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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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13

Fred Seager, der Kanonenbauer, war einer der führenden Magnaten Englands um Deterding herum.

Deterding finanzierte die russischen Generale, die den Bolschewismus niederwerfen wollten. Fred Seager lieferte ihnen Kanonen und Munition.

Aber seit einigen Monaten nahmen die Sorgen um den Ausgang des russischen Abenteuers zu – sowohl im englischen Auswärtigen Amt wie in dem Klub der Millionäre um Deterding.

Fred Seager, einer von den Gewaltigen, schien weder Verständnis noch Interesse mehr für das Drama zu haben, das sich im fernen Osten abspielte.

Seit er auf so tragische Weise die Frau verloren hatte, die er über alles liebte, wurde er mehr und mehr das Opfer eines Trübsinns, gegen den es kein Heilmittel zu geben schien.

Da war es sein Freund Wilkins, Generalsekretär Seagers, der in Rumänien eine Frau entdeckte, die der Toten so ähnlich sah, daß er wagen durfte, sie als Auferstandene seinem Herrn und Freund zuzuführen.

Folgendes geschah:

An einem Sommermorgen geleitet Wilkins Christine, jetzt Madame Maria Popescu, über den grünen Rasen des Sommerhauses, in das sich Fred Seager zurückgezogen hat, drückt ihr einen Strauß Rosen in den Arm und sagt:

»Treten Sie durch jene Tür ein. Sie führt in das Musikzimmer. Es war das Lieblingszimmer der Toten. Dort werden Sie ihn treffen.«

Christine hat wochenlang gegen den Plan Wilkins angekämpft. Aber dieser Mann übt auf sie, die innerlich vollkommen zusammengebrochen ist, einen Einfluß aus, der allmählich suggestive Form annahm.

Sie sah in ihm ihren Retter aus einem unfaßbaren Schicksal. Er hatte sie emporgeholt ans Licht, als sie im Dunkel des Todes schon zu versinken drohte. Er hatte ihr einen neuen Namen gegeben, er hatte eine ganz andere Frau aus ihr gemacht.

Nun zeigte er ihr eine Aufgabe: Die Rettung eines Menschen, von dem Wilkins sagte, daß er als Mann und als englischer Bürger gleich außergewöhnlich und wertvoll sei.

Noch zerrte die Vernunft in Christine wie gefesselt an einer geheimen Kette. Aber sie stand unter einem Bann.

Ein fremder Wille befahl. Und eines Tages also steht sie auf dem weichen Rasen, im Hintergrund grüßt das weiße Landhaus, und sie geht, wie ihr befohlen, ihren Schicksalsgang.

Wilkins sieht ihr nach, bis ihre Lichtgestalt in den Hallen des Hauses versinkt wie in einem schwarzen See.

Sie tritt, die Rosen im Arm, durch die offene Glastür in das Musikzimmer. In ihrem Rücken bildet der bunte Garten und ein leise plätschernder Springbrunnen einen tiefen, von Licht erfüllten Hintergrund.

Vor ihr liegt das Halbdunkel niedergelassener Jalousien, fest zugezogener Vorhänge. Ein Mann mit mechanischen und widerwilligen Bewegungen erhebt sich aus einer Ecke und geht auf sie zu.

Sie tut einige Schritte, bis das Halbdunkel sie triumphierend umfängt und sie gefangen nimmt.

Ratlos sieht sie sich mit großen Augen, in denen das Veilchenwunder ihrer hilflosen Güte ist, dem Manne gegenüber. Er ist ganz in Schwarz gekleidet. Die schwarze Farbe ist wie ein Vorhang, aus dem sein bleiches, zerquältes, maßlos trauriges Gesicht leuchtete.

Sie las von seinem aufgerissenen Mund den Aufschrei ab, der nicht zu hören ist, und sieht im nächsten Augenblick den Unglücklichen zu ihren Füßen hinstürzen, daß die Rosen aus ihren im Schreck ausgebreiteten Armen auf ihn herabfallen wie auf einen teueren Verstorbenen.

Sie beugt sich zu ihm. Fred Seager macht eine matte Bewegung mit der Hand. Christine bleibt ganz ruhig, aber nun zerreißt augenblicklich der enge Zusammenhang ihrer Rolle, sie blickt erschrocken in reale Hintergründe und weiß sich von neuem in einem Netz gefangen.

