger, ein Heiliger in purpurnen Lumpen, mit einem Schwert über den blutenden Lenden – du wirst noch anders sprechen von diesen Männern!«

Vor ihrem visionären Blick steht Michael auf der Treppe des Herrenhauses in Schnee und Not und kämpft wie ein Tatar gegen Dutzende von Machno-Bauern.

In diesem Augenblick wird Fred Seager wieder kühler Geschäftsmann. »Liebste,« sagt er, »diese Leute sollen uns Gold bringen – oder Petroleum – oder Erfolge – Land – Konzessionen – wir haben unser Geld in ihre Unternehmungen gesteckt – das ist alles. In diesen Dingen gibt es keine Sentimentalität!«

»Soll das heißen, Fred, daß du die Russen endgültig aufgeben willst?«

»Aufgeben?« Er schweigt und schaut die Frau, die immer eine fremde Frau für ihn ist, wenn er nicht Evelyne in ihr sieht, aufmerksam an. »Ich will die Idee nicht aufgeben. Aber ich glaube nicht mehr an Koltschak. Nein, ich glaube an keinen dieser Männer mehr. Ich glaube aber an den Fürsten von Urga. Ich habe Nachrichten, daß er die ganze Mongolei entflammen wird. Ich sehe in ihm einen zweiten Mullah – für uns diesmal ein Bundesgenosse – und ich trage mich mit dem Gedanken, diesem Mullah zu helfen – aber ich finde keinen Weg, mit dem Manne zu verhandeln, der in Urga Europa verteidigt.«

»Wie?« fragt Christine, die plötzlich einen Weg sieht, die Quellen des Goldes und der Waffen wieder für Rußland fließen zu lassen. »Wie? Es sollte keinen Weg für Englands einflußreichste Männer geben, mit dem Fürsten von Urga zu verhandeln?«

»Nein. Englische Munitionslieferungen hat er abgelehnt. Unter seinen Leuten duldet er weder Engländer noch Franzosen. Er umgibt sich mit Russen und Mongolen. Aber die sehen in ihm einen zweiten Dschingis Khan.«

In diesem Augenblick meldet der Diener Sir Detering an.

Fred erhebt sich. »Du kennst soviele Menschen in Rußland – und du kennst überhaupt dieses Rußland – wen könnte man zu dem Fürsten von Urga senden? Denke nach!«

»Mich!«

Er zuckt die Achseln über diesen Scherz.

Es ist aber kein Scherz. Denn plötzlich ist Christines Sehnsucht nach der Heimat erwacht, ist eine große, zündende Flamme, eine Feuerfontäne, die sie zu versengen droht.

Sie weiß nicht, warum.

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