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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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12

Eine furchtbare Katastrophe schien bevorzustehen. Die rückwärtige Rote Front an der Wolga geriet ins Wanken ... wenn jetzt die Armee Wrangels ihren Marsch fortsetzte, war alles für Moskau verloren ...

Aber die Armee Wrangels konnte nicht mehr. Diese durch keine Reserven neu aufzufrischenden Truppen waren nach den furchtbaren Strapazen in der salischen Steppe und den Kämpfen um Zaryzin vollkommen erschöpft. Sie blieben liegen. Da stürmten die besten Roten Führer, unter ihnen Michael, ins Gebiet von Saratow und organisierten dort einen neuen Widerstand, zogen von überallher neue Truppen zusammen: Bauern, Arbeiter, Intellektuelle, Zuchthäusler, Frauen, Knaben.

Neue Schreckenskunde: Der Kosakengeneral Mamontow hat die Rote Front durchbrochen und reitet in unaufhaltsamem Siegeszug über Tambow nach Koslow ...

Moskau ist bedroht!

Im Hauptbahnhof stehen die Züge der Volkskommissare unter Dampf. Dreht sich das Geschick Rußlands? Wendet sich alles?

Da stürzen sich die Roten Armeen auf Wrangel. Seine Armee wird abgedrängt, Zaryzin eingeschlossen. Furchtbare Kämpfe entbrennen. Neue Schreckenskunde: Kiew ist von den weißen Truppen Majewskis genommen. Die Bevölkerung empfing die Sieger mit Musik und Blumen.

Orel fiel!

Die Glocken Moskaus hört man läuten! Die Glocken Moskaus!

Die Weißen Armeen sind nicht mehr weit von dem Herzen Rußlands entfernt!

Aber in Sibirien hatte sich inzwischen das Kriegsglück Koltschaks gewendet. Die Roten treiben seine Armee vor sich her ... Die Sibirische Regierung ist aus Omsk verlegt. Rote Truppen werden frei und vereinigen sich mit den Divisionen, die gegen Denikin kämpfen.

Und dann erscheint eines Tages, aus dem Boden gestampft, eine Rote Reiterei.

Ein Rotes Reiterheer.

Und ein General, der es führte. Ein ehemaliger Unteroffizier. Der Mann, der die silbernen Biesen trägt und bald die ganze Rote Armee Rußlands begeistert zu den letzten übermenschlichen Anstrengungen.

Dieser Mann: Budjonny.

Wie der Sturm kam die Rote Reiterei. Warf sich zwischen Mamontow und Schkuro, blies die Kosaken wie Spreu vor sich her. Die südliche Front kam ins Wanken. Die Weißen hatten keine neuen Truppen heranzuziehen, um die todmüden Divisionen zu ersetzen. Von Kampf zu Kampf getrieben, ermatteten die Weißen immer mehr. Viele von ihnen hatten sich auf dem Vormarsch bereichert, besonders die Kosakenoffiziere. Desertionen nahmen zu. Die Freiwilligen, einmal eine von höchsten Idealen beseelte Truppe, war durch Zuzug und Demoralisation zu einer Söldnerschar herabgesunken, die das Soldatenhandwerk eben nur mehr als Handwerk auffaßten.

Mit dem Siegesrausch verflog die Begeisterung.

Alte Streitigkeiten auch unter den Führern lebten wieder auf. Die nie zuverlässigen Kosaken drohten mit Abfall.

Überall in Rußland, in allen Dörfern, in den Städten, erschien jetzt die Proklamation Moskaus:

»Arbeiter und Bauern!

Die Zarengenerale, Sendlinge der englischen und anderer Kapitalisten, haben die Mobilisation erklärt. Ihre eigenen Kräfte, die Kräfte der freiwilligen Söldner und der Gutsbesitzersöhne, der weißgardistischen Offiziere und der reichen Don- und Kuban-Kosaken langen schon nicht mehr. Mit diesen Kräften hoffen sie schon nicht mehr, die revolutionäre Armee der Arbeiter und Bauern und der roten Aufständischen zu besiegen. Und darum erklären sie die Zwangsmobilisierung, um mit euren Kräften die Revolution der Arbeiter und Bauern abzuwürgen, mit euren schwieligen Händen die Herrenrechte zurückzuerobern und euch, eure Kinder und Brüder, nachdem nochmals Ströme von Blut geflossen sind, in der Sklaverei des Kapitals zu behalten.

Es wird nicht sein!