Eben jetzt schlägt Fred Seager die Augen auf und sagt leise, als fürchte er, schon durch den Ton des gesprochenen Wortes das Wunder zu zerstören: »Evelyne! Du lebst!«

Diese Worte besiegeln Christines Schicksal.

»Sie haben nicht geträumt,« sagt sie. »Ich bin hierhergekommen, um Ihnen zu helfen!«

Dann berichtet sie, zwischen den Blumen, die auf dem Boden liegen, während er sie ungläubig und voll Glückseligkeit betrachtet, was sich zugetragen hat.

Er ergreift ihre Hände mit der bebenden Krampfhaftigkeit eines Ertrinkenden und bedeckt sie mit Küssen des Dankes, der Zärtlichkeit und der Liebe, die er unbewußt und selbstverständlich von der Toten auf diese Lebende überträgt, die ihr so ähnlich ist, daß nur die Kleidung und manche Bewegung die Illusion trüben könnte, wenn nicht Fred gerade diese Illusion mit Bewußtheit aufs höchste steigern würde. –

*

Christine wurde die Geliebte Fred Seagers.

Nur die Eingeweihten wußten es. Nur die, die dem engen Kreis dieser Millionäre nahe standen, die in ihn aufgenommen waren. Ganz wenige. – Und diese wenigen schwiegen.

Schwiegen auf alle Fälle, solange der Einfluß dieser Frau nicht ihre Kreise störte.

Und der Einfluß Maria Popescus war groß.

Trotz der furchtbaren Leiden, die sie durch die Weißen Offiziere erduldet hatte, beseelte sie ein brennender Haß gegen die neuen Machthaber in Rußland. Obgleich sie in ihren Gefühlen den Sozialrevolutionären zuneigte, teilte sie mit diesen die Abneigung gegen die Rote Diktatur, und sie stachelte von neuem die Energie Fred Seagers auf, die Weißen Generale, Denikin und Koltschak, an die sich die letzten Hoffnungen der Emigranten klammerten, zu stützen.

Es bedurfte ihrer steten Fürsprache, denn in der englischen Politik zeigte sich langsam eine Wandlung.

Lloyd George war gegen die Einmischung der Engländer, wenn sie auch noch so inoffiziell geschah. Aber noch war die Partei, die die Weißen Generale unterstützen wollte, stark. Und alle Augen sind auf Deterding und Seager gerichtet, die Führer der Millionäre, die Rußlands Schicksal in Händen zu halten scheinen.

Täglich werden in Fred Seagers Hause Konferenzen abgehalten. Täglich laufen Schreckensnachrichten aus Rußland ein.

Denikins Armee ist auf der Flucht. Wrangel hält noch die Krim, von Denikin wieder zurückgerufen. Koltschak ist bis nach Irkutsk zurückgedrängt. Die Tschechoslowaken meutern und wollen in ihre Heimat ziehen. Da läßt Koltschak die Tunnels der Baikal-Eisenbahn in die Luft sprengen, um den Verbündeten den Weg in die Heimat abzuschneiden.

Fred Seager hat Sorgen. In dem weiten Raum seines Arbeitszimmers, der gegen Lärm abgedichtet ist, befinden sich nur zwei Menschen. Der Chef des Waffentrusts, und ihm gegenüber ein Besucher: Scharfe Züge, ein geschlossenes Gesicht, in dem helle, kalte Augen wachen.

»Churchill sagt, es sei gefährlich, die bisherige Politik der halboffiziellen Anerkennung der Gegenrevolutionäre weiter zu verfolgen. Das könne England schließlich die schwersten Nachteile bringen,« sagt Tyrell, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. »An eine Wendung der Dinge noch zu glauben, fällt Winston Churchill schwer. Mr. Seager, ich kämpfe wie ein Löwe gegen die Einflüsse. Frankreich unterstützt wohl noch die Weißen, aber Frankreichs Interessen sind jetzt an den Rhein gebunden. Die Franzosen haben jetzt nur ein Blickfeld: Deutschlands Industrie. Seine gänzliche Vernichtung. Das will England nicht. Gegensätze tauchen auf. Rußland tritt in den Hintergrund.«

»Erwartet das Auswärtige Amt, daß ich die Unterstützung der Weißen Generale durch Waffen einstellen werde? Eine Katastrophe wäre unausbleiblich!« erwidert Fred Seager erregt.

In diesem Augenblick, in einer Pause schnellster Überlegung, die in dem gescheiten Gesicht Tyrells den verborgenen Haß gegen die russischen Bolschewisten aufleuchten läßt, tritt Maria Popescu ein.

Fred Seager hat sie Tyrell längst vorgestellt. Hat für sie eine Mission erfunden. Sie soll im kommenden Völkerbund die Fraueninteressen der Ostvölker vertreten. Soll französischen Einfluß im Balkan schmälern durch Arbeit für England. So kennt Tyrell sie: Halboffiziell, als diplomatische Agentin, für die Fred Seager bürgt.

Der Diplomat erhebt sich, führt die schmale und kräftige Frauenhand an seine Lippen. Eine schöne Frau, die Wille mit Leidenschaft ersetzt, mit dem Herzen denkt, für die das Hirn nur Sklave des Gefühls ist, denkt er.

Seagers Überraschung über die Störung durch Maria Popescu verflüchtigt sich schnell. Duft aus einer schönen Welt der Frauen durchschwingt den Raum.

»Man hat mir gemeldet, Sir Tyrell, Lord Churchill wolle Koltschak und Denikin preisgeben!« sagt sie hastig, die unruhigen Augen groß aufschlagend. Bannt den Unterstaatssekretär in ihren Zauberkreis.

»Zuviel gesagt,« erwidert Tyrell leise, wartet, bis die schöne Frau sich in den breiten Armsessel niedergelassen hat, den ihr Seager räumte.

»Ihre Kundschafter sind tätig,« wirft lächelnd der Hausherr ein. Ehe er seinen Standpunkt klarlegen kann, schießen ihm die Vorwürfe Maria Popescus wie Raketen entgegen. Ob Englands Politik die ungeheure Verantwortung auf sich nehmen wolle, den Untergang der Generale zu verschulden? Die Niederlagen Denikins bedeuteten nur ein Schwanken des Kriegsglückes. Auch Napoleon habe Niederlagen erlitten ...

»Das Ende war freilich St. Helena,« erwidert der Besucher.

»Ja, ich muß gestehen: Lord Churchill macht die weitere Haltung Englands davon abhängig, daß durch eine neue Offensive, durch irgend eine Tat endlich und endgültig der Weg nach Moskau frei gemacht wird. Weitere Erfolge der Bolschewisten ändern die politische Situation!«

»Diese neue Offensive kommt! Sie kommt, Sir Tyrell,« erwidert Maria Popescu mit einer Sicherheit, als liefen in ihren Händen alle die Pläne der russischen Kriegsführer zusammen.

»Koltschak hat sich bis Irkutsk zurückgezogen,« bemerkt Tyrell. »Die Generale hatten bisher wenig Kriegsglück. Die früheren Erfolge Koltschaks sind durch den katastrophalen Rückzug aufgehoben. Die Tschechoslowaken, die sich bei ihm befinden, wollen sich von ihm trennen – es sieht nach Götterdämmerung aus!«

»Haben Sie denn einen schnellen Sieg erwartet?« ruft Maria Popescu aus. »Nachdem die Franzosen Odessa ohne Schwertstreich geräumt haben? Diese Evakuierung Odessas durch die Alliierten war Verrat! Vor undisziplinierten Banden einer bolschewistischen Armee die wichtigste Stadt Rußlands preisgeben – kein Denikin hätte so gehandelt!«

Der Unterstaatssekretär zuckt die Achseln.

»Sie durchschauen nicht völlig die vielseitigen Interessen, die die einzelnen Nationen vertreten!«

»Ich durchschaue sie! Und das ist der Fluch, der auf den europäischen Nationen ruht! Keine Einigkeit! Schon brandet die Rote Flut gegen Polen! Ist es denn möglich? Europa soll zu schwach sein, mit diesen Arbeiterhaufen fertig zu werden?«

»Es handelt sich nicht nur um Politik, oder nur zum Teil um politische Interessen,« wirft jetzt Fred Seager ein.