Heute, da die Kapitalisten Europas vor dem Ansturm der Revolution sich kaum noch halten. Da die Rote Armee aus eigener Kraft Koltschak und die Don-Kosaken zerschmetterte und nun die Freiwilligen schonungslos schlägt. Da Woronesch, Orel, Kursk, Tschernigow zurückerobert sind. Da die Kräfte der Roten bei Kiew stehen und die ganze Ukraine in Aufständen brandet, werdet ihr nicht gegen eure Brüder vorgehen, nicht eure Feinde retten und euch nicht mobilisieren lassen.

Im Namen der Revolution erklären wir die von Denikin-Leuten anbefohlene Mobilisation für ungültig und alle, die an ihrer Durchführung mitwirken werden, für Feinde der Arbeiter und Landleute.«

Jetzt mobilisierten sich die Bauern, die durch fortgesetzte Requisitionen verbittert waren, denen man Rekruten hatte abpressen müssen, die durch viele Mißgriffe und Gewalttätigkeiten die ursprüngliche Sympathie für die Weißen Truppen verloren hatten. An Stelle der Anhänglichkeit trat blinder Haß.

Der Herbst kam mit Stürmen, der Winter mit furchtbarer Kälte. Immer mehr zerfiel die Weiße Armee, immer größer wurde die Kraft der Roten Truppen.

General Wrangel, immer an der Front, berichtet an Denikin:

»Jeder Truppenteil beeilt sich, soviel wie nur möglich zu fasten. Es wird alles requiriert. Was nicht an Ort und Stelle benutzbar ist, wird nach der Hinterfront geschickt – zum Warentausch oder Verkauf ... die Trains erreichen einen phantastischen Umfang – manche Truppenteile haben bis 200 Wagen unter ihren Regimentsvorräten. Eine ungeheure Soldatenzahl bedient die Hinterfront. Eine Menge von Offizieren befinden sich dauernd auf Urlaub zwecks Realisierung der Kriegsbeute, zwecks Warenaustausches. –

Die Armee verfällt, sie verwandelt sich in Spekulanten. Alle Offiziere, die mit ›Selbstverproviantierung‹ der Armee zu tun haben, bekommen ungeheure Beträge in die Hände, die sie verspielen und vertrinken.

Die Armee sieht, wie einige ihrer obersten Offiziere einen ausschweifenden und liederlichen Lebenswandel führen.

Vorwärtsdringend tun wir nichts, um das eingenommene Territorium zu befestigen. An der ganzen Linie, vom Asowschen Meer bis Orel, ist in der Hinterfront kein Widerstandspunkt befestigt worden. Und nun hat die zurückrollende Armee nichts, woran sie sich halten kann.«

*

Zurück! Immer zurück!

Das Ende war nahe.

Durch Schnee und Eis des Winters 1919/20 marschierte Michael Kusmetz an der Spitze seiner Division, in vielen Armeebefehlen erwähnt und belobt, immer vorwärts, der Vernichtung der Weißen entgegen.

Eines Tages wurden Gefangene eingebracht.

Sie waren betroffen worden, wie sie in einem Dorf Requisitionen vornahmen.

»Plünderer!« sagten die Roten Offiziere.

Es waren ausgehungerte, entkräftete Offiziere, ein alter General mit weißem Bart unter ihnen.

Sein Gesicht war verkrustet von Schmutz und Eis, sein Kopf war in ewig zitternder Bewegung. Er fiel um, als das Kriegsgericht unter Vorsitz Michaels zusammentrat.

Man verhandelte ohne ihn.

Es ging schnell:

»Tod durch Erschießen!«

Sie wurden an einen Grabenrand geführt. Die Roten Soldaten marschierten auf.

Eine Salve ... eine zweite ...

Michael trat gleichgültig hinzu, als die Getroffenen fielen. Der alte General schlug noch mit den Armen um sich.

»Fangschuß!« befiehlt Michael dem Roten Offizier.

Der setzt dem Weißen General die Pistole an den Hinterkopf.

Blut und Hirn spritzen bis zu Michael. Kleben ihm ein Auge zu. Mit dem zweiten Auge sieht Michael ein Medaillon aus dem Uniformkragen des Sterbenden gleiten. Stellt eine Frau dar und ein Kind.

Michael brüllt auf und wischt sich das Auge aus. Kniet neben dem Erschossenen.

Die Frau auf dem Medaillon ist seine Mutter. Das Kind: er.

Der Erschossene war der ehemalige Gouverneur von Archangelsk.

Michaels Vater.

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