»Sie wissen, Mrs. Popescu, ich habe Ihrer Gefühlspolitik neuerdings viele Opfer gebracht gegen meine Überzeugung! Aber ich werde darum mein Ziel nicht länger aus den Augen lassen. Das russische Petroleum ist dieses Ziel. Und vielleicht wird es über kurz oder lang nötig sein, mit den jetzigen Machthabern in Moskau zu verhandeln.«

Die Augen der Russin lodern. (Tyrell hat längst durchschaut, daß sie keine Rumänin ist. Das Auswärtige Amt ist durch seinen Geheimdienst über ihre Vergangenheit informiert.)

Ich kann verstehen, denkt Tyrell, daß Seager ihrem Haß dient. Unsere englischen Frauen sind bequemer.

»Mr. Seager!« ruft Maria Popescu. »Wollen Sie Rußland verraten? Europa verraten?«

Der Kanonenkönig schiebt die Unterlippe vor. »Ich bin nicht der Hüter Europas. Dazu sind die Regierungen da. Gold will ich gewinnen!«

»Also nur das Geschäft?«

»Politik ist Geschäft – und aus dem Geschäft wird Politik.«

»Aber wenn es sich darum handeln würde, zu wählen zwischen Politik und Geschäft?«

Seager blickt den Staatssekretär an.

»Sie durchschauen die Dinge nicht! Seit 1916 gibt es kein Geschäft mehr ohne Politik. Petroleum ist das große Problem der Völker geworden. Das schwarze Gold hat die Kohle verdrängt. Völlig verdrängt. Von sich abhängig gemacht. Die Kohle, der einstige schwarze Diamant, hat hauptsächlichen Wert als Zwischenprodukt wieder zur Ölgewinnung. Der Tag kommt, wo alles mit Öl geheizt werden wird. Jeder zweite Europäer wird sein Automobil haben, die Luft wird erfüllt sein von Flugzeugen, die Meere von Schiffen, und alle, Dieselmotoren und Unterseeboote, werden mit Öl geheizt. Darum suchen wir Öl. Darum sind die englischen Interessen mit Öl verknüpft wie ehedem mit der Kohle. Darum heißt von jetzt ab die englische Außenpolitik Ölpolitik. Haben Sie das verstanden?«

»Und die Mission Englands? Monney? Nur Monney?«

»Nein. Immer das Mittel zum Zweck, und nur der Zweck entscheidet. Wir haben einen gefährlicheren Feind als Rußland.«

Er sagt leise: »Amerika.«

Sie versteht das nicht. Das kann sie nicht verstehen. In einem Augenblick, in dem Europa unter den Tritten der bolschewistischen Legionen zittert, in einer Zeit, in der Kronen von den Stiefeln dieser Arbeitersoldaten in den Schmutz getreten werden, die Zarenfamilie auf entsetzliche Weise ermordet wurde, in der Tschechoslowakei, in Deutschland, in Italien der Umsturz immer kühner sein Haupt erhebt und nur auf Rußlands Bauern und Arbeiter blickt – in diesem furchtbaren Augenblick der Weltgeschichte tritt England in den stillen Kampf mit Amerika ein!

Sie stützt den Kopf auf die Hand und scheint den Verhandlungen nicht mehr zu folgen.

Die Worte Seagers stören sie auf:

»Wenn auch Wrangel versagt, wenn er Denikins Schicksal teilt, dann bleibt uns nur der Ausweg, Verträge mit den Roten zu schließen. Wir dürfen uns diesen letzten Weg nicht verbauen.«

»Verträge!« ruft Maria Popescu. »Als ob diese Menschen Verträge hielten!«

»Sie werden sie halten, wenn sie erst als Machthaber anerkannt sind! Und wenn wir hier säumen, werden sie vielleicht von Rockefeller mehr bekommen. Wir müssen den rechten Augenblick nützen, die Standard Oil Company in New York zu schlagen.«

Maria Popescu zog sich zurück.

Sir Deterding wurde gemeldet. Sie konnte nicht länger zweifeln: Die englischen Machthaber schwankten. Noch eine entscheidende Niederlage Koltschaks, ein Rückzug Wrangels, und das Weiße Rußland versinkt in Blut und Tränen. –

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